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Für die Wochenbettbetreuung zuhause und in der Klinik!
Ein Lehr- und Nachschlagewerk, das den kompletten Betreuungsbogen berücksichtigt: Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und die Entwicklung im ersten Lebensjahr.
Dieses Buch
...beantwortet Ihnen alle wichtigen Fragen rund ums Neugeborene
...unterstützt Sie dabei, physiologische Entwicklungen des Babys von Regelwidrigkeiten abzugrenzen
...stärkt Ihre Kompetenz im Dialog mit den Eltern
...stellt Vorlagen zum Ausdrucken bereit, die Eltern über relevante Themen informieren
...bietet viel Wissen über die Neugeborenenzeit hinaus, bis zum Ende des 1. Lebensjahres des Kindes
Von Hebammen für Hebammen - ein Buch des Deutschen Hebammenverbandes.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 880
Veröffentlichungsjahr: 2021
Christiane Borchard, Constanze Kretschmann, Susanne Lohmann, Brigitte Meissner, Andrea Mora Pinto, Bettina Salis, Karin Schmidt, Liliane Stoffel Zürcher, Margarete Wetzel, Eva Cignacco, Lisa Fehrenbach, Jule Friedrich, Aleyd von Gartzen, Esther Göbel, Linda Kießling, Margarita Klein, Hella R. Köster
3., überarbeitete und erweiterte Auflage
98 Abbildungen
Unter diesem Link finden Sie alle Kopiervorlagen der Elterninformationen zum Download: http://www.thieme.de/neugeborene-hebammenpraxis
1 Das vorgeburtliche Erleben des Kindes
2 Die Geburt aus der Sicht des Kindes
Margarita Klein, Esther Göbel
Bevor ein Kind „das Licht der Welt erblickt‟, hat es schon sein eigenes ereignisreiches Leben begonnen. Früher war es ein verborgenes Leben, heute ist es öffentlich. Das Kind ist sichtbar geworden und das nicht nur für die Eltern. Damit geht die Zeit der großen intrauterinen Geheimnisse dem Ende zu und es möchten wahrscheinlich nur wenige Menschen in die Zeit zurück, in der das Kind im Bauch einer Frau wie in einer „black box“ war.
In unserer Zeit geht es nun um den bewussten Umgang mit dieser Möglichkeit der Erkenntnisgewinnung, Kommunikation und Beurteilung des noch nicht geborenen Kindes. Dies ist oft ein Weg mit weitreichenden Entscheidungen. Alle, die in diese Entscheidungen mit eingebunden sind, tun gut daran, sich bewusst vor den technischen Möglichkeiten zu fragen, was sie wirklich von diesem Kind wissen möchten, was sie mit diesen Erkenntnissen tun werden und welche Auswirkungen daraus für das Kind und die Eltern entstehen. Welche Erkenntnisse sind förderlich für das gemeinsame Leben und welche werden die gemeinsame Schwangerschaftszeit unnötig belasten? Dabei stellt sich u. a. auch die Frage, ob es wirklich dienlich ist, jeden auffälligen „Softmarker“ sofort auszusprechen. Aus einer Mitteilung wird manchmal schnell eine Beurteilung des noch nicht geborenen Kindes.
Die Freude über die Möglichkeit, mittels Ultraschall jederzeit von außen zu Erkenntnissen und Handlungsspielräumen zu kommen, wird durch die kritischen Stimmen zu Nebenwirkungen und Gesundheitsschäden des Ultraschalls getrübt ( ▶ [16]). Es sollte uns immer im Bewusstsein bleiben, dass viele Diagnosen keine Relevanz haben, falsch sein können und dass manchmal auch eine intrauterine Heilung möglich ist.
Merke
Das Leben vor der Geburt und das danach sind ein Kontinuum, das eine ist vom anderen nicht zu trennen.
Um diesem Kontinuum gerecht zu werden, ist es auch erforderlich, unsere Sprache zu überdenken. Die begriffliche Zergliederung des Kindes, z.B. in Embryo, Fötus, Frühchen, Neugeborenes und Säugling, vermittelt kein Bewusstsein für den Zusammenhang aller durchlebten Lebenstage. Der 1. Lebenstag ist nicht der Tag, an dem das Kind die Gebärmutter verlässt, sondern der Tag der Befruchtung, an dem die befruchtete Eizelle beginnt, durch den Eileiter zu rollen und die Zellen zu verdoppeln ( ▶ [17]).
Auch der Begriff „werdende Mutter“ unterstellt einer schwangeren Frau, dass sie noch keine echte Mutter ist. In dem Moment, in dem sie schwanger ist, ist sie jedoch auch schon Mutter des noch nicht geborenen Kindes. Damit wird die Verantwortung, die sie nun übernimmt, auch sprachlich deutlich.
Aus diesem Verständnis heraus macht es Sinn, dass wir uns in diesem Fachbuch über das Neugeborene zunächst mit dem befassen, was ein Kind vor seiner Geburt möglicherweise erlebt.
Die intrauterine Entwicklung eines Menschen ist ein Wunderwerk. Die morphologische Gestaltung ist ein geregelter Vorgang, dessen Abläufe sich gegenseitig bedingen. Die Steuerung erfolgt durch Gene, jedoch wird die Decodierung der Gene vom augenblicklichen Milieu bestimmt. Die Gene sind die Konstante und das Milieu ist die Variable an Entwicklungsmöglichkeiten.
Ein wichtiger Augenblick im Leben eines Menschen ist der Beginn seines Herzschlages um den 22. Tag nach der Befruchtung. Die ersten Anzeichen der Entwicklung des Herzens kann man zwischen dem 16. und 19. Tag des Lebens erkennen. Angiogenetische (gefäßbildende) Zellen wachsen zu einem hufeisenförmigen Muster vor und neben der Neuralplatte.
Das Herz ist von Anfang an ein Organ mit einer gewissen Unabhängigkeit, denn die Bewegungen der Herzmuskelzellen unterstehen nicht der Kontrolle des Gehirns. Das Gehirn entwickelt sich danach. Der Sinusknoten hat stattdessen das Kommando über das Herz. Seine Zellen bauen elektrische Impulse auf, die sich über das ganze Organ entladen und es damit zum Schlagen bringen. Das geschieht auch beim ersten Herzschlag: Zellen, die später den Sinusknoten bilden, erzeugen den ersten Impuls für den Rhythmus, der uns durch unser Leben begleitet. Umgeben vom Herzrhythmus der Mutter beginnt das Kind seinen ganz eigenen Rhythmus des Lebens.
Das menschliche Gehirn als der Sitz von Gefühlen, Erinnerungen und als Quelle von Handeln und Bewegung ist von Anfang an auf unglaublich vielfältige Weise dazu fähig, Informationen zu speichern, miteinander zu verknüpfen und auf kreative Weise zu nutzen. Diese Fähigkeit zur Veränderung der Verknüpfungen behält es das ganze Leben lang bei, wie Forschungen weltweit zeigen ( ▶ [11]).
Grundmuster des Lebens entstehen vor der Geburt und in der frühen Kindheit. Das Wachstum der Nervenzellen wird zum einen genetisch und epigenetisch gesteuert, zum anderen aber in den Verknüpfungsmustern schon von Anfang an durch die Reize bestimmt, die von den sich bildenden Sinnesorganen aufgenommen werden. Diese Reize sind individuell verschieden, sie entsprechen den Sinneserfahrungen, die das Kind in der Gebärmutter macht.
Jeder Mensch kommt deshalb mit einem individuellen Gehirn zur Welt, das genetisch und epigenetisch festgelegte Programme aufweist und daneben Strukturen besitzt, die sich so nur durch die einzigartige Kombination seiner Erbanlagen und seiner bisherigen Sinneserfahrungen bilden konnten.
Merke
Kein Mensch ist ein „leeres unbeschriebenes Blatt“ bei seiner Geburt.
In der 4. Woche beginnt die Entwicklung der inneren Organe, z.B. Darm, Leber, Lunge, Gallenblase, Schilddrüse und Niere. Arme und Beine, die schon Nerven enthalten, wachsen. Die beginnenden Konturen des Gesichtes des Kindes tauchen auf, Augen und Ohren werden sichtbar.
In der 6. Woche sind fast alle Organe gebildet, die man auch beim erwachsenen Menschen kennt, und das Kind beginnt, auf Berührung zu reagieren. Die Nervenzellen beginnen zu wachsen und sie empfangen Reize und leiten sie an das Gehirn weiter. Und wo Nerven sind, kann auch etwas gefühlt werden. Wo etwas gefühlt wird, kann auch eine Erinnerung gespeichert werden.
Das Kind nimmt Umweltreize jetzt in Form von Druckveränderungen und Lageveränderungen wahr. Das Gleichgewichtsorgan im Ohr ist jetzt schon ausgebildet, auch wenn das eigentliche Hören erst später beginnt. Das Kind spürt die Spannungsveränderungen im Körper der Mutter. Ihr Tagesrhythmus, ihre Gewohnheiten, ihre Emotionen drücken sich in einer Veränderung der Spannung aus. Der Atemrhythmus und der Herzrhythmus verändern sich mit ihren Stimmungen und sie sind für das Kind auch in der Stimme zu fühlen.
Merke
Obwohl das Kind sein eigenes Individuum ist, ist es nicht vom Leben der Mutter zu trennen.
Das Kind schwingt mit in der Körpermusik der Mutter. Es schwingt mit im dramatischen Geschehen, ebenso wie im sanften, ruhigen Gang der Dinge. Es schwingt mit auf die Höhen des Glücks, ebenso in die tiefsten Tiefen des Kummers und der Trauer. Es schwingt mit in Verstörung und Unordnung, ebenso wie im sanften Rhythmus. Es lernt gleichsam die Partitur des Lebens in all ihren Nuancen, in allen nur denkbaren Rhythmen von Anfang an kennen und es lernt, indem es Teil davon ist, nicht als Beobachter.
Und gleichzeitig hat es schon seinen ganz eigenen Rhythmus von Schlafen und Wachen, von Trinken und Ausscheiden, von Bewegung und Ruhe und natürlich den Rhythmus seines eigenen kleinen Herzens.
Merke
Alles, was das Kind im Mutterleib wahrnimmt, führt dazu, dass seine sich bildenden Nervenvernetzungen ein ganz eigenes, unverwechselbares Muster entwickeln.
Niemand von uns hat in seiner intrauterinen Zeit genau dieselben Erfahrungen gemacht wie ein anderer Mensch. Zu der Einzigartigkeit unseres genetischen Codes kommt also die Einzigartigkeit unserer frühesten Umwelterfahrungen. Der Rhythmus, die Körpermusik unserer Mutter, ist unverwechselbar und sie formt unser Gehirn.
Mit 4 Monaten beginnt das Kind, eine neue Wahrnehmungsart in der Gebärmutter zu entwickeln: das Hören. Bisher hat es die Reize aus seiner Umgebung als Veränderungen von Druck und Bewegung gespürt. Jetzt bildet sich das Innenohr aus und das Hören auf eine andere Weise beginnt. Die Stimme der Mutter, bisher als Druckveränderungen gefühlt, wird nun über die Hörsinneszellen wahrgenommen. Die Besonderheit dieser Entwicklungsstufe ist, dass jetzt auch Geräusche von außen vom Kind wahrgenommen werden können. Zwar noch indirekt und verzerrt durch das Fruchtwasser, aber dennoch deutlich dringt auf diese Weise die Außenwelt zum Kind.
Der Körper der Mutter übernimmt die Vermittlung. Das, was sie hört, wird dabei vor allem über die Lufträume in den Knochen zum Kind geleitet. Die Wirbelsäule als Klangleiter spielt eine wichtige Rolle und die Beckenknochen, die das Baby ganz umhüllen, geben einen guten Klangkörper ab. Auch die Reaktion der Mutter auf das, was sie hört: die Veränderung von Atem und Herzrhythmus, ihre Bewegungsreaktionen und die hormonellen Veränderungen, werden vom Kind wahrgenommen.
Ein äußeres Ereignis erfährt also zunächst eine Bewertung durch die Mutter, die dem Kind weitervermittelt wird. Zugleich erfolgt – für die Mutter oft spürbar – eine Reaktion des Kindes.
Die Stimme der Mutter schafft ein Muster, das immer mit einem bestimmten Gefühl verbunden sein wird. Das gilt auch dann, wenn die Zeit der Schwangerschaft schwierig war. Manche Störungen des späteren Lebens sind zu lindern oder zu heilen, wenn man dem Kind oder dem Erwachsenen die Stimme der Mutter bzw. bestimmte, besonders für diesen Zweck geeignete Musik so verzerrt vorspielt, wie sie der Betroffene in längst vergangener Zeit im Leib seiner Mutter gehört hat ( ▶ [22]).
Merke
Mit der Kenntnis über die körperliche Entwicklung des Kindes in der vorgeburtlichen Zeit verstehen wir besser, was ein neugeborenes Kind aufgrund seiner Vorerfahrungen in der Gebärmutter vom Leben außerhalb erwartet.
Kenntnisse über die Erfahrungen und Fähigkeiten eines Kindes lassen uns feiner spüren, was es für seine Geburt benötigt. Ein Kind, das in seiner Zeit in der Gebärmutter wahrnehmend begleitet wurde, stärkt sein Vertrauen in alle Richtungen – sein Vertrauen nicht zuletzt auch darauf, dass es gut dafür ausgestattet ist, die Herausforderungen zu meistern, die ihm in der Schwangerschaft, bei der Geburt und danach begegnen werden.
Wir können dem Kind dabei helfen, den Übergang in sein eigenständiges Leben so angenehm und leicht wie möglich werden zu lassen. Wir können die wertvolle Zeit der Schwangerschaft dazu nutzen, die Vertrautheit und Liebe zwischen Mutter und Kind zu unterstützen. Wir haben den Auftrag, uns für ausreichend gute, individuelle Bedingungen für Eltern und Kind einzusetzen.
Auch wenn wir durch intrauterine Messungen und Beobachtungen, durch biologische und medizinische Forschungen mehr und mehr Fakten über das Was und Wann der Entwicklung zur Verfügung haben, werden wir vermutlich nicht über Geräte etwas über die Qualität der Empfindungen, über das Wie, in dem sich gerade strukturierenden, individuellen Gehirn und Herzen erfahren. Es stellt sich die Frage: Wie können wir wissen, was das noch nicht geborene Kind erlebt und wie es dieses empfindet? Was immer wir darüber denken, denken wir mit unserem Gehirn, dem Gehirn eines erwachsenen Menschen ( ▶ [4]). Mit unserem hochkomplexen Gehirn können wir uns in gewissem Maße in die Gedanken und Gefühle eines anderen Menschen hineinversetzen und in Worte fassen, was wir wahrnehmen: Freude und Schmerz, Trauer, Verwirrung, Behaglichkeit. So können Hebammen mit der Mutter gemeinsam versuchen, die möglichen Empfindungen des Kindes zu begreifen. Damit wird das Kind für die Mutter verständlicher und die Beziehung wird konkreter.
Wie blinde Menschen ihre Hände zu ihren Augen gemacht haben, können auch sehende Menschen ihre Hände zur Informationsquelle trainieren und damit die Bewegungen, die Reaktionen des Kindes auf gesprochene Worte und Berührungen spiegelnd interpretieren. Kinder hören und lernen auch durch die mütterliche Bauchdecke hindurch. Sie sind empfänglich für Sprache und Berührung. Bei Erwachsenen befinden sich In 1 cm2 Haut u.a. etwa 600 000 Zellen, 5000 Sinneszellen, 4 m Nervenbahnen. Die Fähigkeit, mit den Händen Befunde zu erheben, die bislang meistens nur durch Ultraschalluntersuchungen erhoben wurden, erlangt in unserer Zeit ihre Bedeutung zurück ( ▶ [9]).
Über unsere fühlenden Hände erreichen wir Hebammen das Kind von außen. Die Mutter erreicht ihr Kind zusätzlich noch über ihre innere Wahrnehmung, die sich deutlicher zeigt, wenn sie ihre Augen schließt und sie sich hinfühlend zum Kind in ihrem Körper begibt. Sie geht mit ihrem Bewusstsein in seinen Raum. So ist es für zwei erwachsene Menschen möglich, ein noch nicht geborenes Kind zu interpretieren, ihre gemeinsamen Empfindungen auszutauschen und diese dem Kind mitzuteilen. Es ist für alle ein beglückendes Gefühl, verstanden zu werden und verstanden zu haben.
Dieses Begleiten geschieht in einer Grundhaltung von Respekt und Liebe zum noch nicht geborenen Menschen. Die Erkenntnisse, die wir daraus gewinnen und weitergeben, werden vor allem dazu beitragen, dass wir Eltern und Kindern mit Vertrauen auf sich selbst und in die Weisheit des Lebens begleiten. Wir können die Eltern stärken, damit sie in Sicherheit und Vertrauen ihre elterliche Intuition entwickeln.
Und wir können vermuten und hoffen, dass wir so auch einen Beitrag zur Entwicklung der Resilienz des Kindes leisten. Der Begriff „Resilienz“ bezeichnet das seelische und körperliche Immunsystem eines Menschen, das sich aus angeborenen Komponenten (genetisch, epigenetisch und intrauterin erworben) und den Lebenserfahrungen nach der Geburt herausbildet. Eine starke seelische und körperliche Widerstandskraft ermöglicht es Menschen, die unausweichlichen Belastungen und Krisen des Lebens zu bewältigen und daran zu wachsen.
Sobald sich ab der 6. Woche ein Zentralnervensystem entwickelt hat, sobald es Rezeptoren und Nervenbahnen gibt, die Wahrnehmungen und Informationen aufnehmen und speichern können, hat das Kind die Möglichkeit, sein Befinden durch Motorik auszudrücken. Wir können sehen, dass Kinder selbstinitiierte Bewegungen machen und damit individuelle Bedürfnisse und Temperamente zeigen. Es ist auch zu sehen, dass sich noch nicht geborene Kinder reaktiv bewegen. Sie sind in der Lage, auf Umwelteinflüsse zu antworten.
Interaktive Bewegungen zeigen die Fähigkeit von sozialen Beziehungen und die Fähigkeit, zu lernen und sich zu erinnern. So gibt es Beobachtungen von Zwillingen, die einander sanft berühren und von Kindern, die der Nadel bei der Amniozentese ausweichen. Viele Eltern berichten von unterschiedlichen motorischen Reaktionen auf plötzlichen Lärm und auf wiederholte, angenehme Musikstücke und viele entwickeln mit ihrem Kind in der Gebärmutter kleine Spiele, bei denen das Kind auf eine bestimmte Berührung, z.B. ein Kuss des Vaters auf die Bauchdecke der Mutter, mit bestimmten Bewegungen antwortet.
Das Kind empfindet u.a. auch durch seine Haut, durch seine Muskeln, durch sein Gleichgewichtssystem. Es nimmt wahr, ob es rhythmisch oder arrhythmisch mit seiner Mutter ist. Wir kennen das, wenn wir schaukeln oder Walzer tanzen, dieses gute globale Körpergefühl im Einklang zu sein. Ob ein Kind sich wohl oder unwohl, im Einklang oder nicht fühlt, ob sein Leben rhythmisch oder arrhythmisch ist, das sind wichtige Erlebnisse eines Kindes, wichtige Bausteine für das spätere Leben.
Von der Eizelle an lebt jedes Kind in seinem ganz konkreten Lebensraum. Immer wenn wir von schwangeren Frauen im Interesse ihres Kindes „gesundes“ Verhalten wünschen, dürfen wir gleichzeitig die Forderung an die Umgebung der Mutter stellen, auch die Mutter gut einzubetten, damit sie ihr Kind gut versorgen kann, von Anfang an.
Informationen über die Erfahrungswelt eines Kindes in der Gebärmutter bekommen wir auch, wenn wir den mütterlichen Hormonspiegel beobachten. Ändert er sich mit der veränderten Gefühlslage der Mutter, bekommt das Kind Informationen auf hormonellem Wege ( ▶ [18]). Es gibt damit eine biochemische Übersetzung aller Gefühle, aller Erlebnisse der Frau.
Merke
Das Kind in der Gebärmutter erlebt die Emotionen der Mutter mit als diffuse, globale, körperliche Gefühle.
Diese bilden die Grundbausteine seines Erlebens. Wir können nicht direkt kausal davon ausgehen, dass das Kind ebenso wie die Mutter zeitgleich Zorn, Angst oder Freude empfindet. Sicher ist nur, dass es Unterschiede erlebt, die als grundlegende Muster gespeichert werden und die später, wenn sein Gehirn differenziert genug ist, entsprechende Namen und Bedeutungen bekommen. Als globales Gefühl unterscheidet das Kind schon recht früh, was sich gut anfühlt und was weniger gut.
Merke
Hat die Mutter dauerhaft eine hohe Ausschüttung von Stresshormonen, so scheint sich das langfristig auch auf die Fähigkeit eines Kindes auszuwirken, mit Stress umzugehen.
Der kanadische Neurobiologe Michael Meaney entdeckte, dass extremer Stress, feindliche Lebensumstände und Traumatisierungen die Regulation in der Zelle beeinträchtigen. Ein Übermaß an kurzen RNA-Molekülen, den wohl wichtigsten Substanzen für die Umsetzung der genetischen Information, bringt in der Folge nicht nur das zelluläre Gleichgewicht durcheinander, sondern führt auch zu Veränderungen der Nervenfunktion und anderen Störungen. Schlechte Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn, in den Organen und Keimzellen. Über die Keimzellen werden diese dann weitervererbt ( ▶ [1], ▶ [19]).
Eine belgische Untersuchung ( ▶ [23]) zeigte, dass Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft besonders ängstlich waren, sich im Mutterleib mehr bewegten und einen schnelleren Herzrhythmus hatten als die Kinder weniger ängstlicher Frauen. Neun Jahre später wurden dieselben Kinder erneut untersucht. Dabei wurde deutlich, dass vor allem die Jungen der ängstlicheren Mütter häufiger Aufmerksamkeitsprobleme zeigten. Was genau ein Kind aus dem macht, was seine Mutter erlebt, kann man allerdings nicht vorhersagen.
Traumatische Erlebnisse werden nicht nur durch ein verändertes Verhalten von Körperspannung, Herzrhythmus, Atemfrequenz, Bewegungen und Stimme weitergegeben, sondern hinterlassen auch Spuren im Erbgut, die psychische Störungen bei den nachfolgenden Generationen begünstigen. Epigenetik heißt der Vorgang, wenn die erworbene Eigenschaft der Eltern beim Kind zu einer angeborenen Eigenschaft wird ( ▶ [24], ▶ [2]).
Kinder von Überlebenden des holländischen Hungerwinters 1944/45 kamen klein und mit einem niedrigen Gewicht zur Welt, erwiesen sich aber als belastbar. Später bekamen sie häufiger Diabetes und Infarkte, weil sie die genetische Prägung mitbekommen hatten, aus wenig Essen viel Nahrhaftes zu mobilisieren. Was im Mangel ein Überlebensvorteil war, wurde in Zeiten des Überflusses zur Bedrohung ( ▶ [21]).
Merke
Spuren von Traumata sind über Generationen nachweisbar, aber auch löschbar.
Die Untersuchungen von Isabelle Mansuy, ETH Zürich, zeigen auch, dass die Spuren des Traumas im Erbgut aber auch wieder getilgt werden können. Eine positive und anregende Umgebung führte bei jungen Mäusen mit epigenetischen Traumaspuren dazu, dass die Modifikationen und mit ihnen die stressbedingten Verhaltensänderungen bei den erwachsenen Tieren verschwanden. Auch diese neuerliche Veränderung wurde an den Nachwuchs dieser Generation weitergegeben.
Das Team von Professor Mansuy untersucht derzeit Gruppen von Kindern und Erwachsenen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, auf epigenetische Veränderungen und vergleicht die Ergebnisse mit jenen von Kontrollgruppen, die normal aufgewachsen sind. Wie die Wissenschaftlerin erklärte, scheinen die Resultate die bisherigen Erkenntnisse zu stützen. Positive Erfahrungen können Veränderungen im Erbgut rückgängig machen ( ▶ [8]).
Das Leben in der Gebärmutter ist wie jedes Leben auf dieser Erde begleitet von paradiesischen Zeiten und Zeiten mit Turbulenzen. Es gibt die Vielfalt der Gefühle. Das Kind erfährt auf diese Weise etwas ganz Elementares über das Leben.
Das menschliche Gehirn war für menschliche Gehirne schon immer ein interessantes Thema. Gerald Hüther ( ▶ [11]) weist auf Folgendes hin: Die Nervenzellen können ihre Verschaltungen miteinander ständig neu organisieren. Das bedeutet: Entwicklung, Lernen und die Veränderung von Sichtweisen ist lebenslang möglich. Diese, beim noch nicht geborenen Kind beginnenden und sich fortlaufend verändernden Verschaltungen und Vernetzungen der Gehirnzellen miteinander, kommen durch Erfahrungen zustande.
Erfahrungen sind Stimulationen unserer Sinnesorgane. Erfahrungen werden im Gehirn verankert, sie bestimmen die Erwartungen, sie lenken die Aufmerksamkeit in bestimmte Richtungen, sie legen fest, wie ein Mensch bewertet, was er erlebt und wie er darauf reagiert. Erfahrungen leiten uns bei all unseren Entscheidungen.
Die im Laufe eines Lebens intra- und extrauterin gemachten Erfahrungen werden im Gehirn strukturell gespeichert. Aus der Art der Erfahrung heraus ergibt sich, wozu und wie wir unser Gehirn benutzen. Frühe Erfahrungen werden im Gehirn verankert und bestimmen spätere Grundhaltungen und Überzeugungen. Da aber ständig neue Erfahrungen gemacht werden können und neue Verschaltungen und Vernetzungen möglich sind, ist dies nicht zu verstehen im Sinne von „zu spät“ oder „so ist das nun“. Spätere Erfahrungen können frühere ergänzen und erweitern, lebenslang.
Es scheint so zu sein, als ob die Sinneswahrnehmungen, die wir machen, dann besonders intensiv aufgenommen werden, wenn sie mit starken Gefühlen verknüpft sind. Das heißt:
Merke
Ob die Belastungen, denen die Mutter in ihrem Leben ausgesetzt ist, für das Baby mehr oder weniger störend wirken, hängt auch davon ab, wie die Mutter sie für sich selbst und für ihr Kind bewertet.
Zu früh geborene Kinder geben uns mit ihren schon überraschend großen Möglichkeiten ebenfalls Auskunft über das Leben vor der Geburt – wenn wir sie nur genau genug beobachten. Marina Marcovich hat uns gezeigt, dass viele Gefühle mit einem überraschend weiten Spektrum Ausdruck in der Mimik und der Motorik eines Frühgeborenen finden. Es wird deutlich, dass sich auch schon ein 700 Gramm schweres Kind wohl fühlt, dass es neugierig ist, dass es Hunger empfindet, dass es gestresst oder zufrieden wirkt ( ▶ [13]).
Merke
Die zu früh geborenen Kinder zeigen uns eine ganze Palette von Gefühlen, und wir können davon ausgehen, dass auch die Kinder, die noch im Schutz des mütterlichen Körpers leben, zu einer ähnlichen Vielfalt von Gefühlen fähig sind.
Heute ist es uns selbstverständlich, dass ein neugeborenes Kind Empfindungen hat ( ▶ 5.16). Vor einigen Jahrzehnten noch sah man das anders: Bis in die 1970-er Jahre wurden Neugeborene ohne Narkose operiert, weil ihnen die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, abgesprochen wurde. Erst die Veröffentlichungen von Frédérick Leboyer ( ▶ [15]) sensibilisierten Hebammen und Ärzte für die Empfindsamkeit von neugeborenen Kindern.
Was braucht ein Kind während seiner Zeit in der Gebärmutter, damit es mit dem Leben, wie immer es ihm begegnen wird, auf gute Weise umgehen kann?
Ein Kind braucht eine gut ernährte Mutter, damit seine eigene körperliche Entwicklung gesichert ist, es braucht die Möglichkeit, sich ohne Einwirkung toxischer Stoffe zu entwickeln.
Ein Kind braucht ein gutes Maß an Ruhe und Bewegung, an Geräuschen und Impulsen, an Raum und Zeit, um sich zu entwickeln (s. Fallbeispiel).
Ein Kind in der Gebärmutter braucht eine Mutter, die ihm erlaubt, einfach da zu sein. Es benötigt ein gewisses Maß an Ungestörtheit. Die oft abwehrenden Reaktionen des Kindes auf Untersuchungen lassen dies vermuten.
Ein Baby braucht Vertrauen und Zutrauen in seine Fähigkeiten. Es wünscht sich Beziehung und Kommunikation auch zu seinem Vater, sowie vor und nach der Geburt Aufrichtigkeit.
Ein Kind braucht eine Mutter, die Zutrauen zu ihrer eigenen Beobachtung und ihren Fähigkeiten gewinnt. Die elterliche Kompetenz ist genetisch angelegt. Sie entwickelt sich stärker, wenn sie von Anfang an wachsen kann.
Fallbeispiel
Ein Kind verbringt sein intrauterines Leben in einer lauten, lebhaften Großfamilie in Brasilien. Es wird von einer deutschen Frau adoptiert. In den ersten Tagen in der ruhigen Wohnung in Deutschland ist das Kind extrem unruhig.
Erst als die Adoptivmutter das Radio anstellt und so für eine beständige Geräuschkulisse sorgt, kann sich das Kind mit seiner neuen Umgebung anfreunden. Für die neue Mutter war der Lärm schwer zu ertragen, für ihr Adoptivkind war es genau das, was es von der Welt erwartet hat.
Alle Fachleute, die mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt zu tun haben, sind auch immer Menschen, die selbst ein intrauterines Leben erfahren haben und die geboren wurden. Sie haben tief in ihrer Erinnerung Grundüberzeugungen gespeichert darüber, wie das Leben für sie gemeint ist. Der Kontakt mit schwangeren Frauen und kleinen Kindern rührt immer auch an die eigenen Erfahrungen. Es entsteht Resonanz.
Bei allen sachlichen Erkenntnissen, die heute zur Verfügung stehen, ist es sehr unterstützend, sich selbst die Frage zu stellen: Was hat meine professionelle Ansicht mit meiner eigenen Lebenserfahrung zu tun?
Damit Fachleute weder blauäugig noch unreflektiert angstgeleitet handeln, sondern ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge entwickeln, ist es hilfreich, dass sie sich selbst öffnen für ihren eigenen Erfahrungsschatz. Sich mit den Belastungen in der eigenen Biografie zu beschäftigen ist nützlich, um besser mitfühlen zu können, ohne die Ebenen zu verwechseln. Ist das, was ich fühle, meine eigene Geschichte oder ist es Resonanz, die ich in mir wahrnehme?
Sich auch die stärkenden Erfahrungen der eigenen Kindheit bewusst zu machen, stärkt die Zuversicht, dass trotz mancherlei Belastungen das Leben gut werden kann. Dieser Aspekt hilft der Hebamme, bei den von ihr betreuten Familien Stärken, Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entdecken und sie ressourcenorientiert zu begleiten.
Merke
Menschen wachsen auf der Basis ihrer Stärken, Fähigkeiten und Möglichkeiten.
Um den Prozessen in der Schwangerschaft und bei der Geburt gerecht zu werden, ist es hilfreich, anzuerkennen, dass es Angst und Schmerz sowohl bei dem Kind als auch bei den Eltern gibt. Wir versuchen heute, Schmerz, Verwirrendes und Unplanbares möglichst weitgehend zu eliminieren. Dennoch ziehen dramatische Ereignisse unsere Aufmerksamkeit an. Die meisten Menschen können eher drei ihrer Schwächen benennen als drei ihrer Stärken.
Wir wissen, welche immensen Kräfte Menschen entwickeln können, um schwierige Situationen zu bewältigen. Daraus können wir lernen, uns weniger von der Schwere der Beeinträchtigungen beeindrucken zu lassen, sondern mehr von den Kräften, die zu ihrer Bewältigung aktiviert werden.
Fachleute – seien es Forscherinnen, Ärztinnen und Ärzte oder Hebammen – gewinnen Erkenntnisse aufgrund ihres eigenen Interesses. Dieses Interesse an bestimmten Themen und an der Art, unter welchem Blickwinkel sie betrachtet werden, ist verknüpft mit ihrer eigenen Erfahrung. Da die Erfahrungen gerade der eigenen vorgeburtlichen und frühkindlichen Zeit dem bewussten Denken oft nur schwer zugänglich sind, ist beständige Reflexion der eigenen Motive unerlässlich. Alles, was wir denken und fühlen, denken und fühlen wir mit unserem Körper auf der Basis unserer Erfahrung.
Persönlich:
Es ist hilfreich, die eigene Biografie zu erforschen, um die eigenen Gefühle kennen zu lernen, damit ängstliche Anteile nicht unreflektiert wirken können. Wer seine eigenen Anteile kennt, kann sie deutlicher von den Gefühlen der schwangeren Frau, der Eltern unterscheiden.
Es ist hilfreich, mit offenen Sinnen den Eltern in ihrer Individualität, ihrer eigenen Geschichte zu begegnen, mit Interesse danach zu fragen, was sie empfinden und wie sie es bewerten.
Für die Schwangerenvorsorge und die Geburtsvorbereitung:
Die wachsende Wahrnehmung der Mutter für den eigenen Körper und für das Kind ist eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung einer guten Mutter-Kind-Beziehung.
Die Faktoren, die die Mutter selbst beeinflussen kann, dürfen liebevoll angesprochen und Hilfen zur Veränderung angeboten werden. Wir Hebammen können ihr die Unterstützung wie einen Mantel hinhalten, damit sie ihn anziehen kann. Es kann ein langsamer Prozess der Sensibilisierung für den eigenen Körper sein, bis eine Frau herausfindet, was ihr langfristig Kraft gibt.
Wir Hebammen können sie dazu anregen, nach und nach ein unterstützendes Netzwerk aufzubauen, das auch in der Zeit nach der Geburt tragfähig ist. Wir selbst sind in den ersten Monaten ein Teil davon.
So gesehen bekommen die Konstanz und Verlässlichkeit der Beziehung zwischen der Frau, dem Elternpaar und der Hebamme eine neue Bedeutung.
Worte, die Hebammen sprechen, haben oft große Macht und Einfluss darauf, wie Mütter – und damit auch die Kinder – Ereignisse in der Schwangerschaft und bei der Geburt und das Verhalten der Beteiligten bewerten.
„Worte waren ursprünglich Zauber“ und sie sind es auch heute noch.
Information für Eltern
Was erlebt Ihr Kind im Mutterleib?
Liebe Eltern,
für Ihr Baby sind Sie das Universum, seine Welt. Alles, was es fühlt und erlebt, steht im Zusammenhang mit Ihnen oder mit seinem eigenen Körper. Kein anderes Kind hat diese einzigartige Kombination der Erbanlagen und kein anderes Kind wächst in derselben Umgebung heran wie dieses eine.
Liebe Mutter,
Ihr Kind isst, was Sie essen, es hört – wenn auch gefiltert –, was Sie hören. Es lebt mitten in Ihren Gefühlen, auch wenn es noch lange dauern wird, bis es Worte dafür sprechen kann, hört es Ihre Worte. Es erlebt die Vielfalt menschlichen Lebens, Anstrengung und Belastung ebenso wie Liebe und Freude, zumindest als diffuse Gefühle von Behagen oder Unbehagen. Es lernt den Tanz des Lebens mit der Musik Ihres Körpers. Ihre Stimme ist die Melodie, Ihre Bewegungen, Ihr Herzschlag und Ihr Atem sind der Rhythmus dazu.
Alles, was Ihnen jetzt gut tut, ist auch für Ihr Baby gut: Bewegung, Entspannung, gesunde Ernährung und das Gefühl, gut in ein soziales Netz eingebettet zu sein. Stress, Ärger, Angst, Sorgen oder Traurigkeit lassen sich nicht vermeiden. Es tut ihnen beiden gut, darüber regelmäßige Zwiegespräche mit Ihrem Kind zu führen. Es mag es, wenn Sie singen oder lachen, wenn Sie ihm die Welt erklären oder wenn sie gemeinsam ein Musikstück hören, das Ihnen beiden Momente der Geborgenheit vermittelt. Dies hilft auch, schwierige Situationen zu bewältigen. Wenn Ihnen das in besonders schwierigen Zeiten nicht gelingen will, dann können Sie Ihrem Kind kurz mitteilen, dass Sie jetzt gerade etwas Unangenehmes, Schmerzhaftes, Schlimmes erleben, dass das Kind aber davon unberührt bleiben darf und dass es im Schutz Ihres Körpers weiterwachsen darf.
Lieber Vater,
Sie sind ein wesentlicher Teil der schützenden Umwelt für Mutter und Kind. Mit Ihrer Stimme und mit Körperkontakt vermitteln Sie diesen beiden Menschen Nähe und Sicherheit. Ebenso wie das Baby im Bauch in Beziehung zu Ihrer Frau geht, wird es in Beziehung zu Ihnen gehen. Es empfindet Wohlbehagen durch Ihre Berührung, liebt es, gehalten und gestreichelt zu werden. Sie sind Vater von Anfang an.
Und dennoch: Während der Schwangerschaft und der Geburt können Sie noch keine unmittelbare Berührung mit dem Kind erleben, denn das Baby ist unauflöslich mit dem Körper der Mutter verbunden. Das macht es manchmal schwer, die Verbindung zu fühlen. Bleiben Sie trotzdem im Kontakt!
© DHV, Das Neugeborene in der Hebammenpraxis, Georg Thieme Verlag 2021
[1] Bartens W. Traumatische Erlebnisse prägen das Erbgut. 14.04.2014. Im Internet: www.sueddeutsche.de
[2] Bartens W. Emotionale Gewalt: Was uns wirklich weh tut: Kränkung, Demütigung, Liebesentzug und wie wir uns dagegen schützen. Berlin: Rowohlt Verlag; 2018
[3] Chamberlain D. Neue Forschungsergebnisse aus der Beobachtung vorgeburtlichen Verhaltens. In: Janus L, Haibach S. (Hrsg.) Seelisches Erleben vor und während der Geburt. Neu-Isenburg: LinguaMed Verlag: 1997
[4] Damasio AR. Ich fühle, also bin ich. 2. Auflage. München: Econ Ullstein List-Verlag; 2002
[5] Decker-Voigt HH. Mit Musik ins Leben. Kreuzlingen, München; 1999
[6] Dolto F. Alles ist Sprache. Weinheim, Berlin: Quadriga Verlag; 1989
[7] Eliacheff C. Das Kind, das eine Katze sein wollte. München: dtv Verlag; 1999
[8] FENS Forum für Neurowissenschaften. Kongress für Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Neurowissenschaften in Europa. Berlin; 2018
[9] Hähnlein KA. Manualdiagnostik Assessment Fruchtwasser: Untersuchungstechniken, Arbeitshilfen, Fehlerantizipieren. Hamburg: tredition; 2019
[10] Höfele H, Klein M. Sanfte Klänge für Eltern und Babys. Münster: Ökotopia Verlag; 1999
[11] Hüther G. Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht; 2001
[12] Huizink. Vortrag auf dem Kongress für pränatale Psychologie. Nijmwegen; 2002
[13] Klein J, Klein M. (Hrsg.) Bindung, Selbstregulation und ADS, Eltern und Kinder mit Zutrauen begleiten. Dortmund: Verlag modernes lernen; 2003
[14] Krüll M. Die Geburt ist nicht der Anfang. Stuttgart: Klett-Cotta; 2009
[15] Leboyer F. Geburt ohne Gewalt. München: Kösel; 1986
[16] Linderkamp O. Wissenschaftliche Expertise – Ultraschall, Stellungnahme zur Sicherheit der pränatalen US-Diagnostik für das Kind. 2017. Im Internet: www.greenbirth.de
[17] Nilsson L. Das Wunder des Lebens, Faszination Liebe. DVD; Erstausstrahlung 1982
[18] Odent M. Die Wurzeln der Liebe. Düsseldorf: Walter; 2001
[19] Rass E. Bindung und Sicherheit im Lebenslauf: Psychodynamische Entwicklungspsychologie. Stuttgart: Klett-Cotta; 2011
[20] Schiffer E. Wie Gesundheit entsteht, Salutonenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung. Weinheim und Basel; 2001
[21] Spork P. Der zweite Code: Epigenetik – oder wie wir unser Erbgut steuern können. Reinbek: Rowohlt Verlag; 2009
[22] Tomatis A. Klangwelt Mutterleib. München; 1994
[23] van den Berg. Vortrag, Kongress für pränatale Psychologie. Nijmwegen; 2002
[24] Volkmann A. FENS Forum für Neurowissenschaften, Kongress für Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Neurowissenschaften in Europa. Berlin; 2018
Esther Göbel, Brigitte Meissner, Margarita Klein
Esther Göbel
Merke
Es ist eine große Errungenschaft unserer Zeit, dass wir überhaupt auf die Idee kommen, die Geburt aus der Sicht des Kindes zu betrachten.
Früher wurde über die Geburt nicht gesprochen. Die Empfindungen und die Leistung der Gebärenden wurden erst allmählich gewürdigt. Später interessierte man sich auch für die Gefühle des Mannes, der bei der Geburt immer häufiger anwesend war. Auch hier wurde deutlich, dass es viele Aspekte gibt, die dem Vater bei der Geburt seines Kindes bewusstwerden und ihm lange Zeit sehr präsent sein können.
Mit dem Aufkommen der neuen Disziplin der Prä- und Perinatalen Psychologie rückte dann auch das Kind immer mehr in den Blickpunkt ( ▶ [32]), z.B. die Frage: Wie bewusst erlebt ein Kind seine Geburt? Ist die Geburt ausschlaggebend für das Leben eines Menschen? Wie findet ein Mensch Zugang zu seiner Geburt? Sind die Geburtserlebnisse im Nachhinein veränderbar? u.v.m.
Mittlerweile hat es sich auch in der geburtshilflichen Fachliteratur durchgesetzt, dass das Kind kein „Geburtsobjekt“ ( ▶ [25]) und auch keine „Fruchtwalze“ ( ▶ [58]) ist, sondern eine aktive Persönlichkeit, die es vermag, ihre eigene Geburt mitzugestalten.
Merke
Es ist uns bewusstgeworden, dass auch das noch nicht geborene Kind fühlt und wie jeder Mensch eine persönliche Toleranzschwelle und eigene Ressourcen besitzt.
Diese Erkenntnisse bestimmen zum Glück immer mehr unseren Umgang mit den Kindern vor, während und nach der Geburt.
Es sind Fragen wie diese, die uns Hebammen im Alltag beschäftigen: Warum schreien manche Babys oft panisch los, wenn jemand versucht, ihnen etwas eng Anliegendes über den Kopf zu ziehen? Warum möchte ein bestimmtes Kind einfach keine Mütze haben, schon gar nicht am Hals zugebunden? Oder warum werden andere Neugeborene oft zu ganz bestimmten Zeiten munter und reagieren mit einem Weinen, das sich nicht mit Stillen trösten lässt?
Hebammen und Gynäkologen suchen nach Zusammenhängen zwischen der Schwangerschaft und dem Verlauf der Geburt ( ▶ [35]). Kinderärzte und Hebammen bringen im Wochenbett das Verhalten und die Entwicklung des Kindes in Beziehung mit der Schwangerschaft und der Geburt ( ▶ [39]). Physiotherapeuten und Osteopathen stellen sich die Frage, ob es dem Kind möglich war, bei seiner Geburt alle nötigen Reflexe in ihrer aufeinander aufbauenden Reihenfolge zu erleben ( ▶ [46]). Und selbst Erzieher und Lehrer diskutieren mögliche Zusammenhänge zwischen Schwangerschaft und Geburt und dem sozialen Verhalten eines Kindes ( ▶ [40]).
Die Natur hat Geburt vorgesehen, vielleicht als eine Art „Abenteuerreise“. Dabei ist jeder zum „Helden/zur Heldin“ oder „Gewinner/Gewinnerin“ geworden, denn jeder hat sich getraut, aus dem vertrauten und geschützten intrauterinen Raum in das unbekannte extrauterine Leben zu gehen.
Die Natur will Erfolg, deshalb hat sie vielen Schwangerschaften die Möglichkeit gegeben, nicht als Einling zu starten. Viele Schwangerschaften starten in den ersten Tagen als Mehrlingsanlage. – Können diese frühen Erlebnisse nicht auch Auswirkungen auf das Leben desjenigen Menschen haben, der später den Raum im Uterus für sich alleine in Anspruch nimmt?
Die Natur liebt Erfolg, deshalb hat sie vorgesehen, dass es mindestens 15 Reflexe gibt, die jedes Kind befähigen, sich alleine aus der Gebärmutter zu bewegen, vorausgesetzt, es ist so bei Bewusstsein, dass dies ihm möglich ist ( ▶ [33]).
Die Natur hat Erfolg mit ihrem grandiosen „Hormoncocktail“, welcher sowohl das Kind als auch die Mutter die gemeinsame Geburtsarbeit als freudiges Ereignis empfinden lassen kann. Sie befähigt Mutter und Kind und Kinder zu diesem Tun. Beide sind mit einem bestens darauf vorbereiteten Körper ausgestattet. Auf der Erde werden rein statistisch jede Minute 153 Menschen geboren.
Margarita Klein
Wenn ein Kind „reif“ ist und alle sensomotorischen und organischen Fähigkeiten ausreichend entwickelt hat, ist der günstigste Zeitpunkt, die Gebärmutter zu verlassen und das Licht der Welt zu erblicken. Zu diesem Zeitpunkt produziert es selbst Hormone, die wiederum die Hormonausschüttung der Mutter stimulieren: die Wehen beginnen.
Das Kind macht intensivste körperliche und seelische Erfahrungen bei der Geburt. Frédérick Leboyer ( ▶ [44]) war Mitte der 1970er Jahre einer der ersten, der die Erlebniswelt des Kindes während der Geburt nachvollzogen hat. Er beschreibt, wie die Kontraktionen der Gebärmutter zunächst wie Umarmungen empfunden werden, wie diese Umarmungen immer wilder werden, wie die Geburt letztlich ein heftiger Tanz, ein Kampf fast wird. Leboyer beschreibt allerdings das Zur-Welt-Kommen als Qual und hat damit unser Denken nachhaltig beeinflusst. Wenn wir genau beobachten, können wir jedoch erkennen, dass das Kind nicht passiv in die Welt geworfen wird, seine Geburt nicht erleidet, sondern die Rolle eines aktiven Partners spielt.
Wenn sich die Gebärmutter fest um das Kind zusammenzieht, rollt es sich ein, so gut es kann, es konzentriert sich auf seine Mitte hin. Mit dem Nachlassen der Wehe streckt es sich wieder, es nimmt allen Platz ein, den es bekommen kann. Damit wiederum stimuliert es die Gebärmutterwand: Eine neue Wehe kommt.
Merke
In der Wehe wie auch in der Wehenpause befindet sich das Kind in einem intensiven Dialog mit der Mutter. Die beiden gestalten und bestimmen den Rhythmus und das Tempo der Geburt gemeinsam.
Auf aktive Weise sucht das Kind mit seinem Köpfchen den Weg nach draußen. Es dreht und wendet sich, bis es optimal in den quer-ovalen Beckeneingang passt. Und mit jeder Wehe schiebt und dreht es sich tiefer in das Becken hinein. Die Energie und die motorische Geschicklichkeit des Kindes, die Kraft der Gebärmutter und die Fähigkeit der Mutter, diese Kraft wirken zu lassen, und vor allem das fein abgestimmte rhythmische Zusammenspiel zwischen Mutter und Kind bestimmen den Geburtsverlauf.
Diese Bewegung des Zusammenziehens und Vorwärtsdrängens im Kontakt mit einer festen Begrenzung können wir noch einige Zeit nach der Geburt beobachten, wenn das Kind auf dem Bauch liegt und wir unsere Hand unter die Ferse des Kindes stützen.
Woher weiß das Baby seinen Weg? Zum einen sind es seine angeborenen Reflexe, zum anderen seine bis dahin erworbene Kraft, sein Wille, einen Ausweg zu finden. Möglicherweise hilft es ihm auch, wenn die Mutter ihm klare Botschaften gibt: einen festen Widerstand am Uterusfundus und den weicheren Muttermund.
Der intensive Druck der Gebärmutterwände und später die enge Passage durch den Geburtskanal stellen einen ungeheuer starken Druck auf den Körper des Kindes dar. Dabei werden die Druckrezeptoren in der Haut stimuliert und gleichzeitig auch die Rezeptoren in der Tiefe des Körpers am Übergang zwischen Knochen und Muskeln, die dem Menschen Informationen über sich selbst geben (Propriozeption).
Merke
In den Stunden seiner Geburt bekommt das Baby also mit jeder Wehe eine deutliche Information darüber, dass es da ist, dass es lebt und dass es fühlt.
Aus der Neurobiologie ist bekannt, dass entweder langanhaltende und immer wiederkehrende Reize oder sehr intensive Sinnesreize sich dem Gehirn besonders einprägen. Also können wir davon ausgehen, dass alles, was das Kind mit seinem ganzen Körper während der Geburt spürt, sich ihm stark im wahrsten Sinn des Wortes einprägt, ihm eine tiefe Information über sich und über das Leben gibt. Ein Kind, das auf diese Weise zur Welt kommt, erfährt die Teile und Formen seines Körpers. Ich fühle, also bin ich: hier fühlt sich das Baby in höchster Intensität. Und es spürt nicht nur sich, sondern – wie bisher auch – den Kontakt zu seiner Mutter.
Zum Abschluss der Schwangerschaft und gleichsam als Höhepunkt spüren die beiden einander in größter Nähe. Sie stimmen ihre Bewegungen aufeinander ab, das ist wie in einem wilden Tanz, der im günstigen Fall zu einer gemeinsamen, harmonischen Bewegung wird. Dieser Kontakt, die Erfahrung der Tiefensensibilität und die starke Hautstimulation gemeinsam führen dazu, dass das Kind nach der Geburt hellwach ist.
Merke
Diese Erfahrung bereitet das Kind darauf vor, seiner Mutter, seinen Eltern, der Welt mit weit offenen Augen und aufnahmefähig, kontaktbereit zu begegnen.
Nach dem starken Druck, den das Kind bei der Passage durch den Geburtskanal erfahren hat, erwartet es nun nicht etwa die federleichte Freiheit, sondern ganz im Gegenteil! Mit bis dahin nicht gekannter Wucht drückt die Schwerkraft das Kind auf seine Unterlage. Bisher ist es recht schwerelos im Fruchtwasser getragen worden, jetzt plötzlich ist es dem Luftdruck und der Erdanziehung ausgeliefert. Auch für diese Erfahrung war der starke Druck der Wehen eine gute Vorbereitung.
Die Umgebung eines Babys im Mutterleib ist feucht und weich, gelegentlich mit festem Druck verbunden. Auf die Berührung mit trockenen Stoffen, mit Kleidung, ist das Neugeborene gar nicht vorbereitet. Das sollten wir bei der Frage bedenken, wie lange ein Baby nackt auf dem Bauch seiner Mutter liegen darf oder wann wir es zum ersten Mal in seinem Leben mit Kleidung in Berührung bringen wollen.
Neben der Haut ist das Ohr das Sinnesorgan, das intrauterin am feinsten ausgebildet ist. Das Kind hört bei seiner Geburt bereits recht gut. Allerdings ist die Klangkulisse in der Gebärmutter eine deutlich andere als danach. In der Gebärmutter waren alle Außenklänge durch die Bauchdecke, die Gebärmutterwand und durch das Fruchtwasser abgeschirmt. Die Stimme der Mutter drang vorwiegend in Form der hohen Töne zum Baby durch. Die tiefen Geräusche ihrer inneren Organe und ihrer Atmung hat es vermutlich mehr als Druckveränderungen wahrgenommen. Bei vielen Geburten ist beeindruckend, wie ähnlich der erste Schrei des Neugeborenen dem letzten Wehenschrei der Mutter ist: die Stimme des Babys nimmt die ihm bekannte Stimme der Mutter auf.
Im Mutterleib und während der Geburt und über die ersten 10 bis 14 Tage außerhalb des Mutterleibs ist das Mittelohr zunächst mit Fruchtwasser angefüllt. Das Wasser bedeutet während der Geburt einen Schutz vor dem enormen Druck. Und danach hilft es, den Übergang zwischen der vorgeburtlichen und der nachgeburtlichen Zeit für das Baby erträglich zu gestalten. Das heißt, das Baby hört zunächst noch gedämpft, wie unter Wasser. Zugleich klingt die Stimme seiner Mutter ihm also noch recht ähnlich wie es sie aus seinem intrauterinen Leben kennt. Das erklärt, warum ein Baby auf die Stimme seiner Mutter wiedererkennend reagiert. Und es erklärt auch, warum ein Baby etwa zwei Wochen nach seiner Geburt oft für einige Tage etwas unruhig ist: Dann verschwindet das Wasser aus den Gehörgängen und die Töne treffen klarer, und damit auch schriller, an sein Ohr.
Da das Baby nach der Geburt besonders wach und aufnahmebereit ist, sollten wir vorsichtig damit sein, was wir bei seiner Geburt zu seiner Begrüßung sagen.
Der Geschmackssinn eines neugeborenen Kindes ist schon recht gut ausgeprägt. Auch er wurde in der Gebärmutter gut trainiert: Das Kind hat Fruchtwasser getrunken und wir können vermuten, dass das Fruchtwasser aufgrund des unterschiedlichen Nahrungsangebots der Mutter in Nuancen unterschiedlich geschmeckt hat. Vermutlich gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem Geschmack bzw. Geruch des Fruchtwassers und dem individuellen Geschmack bzw. Geruch der mütterlichen Brust und der Muttermilch.
Auch der Geruchssinn scheint schon gut ausgeprägt zu sein, weiß man doch, dass ein neugeborenes Baby sich der Seite zuwendet, auf der ein von der Mutter getragenes Brusttuch liegt und sich von der Seite abwendet, auf der ein von einer anderen Frau getragenes Tuch liegt (Kap. ▶ 10.3).
Geführt von seinem Geruchssinn macht sich das Neugeborene auf den Weg zur Brustwarze und mit ein wenig Hilfe findet es sie auch. Das dann einsetzende Saugen und Schlucken und gleichzeitige Atmen sind eine hochkomplexe Handlung. Wir können davon ausgehen, dass der Mund- und Rachenbereich sehr empfindsam und sehr koordiniert ist. In diesem Zusammenhang sollten alle invasiven Maßnahmen, z. B. das Absaugen des Babys, auf ein Minimum begrenzt werden, denn gerade in diesem Bereich ist das Baby besonders sensibel.
Kaum ist das Kind auf der Welt, so erlebt es eine Vielzahl völlig neuartiger Gefühle. Eines davon ist der Hunger! Leboyer ( ▶ [45]) hat sehr einfühlsam beschrieben, wie es wohl sein mag, wenn der Hunger im Kind erwacht. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass der Hunger dem Baby wie ein Ungeheuer erscheint, welches aus der Tiefe seines Körpers auftaucht. Vielleicht kann es aber auch gar nicht recht entscheiden, ob dieses Gefühl von außen oder von innen kommt. Auf jeden Fall ist dieses Gefühl neu, es ist intensiv, es scheint sein Leben zu bedrohen. Tatsächlich ist es ja so, dass das Kind von nun an sich selbst ernähren muss!
Merke
Da das Hungergefühl so unerwartet ist und das Kind dafür bislang noch keinerlei Bewältigungsstrategien entwickelt hat, erklärt es sich, warum ein Baby so bitterlich schreit, wenn es Hunger hat.
Das Kind hat noch kein Vertrauen darauf entwickelt, dass dieser Hunger auch gestillt wird, und ihm stehen im Moment auch keinerlei Möglichkeiten zur Verfügung, dieses „Ungeheuer“ zu beruhigen. Sein jämmerliches Geschrei deutet also einerseits auf das Gefühl existenzieller Bedrohung hin, ist auf der anderen Seite aber auch ein unmissverständliches Signal an die Umwelt, das zum sofortigen Handeln auffordert.
Gelangt das Kind an die Brust, kann es die gewohnten Bewegungen des Saugens und Schluckens machen, die es schon in der Gebärmutter beruhigt haben. Riecht und schmeckt es seine Mutter, so hat es eine wichtige Erfahrung gemacht: Vieles ist neu hier draußen, und manche vertraute Empfindung begegnet mir wieder.
Merke
Wird sein Hunger und sein Bedürfnis nach Wärme, Nähe, Ruhe und Bewegung in den nächsten Wochen oft genug prompt und unmittelbar gestillt, macht das Kind die beruhigende Erfahrung, dass die Welt verlässlich ist und dass es selbst in der Lage ist, mit seinem Rufen die gewünschte Reaktion hervorzurufen.
In seinem intrauterinen Leben hat das Baby noch relativ wenig Gelegenheit und Notwendigkeit gehabt, seine visuellen Fähigkeiten auszubilden. Es gab lediglich Unterscheidungen zwischen Hell und Dunkel. Die Lichtveränderungen, die es bisher erlebt hat, scheinen aber auszureichen, dass es schon kurze Zeit nach der Geburt recht gut sehen kann.
Viele Kinder zeigen schnell nach der Geburt ein visuelles Interesse an der Welt um sie herum. Wenn ein Kind von der Geburt nicht allzu strapaziert ist und nicht durch Schmerzmittelgaben, die die Mutter bekommen hat, beeinträchtigt ist, dann hat es die Augen weit geöffnet und scheint die Welt geradezu in sich hineinzusaugen: Der erste „Augenblick“ ist von magischer Intensität für Mutter und Kind. Anders als die Ohren und die taktil-kinästhetische Wahrnehmung dienen die Augen der Aufnahme von Reizen ebenso wie der Aussage nach außen: Wenn Babys ihre Eltern nach der Geburt anschauen, erfahren diese eine wichtige Botschaft: ich sehe euch, ich bin bereit, euer Kind zu sein.
Nachdem das Baby im Uterus in intensivster Kommunikation mit seiner Mutter gestanden hat, tritt es nun über das Aus- und Einatmen unmittelbar nach seiner Geburt in den Austausch mit seiner Umwelt ein. Die Intensität der Wehen hat es schon darauf vorbereitet, dass diese Umwelt ein wenig rauer ist als das Leben in der Gebärmutter.
Die Geburtsbewegung war eine aktive Bewegung aus der Mitte heraus. Die nun einsetzende Atembewegung hat einen ähnlichen Charakter. Sie beginnt aus der Mitte, das Kind öffnet sich der einströmenden Luft und dann konzentriert es sich wieder und zieht sich zur Mitte hin zusammen. Der Rhythmus der Wehen findet nun etwas schneller seine Fortsetzung im Rhythmus des Atmens.
Das Entfalten der Lungenbläschen nach der starken Kompression des Brustkorbs durch das Eindringen der trockenen Atemluft wird möglicherweise vom Baby als schmerzhaft empfunden. Wir wissen, dass Schmerz umso intensiver gefühlt wird, je mehr er mit einer Stressbelastung einhergeht. So können wir davon ausgehen, dass ein Kind, dem nicht zusätzlich Stress zugemutet wird, diese ersten Atemzüge – wenngleich auch neuartig, fremd und irritierend – weniger schmerzhaft erlebt, als ein Kind, das von seiner Mutter getrennt wird und gleich nach seiner Geburt schmerzhaften oder hektischen Behandlungen unterzogen wird.
Der Akt der Geburt ist ein beeindruckendes Zusammenspiel von Mutter und Kind. Die sensorische und motorische Ausstattung der Beiden stellt einen wichtigen Faktor zum Gelingen der Geburt dar. Die Feinabstimmung ihrer Fähigkeiten rund um die Geburt geschieht hormonell.
Da ist zunächst das Oxytocin, zuständig für rhythmische Kontraktionen der Gebärmutter und für den Milchspendereflex. Oxytocin ist aber noch weit mehr: Es ist das Hormon der Liebe ( ▶ [18]
