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Die WM in Katar spaltet die Fußballwelt. Das Buch von Jan Busse und René Wildangel liefert eine einzigartige, differenzierte Darstellung. Ausgewiesene Expertinnen und Experten geben spannende Einblicke in einen wenig bekannten Fußballkosmos. Sie stellen den Fußball in der gesamten Region des Nahen Ostens und Nordafrikas als Machtfaktor der Regierenden, aber auch als subversive Gegenkultur vor.
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Seitenzahl: 374
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Jan Busse und René Wildangel (Hrsg.)
Die Macht des Fußballs im Nahen Osten und die Katar-WM
VERLAG DIE WERKSTATT
Die Herausgeber danken der Arab-German Young Academy of Sciences and Humanities (AGYA) für die Finanzierung der Publikation. Sie wurde im Rahmen eines Tandem-Projekts von AGYA-Mitglied Jan Busse, Universität der Bundeswehr München, Deutschland, und AGYA-Alumnus Anis Ben Amor, Universität Tunis El Manar, Tunesien, realisiert. AGYA wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Publikation liegt allein bei den Autorinnen und Autoren und spiegelt nicht die Position von AGYA oder ihrer Förderpartner wider.
Coverfoto von Forough Alaei: Weibliche Fußballfans des FC Persepolis im Teheraner Asadi-Stadion beim Finalspiel der AFC Champions League gegen Kashima Antlers aus Japan, 10. November 2018.
Anmerkung: Trotz umfangreicher Recherchen konnten in wenigen Fällen die Urheber von Abbildungen nicht ermittelt werden. Der Verlag bitte ggfs. um Nachricht, damit berechtigte Ansprüche abgegolten werden können.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2022 Verlag Die Werkstatt GmbH
Siekerwall 21, D-33602 Bielefeld
www.werkstatt-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH
ISBN 978-3-7307-0609-1
Geleitwort
VON CLAUDIA ROTH
1. Zur Einführung
Die Anti-WM in Katar: Was bleibt vom Fußball?
JAN BUSSE UND RENÉ WILDANGEL
Wie der Fußball in den Nahen Osten kam: Eine Geschichte von Macht, Politik und Rebellion
JAN BUSSE UND RENÉ WILDANGEL
2. Die WM in Katar
Die FIFA, Korruption und die WM in Katar
ROBERT KEMPE
Konkurrenten auf dem Rasen und abseits des Platzes: Der Konflikt zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar
MARLON SAADI UND GUIDO STEINBERG
EINWURF: Mohamed Salah – Der Superstar
In die Offensive: Wie die Golfstaaten mit Fußball Politik machen
CINZIA BIANCO UND SEBASTIAN SONS
Die stillen Helden: Zur Lage der Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten in Katar
REGINA SPÖTTL
3. Fußball, Macht und Konflikt im Nahen Osten
Kriegsspieler: Fußball zwischen Hoffnung und Zynismus in Irak, Jemen und Syrien
RONNY BLASCHKE
EINWURF: Mohamed Aboutrika – Der Widerständige
Der Mann hinter der Linie: Ein Porträt von Bernd Stange als syrischem Nationaltrainer
MORITZ BAUMSTIEGER
EINWURF: Natan Panz – Der Kämpfer
Fußball in Jerusalem: Mikrokosmos des Nahostkonflikts
STEFFEN HAGEMANN
EINWURF: Deportivo Palestino – Die Diaspora
Leidenschaft im Spiel: Fußball, Politik und Protest im Maghreb
AKRAM BELKAÏD
EINWURF: Raja vs. Wydad – Das Casablanca-Derby
Enttäuschte Hoffnungen: Die wechselvolle Geschichte von Fußball und Politik in Iran
HOUCHANG E. CHEHABI
EINWURF: Ali Daei – Der Welttorjäger
4. Der Kampf um Gleichberechtigung und Demokratisierung
EINWURF: Hiba El Jaafil – Ein Interview
Die Hälfte der Freiheit: Der beharrliche Kampf von Spielerinnen und weiblichen Fans um Gleichberechtigung in Iran
CHRISTOPH BECKER
EINWURF: Esteghlal vs. Persepolis – Das Teheran-Derby
Fußball, Macht und Frauenrechte: Die arabischen Golfmonarchien zwischen Repression und Reform
ANNA REUSS
EINWURF: Sarah Essam – Die ägyptische Königin
Vom Stadion auf die Straße und zurück: Ein Blick auf die Geschichte des Fußballs und der Ultras in Ägypten
PHILIP MALZAHN
EINWURF: Al-Ahly vs. Zamalek – Das Kairo-Derby
Der Klang von Revolution: Algerische Fußballfans und musikalischer Protest
MAHER MEZAHI
EINWURF: Rachid Mekhloufi – Fußball für die Unabhängigkeit
Der Nahe Osten und Nordafrika bei der WM: Geschichte und Ausblick
JAN BUSSE
Danksagung
Weiterführende Bücher und Filme zum Thema (Auswahl)
Autorinnen- und Autorenverzeichnis
Anmerkungen und Bildnachweise
Personenregister
von Claudia Roth
Den ziemlich abgedroschenen Spruch von Gary Lineker – „Fußball ist ein einfaches Spiel; 22 Männer rennen 90 Minuten dem Ball hinterher, und am Ende gewinnen die Deutschen“ – hat der ehemalige englische Nationalspieler nach dem Sieg der Engländer gegen Deutschland bei der EM 2021 auf Twitter „offiziell“ zurückgenommen. Dass Fußball ein einfaches Spiel sei, stimmte auch noch nie, dass es nur um Männer geht, erst recht nicht.
Fußball ist Kultur. Gelebte Kultur mit großer gesellschaftspolitischer Bedeutung. Der Fußball ist die Folie, auf der sich viele Konflikte und wichtige Debatten unserer Zeit abspielen: Diskriminierung, Rassismus in Klubs wie in den Stadien, verdrängte Homosexualität von Spielern, patriarchale Strukturen, Menschenrechtsverletzungen und vieles mehr. Im besten Falle kann der Fußball einen Beitrag zu Fortschritten in diesen Bereichen erzielen und sogar ein Beispiel für gelebte Solidarität darstellen. Aber er wird auch immer wieder dazu missbraucht, das Gegenteil zu erreichen.
Diese Vielstimmigkeit mit all ihren Facetten zeigt der Sammelband von Jan Busse und René Wildangel, die aus Anlass der Weltmeisterschaft 2022 in Katar den Fußball in der gesamten Region des Nahen Ostens und Nordafrikas in den Blick nehmen. Dabei zeigen die Autorinnen und Autoren auf eindrucksvolle Weise die schönsten und die furchtbarsten Seiten des Fußballs. Aber immer wird deutlich, welche kraftvolle gesellschaftliche Resonanz der Fußball hat. Seit den Anfängen am Ende des 19. Jahrhunderts war der Fußball in dieser Region Teil der Kolonialgeschichte – und dann der antikolonialen Bewegung. Diese Dynamik veranschaulichen insbesondere jene Beiträge, welche die bedeutende Rolle des Fußballs für die Erlangung der Unabhängigkeit Algeriens hervorheben.
In den hoffnungsvollen Tagen des Arabischen Frühlings gingen in Ägypten auch die Ultras auf die Straße und traten für ihre Rechte ein. Doch nach der Niederschlagung dieses Aufbruchs wurden sie Opfer von Kräften, die diese Entwicklung zurückdrehen wollen: Das Massaker von Port Said 2012, bei dem über 70 Menschen starben, ist eine ganz dunkle Stunde in der Geschichte des Fußballs. An anderer Stelle geht der Kampf weiter: Im Iran verfolge ich seit vielen Jahren den Einsatz mutiger Frauen für eine gleichberechtigte Teilnahme am Fußball, für die Anerkennung des Frauenfußballs, für den Zugang zu den Stadien. Und ein von Männern getragenes Regime, das ihnen diese Rechte bis heute verweigert.
Auch mit der anstehenden WM in Katar setzen sich die verschiedenen Autorinnen und Autoren intensiv auseinander. Wir alle schauen, wie schon 2018 in Russland, nicht nur mit Vorfreude auf dieses Turnier. Sondern auch mit Sorgen, mit Bauchschmerzen angesichts der Debatte um Korruption im Weltverband bei der Vergabe und der vielen Menschenrechtsverletzungen in Katar. Doch wahr ist auch, dass diese Weltmeisterschaft eine Chance für Reformen sein kann – allerdings nur dann, wenn der Druck auf positive Veränderungen auch nach dem sportlichen Wettkampf aufrechterhalten wird. Wir dürfen nicht wegsehen. Und wir dürfen die Millionen Migrantinnen und Migranten, die oft unter menschenunwürdigen Bedingungen mit ihrem Arbeitseinsatz diese WM ermöglicht haben, im Kampf um ihre Rechte nicht alleinlassen.
In den Monaten umfangreicher gesellschaftlicher Einschränkungen angesichts der Covid-Pandemie haben wir erlebt, wie langweilig und seelenlos der Fußball ohne Fans ist. Fußball ohne Fans, ohne Stimmungen vor und nach dem Spiel, ohne Atmosphäre im Stadion ist nicht denkbar. Im Nahen Osten wie in allen anderen Teilen der Welt wollen Menschen an der Begeisterung im Stadion teilhaben. Wir müssen dahin kommen, dass Stadien überall auf der Welt Orte werden, wo diese Begeisterung gleichberechtigt und ohne Diskriminierung gelebt werden kann. Auch in Deutschland haben wir da noch viel zu tun. Ich unterstütze mit ganzem Herzen den DFB bei seiner Haltung, die Rassismus und Diskriminierung die Rote Karte zeigt. Ein volles Stadion, in das keine Frauen dürfen, ist unerträglich. Ein volles Stadion, in dem rassistische Sprüche gebrüllt werden, ebenso.
Der Fußball hat eine mobilisierende Kraft, insbesondere in Situationen und Ländern, in denen die Möglichkeiten für Proteste und Widerspruch massiv eingeschränkt sind. Fußball ist ein wahres Forum im eigentlichen Sinne des Wortes. Wir alle – die Politik, die Fans, die Spieler, die Funktionäre – müssen diese Kraft bewahren, beleben und erneuern. Der Fußball kann dann ein „rebellisches Spiel“ im besten Sinne sein, das seine gesellschaftliche und kulturelle Kraft entfalten kann, die weit über den Sport hinausreicht.
Ich wünsche dem Buch „Das rebellische Spiel“ viele Leserinnen und Leser – es ist ein wunderbarer, informierter und differenzierter Begleiter für eine schwierige und ungewöhnliche Weltmeisterschaft.
Claudia Roth MdB
Staatsministerin für Kultur und Medien
Jan Busse und René Wildangel
Das Spiel zwischen dem FC Chelsea und Newcastle United am 13. März 2022 war keine gewöhnliche Premier-League-Partie. Das Boulevardblatt Daily Mail sah in der Begegnung einen der „dunkelsten Tage des englischen Fußballs“, die Konkurrenz vom Daily Mirror sprach vom „Spiel der Schande“. Dies lag allerdings keineswegs am 1:0-Siegtreffer von Kai Havertz kurz vor Spielende. Die Gründe für ein solches Urteil finden sich vielmehr abseits des Platzes.
Zum einen hatte der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der Ende Februar 2022 begann, dafür gesorgt, dass der langjährige Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch unter massiven Druck geraten war. Als Reaktion auf die russische Invasion verhängte die britische Regierung Sanktionen gegen sieben russische Oligarchen aufgrund deren Nähe zu Präsident Wladimir Putin. Darunter befand sich auch Abramowitsch. Er wurde mit einem Reiseverbot belegt, sein Vermögen im Vereinigten Königreich wurde eingefroren und damit auch sein Zugriff auf den FC Chelsea. Durch den Bann der Regierung durfte der Verein nun keine Spielertransfers mehr tätigen, der Fanshop wurde geschlossen, nur noch Besitzer von Dauerkarten durften ins Stadion, denn der reguläre Ticketverkauf war nicht mehr möglich. Die Folge: Verträge liefen aus, Großsponsoren kündigten ein Ende ihrer Unterstützung an. Die Mannschaft und andere beim FC Chelsea Beschäftigte zeigten sich verunsichert angesichts der ungewissen Zukunft des Vereins. Schließlich bot eine amerikanische Investorengruppe knapp fünf Milliarden Euro für den Erwerb des Teams.
Auf der anderen Seite steht Newcastle United. Im Oktober 2021 hatte die Premier League die Übernahme von 80 Prozent des Vereins durch den saudischen Staatsfonds PIF für umgerechnet 350 Millionen Euro genehmigt. Damit investierten die Saudis erstmalig in den europäischen Profifußball und folgten dem Vorbild ihrer Nachbarn Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Umstand, dass ein Land wie Saudi-Arabien, in dem Menschenrechte systematisch verletzt und die Meinungsfreiheit eingeschränkt werden, einen englischen Traditionsverein übernimmt, war für sich genommen bereits kontrovers. Die Partie gegen den FC Chelsea stand aber auch aus Sicht von Newcastle United unter besonderen Vorzeichen. Denn am 12. März, nur einen Tag vor der Begegnung, hatte die saudische Regierung im Zuge einer Massenexekution 81 Todesurteile vollstreckt, die häufig im Rahmen unfairer Gerichtsprozesse oder mit unter Folter erzwungenen Geständnissen zustande gekommen waren.
Zahlreiche Zuschauer im Stadion zeigten nun allerdings, dass ihnen diese dunklen Seiten ihrer Vereine egal sind. Fans des FC Chelsea feierten Roman Abramowitsch lautstark mit Gesängen und Sprechchören, dazu waren Banner in den russischen Landesfarben und mit dem Konterfei des russischen Oligarchen sowie dem Schriftzug „The Roman Empire“ zu sehen.1 Derweil feierten Fans von Newcastle – zumindest indirekt – die finanzielle Unterstützung seitens der saudischen Eigentümer, indem sie, statt sich mit deren Menschenrechtsverletzungen auseinanderzusetzen, „Wir sind reicher als ihr“-Gesänge gegenüber den Chelsea-Anhängern anstimmten und zudem im Stadion die saudische Flagge zeigten.
Die Trainer beider Vereine reagierten sehr unterschiedlich auf diese Vorfälle. Newcastles Coach Eddie Howe erklärte gegenüber Sky Sports, ihm sei bewusst, was in Saudi-Arabien los sei, aber: „Ich werde über Fußball sprechen, das ist alles, worum es mir geht.“ Dagegen verurteilte Chelseas Trainer Thomas Tuchel gegenüber dem gleichen Sender den russischen Angriff auf die Ukraine. Schon zuvor hatte er in einer Pressekonferenz Solidarität mit der Ukraine angemahnt und erklärt, es sei „nicht der Zeitpunkt für andere Messages“.
Das Spiel zwischen Chelsea und Newcastle veranschaulicht zwei zentrale Dynamiken: die extreme Kommerzialisierung und die Politisierung des Fußballs. Das beliebte Mantra „Sport hat mit Politik nichts zu tun“, mit dem nicht nur im Profifußball Sportfunktionäre gern unbequemen Themen ausweichen, erwies sich schon oft als Illusion. Der jüngste Krieg Putins gegen die Ukraine hat dies auf besonders eindrückliche Weise gezeigt. Die NATO, die EU, aber auch viele weitere Staaten antworteten auf den völkerrechtswidrigen Angriff mit massiven Sanktionen, um Druck auf Russland auszuüben und so eine Beendigung des Militäreinsatzes zu erzwingen. Die internationalen Sportverbände waren nicht die Ersten, die Maßnahmen erließen, standen aber rasch unter Druck nachzuziehen. Die UEFA entzog Russland das in Sankt Petersburg geplante Finale der Champions League 2022 und beendete kurz darauf ihre Kooperation mit dem Sponsor Gazprom. Auch der damalige deutsche Zweitligist FC Schalke 04 zog nach und beendete die langjährige Zusammenarbeit mit seinem wichtigsten Geldgeber.
Unterdessen verbot die FIFA Russland zunächst nur die Austragung von Heimspielen der Nationalmannschaft und verlangte, dass diese als „Russische Fußball-Union“ ohne Hoheitssymbole und Nationalhymne zu ihren Spielen antreten müsse. Als der internationale Druck immer größer wurde und zum Beispiel der polnische Fußballverband erklärte, in der WM-Qualifikation keinesfalls gegen die russische Mannschaft antreten zu wollen, schloss die FIFA Russland schließlich von allen internationalen Fußball-Wettbewerben aus – und damit auch von einer möglichen WM-Teilnahme. Zuvor hatte sich der Weltverband aufgrund seines Zögerns großer Kritik ausgesetzt gesehen. Diese galt insbesondere dem FIFA-Präsidenten, Gianni Infantino, der 2019 von Putin persönlich den russischen Freundschaftsorden erhalten hatte.
All das passierte nur wenige Wochen nach den Olympischen Winterspielen in Peking, die angesichts chinesischer Menschenrechtsverletzungen und insbesondere der Misshandlung der uigurischen Minderheit bereits massiver internationaler Kritik ausgesetzt gewesen waren. Westliche Staaten hatten mit einem diplomatischen Boykott auf die Spiele reagiert, was dazu führte, dass Putin einer der wenigen teilnehmenden ausländischen Staatschefs war und vom chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping mit besonderen Ehren empfangen wurde. Vier Jahre zuvor hatte bereits die Fußball-WM 2018 in Russland im Schatten der russischen Krim-Annexion 2014 und der russischen Militärintervention im blutigen Bürgerkrieg in Syrien gestanden. Auch das dortige russische Eingreifen aufseiten des Assad-Regimes war von illegalen Angriffen auf zivile Ziele geprägt.2
FIFA-Präsident Infantino bekommt vom russischen Präsidenten Putin den „Orden der Freundschaft“ verliehen, 23. Mai 2019
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Dass Sport mit Politik nichts zu tun habe, war noch nie zutreffend. Nicht 1936, bei den Propagandaspielen Hitlers in Berlin; nicht im Kalten Krieg, als die USA und die Sowjetunion den Sport zum Spielball ihrer Großmachtambitionen machten und sich gegenseitig boykottierten; nicht bei den Olympischen Spielen in München 1972, als palästinensische Terroristen israelische Sportlerinnen und Sportler als Geiseln nahmen und kaltblütig ermordeten; nicht bei der Fußball-WM in Argentinien 1978, als der Weltfußball Normalität demonstrierte in einem Land, in dem die Militärjunta systematisch Zehntausende Menschen „verschwinden ließ“, also ermordete; und nicht während des Balkankriegs, als 1992 die Mannschaft des im Bürgerkrieg zerfallenden Staates Jugoslawien kurzfristig von der Europameisterschaft in Schweden ausgeschlossen wurde.
Im Zuge des desaströsen Kriegs in der Ukraine, von Bundeskanzler Olaf Scholz als „Zeitenwende“ bezeichnet, verabschiedete sich der Sport nicht nur vom Mantra, unpolitisch zu sein, es zeigte sich auch, dass angesichts der umfangreichen Sanktionen der internationalen Gemeinschaft der Sport reagieren musste – und konnte. Nur vereinzelt wurde der Krieg trotzdem für Putins Propaganda missbraucht. So sorgte der russische Turner Ivan Kuliak beim Weltcup in Katar für einen Eklat, weil auf seinem Trikot bei der Siegerehrung statt eines Wappens das „Z“ als Zeichen der Unterstützung für die russische Armee und den Krieg gegen die Ukraine prangte. Der Welt-Turnverband sperrte Kuljak aufgrund dieser Provokation für mindestens ein Jahr und erkannte ihm die Bronzemedaille ab. Ansonsten aber gab es vor allem bewegende Szenen der Solidarität: bei der Einwechslung ukrainischer Spieler in europäischen Ligen mit frenetischem Applaus; mit mutigen Äußerungen russischer Sportler gegen den Krieg; bei groß angelegten Solidaritätsbekundungen der Fans; und mit einer Sportwelt, die sich dann doch durchrang, Putin geschlossen die Rote Karte zu zeigen, um so die eskalierende Gewalt in der Ukraine zu verurteilen.
Nach den dramatischen Monaten in der Ukraine steht nun eine WM an, für die nur wenig Vorfreude, geschweige denn echte Leidenschaft aufzukommen scheint. Die Herausgeber dieses Bandes sind seit Jahrzehnten begeisterte Beobachter des Fußballs (ja, und auch Fans – leidgeprüfte Anhänger des 1. FC Köln und von Hannover 96) und ebenso seit vielen Jahren persönlich wie professionell mit der Region des Nahen Ostens verbunden. An die Stelle von Begeisterung ist in beiderlei Hinsicht jedoch eine zunehmende Desillusionierung getreten: zum einen was den Nahen Osten und seine politische Entwicklung seit dem sogenannten Arabischen Frühling angeht, mit dem Krieg in Syrien, durch den über 13 Millionen Menschen ihr Zuhause verloren,3 mit zerfallenden Staaten in Libyen und Jemen und mit der Rückkehr brutaler Autokraten wie General al-Sisi4 in Ägypten. Und ebenso eine Desillusionierung den Fußball betreffend, der von einer Art Hyper-Kommerzialisierung ergriffen wurde, die seit der Jahrtausendwende nochmals neue Dimensionen angenommen hat und dem Spiel seine Seele zu nehmen scheint. So fällt es schwer, angesichts der Winter-WM am Golf mit all ihren Schattenseiten, die dieser Band umfassend bespricht – Korruption, Menschenrechtsverletzungen, „Sportswashing“ (also die politische Instrumentalisierung des Sports im Rahmen einer Imagekampagne) –, Begeisterung zu empfinden. Beim FIFA-Kongress Ende März 2022 in Katar verbreitete FIFA-Präsident Infantino zwar weiterhin ungebrochenen Enthusiasmus und verkündete, Katar werde die „beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“ ausrichten. In einer leidenschaftlichen Rede schlug die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness dort indes einen deutlich anderen Ton an:
„Im Jahr 2010 wurde die Weltmeisterschaft von der FIFA auf inakzeptable Weise und mit inakzeptablen Folgen vergeben. Menschenrechte, Gleichberechtigung und Demokratie, die Kernanliegen des Fußballs, standen erst viele Jahre später in der Startelf. […] Die Fifa, wir alle, müssen jetzt alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um wirklich einen Wandel herbeizuführen.“5
Und dennoch scheint auch weiterhin Alfred „Adi“ Preißlers Ausspruch zu gelten: „Entscheidend is’ aufm Platz.“ Denn die Faszination dessen, was sich mit all seiner Intensität, Emotionalität und Widersprüchlichkeit in den 90 Minuten auf dem Spielfeld entfaltet, hält an. Und dies gilt ebenso für die Leidenschaft, die viele seiner Anhänger jede Woche aufs Neue im Stadion aufbieten – und zwar rund um den Globus. Der Fußball zieht nach wie vor Milliarden in seinen Bann; noch immer gibt es wahrscheinlich wenige Themen, über die sich Menschen aus der ganzen Welt besser streiten und besser einigen können. Kein anderes Ereignis verfolgt ein so großer Teil der Menschheit gemeinsam wie ein WM-Finale – im Falle des Endspiels zwischen Frankreich und Kroatien 2018 sollen es mehr als 3,5 Milliarden Zuschauer gewesen sein, die das Spiel verfolgt haben, also fast die Hälfte der Weltbevölkerung.6 Und der Fußball ist nicht nur ein Ort, den Politiker und mächtige Unternehmen für ihre Zwecke einspannen – Stadien bleiben auch Orte des Protests und der Hoffnung auf Veränderung.
Im Nahen Osten ist diese Hoffnung trotz aller Frustration über die Entwicklungen nach dem Arabischen Frühling nie gewichen. Noch immer gehen mutige – und vor allem junge – Menschen in Tunesien, im Irak und im Sudan auf die Straße und setzen ihr Leben für die zentrale Forderung der Aufstände und Revolutionen von 2011 aufs Spiel: Würde! Der Fußball hatte dabei schon immer eine enorme emanzipatorische Kraft, von der algerischen Unabhängigkeitsbewegung bis zum iranischen Frauenfußball, von unter Besatzung lebenden Kickern in Palästina bis zu den Protesten der Ultras in Ägypten. Dieses Buch möchte von beiden Seiten des Fußballs in der Region erzählen: den deprimierenden wie den hoffnungsvollen.
Ausdrückliche Kritik an der WM-Vergabe: Lise Klaveness beim FIFA-Kongress 2022 in Katar
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Die Summen, mit denen mittlerweile im Fußball jongliert wird, sind schwindelerregend. Daran haben insbesondere die arabischen Golfstaaten mit ihren Investitionen einen großen Anteil. Man denke nur an die Verpflichtung von Neymar für die damalige Rekordsumme von 222 Millionen Euro durch Paris Saint-Germain (PSG) im Jahr 2017 – möglich gemacht durch die katarischen Geldgeber, die den Klub de facto seit 2013 besitzen. Mit Lionel Messi konnte 2021 eine weitere Ikone verpflichtet werden; ablösefrei, aber für ein geschätztes Jahresgehalt von 35 Millionen Euro. Als PSG zum Champions-League-Finale 2020 gegen den FC Bayern antrat, machte auf Twitter der Begriff „Qlassico“ die Runde, denn auch die Münchner erhalten durch einen Vertrag mit der Fluglinie Qatar Airways Sponsorengelder aus Katar.
Nicht nur im Fußball, auch in anderen wirtschaftlichen Bereichen verfügen die arabischen Golfstaaten über großen Einfluss. Neben dem Sport, dem wohl wichtigsten Feld ihrer „Soft Power“-Strategie, investieren Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien enorme Summen in europäische Unternehmen und gewinnen so massiv an Einfluss. Katar ist mittlerweile in nicht unerheblichem Maße an Volkswagen, der Deutschen Bank, Siemens und Hapag-Lloyd beteiligt. Investiert wird über den Staatsfonds QIA, der weltweit bereits über 330 Milliarden US-Dollar angelegt haben soll. Zahlungskräftige Investoren sind auch aus bekanntermaßen autokratischen Staaten willkommen, angesichts der Corona-Pandemie und ihrer Auswirkungen auf die Unternehmen und das Wirtschaftswachstum umso mehr.
In Krisenzeiten treten die Golfakteure besonders auf den Plan, als vermeintlich zuverlässige Partner. So versorgte Katar bereits in der Eurokrise von 2014 die Deutsche Bank mit dringend benötigtem Kapital, und seit Februar 2022 liegen die Hoffnungen angesichts der militärischen Eskalation in der Ukraine und der massiven Isolation Russlands verstärkt auf dem Golfemirat: Vor allem Katar soll einspringen, um die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas zu verringern; die umstrittene Gaspipeline Nordstream 2 ist auf absehbare Zeit vom Tisch. Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen sah sich bemüßigt, im März 2022 nach Katar zu reisen, um Lieferungen zu vereinbaren. Manche Beobachter spotteten im Zuge dieses Besuchs von „besonders tiefen Verbeugungen“.
Die beunruhigende Tatsache, dass Katar und andere arabische Golfmonarchien – sowie autokratische Staaten wie China, Russland und Aserbaidschan – durch ihre Investitionen direkten wie indirekten Zugang und Einfluss auf die deutsche Wirtschaft und Politik, aber auch den Sport, die Wissenschaftslandschaft und die Kultur ausüben können, scheint längst als im Rahmen globaler Verflechtungen normal und notwendig hingenommen zu werden. Die WM in Katar erscheint in dieser Entwicklung nur folgerichtig. Aber die Investitionen dienen nicht nur der Konsolidierung der Macht der Herrschaftselite in diesen Ländern, sondern auch der kontinuierlichen Steigerung ihres Einflusses auf politische Entscheidungen in Deutschland und Europa. Die Aussichten hierfür sind in Zeiten multipler Krisen mit wirtschaftlichen, energie- sowie sicherheitspolitischen Engpässen gerade für jene Länder wie Katar gut, die sich als vermeintlich harmlosere Alternative zu Russland und China präsentieren können, ungeachtet anhaltend gravierender Defizite in Sachen Menschenrechte und Demokratie.
Die WM in Katar erscheint vielen Beobachtern als ein weiterer Tiefpunkt in der Entwicklung der FIFA, die zugunsten wirtschaftlicher Interessen Missstände wie Korruption und eklatante Menschenrechtsverletzungen toleriert oder ignoriert. Zudem haben sich Funktionäre der FIFA in den letzten Jahren wiederholt selbst Korruptionsvorwürfen ausgesetzt gesehen. Und Ansinnen wie jenes von FIFA-Präsident Infantino, die WM künftig alle zwei Jahre abzuhalten, sollen ganz offenkundig allein noch mehr Einnahmen generieren, würden aber die Attraktivität des Turniers als globales Großereignis durch den verkürzten Rhythmus deutlich verringern.
Dass der Weltfußball vermeintlich unpolitisch ist, zugleich aber die Interessen zahlungskräftiger autokratischer Staaten bedient, wird zunehmend diskutiert und kritisiert, ebenso wie andere Erscheinungen und Tendenzen, die dem von offizieller Seite propagierten Bild der „heilen Fußballwelt“ zuwiderlaufen. Während beispielsweise die wegen der COVID-19-Pandemie um ein Jahr verschobene Europameisterschaft 2021 fußballerisch durchaus für einige interessante Höhepunkte sorgte, lieferte sie in anderer Hinsicht bedenkliche Episoden: Die Stadien waren brechend voll, obwohl andere Freizeit- oder Kulturveranstaltungen wegen der gesundheitlichen Risiken entweder nicht stattfinden konnten bzw. durften oder – wie die Olympischen Spiele in Tokio – gänzlich ohne Zuschauer abgehalten werden mussten; eine Beleuchtung des Münchner EM-Stadions in den Regenbogenfarben der LGBTQI-Bewegung – als Protest gegen die homophobe Gesetzgebung in Ungarn – wurde von der UEFA unter Verweis auf den angeblich politischen Charakter der Aktion untersagt, stattdessen startete der europäische Verband seine eigene „Pinkwashing“-Kampagne7, in der man sich für die Rechte von queeren Personen aussprach; und als die englische Nationalmannschaft ein Zeichen gegen Rassismus setzen wollte, indem sich die Spieler in Anlehnung an US-Profisportler und aus Solidarität mit der Black-Lives-Matter-Bewegung zu Beginn der EM-Partien hinknieten, wurde dies nach dem verlorenen Finale dadurch konterkariert, dass die drei Schwarzen englischen Spieler, die die entscheidenden Elfmeter verschossen hatten, von ihren eigenen Anhängern aufs Übelste rassistisch beleidigt wurden. Der Ende Februar 2022 begonnene Krieg in der Ukraine und die internationalen Reaktionen gegenüber Russland haben die vermeintliche Trennung von Sport und Politik eindeutig als Mythos entlarvt. Aber ob dadurch auch die im Sport und im Weltfußball verbreitete Doppelmoral beendet werden kann, bleibt abzuwarten. Die Statuten von FIFA, UEFA und IOC betonen deren Neutralität gegenüber politischen Fragen. Damit soll verhindert werden, dass sich Politiker in die Belange der Verbände einmischen. Aber diese grundsätzlich sinnvolle Haltung wurde zu einer Art Allzweckwaffe der großen internationalen Sportverbände, um die kritiklose Unterstützung durch autokratische Regime und das Sponsoring seitens multinationaler Großkonzerne sicherzustellen. Personen wie der umstrittene deutsche IOC-Präsident Thomas Bach sind ihre größten Fürsprecher – in Peking wurde unlängst eine Bronzestatue zu seinen Ehren aufgestellt. Was anderen peinlich wäre, wird in Funktionärskreisen weiterhin gefeiert.
Die Widersprüche im Vorfeld der WM in Katar sind massiv angesichts der Kenntnisse über Korruption und Menschenrechtsverletzungen sowie der Versuche der großen Fußballverbände, diese unter den Teppich zu kehren. Aktionen einzelner Verbände oder Spieler, daran zumindest vorsichtig Kritik zu üben, wirken da nicht selten hilflos oder naiv bzw. im schlimmsten Fall berechnend und vorrangig auf eine positive Außenwirkung ausgerichtet. So zeigte die deutsche Nationalmannschaft im März 2020 vor dem ersten WM-Qualifikationsspiel gegen Island die wenig aussagekräftige Botschaft „Human Rights“ auf ihren Trikots und verband dies mit einem aufwendig produzierten Making-of-Video der Aktion. Diese offenkundig von langer Hand geplante Form der Selbstvermarktung löste einen Proteststurm bei Fans und in den sozialen Medien aus. Im Sommer 2021 wiederum machten Berichte die Runde, dass der Deutsche Fußballbund (DFB) mit Qatar Airways über eine Sponsoring-Partnerschaft verhandle. Besonders brisant: Laut der katarischen Fluglinie sei die Initiative hierzu vom DFB ausgegangen.8 Dennoch versicherten die DFB-Verantwortlichen, das Thema Menschenrechte stehe unverändert „auf der Tagesordnung“.9 So wolle man beim Turnier in Katar eine Unterkunft auswählen, die ethische Standards einhalte und dies entsprechend dokumentiere. Die Spieler sollen spezielle Schulungen zum Thema erhalten. Bemerkenswert sind derweil einige persönliche Äußerungen von Spielern, beispielsweise von Toni Kroos. In seinem gemeinsam mit Bruder Felix betriebenen Podcast „Einfach mal Luppen“ wurde er überraschend deutlich: „Dass dieses Turnier dahin gegeben worden ist, das halte ich für falsch“, sagte der Weltmeister im Frühling 2021, denn Katar sei „kein Fußball-Land in dem Sinne“. Direkt sprach er die schlechte Menschenrechtssituation im Land an und „dass Homosexualität in Katar unter Strafe steht und auch verfolgt wird“. Drei Monate später, nach dem Ausscheiden bei der EM, zog Kroos sich aus der Nationalmannschaft zurück.
Neben den schlechten Ausgangsbedingungen für das WM-Turnier – extreme Hitze und fehlende Fußballkultur – stand und steht immer wieder die dramatisch schlechte Menschenrechtslage in Katar im Fokus. Hunderttausende Migrantinnen und Migranten arbeiten unter unwürdigen und gefährlichen Bedingungen, Tausende sind in Katar im Zuge der WM-Vorbereitungen unter oft ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Nicht zuletzt aufgrund dieser Problematik hatte zwischenzeitlich auch die Boykottdebatte an Fahrt aufgenommen. Einige – vor allem europäische – Fußballverbände äußerten öffentlich deutliche Kritik, darunter insbesondere der norwegische NFF. Doch auch dieser entschied sich schließlich 2021 gegen einen WM-Boykott – da sich Norwegen gar nicht qualifizierte, ein rein theoretischer Beschluss.
Für Deutschland wiederum ist die Sache scheinbar klar, ein Boykott kommt nicht ernsthaft infrage. Eine eindeutige Haltung dazu ebenso wie zu der Frage, ob es womöglich einen „diplomatischen Boykott“10 wie bei den Olympischen Winterspielen in Peking geben könnte, nahmen Bundesregierung und DFB allerdings nicht ein. Zwar gibt es Stimmen wie die von SPDParteichef Lars Klingbeil, der bereits frühzeitig deutlich gemacht hat, dass er nicht anreisen werde. Dass aber der deutsche Kanzler oder andere Mitglieder des Bundeskabinetts in Katar im Stadion sitzen könnten, ist – insbesondere mit Blick auf den Ukrainekrieg und die Suche nach alternativen Energielieferanten – keineswegs ausgeschlossen. Dagegen ergab eine Umfrage vom März 2021 ein sehr eindeutiges Bild in der Bevölkerung: 68 Prozent der Deutschen seien demnach für einen Boykott der WM in Katar durch den DFB, und überwältigende 83 Prozent waren der Meinung, es sei falsch, dass das Turnier in Katar stattfinde.11
Es sind vor allem Faninitiativen, die – in Deutschland und weltweit – die Boykottdebatte angestoßen und vorangetrieben haben. So sammelt die deutsche Initiative „#BoycottQatar2022“ Unterschriften und veranstaltet Aktionen gegen die WM in Katar. Auf ihrer Webseite heißt es: „Die WM 2022 in Qatar ist ein dem Fußball unwürdiges Turnier. Es werden so viele Gebote der sportlichen und politischen Fairness verletzt, dass es uns unverantwortlich erscheint, an diesem Ereignis teilzuhaben, ob als aktiver Sportler*in, Funktionär*in oder nur als TV-Zuschauer*in.“12 Man habe zwar keine Illusionen, das Turnier noch zu verhindern, wolle aber maximale Aufmerksamkeit für diese Themen in Deutschland erreichen. Eine Chance für positive Veränderungen vor Ort durch Kooperation und Dialog sehen die Initiatoren nicht. Zu deutlich sei, dass durchgeführte Reformen keine nachhaltigen Verbesserungen gebracht hätten. Große Menschenrechtsorganisationen teilen solche Sichtweisen überwiegend und haben mitunter ähnlich harsche Einschätzungen mit Blick auf die Lage in Katar vorgenommen. So sprach Amnesty International bereits 2016 von einer „Weltmeisterschaft der Schande“. Und trotzdem kommen die meisten Organisationen zu einer anderen Schlussfolgerung: Sie lehnen einen Boykott ab und argumentieren, dass die WM eine Chance für Öffnung und Reformen sei – allerdings nur dann, wenn der Reformdruck aufrechterhalten werde. Inwiefern dies nach Ende der WM überhaupt noch der Fall sein wird, ist schwer abzusehen; und die bisher erreichten Verbesserungen sind durchaus begrenzt.
Mit Blick auf die Berichterstattung über die WM in Katar müssen wir uns auf einiges gefasst machen, denn kaum eine Region ist so stark mit Klischees beladen wie der romantisierte und orientalisierte Nahe Osten. Das gilt für negative Stereotype – Scharia und Schleier – ebenso wie für Wüstenromantik voller Kamele und Scheichs. Bereits seit der Kolonialzeit existierende Vorurteile bestehen bis heute fort, und auch wenn der Nahe Osten längst nicht mehr unter westlicher Kolonialherrschaft steht, sondern die Machtverhältnisse sich teilweise umgekehrt haben – die entsprechenden Klischees über den „Orient“ wirken nach. Sie manifestieren sich zum Beispiel in der Darstellung der Golfstaaten als angeblich „unzivilisiert“ und ohne eigene kulturelle Tradition, die mit Großinvestitionen höchstens westliche Kultur importierten, im Blick auf die „superreichen Scheichs“ (der arabische Begriff drückt eigentlich Respekt vor einem islamischen Würdenträger aus oder bezeichnet einen alten Weisen) oder in der Verbreitung von oberflächlichen Islam-Klischees.
Andererseits besteht gerade durch die WM in Katar die Chance, vertieftes Wissen und umfassende Einblicke in Bezug auf die arabische respektive die islamische Welt zu verbreiten. Und so wird es auch positive Berichterstattung geben, die hohen journalistischen Standards entspricht. Wir hoffen, dass das vorliegende Buch es schafft, nicht nur ein differenziertes Verständnis der Lage in Katar und am Golf, sondern von Geschichte und Politik des Fußballs in der gesamten Region des Nahen Ostens und Nordafrikas zu vermitteln: vor, während und nach der WM in Katar.
Im Anschluss an diese einleitenden Worte führen im zweiten Kapitel Jan Busse und René Wildangel in die Geschichte des Fußballs im Nahen Osten ein. Sie erläutern, wie der zumeist von Kolonialbeamten und europäischen Arbeitern importierte Sport zum Massenphänomen und zum Instrument gegen Kolonialherren und autoritäre Herrscher bis hin zum Arabischen Frühling wurde.
Nach den beiden einführenden Kapiteln folgt in Abschnitt 2 eine Auswahl von Beiträgen, die sich inhaltlich direkt oder indirekt um die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar drehen. Zunächst analysiert Robert Kempe, wie Debatten um Korruption im Weltfußball dunkle Schatten auf die WM-Vergabe an Katar geworfen haben. Er geht dabei detailliert auf eine Vielzahl von Fällen ein und verdeutlicht dadurch, wie tief verankert Korruption und Misswirtschaft in den Strukturen der FIFA sind. Anschließend beschäftigen sich Marlon Saadi und Guido Steinberg mit den politischen Konflikten am Golf. Dabei zeichnen sie die jüngere Geschichte Katars und dessen diplomatische Bemühungen sowie die regionale Eskalation im Zuge der Blockade durch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und ihre Verbündeten nach und verdeutlichen diese Dynamiken durch anschauliche Verknüpfungen mit dem Thema Fußball. Im folgenden Kapitel betrachten Cinzia Bianco und Sebastian Sons die golfarabische Sportpolitik und beschreiben, wie mit dem Sponsoring europäischer Teams und großer Events „Soft Power“ generiert und Macht konsolidiert wird. Der regionalpolitische Konflikt zwischen Katar auf der einen Seite und den VAE sowie Saudi-Arabien auf der anderen setzt sich dabei auch im Fußball fort. Zum Abschluss von Abschnitt 2 veranschaulicht dann Regina Spöttl die Menschen- und Arbeitsrechtslage in Katar aus Sicht von Amnesty International. Sie beschreibt die zahlreichen dokumentierten Menschenrechtsverletzungen, die im Rahmen der WM-Vorbereitungen stattfanden. Zugleich verweist sie auf die Reformen, die Katar aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit angestoßen hat, und untersucht, inwieweit diese umgesetzt wurden und zu einer Verbesserung der Lage der Arbeitsmigrantinnen und -migranten geführt haben.
Der dritte Buchabschnitt beschäftigt sich mit dem Themenkomplex „Fußball, Macht und Konflikt im Nahen Osten“. Ronny Blaschke beginnt ihn mit einem Beitrag, in dem er den Fokus auf den Fußball in drei der am stärksten von Krieg und Zerstörung betroffenen Staaten der Region legt: Syrien, Jemen und Irak. Fußballer in diesen Ländern haben mit vielen Hürden und Problemen zu kämpfen, werden von den Machthabern instrumentalisiert und liefern dennoch leidgeplagten Menschen Momente der Freude. Einen Mann, der als Trainer in mehreren dieser Länder gearbeitet hat, porträtiert anschließend Moritz Baumstieger: Der ehemalige DDR-Nationaltrainer Bernd Stange war unter den Diktatoren Saddam Hussein im Irak und Baschar al-Assad in Syrien tätig und wurde dafür scharf kritisiert. Im folgenden Kapitel beleuchtet Steffen Hagemann den Fußball in der geteilten Stadt Jerusalem anhand dreier Traditionsvereine, die eng mit der Geschichte Israels und Palästinas verbunden sind und verschiedene Strömungen widerspiegeln: das zionistisch-nationalistische Beitar, das aus der Arbeiterbewegung hervorgegangene Hapoel und das palästinensische Hilal al-Quds. Akram Belkaïd behandelt in seinem Beitrag die politische Bedeutung des Fußballs in Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen. Er zeigt, wie zahlreiche Präsidenten, Könige und Diktatoren sich die Popularität des Volkssports im Maghreb zunutze machten und dies bis heute tun. Anschließend wendet sich Houchang E. Chehabi der Geschichte des Fußballs in Iran zu. Nachdem der Sport auch hier durch Kolonialbeamte ins Land gebracht worden war, förderte ihn die Pahlavi-Dynastie aktiv als Mittel der kulturellen Anpassung an Europa, bis die neuen religiösen Herrscher in der Islamischen Republik das Spielgeschehen nach der Revolution 1979 zunächst stark einschränkten.
Mit dem Kampf der Spielerinnen und weiblichen Fans um Gleichberechtigung in Iran befasst sich Christoph Becker in seinem Beitrag, womit der vierte Buchabschnitt „Der Kampf um Gleichberechtigung und Demokratisierung“ beginnt. Frauenfußball spielt in Iran mittlerweile eine große Rolle. Doch noch immer sperrt sich das Regime, Frauen in die Stadien zu lassen. Daran nicht nur thematisch anschließend blickt Anna Reuß auf den Frauenfußball in der Golfregion. Ihre Darstellung unterstützt das Bild der vielen dort für fußballbegeisterte Mädchen und Frauen bestehenden Hürden und zeigt, dass die Golfmonarchien hinsichtlich ihrer Anstrengungen für Fußballspielerinnen weiterhin zwischen Lippenbekenntnissen und echten Fortschritten schwanken. Im darauffolgenden Kapitel nimmt Philip Malzahn die Leserinnen und Leser mit auf die Tribüne zu den ägyptischen Ultras. Diese engagiertesten aller Fans sind eine nicht zu unterschätzende politische Kraft, deren Erfahrungen im Straßenkampf zum Erfolg der Revolution von 2011 beitrugen und die auf diesem Weg selbst enorme staatliche Gewalt erfahren haben. Der Bedeutung der algerischen Fußballfans und ihrer Gesänge sowohl für den Unabhängigkeitskampf gegen die französische Kolonialherrschaft als auch für die Proteste gegen die Regierung im 21. Jahrhundert widmet sich schließlich Maher Mezahi im vorletzten Beitrag. Er zeigt die starke Politisierung der Ultras in Algerien, die sich in den Texten ihrer Lieder maßgeblich niederschlägt.
Zum Abschluss verbindet Jan Busse einen Streifzug durch die wechselvolle WM-Geschichte von Staaten aus der Region mit einem Ausblick auf die Mannschaften aus dem Nahen Osten, die an der WM 2022 teilnehmen.
Ergänzt werden die Kapitel durch zahlreiche kurze Beiträge, sogenannte Einwürfe, in denen Yannik Hüllinghorst bedeutende Spielerinnen und Spieler sowie Derbys der Region kurz vorstellt. Ein Einwurf-Interview widmet sich zudem der libanesischen Trainerin und ehemaligen Nationalspielerin Hiba El Jaafil. Sie erzählt im Gespräch mit Jan Busse und René Wildangel von ihrer Karriere, den Hürden, die Frauen in den Weg gestellt werden, und den Chancen, die sie für den Frauenfußball in der Region sieht.
Jan Busse und René Wildangel
Dass 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft ausgerechnet im kleinen Golfstaat Katar stattfindet, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zwar hat der Fußball eine reichhaltige und ereignisreiche Tradition in der arabischen Welt, deren Zentren seit Jahrzehnten vor allem die nordafrikanischen Staaten Ägypten, Marokko und Algerien sind. Dort füllt das Spiel die Stadien zu Zehntausenden, haben sich aktive Fankulturen herausgebildet, und der nationale Fußball hat eine große gesellschaftliche Bedeutung.
Auf der arabischen Golfhalbinsel hingegen fristete der Fußball über viele Jahrzehnte ein Schattendasein. Die ersten Begegnungen mit dem runden Leder gab es am Persischen Golf deutlich später als zum Beispiel in Ägypten oder dem Maghreb. Dokumentierte Berichte über Fußball in den kleinen Golfmonarchien gibt es erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain und Kuwait noch unter britischer Fremdherrschaft standen. Die Briten konnten sich so den Zugang zu den dortigen Öl- und Gasvorräten sichern. Und – so schilderte es 2018 der damals 92-jährige Tom Clayton der Daily Mail – es waren britische und indische Ölarbeiter von BP, die 1948 erstmalig in Katar Fußball spielten, bevor die lokale Bevölkerung das Spiel für sich entdeckte. Anfang der 1950er Jahre trugen die Arbeiter der Ölindustrie in Katar sogar eigene Wettbewerbe und Ligen aus.1
In dieser Phase gründeten sich auch die ersten Fußballvereine von Einheimischen, so 1950 der erste katarische Verein, Al-Najah Sports Club in Doha, der heute den Namen Al-Ahly Sports Club trägt. Im Vergleich zum bereits 1927 gegründeten Al-Ittihad Club aus dem saudischen Dschidda oder dem ein Jahr später ins Leben gerufenen Al-Muharraq Sports Club aus Bahrain waren die Kataris also Spätstarter. Der fortdauernde Status als britisches Protektorat beschränkte allerdings auch weiterhin nicht nur die nationale, sondern ebenso die fußballerische Selbstbestimmung in Katar und weiteren Staaten der Golfregion. Direkt nach der Unabhängigkeit von Großbritannien Anfang der 1970er Jahre nahm der Fußballbetrieb dann jedoch richtig Fahrt auf, und die teilweise schon bestehenden Fußballverbände traten der FIFA bei. Nur wenige Monate nach ihren Unabhängigkeitserklärungen spielten Katar und die VAE am 17. März 1972 bereits ihre jeweils ersten Länderspiele als souveräne Staaten, als sie am Arabischen Golfpokal teilnahmen und dort direkt aufeinandertrafen.2
Erst in den letzten Jahrzehnten haben jene Golfstaaten, die noch über große Öl- und Gasressourcen verfügen, die Bedeutung des Fußballs als „Soft-Power-Instrument“ entdeckt. Gerade mit Blick auf das Ende des fossilen Zeitalters verstehen insbesondere Katar und die VAE, aber auch Saudi-Arabien Investitionen in den Fußball als Chance auf mehr globale Anerkennung, Einfluss und die Vertretung ihrer sicherheitspolitischen Interessen. Zugleich soll der Fußball als gesellschaftlicher Modernisierungsmotor und populäre Ablenkung für die Bevölkerung dienen, allerdings strikt unter Kontrolle der jeweiligen Herrscherfamilien. Dieser Gegensatz zwischen der mobilisierenden Kraft des Fußballs und dessen rigoroser Einschränkung ist auch kennzeichnend für die Geschichte des Fußballs im Nahen Osten und in Nordafrika.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts waren es zunächst die europäischen Kolonialmächte, die im Zuge ihrer imperialen Ambitionen den Fußball auf allen Kontinenten verbreiteten. Auch die Entstehung des modernen Fußballs im Nahen Osten und in Nordafrika ist untrennbar mit der Kolonialherrschaft vor allem Großbritanniens, dem selbst erklärten „Mutterland des Fußballs“, und den darüber hinausgehenden Prozessen der Globalisierung verbunden. Die wachsende ökonomische Bedeutung der Region für die expandierende Weltwirtschaft war dabei ebenfalls ein Faktor.
Fußball war Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht das „people’s game“, das Spiel für jedermann (von Frauen war noch nicht die Rede, weder als Zuschauerinnen noch als Spielerinnen) oder das der Arbeiterklasse, das es einmal werden sollte. Vielmehr waren es die Vertreter urbaner Eliten, die den Fußball in die Hauptstädte des globalen Südens und damit auch in den Nahen Osten brachten, sei es nach Istanbul, Kairo oder Teheran. Ihr Anspruch war nicht nur die ökonomische und politische Kontrolle über die kolonisierten Gebiete; neben Waren sollten ebenso der „Fortschritt“ und die vermeintlich überlegene europäische Kultur exportiert werden.
Der Export der damit verbundenen Wertvorstellungen beruhte dabei auch, aber nicht ausschließlich auf Gewalt und Zwang, denn die Vertreter des Empire machten sich zugleich die bereits erwähnte Soft Power zunutze, um ihren Herrschaftsanspruch kulturell zu unterfüttern. Entsprechend waren es in erster Linie britische Händler, Lehrer, Soldaten und Seeleute, welche die lokalen Eliten in den Hauptstädten des Nahen Ostens und Nordafrikas mit dem Spiel bekannt machten, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien feste Regeln bekam und eine rasant wachsende Verbreitung erfuhr.
Anders als die französischen Kolonisatoren in Nordafrika, wo zunächst ausschließlich Europäer spielen durften, erlaubten die Briten zum Beispiel der ägyptischen Oberschicht, am Fußball teilzuhaben. Ziel war es unter anderem, wie schon in den viktorianischen Erziehungsanstalten, der lokalen Bevölkerung die vermeintlich „europäischen Werte“ Disziplin und Respekt vor (kolonialer) Autorität zu vermitteln. Der Fußball und die mit ihm von der Kolonialmacht transportierten Wertvorstellungen wurden so zu einem wichtigen Instrument kolonialer Kontrolle.
Auch im Irak sorgten vor allem die Briten für die Ankunft des Fußballs, und zwar gleich auf zwei Wegen. Zum einen – wie vielerorts auf der Welt – quasi informell durch das britische Handels-Empire, als in der am Persischen Golf gelegenen südirakischen Hafenstadt Basra Matrosen von Handelsschiffen gegen lokale Mannschaften antraten. Zum anderen war es die Royal Air Force, die maßgeblich zur Verbreitung des Fußballs vor Ort beitrug. Die Briten hatten im Ersten Weltkrieg weite Teile des heutigen Irak besetzt und vom Völkerbund die Mandatsverwaltung übertragen bekommen. Zur Kontrolle des Gebiets setzten sie vor allem auf ihre Luftwaffe, die im Süden Bagdads auf dem Stützpunkt Hinaidi ihr Hauptquartier einrichtete. Fußball war für die Soldaten ein wichtiger Zeitvertreib, und entsprechend mag es kaum überraschen, dass dort 1931 von Angehörigen der nur Wochen zuvor neu geschaffenen irakischen Luftwaffe der erste irakische Fußballverein gegründet wurde: Al-Quwa Al-Jawiya (arabisch für „Luftwaffe“).3 Parallel dazu sorgten, wie auch auf der arabischen Golfhalbinsel, britische Ölfirmen für die Verbreitung und Verankerung des Fußballs im Irak.
Wohl niemand versinnbildlicht die enge Verbindung zwischen dem irakischen Fußball und dem britischen Empire besser als Percy Lynsdale, wie es Hassanin Mubarak in seiner Geschichte des irakischen Fußballs, Birth of the Lions of Mesopotamia, beschreibt. Als Sohn einer Irakerin und eines britischen Offiziers 1927 in Bagdad geboren, spielte Percy zunächst in der Fußballmannschaft des jesuitischen Baghdad College, bevor er später für die Basra Petroleum Company arbeitete und für deren Firmen-Fußballmannschaft auflief. Nach der Gründung des irakischen Fußballverbands wurde er 1951 Mitglied der ersten irakischen Nationalmannschaft, ehe es ihn ein Jahr später nach England zog, wo er allerdings nur noch Freizeitfußball spielte.4
Ins historische Palästina gelangte der Fußball zu Beginn des 20. Jahrhunderts derweil noch auf anderen Wegen. Zum einen gründeten christliche Schulen zu dieser Zeit eigene Mannschaften und trugen so zur regionalen Verbreitung des Spiels bei. Das Team der St. George’s School aus Jerusalem besiegte 1909 sogar die Auswahl der American University of Beirut, die zu dieser Zeit als eine der besten in der Region galt.5 Zum anderen waren es zunehmend organisierte europäische Zionisten, die infolge der Initiative von Theodor Herzl und seinen Mitstreitern ihr Ziel eines jüdischen Staates in Palästina mit konkreten Initiativen verfolgten. Die zionistischen Sportvereine spielten eine wichtige Rolle innerhalb der jüdischen Nationalbewegung (siehe hierzu auch den Beitrag von Steffen Hagemann in diesem Buch), und der Fußballbetrieb wurde von den Vereinen, deren Gründer viel Erfahrung aus ihren europäischen Heimatländern mitbrachten, ebenfalls belebt.
Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte Großbritannien als Mandatsmacht in Palästina – dem Motto „teile und herrsche“ entsprechend –, die politische Kontrolle mit allen Mitteln zu erhalten. Neben massiven repressiven Maßnahmen, die die britische Polizei und das Militär gegen jüdische und arabische Nationalisten durchführten, betrachteten die Briten den Fußball zu einer Zeit wachsender Spannungen als ein ausgleichendes Element zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung. Die Mandatsmacht veranstaltete folglich Wettbewerbe, an denen Vereine beider Bevölkerungsgruppen ebenso wie britische Mannschaften teilnahmen. Auch in Palästina verstärkte die britische Präsenz also die Popularität des Fußballs, zumal Polizei- und Militäreinheiten ihre eigenen Klubs gründeten. Aber jüdische wie arabische Vereine – die insbesondere ab Mitte der 1920er Jahre entstanden – beziehungsweise deren Mitglieder hatten zunehmend nationalistische Ambitionen. Im gesamten Mandatsgebiet Palästina kam es immer wieder zu gewaltsamen Konfrontationen, die sich teils zwischen Juden und Arabern abspielten, teils gegen die britische Mandatsmacht richteten. Die Feindseligkeiten gegenüber Großbritannien, das zunehmend als feindliche Besatzungsmacht wahrgenommen wurde, äußerten sich dabei bisweilen auch auf dem Fußballplatz.
Als Teil des Strebens nach nationaler Unabhängigkeit gründeten zionistische Vertreter 1928 die Palestine Football Association (PFA), die ein Jahr später sogar von der FIFA anerkannt wurde. Voraussetzung hierfür war, dass der neue Verband formal nicht nur Juden, sondern auch Christen und Araber als Mitglieder akzeptieren musste. Von 1931 bis 1947 spielte die PFA eigene Meisterschaften aus, nicht-jüdische Vereine und Funktionäre waren im Verband aber kaum von Bedeutung. Erster „Meister“ der Liga in Palästina wurde 1932 die Mannschaft der britischen Polizei. Aufgrund der Anerkennung durch die FIFA nahm die PFA-Auswahl – ausschließlich mit jüdischen Spielern besetzt – auch an den Qualifikationen für die Weltmeisterschaften 1934 und 1938 teil. Im ersten Anlauf scheiterte man dabei an Ägypten, vier Jahre später an Griechenland.
Zugleich versuchte die PFA, Wettbewerbe zwischen arabischen Mannschaften aus Palästina und benachbarten Ländern zu behindern – vordergründig, weil diese nicht in der PFA organisiert waren.6 Entsprechend gründeten Angehörige der arabischen Bevölkerung Palästinas 1931 die konkurrierende Arab Palestinian Sports Federation (APSF), die auch Ausdruck wachsender eigenständiger Nationalbestrebungen war. Nach dem großen arabischen Aufstand von 1936 löste die britische Mandatsmacht viele arabische Vereine auf, und die APSF stellte ihre Arbeit ein (über 50 Jahre später sollte sich dies während der 1987 beginnenden „Ersten Intifada“ wiederholen, als der palästinensische Fußball durch die israelischen Besatzungsbehörden lahmgelegt wurde). Dennoch waren in der von der PFA organisierten Liga aus 27 Vereinen in Palästina neben zionistischen und britischen auch arabische Vereine sowie ein griechisch-orthodoxer Klub vertreten. 1944 wurde schließlich ein neuer arabisch-palästinensischer Verband gegründet, mit dem Ziel, alle arabischen Vereine unter einem Dach zu vereinen. Der Verband stand aufgrund seines hohen Organisationsgrades und seiner Ambitionen in direkter Konkurrenz zum parallel existierenden jüdisch-zionistischen Fußballverband. Nur vier Jahre später verlagerte sich die Konfrontation im ersten israelisch-arabischen Krieg dann auf das Schlachtfeld.
