Das Regenbogenväterbuch -  - E-Book

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Beschreibung

Werdet Väter! Dieser erste Ratgeber zum Thema soll Männern in Regenbogenkonstellationen helfen, ihre Vaterschaft zu planen und positiv zu (er)leben. Die Texte erzählen von allen Aspekten von Vaterschaft, den Planungen, der Zeugung, der Schwangerschaft, Geburt, vom Umgang mit eigenen Kindern, dem Umgang mit den Müttern, was das alles für die Partnerschaft oder das Singledasein bedeutet, und welche rechtlichen Aspekte eine Regenbogenfamilie bestimmen. Das Konzept der Regenbogenfamilie ist vielfältig: Es gibt nicht die eine Regenbogenfamilie. Niemand kann sich hinstellen und sagen: Nur so oder so muss ein Regenbogenfamilienleben aussehen. Es gibt viele verschiedene Verbindungen von lesbischen, schwulen, heterosexuellen und anderen (werdenden) Eltern. Welche Vaterrolle man auch für sich definiert: Eine Familie zu gründen, bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Denn eine der wichtigsten Erfahrungen von Vaterschaft ist, dass es einen neuen Menschen gibt, den man durchs Leben begleitet. Das Buch ist kein politisches Manifest. Herausgeber und Autoren verfolgen keine politische Agenda, und wir möchten nicht vorgeben, wie Vaterschaft in Regenbogenfamilien genau definiert sein soll. Das Buch berichtet von sehr persönlichen und intimen Erfahrungen und verschiedenen Blickwinkeln – kurz: von der Diversität von Familie. Dennoch ist das Buch politisch, weil das, was Regenbogeneltern hier erzählen, den gesellschaftlichen Blick auf Familie in Deutschland radikal ändern wird. Mit Checklisten, Bildern, Adressen. Fotos von Jan von Holleben.

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Seitenzahl: 499

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek — Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über: www.dnb.d-nb.de abrufbar.

© Copyright: Omnino Verlag, Berlin, 2020

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Alle Fotos: Jan von Holleben, www.janvonholleben.com

ISBN: 978-3-95894-084-0 (Print) / 978-3-95894-084-0 (E-Book)

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

Inhalt

Vorwort

KAPITEL 1 — Vor der Vaterschaft

Vor der Vaterschaft (Einleitung)

Gedanken und Leitfragen zur Familienplanung

Gemeinsame Werte finden

Suchen und Reden als Voraussetzung für Mehrelternmodelle

Wie man eine Frau zum Kinderkriegen findet

Interview mit zwei werdenden schwulen Papas über Datings mit Frauen

Alleine unter Heterovätern

Weshalb Gianni Bettucci eine Regenbogenvätergruppe ins Leben rief

Der Blick der Mütter auf Regenbogenväter

Erfahrungen aus 20 Jahren Familienarbeit

Schwule Väter

Beratungsbeobachtungen aus dem „Regenbogenfamilienzentrum München“

Wie sich Kinder auf die Beziehung auswirken können

Regenbogenfamilien verändern schwule Partnerschaftskonzepte

Raus aus der Nische

Das Väterangebot des LSVD

Hand aufs Herz

Leitfragen zur Planung einer Regenbogenfamilie

KAPITEL 2 — Vätergeschichten

Warum ich Vater werden wollte? – Darum!

»Es war alles gar nicht so geplant«

Wie man eine Regenbogenfamilie gründet und am Ende alles ganz anders wird

Gemeinsame Verantwortung für alle

Wie eine Mehrelternschaft gelingen kann

»Der Kleine outet uns häufiger«

Stefan und Dirk leben mit Pflegekind Fabian zusammen

Man muss kein Vollzeitpapa sein

Über eine Vaterschaft mit räumlicher Distanz

Vater werden mit Eizellspenderin und Leihmutter

Wie ein schwules Ehepaar mit einer Eizellspende und einer Leihmutter aus den USA den Traum vom Elternwerden verwirklicht

»Was, wenn das Kind behindert wäre?«

Über das Leben mit besonderen Kindern

Der gebärende Vater

Elternschaft jenseits aller Rollenklischees

Bauchpapa Markus

Ein Vater und 31 Kinder

KAPITEL 3 — Zeugung

Zeugung (Einleitung)

Fruchtbarkeit, Spermienqualität, Männlichkeitsvorstellungen

Wieso das Kinderzeugen bei schwulen Männern neue Fragen aufwirft

Zeugungsmethoden

Von Sex bis zur künstlichen Befruchtung

Wie und wann Frauen schwanger werden können

Das 1x1 der weiblichen Fruchtbarkeit für schwule Männer

Kinder zeugen in der Arztpraxis

Über Masturbationszimmer, Peinlichkeitsschwelle und Vitalitätswerte von Sperma

Die Geschichte hinter dem Regenbogen

Oder: Wie erzähle ich meinen Kindern von ihrer Zeugung?

KAPITEL 4 — Schwangerschaft und Geburt

Schwangerschaft und Geburt (Einleitung)

Schwangerschaftsvorbereitung für Regenbogenpapas

Untersuchungen, Termine, Richtlinien während der Schwangerschaft

»Eine Chance für bessere Väter«

Eine Frauenärztin über lesbische Mütter und schwule Väter während der Schwangerschaft

Geburtserlebnisse — Wenn alles anders kommt …

Zwei Väter und eine Mutter berichten

Eine Geburt und zwei Perspektiven

Christine und Gianni erzählen ihre Geburtsgeschichte

KAPITEL 5 — Alltag mit Kind

Alltag in Regenbogenfamilien (Einleitung)

Was es bedeutet, einen Vater im Alltag zu haben

Welt entdecken, offen sein, Ängste überwinden

Bindung und Bindungsfürsorge in familiären Kontexten

»Ein bisschen Vater sein« — wie soll das gehen?

Anmerkungen zu allzu bescheidenen Haltungen von Regenbogenvätern

Zusammen(-)wachsen

Co-Parenting als Kommunikations- und Beziehungsmanagement

Die Herausforderung, gute Übergaben hinzubekommen

Patchworken bringt auch das mit sich: Regenbogenkinder erleben viele Übergaben

Meine Tochter Anna und ich, ihr Papa

Ein kurzer Alltagsbericht vom Leben mit Kind

Alltag mit meinem Sohn

Von der Normalität, ein Regenbogenpapa zu sein

»Weißt du, wieviel Sternlein stehen«

Die evangelische Kirche und Regenbogenfamilien — Geht das?

Katholische Kirche und Regenbogenfamilie

Die katholische Kirche betreibt Kitas und Schulen und auf dem Land spürt man nach wie vor ihre Präsenz. Wie gehen wir damit um?

KAPITEL 6 — Konflikte

Konflikte (Einleitung)

Reproduktions-Ballade

Es ist nicht alles bunt unterm Regenbogen

Regenbogenfamilie wird oft verklärt zum Heile-Welt-Entwurf

Worst Case: Von der Beziehungsintoleranz zum Kontaktabbruch

Oder: Warum Paula keinen Papa haben darf

Das Wunschkind

Wie ich ein ferner Vater wurde

Weshalb ich um mein Kind gekämpft habe

Väterliche Emanzipation und Verantwortungsgefühle

Bevor es eskaliert — Mediationen lösen Konflikte

Interview mit Rechtsanwältin und Mediatorin Sabine Hufschmidt

KAPITEL 7 — Rechtliche Aspekte

Rechtliche Aspekte (Einleitung)

Rechtliche Gestaltungsmöglichkeiten und Risiken für Regenbogenväter

Anhang

Weiterführende Informationen

Autor.innenverzeichnis und Verzeichnis der Interviewpartner.innen

Danksagung

Vermehrt euch!

{Alexander Schug}

Dieses Buch feiert das Vatersein, feiert unseren und kommenden Nachwuchs und es feiert die Faszination, einen kleinen Menschen im Leben zu begleiten und Verantwortung zu tragen.

Für Homosexuelle war es ein langer Weg, offen Elternschaft zu leben. Sicher, lesbische und schwule Eltern gab es schon immer. Offen ausgelebt war deren Sexualität nicht, eher passten sie sich gesellschaftlichen Normen an, lebten nach außen in heterosexuellen Beziehungen und versteckten sich. Ohne individuelle Motive zu werten, Reproduktivität war dann die Voraussetzung, um als Schwuler, Lesbe oder queerer Mensch nicht aufzufallen und ausgegrenzt zu werden.

Wir müssen uns heute in der westlichen Welt nicht mehr verstecken. Eine große Errungenschaft liberaler Demokratien ist es, dass wir ein Leben ohne staatliche Verfolgung führen können. Spätestens mit der Ehe für alle hat eine Zeitenwende stattgefunden: Wir dürfen uns wohl als Teil der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft ansehen, weil unsere Sexualitäten kaum noch als Ausgrenzungsmerkmal dienen. Manche lästern, dass das nun der Höhepunkt schwuler, lesbischer, queerer Anpassung an die Heteronormativität sei.

Beim Thema Elternschaft ist es ähnlich: Das müsse man jetzt machen, um alle Unterschiede einzuebnen. Das eigene Kind wird da Ausweis von Ebenbürtigkeit … zu wem? – Es klingt nach Ausprobieren, danach, etwas nachzuholen, etwas zu machen, aus Faszination an der Machbarkeit. Aber genau das wäre falsch. Es wäre immer noch zu sehr daran orientiert, die Außenwelt weiter zu seinem Maßstab zu machen.

Wir wollen Väter sein, weil wir es können, weil wir es aus uns heraus spüren, dass es gut und sinnvoll ist, und weil wir es als Geschenk ansehen, Verantwortung für einen neuen Menschen zu übernehmen. Vaterschaft kann dabei vieles sein. Dieses Buch ist deshalb kein enges politisches Manifest. Herausgeber und Autor.innen verfolgen keine politische Agenda. Wir möchten nicht vorgeben, wie Vaterschaft in Regenbogenfamilien definiert sein soll. Dennoch ist das Buch politisch, weil das, was Regenbogeneltern hier erzählen, den gesellschaftlichen Blick auf Familie in Deutschland ändern wird. Wir glauben: Ja, unsere Vaterschaft hat eine gesellschaftliche Dimension, die wir hier gar nicht ausreichend fassen können. Aber nein, es geht uns nicht um Genderpolitik, um das Tradieren neuer Rollenmodelle für Schwule, Lesben, queere Menschen. Es geht darum, einem Gefühl auf der Spur zu sein, sich fortpflanzen zu wollen und seinen Nachwuchs in Konstellationen großzuziehen, die im wahrsten Sinne des Wortes divers sind.

Geht man dem Phänomen schwuler Vaterschaft nach, ist eines sicher: Vaterschaft ist das, was man daraus macht. Es gibt keine Rezepte, keine Vorgaben. Wir sind frei, tragen aber eine Verantwortung, wenn wir einen neuen Menschen in diese herausfordernde Welt bringen. Dieser Gedanke ist zentral und wird immer wieder Bedeutung haben: Verantwortung tragen. Wir glauben, dass Vaterschaft genau damit etwas zu tun hat. Wir wollen nicht bloße „Samenquelle“ oder „Samenspender“ sein. Wer das sein will: O.k., der tue das. Es gibt einen Markt und Abnehmerinnen dafür, aber es ist nicht unser Selbstverständnis, wenn wir einen Teil von uns geben und einen Menschen zeugen, der zu 50 Prozent unser Erbgut in sich trägt. Insofern wird in diesem Buch vor allem soziale Vaterschaft thematisiert, also das Co-Parenting zwischen Männern und Frauen, die keine Beziehung miteinander führen. Weniger im Fokus stehen Vaterschaftskonzepte, Samenspendermodelle, Modelle mit Ermöglichung der Stiefkindadoption für Partnerinnen der Mütter und nur am Rande Modelle mit Eizellspenderinnen und Leihmüttern.

Vaterschaft ist ein Prozess, der maßgeblich durch das Kind geformt wird. Das Leben mit Kind wird viele Veränderungen mit sich bringen und Ideologien vom „Regenbogen“ und der neuen Familienwelt auf den Kopf stellen. Vaterschaft ist eine turbulente, bunte Zeit. In diesem Sinne ist der Ratgeber eine Anleitung zur Vaterschaft und ein Ratgeber, der für alle, die ihre Vaterschaft noch planen, deutlich macht, welche Tragweite, welche Bereicherung, aber auch welche Einschränkung diese eine Entscheidung mit sich bringt. Dieser erste Ratgeber zum Thema soll Männern in Regenbogenkonstellationen helfen, ihre Vaterschaft zu planen und positiv zu (er)leben. Die Texte erzählen von allen Aspekten von Vaterschaft, den Planungen, der Zeugung, der Schwangerschaft, Geburt, vom Alltag mit eigenen Kindern, dem Umgang mit den Müttern, was Vaterschaft alles für die Partnerschaft oder das Singledasein bedeutet und welche rechtlichen Aspekte eine Regenbogenfamilie bestimmen.

Wir legen damit keinen klassischen Ratgeber vor. Die Ratgeberschaft dieses Buches ergibt sich aus den vielen subjektiven Erfahrungen einzelner Autor.innen. Schwule Vaterschaft kann man eben nicht mit einer einzigen Checkliste abhaken. Es ist vielmehr eine Sache der Abwägung, ob man es will und wie man es will. Deshalb haben wir viele verschiedene Meinungen hier zusammengetragen, die teils auch widersprüchlich zueinander und nebeneinander stehen. Wir haben Interviews gemacht, Erfahrungsberichte gesammelt, Reportagen geschrieben. Wichtiges und Lustiges, Trauriges und Ermunterndes ist hier zusammengekommen – ein erster Versuch, dem Thema einen Rahmen zu geben.

Das Buch ist das erste seiner Art im deutschsprachigen Raum. Es ist überfällig und wir wollen damit unser Wissen und unsere Erfahrungen als Regenbogenväter mit anderen teilen, uns vernetzen und öffentlich sein.

Einige der Väter, die hier zu Wort kommen, haben sich entschieden, anonym zu bleiben, nur mit Vornamen oder Pseudonym zu schreiben – auf jeden Fall die Namen ihrer Kinder zu ändern, um die Privatsphäre der Kinder zu wahren. Wo das der Fall ist, haben wir das kenntlich gemacht. Das Autor.innenverzeichnis führt Pseudonyme nicht auf.

Vor der Vaterschaft (Einleitung)

Gedanken und Leitfragen zur Familienplanung {Alexander Schug}

Will ich Vater werden?Welcher Vater will ich sein?Was braucht – vor allem anderen – ein Kind von mir?Welches Familienmodell möchte ich leben, in welchemKontext möchte ich meine Vaterschaft gestalten?

Man sollte diese Fragen genau diskutieren, auf sich wirken lassen, mit anderen bereden, Beispiele suchen, Klarheit gewinnen. Man sollte besser nicht in eine Vaterschaft stolpern und darauf vertrauen, dass sich alles irgendwie klären wird, wenn das Kind da ist. Jedes Vatermodell ist sowieso komplex und die Kommunikationsstrukturen in Regenbogenfamilien herausfordernder als in klassischen Familien. Vaterschaft entsteht ja nicht durch eine einzelne einsame Entscheidung. Viele andere Menschen sind daran beteiligt: Partner, Mütter, evtl. Kinderwunschkliniken, Institutionen wie Jugendämter etc. … Und alles hängt am Ende vom Kind selbst ab.

Kinder macht man nicht einfach, man trägt eine Verantwortung für sie und ist unversehens mit vielen juristischen, emotionalen sowie lebenspraktischen Fragen konfrontiert. Es lohnt sich also, die Entscheidung zur Vaterschaft abzuwägen, und das heißt: zu klären, in welchen Rechtskreisen man sich bewegt, wenn man passiver oder aktiver Vater sein möchte. Es ist dabei wichtig, die Haltung aller Beteiligten wahr- und ernst zu nehmen. Welche Familienvorstellungen haben Partner und Mutter/Mütter? Wenn man das klären will, gilt: Das allererste Gebot der Familienplanung ist, ehrlich zu sich und anderen zu sein und offensiv mit seinen Wünschen und Hoffnungen umzugehen, sie aufzuschreiben und Vereinbarungen zu fixieren. Es ist bei allen unseren Vätern, die wir kennen (und das sind einige Hundert in Deutschland), zwar so, dass die goldene Regel immer ist: Es wird alles ganz anders als geplant. Das Kind wird nach Geburt schließlich selbst zum Akteur innerhalb der Familie. Mit eigenen Rechten und Ansprüchen, die Eltern bedienen müssen. Dennoch geben wir als Eltern den Rahmen einer Kindheit vor. Und dieser Rahmen ist unser Commitment als Eltern. Sich ehrlich darüber auszutauschen, bedeutet also zu klären, wie viel Verantwortung, Zeit und andere Ressourcen sich jede.r zutraut.

Diese Fragen nach eigenen Vorstellungen solltet ihr vor dem Hintergrund diskutieren, was für das Kind in seiner spezifischen, individuellen Familiensituation richtig und verantwortlich ist. Das Kind ist schließlich kein Objekt der Elternwünsche. Es ist eben Träger eigener Rechte, die unabhängig von den Vorstellungen der Eltern existieren.

Verschiedene Vaterschaftsmodelle

Wichtig bei den vorbereitenden Gesprächen ist es, Einigung darüber zu erzielen,

•welches Vaterschaftsmodell man möchte (grob umrissen: Vater via Leihmutterschaft, bloße Samenspende, damit passiver Vater, der alle Rechte abgibt und sein Kind zur Adoption freigibt, oder aktiver, eingetragener Vater mit Sorge- und Umgangsrecht sowie Unterhaltsverpflichtung oder Pflegevater),

•welche Rolle jeder Elternteil haben soll und wie diese Rolle festgeschrieben werden soll (also formale Anerkennung als Vater vor dem Jugendamt oder lediglich schriftliche Festlegungen unter Einbindung eines Notars, um etwas mehr Verbindlichkeit zu haben, oder reichen informelle, vielleicht auch nur mündliche Absprachen?),

•wer Entscheidungen für das Kind trifft,

•in welchem Modus ggf. gemeinsame Entscheidungen getroffen werden sollen,

•wo der Lebensmittelpunkt des Kindes ist,

•wie viel Zeit welcher Elternteil mit dem Kind verbringt,

•in welchem Kontext das Kind mit welchen Werten aufwachsen soll?

Über diese praktischen Grundsatzfragen wird man schnell ein Gefühl entwickeln, welche Vaterschaft (vom Vollzeitpapa bis hin zum entfernten „Samenspender“) von dir gelebt werden möchte – und wie sehr sich diese Vorstellungen mit den anderen Eltern umsetzen lassen. Es gibt aber noch einige übergeordnete, lebensweltliche Aspekte, die gut abgewogen werden sollen.

Wie verantwortlich will ich sein?

Wie verantwortlich will man gegenüber einem Menschen sein, dessen Existenz von einem selbst abhängt? Und was heißt es, Verantwortung für ein Kind zu tragen? Jederzeit mit allem Engagement (auch finanziell) für dieses Kind einzustehen, für sein Überleben und Wohlergehen zu sorgen? Ist es verantwortlich, Samen zu „spenden“ und nichts mehr mit den Konsequenzen zu tun zu haben? Wenn man seinen Samen „spendet“: Ist es egal, welcher Frau man zum Kind verhilft? Ist es egal, in welches Setting man „sein“ Kind hineingibt? Wie viel Kontrolle will man behalten oder wie sehr will man sich von aller Verantwortung fernhalten? Wie viel Verantwortung trage ich für die Auswahl der Mütter meines Kindes? Wie viel Zeit gebe ich mir für diese Auswahl? Ist meine Verantwortung endlich oder kann ich etwas geben, das unendlich ist? Wie stark bin ich, um einem Kind eine glückliche Kindheit zu geben? Wie sehr kann ich meine eigenen Bedürfnisse kontrollieren und zurückhalten? Würde ich meinem Kind Organe spenden, um sein Überleben zu sichern?

Viele weitere Fragen könnte man sich zum Thema Verantwortung stellen. Es lohnt sich, diesem Gedanken viel Raum zu geben und sich intensiv damit zu beschäftigen, was das Übernehmen von Verantwortung für einen persönlich bedeutet.

Wie sehr kann ich vertrauen?

Wie sehr kann ich anderen vertrauen und auch Verantwortung überlassen, wenn man Vater wird und nicht mit der Mutter seines Kindes zusammen ist? Anderen, der Mutter/Müttern, vertrauen zu können, ist wahrscheinlich eine Grundvoraussetzung, um im Rahmen einer Regenbogenelternschaft Vater zu werden. Das Getrenntsein der biologischen Eltern ist schließlich meist ein Charakteristikum von Regenbogenelternschaft – die wenigsten leben ja zusammen und bilden eine Eltern-Kind-WG. Meist leben die Eltern in getrennten Haushalten, das Pendeln des Kindes ist so vorprogrammiert. Wer dann nicht in der Lage ist, zu vertrauen, loszulassen, sein Kind beim anderen in guten Händen zu wissen, wird es schwer haben. Elternschaft bedeutet auch, Kontrolle abzugeben, weil man nicht 24 Stunden beim Kind sein kann. Das Vertrauenkönnen ist eine Voraussetzung für alle Seiten und muss von allen Seiten geschenkt werden.

Wie sehr möchte ich mein Leben ändern?

Das Leben ändern? Je nach Vater- und Betreuungsmodell und je nachdem, was das Kind braucht, wird man unterschiedlich viel Zeit einbringen. Wer Vollzeitvater sein will, muss sein Leben radikaler ändern als jemand, der ein Wechselmodell leben möchte oder nur eine Samenspende gibt. Kinder wird auf jeden Fall niemand „zum Nulltarif“ bekommen. Selbst wenn man sein Kind zur Adoption freigibt und damit formal in keinem Bezug mehr zu seinem Kind steht, können sich Situationen entwickeln, die dein Leben beeinflussen. Was wäre schließlich, wenn dein Kind plötzlich ein Pflegefall wird und die Mutter und deren Partnerin nach Hilfe rufen? Würdest du dich verweigern?

Das Leben zu verändern, hat auch damit zu tun, wie flexibel du im Kopf, aber auch in Bezug auf deinen Job bist. Wer im Außendienst arbeitet oder auf einer Ölplattform, wird eh eine andere Vaterschaft leben müssen als Männer, die sich flexibel jederzeit für das Kind einbringen und damit stärker erleben werden, wie sehr das ihr Leben verändert. Wenn man aktiver Vater sein will, kommen schnell diese Diskussionen auf: Zieht man in die gleiche Stadt, den gleichen Bezirk wie die Mutter? Verändert man sich also räumlich? Das wäre schon eine große Veränderung. Vielleicht zieht man sogar mit der Mutter seines Kindes zusammen? Das wäre die größte Veränderung mit Auswirkungen auf sein gesamtes Privatleben. Je näher man zusammenrückt, desto mehr wird sich im eigenen Leben ändern. Je weiter man voneinander ist, desto einfacher wird es sein, sein Leben weiterzuführen – mit dem Preis, für sein Kind entweder kein oder nur ein entfernter Vater zu sein.

Wie sehr bin ich bereit, mit Frauen mein Leben zu teilen?

Ohne Frau wird man kein Vater, das ist eine selbstverständliche Weisheit – nicht der Rede wert. Aber man muss es sich klarmachen, wenn man sich nicht gerade für das Modell einer Leihmutterschaft entscheidet: Die Mutter deines Kindes wird unweigerlich zu einem wichtigen Menschen in deinem Leben, mit der man über Jahre, wenn nicht lebenslang, zu tun haben wird – in guten wie in schlechten Zeiten. Mit seiner Entscheidung zur aktiven Vaterschaft geht man eine Beziehung ein, die folgenreich ist. Man wird mit der Mutter seines Kindes jemanden in sein Leben lassen, die vielleicht sogar in Konkurrenz zum eigenen Partner stehen wird. Man wird damit eine Frau in seinem Leben haben, die man dem Kind zuliebe wertschätzen muss. Um es deutlich zu sagen: Wer auch nur den leisesten Anflug von Fremdheit demgegenüber in sich verspüren sollte, sollte kein Vater werden. Man wird mit so viel Weiblichkeit überschüttet, dass man damit nur umgehen kann, wenn man Frauen positiv wertschätzt, sie toll findet, bewundert, dass sie die gemeinsamen Kinder zur Welt bringen können. Wenn dein Kind ein Mädchen wird, zieht noch mehr Weiblichkeit in dein Leben. Gehen deine Kinder in die Kita und zur Schule, wirst du es mit einem durch und durch weiblichen System zu tun haben – mit vielen wirklich tollen, anpackenden, klugen Frauen.

Wie konfliktlösungsbereit bin ich?

Nichts ist emotional herausfordernder als eine Vaterschaft. Klar ist damit: Du wirst sensibel und angreifbar. Eltern werden ab ihrer Schwangerschaft dauernd reden und Probleme lösen müssen. Vieles wird man einvernehmlich regeln. Aber bei manchen kann schon die Frage nach dem Impfen einen grundsätzlichen weltanschaulichen Sturm der Gefühle entfachen. Oder eine Mutter empfindet nach der Geburt, dass „ihr“ Kind zu sensibel ist, als dass es irgendwann nach dem Abstillen auch zum Vater könne – und sich damit der Kontrolle durch die Mutter entziehen könnte. Was, wenn diese Mutter einseitig entscheidet, dass das Kind entgegen der Absprachen kaum oder keine Zeit mit dem Vater verbringt, höchstens unter Aufsicht der Mutter in ihrer eigenen Wohnung? Oder wenn diese Mutter den Kontakt zu dir ganz abbricht, weil sie glaubt, dass das Kind „ihres“ sei? Oder wenn du neue Gefühle entdeckst und mehr oder weniger als verabredet mit deinem Kind verbringen willst? Das sind dann die größten Herausforderungen deines Konfliktmanagements. Wie weit bist du da? Bloße Empörung bei Konflikten hilft nicht weiter. Aggressionen und Angriffe eh nicht. Du musst für dein Kind in der Lage sein, solche tief greifenden Konflikte zu meistern und sie souverän aufzulösen.

Wie sehr kann ich mich auf ein Kind einlassen und mich von den Bedürfnissen des Kindes leiten lassen?

Weg von der Elternebene. Kinder fordern eine komplett andere Weltsicht. Sie sehen die Welt mit ganz neuen Augen. Nichts ist ihnen bekannt. Dem Neuen, der Welt da draußen, mit Mut, Neugier und Zuversicht zu begegnen, bringen Kinder natürlicherweise schon mit und wir können diese natürliche Neugier bestärken. Über ihr „In-die-Welt-Hineinwachsen“ können wir aber nur kommunizieren, wenn wir uns auf ihr Tempo einlassen, Empathie zeigen und immer weiter das Leben mit Kind erproben. Lässt man sich konsequent darauf ein, werdet ihr schnell merken, wie viel Kinder uns zu lehren haben.

Welche Ressourcen habe ich dem Kind zu geben?

Ressourcen sind nicht materiell zu bemessen, auch wenn Geld, Status, kulturelles, soziales Kapital, Familienhintergrund wahrscheinlich wichtige Ressourcen sind. Man sollte sie nicht überbewerten. Klar, ihr müsst so viel verdienen, dass ihr für eure Kinder aufkommen könnt. Aber was sichert materiell eine glückliche Kindheit ab? Es geht auch mit wenig. Man kann alles irgendwie organisieren, tauschen, zusammenlegen. Kein Problem. Das setzt eine gewisse Wachheit voraus. Ein Informiertsein und Mitdenken. Ressourcen sind jedoch auch anderer Natur: Es ist die Liebe, die man seinem Kind gibt. Die Klarheit: Du bist mein Kind und ich werde dich durch alles begleiten und dir das Leben ermöglichen. Ressourcen sind auch Zeit. Sei da für dein Kind und sorge dich.

Wie öffentlich willst du sein?

Eine Regenbogenfamilie zu gründen, bedeutet, öffentlich zu werden. Man wird mit seinem Lebensmodell sichtbar, wenn gleichgeschlechtlich lebende Eltern Kinder bekommen. Schwule Vaterschaft wird deshalb nicht in abgeschiedener Privatheit vollzogen. Sie ist politisch und öffentlich. Dem Recht auf Fortpflanzung, das jedem Menschen zusteht, stehen angenommene (und zu ändernde) öffentliche Interessen entgegen, die tatsächlich, man kann es kaum glauben, deine Persönlichkeitsrechte in diesem Land beschneiden: So wird man beispielsweise nur unter bestimmten Umständen als Schwuler und Lesbe die Reproduktionsmedizin in Deutschland in Anspruch nehmen können (wenn man nicht mit einer erfundenen Legende in den Kliniken auftritt). Die Kosten dafür tragen Krankenkassen sowieso nicht. Die Kostenübernahme ist nur heterosexuellen Paaren vorbehalten. In Frankreich wird das Verbot für Reproduktionsmediziner, homosexuelle Menschen zu behandeln, gerade aufgehoben. Es ist wohl eine Frage der Zeit, bis das auch in Deutschland passiert. Noch ist es jedoch nicht so weit. In diesen Fällen, wo Reproduktionsmedizin, wo Krankenkassen, Ämter, Kita, Schule ins Spiel kommen, wird man mit seinem Lebensmodell sichtbar. Man muss seinem Kind ein Narrativ dafür anbieten, klar sein, selbstbewusst sein angesichts dessen, was einige als unfreiwilliges Dauer- Coming-out bezeichnen.

Gemeinsame Werte finden

Suchen und Reden als Voraussetzung für Mehrelternmodelle {Andreas Stein}

Auswahlkriterien für Frauen zu entwickeln, die die Mütter deiner Kinder werden sollen, kann schwer sein. Andreas Stein ist Vater eines Sohnes und hat diesen Weg hinter sich. Nach vielen Jahren weiß er: Man muss sich rückhaltlos offen und ehrlich in der Frage des Kinderwunsches und der Elternmodelle begegnen. Er beschreibt den Weg zu „seiner“ Kindsmutter und überlegt, was es braucht, um eine persönliche Verbindung mit ihr aufzubauen.

Länger habe ich gebraucht, um meinen Kinderwunsch klar zu bekommen. Die Freundschaften hielten nie so lange oder die Beziehungen waren nicht so fest, dass daraus eine langjährige Verbindung wuchs. In einer systemischen Ausbildung habe ich diesen Kinderwunsch jahrelang bearbeitet. Als es dann klar wurde, war ich bereits fast Mitte vierzig und immer noch alleinstehend und ohne Kind. Nun musste sich was ändern: Ich suchte einen Freund auf, der Erfahrung im Erstellen von Väterprofilen für die einschlägigen Plattformen hatte. Er sollte mir helfen, alles ins Rollen zu bringen. Wir arbeiteten ein kurzes, knackiges Profil aus. Aber ich war faul im Suchen einer Mutter für mein Kind, da ich am Ende nur zwei Anzeigen in der Siegessäule (schwullesbisches Monatsmagazin in Berlin) beantwortete, in denen meist lesbische Frauen einen Vater für ihr werdendes Kind suchten. Nur eine der beiden Frauen antwortete… und wir beschlossen uns kennenzulernen, trafen uns einige Male, dann veranstalteten wir gemeinsame Essen, wo wir uns unseren Freunden vorstellten. Ich machte mehrere Essen, die werdende Mutter auch und dann verreisten wir noch gemeinsam für einige Tage an die Ostsee… und begannen nach einem guten halben Jahr mit der Spritzen-/Becher-Methode „es“ zu probieren.

Was wir meinten, wie wir alles geplant hätten

Über unsere Elternrollen hatten wir ausführlich geredet. Ich habe in Erinnerung, eigentlich das Gefühl gehabt zu haben, alles Wichtige geklärt zu haben. Aber: Wie sich später herausstellte, habe ich nicht genau hingehört und nicht genau gefragt, denn die Antworten waren mir später kaum noch präsent, wenn überhaupt welche kamen. Hatten wir über die Schulform explizit gesprochen? Wie war das mit dem Spirituellen in der Erziehung? Haben wir das staatliche Bildungssystem zusammen bewertet? Haben wir das Thema Medienkonsum überhaupt gemeinsam besprochen? Wie war das mit dem Impfen? Mit anderen kinderwilligen Männern habe ich mich damals nicht vernetzt, obwohl ich genügend Anknüpfungspunkte gehabt hätte. Ich hätte mit anderen schwulen Vätern sicher viele Fragen klären können, mich beraten lassen können. Ich hätte es tun sollen, denn Vater wird man immer zum ersten Mal und es gibt keine Blaupause. Ich habe meine Vaterschaft eigentlich neben meiner Arbeit und meinem Privatleben laufen lassen. Selbstkritisch muss ich sagen, dass ich meiner Vaterschaft am Anfang nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt habe. Sonst hätte ich mich auf die Hälfte meiner Freunde verlassen, die mich in verschiedener Weise gewarnt hatten, mit dieser Frau meinen Kinderwunsch zu erfüllen.

Wer ist die richtige Mutter für mein Kind?

Nach Klärung des eigenen Kinderwunsches als schwuler Mann steht der Schritt an, wie finde ich die „richtige“ Mutter für mein Kind. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten wie „mann“ an die Frau kommt, je nach Art des Kinderwunsches.

Oft gesucht von lesbisches Paaren wird ein Mann als Samenspender oder als „Freizeitpapa“ ohne festgeschriebene Rechte und Pflichten. Das scheint eine einfache Lösung für den Mann zu sein: Mann hat ein Kind, das mehr oder weniger regelmäßig gesehen werden kann. Mit ihm kann man schöne Momente erleben und eine Beziehung baut sich wahrscheinlich auf.

Den Alltag mit seinen Mühen und Müttern, lässt man weitgehend draußen, genauso die Frage, ob man als Vater sein Kind in irgendeiner Form prägen möchte. Alle großen Entscheidungen überlässt man in diesem Modell der Mutter/Müttern. Kita und Schule, bei allem bleibt man entfernter Beobachter und trägt eigentlich kaum Verantwortung. Arbeit und Verantwortung überlässt man den Frauen.

Dann gibt es eine Fülle von Modellen, nach denen der Mann mehr oder weniger festgeschriebene Rechte und Pflichten als Vater hat, was die Anerkennung der Vaterschaft, Unterhalt, das gemeinsame Sorgerecht und vor allem den Umgang betrifft. Aber wie immer die juristische Grundlage ist: Im Prinzip bastelt jede werdende Familie ihre eigenen Rollen und Verbindlichkeiten. Um zu solchen verbindlichen Verabredungen zu kommen, muss man sich natürlich erst einmal kennenlernen. Zum Kennenlernen hilft ganz klassisch: Viel reden über Kindheiten, Weltanschauungen (im Sinne von: jeder schaut die Welt von seinem Punkt aus an), Erziehungserlebnisse, Kinderwunschgeschichten und natürlich über den Umgang mit Emotionen. Gemeinsame Erlebnisse, z.B. zusammen verreisen, können weiter die Fremdheit überwinden und das Klären gemeinsamer Werte und gemeinsamer Interessen verstärken. Da war ich zum Bespiel lax und dachte öfter: Ach, das klär ich später genauer! Aber gut das wir das angesprochen haben...

Was ist wichtig an Gemeinsamkeiten? Was kann verschieden bleiben? Das ist eine der wichtigsten Fragen! Die sollte auch viel Zeit und Energie bekommen. Das Ziel ist, sich in einem Überpersönlichen gemeinsam zu finden, in einer – wie auch immer gearteten – Weltanschauung, einer spirituellen Richtung oder einer Lebenswelt.

Trotz aller Absprachen: Die neue Realität mit der Geburt

Meiner Erfahrung nach gibt es um die Geburt herum meist eine Änderung der Beziehung der Regenbogeneltern. Meines Wissens nach gelingt bei den „Freizeitpapas“ eine dem Geplanten annähernde Rolle erstmal ganz gut. Auch die Freigabe des eigenen Kindes zur Adoption ist immer ein großer Akt des Vertrauens, des Verletzbarmachens, da diese nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, wenn dann das Lesbenpärchen einen ausbootet.

Viele Reibungspunkte haben natürlich die Eltern, die beschlossen haben, als Unbekannte die große Aufgabe der Kindererziehung mehr oder weniger gemeinsam zu stemmen. Die Mütter –egal ob hetero oder lesbisch – fühlen sich leicht eingeengt von Vätern, die bei allem gleich mitreden und/oder – mitbestimmen wollen. Konfliktärmer scheinen mir die Elternpaare zu sein (2 Väter mit 2 Müttern). Auf jeden Fall sind die Eltern klar im Vorteil, die den Kinderwunsch gemeinsam gut durchgearbeitet haben, rückhaltlos und offen sind, die die Motivation des Kinderwunsches bei sich und den/ der Partnerin/nen hinterfragt haben und bei solchen Gesprächen ein gewisses Maß an Selbstreflexion bewiesen haben.

Wenn man sich nicht offen genug begegnet

Aus der eigenen Erfahrung muss ich sagen, dass die Elternkonstellationen am meisten Probleme haben, bei denen sich herausstellt, dass ein wirkliches Kennenlernen doch nicht stattgefunden hat. Ein unkomplizierteres „Zurechtrücken“ im Alltag und täglichen Beisammensein, wie bei heterosexuellen Paaren, gelingt bei Regenbogeneltern eigentlich nicht, da jede Partei ihre eigene Lebenswelt hat und wirklich alles irgendwie bewusster entschieden oder angeschaut werden will. Schriftliche Vereinbarungen können da helfen, wenn sie auch nicht rechtsverbindlich sein müssen.

Durch den Kontakt mit dem Kind findet auch immer eine Berührung mit der Mutter/ den Müttern statt. Denn das Kind erzählt vom anderen zuhause, es plaudert auch unbefangen von den Eigenschaften der Mutter und dem, was da gut ist oder eben auch nicht. Auf jeden Fall sieht man auch die Mutter direkt im Kind (auch wenn sie biologisch nicht beteiligt war, z.B. wegen einer Eispende) oder hört sie in Redewendungen oder der Wortwahl heraus. Das sollte man akzeptieren und respektieren können, egal wie konflikthaft die Elternschaft auch mal werden könnte. Zumindest muss man es wissen, dass trotz getrennter Welten der andere Elternteil immer bei einem ist. Wenn man das nicht akzeptieren kann und zuvor auch seine Elternschaft nicht offen genug diskutiert hat, sind große Konflikte vorprogrammiert.

Wie man eine Frau zum Kinderkriegen findet

Interview mit zwei werdenden schwulen Papas über Datings mit Frauen {Tim und Marius* im Interview}

Tim und Marius sind schon über 15 Jahre ein Paar und seit 2019 verheiratet. Der Journalist und der Lehramtsstudent hatten das Thema „Kinder“ schon länger auf dem Tisch. Die größte Herausforderung: Wer soll die Mama ihrer Kinder sein? Ein Gespräch übers Dating mit Frauen, die die Mütter der eigenen Kinder werden sollen.

Wie kam es zu eurem Kinderwunsch?

Marius: Der Impuls kam von Tim. Ehrlich gesagt: Tim hatte schon immer einen Kinderwunsch. Bei mir war der Impuls nicht so stark, vor allem wegen des Studiums und des daraus resultierenden Zeitmangels. Der Gedanke war deshalb bei mir nicht so ausgeprägt, aber auch nicht völlig aus der Welt. Seit 2017 haben wir beide das Thema konkreter diskutiert. Irgendwie fiel das mit allgemeinen Veränderungen bei uns zusammen.

Tim: Ja, wir sind beide über 40 und vor einigen Jahren bemerkte ich, dass der Wunsch nach einem Kind konkreter wurde. Die Zeit war reif, dass ich diesen Wunsch erfüllen wollte. Was war mein Lebensfokus? Worauf sollte es ankommen? Diese Fragen stellte ich mir …

Marius: Seine Rolle war schon anders als meine. Tim dachte gleich daran, ein stark involvierter Vater sein zu wollen. Für mich war das weiter entfernt …

Tim: Das war für uns und innerhalb unserer langen Beziehung wirklich auch ein wichtiger Entwicklungspunkt. Eigene Kinder zu haben, bedeutete ja nicht weniger, als einen radikalen Einschnitt im Leben zu erfahren, mit allen Konsequenzen. Marius brauchte da Zeit, um sich mit dem Gedanken anzufreunden. Er konnte es anfangs noch gar nicht sagen, wie sich das für ihn anfühlte. Er musste nachdenken. Bei ihm ist das so. Irgendwann kommt der Punkt, an dem er sagt: O. k., ich bin so weit. Mir war wichtig, dass ich sein Nachdenken nicht durchbreche, sondern dass mein Partner mitkommt. Das war für mich eine Voraussetzung und hat am Ende noch mal etwas bestärkt in mir. Ich war schon immer sehr familienorientiert, aber es fühlte sich bisher nie so an, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, dem Wunsch nach einem Kind nachzugeben. Seitdem sind die Glücksgefühle, wenn ich Babys sehe, noch größer geworden. Vielleicht gibt es ja auch dieses Väterprogramm im Kopf, ich fühle mich anders codiert …

Marius: Ich merke das auch, dass ich anders auf Kinder reagiere, seitdem wir das als Thema haben.

Tim: Ich habe angefangen, genauer zu beobachten. Wir hatten ja bereits enge Kontakte zu Kindern. In Onkelfunktion hatten wir schon Kontakt zu einem Kind, dem Sohn einer Bekannten. Modellhaft habe ich gesehen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Meine Schwester hat zwei Kinder, mit allen fahren wir zusammen in den Urlaub. Ich merke halt, dass ich unheimlich gerne Zeit mit diesen Kindern verbringe. Diese Erfahrung wurde zunehmend für mich zum gedanklichen Sprungbrett.

Was waren eure ersten konkreten Schritte?

Marius: Das hat Tim in die Hand genommen, der dann richtige Datingplattformen gefunden hat. Darüber hatten wir mehrere Dates. Eine wirklich sehr neue Erfahrung: Frauen zu daten … Aber davor war noch etwas anderes wichtig. Es gab Gedanken über mehrere Modelle: Wir waren bei Pflegeelterninfoveranstaltungen. Für mich war das Thema relativ nah, weil meine Schwester einen Pflegesohn hat. Wir gingen hier in Berlin zu einer Infoveranstaltung, machten dann ein Seminar mit, in dem alles erklärt wurde. Man muss sich bei diesen Themen ehrlich machen. Ich persönlich kam bei der Abwägung aller Positionen dazu, dass das nicht so richtig passt … Die Herausforderungen erschienen mir zu hoch. Denn jedes Pflegekind bringt sein eigenes Päckchen mit, das man nicht unterschätzen darf.

Tim: Ich hab das so in Erinnerung, dass ich durch diese Veranstaltungen erst richtig gemerkt habe, dass ich ein eigenes Kind haben will, für das ich Verantwortung tragen möchte.

Marius: Bei mir kam in Bezug auf Pflegekinder eine Angst hoch, dass das Leben mit ihnen so unberechenbar sein könnte. Bei diesen Kindern sind die psychischen Determinationen teilweise unkalkulierbar. Davor hatte ich zu großen Respekt.

Tim: Eins muss man sagen: Die haben es ganz gut in dem Seminar geschafft, dass man die rosarote Brille verliert, dieses „oh toll, wir fühlen uns gut“ verliert man dann. Immer wieder: Es geht um Verantwortung.

Marius: Das hieß aber auch bei unseren weiteren Schritten, absolut ehrlich und offen gegenüber den Frauen zu sein, die wir treffen sollten. Klartext reden.

Tim: Also erst mal zu den Datingplattformen. Es gab für uns keine anderen Formate. Wir sind das ausschließlich übers Internet angegangen und hatten keine Bekannten, die infrage gekommen wären. Wir haben unsere Fotos da reingestellt, einen Text verfasst, und dann haben wir einfach mal geschaut. Wir wurden dann angeschrieben, aber ich habe auch von mir aus Frauen angeschrieben, aber da kam nie was zurück.

Insgesamt haben sich circa 20 Frauen gemeldet. Das waren ganz unterschiedliche Frauen, Paare, Singles, im Alter sehr unterschiedlich. Manche Kontakte verliefen im Sande. Manche waren einfach zu alt, weit über 40. Ich wollte ausschließen, dass man sich gleich Risikofaktoren reinholt.

Weitere Faktoren waren: Ich reagierte auf Frauen, die neugierig machten, sich gut verkauften und nicht ihre komplette Lebensgeschichte in der ersten Nachricht ausbreiteten. Wenn so was kam, klang das schnell verzweifelt, und ich hatte das Gefühl, dass das schnell schiefgehen kann.

Das erste Date mit einem lesbischen Pärchen war einfach nur gut. Die waren so cool, da hätte ich sofort Ja gesagt. Die eine war sehr offen, locker, ein fröhlicher, positiver Charakter. Die Freundin war etwas introvertierter und eher cool. Ich mochte beide als Personen. Die wollten aber kein gemeinsames Sorgerecht, was für uns aber entscheidend war. Obwohl diese Differenz schon vorab klar geworden war, haben wir uns dann getroffen. Es gab so einen Flow, dass wir es alle schön fanden, uns einmal zu treffen.

Marius: Ich hab noch andere Sachen gespürt. Ich habe eine Menge Druck gespürt, auch den Druck von der anderen Seite. Da habe ich schon gesagt, ich möchte nicht, dass die denken, dass wir denen mehr geben, als wir geben können. Kein falsches Signal zu senden, war für mich absolut wichtig. Ich fand dieses erste Date ganz schön anstrengend. Es wird einem bewusst, dass da ganz viele Perspektiven zusammenkommen. Das fand ich ein bisschen anstrengend.

Tim: Ich fand’s nicht anstrengend. Das war Neuland, man trifft eine Lebensentscheidung, es ist zum einen ein Kennelernen, aber auch ein Setting, das sehr konstruiert ist. Wie ein Projekt, obwohl es eine private Sache ist und klar ist, dass das Kinderkriegen kein Projekt ist. Aber ich habe das auf mich zukommen lassen.

Marius: Diese konstruierte Situation finde ich immer noch nicht optimal. Das macht es irgendwie zu einem Job. Es sollte so aber nicht sein. Man kann dieses Gefühl ablindern, indem man sich immer klarmacht, dass man bei solchen Kennenlernen offen ist, man kann sich auch wieder trennen.

Tim: Ja, da muss man sich offenhalten. Ein Dating kann auch scheitern. Klar. Und es ist keine Katastrophe.

Marius: Wir hatten insgesamt drei Dates. Ein Paar, eine Singlelady, dann wieder ein Paar.

Tim: Bei der Singlefrau war ganz klar, dass das nicht passt. Sie machte auf mich einen überforderten Eindruck. Dann kam dieses Paar, es war o. k., positiv. Dann haben wir als nächsten Schritt beide zum Essen eingeladen, was so unglaublich verkrampft war. Die Unterhaltung überwand an keiner Stelle ein Small-Talk-Niveau. Die Körpersprache war so eindeutig ablehnend und abgrenzend. Das passte einfach nicht. Bei unseren letztendlichen Frauen war ganz klar: Das funktioniert. Wir hatten vom ersten Augenblick an ein gutes Bauchgefühl, die Kommunikation war kein Problem und es gab einen guten Flow. Wir waren richtig euphorisiert.

Marius: Angesichts der Tragweite unseres Vorhabens sehe ich keinen Sinn darin, sich auch nur ansatzweise zu verstellen. Man bindet sich schließlich über Jahre.

Tim: Lisa und Ulrike sind so in unser Leben gekommen. Sie sind Mitte 30 und wollen das gleiche Modell wie wir, Hälfte-Hälfte, gleiche Verantwortung für alle. Die hatten eigentlich einen Bruder als Samenspender, der dann aber irgendwie nicht mehr wollte. Dann kamen wir. Wir waren die letzte Möglichkeit, die sie noch auschecken wollten. Danach hätten sie das Thema auch ad acta gelegt. Es war supernett, wir haben gleich beim ersten Treffen über unsere Werte gesprochen, über tief gehende Dinge.

Wie nennt ihr die beiden Frauen? Sind es »eure« Frauen …?

Tim: Wir nennen sie beim Vornamen. Manchmal sagen wir „die Mädels“.

Wie oft muss man sich sehen, um eine Familie zu gründen?

Tim: Die Entscheidung wurde gar nicht explizit getroffen. Schon nach dem ersten Mal sagten wir uns, dass wir es uns total gut vorstellen könnten. Der Bauch sagte sofort Ja, der Kopf: Moment, das Kennenlernen muss noch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Wir haben aber keinen Zeitplan festgelegt.

Marius: Ich hatte nicht diese totale Überzeugung, aber ich fand es richtig, zu sagen, wir lernen uns jetzt kennen. Ich denke, ich bin da analytischer und mit einem kühleren Kopf rangegangen.

Tim: Gut, dass Marius den kühlen Kopf da bewahrt, ich weiß ja auch, dass es notwendig ist, genau hinzuschauen. So ergab sich eine gute Ergänzung und wir hatten zwei Perspektiven. Dann ging es erst mal zu Untersuchungen. Bei mir waren die Ergebnisse super. Es war uns auch wichtig, die medizinische Passgenauigkeit zu klären. Wir wollten eindeutige Risikofaktoren ausschließen. Wir sind jetzt in der konkreten Vorbereitungsphase, nach einem halben Jahr des Kennenlernens fingen wir mit dieser Konkretisierung an. Wir haben jetzt angefangen, dass wir uns einfach so treffen, wir essen zum Beispiel gemeinsam zu Abend, erzählen vom Tag, was uns beschäftigt. Man redet wie an einem Familienabendesstisch. Das entspricht genau meinem Bild von Familienleben. Uns allen vieren ist es wichtig, dass da nichts aufgesetzt ist.

Marius: Man kann schon sagen, dass sich eine Freundschaft aufgebaut hat. Ich merke auch, dass ich mit der Co-Mutter enger bin. Bei mir ist der komplette Schalter aber noch nicht umgestellt.

Worauf wartet man?

Marius: Es ist wie bei Freundschaften, das braucht Zeit.

Tim: Man muss mal wegfahren, zumindest ein Wochenende, damit man sich nicht nur zwei Stunden unter der Woche sieht. Meine Haltung ist: Wenn man sich keine Zeit nimmt, wäre das verantwortungslos, aber wenn man sich alles immer zu lange zurechtlegt und zerredet, wird es auch nie was. Es wird nie den richtigen Zeitpunkt geben. Am Ende muss man nach dem Kennenlernen einer Frau oder eines Paares eines: einfach mal springen.

Allein unter Heterovätern

Weshalb Gianni Bettucci eine Regenbogenvätergruppe ins Leben rief {Gianni Bettucci im Interview}

Gianni Bettucci ist seit Jahren Berliner, fand eine bisexuelle Frau, mit der er eine Tochter zusammen hat. Beide leben in zwei zusammengelegten Wohnungen mit gemeinsamer Küche in Berlin. Als Gianni Vater wurde, betrat er für sich absolutes Neuland. Wie ein zweites Coming-out fühlte es sich an. Er suchte Verbündete und gründete schließlich eine der ersten Regenbogenvätergruppen in Deutschland.

Wie kam es zur Gründung der Gruppe, die im Netz als »Rainbow Daddies« (www.facebook.com/rainbowdaddies) zu finden ist?

Eine meiner Eigenschaften ist das Netzwerken. Als Italiener lebe ich gerne in Communities. Als ich Vater wurde, habe ich schnell bemerkt, dass ich allein dastand.

Es gibt genug Heteroväter, mit denen du hättest reden können, oder?

Nein, heterosexuelle Männer gehen mit Vaterschaft anders um als schwule Väter. Ich habe bei denen keine Resonanz auf meine Empfindungen erfahren. Heteroväter haben einen eigenen Rahmen: Sie wissen es irgendwie von Anfang an, dass sie ihren Platz als Vater haben, privat wie gesellschaftlich. Es ist sozusagen eine normalbiografische Entwicklung für einen Hetero, Vater zu werden. Bei mir war das anders, unerwartet und entsprach gewissermaßen nicht meiner gesellschaftlichen Codierung. Meine Vaterschaft war etwas sehr Außergewöhnliches. Nicht nur für mich, sondern auch in Bezug auf die Wahrnehmung der Leute. Ein Schwuler, der Vater wird – das war meine eigene innere Revolution. Als Gesprächspartner für diese meine Revolution boten sich Heteroväter nicht an, weil sie einfach nicht so gerne über ihre Gefühle mit der Mutter ihrer Kinder reden und für sie selbst Vaterschaft eben alles andere als eine Revolution ist. Aber ein Austausch hat mir gefehlt. Letztendlich brauchte ich auch einen Austausch über meine Beziehung zu einer lesbischen oder eben bisexuellen Mutter. Die Probleme sind einfach anders als in einer intimen Beziehung, die durch emotionale Zuneigung geprägt ist. Sagen wir so, ich hatte viele Freundinnen mit Kindern, aber irgendwie gab es nie einen tiefen Austausch, alles blieb sehr oberflächlich. Umgekehrt waren deren Probleme nicht immer meine Probleme. Man ist als Regenbogenvater immer irgendwie der „besondere Fall“, man erntet Neugier, aber nicht immer Verständnis.

Wann wurden diese Fragen für dich wichtig – also: Wann wurdest du Vater?

2013, da kam meine Tochter zur Welt. Anderthalb Jahre später fanden die ersten Treffen in der Daddies-Gruppe statt: Ralf, Uwe, Lukas und ich trafen sich im März 2015 das erste Mal. Ich habe einfach aus meinem Bekanntenkreis Leute gezielt zusammengetrommelt. Zu denen gehörte auch Ralf. Wir hatten uns gedatet. Dass er später auch Vater wurde, war reiner Zufall.

Was war das Besondere an den Gesprächen mit Ralf und den ersten Treffen deiner Gruppe?

Es war das aufregende Gefühl, Pionier zu sein. Wir machten was Unbekanntes, gingen diesen Weg zusammen und hatten nun andere, die das Gleiche erlebte. Das war für mich deshalb so wichtig, weil ja nicht nur Heteros um mich herum meine Situation nicht verstanden, sondern auch meine schwulen und lesbischen Freunde reagierten mit Unverständnis. Ich hatte in meinem schwulen Freundeskreis wenig Teilnahme und Interesse erfahren. Einige Freunde haben gesagt: Ja, melde dich, wenn du Milla nicht hast. Aber ich brauchte ja Kontakte, die das Kind akzeptierten und mit denen man gemeinsam mit Kind sein konnte. Von Ralf habe ich mich erstmals verstanden gefühlt. Wir haben dann sehr schnell mit den Kindern was unternommen.

Ein anderes Problem war: Ich fühlte mich schon selbst als Hetero. Ich habe mich in eine Rolle gepresst gefühlt als Vater, der mit seiner lesbischen Frau und Kind von außen wie ein Hetero behandelt wurde. Um meine Wahrnehmung zu verändern, musste ich die Leute immer wieder über unser eigentliches „Verhältnis“ aufklären. Ich habe sozusagen ein zweites Coming- out gehabt. Das Treffen mit anderen schwulen Vätern habe ich als ersten Schritt in diese Richtung gesehen.

Ist die Gay-Daddies-Gruppe eine Art Selbsthilfegruppe?

Vordergründig nicht. Für mich ist es eine Community und ein Netzwerk. Die Väter tauschen sich aus, verbringen gemeinsame Freizeit mit ihren Kindern, stehen nicht mehr alleine da. Es gibt keinen programmatischen Auftrag. Manchmal ist das Interesse von außen so stark, dass man fast das Gefühl hat, dass wir hier Geschichte machen. Dennoch sollen unsere Treffen zwanglos bleiben. Und dieses Angebot hat sofort eingeschlagen. Erst kamen vier, dann acht, dann 16 Väter schon beim dritten Treffen. Ich war überwältigt, dass es doch viel mehr Leute gab, als ich dachte. Da so viele Väter nach kurzer Zeit schon zu unserem Stammtisch kamen, hab ich verstanden, dass man hier ein bisschen Organisation braucht, um das Potenzial der Gruppe nicht zu verlieren.

Wie sah das »Community-Building« aus?

Wir haben eine WhatsApp-Gruppe angelegt, eine FB-Seite gemacht, wir organisieren uns über die sozialen Medien. Nur Mundpropaganda reichte nicht mehr aus, man musste das alles systematischer zusammenführen. Schließlich gab es immer neue Kontakte, insbesondere nach Interviews, die ich in den Medien gegeben habe. Das Interesse wurde schnell überregional. Daddies aus allen Bundesländern kontaktierten mich, auch darüber hinaus. Heute sind wir 500 Freunde auf Facebook, davon sind 150 Internationals, also Daddies aus Italien, Spanien … Gerade aus diesen Ländern kommen erstaunte Reaktionen: In Italien findet Regenbogenfamilie kaum statt und wenn, dann ist es reine Frauensache oder ein Thema für Schwule, die sich eine Leihmutterschaft leisten können. Oder man geht pro forma eine Beziehung mit einer Heterofrau ein und bekommt Kinder. Für Italiener ist das, was wir hier vorleben, wie ein Schritt in ein anderes Jahrtausend.

Haben wir hier in Mitteleuropa eine Vorreiterrolle?

Wir haben gerade in Deutschland besondere Konditionen. Deutschland ist so ein liberales Land. Dieses Land schafft Bedingungen für neue Experimente, die so nirgendwo anders stattfinden könnten. Es gibt hier eine größere Gelassenheit, weniger Kontrolle als in anderen Ländern, das machen sich viele Deutsche gar nicht klar. Ob es Offenheit oder Gleichgültigkeit ist, man weiß es manchmal nicht. Es gibt in Ländern wie Italien dagegen eine unglaublich große soziale Kontrolle, dass man als Schwuler es nur schafft sich in geschützten, oftmals nicht öffentlichen Räumen zu bewegen und zu verwirklichen. Raum für Experimente und neue Lebensformen kann da gar nicht entstehen. So haben wir hier in Deutschland als schwule Väter definitiv eine Vorreiterrolle.

Wie sind die gesellschaftlichen Perspektiven für die Gay Daddies?

Wir wollen immer präsenter werden, sodass unsere Geschichte und unsere Community außerhalb Berlins wahrgenommen werden. Die Vernetzung soll weiter vorangetrieben werden, sodass es vielleicht eine internationale Community wird. Das soll organisch wachsen, ich habe nicht vor, das irgendwie zu institutionalisieren, ich will keine Bewegung schaffen, aber weiter die Möglichkeit des Austausches geben. Wir bleiben eine kleine Realität innerhalb der Community. Aber was ich in die Welt tragen will, bei aller Bescheidenheit, ist, dass es ganz normal ist, als schwuler Vater zu leben. Das soll in die Lebenspläne einbezogen werden.

Vaterschaft ist bei dir keine private Angelegenheit mehr?

Es gibt diese zwei Extreme. Es ist und bleibt ein intimer Akt, der das Leben durcheinanderbringt. Und es ist als Schwuler, der das tut, ein politisches Statement. Es bleibt eine private Angelegenheit, aber ich stelle fest: Wir werden als schwule Väter gesellschaftlich wahrgenommen und bewertet.

Was bedeutet für dich schwule Vaterschaft? Ganz konkret …

Ich bin sehr bewusst Vater geworden, vielleicht mehr als mein eigener Vater. Ich bin, glaube ich, was geworden, was ich mir vorgestellt habe: liebevoll, engagiert und sehr präsent. Verantwortung für meine Tochter zu übernehmen, war für mich klar. Damit verbunden waren auch ungewohnte Reflexe: Es hat mich kurz gestört, dass meine Tochter nicht meinen Namen getragen hat. Aber letztlich muss schwule Vaterschaft unabhängig von diesen gesellschaftlichen Einrahmungen funktionieren. Aber das ist wirklich nur eine Kleinigkeit, die symbolisch zu werten ist. Es kommt am Ende nicht auf die klassischen Kenntlichmachungen von Vater-Kind-Beziehungen an, nicht auf die klassische Rahmung von Familie innerhalb einer durch Ehe geschlossenen und durch Namen kenntlich gemachten Institution.

Vaterschaft kann alles sein, es ist das, was man persönlich daraus macht, oder?

Jaaa, Vaterschaft ist etwas Dynamisches, das sich entwickelt. Und ich akzeptiere und wertschätze alle Vaterschaftsmodelle. Es ist eben doch ein sehr persönliches Thema, das unterschiedlich ausgeprägt sein kann, und ich möchte in unserer Gruppe und generell auch niemandem vorschreiben, wie er sich als Vater zu sehen hat und welches Modell er wählen soll. Und ich möchte auch nicht, dass das von außen gemacht wird und sich irgendjemand aufschwingt, uns zu erzählen, was Regenbogenfamilie bedeutet und welche Rollen Mütter und Väter zu spielen haben. Ich habe zum Beispiel das gemeinsame Sorgerecht, bin als Vater eingetragen, kümmere mich zu 50 Prozent um meine Tochter, lebe ein Wechselmodell. Aber das Schöne ist eben auch: Es kann alles ganz anders bei anderen sein.

Wie wird man Teil der Gruppe?

Jeder ist willkommen. Wer Teil der Community sein will, Vater werden will oder schon ist, meldet sich bei [email protected]

{Das Interview führte Alexander Schug}

Der Blick der Mütter auf Regenbogenväter

Erfahrungen aus 20 Jahren Familienarbeit {Constanze Körner im Interview}

Constanze Körner engagiert sich seit fast 20 Jahren für die Belange von Regenbogenfamilien und hat lange Jahre beim Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg in diesem Bereich gearbeitet. 2013 eröffnete sie Deutschlands erstes Regenbogenfamilienzentrum in Berlin-Schöneberg und ist als Expertin und freiberufliche Referentin mit diesem Thema in ganz Deutschland und darüber hinaus unterwegs. 2018 gründete sie mit anderen lesbischen Müttern den Verein Lesben Leben Familie (LesLeFam) e.V. in Berlin (www.leslefam.de) und engagiert sich dort ehrenamtlich als Vorständin.

Wie stellen sich lesbische Mütter den »idealen« Vater vor?

Zunächst ist es wichtig, die gesellschaftliche und rechtliche Situation zu betrachten, in der heute Lesben, Schwule und Trans*Personen in Deutschland leben, und mit welchen entsprechenden Rahmenbedingungen sie sich auseinandersetzen müssen, wenn sie sich für eine Regenbogenfamilie entscheiden. Der Aspekt der rechtlichen Absicherung einer Familie ist nicht unwesentlich für viele Entscheidungen auf dem Weg der Familiengründung. Hinzu kommen persönliche, biografische Erfahrungen mit Familie und oft auch die Gegebenheiten, wie Wohnen, Arbeit und Care-Aufgaben miteinander verbunden werden können. Über 90 Prozent der Regenbogenfamilien sind Mütterfamilien. Viele Frauenpaare und auch alleinstehende Frauen wollen ihren Kinderwunsch mithilfe eines privaten Spenders erfüllen, der auch als Mensch in der Familie bekannt ist. Die Vorstellungen reichen vom Spender aus dem Internet über den guten Freund der Familie bis hin zu einem Vater oder Vätern, die als Teil der Familie da sind und beim Heranwachsen der Kinder Verantwortung übernehmen wollen und sollen. Mit diesem Spektrum und all den individuellen Perspektiven der beteiligten Personen ist es schwer, einen „idealen“ Vater in einer Regenbogenfamilie zu beschreiben.

Gibt es solche Idealfälle?

Bestimmt gibt es sie. Jedenfalls gibt es Regenbogenfamilien mit mehr als zwei Personen, die sich als Eltern verstehen. Eltern zu sein, heißt ja nicht zwingend, mit dem Kind rechtlich verbunden oder genetisch verwandt zu sein. Es gibt Väter in Regenbogenfamilien, die zusammen mit den Müttern einen Weg gefunden haben, die rechtlichen Ansprüche und Möglichkeiten und die alltäglichen Anforderungen voneinander zu trennen. Wesentlich ist die Übernahme der Verantwortung für die Familie in dem Rahmen, wie sie verabredet wurde.

Gibt es Tendenzen in Regenbogenfamilien, wie Rollen ausgehandelt werden?

In meiner langjährigen Beratungstätigkeit habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die sich entweder im Vorfeld von möglichen Konflikten oder bereits in Konfliktlagen Rat suchend an mich gewandt haben. Oft stehen diese Konflikte im Zusammenhang mit dem Umgang und dem rechtlichen Anspruch auf das Kind. Auch wir als Regenbogenfamilien sind geprägt von heteronormativen Rollen- und Familienvorstellungen und befinden uns in einer patriarchalen Gesellschaft. Somit macht es aus meiner Sicht und sehr verkürzt dargestellt leider sehr oft keinen Unterschied zu heterosexuellen Elternteilen, wie im Konfliktfall zwischen den Geschlechtern miteinander umgegangen wird.

Was wäre für dich persönlich der ideale Regenbogenpapa?

Ich selbst lebe in einer Regenbogenfamilie und es gibt die Väter unserer Kinder. Wir haben für uns einen Weg gefunden, mit Respekt die jeweils anderen Menschen in unser Leben zu lassen, ohne Grenzen zu überschreiten. Für die Kinder gibt es die Väter als Ansprechpersonen. Im Laufe der Jahre fordern die Kinder die Personen um sich unterschiedlich ein, die ihnen als Bezugspersonen zur Verfügung stehen. Dafür braucht es aber Raum und Zeit.

Welche Eigenschaften müssen Regenbogenpapas mitbringen, die sich für das Modell entscheiden, ihr Kind bei zwei Frauen aufwachsen zu lassen?

Für diese Regenbogenväter muss klar sein, dass sie nicht sieben Tage in der Woche 24 Stunden am Tag die Verantwortung haben wollen und können. Sie sollten loslassen können und den Frauen vertrauen, dass ihr Kind gut bei ihnen aufgehoben ist. Sie sollten auch sensibel dafür sein, wann es gut ist, da zu sein und sich auch wieder zurückzuziehen. Gleichzeitig sollten sie ihre Gefühle und Wünsche aussprechen können. Das erfordert von den Müttern aber auch ein offenes Ohr und auch eine offene Tür. Es ist schwierig, dafür Eigenschaften zu benennen, denn alle Menschen in ihrer Individualität sind unterschiedlich an Bedürfnissen und Ansprüchen.

Welche Missverständnisse tauchen auf bzw. tauchen oft auf im zwischenmenschlichen Interagieren zwischen den Müttern und dem Vater/den Vätern?

Ich würde hier weniger von Missverständnissen sprechen, sondern vielmehr davon, dass die Beteiligten sich nicht zuhören oder aufhören, miteinander zu sprechen, und das Kind mit einem Gegenstand verwechselt wird, der hin- und hergeschickt werden kann. In den letzten Jahren ging die Tendenz immer häufiger, auch aufgrund der schwierigen rechtlichen Lage für Regenbogenfamilien, Richtung gerichtlicher Entscheidungen hinsichtlich Sorgerecht und Umgang. All die vielen Gedanken, die sich im Vorfeld von allen beteiligten Elternteilen in Bezug auf ihr Wunschkind gemacht wurden, können auf einmal nichtig werden.

Welche Eigenschaften sind nötig oder müssen entwickelt oder eingeübt werden, um den Umgang miteinander oder bei Übergaben so angenehm, leicht und unproblematisch wie möglich zu machen?

Auch bei dieser Frage sind kurze pauschale Antworten schwer. Wichtig ist, das Kind nicht aus dem Blick zu verlieren. Oft haben die Eltern mit ihrem Konflikt untereinander so zu tun, dass sie das Kind nicht mehr sehen. Für Übergänge ohne Konfliktlagen ist es immer schön, auch gemeinsame Elternzeiten zu haben, zum Beispiel beim Essen oder Zeit auf dem Spielplatz. Auch bei Konflikten sollten die Kinder spüren, dass die beteiligten Elternteile im Kontakt und Gespräch miteinander sind.

Würdest du das Model mit aktiver Vaterbeteiligung allen lesbischen Frauen empfehlen?

Diese Frage kann ich mit „nein“ beantworten. Nicht zu allen Frauenpaaren passt das Model eines aktiven Vaters. Schon gar nicht bei der derzeitigen unsicheren Rechtslage für Regenbogenfamilien. Darum sind Beratungen im Vorfeld wichtig. Grundsätzlich ist es für Kinder schön, wenn sie viele sie liebende Bezugspersonen haben, aber das muss nicht zwingend an Mütter und/ oder Väter gekoppelt sein.

Wann würdest du es unter keinen Umständen empfehlen?

Von diesen Umständen gibt es einige. Da kann ich nur mal zwei Beispiele nennen: Viele Frauenpaare sagen mir, dass sie zu zweit schon genug Dynamik in ihrer Beziehung haben. Dann sind noch weitere Personen, die über ein Kind in deren Leben treten, einfach zu viel. Auch gibt es Paare, die schon lange sehnsüchtig darauf warten, ein Kind zu bekommen, aber es klappt nicht – egal ob mit Reproduktionsmedizin oder mit einem bekannten Spender. Kommt dann ein anderer Spender infrage, den sie aber unsympathisch finden, sollte aus solch einer Verzweiflung heraus der Kinderwunsch auf diesem Weg lieber nicht erfüllt werden.

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn die »Chemie« nicht stimmt zwischen den Elternteilen?

Sollten die potenziellen Elternteile noch in der Gründungsphase sein, sollten sie die Gespräche abbrechen und passende Wege und Menschen für sich jeweils suchen. Im Laufe des Lebens verändern sich Menschen, Paarbeziehungen und Lebensumstände und es kann immer passieren, dass aus engen Freundschaften konfliktreiche Beziehungen werden. Mit einem Kind verändert sich viel im Leben und wir als Regenbogenfamilien haben die Möglichkeiten, unseren Kinderwunsch mit Bedacht umzusetzen und Familie „anders“ zu leben. Es gibt für schwierige Zeiten Beratungsstellen, Mediationsmöglichkeiten und Netzwerke, die unterstützend sein können.

Was würdest du allen Lesben und Schwulen empfehlen, die beschließen, ein Kind in einer Regenbogenfamilie haben zu wollen?

Wichtig ist, sich zu informieren und mit anderen Menschen in den Austausch zu gehen. Inzwischen gibt es in ganz Deutschland Beratungsstellen für Regenbogenfamilien, Broschüren zur aktuellen Situation und Netzwerke, die zur Orientierung helfen können. Kinderwunschgruppen, Regenbogenfamilientreffen und Internetforen helfen bei der eigenen Stärkung und können für Eltern und Kinder eine wichtige Basis sein für Informationen, Freundschaften und Selbstbewusstsein in einer Gesellschaft, die auf der einen Seite immer mehr Vielfalt ermöglicht und auf der anderen Seite diese Vielfalt verhindern möchte.

{Das Interview führte Uli Heissig}

Schwule Väter

Beratungsbeobachtungen aus dem »Regenbogenfamilienzentrum München« {Stephanie Gerlach und Marion Lüttig}

Regenbogenfamilien werden in der bunten Familienlandschaft präsenter. Doch trotz Eheöffnung müssen sie nach wie vor gegen gesellschaftliche Vorurteile und rechtliche Herausforderungen kämpfen. War lange Zeit das Thema Kinder eher eines der Lesben, realisieren heutzutage auch immer mehr schwule Männer ein Leben mit Kindern.

Regenbogenfamilien sind zumindest in den großen Städten heutzutage sichtbarer als früher, auch in den Medien kommen sie nun vor. Wird über sie berichtet, fallen auch immer mehr Fotos von Väterpaaren mit Babys auf. Gleichwohl sind jedoch weiterhin etwa 90 % der Regenbogenfamilien Mütterfamilien. Allerdings steigt der Anteil von Regenbogenfamilien, in denen Vaterschaft aktiv gelebt wird. Die Bandbreite reicht von Pflege- und Adoptivvätern über Väter, die mithilfe einer Leihmutter Eltern geworden sind, bis hin zu Mehrelternfamilien mit einem oder zwei aktiven Vätern und Müttern.

Nähert man sich dem Thema „LGBTQ-Personen mit Kinderwunsch“ weiter, fallen auch die unterschiedlichen Umsetzungsmöglichkeiten bzw. -herausforderungen ins Auge. Adoption und Pflegschaft sind Optionen, mit denen Frauen und Männer bzw. lesbische/schwule Paare gleichermaßen ihren Kinderwunsch erfüllen können. Schwieriger wird es beim Wunsch nach leiblicher Elternschaft. Frauen können schwanger werden, Männer nicht. Frauen brauchen in jedem Fall eine Samenspende, Männer sind auf eine Frau bzw. ein Frauenpaar angewiesen, um Elternschaft, in welchem Maß auch immer, leben zu können.

Regionale Unterschiede: Eine Frage der Einstellung und/oder des Geldes?

Spannend ist es, durch den Austausch im bundesweiten Beratungsnetzwerk („BIG Regenbogenfamilienfachkräfte“) zu sehen, dass es bei der Wahl der Regenbogenfamilienkonstellation regional zum Teil Unterschiede zu geben scheint, wie z. B. bei der Häufigkeit von Mehrelternschaften oder der Familiengründung durch Leihmutterschaften: Nach unserem Eindruck finden sich in Süddeutschland häufiger Zweiväterfamilien, die neben der Realisierung ihres Kinderwunsches per Pflege oder Adoption den Weg der Leihmutterschaft im Ausland (Ukraine, Russland, USA) gehen, als etwa im Rheinland oder gar in Berlin. In Berlin erhält man mitunter den Eindruck, dass schwule Männer dort ihren Kinderwunsch eher im Zuge der Gründung einer Mehrelternfamilie realisieren und dort das Thema Leihmutterschaft weniger auftaucht.

Gleichsam gibt es auch Unterschiede in der größten Gruppe der Zweimütterfamilien: je südlicher, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Familiengründung des Lesbenpaares unter Zuhilfenahme einer Samenbank bzw. eines reproduktionsmedizinischen Zentrums erfolgt als mithilfe eines privaten Samenspenders, der seine Rechte und Pflichten an die Partnerin der leiblichen Mutter abgibt. Auch die unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten für Lesben zu Praxen der Reproduktionsmedizin spielen sicherlich eine Rolle: Während manche Landstriche sich noch an frühere Empfehlungen der Ärztekammern halten, wonach Singlefrauen und lesbische Paare nicht behandelt werden sollen, gibt es in anderen Regionen keinerlei Schwierigkeiten, in einem Kinderwunschzentrum Unterstützung zu bekommen.

Ob es sich bei diesen regionalen Unterschieden um „kulturelle“ Effekte („die im Süden sind konservativer und hängen am Zwei-Eltern-Modell, die in Berlin und Köln sind viel moderner und lassen konservative Paar- und Familienkonstellationen hinter sich“) handelt oder nicht doch auch finanzielle Gesichtspunkte eine Rolle spielen („in Bayern und Baden-Württemberg ist das Einkommensniveau von Männern und Frauen höher als etwa in Berlin, professionelle Unterstützung muss man sich auch leisten können“), wäre ein interessanter Untersuchungsgegenstand. Diese Beobachtungen aus dem Beratungsalltag sind bisher im bundesdeutschen Raum noch nicht wissenschaftlich erforscht worden. Somit können wir hier derzeit lediglich Vermutungen anstellen.

Gleichwohl ist allgemein zu beobachten, dass der „Trend“ zur leiblichen Elternschaft auch bei LGBTQ-Menschen ungebrochen ist, unabhängig von der schlussendlich gewählten Familienkonstellation als Zweimütter- oder Zweiväterfamilie, Mehrelternkonstellation oder Co-Parenting-Modell.

Darüber hinaus ist wahrzunehmen, dass seit der Eheöffnung und dem damit ebenfalls einhergehenden Recht der gemeinschaftlichen Adoption vermehrt auch schwule Paare diesen Weg der Familiengründung beschreiten, der schwulen und lesbischen Paaren bis 2017 gänzlich versperrt war. Auch hier bleibt es interessant zu beobachten, ob sich hierdurch der Weg zur Familiengründung für Schwule relevant verändern wird. Derzeit ist es für fundierte Aussagen hierzu sicherlich noch zu früh.

Aus dem Beratungsalltag: die Klärung der Rollen

Eine grundlegende Voraussetzung für eine mögliche Familiengründung im Regenbogenkontext liegt darin, dass alle Beteiligten das künftige Familienmodell und die dazugehörigen Rollen klären müssen – und d. h. über die drei unterschiedlichen Ebenen von Elternschaft – biologisch-genetisch, sozial sowie juristisch – offen zu sprechen. Leider geschieht dies nicht immer. Dies ist komplex und mitunter herausfordernd, sich über die verschiedenen Aspekte von Elternschaft auszutauschen. So sind Fragen zu bewegen wie „Ist mir leibliche Elternschaft wichtig?“, „Wie wäre es für uns als Paar, wenn lediglich ein Partner leiblicher Elternteil ist?“, „Wie ist es für uns zu dritt/zu viert, wenn lediglich zwei von uns genetisch mit dem Kind verwandt sind?“, „Denke ich, dass das Kind eine Mutter und einen Vater haben sollte?“, „Wie sieht es mit den Großeltern aus?“, „Wer entscheidet was?“, „Wer zahlt was?“, „Sind alle Beteiligten Papas und Mamas?“ …

Doch es geht hier um ein Kind, dessen Wohl oberste Priorität haben sollte und dessen Eltern sich qua Elternschaft lange aneinander binden. Umso wichtiger ist eine offene Kommunikation unter den Eltern in spe.

Entscheidet sich zum Beispiel ein Männerpaar zusammen mit einem lesbischen Paar, eine Familie zu gründen, gibt es die unterschiedlichsten formal-juristischen Lösungsmöglichkeiten, die – da es in Deutschland keinerlei Rechtsmodell für Mehrelternschaft gibt – durch unserer Rechtssystem gezwungen sind, die zwei möglichen juristischen „Elternstellen“ untereinander aufzuteilen. Angesichts der gesellschaftlichen Überhöhung des Begriffs „Mutter“ und „Vater“ und deren häufige Verknüpfung mit der biologischen Elternschaft ist dies kein leichtes Unterfangen, muss die Regenbogenfamilie doch ein neues Familienmodell (anders als „Vater-Mutter-Kind“) mit Leben füllen.

Entscheidet sich beispielsweise ein Lesbenpaar für einen Spender aus einer Samenbank und lässt sich in einem Kinderwunschzentrum behandeln, ist die rechtliche Situation klar. Für den Spender ist keine soziale Vaterrolle vorgesehen und auch nicht gewünscht.

Komplizierter kann es werden, wenn ein privater Spender involviert ist. Vielleicht entscheidet sich ein lesbisches Paar dazu, den besten Freund zu fragen. Er fühlt sich geehrt, sagt zu und stellt erst nach der Geburt des Kindes fest, dass er viel mehr sein will als ein „Jedes-zweite-Wochenende-Papa“, sondern nun auch eine aktive Vaterrolle einnehmen will. Kann er sich trotzdem an die vorher getroffenen Absprachen halten?

Auf der lesbischen Seite können sich Gefühle und Bedürfnisse auch stark verändern, sobald eine Schwangerschaft eingetreten oder das Kind geboren ist. Trotz entgegengesetzter Absprachen kann das Bedürfnis entstehen, sich erst einmal als Paar zurückzuziehen bzw. das neue Leben mit Baby ohne dritte erwachsene Person erleben zu wollen.