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Ein Liebesroman mit geballter Action, der sich in einer Zeit abspielt in der fast die ganze Menschheit durch eine Pandemie vernichtet wurde
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2021
„Treffen zwei Seelen aufeinander, die sich gesucht haben, wird etwas Großes daraus erwachsen“
DAS
REGIME
Revanche
EPISODE 2
Binga Hydman
© 2022 Binga Hydman
Umschlaggestaltung, Illustration: B.Heidtmann
Lektorat: Pia Henke
Verlag+Druck: tredition GmbH, Halenreihe 40-44
22359 Hamburg
ISBN:
978-3-347-51648-9 (Softcover)
978-3-347-51651-9 (Hardcover)
978-3-347-51653-3 (e-Book)
978-3-347-51656-4 (Großdruck)
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Prolog
Als die Truppen der Weltregierung im Jahre 2052 nach zwei Jahren des Krieges den europäischen Kontinent verließen und ihre Soldaten und Funktionäre nach Nordafrika evakuieren mussten, kehrte im befreiten Europa so etwas wie Frieden ein. In allen ehemaligen Nationalstaaten der Alten Welt waren die seit über drei Jahrzehnten unterdrückten Menschen aufgestanden, um sich von den Fesseln der Diktatur des Regimes zu befreien. Nach unzähligen Toten auf beiden Seiten schwiegen nun die Waffen.
Das Regime hatte in den letzten drei Dekaden ein System der Unterdrückung und des Unrechts aufgebaut, in dem es die Menschen nach dem Ausbruch einer tödlichen Pandemie im Jahr 2020 in zwei Bevölkerungsgruppen aufgeteilt hatte. Während die geimpften Bürger in hübschen Enklaven lebten, in denen es auch nach dem vollständigen Zusammenbruch des globalen Handels 2024, fünfundzwanzig Jahre nach dem wirtschaftlichen Exodus, noch immer so gut wie alles gab, kämpften die ungeimpften Menschen in dieser Zeit in den abgeriegelten Städten um ihr tägliches Überleben.
Nach ihrer Befreiung durch die Männer und Frauen der Widerstandsarmeen machten sich die Menschen daran, ihre zerstörte Heimat wieder aufzubauen. Drei Jahrzehnte lang waren die allermeisten Gebiete Europas sich selbst überlassen gewesen und die Natur hatte sich große Teile der einst bewohnten Siedlungen und Landschaften zurückerobert.
Schon bald nach ihrer Befreiung stellen die früheren Nationen Europas fest, dass sie dieser gigantischen Herkulesaufgabe allein nicht gewachsen waren. Aus dieser Erkenntnis heraus schlossen sich die Völker Europas zu einem gemeinsamen Staat zusammen, den sie von diesem Moment an die Vereinigten Staaten von Europa nannten. Zu ihrem ersten gewählten, gemeinsamen Ministerpräsidenten wählten sie sich einen der ehemaligen Anführer des Widerstandes. Die neue Hauptstadt Europas, die nach einer im vorangegangenen Krieg gefallenen Widerstandskämpferin benannt wurde und aus diesem Grund Mag-City hieß, wurde schnell zum wichtigsten Ort des neuen Staates. Nach und nach rekultivierten die Menschen die maroden Ortschaften und verwilderten Regionen ihrer Heimat und bereits nach kurzer Zeit trugen diese Bemühungen zu einer langsamen Gesundung des Kontinents bei.
Das Regime dagegen leckte sich seine Wunden und beäugte die Entwicklung in Europa mit Neid und Misstrauen. Immer noch herrschte die Weltregierung über die größten Kontinente des Planeten. Asien, Afrika und Nord- sowie Südamerika befanden sich auch weiterhin unter ihrer Kontrolle. Wie einst in Europa lebten die meisten Menschen in diesen Gebieten entweder in einer der abgeschlossenen Enklaven oder wurden in den verwahrlosten Städten wie Tiere in einem Käfig gehalten. Nachdem der alte Weltpräsident kurz vor Ende des großen, europäischen Krieges während eines Staatsbesuches in Gefangenschaft geraten war und kurze Zeit später Selbstmord beging, hatte sich sein Sohn zum neuen Herrscher der Welt aufgeschwungen. Der neue Präsident regierte mit noch härter Hand, als es einst sein Vater getan hatte. Ihn schmerzte der Verlust des europäischen Kontinents und bereits kurz nach dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen und dem damit verbundenen, schnellen Rückzug seiner Armeen über das Mittelmeer nach Afrika, sann er auf Rache.
Nach seiner weltweiten Machtübernahme im Jahre 2025 hatte sein Vater, der bis dahin einer der brutalsten und zugleich reichsten Männer der damaligen USA gewesen war, seine politische Agenda mit der eigenen Gier nach Macht und Reichtum eng verknüpft. Gleichzeitig entwickelte er einen perfiden Plan, um die bis zum Ausbruch der Pandemie im Jahre 2020 existenten Probleme der Menschheit durch radikale Maßnahmen ein für alle Mal zu lösen. Ein erster Schritt bestand darin, sich das Weltmonopol für den dringend benötigten Impfstoff zu sichern und den Preis für das lebensrettende Medikament in astronomische Höhen zu treiben.
Schon bald war kein Land mehr in der Lage, diese Preise zu bezahlen und die Regierungen wurden gezwungen, ihre eigene staatliche Souveränität gegen eine kleine Menge des unverzichtbaren Impfstoffes einzutauschen. Die Weltregierung entstand und unterteilte die Menschen von diesem Moment an in ungeimpfte und geimpfte Bürger.
Der zweite Schritt hin zu dieser neuen Weltordnung sah vor, die Lebensräume der Bevölkerung rigoros zu verkleinern, um die Klima- und Umweltsünden der großen Industrienationen der Vergangenheit in den Griff zu bekommen. Über 85 % der bisher bewohnten Gebiete wurden entvölkert und der Natur preisgegeben. Dabei wurden Städte, Dörfer, Industriegebiete und die gesamte Infrastruktur wie Straßen und große Teile der landwirtschaftlichen Nutzungsflächen aufgegeben. Auf gigantischen neu errichteten Plantagen ließen die neuen Herren von diesem Zeitpunkt an durch eine Armee von Robotern die notwendigen Nahrungsmittel für ihre Enklaven anbauen, während die Menschen in den abgeriegelten Städten mit minderwertiger Ersatznahrung auskommen musste. Hunderttausende starben in den darauf folgenden Jahren an Hunger und Unterernährung, aber auch dieser Umstand passte in die Pläne der Weltregierung, schließlich konnte dadurch auch das Problem der Überbevölkerung effektiv bekämpft werden. Als offizielle Grundlage für diese Entscheidungen diente dem Regime das tödliche Virus Covid-19 und der Mangel an wirksamen Impfstoffen. Hilflos mussten sich die wehrlosen Bevölkerungen der Städte den menschenverachtenden Anweisungen der Obrigkeit fügen, bis schließlich einige wenige Europäer herausfanden, dass die Pandemie schon seit Jahrzehnten nicht mehr existierte. Diese mutigen Männer und Frauen wagten daraufhin den Aufstand.
In den noch unter der Herrschaft des Regimes stehenden Kontinenten wussten die Menschen von all diesen Vorgängen in Europa nichts. Sie lebten auch weiterhin eingepfercht und unterversorgt in überfüllten Städten mit der Vorstellung, dass sie ein tödlicher Virus umgab, während die Elite ein sorgenfreies Dasein in den Enklaven genoss.
Der neu ernannte Weltpräsident und seine Helfer begannen schon bald, nachdem sie Europa hatten verlassen müssen, damit die Rückeroberung des verlorenen Gebietes zu planen. In den USA wurden seit Jahren ungenutzte Industrieanlagen, in denen man Waffen und Munition herstellen konnte, teilweise wieder in Betrieb genommen. Tausende Stadtbewohner brachte man daraufhin als Arbeitssklaven in die maroden Fabriken, in denen sie häufig genug bis zum Umfallen schuften mussten. Letztendlich scheiterten die Pläne einer Rückeroberung aber zunächst, weil es nicht mehr die dafür notwendige Anzahl von Schiffen gab, mit denen man das Kriegsmaterial nach Europa hätte bringen können. Also reifte im Kopf des Weltpräsidenten ein anderer Plan, der schon sehr bald Gestalt annehmen sollte.
Im freien Teil der Welt bemerkte man von all dem zunächst nichts. Erst als einem ihrer Spione nach seiner Enttarnung durch den Nachrichtendienst des Regimes die Flucht über den Atlantik gelang, erfuhr man von den Aufrüstungsmaßnahmen der Weltregierung und realisierte die sich anbahnende Gefahr eines erneuten Krieges.
1. Kapitel
Es war kurz nach zwölf Uhr am Mittag und die Hitze kaum noch zu ertragen. Die Menschen in dem kleinen Dorf Hachene hatten ihre Arbeit auf der nahegelegenen Oase eingestellt und sich in den kühlen Schatten ihrer einfachen, weiß getünchten Steinhäuser zurückgezogen. Die Hitze flimmerte und ein heißer Wind wirbelte den feinen Sand in langen Schwaden über den ausgetrockneten Boden. Die kleine Oase, in der die Menschen hauptsächlich Datteln, Gemüse und frisches Obst anpflanzten, lag in einer Senke, in deren Mitte sich ein kleiner See befand.
Das leise Plätschern des Wassers und das seichte Säuseln des Windes bildeten zu dieser Tageszeit die einzige Geräuschkulisse. Das nahe gelegene Dorf Hachene machte nicht viel her. Es bestand aus einigen wenigen Häusern, einer schmucklosen Moschee, die man in olivgrüner Farbe angestrichen hatte, und einem kleinen Supermarkt. Das Dorf lag direkt an der Schnellstraße C116 auf der man mit dem Auto nur eine knappe halbe Stunde benötigte, um die Stadt Houmt Souk zu erreichen. Über 65.000 Menschen hatten dort einmal gelebt und die Stadt im Norden Djerbas war bis zum Ausbruch der großen Pandemie vor dreißig Jahren hauptsächlich ein beliebter Urlaubsort reicher Europäer gewesen. Ihre exponierte Lage direkt am Meer und die Nähe zum Flughafen der tunesischen Halbinsel hatten damals Tausende Touristen angelockt und den Einwohnern auf diesem Weg zu ein wenig Wohlstand verholfen. Heute, drei Jahrzehnte später, lebten hier nur noch etwa 8000 Menschen. Viele der einstöckigen Häuser standen leer und verfielen.
Houmt Souk war eine sterbende Stadt. In dem kleinen durch aufgeschüttete Dämme umgebenen Hafenbecken dümpelten ein paar alte Fischerboote hin und her und an den leeren Stegen, an denen früher große Segeljachten und Motorboote festgemacht hatten, herrschte gähnende Leere. Etwa 30 Kilometer weiter südlich schloss der Bürgermeister des Dorfes Hachene die blauen Fensterläden seines Dienstzimmers im ersten Stock des kleinen Rathauses. Das Gebäude bestand aus zwei schönen, doppelstöckigen Seitenflügeln, in denen sich die Büros der Beamten befanden. Dazwischen verband ein großer Balkon die beiden Teile des Hauses miteinander, der dem Bürgermeister in der Vergangenheit als Repräsentationsort gedient hatte. Der etwa 400 Quadratmeter große Gebäudekomplex war von einer etwa zwei Meter hohen Mauer umgeben, die an ihrer Stirnseite durch ein großes schmiedeeisernes Tor unterbrochen wurde neben dem sich ein kleines Wachhäuschen befand. Das schrille Klingeln des Telefons riss den Bürgermeister aus seinen Gedanken. Mit wenigen Schritten erreichte er den alten Schreibtisch, dessen Oberfläche mit grünem Leder überzogen worden war. Den vielen Kratzern und Schmissen zu urteilen war dieses einst pompöse Möbelstück ganz sicher noch aus der Kolonialzeit, in der die Franzosen auf Djerba das sagen gehabt hatten. Heute allerdings wirkte der übergroße Tisch in dem sonst fast leeren Raum irgendwie deplatziert. „Ja?“, Mohammed Dubois, Bürgermeister und Arzt des Dorfes hatte den Hörer abgehoben und sich auf seinen altersschwachen Stuhl hinter dem noch älteren Schreibtisch fallen lassen. „Es ist so weit!“, flüsterte eine leise Stimme. Dann klickte es in der Leitung und der Anrufer hatte bereits wieder aufgelegt. Der Bürgermeister starrte einen Moment lang auf den Hörer in seiner Hand. Dann legte er ihn zurück auf die Gabel des Apparates und zündete sich anschließend eine Zigarette an. Sofort stieg dicker Qualm auf, der sich wie schwerer, dichter Nebel im ganzen Raum auszubreiten begann, dann an den Wänden herauf kroch und sich dort zu einer undurchdringlichen Wolkenschicht zu vereinen schien. Mohammed Dubois saß eine ganze Weile so da, als es an der Tür seines Dienstzimmers klopfte. Bevor er etwas sagen konnte, wurde die schwere Tür von außen geöffnet und ein junger Mann trat herein.
Die wenigen Barthaare in seinem noch faltenlosen Gesicht ließen ihn wie einen Schuljungen aussehen, doch seine dunkelbraunen wachen Augen zeugten von Reife und Intelligenz. Bevor er etwas sagen konnte, hob der Bürgermeister die Hand und gebot ihm damit zu schweigen. „Ich weiß. Die Fahrzeuge der Gelbhemden sind auf dem Weg hierher.“ Der junge Mann sah ihn für einen kurzen Moment mit ernsten Blicken an und nickte dann. „Nun gut. Lass die Kisten bereitstellen. Ich werde gleich nachkommen.“ Der junge Mann drehte sich wortlos um und verschloss die Tür hinter sich. Mohammed Dubois drückte die Zigarette in dem bereits übervollen Aschenbecher aus und erhob sich. In den nächsten Minuten würde er wie immer seine Rolle spielen. Als Tunesier, dessen Vater französischer Diplomat gewesen war und dessen Mutter aus einer der angesehensten Familien Djerbas gestammt hatte, gehörte er zu den wenigen Bewohnern der Halbinsel, die über eine ausgezeichnete Bildung und eine westlich-orientierte Erziehung verfügten. Er hatte in Paris Medizin studiert und man hatte ihm dort nach Abschluss seiner Ausbildung sogar eine Stellung als Arzt in einem französischen Militärkrankenhaus angeboten. Mohammed zog es jedoch vor nach Tunesien zurückzukehren, um dort zu praktizieren.
Irgendwann war er dann in diesem unscheinbaren Kaff gestrandet und schnell zum Bürgermeister der kleinen Gemeinde aufgestiegen. Das war jetzt bereits über dreißig Jahre her und mit zunehmenden Alter vermochte er sich auch nicht mehr ernsthaft vorzustellen, irgendwo anders zu leben. Das Dröhnen der herannahenden Lastkraftwagen riss ihn aus seinen Gedanken. Einmal mehr würde er jetzt gute Miene zum bösen Spiel machen müssen.
Zwanzig große Lkws rollten die marode, staubige Schnellstraße hinunter und kamen schließlich vor dem Rathaus zum Stehen. Aus den Fahrerkabinen sprangen wie auf ein unsichtbares Kommando hin mehrere gelbuniformierte Männer heraus, deren Hautfarbe und Gesichtszüge keinen Zweifel darüber aufkommen ließen, dass es sich bei ihnen um Europäer oder Amerikaner handelte. Neben der Mauer, die das Rathaus umschloss, stapelten sich Hunderte von Kisten, auf die die Männer aus den Trucks jetzt zu gingen. Einige Dorfbewohner waren bereits damit beschäftig weitere Kisten heranzuschleppen und sie neben den bereits vorhandenen aufzustapeln. Einer der Uniformierten sah sich suchend um. Dann entdeckte er Mohammed und grinste. Mit einer herrischen Handbewegung, die keinen Widerspruch duldete, winkte er den Bürgermeister zu sich heran. „Komm her zu mir“, brüllte er und deutete dabei mit der ausgestreckten Hand auf die Kisten. „Ist das alles?“ Mohammed fuhr sich mit der Hand durch seinen langen, bereits ergrauten Bart und nickte. „Ja, Herr. Das ist die gesamte Ernte der letzten drei Wochen. Mehr haben wir nicht.“ Der Mann in der gelben Uniform spuckte verächtlich auf den Boden und stemmte beide Fäuste in die Hüften. Seine Soldaten waren an die Kisten herangetreten und prüften, deren Inhalt. Dann riefen sie ein paar Dorfbewohner herbei, die sofort damit begannen die Kisten auf die Ladeflächen der Lkws zu wuchten. „Los macht schon. Wir haben nicht ewig Zeit.“
Die Soldaten trieben die Dorfbewohner zur Eile an. Kiste um Kiste wurde verladen und der Uniformierte nickte zufrieden. „Im nächsten Monat benötigen wir die doppelte Anzahl an Kisten“, stellte er nüchtern fest und blickte Mohammed dabei herausfordernd an. Der Bürgermeister schwieg für einen Moment, dann erwiderte er den Blick und schüttelte unmerklich mit dem Kopf. „Das wird nicht möglich sein.“ Es trat eine kurze Pause ein. „Wie soll ich das verstehen?“, fragte der Uniformierte mit gefährlich leiser Stimme. „Wenn wir die Abgabemenge des Obstes und des Gemüses verdoppeln, verhungern die Bewohner des Dorfes.“
Der Offizier trat einen Schritt an Mohammed heran und sein Blick verfinsterte sich um eine weitere Nuance. „Pass mal auf du mieser Kaffer. Der Weltregierung ist scheißegal ob ihr ungeimpftes Pack verhungert oder nicht. Solltet ihr im nächsten Monat nicht die geforderte Menge an Lebensmitteln abliefern, sorge ich persönlich dafür, dass man Eure Frauen vor der Mauer dort drüben aufreiht und erschießt.“ Mohammed nickte stumm. Er hatte verstanden. Der Uniformierte klatschte vergnügt in die Hände. „Ich sehe wir sind uns einig. Bis in vier Wochen dann.“ Nach diesen Worten drehte er sich um und gab seinen Männern den Befehl in die Fahrzeuge zu steigen. Die schweren Motoren wurden dagelassen und nacheinander fuhren die Lkws auf der Schnellstraße davon. „Diese Schweine!“ Mohammed zuckte zusammen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sein junger Sekretär an ihn herangetreten war. Der Junge blickte den abfahrenden Autos mit hasserfüllten Blicken nach. „Wir haben wohl kaum eine Wahl“, erwiderte Mohammed in ruhigem Ton.
Wie schon so häufig reisten seine Gedanken in die Vergangenheit zurück, in der Tunesien ein aufstrebendes Land gewesen, von den Europäern als Urlaubsland geschätzt und als internationaler Handelspartner akzeptiert wurden war. Nach dem weltweiten Ausbruch der Pandemie im Jahr 2020 und dem bald darauffolgenden völligen Zusammenbruch der Weltwirtschaft hatte es nicht lange gedauert, bis ein souveräner Staat nach dem anderen in sich zusammengebrochen war und die jeweilige Regierung sich auflöste.
Die neue geschaffene Weltregierung hatte damals die Macht an sich gebracht und überall auf der Welt Enklaven geschaffen, in denen die bereits geimpften, privilegierten Bürger einer kleinen Oberschicht seitdem ein sorgenfreies Leben führten. 90 % der Menschheit aber vegetierten seit dieser Zeit, eingesperrt in völlig überfüllten Städten oder aber als Arbeitssklaven auf den Oasen und Plantagen der Regierung vor sich hin. Die Halbinsel Djerba, einst ein beliebtes Urlaubsdomizil, war ein von der Außenwelt vollständig abgeriegeltes Gebiet, in dem die wenigen noch verbliebenen Bewohner ausschließlich dazu am Leben gelassen worden waren, die Lebensmittelversorgung für eine der nahegelegenen Enklaven sicherzustellen.
Mohammed hatte, wie so viele andere Menschen seiner Heimat davon gehört, dass es den Europäern vor ein paar Monaten tatsächlich gelungen sein sollte, die Gelbhemden der Regierung erfolgreich von ihrem Kontinent zu vertreiben. Niemand wusste etwas Genaues. Da es bereits seit Jahren weder Zeitungen noch Radio oder Fernsehen gab, tuschelten sich die Menschen vermeintliche Neuigkeiten aus der Ferne im Vorbeigehen zu. Hinter vorgehaltener Hand erzählte man sich die fantastischsten Geschichten von heldenhaften Kämpfen und glorreichen Siegen einer kleinen Gruppe aufrichtiger Widerstandskämpfer, die die verfluchten Gelbhemden mit ihrem Mut und ihrer Stärke aus Europa heraus gefegt haben sollen. Bestätigen konnte diese Geschichten natürlich niemand, aber Mohammed glaubte fest daran, dass an diesen Erzählungen etwas dran sein musste. Dafür musste man doch nur eins und eins zusammenzählen können, dachte er hoffnungsvoll. Vor einem halben Jahr hatten die Bewohner der Hafenstadt Houmt Souk Hunderte kleine Schiffe gesehen, die unter der Flagge der Gelbhemden von Europa kommend an der Küste Djerbas entlanggefahren waren. Tausende Soldaten und Enklavenbewohner sollen wenig später im etwas südlich gelegenen ehemaligen Tripolis an Land gegangen sein und von dort aus in die nordafrikanischen Enklaven weitergereist sein. Tripolis, einst die Hauptstadt Libyens, hieß heute Heavensport und galt als einer der wichtigsten afrikanischen Häfen der Weltregierung. Von dort aus fuhren die noch wenigen fahrtüchtigen Containerschiffe der Weltregierung ihre Waren weiter über den Atlantik nach Amerika. Etwa im Jahr 2025, so erinnerte er sich einmal mehr, war der globale Warenverkehr zusammengebrochen. Die Weltregierung hatte damals damit begonnen, überall auf der Welt ganze Regionen und Landstriche zu entvölkern und Tausende Industrieanlagen stillzulegen.
Die Rohstoffproduktion wurde heruntergefahren, sodass es schon bald kaum noch Ersatzteile oder Neuproduktionen gab. Nach und nach kippte ein technischer Dominostein nach dem anderen um, sodass eine bis dahin weltweit vernetzte und digitalisierte Welt innerhalb von wenigen Jahren in die analoge Steinzeit zurückgeschleudert wurde. Die Weltregierung forcierte die Entwicklung nach Kräften. Tausende funktionierender Flugzeuge wurden verschrottet und Hunderttausende von Schiffen ließ das Regime vor die Küsten schleppen und dort sinnlos versenken. Häufig genug wurden auf Befehl der Regierung die Frachträume dieser Schiffe zuvor sogar noch mit ahnungslosen, ungeimpften Menschen vollgestopft, die man als nutzlose Esser betrachtete und deshalb als entbehrlich einstufte. Bereits zehn Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie waren die bis dahin noch weltweit verfügbaren Ersatzteile und Ressourcen aufgebraucht gewesen, sodass die Menschen außerhalb der Enklaven seitdem kaum noch die Möglichkeit hatten, auf technische Geräte, medizinische Apparate oder Hilfsmittel zurückzugreifen. Lediglich das Regime verfügte noch über ein paar gut geschützte Reserven, die letztendlich auch ihrem eigenen Machterhalt dienten.
Mohammed fuhr sich einmal mehr durch seinen grauen Bart und er schloss für einen Moment die Augen. Die Zeiten waren wahrlich trostlos. Er gab sich einen Ruck und machte sich auf den Weg in das Rathaus, um seine Arzttasche zu holen. Wie an jedem Nachmittag war es jetzt an der Zeit für ihn seine Patienten zu besuchen.
2. Kapitel
Er machte einen Satz und sprang aus dem Boot heraus in das knietiefe Wasser. Die Sonne hatte das strandnahe Nass auf über 20 Grad erwärmt, sodass ein Kälteschock ausblieb. Der Mann ergriff das Stück Tau, das am Bug des Bootes befestigt war und zog es mit einem Ruck auf den seichten Strand herauf. Die Luft schmeckte nach Salz und es roch nach Seetang und fauligem Fisch. Felix Sturm, Ex-Polizist und ein ehemaliger Elitesoldat, blickte in den wolkenlosen Himmel hinauf. Über seinem Kopf kreisten ein paar hungrige Möwen, die wie die Aasgeier nur darauf zu warten schienen, sich auf ihre vermeidliche Beute zu stürzen. Felix kniff die Augen zusammen. Die Sonne blendete und ihr grelles, lebensspendendes Licht spiegelte sich tausendfach auf der ruhigen See. Mit der rechten Hand hob er den Eimer mit der Ausbeute der letzten Stunden aus dem Boot, packte mit der anderen Hand die Angelrute und stapfte langsam den Strand hinauf.
Überall in dem feinen Sand lagen große Stücke von angeschwemmtem Treibgut herum, das das Meer bei einem der letzten Stürme ausgespuckt hatte. Zwischen einem alten Autoreifen und einem Stück einer abgebrochenen Tragfläche eines Flugzeuges entdeckte er einen bereits ausgeblichenen Rettungsring. Die weiß-rote Farbe war bereits ausgeblichen und ließ darauf schließen, dass sich das gute Stück bereits einige Zeit im Wasser befunden haben musste. Der kaum noch lesbare Schriftzug auf dem maritimen Rettungsmittel bestätigte diese Vermutung. „Fregatte Nordrhein-Westfalen F223“ stand dort geschrieben. Felix erinnerte sich daran, dass das deutsche Kriegsschiff, das im ehemaligen Deutschland als eines der modernsten der Marine gegolten hatte, etwa im Jahr 2023 auf eine Miene gelaufen war und dadurch so schwer beschädigt wurde, dass es schließlich gesunken war.
Die Weltregierung ließ damals kein Schiff mehr nach und von Europa fahren, um dadurch die unkontrollierte Verbreitung des Virus zu unterbinden. Aus diesem Grund hatte sie kurz zuvor auch alle befahrbaren Schifffahrtswege verminen lassen. Der deutschen Fregatte der 125-Klasse waren diese äußerst tödlichen, unsichtbaren Sprengladungen unter Wasser zum Verhängnis geworden, als der Kapitän versuchte, mit seinem Schiff in die offene See zu entkommen. Soweit sich Felix erinnerte, hatte es damals vor knapp dreißig Jahren keine Überlebenden gegeben.
Nachdem er den Kamm einer der unzähligen Dünen erreichte, blieb er für einen Moment stehen. Das beruhigende Säuseln des warmen Seewinds, das sanfte Rascheln des Schilfs und das anklagende Schreien der Möwen stellten die Geräuschkulisse dar, während er langsam auf das kleine Holzhaus zu schlenderte. Die Tür öffnete sich und eine Frau trat auf die kleine Veranda heraus. Ihr dunkelblondes Haar glänzte im Licht der Sonne und das Lächeln in ihrem braun gebrannten hübschen Gesicht entblößte eine Reihe makelloser, schneeweißer Schneidezähne. „Was bringst Du uns mit?“, fragte sie und deutete mit der Hand auf den Eimer in seiner Hand. „Heute gibt es frische Scholle. Also schmeiß schon mal den Ofen an.“ Felix erreichte die Frau, stellte den Eimer ab und umfasste ihre schlanke Taille. Sanft zog er sie an sich heran und küsste sie zärtlich auf die Stirn. Felix, bereits 54 Jahre alt, leicht ergraut aber immer noch in guter Form war gut 25 cm größer als Anna. Die hübsche Berlinerin mit dem schlanken und durchtrainierten Körper war 15 Jahre jünger als er und stand kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag. Sie schlang gekonnt ihre Arme um seinen Hals und zog seinen Kopf zu sich herunter. „Wollen wir erst etwas Essen und dann ins Bett gehen oder doch lieber andersherum?“, flüsterte sie ihm mit gespielt verführerischer Stimme ins Ohr. Felix tat einen Moment lang so als würde er über ihren Vorschlag nachdenken müssen. Dann hob er sie hoch und trug sie in das Haus. „Ich habe eigentlich noch gar keinen Hunger.“
Erschöpft, aber zufrieden lagen die beiden wenig später nebeneinander und lauschten schweigend dem Rauschen des Meeres. Ihre Unterkunft war eines der vielen einstigen Ferienhäuser, die ihre früheren Besitzer vor dem Ausbruch der Pandemie an Touristen vermietet hatten. Heute waren die meisten dieser einst luxuriösen Domizile bereits unter gewaltigen, meterhohen Dünen des feinen Nordseesandes vergraben und nur an den Spitzen ihrer Dächer, die hier und da noch aus dem Sand herausragten, zu erahnen. Felix steckte sich eine seiner Zigaretten an und strich Anna eine Haarsträhne aus ihrem immer noch leicht geröteten Gesicht. Sie lächelte und einmal mehr bemerkte er, wie schön sie eigentlich war. Gemeinsam hatten sie einen langen Weg zurückgelegt und sich dabei kennen und lieben gelernt. Fast acht Monate war es nun schon her, dass sie sich hier her zurückgezogen hatten. In den beiden Jahren zuvor gehörten sie zu denjenigen, die dabei geholfen hatten, Europa aus den Klauen des Regimes der Weltregierung zu befreien. Felix, der ehemalige Polizist der Sonderpolizei, der die Menschenverachtung und Skrupellosigkeit seines einstigen Arbeitgebers erkannt und daraufhin zum Widerstand übergelaufen war, und Anna, die ehemalige Studentin der Geschichte, die sich auf den Weg gemacht hatte, um einem Freund in der Not zu helfen und auf ihrem Weg durch das Niemandsland ebenfalls auf die Männer und Frauen des Widerstands traf. Gemeinsam hatten sie gegen die Gelbhemden in einer paramilitärischen Truppe gekämpft und letztendlich maßgeblich dazu beigetragen, die Soldaten der Weltregierung aus dem ehemaligen Deutschland zu vertreiben. Daraufhin erhoben sich auch andere europäische Nationen gegen ihre Unterdrücker, bis diese schließlich den Rückzug antraten und den Kontinent verließen.
Nach dem Ende der Kämpfe wurde überall in Europa das Ausmaß der Schrecklichkeit, mit der das Regime über die Völker Europas drei Jahrzehnte lang geherrscht hatte, sichtbar. Über 75 % der einstigen Bevölkerung waren durch das Regime ausgelöscht und ermordet worden. Nach dem Ausbruch der Pandemie im Jahre 2020 gelangte eine kleine Gruppe korrupter Geschäftsleute und Politiker an die Macht, in dem sie sich die Patente für die Herstellung eines Impfstoffes aneigneten und den Preis dafür in astronomische Höhen trieben. Die souveränen Staaten waren schon bald nicht mehr in der Lage, diese Preise zu zahlen, sodass es vielerorts zu Unruhen und Aufständen kam. Letztendlich endete diese Entwicklung darin, dass die einzelnen Nationen ihre Souveränität verloren und ihre Macht an die neu entstandene Weltregierung abtreten mussten.
Felix gähnte und fuhr sich mit der Hand durch das zerzauste, graue Haar. „Unsere Nahrungsmittelreserven gehen zu Ende. Ich werde morgen auf die Jagd gehen und anschließen im Food-Store vorbeischauen, um dort Mehl und Zucker gegen ein paar unserer Fische einzutauschen.“ Seit dem Ende des Krieges gegen das Regime hatten Hunderttausende Menschen die bis dahin abgeriegelten Städte verlassen und sich darangemacht, das seit über drei Jahrzehnten brachliegende Land neu zu erschließen. Das Regime hatte den ungeimpften Anteil der Bevölkerung bis dahin in die Städte evakuiert und dort wie in einem Gefängnis eingesperrt. Dort waren die Menschen mehr oder weniger ihrem Schicksal überlassen worden, während die weitaus kleinere Gruppe, die als geimpfte Oberschicht in den Enklaven lebte, keinen Mangel zu leiden hatte. Nach dem Zusammenbruch des Enklavensystems und der Öffnung der Städte suchten viele ihr Glück im sogenannten Niemandsland. Geld, als eine allgemein gültige Währung, gab es nicht mehr, sodass die Menschen ihre notwendigen Geschäfte und Einkäufe durch den Tauschhandel abwickelten. „Wann wirst Du aufbrechen?“ Anna sah ihn fragend an. „Nach Sonnenaufgang. Ich hoffe bis zum Abend zurück zu sein.“ Nach diesen Worten zog er sie zärtlich an sich heran und eng umschlungen schliefen sie schließlich ein. Sie konnten noch nicht ahnen, dass es für eine sehr lange Zeit ihre letzte gemeinsame, friedvolle Nacht sein würde.
3. Kapitel
Das ehemalige Hamburg war eine der ersten Städte, die nach dem Beginn des Krieges von den Soldaten der Widerstandsarmeen befreit worden war. Nachdem das Regime sich aus Europa zurückgezogen hatte und die Vereinigten Staaten von Europa ausgerufen worden waren, stimmten die ehemaligen Nationen über den Ort und Namen ihrer neuen gemeinsamen Hauptstadt ab. Hamburg wurde in Mag-City umgetauft und galt seitdem als die wichtigste politische Machtzentrale des befreiten Kontinents. Benannt wurde die Metropole an der Elbe nach einer mutigen Widerstandskämpferin, die während der letzten Tage des Krieges gefallen war und maßgeblichen Anteil an dem Sieg der Widerstandstruppen gehabt hatte.
Obwohl die wirtschaftliche Situation im ehemaligen Deutschland sich seit der Gründung des neuen Staates bereits deutlich verbessert hatte, gab es trotz dessen Umstände, die von einem Optimum noch weit entfernt waren. Die drei Jahrzehnte unter der Herrschaft der Weltregierung hatten in der Stadt, wie auch im gesamten Land Spuren hinterlassen. Ein Zurück in die Zeit vor dem Ausbruch der Pandemie würde es wohl niemals geben. Das Regime hatte die Welt mit ihrer irrwitzigen, verbrecherischen Vorgehensweise, durch die sie das Klima retten und die Überbevölkerung stoppen wollte, in nur drei Dekaden zurück in die Steinzeit katapultiert. Der vollständige Zusammenbruch des globalen Handels und dem freien Güteraustausch führte zu den Formen einer regionalen Wirtschaft, wie man sie nur aus dem frühen Mittelalter kannte.
Komplexe technische Errungenschaften und Erfindungen, die dem Menschen das Leben in der Alten Welt erleichtert hatten, waren weitestgehend unbrauchbar, weil es überall an Ersatzteilen mangelte, die wiederum nicht selbst hergestellt werden konnten, weil es an Rohstoffen oder den dafür notwendigen Produktionsanlagen fehlte. Benzin, Gummi, Öl oder wichtiger Computerzubehör waren so gut wie nicht zu bekommen und Tausende Flugzeuge oder Hubschrauber standen seit Jahren am Boden, weil es für sie keine Ersatzteile gab und seit Jahrzehnten keine Piloten mehr ausgebildet wurden. Alle großen Schiffe hatte das Regime entweder abgewrackt oder vor die Küsten geschleppt und dort versenkt. Neue zu bauen war nicht möglich, weil es an Stahl und den dafür nutzbaren Werftanlagen fehlte. Auf dem Feld der Energieversorgung und im Bereich der Kommunikation sah die Sache nicht viel besser aus.
Die Weltregierung hatte bereits kurz nach ihrer Machtübernahme die Atomkraftwerke stilllegen lassen und die gesamte Satellitenkommunikation gekappt. Strom wurde seit dieser Zeit nur noch durch Wind- und Solarkraft gewonnen, was abermals zu flächendeckenden Energieausfällen führte, weil immer mehr der völlig maroden Windkraftanlagen und Solaranlagen aufgrund ihres Alters ausfielen und schließlich den Geist aufgaben. Telefongespräche mussten angemeldet werden, weil sie wie vor einhundert Jahren über eine Steckverbindung über eine Vermittlung hergestellt werden mussten. Lediglich die Ernährungslage stellte nur noch selten ein Problem dar, weil die riesigen Ernteplantagen, die das Regime ihnen hinterlassen hatte, ausreichend große Mengen an Nahrungsmitteln herstellen konnten. Geschäfte oder Dienstleistungen wurden in Naturalien bezahlt, weil es kein Geld mehr gab. Die Weltregierung hatte in jeder, der von ihr abgeriegelten Städte eine nur für das Gebiet gültige Währung in Umlauf gebracht, die keinen realen Gegenwert besaß und ausschließlich dazu diente, den Menschen in den Städten zu suggerieren, dass sie in völlig normalen Zeiten lebten.
Der Ministerpräsident der VSE (Vereinigten Staaten von Europa) klappte den Aktendeckel zu und rieb sich die Augen. Er war müde. Seit dem Ende des Krieges mit den Gelbhemden verbrachte er die meiste Zeit des Tages hinter seinem Schreibtisch, auf dem sich unzählige Berge von Papier stapelten. Die Verwaltung des neuen Staates befand sich immer noch im Aufbau und musste bei ihrer täglichen Arbeit weitestgehend auf Computer oder digitale Speichermedien verzichten, weil der größte Teil dieser Geräte nicht mehr funktionierte. Wie im frühen 20. Jahrhundert wurden also wichtige Unterlagen und Schriftstücke in der Regel auf alten Schreibmaschinen erstellt und dann in dicken Aktenordnern abgelegt. Rafael, einst der Anführer des militärischen Widerstands, stopfte sich seine Pfeife und schloss für einen Moment die Augen. Ab und zu wünschte er sich, dass er das Amt des Ministerpräsidenten abgelehnt hätte und jetzt irgendwo an einem kleinen Bergsee säße, um dort nach Forellen zu angeln. Stattdessen aber hockte er bis spät in die Nacht in seinem Büro und beschäftigte sich mit der mächtigen Aufgabe, aus einem vollständig ruinierten und kaputten Kontinent wieder so etwas wie einen funktionierenden Staat zu machen. Diese Aufgabe war in der Tat gewaltig. Außerhalb der völlig maroden Städte waren 90 % der Infrastruktur zerstört oder aber unbrauchbar. In den letzten drei Jahrzehnten hatte sich die Natur große Teile des einst bewohnten Gebietes zurückerobert, sodass einige Gegenden, in denen früher Tausende Menschen gelebt hatten, praktisch unbewohnbar geworden waren. Dichte Wälder überzogen das Land und hatten, die durch das Regime im Jahr 2025 zwangsgeräumten Gehöfte, Dörfer und kleinen Städte überwuchert und in grüne Ruinen verwandelt. Das Straßennetz war ebenfalls kaum noch nutzbar, sodass man Waren und Menschen oft nur mit der Eisenbahn transportieren konnte. Es klopfte und Rafael legte die Pfeife in den hölzernen Halter, den er auf seinem Schreibtisch platziert hatte. Die Tür öffnete sich und einer seiner Mitarbeiter trat in das Büro. „Herr Präsident. Der Abgesandte des ehemaligen Österreichs ist eingetroffen.“ Rafael nickte und lächelte dem Mann dabei freundlich zu. „Danke Ingo. Schicken Sie ihn bitte herein.“ Sein Adjutant, zwei Meter groß und schlaksig, trat einen Schritt beiseite.
Der österreichische Abgeordnete, ein Mann um die Vierzig, der während des Krieges, einen Arm verloren hatte, ging mit der ausgestreckten, verbliebenen Hand auf Rafael zu. „Grüß Gott, mein lieber Rafael. Wie geht es Dir?“ „Sepp, mein Freund. Es ist schön Dich zu sehen. Nimm doch Platz.“ Der Ministerpräsident machte eine einladende Handbewegung und deutete auf einen der Sessel, die sich am anderen Ende des Raumes befanden. „Möchtest Du vielleicht etwas trinken?“ „Wenn Du hast, nehme ich ein Bier.“ Rafael nickte Ingo zu, der sich sofort auf den Weg machte, um das gewünschte Getränk herbei zu schaffen. „Das Bier machen wir selbst. Es schmeckt zwar nicht so gut, wie jenes, welches wir in der guten, alten Zeit getrunken haben, aber es wird geschmacklich immer besser.“ „Ich nehme was Du hast!“ Die beiden Männer lachten und setzten sich. Wenige Sekunden später kehrte Ingo zurück und stellte zwei kleine Flaschen auf den Tisch. „Danke Ingo.“ Die Männer prosteten sich zu und saßen sich für einen Moment schweigend gegenüber, während sie sich das kalte Bier den Rachen hinunterlaufen ließen.
„Also“, begann Rafael und nahm das Gespräch wieder auf. „Was kann ich heute für Dich tun?“ Sepp Maier steckte sich eine Zigarette an und stellte seine halb leere Bierflasche zurück auf den Tisch. Maier, ein ehemaliger Enklavenbeamter aus Wien, der während der Zeit, in der das Regime die absolut Macht im Lande ausübte, zu den Privilegierten gehört hatte, schlug die Beine übereinander. Rafael und er hatten sich während der Gerichtsverhandlung gegen den damaligen Vorsitzenden der ehemaligen deutschen Gebiete in Frankfurt kennengelernt und sofort gut verstanden. Der durch das Regime eingesetzte regionale Machthaber, auch Vorsitzender genannt, hatte kurz vor der endgültigen Niederlage der regierungstreuen Gelbhemdarmeen versucht, sich ins Ausland abzusetzen, war dabei aber erwischt und schliesslich gefangen gesetzt worden. Als der Gerichtsprozess gegen ihn durchgeführt wurde, ließen die Richter unzählige Zeugen nach Frankfurt bringen, die dort gegen den geschassten Despoten aussagen sollten. Sepp Maier war einer dieser Zeugen gewesen. Der gemütliche Wiener mit der glänzenden Glatze gehörte zu jener Zeit zu den wenigen Zeugen, die in den Jahren zuvor auf der Seite der Täter gestanden und gelebt hatten. Nachdem völligen Zusammenbruch des Enklavenstaates wechselte er die Seiten und bot sich als ein wichtiger Belastungszeuge an. Viele der Widerständler und der ehemaligen Enklavenbewohner warfen ihm daraufhin Opportunismus vor, aber schon nach den ersten Minuten seiner Aussage, machte Maier deutlich, dass er alles andere als ein charakterloser Aufsteiger war, der sich durch seinen Auftritt vor dem Gericht einen persönlichen Vorteil erhoffte. „Ich stehe hier vor Ihnen als ein Mitwisser und Täter, der mit seiner Aussage nicht nur dazu beitragen möchte ein Verbrechen zu ahnden, sondern ich stehe hier auch, um mein Gewissen zu erleichtern und um eine gerechte Strafe für mich selbst zu erbitten.“ Rafael hatten diese offenen Worte derart beeindruckt, dass er Maier nach Abschluss des Prozesses zu sich rufen ließ und ihm einen Job als Chef des Geheimdienstes und Abgesandten für das ehemalige Österreich anbot. Maier hatte sich eine Bedenkzeit erbeten, dann aber nach ein paar Tagen eingewilligt. Die beiden Männer mit den ungleichen Lebenswegen und unterschiedlichen Erfahrungsschätzen stellten bereits nach kurzer Zeit fest, dass sie sich mochten und so entwickelte sich bald so etwas wie eine Freundschaft. Was noch vor kurzer Zeit undenkbar gewesen wäre, wurde Realität. Ehemalige Feinde wurden zu Freunden.
„Es braut sich irgendetwas zusammen.“ Die Baritonstimme des Österreichers war eine Nuance leiser geworden und das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. „Wie meinst Du das?“ Rafael zog die Augenbraue hoch und blickte sein Gegenüber fragend an. Maiers Hand fuhr in die Innentasche seines Jacketts und zog ein Stück Papier hervor, das er auf den Tisch legte und dann zu Rafael herüber schob. „Meine Späher berichten mir über beunruhigende Tatsachen aus Afrika. Die Weltregierung versammelt an der tunesischen Küste seit Wochen eine Vielzahl von Gelbhemden und technischem Personal. Zuerst dachten wir es handelte sich dabei um eine Invasionsarmee, aber es befinden sich so gut wie keine Schiffe im Mittelmeer, die diese Soldaten auf das italienische Festland übersetzten könnten. Außerdem haben meine Späher beobachtete, dass die Gelbhemden nur leicht bewaffnet sind und dort kaum schwere Waffen, Panzer oder sonstiges Kriegsgerät zusammenziehen. Stattdessen haben Hunderte Arbeiter damit begonnen dort riesige Zeltstädte zu errichten.“ Rafael warf einen Blick auf die Dokumente, die ihm der Wiener gereicht hatte und überflog sie schnell.
„Wozu bauen die Gelbhemden diese Lager?“, murmelte er leise und wie zu sich selbst. „Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung“, erwiderte Maier fast etwas entschuldigend. „Dort befindet sich nichts, außer Sand. Es gibt in dieser Gegend zwar drei oder vier große Enklaven, aber ansonsten ist da nichts außer Wüste.“ „Die Truppenstärke deutet nicht auf eine Invasion hin. Die Gelbhemden befinden sich dort aus einem anderen Grund.“ Rafael fühlte ganz plötzlich ein unbestimmtes Unbehagen in sich aufsteigen. Was zur Hölle geht da vor sich, ging es ihm durch den Kopf. „Was schlägst Du also vor?“ Maier nippte an seinem Bier und schüttelte leicht den Kopf. „Nichts. Wir sollten die Sache im Auge behalten. Handlungsbedarf sehe ich zur Zeit noch nicht.“ „Also gut. Deine Späher sollen sich dort eingraben und uns über jeden Schritt der Gelbhemden informieren und ich meine über wirklich jeden!“ „Geht klar. Ich werde mich sofort darum kümmern.“
Nach ein paar weiteren Minuten hatte Sepp Maier das Büro des Ministerpräsidenten wieder verlassen. Rafael saß noch eine kurze Weile auf seinem Sessel und blickte gedankenverloren auf die Pfeife in seiner Hand. In den letzten Jahren als Anführer des Widerstandes, hatte es unzählige knifflige Situationen gegeben, in denen die scheinbar hoffnungslose eigene militärische Lage oder die operativen Erfolge des Gegners ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben hatten. Stets war die Sache letztendlich für ihn und seine Soldaten doch noch gut ausgegangen, weil sie zumeist ahnten oder wussten, was die Gelbhemden als Nächstes machen würden. Wieder überflog er die Notizen seines Geheimdienstchefs. Er konnte sich einfach keinen Reim aus diesen Informationen machen und genau diese Tatsache beunruhigte ihn. „Da braut sich irgendetwas zusammen“, hatte Sepp Maier gesagt. „Nur was?“, dachte Rafael. Er würde es schon sehr bald erfahren.
4. Kapitel
In dem Ballsaal des Präsidentenpalastes waren die Diener und Hausangestellten bereits seit Stunden damit beschäftigt, die etwa drei Meter hohen Spiegel an den Wänden auf Hochglanz zu bringen. Der Saal, der wie jedes Jahr seit der Machtübernahme durch die Weltregierung für den Geburtstag des Präsidenten für den festlichen Empfang hergerichtet wurde, erinnerte in seinen Ausmaßen und seiner kitschigen Einrichtung an den Spiegelsaal des Sonnenkönigs Ludwig XIV in Versailles. Die vier Meter hohen Wände waren mit Blattgold und Bernstein verziert worden und riesige Ölgemälde zeigten den letzten und jetzigen Machthaber in ihren fantasiereichen Uniformen und Kostümierungen. Der Saal war etwa 125 Meter lang und knapp 30 Meter breit. Der Fußboden bestand aus feinstem Teakholz, das in der Sonne glänzte und dem Raum etwas Majestätisches gab.
Die langen Reihen der Tische waren mit schneeweißen Tischtüchern überzogen worden, auf die man wiederum edelstes Porzellan und mit Diamanten verzierte Kerzenständer drapiert hatte. Das Besteck war aus purem Gold und die Gläser aus wunderschönem Bleikristall. Am Ende des Raumes, quer zu den langen Tischreihen befand sich ein weiterer Tisch, hinter dem sich mittig ein gigantischer Stuhl befand, der in seinen Ausmaßen eher dem Thron eines mittelalterlichen Kaisers oder Königs glich. Die ausladenden Armlehnen und das voluminöse Rückenteil bestanden aus dickem roten Samt, der wiederum unzählige goldbestickte Verzierungen aufwies, die dem Stuhl ein fast vulgär-protziges Aussehen verliehen.
Bereits der erste Weltpräsident hatte diesen Saal erbauen und einrichten lassen. Seinen Hang zum barocken Baustil und dessen dekadenten Pomp hatte er bereits von seinem Vater übernommen, der bereits in der Zeit vor der Pandemie einem ausgeprägten Hang zum Protzen nachgegangen war. So gut wie niemandem war damals bekannt gewesen, dass der damalige Bauunternehmer und Möchtegernpolitiker schon seit Jahren pleite war und seine stets präsente narzisstische Geltungssucht eigentlich nur noch aus Luftschlössern und Schuldscheinen bestand. Als dann im Jahre 2020 die Pandemie ausbrach und die Weltwirtschaft erst langsam und dann immer schneller den Bach herunter ging, sah der gescheiterte Blender und Aufschneider seine Chance. Mit einigen anderen dubiosen Geschäftsleuten und Mafiagrößen erpresste und erschlich er sich die notwendige Aktienmehrheiten der pharmazeutischen Firmen, die einen Impfstoff gegen das gefährliche Virus entwickelten, und erhöhte die Preise für das überall auf der Welt heißbegehrte Wundermittel ins astronomische. Sehr schnell war kaum noch jemand in der Lage, diese Wucherpreise zu bezahlen und das war dann schließlich der Zeitpunkt gewesen, an dem sich der einst äußerst erfolglose Bauunternehmer zum allmächtigen Weltpräsidenten aufschwang. Der Rest der Story ist bereits historische Geschichte. Seit dieser Zeit herrschte seine Familie wie einst die Pharaonen über Tausende Enklaven und unzählige Städte, in denen die ungeimpften Teile der Menschheit ein trostloses Dasein fristeten.
Während der Präsident lebte wie ein König und es seinen treuen Untertanen in den Enklaven an nichts fehlte, versanken nahezu 90 % der noch bis dahin verbliebenen Weltbevölkerung in Elend und Armut. Nur Europa war seiner Kontrolle vor einiger Zeit entglitten. Seine Armeen der Gelbhemden waren durch die stetig anwachsenden Truppenverbände des Widerstandes vernichtend geschlagen und anschließen vertrieben worden. Der damalige Weltpräsident war in Gefangenschaft geraten und hatte sich schließlich selbst das Leben genommen. Seitdem schwiegen zwar die Waffen, aber die Sache war für den Sohn und jetzigen Präsidenten noch lange nicht vorbei. Er sann auf Rache.
„Was soll das?“ Die Stimme des Mannes in dem maßgeschneiderten Anzug aus dunkelblauer Seide hatte den schneiden Ton eines Menschen, der es gewohnt war zu befehlen. Der angesprochene Diener zuckte unter den Worten wie unter Schlägen zusammen. Er richtete sich auf und blickte seinem Herren unterwürfig in die Augen. „Ich verstehe nicht …“, erwiderte der Diener mit zittriger Stimme. „Wer hat veranlasst, dass Sie die weißen Tischdecken benutzen sollen?“ Für einen kurzen Moment lang herrschte Schweigen. Das Gesicht des Dieners wechselte die Farbe in ein fahles Grau. „Das war die verehrte Frau Präsidentin“, antwortete er leise. Der groß gewachsene Mann in dem teuren Anzug fuhr sich mit der rechten Hand durch das blonde Haar. „Meine Frau hat keine Ahnung. Ich ordne hiermit an, dass sie die beigen Tischdecken auflegen und zwar schnell.“ „Jawohl Herr Präsident“, erwiderte der Diener bevor er sich fast im Laufschritt davonmachte. „Ich bin umgeben von Stümpern und Dilettanten“, murmelte er und ging dann auf die große Tür am Ende des Ballsaals zu. Nachdem er den langen Gang in das Hauptgebäude heruntergelaufen war, betrat er sein Arbeitszimmer. Der etwa 400 qm große Raum glich in seiner protzigen Geschmacklosigkeit dem Einrichtungsstil des Ballsaals. Überall zierten Goldfresken die hohen Wände und die ausladenden Möbelstücke wirkten deplatziert und verströmten einen Hauch von Größenwahn. Allein der riesige Schreibtisch maß fast drei Meter Länge und ähnelte eher einem auf die Seite gelegenen Kleiderschrank. Dahinter befand sich ein überdimensionales Bücherregal, in dem sich mehrere Tausend Bücher befinden mussten. Natürlich handelte es sich dabei kostspielige Erstausgaben renommierter Autoren der Vergangenheit. Gelesen hatte der Mann in dem blauen Anzug nicht eines dieser wertvollen Bücher. Für ihn war es lediglich wichtig diese Bücher zu besitzen, um bei etwaigen Besuchern damit Eindruck zu schinden.
Neben dem Schreibtisch erkannte er zwei seiner Getreuen, die sich aus den tiefen Ledersesseln erhoben, als er den Raum betrat. Die beiden uniformierten Männer wirkten in dem riesigen Raum etwas verloren, aber das fiel dem hereintretenden Präsidenten nicht auf. Er liebte es seinen Untergebenen das Gefühl von ihrer eigenen Winzig- und Bedeutungslosigkeit zu geben. Die beiden Generäle deuteten eine knappe Verbeugung der Ehrerbietung an, dann setzten sie sich wieder. Ihre gelben Hemden waren über und über mit irgendwelchen Orden bedeckt, die bei jeder ihrer Bewegungen leicht hin und her schwangen. „Nun, meine Herren. Was bringen Sie für Neuigkeiten?“ Der Präsident ließ sich in den großen Stuhl hinter dem Schreibtisch fallen und steckte sich dann eine seiner teuren Zigarren an. Erwartungsvoll blickte er durch die dicke Qualmwolke zu den beiden Offizieren herüber. Der ältere der beiden Männer, ein hagerer bereits ergrauter Mann in den Fünfzigern, räusperte sich bevor er leise zu sprechen begann. „Wir haben in Tunesien damit begonnen die Zeltstädte zu errichten. Außerdem ziehen wir dort mehrere Regimenter unserer besten Gelbhemdtruppen zusammen, um den Erfolg unseres Planes sicherzustellen.“ Der zweite General, kleiner als sein Vorredner und mit einer gewaltigen Nase gestraft, die seinem geröteten Gesicht einen gespenstischen Ausdruck verlieh, grinste jetzt. „In ein paar Tagen werden wir die zweite Stufe unseres Planes aktivieren können. Bisher läuft alles so wie besprochen.“ Der Präsident nickte kurz. „Was melden unsere Spione aus Europa?“ Die beiden Offiziere wechselten einen kurzen Blick, dann erwiderte der Ältere knapp.
„Die neue Regierung hat sich in den letzten Monaten darangemacht, das Niemandsland neu zu besiedeln und die Infrastruktur zu erneuern. Die Menschen verlassen in Scharen die überfüllten Städte und lassen sich zu Tausenden auf dem Land nieder.“ „Außerdem beginnt dieses ungeimpfte Pack sich in den Enklaven einzunisten. Unsere Anhänger wurden allesamt dazu aufgefordert Europa zu verlassen.“ „Von wie vielen unserer Leute
sprechen wir?“, wollte der Präsident wissen. „Es sind ein paar Tausend. Die allermeisten sind zum Verräter an unserer Sache geworden und haben sich den neuen Machthabern angedient.“ Die Verachtung in der Stimme des Generals war unüberhörbar. „Wir werden diese Bastarde schon noch kriegen, da bin ich mir sicher“, sagte der Präsident und lächelte geheimnisvoll. „Was wissen wir über den ehemaligen Vorsitzenden der deutschen Gebiete? Ist er nach seiner Verurteilung tatsächlich in Frankfurt in das Gefängnis gebracht worden?“ Die beiden Offiziere nickten gleichzeitig. "Jawohl. Er sitzt im Gefängnis. Hoffentlich verrottet er da.“ Die Worte des Generals waren hasserfüllt. „Der Kerl hat nicht nur unsere Sache verraten, sondern ist auch für den Tod Ihres Vaters verantwortlich. Das Schwein gehört an die Wand gestellt.“ Der Weltpräsident sah gedankenverloren einer dicken Qualmwolke seiner Zigarre nach. Das Lächeln in seinem glattrasierten Gesicht wirkte jetzt kalt und grausam. Der General hat recht, dachte er und er spürte wie ihm die Wut den Nacken herauf kroch. Sein Vater hatte in Europa nach dem Rechten sehen wollen und nachdem ihm der durch ihn selbst eingesetzte Vorsitzende der ehemaligen deutschen Gebiete in Frankfurt freundlich empfangen hatte, wurde er durch eben diesen Mistkerl verhaftet und verschleppt. Offiziell ließ der Vorsitzende damals verlautbaren, dass es der Widerstand gewesen war, der seinen Vater entführt und später getötet hatte. Doch nur wenig später stellte sich heraus das der damalige Weltpräsident durch seine eigenen Leute gefangen gehalten worden war und sich in irgendeinem Schweinestall schließlich selbst das Leben genommen hatte.
„Also, weiter. Wie sehen unsere nächsten Schritte aus?“ Der ältere der beiden Generäle erhob sich und trat an eine Landkarte heran, die zwei Diener einen Moment zuvor dort aufgehängt hatten. „Europa ist für uns verloren und zwar endgültig. Wir haben zwar unsere Waffenproduktion leicht steigern können, indem wir einige der vor Jahren stillgelegten Fabriken wieder reaktivieren konnten und tausende Ungeimpfte in die Fertigungsprozesse eingebunden haben, aber in den letzten dreißig Jahre sind viele der Maschinen weder gewartet noch repariert worden. Wir verfügen heute über keine ausgebildeten Techniker und Ingenieure mehr, die sich mit diesen alten Geräten auskennen.“ „Genug!“, fuhr der Präsident dazwischen. „Erzählen Sie mir nicht ständig was wir alles nicht können. Dass mein Vater vor drei Jahrzehnten die allermeisten Industriestandorte schließen ließ, um dadurch unser Klima zu retten, ist bekannt. Kritik an dieser Maßnahme werde ich nicht zu lassen. Auch die radikale Reduzierung der weltweiten Schiffsbestände war damals richtig, um dadurch das Meer vor dem völligen Kollaps zu bewahren. Wir haben diesen Planeten gerettet. Dafür waren eben Opfer zu bringen!“ Die beiden Offiziere schwiegen. Sie wussten, dass jedes ihrer Worte jetzt nur zu einem noch stärkeren Wutausbruch ihres Präsidenten führen würde. Die beiden Männer waren alt genug, um sich an die Zeit vor dem Ausbruch der weltweiten Pandemie zu erinnern.
Sie waren dabei gewesen gewesen, als der frisch zum Weltpräsidenten aufgestiegene ehemalige New Yorker Baulöwe, sich daran gemacht hatte, der gesamten Menschheit eine neue Ordnung aufzuzwingen. Sie hatten gesehen mit welcher gnadenlosen Radikalität und Grausamkeit er ganze Nationen in die Sklaverei getrieben hatte, um auf der anderen Seite dafür zu sorgen, dass seine reichen Freunde weiterhin ein Leben im Überfluss führen konnten, in dem er die Enklaven einrichten ließ, in denen sie wie die Könige residierten. Letztendlich wussten sie auch, dass im Namen dieses Präsidenten zig Millionen Menschen ums Leben gekommen waren. Als der Virus im Jahre 2025 genauso plötzlich wie er die Weltbühne betreten hatten, wieder verschwand, wusste der Weltpräsident diese Tatsache bis heute als ein Staatsgeheimnis zu wahren.
Er ließ die bis dahin noch ungeimpften Teile der Menschheit einfach weiterhin in dem Glauben, dass ihnen der tödliche Virus den Garaus machen wolle. Diese Lüge hielt bis heute an und sie stellte immer noch den absolut wichtigsten Pfeiler der Macht des Präsidenten da. Das alles wussten diese Männer und sie unternahmen nichts, um diese Lüge und die daraus resultierenden Gewaltakte, zu verhindern. Sie waren schon vor sehr langer Zeit zu Tätern geworden. "Also.“ Die Stimme des Präsidenten holte die beiden Flaggoffiziere in die Gegenwart zurück. „Tja, Herr Präsident. Wie ich bereits sagte, wird unsere Armee trotz einiger neuer Waffen nicht in der Lage sein Europa zurückzuerobern. Wir besitzen weder genügend Transportschiffe, noch haben wir irgendwelche Flugzeuge. Ihr Vater hat sie damals ja alle versenken bzw. verschrotten lassen, um so den globalen Handel zu stoppen. Es bleibt uns also nur, diesen Kontinent zum Teufel zu schicken.“ Es klopfte an der Tür und eine junge Frau steckte ihren Kopf in den Raum. Langes blondes Haar umrahmte ein hübsches Gesicht, das die makellose Bräune eines Solariums aufwies. Ihre blauen
