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Das fesselnde Porträt einer pommerschen Adelsfamilie, die sich während der Nazizeit entzweit und letztendlich daran zerbricht. Während der Vater Paul schon bald aktiven Widerstand leistet, wird der Sohn Martin zur SS eingezogen und steigt dort bald zum Adjutanten des sadistischen KZ-Lagerkommandanten Hans Loritz auf. Als 1939 der Krieg ausbricht, wird Martin an die Ostfront versetzt und ist dort an Massenexekutionen an russischen Frauen und Kindern beteiligt. Paul wird zur gleichen Zeit von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Erneut mischt der schwedische Geheimdienst im Hintergrund mit ( siehe Roman "Harte Schatten" ). Die Schweden befreien Paul aus den Fängen der Gestapo. Als Gegenleistung soll er für den schwedischen SIS die Raketenpläne des Wernher von Braun beschaffen. Martin, längst das Morden gewöhnt, flüchtet immer häufiger in den Alkohol und erkennt viel zu spät, dass er auf der falschen Seite der Geschichte steht. Gejagt von der Gestapo, ist Paul derweil untergetaucht und gilt fortan als Staatsfeind. Auf seiner gefährlichen Flucht nach Lübeck erlebt er die letzten Tage des Krieges mit, während Martin im untergehenden Berlin ums nackte Überleben kämpft. Am Ende erwartet die Männer ihr jeweiliges Schicksal. Spannend erzähltes Stück Zeitgeschichte, das in Form eines knallharten Thrillers daherkommt.
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Seitenzahl: 520
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ich bin der Ansicht, dass in Deutschland in der Zeit von 1918-1933 und vor allem 1933 nicht zu sehr die Masse des Deutschen Volkes politisch versagt hat, sondern gerade diejenige Schicht eines Staates, die ein Volk politisch führen sollte, die Intelligenz.
Hans Scholl (1918 - 1943), hingerichteter Widerstandskämpfer
gewidmet meinem Großvater
TÄTERLAND
Roman
Binga Hydman
© 2020 Binga Hydman
Umschlaggestaltung, Illustration: Michael Mikulsky
Lektorat,Korrektorat: Pia Henke
Verlag+Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44
22359 Hamburg
ISBN:
978-3-347-12265-9 (Paperback)
978-3-347-12266-6 (Hardcover)
978-3-347-12267-3 (e-Book))
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Vorwort
Dieses Buch war mir ein Anliegen. In Zeiten einer sich rapide verändernden Welt, in der sich einst demokratisch gewählte Regierungen daranmachen, ihren Bevölkerungen eine Rückkehr zum Nationalstaat als den Königsweg zu präsentieren, ist es um so wichtiger geworden, dem spaltenden Element einer solchen Politik entschlossen entgegenzutreten. In jeder Epoche der bisherigen Menschheitsgeschichte gab es Staatsmänner, die die ihnen anvertrauten Nationen an den Rand des Abgrunds führten oder sogar noch einen Schritt weiter gingen. Diese Männer und Frauen allein hätten ihre politischen Vorstellungen und Irrwege aber niemals umsetzen können. Stets umgaben sie sich mit Menschen, die sich ihren pervertierten Ideologien, ihren kruden Weltanschauungen oder aber ihrer Gier nach Macht und Reichtum bedingungslos anschlossen. Diktatoren oder Präsidenten konnten sich nur deshalb über das Gesetz stellen, weil sie über Helfer verfügten, die ihnen dafür in den Parlamenten den Weg ebneten. Im Grunde genommen sind es also zunächst einmal die Opportunisten und willfährigen Hofschranzen, die sich an der Demontage eines bis dahin funktionierenden Rechtsstaates beteiligen. Für ihren Verrat an der Demokratie erhalten solche Menschen hohe Ämter oder gut bezahlte Jobs an zentralen Stellen der Wirtschaft und der Politik. Korruption, Bestechung und juristische Immunität sind und waren schon immer die drei Säulen einer jeden Diktatur. In den allermeisten dieser „Ein-Mann-Regierungen“ gab und gibt es Menschen, die sich willig zu Mittätern gemacht haben, obwohl sie bereits frühzeitig erkannten, dass das was sie tun, Unrecht ist. Auch nach dem sie zu dieser Einsicht kamen, beteiligten sich viele von ihnen weiterhin an befohlenen Verbrechen und kriminellen Machenschaften.
Als Adolf Hitler im Jahre 1933 zum Reichskanzler des Deutschen Reiches gewählt wurde, ahnten viele Deutsche bereits, dass dessen Politik unweigerlich zu einem Krieg führen würde. Hitlers Rassenpolitik, die Verfolgung Andersdenkender, die radikale Gleichschaltung der Presse und vollständige Militarisierung der gesamten Bevölkerung waren deutlich sichtbare Anzeichen für das Entstehen eines Unrechtsstaates. Unzählige deutsche Juden und sogenannte Staatsfeinde mussten ihre Heimat Hals über Kopf verlassen, um nicht in einem der neugeschaffenen Konzentrationslager zu verschwinden oder während eines nächtlichen Verhörs in einem der Folterkeller der Gestapo zu Tode geprügelt zu werden. Die meisten Volksgenossen arrangierten sich schon bald mit dem Regime und lernten in ihm zu leben. Diejenigen, die keine Nationalsozialisten waren und es sich leisten konnten, zogen sich in das Privatleben zurück. Hunderte ehemalige Abgeordnete, deren Parteien nach 1933 verboten worden waren, begaben sich in die freiwillige politische Isolation. Sie widmeten sich fortan der Landwirtschaft oder der Pferdezucht. Die Angst durch einen dummen Zufall in den Fokus der Gestapo zu geraten war allgegenwärtig. Man verhielt sich daher möglichst unauffällig und blieb vorsichtig.
Als die Wehrmacht am 1. September des Jahres 1939 das Nachbarland Polen überfiel und damit den 2. Weltkrieg auslöste, wurden die meisten dieser Männer zum Wehrdienst eingezogen. Viele von ihnen dienten als Offizier in der Wehrmacht und wurden an der Front nicht selten Augenzeugen von deutschen Kriegsverbrechen. Einige dieser Offiziere verschlossen die Augen und sahen weg, als die Einsatzgruppen der SS und des Sicherheitsdienstes SD im russischen Hinterland tausendfachen Massenmord an Juden und Zivillisten begangen. Einige dieser Männer beteiligten sich sogar persönlich an diesen Gräueltaten. Entweder aus Überzeugung oder aber aus Opportunismus beteiligten sich einst anständige Männer im deutschen Namen an unvorstellbaren Verbrechen, die für immer unentschuldbar bleiben werden. Nur eine Handvoll dieser meist adeligen Offiziere wagte am 20. Juli 1944 den Staatsstreich. Das Stauffenberg-Attentat auf-Hitler misslang und der Staatsstreich brach schon nach ein paar Stunden in sich zusammen. Die führenden Offiziere dieses letzten verzweifelten Versuchs, sich noch aus eigener Kraft aus den Fängen des Hitler-Regimes zu befreien, misslang. Die Folgen sind bekannt. Das sinnlose Sterben an den Fronten und in den Vernichtungslagern ging noch fast zehn Monate weiter, bis das deutsche Oberkommando schließlich bedingungslos kapitulierte und die Waffen streckte. Hitler und viele seiner engsten Mitstreiter entzogen sich der Verantwortung durch Selbstmord oder versuchten unter falschem Namen unterzutauchen. Die meisten dieser Kriegsverbrecher und Schreibtischtäter konnten die alliierten Sieger allerdings aufspüren, festnehmen und aburteilen.
Einigen wenigen gelang die Flucht in das weit entfernte Ausland. Doch was wurde aus den Opportunisten aus der dritten Reihe, dem Blockwart aus der Wohnung von nebenan, dem Wachtposten auf dem Wachturm in einem Konzentrationslager oder dem kleinen Parteifunktionär in einem pommerschen Dorf. Viele dieser Männer und Frauen, die jahrelang widerspruchslos unmenschliche Befehle befolgt hatten, schwiegen fortan oder rechtfertigten ihre eigenen Taten, in dem sie sie zu kriegsrelevanten Notwendigkeiten verklärten und sich auf den Befehlsnotstand beriefen. Es gab aber auch eine nicht unerheblich große Anzahl derer, die an ihrer Schuld zugrunde gingen. Sie flüchteten sich in den Alkohol oder brachen unter der Last der eigenen Verbrechen irgendwann zusammen. Hunderte begingen noch Jahre nach dem verlorenen Krieg einfach Selbstmord oder flüchteten in den Wahnsinn. Die meisten der Täter kehrten jedoch in ihr altes beschauliches Leben aus der Vorkriegszeit zurück, wurden wieder Versicherungsvertreter oder eröffneten irgendwo ein kleines Geschäft, in dem sie fortan Schuhe oder Radiogeräte verkauften. Ihre Schuld jedoch blieb. Heute liegt es an jedem einzelnen von uns, aus der Geschichte zu lernen und eine Wiederkehr von nationalem Größenwahn und staatlicher Willkür zu verhindern. Dieses Buch soll ein Versuch sein, dem Denken und Handeln jener Menschen auf die Spur zu kommen, die mitmachten, oder aber aus moralischer Verpflichtung heraus begannen Widerstand zu leisten. Die Hauptfiguren der vorliegenden Geschichte sind frei erfunden. Ihre Biografien entstammen ausschließlich meiner Fantasie. Einige der Handelnde Personen hat es aber tatsächlich gegeben. Für die vorliegende Geschichte habe ich einige ihrer Lebensgeschichten und Handlungen, soweit es für die Erzählung notwendig war, verändert. Die meisten der Tatsachen und Geschehnisse in diesem Buch entsprechen allerdings den historischen Begebenheiten und haben sich tatsächlich so abgespielt.
Binga Hydman, August 2020
1. Kapitel
Die neue Zeit
„Martin! Das Essen steht auf dem Tisch!“ Der Ruf der Hauswirtschafterin hallte über den sonst menschenleeren Hof. Der sich auf der Treppe des alten Herrenhauses sonnende bereits betagte Schäferhund hob schläfrig den Kopf, bevor er ihn wenig später auf die warmen Steinplatten zurückfallen ließ. Es war kurz vor Mittag und die meisten der Mägde und Knechte, die auf dem Gut der Familie von Amsfeld arbeiteten, waren zu dieser Zeit entweder noch auf den Feldern oder in den Stallungen beschäftigt. Wo steckt der Junge bloß wieder, dachte Ursula Kleinow und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. Eine Sekunde später entdeckte sie den Knaben. „Ich komme schon“, rief er und winkte ihr dabei zu. Er trat aus einem der Pferdeställe heraus und die alte Haushälterin wunderte sich einmal mehr, wie erwachsen der Junge bereits wirkte. Martin von Amsfeld war vor sechs Tagen siebzehn Jahre alt geworden. Wie er da so vor ihr stand, das blonde Haar in das gerötete Gesicht hängend, die Striegelbürste in der Hand, machte er auf die Haushälterin eher den Eindruck eines zweiundzwanzigjährigen Mannes, als den eines siebzehnjährigen Knaben. Martins stahlblaue Augen hatten einen warmen, aber dennoch harten Glanz und sein muskulöser, sportlicher Oberkörper strahlte Kraft und Stärke aus. Martin war 1,88 m groß und durch die Arbeit auf dem Hof von sportlicher Statur. Der Junge zog sich das Hemd an, dass er während des Striegelns der Pferde ausgezogen hatte. Dann legte er die Bürste auf den Rand eines Wasserfasses und machte sich auf den Weg zum Haupthaus. Mit leichten, schnellen Schritte stieg er die sieben Stufen zur Empfangshalle hinauf. Ursula Kleinow trat einen Schritt zur Seite und hob dabei drohend ihren Finger in Richtung der Zimmerdecke. „Händewaschen nicht vergessen, junger Mann!“ Martin überlegte, ob er der Haushälterin eine sarkastische Antwort geben sollte, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Ursula Kleinow war die gute Seele des Hauses von Amsfeld und Martin kannte sie schon sein ganzes Leben lang. Daher wusste er, dass jede Widerrede zwecklos war.
Die alte Frau lebte nun schon seit 45 Jahren auf dem Anwesen und hatte sich seit seiner Kindheit um ihn gekümmert. Sie ist eine warmherzige Frau, die man einfach gern haben muss, dachte Martin und trat dann in das Esszimmer ein. Der angenehme Duft eines Bratens kroch ihm in die Nase. Als er den gedeckten Tisch betrachtete, erspähte er eine dampfende Fleischplatte, auf der ein riesiger Schweinebraten ruhte. In einer großen Schüssel türmten sich gekochte Kartoffeln und in einem etwa gleich großen Topf hatte Ursula frisches Gemüse vorbereitet. Am Ende des vier Meter langen Tisches saß Paul Gerhard von Amsfeld. Der ergraute Gutsherr hatte sich in eine Tageszeitung vertieft und schien das Eintreten seines Sohnes nicht bemerkt zu haben. „Diese verdammten Verbrecher“, entfuhr es ihm und dabei schüttelte mit einem angewiderten Gesichtsausdruck den Kopf. „Diese Kerle führen uns geradewegs in den nächsten Krieg.“ Seine Stimme war zu einem fast verzweifelten Flüstern geworden. „Hallo Vater.“ Der alte Mann ließ erschrocken die Zeitung sinken und blinkte überrascht auf. Seine Augen blieben an seinem Sohn hängen, und er fixierte Martin für einen kurzen Moment. Dann lächelte er und legte die Lektüre auf den Tisch. „Setz Dich, mein Sohn. Wir wollen endlich anfangen.“ „Wo ist Mutter?“, fragte Martin. „Sie ist nach Rummelsburg gefahren, um dort ein paar Dinge einzukaufen. Sie kommt sicher erst heute Abend zurück.“ Ursula Kleinow stellte zwei Flaschen Bier auf den Tisch und zog sich dann in die Küchenräume zurück. Vater und Sohn prosteten sich schweigend zu. Dann aßen sie.
Martin blickte auf das große Ölbild, das hinter seinem Vater an der Wand hing. Es zeigte einen stattlichen und großgewachsenen Mann, der in eine rote Dragoneruniform der preußischen Armee gekleidet, in das große Nichts der künstlerischen Unendlichkeit zu blicken schien. Der graue Schnauzbart war perfekt gestutzt, die kerzengrade Körperhaltung drückte Selbstsicherheit aus. Die rechte Hand hatte der Mann lässig auf einen glänzenden Ledergürtel gelegt, der die Scheide seines Degens hielt. Martin stopfte sich eine Kartoffel in den Mund und grinste. „Also unser Vorfahre sieht irgendwie gelangweilt aus“, witzelte Martin und zeigte mit der Gabel auf das Bild an der Wand. Sein Vater drehte sich zu dem Gemälde um und warf einen prüfenden Blick darauf. „Der gute Richard hatte ein ereignisreiches Leben. Er sieht eher müde aus finde ich.“ Vater und Sohn prosteten sich zu und Martin erinnerte sich an die vielen Geschichten, die er in seiner Kindheit über den ersten Freiherrn von Amsfeld und den Familienwohnsitz gehört hatte.
Richard Freiherr von Amsfeld, der Stammhalter der Sippe, hatte das Anwesen mit dem dazugehörigen Land im Jahre 1724 erworben und zum Familiensitz der von Amsfeld gemacht. Das Rittergut, das sich über 30 Millionen Quadratmeter erstreckte, war seit dieser Zeit immer wieder umgebaut und erweitert worden, bis es 1876 durch ein Feuer bis auf die Grundmauern niederbrannte. Nur der große Mittelturm des Haupthauses war durch das Feuer verschont geblieben. Theodor von Amsfeld, der damalige Gutsherr, ließ die zerstörten Gebäude und das Wohnhaus wieder aufbauen. Gleich neben den Stallungen wurden einige kleine Gesindehäuser für die Landarbeiter und ihre Familien errichten, in den sie kostenlos wohnen durften. Vor dem großen Wohnhaus entstand damals nicht nur eine Kapelle, sondern auch ein kleiner Pavillon, an dem sich in den lauen Sommerabenden die Familienmitglieder der von Amsfeld mit ihren Angestellten zu einem abendlichen Plausch trafen. In den darauffolgenden drei Jahrzehnten siedelten sich um den Hof herum, immer mehr Menschen an. Schon damals lebte es sich unter der Herrschaft des liberalen und weltoffenen Theodors nicht schlecht. Dutzende Häuser, eine Schule und sogar eine Tuchmacherei wurden um den Herrensitz herum gebaut, so dass der preußische König und deutsche Kaiser Wilhelm II im Jahre 1903 die Gründung des Dorfes Amsfeld befahl.
„Ich werde heute Nachmittag in Treblin die beiden Stuten beschlagen lassen. Unser eigener Hufschmied ist letzte Woche von der Gestapo abgeholt worden.“ Martin sah, wie sein Vater bei den Worten angewidert das Gesicht verzog. Die Werkstatt des Hufschmieds Walter Rausch befand sich seit vielen Jahrzehnten in der Ortsmitte des Dorfes Amsfeld. Der stets freundliche und fast zwei Meter große Mann galt als ein ausgezeichneter und zuverlässiger Handwerker, der sich in den zwanziger Jahren eine Zeit lang für die Sozialdemokratie stark gemacht hatte. Nach der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 und dem darauf folgenden Verbot aller politischen Parteien, zogen sich viele Deutsche in das Privatleben zurück. Rausch, der niemals ein Amt bekleidet hatte, gehörte zu den wenigen Mutigen, die nach Hitlers Machtergreifung ihren Idealen treu geblieben waren. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, wetterte er gegen das brachiale Regime und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ihn ein Volksgenosse bei der Gestapo anschwärzte. Vor zwei Tagen war Rausch dann in den frühen Morgenstunden von Gestapo-Beamten abgeholt worden. „Das kann sich nur um einen Irrtum handeln“, sagte Martin, obwohl er tief in seinem Inneren ahnte, dass dem nicht so war. Sein Vater blickte ihn schweigend an. Dann erhob er sich und trat an das große Fenster heran. Auf den eben noch menschenleeren Hof war das Leben zurückgekehrt.
Einige Landarbeiter hockten auf dem gemauerten Rand des Brunnens und genossen ihre Mittagspause. „Mein lieber Junge“, der Gutsherr schwieg für einen kurzen Moment, dann fuhr er mit leiser Stimme fort „Die Verhaftung von Rausch war alles andere als ein Irrtum. Wir leben heute in einem Land, in dem jede noch so kleine Kritik an der Staatsgewalt hart bestraft wird.“ Martin betrachtete seinen Vater aus dem Augenwinkel heraus. Er versteht die Welt, in der wir leben nicht mehr, dachte Martin. Seit 1919 leitete sein Vater die Geschicke des Guts. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges hatte der ehemalige Rittmeister der 4. preußischen Garde-Kavallerie-Brigade seinen Dienst quittiert und sich mit seiner Frau auf das pommersche Rittergut in der Nähe der kleinen Stadt Rummelsburg zurückgezogen. Noch im gleichen Jahr kam hier ihr einziger Sohn Martin zur Welt. In den darauffolgenden Jahren der ersten deutschen Republik und der damit verbunden Abschaffung des Adels, lebte die Familie das Leben eines Großbauern. Paul Gerhard wurde zum Bürgermeister des Dorfes gewählt und zog 1920 als Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei in den preußischen Landtag ein.
Die DDP war 1918 gegründet worden und gehörte zu den wenigen Parteien, die sich uneingeschränkt zur Demokratie bekannten. Paul Gerhard, der zusammen mit dem Bankier und ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht zu den Gründungsvätern der DDP gehörte, zählte zu den wenigen Adeligen, die die politische Zukunft Deutschlands in der Demokratie sahen. Die offene Ablehnung der monarchischen Staatsform führte in den zwanziger Jahren in kurzer Zeit zu einer gesellschaftlichen Isolierung der Familie von Amsfeld. Die Mehrheit des immer noch kaisertreuen Adels lehnte die Weimarer Republik und ihren demokratischen Parlamentarismus ab. Während sich die Bevölkerung in den Großstädten einer gigantischen Inflation, hoher Arbeitslosigkeit und dem nackten Hunger ausgesetzt sah, feierten viele ehemalige Würdenträger des untergegangenen Kaiserreiches auf dem Ku'damm in Berlin die Nächte durch. Als es am 24. Oktober des Jahres 1929 in New York an der Wall Street zum Börsencrash kam, und die Kurse der Aktien daraufhin einbrachen, dauerte es nicht lange bis auch in Europa die Aktienmärkte zusammenbrachen. Viele Anleger verschuldeten sich und wurden bedingt durch eine rasant ansteigende Hyperinflation manchmal innerhalb von Tagen ihres Hab und Guts beraubt. Große Firmen mussten Konkurs anmelden und schlossen ihre Tore. Die Arbeitslosenzahlen erreichten bald die 6 Millionen Marke und das führte zu einer Radikalisierung der Bevölkerung. Das war fünf Jahren her und seit dieser Zeit hatte sich in Deutschland einiges verändert.
Am 30. Januar 1933 erschlich sich eine Partei die Macht im Lande, die man zehn Jahre zuvor noch verboten hatte. Die NSDAP, eine nationalistische und ausgesprochen antisemitische Gruppierung, die den Parlamentarismus strikt ablehnte, versprach ihren Wählern Arbeit und Brot und konnte ihre Mitgliederzahl von 175.000 Mitgliederzahlen Jahr 1929 bis 1933 nahezu verzwanzigfachten. Als Adolf Hitler in einer seiner ersten offiziellen Reden den anderen Parteien ein baldiges Verbot voraussagte, ahnte Paul Gerhard, dass seine Tage als Abgeordneter des preußischen Landtages schon sehr bald gezählt sein würden. Nur sieben Wochen später erließen die Nazis dann auch das „Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder“, mit dem auf einen Schlag alle zu diesem Zeitpunkt noch bestehenden Länderparlamente aufgelöst wurden. Wie so viele andere Abgeordnete musste auch Paul Gerhard von Amsfeld alle seine politischen Aktivität einstellen. „Ist das wirklich schon zwei Jahre her?“, ging es ihm durch den Kopf. Seit dieser Zeit lebten er und seine Familie wieder auf dem Gut in Amsfeld. Die Berliner Stadtwohnung, in der sie viele Wochen im Jahr zu Hause gewesen waren, hatte der Freiherr nach der Auflösung des Parlaments an einen ihm bekannten Arzt und seine Familie vermietet.
Martin räusperte sich und sein Vater tat es ihm gleich. „Ich kann Dich nach Treblin begleiten Vater. Die vier Holsteiner habe ich bereits versorgt und einer der Stallburschen kann sich um das Füttern kümmern“ „ Das ist sehr nett von Dir, aber ich möchte, dass Du Dich heute Nachmittag um eine andere wichtige Angelegenheit kümmerst“ Martin blickte seinen Vater überrascht an. „Gern, worum geht es?“ In diesem Moment betrat die alte Haushälterin das Esszimmer, um das Geschirr abzuräumen. „Ursula, meine Gute. Sie kommen gerade zur rechten Zeit!“ Verdutzt blieb die Frau stehen. „Ich möchte, dass Sie heute mit Martin zum Ortsgruppenleiter gehen. Es ist gestern morgen ein amtliches Schreiben in der Post gewesen, in dem ich darauf hingewiesen werde, dass alle meine Angestellten behördlich registriert werden müssen.“ Für einen Moment war nur das Wiehern einiger Pferde zu hören. Paul Gerhard von Amsfeld war wahrlich kein Freund der Nazis und er verabscheute den Ortsgruppenleiter der NSDAP zutiefst. Insofern konnte Martin verstehen, dass sein Vater ihn gebeten hatte Ursula zu begleiten und er nicht selber mit ihr zu dem Parteifunktionär gehen wollte. Der Mann hieß Johann Matuchek und war vor seiner Parteikarriere als einfacher Arbeiter in der ortsansässigen Tuchmacherei angestellt gewesen.
Matuchek, der 1928 in die NSDAP eingetreten war, lebte seit seiner Geburt in Amsfeld und war ein ungebildeter Kerl, der es vor der Machtergreifung zu nichts gebracht hatte. Er trank gern und viel, zuviel . Er war für seine Brutalität bekannt und benutzte seine neue Machtposition häufig genug dazu, um alte, offene Rechnungen zu begleichen. Nachdem er vor zwei Jahren zum Ortsgruppenleiter ernannt worden war, führte er sich häufig auf wie ein Despot und wurde von den meisten Dorfbewohnern gemieden. Der kleine Raum der NSDAP-Ortsgruppe Amsfeld lag gleich neben der Bäckerei Tornow. Das Gebäude hatte ursprünglich einmal als Lagerhalle für Tuchballen gedient und war vor zwei Jahren mit einfachsten Mittel zum Büro und Versammlungsort der Partei umgebaut worden. Johann Matuchek saß hinter einem alten Schreibtisch und war damit beschäftigt, die neuste Ausgabe des „Völkischen Beobachters“ zu lesen, als es an der Tür klopfte. Der Ortsgruppenleiter legte die Zeitung beiseite. „Herein“ rief er mit schnarrender Stimme. Die Tür öffnete sich und Ursula Kleinow und Martin von Amsfeld betraten das Büro. Der Ortsgruppenleiter ließ die Zeitung in einer der Schubladen verschwinden und griff nach einem Stapel Karteikarten auf denen er die Daten der ortsansässigen Parteimitglieder notiert hatte.
In den letzten beiden Jahren war die Anzahl der Anträge auf Aufnahme in die NSDAP beständig angewachsen. In Amsfeld lebten zurzeit 1012 Menschen, von denen mittlerweile 388 eingetragene Parteimitglied waren. „Guten Tag Herr Matuchek. Ich habe eine Aufforderung erhalten mich bei Ihnen zu melden“, sagte Ursula Kleinow, die sich sichtlich um Freundlichkeit bemühte. Der Blick des Ortsgruppenleiters wanderte zwischen der alten Frau und Martin hin und her. Dieser reiche Schnösel, dachte er. Wie ich diese arroganten Adeligen doch hasse, ging es ihm durch den Kopf. „Heil Hitler!“ Er hob den rechten Arm zum sogenannten deutschen Gruß und wies auf die beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen. „Setzen Sie sich!“ Es war keine Bitte, sondern eine Anweisung, der die Besucher zu folgen hatten. Ursula und Martin tauschten einen kurzen Blick aus und setzten sich dann. „Der Kreisleiter hat befohlen, dass ich alle in Amsfeld tätigen Hausangestellten und Arbeiter registriere“, sagte er mit schnarrender Stimme. „In diesem Prozess werden unter anderem alle vorliegenden Unterlagen geprüft und herangezogen, die Aufschluss über die jeweilige Person geben.“ Sein Blick fiel auf einen ausgefüllten Vordruck, den er vor sich auf dem Schreibtisch gelegt hatte. „Natürlich wird in diesem Zusammenhang auch die Herkunft der betroffenen Person überprüft.“
Ursula Kleinow blickte Matuchek fragend an. „Ihre Großeltern väterlicherseits hießen Rosenbaum? Ist das korrekt?“ Matuchek lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Seine Stimme war eisig und abweisend. „Das ist richtig“, antwortete die Haushälterin. Martin, der bisher geschwiegen hatte, bemerkte dass sich der Gesichtsausdruck des Ortsgruppenleiters jetzt um eine weitere Nuance verfinsterte. Er hatte die Lippen aufeinander gepresst und seine Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden. Was sollte das, fragte sich Martin. Wieso war der Name der Großeltern so wichtig? Eine Sekunde später erhielt er die Antwort. Matuchek war aufgesprungen und hatte seine Hände zu Fäusten geballt. Dann beugte er sich über den Tisch, so dass sein Kopf nur noch einen halben Meter von Ursula Kleinow entfernt war. „Samuel und Maria Rosenbaum. Das klingt doch wohl sehr jüdisch oder etwa nicht?“ Das Wort jüdisch zischte er der völlig überraschten Frau entgegen. Sein Gesicht war hassverzerrt und Martin glaubte, dass Matuchek gleich auf die vor ihm sitzende Frau losgehen würde. Ursula Kleinow war bleich geworden. Ihre zarte schmale Gestalt schien unter jedem weiteren Wort ihres Gegenüber kleiner und zerbrechlicher zu werden. „Du bist eine verdammte Judensau“, brüllte er. Der nackte Hass des Mannes schlug Ursula Kleinow mit voller Wucht entgegen und bevor Martin etwas dagegen unternehmen konnte, spuckte Matuchek der Haushälterin ins Gesicht. Ursula Kleinow saß kerzengrade auf ihrem Stuhl und war zu einer Salzsäule erstarrt. Der Speichel des Mannes lief an ihrer rechten Wange herunter. Sie blickte leer und ausdruckslos ins Leere. Martin war aufgesprungen und stellte sich schützend vor die alte Frau, so dass er zwischen ihr und dem tobenden Matuchek stand. „Herr Matuchek, was fällt Ihnen ein?“, rief er und die Fassungslosigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Und Du hältst besser Deine adelige Klappe, bevor ich Dich und Deine ganze defätistische Sippe als Judenfreunde verhaften lasse.“ Martin schoss das Blut in den Kopf, so dass er dunkelrot anlief. Seine Knie zitterten nun vor Wut, und er hatte sichtlich Mühe, sich zu bändigen, um diesem versoffenen Nichtsnutz nicht auf der Stelle die Visage einzuschlagen. „Was bedeutet die Erkenntnis, dass meine Großeltern dem jüdischen Glauben angehörten denn jetzt?“ Martin und Matuchek wandten sich fast gleichzeitig der alten Frau zu, die sich mit einem Taschentuch über das Gesicht wischte. Dann ging ein kurzer Ruck durch ihren kleinen gebrechlichen Körper. Sie blickte Matuschek mit furchtloser Verachtung an, der dadurch für einen Moment aus dem Konzept zu geraten schien. „Und für Sie Herr Matuschek, bin ich immer noch Frau Kleinow.“ Nach diesen Worten herrschte in dem kleinen Raum für einen Moment eine gespenstische Stille. Nur der rasselnde Atem Matuschek unterbrach diese plötzliche Ruhe. Eine Sekunde später ließ der Mann sich mit einem Plumpsen auf seinen Stuhl zurückfallen, und seine Gesichtszüge entspannten sich etwas. Ursula Kleinow legte ihre Hand auf den Oberschenkel Martins, der sich immer noch schützend zwischen ihr und dem Schreibtisch des Ortsgruppenleiters aufgebaut hatte. Sanft schob sie ihn zur Seite. Ihr kalter Blick und ihre offensichtliche Furchtlosigkeit schienen den uniformierten Mann zu irritieren. „Sie gelten nach den bestehenden Rassengesetzen des deutschen Reiches fortan als Halbjüdin“, murmelte er. Dann wandte er sich an Martin „Sie sollten ihrem Herrn Vater mitteilen, dass er durchaus Schwierigkeiten bekommen könnte, wenn er weiterhin eine Jüdin bei sich beschäftigt.“ Ursula Kleinow war während dieser Worte aufgestanden und hatte sich der Tür zu gewandt. „Martin, bitte lass uns gehen. Guten Tag Herr Matuchek.“ Auf dem Heimweg schwieg die alte Frau. Martin, immer noch wie unter Schock, trottete stumm neben ihr her. Seine Blicke fielen auf die Dorfbewohner, an denen sie vorbeigingen. Plötzlich überkam ihn das Gefühl, dass man sie anstarrte, oder aber den direkten Blickkontakt mied, als sie sich näherten. Wieder zu Hause angekommen, suchte Martin nach seinem Vater, aber der war noch nicht wieder zurück. Verstört und aufgewühlt durch die jüngsten Ereignisse in dem Büro des Ortsgruppenleiters Matuchek, hallten die Worte des Mannes immer und immer wieder durch seinen Kopf. „Du bist eine Judensau“. Ursula Kleinow tat ihm leid, und er schämte sich dafür, dass er sie nicht vehementer verteidigt hatte. In Deutschland erlebte der Antisemitismus seit der Machtergreifung der Nazis frischen Wind. Überall im Deutschen Reich wurden die Juden seit 1933 Schritt für Schritt aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt und ausgegrenzt.
Mit den Worten "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!", war am 1. April 1933 ein reichsweiter Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte durchgeführt worden. Das neugeschaffene "Zentral-Komitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze" des fränkischen Gauleiters Julius Streicher war für die Durchführung dieser perfiden Hetzkampagne verantwortlich gewesen. Seit Mitte der zwanziger Jahre weiteten die Nazis ihre antijüdischen Aktionen immer weiter aus, und nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 begannen sie immer offener und rabiater gegen die Juden vorzugehen. Die durch die Nazis unterwanderte Polizei und Justiz griff nur noch sehr selten ein und registrierte die antijüdischen Ausschreitungen in der Regel tatenlos. Dieser staatlich geduldete und sogar geförderte Antisemitismus erschien vielen Deutschen suspekt und als nicht richtig. Paul Gerhard von Amsfeld war einer von diesen Deutschen. Die Familie von Amsfeld galt von jeher als weltoffen und ausgesprochen liberal. Antisemitismus war ihnen fremd und so ging der ehemalige DDP-Abgeordnete kurz nach der Machtergreifung der Nazis zu den neuen Herren auf Distanz.
Die Nürnberger Rassegesetze vom 15. September 1935 stellten den bisherigen Höhepunkt des staatlich verordneten Antisemitismus dar. Fortan wurde zwischen „Reichsbürgern“, die deutschen oder artverwandten Blutes sein mussten und jüdischen „Staatsangehörigen des Deutschen Reichs“ unterschieden, die im Gegensatz zu den erstgenannten über keinerlei bürgerlichen Rechte mehr verfügten. Als ein sogenannter „Volljude“ galt, wer von mindestens drei jüdischen Großeltern abstammte. zu „Halbjuden“ wurden jene Menschen, die von zwei jüdischen Großeltern abstammten.
Ursula Kleinow stieg die Treppen des Wohnhauses hinauf. Die alte Haushälterin hatte sich, gleich nach dem sie auf das Rittergut zurückgekehrt waren, in ihr kleines Zimmer zurückgezogen. Der Besuch im Büro des Ortsgruppenleiters Matuschek wirkte auch bei ihr immer noch nach. Sie hatte die grenzenlose Wut und den Hass dieses Mannes erlebt, und auch das Entsetzen Martins war ihr nicht entgangen. Sie schloss die Augen und vor ihrem geistigen Auge setzten sich Stück für Stück längst vergessene Erinnerungen zu Bildern zusammen. Sie sah ihre Großmutter, die sie so sehr geliebt hatte, auf einem Schaukelstuhl sitzen, während ihr Großvater wie üblich an seinem Schreibtisch hockte und dabei war die Zeitung zu studieren. Ursula lächelte, als sie sich selbst zwischen den beiden alten Leuten auf dem Boden hocken sah. In der Hand hielt sie ihre Lieblingspuppe, und als sie zu ihrer Großmutter aufsah, lächelte die alte Frau ihr freundlich zu. Dann verschwanden diese Erinnerungen und machten anderen Bildern platz. Jetzt sah sie ihre Großeltern, die sich händehaltend auf eine Parkbank gesetzt hatten, um Ursula beim Spielen zu zuschauten. Plötzlich tauchten zwei junge Männer auf, die im Vorbeigehen über die beiden alten Menschen lachten und sie verspotteten. „Verdammtes Judenpack“, hatte einer der beiden gerufen. Diese Worte konnte Ursula bis heute nicht vergessen. Damals war sie sechs Jahre alt gewesen und hatte nicht einmal gewusst, was diese Worte eigentlich bedeuteten. Nur der traurige Blick ihrer Großeltern hatte sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Die jüdische Religion spielte damals in ihrem Elternhaus nie eine sonderlich große Rolle. Als ihre Großeltern ein paar Jahre später starben, sprach im Hause Kleinow kein Mensch mehr über die jüdischen Wurzeln der Familie ihrer Mutter.
Wie im aufgeklärten Pommern allgemein üblich ,waren die Kleinows im protestantischen Glauben erzogen worden und gehörten wie die meisten Bewohner Amsfelds der evangelischen Kirche an. Ursula seufzte und ließ sich erschöpft auf ihren Sessel fallen. Was sollte sie nun tun? Sie galt jetzt nach den deutschen Rassengesetzen als Halbjüdin und war damit praktisch rechtlos. Als noch schlimmer aber empfand sie die plötzliche Erkenntnis der Hilflosigkeit. Was konnte sie überhaupt noch tun? Ein Klopfen an ihrer Tür riss sie aus ihren Gedanken. „Herein“ Sie räusperte sich „Herein“ wiederholte sie etwas lauter. Die Tür öffnete sich und Paul Gerhard von Amsfeld betrat den Raum. Er blickte sich um, dann lächelte er. „Darf ich mich setzen?“ Die alte Frau sah ihren Arbeitgeber müde an und deutete dann auf einen der beiden alten Stühle. „Ich mache nur eine kurze Pause Herr von Amsfeld“, entschuldigte sie sich. „Sie werden heute den ganzen Tag lang Pause machen können, denn ich gebe Ihnen für heute frei.“ Freiherr von Amsfeld schüttelte traurig mit dem Kopf. „Martin hat mir von ihrem Besuch bei diesem strohdummen Matuchek erzählt.“ Seine Stimme war eisig, wurde aber sofort wieder sanft und einfühlsam, als er weitersprach. „Machen Sie sich bitte keine Sorgen über Ihren weiteren Verbleib in unserem Haus. Sie gehören seit vielen Jahren praktisch zur Familie, und niemand von uns wird diese Tatsache jemals vergessen.“ Paul Gerhard holte tief Luft, dann fuhr er fort. „Wir leben in schwierigen Zeiten. Deutschland ist in die Hände einer Verbrecherbande gefallen, und sie können mir glauben, dass alles noch viel schlimmer werden wird. Die Nazis werden uns mit ihrer aggressiven Politik über kurz oder lang in einen Krieg führen, das steht für mich fest. Der antisemitische Rassenwahn dieser Herrschaften wird ebenfalls zu großem Leid führen. Dieser ganze Quatsch vom arischen, germanischen Menschen ist lächerlich und dumm!“ Ursula Kleinow blickte ihren Arbeitgeber traurig an. Dann erwiderte sie lächelnd mit leiser Stimme „Sie sind ein guter Mensch Herr von Amsfeld. Ich danke Ihnen für die ehrlichen Worte, aber würde ich bleiben, bekämen Sie und Ihre Familie sicher Schwierigkeiten.“ „Da machen Sie sich mal keine Sorgen.“ Beruhigte er sie, obwohl er selbst kaum beunruhigter hätte sein können. „Ich denke es wird das Beste sein, wenn ich für eine Weile zu meiner Schwester nach Österreich gehe. Sie hat ja diesen Polizeibeamten aus Wien geheiratet.“ „Ich bitte Sie zu bleiben. Was sollen wir ohne Sie denn machen?“ Der Gutsherr lächelte und blickte sie fast flehend an. „Ich werde darüber nachdenken“, sagte sie und er bemerkte, dass für sie das Gespräch damit beendet war.
Martin von Amsfeld stellte das Fahrrad an die Mauer des kleinen Backsteingebäudes, das die örtliche Verwaltung des Dorfes beherbergte. In seiner Hand hielt er den Einberufungsbescheid zum Reichsarbeitsdienst. Seit wenigen Monaten war dieser halbjährige Dienst für männliche Jugendliche im Alter von 18 bis 25 Jahre zur Pflicht geworden. Unter dem Motto „Mit Spaten und Ähre“ wurden die Jungen in Arbeitskolonnen eingesetzt, um neues Ackerland zu kultivieren, Deiche zu errichten oder Moore trockenzulegen. War der Arbeitsdienst zuerst nur dafür gedacht gewesen die Arbeitslosigkeit zu mindern, diente er jetzt hauptsächlich als eine nationalsozialistische Erziehungsmaßnahme und Vorausbildung für den sich anschließenden Wehrdienst. Als Martin wenige Minuten später wieder auf der schmalen, menschenleeren Dorfstraße stand, war er im Besitz einer ordnungsgemäß gestempelten Fahrkarte für eine Zugfahrt in der 3.Klasse zum Dienst im RAD-Reicharbeitsdienstlager 3/77 in Archsum auf der Insel Sylt. Sein Vater hatte wenig begeistert reagiert, als der Bescheid vor ein paar Tagen mit der Post ins Haus geflattert war. „Ich kenne einen Arzt in Rummelsburg, der könnte Dich DU (Dienstunfähig) schreiben“, schlug er seinem Sohn vor, doch Martin winkte ab. „Nein Vater, das wäre nicht recht. Ich werde fahren und wie alle anderen dort meine Pflicht leisten. Außerdem war ich noch nie auf Sylt“. Sein Vater nickte stumm. Letztendlich hatte er von seinem Sohn nichts Anderes erwartet. Martin war ein guter Junge und eine ehrliche Haut. Manchmal zu ehrlich, dachte der Alte von Amsfeld. „Wann musst Du einrücken?“ Helene hatte unbemerkt das Arbeitszimmer betreten und blickte ihren Sohn fragend an. „Schon nächste Woche“, erwiderte der. Seine Mutter ging geradewegs auf ihren Sohn zu und küsste ihm auf die Stirn.
„Du wirst uns sehr fehlen“, flüsterte sie ihm leise zu. Martin blickte ein wenig verlegen zu Boden. „Ich bin ja nur für sechs Monate dort. Im Anschluss werden sie mich sowie so für zwei Jahre zum Wehrdienst einziehen“, sagte er. Seine Mutter strich ihm mit den Fingerspitzen zärtlich über die linke Wange. Sie war eine schöne Frau. Ihr volles blondes Haar wirkte durch eine perfekt gelegte Dauerwelle voluminös und elegant. „Wehrmacht!“, fauchte Paul Gerhard und in seiner Stimme lag die pure Verachtung. Helene nahm ihren Mann an die Hand und zog ihn mit sich in das Speisezimmer. „Kommt meine beiden Männer. Wir wollen doch Ursula nicht warten lassen.“
Zwei Tage bevor Martin zum RAD einrücken sollte, wurde Ursula Kleinow verhaftet. Wie so oft kamen die Beamten der Gestapo in den frühen Morgenstunden. Es war sechs Uhr, als es an der großen Haustür klopfte. Freiherr von Amsfeld, der gerade dabei war eine Kanne Kaffee vorzubereiten, murmelte verschlafen. „Ist ja gut“, und ging gähnend zu der schweren Eingangstür hinüber. Als er die Tür einen Spalt weit geöffnet hatte, drängten ihn sofort zwei Männer in langen Ledermänteln zur Seite. „Was erlauben sie sich?“, fuhr er die beiden Beamten an. Der größere der zwei Eindringlinge hielt dem überraschten Gutsherrn seine Gestapo-Marke unter die Nase. „Geheime Staatspolizei, sind Sie Paul von Amsfeld?“ Der Angesprochene blickte in zwei Augen, die ihn kalt und freudlos musterten. „Ja, der bin ich und wer bitte sind Sie?“. Der kleinere der beiden Gestapo-Beamten griff in seine Manteltasche und zog ein Stück Papier heraus. „Wir haben einen Haftbefehl zu vollstrecken. Wo finden wir die Jüdin Kleinow?“ Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Nach ein paar Sekunden hatte Paul Gerard den ersten Schreck überwunden und erwiderte ruhig „Was wird Frau Kleinow zur Last gelegt?“ Über das Gesicht des größeren der beiden Beamten huschte ein kurzes Lächeln. Ihn schien die Frage nach dem Grund für den Haftbefehl zu amüsieren. „Mehrere Zeugen bestätigen, dass die Jüdin Kleinow auf dem Wochenmarkt in Amsfeld staatsgefährdende Reden geschwungen hat. Dabei hat sie auch den Führer beleidigt, in dem sie ihn als…“, der Beamte blickte kurz auf das Stück Papier in seiner Hand. „..gefährlichen Demagogen bezeichnet hat“. Jetzt war es Paul Gerhard von Amsfeld, der zu Lächeln begonnen hatte. „Das ist doch wohl ein schlechter Scherz meine Herren. Diese Frau ist siebzig Jahre alt und völlig unpolitisch. Es muss sich dabei um ein Missverständnis handeln“. „Nein. Es ist definitiv kein Missverständnis. Diese Jüdin hat antideutsche Propaganda gemacht und damit die öffentliche Ordnung auf das schwerste gefährdet.“ In diesem Moment öffnete sich hinter den drei Männer die Tür des kleinen Zimmers, in dem Ursula Kleinow wohnte. Die alte Haushälterin trat in den Flur. Sie war vollständig angekleidet. Offenbar hatte sie das Gespräch der Männer mit angehört „Ich wäre dann soweit“, sagte sie mit fester Stimme und trat in den Flur hinaus. Die beiden Beamten nahmen sie in die Mitte. „Aber Ursula, diese Vorwürfe sind doch ein Witz.“ Paul Gerhard war von der an den Tag gelegten Kooperationsbereitschaft seiner Haushälterin sichtlich überrascht. Die alte Frau lächelte. „Ach Herr von Amsfeld, das spielt doch gar keine Rolle mehr. Wir wissen doch beide, dass diese Herren keinerlei Begründung brauchen um mich mitzunehmen.“ Nach diesen Worten drehte sie sich um und zu dritt traten sie auf den menschenleeren Hof hinaus. Einer der Gestapo-Schergen hatte der zierlichen Frau derweil Handschellen angelegt und sie auf den Rücksitz des Mercedes Benz 170 bugsiert. Sekunden später war der Wagen bereits hinter den Stallgebäuden verschwunden.
Als Martin an diesem Morgen in das Arbeitszimmer seines Vaters trat, sah er den alten Mann gedankenverloren an seinem Schreibtisch sitzen. Er sieht müde aus, dachte Martin. Sein Vater war in den letzten Monaten sichtlich gealtert. Die einst schwarzen Haare waren grau und sein hageres Gesicht durchzogen tiefe Falten. Martin wusste, dass sich der Freiherr seit der Machtübernahme der Nazis verändert hatte. Der früher lebenslustige und stets gut gelaunte Mann wirkte in letzter Zeit zunehmend verschlossen. Er schien immer häufiger von einer tiefen Traurigkeit befallen zu sein. Seiner täglichen Arbeit ging er nur lustlos nach und immer häufiger wirkte er schon am Mittag erschöpft. An den Abenden zog sich Paul Gerhard von Amsfeld dann meist nach dem gemeinsamen Abendessen zurück. Martins Mutter missfiel der Zustand ihres Mannes, aber sie sah sich nicht in der Lage, ihre Situation zu ändern. „Guten Morgen Vater.“ Paul Gerhard hob kurz den Kopf und nickte ihm wortlos zu. Eine Träne rann ihm über die rechte unrasierte Wange. „Was ist passiert?“, fragte Martin. Eine unbestimmte Angst ergriff von ihm Besitz. Er hatte seinen Vater bis jetzt noch niemals weinen sehen. Was zum Teufel war hier los? Auf dem Schreibtisch entdeckte er die Pistole seines Vaters. Die Waffe befand sich seit seiner Militärzeit im Besitz des ehemaligen Rittmeisters. „Sie haben Ursula abgeholt“, flüsterte Paul Gerhard mit brüchiger Stimme. Martin fühlte, wie ihm die Beine den Dienst versagen wollten. Mit einem schnellen Schritt erreichte er das kleine Sofa neben dem Bücherregal und ließ sich mit einem Plumps hineinfallen. „Ich konnte nichts machen. Sie haben sie einfach mitgenommen.“ Wieder liefen ihm die Tränen über das Gesicht. „Warum?“, war alles, was Martin herausbrachte. „Sie soll den Führer beleidigt haben“. Die Traurigkeit in der Stimme seines Vaters hatte nun einer mühsam kontrollierten Wut platz gemacht. „Recht und Gesetz gibt es nicht mehr in diesem Deutschland. Wir werden von elenden Verbrechern regiert, die uns alle in den Abgrund stoßen werden.“ Die letzten Worte schrie er hinaus. Mit geballten Fäusten und hochgezogenen Schultern starrte er an Martin vorbei ins Leere. „Vater, beruhige dich doch“ Martin war sich nicht sicher, ob seine Worte den sichtlich aufgebrachten Mann überhaupt erreichten. „Ich soll mich beruhigen?“ Der Sarkasmus in der Stimme des Vaters war unüberhörbar. „Ursula gehörte zur Familie und hat in ihrem ganzen Leben nichts Unrechtes getan. Sie wurde verhaftet, weil ihre Großeltern Juden waren. Eine völlig unwichtige Tatsache, die sie weder zu verantworten hat noch irgendwie beeinflussen konnte. Dieser widerliche Rassenirrsinn der Nazis erklärt gute Menschen zu Verbrechern, die absolut nichts getan haben, außer jüdischer Abstammung zu sein. Das ist doch Wahnsinn!“ Nach diesen Worten sank der alte Mann erschöpft in seinem Stuhl zusammen. Martin erhob sich und griff nach der auf dem Tisch liegenden Pistole. „Ich werde die Waffe zurück in den Safe legen“, flüsterte er mit sanfter Stimme. Sein Vater schien ihn nicht mehr zu hören.
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2. Kapitel
Abschied des Gewissens
Schon aus der Ferne war der Schriftzug über dem hölzernen Eingangstor gut zu erkennen. Unter den ausgebreiteten Schwingen eines Reichsadlers gab ein Schild Aufschluss über den Zweck der dahinter liegenden Baracken. „Reichsarbeitsdienst – Abteilung 3/77 – Eduard Jungmann“ stand dort geschrieben. Während der langen Anreise aus Rummelsburg hatte der zukünftige Reichsarbeitsmann von Amsfeld genügend Zeit gehabt, sich über seinen neuen Dienstort informieren. Eduard Jungmann, der Namensgeber der Abteilung 3/77, war ein preußischer Offizier gewesen, der während des deutsch-dänischen Krieges als Hauptmann eine Festungsbatterie in der Stadt Eckernförde befehligt hatte. Als am 5. April 1849 vier feindliche Kriegsschiffe einen Angriff auf die Stadt wagten, um den in Flensburg stationierten deutschen Truppen in den Rücken zu fallen, scheiterte dieses militärische Manöver an der herausragenden Leistung des Festungskommandeurs Jungmann. Während des Gefechts wurden alle dänischen Schiffe stark beschädigt. Zwei von ihnen liefen auf Grund und kapitulierten anschließend. Obwohl der Sieg kaum eine strategische Bedeutung hatte, stärkte er doch den Kampfgeist der deutschen Truppen. Jungmann wurde aufgrund seines beispielhaften Einsatzes an vorderster Front, für seine Tapferkeit und Umsichtigkeit zum Major befördert und mit dem sächsischen Hausorden mit Schwertern ausgezeichnet.
Seit einigen Wochen hatte die Männer des Reichsarbeitsdienstes damit begonnen auf der Insel Sylt mehrere Barackenlager zu errichten. Um die kleinen Dörfer Tinnum, Keitum und Morsum wurden primitive Unterkunftsgebäude gebaut, in denen dann nach und nach insgesamt 700 Arbeitsmänner untergebracht wurden. Das Lager „Eduard Jungmann“ war das bisher Größte und in dem Örtchen Archsum errichtet worden. Am Tor des Lagers angekommen zeigte Martin der Wache seinen Einberufungsbescheid. Einer der Posten deutete auf die größte der sieben Baracken. „Dort melden Sie sich beim Oberfeldmeister.“ Martin bedankte sich und betrat das kleine Lager. Die Gebäude wirkten verlassen. Nur vor dem Stabsgebäude standen einige uniformierte Männer herum, die ihn neugierig musterten. Vor einer Tür, auf die man ein Schild „Geschäftszimmer Abtl 3/77“ montiert hatte, blieb er stehen. Dann klopfte er und trat ein. Ein kleiner Tresen trennte den größten Teil des Zimmers ab, so dass ein Besucher lediglich einen knappen Meter in den Raum hereintreten konnte. Hinter dieser etwa 1,50 hohen Wand aus Sperrholz saßen ein Obertruppführer und ein Vormann an ihren Schreibtischen und waren damit beschäftigt einige Akten zu sortieren. „Entschuldigen Sie bitte, ich soll mich hier melden“, sagte Martin und nahm Haltung an. Der Kopf des Obertruppführers fuhr herum. Das wenig freundlich wirkende Gesicht verfinsterte sich noch, soweit das überhaupt möglich war. „Schau mal Schulz, Frischfleisch!“ Der angesprochene Vormann betrachte den strammstehenden Martin sichtlich gelangweilt. „Noch so ein Babyface“, murmelte er und wandte sich wieder seinen Akten zu. Der Obertruppführer hatte sich erhoben und war an den Tresen herangetreten. „Also Jüngchen, ich will Ihre Papiere sehen.“ Martin griff in seine Hemdtasche und reichte dem Vorgesetzten seinen Einberufungsbescheid. „Mensch Schulz, was haben wir doch für ein Glück. Der Herr ist vom alten Adel“. Der Sarkasmus in der Stimme des Unteroffiziers war unüberhörbar. „Also Jüngchen. Mein Name ist Stachelhaus. Für Sie heißt es Obertruppführer Stachelhaus.“ „Jawohl Herr Obertruppführer“. Auf dem Gang der Baracke waren jetzt Schritte und Stimmengewirr zu hören. „Schulz bewege Deinen Hintern und setzte einen Kaffee auf. Der Oberfeldmeister ist zurück.“ Der Angesprochene erhob sich und verschwand in einem der Nebenzimmer. „Also Arbeitsmann von Amsfeld..“. In der Anrede hatte Stachelhaus die Betonung auf das „Von“ gelegt „..Sie gehen jetzt in die Kleiderkammer und lassen sich ihren Drillich und eine Uniform verpassen. Danach melden Sie sich bei ihrem Stubenältesten.“ Martin schlug die Hacken zusammen und machte sich auf den Weg zum zuständigen Versorgungsunteroffizier.
Als Martin am nächsten Tag auf das Barackenvorfeld hinaustrat, trug er wie alle anderen Arbeitsmänner seinen cremefarbigen Drillichanzug. Der Himmel über dem kleinen Lager war wolkenverhangen und düster, Regen kündigte sich an. Zwischen den mit Schilf überwachsenen Dünen, die die Baracken umgaben, entdeckte Martin ein paar Kameraden, die gerade dabei waren einen Stacheldrahtzaun zu ziehen. Nach wenigen Minuten waren alle Arbeitsmänner der Abteilung 3/77 angetreten. Wie Gewehre hatten sie ihre blank polierten Spaten geschultert und warteten auf den Abmarschbefehl. Die ersten dicken Regentropfen platschten vereinzelt, dann vermehrt auf den eben noch trockenen feinen weißen Sand. Wieder grollte es laut und schwarze Gewitterwolken vereinten sich über ihren Köpfen zu einem gewaltigen Festival aus Blitz und Donner. Sturzbachartig ergoss sich nur einen Atemzug später ein Platzregen, der den Appellplatz in Sekundenschnelle in morastigen Schlamm verwandelte. Die Arbeitsmänner verharrten regungslos an ihrem Platz. Ihre nassen Drillichanzüge klebten an den Körpern, als der Obertruppführer endlich den Befehl zum Abmarsch gab. Die Männer stampften durch das Tor hinaus in die karge Dünenlandschaft der Insel. Nach einer halben Stunde, in der es weiterhin und ununterbrochen regnete, erreichten sie die Baustelle. Martin staunte nicht schlecht, als er bemerkte, dass es dort keinerlei schweres Arbeitsmaterial gab. Nirgendwo entdeckte er einen Bagger oder wenigstens einen Traktor, die die Männer bei der harten Arbeit hätte unterstützen können. Tag und Nacht wurden die Arbeitskolonnen hauptsächlich für die Errichtung eines 5,2 Kilometer langen Damms eingesetzt, der nur mit Schaufel und Spaten auf eine Höhe von fast sechs Meter aufgeschüttet werden sollte. Die Arbeitsbedingungen waren hart und meist wurde bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet. Martin fiel nach der Rückkehr in das Lager vor Müdigkeit fast um.
An seinen Händen und Füßen hatten sich unzählige blutige Blasen gebildet, die wie Feuer brannten. Die Muskeln der Oberarme und seine Schultern fühlten sich taub und ausgelaugt an. Als er sich erschöpft auf einen der Stühle in seiner Stube fallen ließ, vermutete er, dass er sich nie wieder richtig bewegen würde können. „Martin, beweg deinen adeligen Arsch hierher und polier deinen Spaten. Der Oberfeldmeister wird gleich zur Stubeninspektion erscheinen.“ Einer seiner Zimmergenossen hielt ihm auffordernd den verschmutzten Spaten hin. „Nun mach schon!“ Martin tauchte den Putzlappen in einen der Eimer mit Politur.
Der Schmerz, als das scharfe Reinigungsmittel auf die offenen Wunden an seinen Händen gelangte, war höllisch. Er stöhnte auf und das Wasser schoss ihm in die Augen. Wenige Minuten später brüllte der Stubenälteste „Achtung“, und die anwesenden Arbeitsmänner nahmen die Habachtstellung ein. Im selben Moment betrat ein Riese die mit sechs Männern belegte Stube. Der Oberfeldmeister Jochen Meinhard war mindestens 2,10 Meter groß und hatte die Statur eines Preisboxers. Die Oberarme waren so dick wie Baumstämme, die Oberschenkel so muskulös wie die eines Rennpferdes. Meinhard musste sich ducken, um durch die Tür in das Zimmer zu treten. Sein markantes Gesicht war im Gegensatz zu seinem muskulösen Körperbau von einer fast edlen Schönheit. Seine wachen blauen Augen musterten die Anwesenden und blieben dann auf Martin gerichtet. „Arbeitsmann von Amsfeld, wenn ich mich nicht irre?“ Die Weichheit der Stimme wollte für Martin so gar nicht zu diesem riesenhaften Körper passen, der sich da vor ihm aufgebaut hatte. „Jawohl Herr Oberfeldmeister“. Der Riese lächelte freundlich und deutete auf den Spaten. „Lassen Sie mal sehen!“ Martin reichte den Spaten an den Vorgesetzten weiter. Der helle neue Holzstiel war an einigen Stellen durch das Blut der verletzten Hände dunkel eingefärbt. Meinhard bemerkte das schmerzverzerrte Gesicht seines gegenüber. „Das wird schon wieder mein Lieber“, sagte er und reichte Martin den Spaten zurück. „Sie haben sich heute gut geschlagen. Weiter so!“. „Jawohl Herr Oberfeldmeister“ Martin schlug die Hacken zusammen und empfand tatsächlich so etwas wie Stolz. Meinhard warf einen flüchtigen Blick auf die Spaten der anderen fünf Arbeitsmänner. Dann schob sich sein hünenhafter Körper durch die Türöffnung und war verschwunden. „Du bist wohl jetzt sein neuer Liebling.“ Martin schaute sich um. Kurt Knutzen, ein Hafenarbeiter aus Hamburg, grinste amüsiert und zündete sich dann eine Zigarette an. Knutzen war der Stubenälteste und Martin mochte diesen schlichten Geist, der das Herz an dem richtigen Fleck zu haben schien. Überhaupt hatte Martin bei der Stubenzuteilung Glück gehabt. Alle seine neuen Kameraden hatten ihn freundlich aufgenommen. Nachdem sie den abendlichen Revierdienst erledigt hatten, fielen die erschöpften Männer in ihre schmalen Kojen. Nur noch schlafen, dachte Martin und war schon Sekunden später eingeschlafen.
Die Tage und Wochen vergingen wie im Fluge. Irgendwann hatte es begonnen zu schneien und die karge Dünenlandschaft, für die die Insel Sylt bekannt war, wirkte seltsam unwirklich und fremd. Durch den ständig anhaltenden Westwind überzogen schon bald riesige Schneeverwehungen die einsame winterliche Landschaft der Nordseeinsel. Die Temperaturen fielen zum Teil unter -20 Grad und die harte körperliche Arbeit wurde durch den starken Bodenfrost noch zusätzlich erschwert. Die Männer fluchten und einige brachen nach den wochenlang andauernden Anstrengungen einfach zusammen. Martin, jung genug und mit einer guten körperlichen Konstitution versehen, hatte sich schnell an die Schwerstarbeit gewöhnt. Die Tage und Wochen glichen sich. Tagsüber wurde geschaufelt und am Abend wurde gesoffen. Monotonie und Langeweile lagen wie ein undurchdringlicher Nebel über dem tristen Lagerleben der Männer. Häufig kam es zu alkoholischen Exzessen, die nicht selten schon mal in einer wilden Prügelei endeten.
Oberfeldmeister Meinhard, der als der verantwortliche Lagerkommandant auch für die politische Erziehung seiner Arbeitsmänner verantwortlich war, ließ an manchen Abenden Lesungen durchführen, in dem er Textstellen aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ rezitierte oder aktuelle Berichte aus der deutschen Presse vorlas. Fast immer ging es dabei um die Überlegenheit der germanischen Rasse und die Verabscheuungswürdigkeit des Judentums. Martin, dem der Nationalsozialismus bis dahin immer fremd geblieben war, begann sich plötzlich für Politik zu interessieren. Einmal während eines Vortrages, in dem über die allgegenwärtige jüdische Gefahr für Europa referiert wurde, erinnerte er sich an zu Hause. Er sah Ursula Kleinow vor sich, die erst als Jüdin beschimpft und dann verhaftet worden war. Bis jetzt hatte er Mitleid und sogar Scham empfunden, wenn er an die alte Haushälterin und ihr Schicksal zurückdachte. Doch plötzlich gingen ihm Fragen durch den Kopf, die er sich bisher nie gestellt hatte. Waren die Juden nicht selber schuld daran, dass man sie nicht mochte? Hatten sie nicht vorgehabt das deutsche Volk zu versklaven? Wie ein schleichendes Gift setzten sich ganz allmählich die nationalsozialistischen Wahnideen in Martins Kopf fest, und er entfernte sich zusehends von dem liberalen Gedankengut seines Elternhauses. Ursula Kleinow war für Martin Stück für Stück vom Opfer zum Täter geworden. Die ständige Indoktrinierung und Propaganda der Nazis zeigte nicht nur bei ihm ihre Wirkung. Viele seiner Kameraden waren schon vor ihrem Arbeitsdienst Mitglied in der Hitlerjugend gewesen und daher weltanschaulich bereits gefestigt. In Martin wuchs der Wunsch, unbedingt dazu zu gehören. „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“, wurde ihnen immer und immer wieder eingebläut und Martin glaubte irgendwann daran. Als im März der Schnee schmolz und die ersten warmen Sonnenstrahlen den hartgefrorenen Boden begannen aufzutauen, sollte Martins Dienstzeit auf Sylt nach sechs Monaten zu Ende gehen. Ein halbes Jahr nationalsozialistischer Dauerpropaganda und die Isolation in einer schäbigen Barackenlagers hatten ausgereicht, um aus dem einst liberalen und weltoffenen Jungen einen überzeugten Nationalsozialisten zu machen.
Der D-Zug nach Danzig war wieder einmal völlig überfüllt. Martin erhob sich und verließ das Abteil und drängelte sich auf die geöffnete Waggontür zu. Gerade noch rechtzeitig erreichte er sie und sprang auf den Bahnsteig hinaus. Nur Sekunden später schlugen die Türen hinter ihm zu und die große Dampflok ächzte und schnaufte, als sich der Zug langsam in Bewegung setzte. „Martin!“ Er drehte sich um und erkannte seinen Vater, der nur wenige Meter vor ihm auf dem Bahnsteig stand. „Hallo Vater.“ Die beiden Männer reichten sich die Hand. Paul Gerhard von Amsfeld lächelte und die Freude über die Heimkehr seines Sohnes stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Deine Mutter erwartet uns pünktlich zum Essen. Es gibt Kartoffelpfannkuchen und Schokoladenpudding“ Martin nickte und grinste. „Das klingt gut. Die letzten Monate gab es bei uns nur Kommissfraß!“ Der Vater schlug seinem Sohn auf die Schulter und die beiden machten sich auf den Weg. Vom Bahnhof in Rummelsburg bis nach Amsfeld benötigten sie eine knappe Stunde. Der altersschwache Ford T, Baujahr 1921 quälte sich über die holperige Landstraße und Martin war froh, als sie endlich das Wohnhaus des Familiensitzes erreichten. Sobald der Wagen vor der großen Eingangstreppe zum Stehen gekommen war, öffnete sich die Haustür und seine Mutter stürzte hinaus und schloss ihn in ihre Arme. „Oh mein lieber Junge. Ich bin so froh, dass Du wieder bei uns bist.“ Tränen der Freude liefen ihr über das Gesicht und während sie Martin fest an sich drückte, trug sein Vater bereits das Gepäck in das Haus.
Als Eltern und Sohn wenig später am gemeinsamen Esstisch Platz genommen hatten, war der Raum mit dem Duft frischer Pfannkuchen erfüllt. Martin erinnerte sich daran, dass es in seiner Kindheit immer Ursula gewesen war, die diese Leckereien für ihn gemacht hatte. Er sog den Duft ein und hörte, wie sein Magen knurrte. „Lang zu“, grinste sein Vater verstehend und deutete auf die Pfannkuchen. In den nächsten Minuten sprach niemand. Nur das Geräusch von schabendem Besteck auf der Keramik eines gefüllten Tellers erfüllte für eine Zeitlang die Stille des Raums. „Also..“, eröffnete Helene das Gespräch „Wie ist es Dir ergangen?“ Martin legte die Gabel auf den Teller und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er war so satt, wie lange schon nicht mehr. „Gut Mutter. Die Kameradschaft und die enge Gemeinschaft, die dort herrschten haben mich von der Richtigkeit dieses Dienstes überzeugt. Die Volksgemeinschaft und der Glaube an den Führer werden Deutschland schon sehr bald wieder groß und mächtig machen.“ Paul Gerhard warf seiner Frau einen erstaunten Blick zu und zündete sich dann schweigend eine Zigarre an. „Hört, hört!“, murmelte er und blies den Rauch an die Zimmerdecke. „Wir haben einen Deich angelegt und damit ein Becken geschaffen in dem das Wasser, von den Gezeiten unabhängig, immer die gleiche Tiefe hat. In diesem Becken sollen zukünftig Wasserflugzeuge der Kriegsmarine landen können.“ Der Stolz, der in der Stimme Martins mitschwang, als er von den harten Arbeitsbedingungen berichtete, war unüberhörbar. „Viel freie Zeit blieb da natürlich nicht. Abends haben wir dann häufig zusammengesessen und unser Oberfeldmeister hat uns etwas über die Lebensgeschichte des Führers und aus der Kampfzeit der Partei berichtet.“ Helene zündete sich ebenfalls eine Zigarette an und betrachte ihren Sohn über den Rand ihres Weinglases. „Du hast Dich verändert mein Junge“. Martin meinte in den Worten einen vorwurfsvollen Unterton herauszuhören. „Ja das habe ich Mutter. Ich bin erwachsen geworden und ich habe erkannt, dass deutsch zu sein wieder etwas zählt. Ehre, Treue und Gehorsamkeit sind die Tugenden auf denen sich ein neues Deutschland aufbauen lässt!“, erwiderte er etwas torzig. Der Zigarrenqualm hing wie ein dicker Nebel über ihren Köpfen und für einen Moment beobachten sie gemeinsam, wie sich die Schwaden nach und nach im ganzen Zimmer ausbreiteten. „Man scheint euch politisch auf Linie gebracht zu haben“, stellte der Freiherr und ehemalige Offizier mit nüchterner Stimme fest. Martin nippte an seinem Glas und schwieg. Er ist nie in dem neuen Deutschland angekommen, dachte er und stellte einmal mehr fest, dass sein Vater mehr denn je ein alter Mann war. „Man hat uns nur gezeigt, worum es geht und warum es richtig und so wichtig ist sich in die deutsche Volksgemeinschaft einzubringen“. „Ihr redet von Volksgemeinschaft“, die unverhohlene Verachtung in der Stimme seines Vaters machte Martin wütend. „Mein Junge, dieses neue Deutschland von dem Du da sprichst wird Europa in einen neuen Krieg stürzen. Die Nazis spielen Gott und ihr seid ihre gläubigen Jünger“. Bevor Martin etwas erwidern konnte, fuhr seine Mutter dazwischen
„Ach lassen wir doch die Politik aus dem Spiel. Es ist schön, dass Du wieder zu Hause bist“ Martin biss sich auf die Lippen und lächelte sie an. „Du hast recht Mutter. Entschuldigt mich bitte. Ich werde mich hinlegen und etwas Schlaf nachholen. Den gab es beim RAD tatsächlich viel zu wenig“. Nach diesen Worten erhob er sich und verabschiedete sich. Einige Minuten saßen Helene und Paul Gerhard schweigend nebeneinander, und ein jeder von ihnen hing seinen Gedanken nach. Dann räusperte sich der alte Gutsherr und füllte sein halbleeres Glas auf. „Helene, ich glaube wir haben jetzt einen kleinen Nazi im Haus“, sagte er trocken. Seine Frau starrte ihn wortlos an und er erkannte die Hilflosigkeit in ihrem Blick. „Was haben sie mit ihm gemacht?“, flüsterte sie leise. „Sie machen aus unseren Kindern Monster, die schon sehr bald für sie morden oder sich am Ende sogar selbst opfern werden.“ „Aber wofür?“ Helene blickte ihren Mann fragend an. „Für eine Bande von Verbrechern!“ Paul Gerhard erhob sich und schüttelte den Kopf. „Wir sollten in Zukunft etwas vorsichtiger mit unseren Worten sein. Zumindest solange Martin dabei ist“. Helene nickte stumm. Ihr Sohn war zu einem Nazi geworden, dieser Tatsache musste sie wohl ins Auge schauen.
Martin erwachte früh. In den letzten sechs Monaten waren er und seine Kameraden beim Arbeitsdienst stets um 4: 45 Uhr geweckt worden. Danach hatte der Oberfeldmeister die müden Männer eine halbe Stunde lang im Laufschritt durch die Sylter Dünenlandschaft gejagt. Vielleicht sollte er aufstehen und eine Runde Laufen gehen, überlegte er. Der Regen schlug an die Fensterscheibe seines Zimmers und er zog die Bettdecke hoch, so dass nur sein Kopf herausschaute. Nein, bei dem Sauwetter würde er noch ein paar Minuten liegen bleiben. Draußen auf dem Hof waren die alltäglichen Geräusche eines landwirtschaftlichen Betriebes zu hören. Ein Trecker wurde angelassen, Pferde wieherten und das Klappern ihrer beschlagenen Hufe drang an sein Ohr. Die Landarbeiter riefen sich einen morgendlichen Gruß zu und der alte Hahn kündigte an, dass er ausgeschlafen hatte. Es klopfe an seiner Tür und seine Mutter trat herein. In der Hand hielt sie einen Becker mit frisch aufgebrühtem Kaffee. „Guten Morgen mein Junge.“ Sie kam herüber an sein Bett und reichte ihm das heiße Getränk. „Hast Du gut geschlafen?“ Martin setzte sich auf und nickte. „Ja, Mutter.“ Sie setzte sich auf die Bettkante und strich ihm mit der Hand durch das blonde Haar. „Haben wir keine Haushälterin?“ Martin nippte an der Tasse. Seine Mutter hatte ihm früher nie einen Kaffee in das Zimmer gebracht. „Nein. Nach dem man Ursula verhaftet hatte, wollte dein Vater keine neue Kraft mehr einstellen.“
„Aber warum das denn nicht? Es gibt bestimmt viele deutsche Mädchen, die diese Aufgabe gern übernehmen würden.“ Helene von Amsfeld schüttelte den Kopf „Dein Vater besteht darauf, auf die Rückkehr Ursulas zu warten.“ „Wo ist sie denn jetzt?“ Martin betrachtete seine Mutter neugierig. Er bemerkte die plötzliche Traurigkeit in ihrem Gesichtsausdruck. „Sie soll in einem Konzentrationslager in der Nähe von München sein. Ich glaube der Ort heißt Dachau.“ Ursula Kleinow hatte der Familie von Amsfeld über viele Jahre gedient und gehörte praktisch mit zur Familie. Sie hatte den kleinen Martin sein Leben lang umsorgt und ihm in seiner ganzen Kindheit zur Seite gestanden. Sie brachte ihm bei, wie man eine Schleife macht oder wie man Papierflieger baut. Er hatte sie gemocht, doch das war, lange bevor er erfuhr, dass sie eine verdammte Jüdin war. Er erinnerte sich daran, wie geschockt er damals gewesen war, als der Ortsgruppenleiter Matuchek die alte Frau beschimpft und anspuckt hatte. Heute sah er die Sache anders. Ursula hätte damals damit rechnen müssen eine solche Reaktion des Mannes zu erfahren. Schließlich gehörte sie einer Rasse an, die seit Jahrhunderten alles daran setzte das deutsche Volk zu versklaven. Sie selbst hatte vielleicht nichts Unrechtes getan, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie einem Volk angehörte, das andere Völker ausbeutete und unterdrückte. „Ein Konzentrationslager dient der Umerziehung. Dort wird sie zu einem besseren Menschen gemacht“ Helene starrte ihren Sohn entgeistert an. Das konnte er doch nicht ernsthaft behaupten, dachte sie. „Trink Deinen Kaffee aus und dann komm herunter.“ Helene erhob sich und zog die Vorhänge auf. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schloss sie die Zimmertür hinter sich.
Martin von Amsfeld legte die Striegelbürste zurück in das Regal. Die beiden Stuten waren zwar schon alt, aber sie sahen frisch gestriegelt immer noch ausgesprochen gut aus. Einer der Stallburschen reichte Martin einen Krug Bier und der junge Mann dankte es ihm mit einem freundlichen Lächeln. Es war schön, wieder zu Hause zu sein, auch wenn es nicht für allzu lange Zeit sein würde. Zwei Tage bevor seine Dienstzeit im RAD zu Ende ging, war er zu Oberfeldmeister Meinhard gerufen worden. Der Kommandant des Lagers saß wie immer hinter seinem blitzblanken Schreibtisch und stürzte eimerweise frischen Kaffee in sich hinein, den ihm einer seiner Untergebenen brachte, sobald er einen lauten Pfiff ausstieß. „Nehmen sie Platz von Amsfeld“ Martin trat einen Schritt vor und setzte sich. „Ich mache es kurz. Sie sind mir während ihrer sechsmonatigen Dienstzeit positiv aufgefallen. Als Sie hier eintrafen dachte ich zunächst, dass Sie einer dieser üblichen verzogenen liberalen Bübchen aus gutem Hause sind, die harte körperliche Arbeit meiden.“ Er steckte sich eine Zigarette an und fuhr dann fort. „Aber, ich habe mich getäuscht. Sie haben sich hier gut geschlagen. Obertruppführer Stachelhaus hat sich ebenfalls sehr lobend über Sie geäußert. Sie sind hier in kurzer Zeit zu einem wahrlich treuen und überzeugten Nationalsozialisten herangereift. Das Deutsche Reich braucht junge Männer wie Sie.“ Martin war bei so viel Lob regelrecht warm ums Herz geworden und er lächelte verlegen. „Aus diesem Grund habe ich mich dafür eingesetzt, dass Sie Ihren zweijährigen Wehrdienst in der SS ableisten können. Herzlichen Glückwunsch!“ Meinhard wuchtete seinen hünenhaften Körper aus dem verschlissenen Bürostuhl, der schon einmal deutlich bessere Zeiten gesehen haben musste und reichte dem verdutzten Martin die Hand. Der war aufgesprungen und hatte automatisch die Grundstellung eingenommen. „Danke Herr Oberfeldmeister.“ Als er etwas später in seine Stube zurückgekehrt war, beglückwünschten ihn seine Kameraden und freuten sich mit ihm. Nur Kurt Knutzen schien die Neuigkeit kaum zur Kenntnis zu nehmen. Wie so häufig in der Vergangenheit, hatte es sich der Hamburger auf seiner Koje bequem gemacht und band aus einem Stück Tau die unterschiedlichsten Seemannsknoten. Martin vermutete, dass der Hafenarbeiter an Politik kein Interesse hatte und seine Zeit beim RAD nur ohne anzuecken hinter sich bringen wollte. Nie verlor er ein Wort über den Nationalsozialismus oder den Führer. Er schwieg und galt bei seinen Kameraden deshalb schon bald als politisch unzuverlässig. Martin und seine Kameraden konnten zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass der schweigsame Knutzen ein paar Jahre später durch ein Urteil des Volksgerichtshofes zum Tode verurteilt werden würde, weil er mehreren Hamburger Juden in seinem Keller Unterschlupf gewährt hatte.
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3. Kapitel
Die Wege trennen sich
