Das Rennmausrad - Dorothee Tataun - E-Book

Das Rennmausrad E-Book

Dorothee Tataun

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Beschreibung

Franz Metzler ist Inhaber zweier großer Kaufhausketten, die den eleganten und den legeren Markt bedienen. Mit in der Geschäftsführung sind seine Tochter Viola, eine toughe Workoholikerin, die noch immer versucht, hoch in der Gunst des Vaters zu stehen und sein Sohn Thomas, der so gar nicht aus dem Holz geschnitzt ist, das dem Vater recht wäre. Der Konzern Symbio macht ein lukratives Übernahmeangebot, dem die Familiennmitglieder nach heftigen Diskussionen zustimmen. Viola kann von ihrer Arbeit nicht loslassen und nimmt das Angebot, in die neue Geschäftsführung einzutreten, gerne an. Ihr Mann Michael teilt diese Entscheidung nicht. Vom Verkauf der Firma betroffen ist die langjährige, treue und stets pflichtbewusste Mitarbeiterin Ilse Werth, der nun sogar der Jobverlust droht. Der Roman zeigt nun parallel auf, wie die beiden Frauen Viola und Ilse mit ihren neuen Situationen umgehen. Während an Ilse die Existenzängste nagen, stürzt sich Viola in ihre neue Aufgabe. Thomas Metzler ist Ilse seit langem sehr zugetan und unterstützt sie moralisch in ihrer schwierigen Zeit. Sein Motto lautet: Die Dinge passieren sowieso irgendwann. Durch ihn erkennt Ilse, dass Probleme Chancen sind. Die Hobbyfotografin stellt ihre Bilder aus und ist erfolgreich. Michael stellt seiner Frau Viola ein Ultimatum: Entweder dein Job oder ich. Die sonst so resolute Powerfrau kann keine Entscheidung treffen.

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Das Rennmausrad

Das RennmausradPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Impressum

 Das Rennmausrad

Roman

Dorothee Tataun

Als Spiel begann´s und ist ein Werk geworden, kaum weiß man wie.

Rainer-Maria Rilke

Prolog

Das Unternehmen, marktführend in einer der wichtigsten Nebensachen unseres Alltags: der Mode, hatte viele gute Jahre hinter sich.

Es war gewachsen - Stück für Stück, Filiale um Filiale, Mitarbeiter um Mitarbeiter.

Sein Firmenlogo blähte sich wie ein gigantisches Segel an Kaufhäusern in zwölf Städten.

Der Seniorchef und seine Führungscrew hatten durch richtige Entscheidungen, Weitsicht, gute Konzepte und ein wohl dosiertes Maß an Risikobereitschaft beachtliche Erfolge erzielt.

Ein loyaler und engagierter Mitarbeiterstab, der den Dienst am Kunden freundlich und verbindlich verrichtete, trug nicht weniger maßgeblich dazu bei.

Das Unternehmen war bestens durchorganisiert und das überdurchschnittliche Engagement des Personals wurde mit gutem Gehalt, zusätzlicher Altersversorgung, Weihnachtsgeld und Umsatzbonus belohnt.

Hier arbeitete jeder gern, was der Kunde spürte, und der Firmenname wurde immer mehr zu einem Aushängeschild für Fachkenntnis und Qualität.

Die hochwertige Klientel dankte es mit Treue.

Der Erfolg gab der Unternehmensführung Recht, und da Stillstand für den Seniorchef gleichbedeutend mit Rückschritt war, schmiedete er ständig neue Pläne. Neben der anspruchsvollen Kundschaft sollten auch der junge Kunde und Otto Normalverbraucher mit ihren modischen Bekleidungswünschen zufrieden gestellt werden.

Nach dem Motto: think big wurden binnen kurzer Zeit die Neueröffnungen von zehn weiteren Läden an strategisch wichtigen Standorten gefeiert.

Wieder ging die Rechnung auf.

Zu moderaten Preisen brachte man ansprechende Mode an den Mann bzw. an die Frau und in den Kassen klingelte es.

Seit einigen Jahren verfolgte ein Großkonzern mit Interesse die geschäftliche Entwicklung der Firma.

Unter dem Dach seiner Holding befanden sich bereits eine Parfümeriekette, mehrere Schuhfabriken, eine Textilfabrik und weltweit namhafte Luxushotels.

Der Erwerb einer Modehauskette würde diese Palette optimal ergänzen.

Ein Heer von dynamischen Managern verbrachte den größten Teil des Tages damit, zu analysieren, fokussieren und optimieren.

Die Zauberworte auf der Vorstandsetage hießen: kaufen und wachsen und: größer, weiter, schneller.

Hier lautete die Devise nicht nur think big, sondern think bigger.

Kapitel 1

Zufrieden lehnte sich Franz Metzler in seinem Ledersessel zurück, bis die variable Rückenlehne arretierte. Das lange Telefonat neigte sich dem Ende zu.

„I´m very satisfied with our deal, Mr. Wong. See you next Wednesday in the Hotel Peninsula, Restaurant Felix on the rooftop at eight in the evening. Bye.“

 Er legte kurz den Hörer auf, um erneut zu wählen.

„Frau Werth, das Geschäft ist gemacht. Buchen Sie mir für nächsten Dienstag die Lufthansa nach Hongkong. Rückflug Freitag. Wie immer, Sie wissen schon. Suite im Peninsula, sechsundzwanzigste Etage mit Hafenblick.“

Die zierliche rotblonde Person am anderen Ende der Telefonleitung hatte keine Chance Fragen zu stellen, denn der Laut, der an ihr Ohr drang, signalisierte, dass ihr Chef bereits wieder aufgelegt hatte. Es gab eigentlich auch keine Fragen mehr, denn was jetzt folgte, war für Ilse Werth simple Routine. Seit über fünfundzwanzig Jahren war sie für Franz Metzler tätig, stets geschmackvoll gekleidet, mit hervorragenden Umgangsformen und mit den Gewohnheiten bzw. Marotten ihres Chefs bestens vertraut. Das galt auch umgekehrt, denn an Tagen wie heute, an denen sie von einer heftigen Migräne gequält wurde, zählte sie nicht zu den pflegeleichtesten Mitmenschen und konnte ebenso einsilbig sein wie ihr Chef. Sie nahm sich dieses Recht heraus, und da sie als die personifizierte Zuverlässigkeit und Korrektheit galt, gestand Franz Metzler es ihr stillschweigend zu, ohne die geringste Anteilnahme an ihrem Zustand zu zeigen.

Die Tür zum Vorzimmer ging auf, und Herr Metzler warf ihr ein Bündel Papier auf den Schreibtisch.

„Das ist der Auftrag über die vierhundert Blusen und achthundert T-Shirts. Bis Montag muss der Vertrag fertig sein. Je eine Ausfertigung in Englisch und eine in Deutsch mit den entsprechenden Kopien. Sie wissen schon. Eine genaue Verteilerliste ist dabei. Stuttgart ist bei der letzten Aktion zu kurz gekommen. Achten Sie darauf, dass sie diesmal dafür je dreißig mehr bekommen. Frau Hasskamp soll nach meiner Rückkehr Vorschläge für die Schaufenstergestaltung und die Zeitungsbeilage machen und alles in den Marketingplan für Januar aufnehmen. Ich bin jetzt weg. Premierenkarten für die Oper heute Abend, La Traviata.

Mir graut jetzt schon davor. Aber eine Einladung vom Staatssekretär kann ich ja schlecht ablehnen. Außerdem hoffe ich, ihn dazu bewegen zu können, seinen Einfluss geltend zu machen, damit endlich die Fußgängerampel drüben genehmigt wird. Während der Rotphase können sich die Passanten dann in Ruhe unsere Auslagen schon von der gegenüberliegenden Straßenseite aus ansehen, um bei Grün dann in unser Geschäft zu fallen.“

Ohne weiteren Gruß schloss sich mit diesen Worten die Sekretariatstür von außen.

Einen solchen Redeschwall konnte sich Ilse Werth nur mit einem außergewöhnlich guten Geschäftsabschluss erklären, und um ihre Annahme bestätigt zu finden, nahm sie sich die Papiere vor, die darüber Näheres aussagen würden. Trotz ihrer pochenden Schläfen würde sie noch ein bis zwei Stunden im Büro bleiben, um möglichst viel vorzubereiten. Der Terminkalender des Chefs bis zur Abreise nach Hongkong war zum Bersten voll, und zu Hause wartete sowieso niemand auf sie. Draußen trommelte der Regen an die Scheiben, und obwohl es erst Ende August war, hatte die Abenddämmerung viel zu früh eingesetzt. Ilse Werth schaltete ihre Schreibtischlampe ein und begann sich mit den wesentlichen Fakten des Papierbündels vertraut zu machen. Sie notierte sie auf einem separaten Blatt. Auch das war Routine und erleichterte ihr die Vertragserstellung. Der Entwurf eines solchen Standardvertrages war in ihrem Word-Programm im Ordner Verträge diverse zweisprachig abgespeichert, sodass sie die Dokumente nur mit den spezifischen Angaben zu komplettieren hatte, um sie unterzeichnungsfertig in die Postmappe von Herrn Metzler zu legen. In ihrem Kopf hämmerte es, und sie nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse. Der Inhalt war längst kalt und schmeckte bitter. Als wäre dieser Geschmack auf ihrer Zunge der Auslöser, stiegen in Ilse Werth Gedanken auf, die sie zurückführten in eine Zeit, die noch gar nicht so lange vergangen war - zu kurz, um sie Vergangenheit zu nennen, und doch für immer vorbei. Das war ihr klar. Sie dachte an Frau Hermes, ihre pfiffige, stets gut gelaunte und fleißige Assistentin, die ihr Schreibarbeiten wie diese abgenommen hatte. Ebenso die lästigen Protokolle aus den Stunden dauernden Besprechungen und überhaupt fast alle anfallende Korrespondenz. Zu jener Zeit konnte Ilse Werth noch den Aufgaben nachkommen, für die sie vor vielen Jahren in diese Firma eingetreten war. Doch seit Frau Hermes vor mehr als einem Jahr das Topangebot einer großen Versicherung angenommen hatte und dort für die Direktion arbeitete, wartete sie vergebens auf die Einlösung des Versprechens, dass diese Stelle baldmöglichst wieder besetzt werde, um ihr den „Kleinkram“ – wie Herr Metzler es nannte – vom Hals zu halten. Kleinkram!

War eine Vertragserstellung Kleinkram, auch wenn der PC die wesentlichen Vorlagen bereits enthielt?

War die Vorbereitung von einem Messebesuch oder einer wichtigen Geschäftsreise Kleinkram?

All die vielen Details, die letztendlich als perfekt gestalteter Rahmen mit zum Erfolg beitrugen - nur Kleinkram?

Sie kannte die Restaurants, die ihr Chef weltweit bevorzugte, um dort mit seinen Geschäftsfreunden einen Vertragsabschluss gebührend zu feiern. Ebenso kannte sie den größten Teil der Geschäftspartner und wusste um deren Geschmack und Vorlieben, sodass Herr Metzler stets mit einem passenden Geschenk im Gepäck anreiste. Waren die Herren hier in München zu Gast, so verstand sie es brillant, den Aufenthalt mit viel Lokalkolorit zu gestalten, und nicht selten waren wesentliche Entscheidungen zu später Stunde im Hofbräuhaus oder vormittags bei einer Weißwurst im Turmstübchen des Valentin-Musäums gefallen. Jetzt war sie nur noch Schreibkraft, nicht mehr und nicht weniger. Das wusste sie, und genau das war es, was hier und da diese Bitterkeit in ihr aufkommen ließ. Auch wenn ihr Schreibtisch noch Wand an Wand mit dem von Herrn Metzler stand, waren fast alle ihre früheren Aufgaben Simone Hasskamp übertragen worden, da sie in den neu konzipierten Bereich „Marketing und Einkauf“ fielen, wie entschieden worden war. Frau Hasskamp wurde schon nach wenigen Monaten für ihre neue Tätigkeit und die daraus resultierenden Ergebnisse mit der Ernennung zur Prokuristin belohnt.

So einfach war das. Man führte einfach fort, was ein anderer über viele Jahre mühsam, aber erfolgreich auf den Weg gebracht hatte, setzte sich beim Chef entsprechend in Szene, redete ihm nach dem Mund, und schon stand dem Aufstieg nichts mehr im Weg. Manche machten nichts, außer Karriere.

Schleimerin, dachte Ilse Werth verächtlich.

Bis vor knapp zwei Jahren hatte sie noch Herrn Metzler als Chefsekretärin und Koordinatorin auf die wichtigsten Modemessen und Geschäftsreisen begleitet – ein- oder zweimal im Jahr, früher viel häufiger. Damals gab es noch keinen Bereich „Marketing und Einkauf“. Alles lief über ihren Tisch.

Es war ihre Domäne und ein nicht unwesentlicher Beitrag zum jetzigen Erfolg des Unternehmens. Doch das interessierte heute niemanden mehr. Ihre Sprachkenntnisse in Englisch und Französisch waren perfekt und hielten auch den schwierigsten Verhandlungen stand. So hatte sich Herr Metzler stets sicher gefühlt, wenn sie an seiner Seite war. Die ersten Reisen führten nach Paris und Mailand, wo der Einkauf für das Münchner Stammhaus Metzler Exquisit getätigt wurde. Niemand ahnte damals, welchen Erfolg das Modehaus weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus haben würde. Die richtige Mischung aus Qualität, Design und Preis- Leistungs-Verhältnis spielten hierbei eine wesentliche Rolle. Metzler hatte eine Spürnase für Trends und verstand es, dem Geschmack seiner anspruchsvollen Kundschaft gerecht zu werden. Manchmal hatte er Ilse vor einer schwierigen Entscheidung um ihre Meinung gebeten, da er um ihr Know-how in Modefragen wusste, und nicht selten war er ihrem Rat gefolgt. Es war die Zeit der vollen Auftragsbücher gewesen und der Expansion, und im Rekordjahr 81 wurde nicht nur, wie schon fast üblich, ein neues Kaufhaus eröffnet, sondern gleich zwei. Anfang der Neunziger führten ihre Reisen nach Fernost, da Herr Metzler neben dem Exquisit-Bereich nun unter dem Namen Fashion-Fun einen neuen Markt bediente. In zehn Kaufhäusern vertrieb er junge Mode zu günstigen Preisen und war damit überaus erfolgreich.

In diesen Zeiten des Triumphes machte ihr der sonst so wortkarge Metzler sogar Komplimente, wenn ihr Charme und ihr perfektes Auftreten wieder einmal die Aufmerksamkeit seiner Geschäftspartner geweckt hatte oder wenn ein kleiner Scherz von ihr eine schwierige Situation entspannte. Er honorierte dieses Engagement großzügig und verhielt sich ihr gegenüber stets korrekt – leider, wie sie manchmal dachte. Seine häufige Nähe hatte bei Ilse Gefühle aufkommen lassen, und sie kam nicht umhin, sich eingestehen zu müssen, dass sie sich in Franz Metzler, der vom Alter her ihr Vater sein konnte, verliebt hatte. Dabei sah er nur durchschnittlich gut aus, und Durchschnitt war eigentlich nichts, womit sich Ilse zufrieden gab. Er war mittelgroß, mittelschlank, immer perfekt gekleidet, hatte volles dunkles Haar, lebhafte grüne Augen und wirkte stets ernst. Zu ernst, wie sie fand, aber auch überaus souverän. Sie versuchte nicht, dieses Verliebtsein weiter zu ergründen; es war einfach da, und sie war realistisch genug zu wissen, dass es irgendwann wieder verschwinden würde, sollte es nicht doch noch erwidert werden. Wenn seine Geschäftspartner früher ein so genanntes Herrenprogramm organisierten, berührte es sie, und doch konnte er sich ihrer Diskretion sicher sein, denn zu Hause warteten eine Frau und zwei Kinder. Alles war so einfach damals, und sie genoss es. Sie genoss es so sehr, dass sie Ferdinand, dem aufstrebenden, etwas spießig wirkenden Filialleiter einer Bank, den Laufpass gab, da er ständig nörgelte, wenn sie zu häufig beruflich unterwegs war oder ihr Bürotag wieder mal zehn Stunden hatte. Ferdinand! Danach kam Volker. Als auch dies zu Ende ging, fragte sie sich, warum sie sich nicht gleich in einen Briefkasten verliebt hatte, so wenig einfühlend und charmant war er gewesen. Eigentlich gar nicht ihr Typ, eher ein Fehlgriff. Es kamen noch ein paar mehr oder weniger bedeutsame Männer, auch eine längere Beziehung, aber nie der Richtige.

Mit der Zeit war sie zu der Erkenntnis gelangt, dass Männer, die man sich angelt, einen Haken haben, und so stellte sie das Angeln ein. Heute, mit Mitte vierzig, die man ihr nicht ansah, war sie ein attraktiver Single, der sich keineswegs einsam fühlte. Ihre, wie sie heute fand, kindischen Empfindungen für Franz Metzler gehörten längst zur Vergangenheit. Geblieben war tiefer Respekt.

Simone Hasskamp, und das bereitete Ilse Werth Genugtuung, war nur ein einziges Mal mit nach Hongkong geflogen, kurz nachdem sie Prokura erhalten hatte. Alle Vorbereitungen hatte sie selbst getroffen, sodass Ilse Werth keine Detailkenntnisse von Ablauf und Inhalt der Reise hatte. Nach Rückkehr wurde von Herrn Metzler sofort eine außerplanmäßige Gesellschafterversammlung einberufen. Irgendetwas war schief gelaufen in Fernost, denn die zugesagte Liefermenge von Blazer und Jeans für Fashion-Fun wurde um die Hälfte gekürzt. Viel mehr ins Gewicht fiel jedoch, dass die Ware nicht mit dem firmeneigenen Label versehen war. Gerade auf sein eingenähtes Markenzeichen legte Franz Metzler größten Wert und hatte dieses Recht schon vor Jahren bei zwei seiner größten Lieferanten durchgesetzt. Man hörte die mit Spannung geladene Luft regelrecht knistern, und Simone Hasskamp, die stets zu leichter Animosität gegenüber Ilse neigte, vermied es auffallend, das Vorzimmer zu betreten. Dazu bestand auch keine Notwendigkeit, denn Herr Metzler verlangte nicht nach ihr.

Erst Wochen später normalisierte sich die Stimmung wieder. Seit dieser Zeit ließ sich der Chef auf Reisen manchmal von seiner Tochter begleiten oder er reiste allein.

Ilse Werth nahm die Verträge aus dem Drucker und legte sie in die Unterschriftenmappe.

Dann versandte sie die Verteilerliste der Blusen und T-Shirts mit genauen Angaben über Größen, Farben und voraussichtlichen Liefertermin per E-Mail an die zehn Filialleiter der Fashion-Fun-Häuser. Ohne dass ihr Chef es erwähnt hatte, trug sie für den Montag nach seiner Rückkehr um zehn Uhr einen Gesprächstermin zur Berichterstattung in seinen Kalender ein und sandte den Geschäftsführern Metzler junior und Frau Behrens eine entsprechende Information.

Sie kannte eben die Gewohnheiten ihres Chefs und seine Schwächen.

Simone Hasskamp, die auch an diesen Gesprächen teilnahm, informierte sie nicht, sondern mailte ihr nur Metzlers Anweisungen. Sie war sicher, dass Frau Behrens ihre treue Vasallin, zu der sich die Prokuristin immer mehr entwickelt hatte, selbst über den Gesprächstermin unterrichten würde. Es war später geworden als geplant und Flug- und Hotelbuchung mussten bis morgen warten.

Der Regen hatte aufgehört. Ilse Werth goss den kalten Tee aus, stellte die Tasse in den Geschirrspüler und löschte das Licht.

Wieder einmal war sie die Letzte, die das Haus verließ.

Kapitel 2

Die Scheibenwischer des Jaguars arbeiteten mit einem monotonen links, rechts, links, rechts gegen den niederprasselnden Regen an und gaben sich alle Mühe, ihrer Aufgabe gerecht zu werden, als der Wagen in die Einfahrt der Bogenhausener Villa bog.

Franz Metzler klappte die Armlehne auf, nahm den elektrischen Garagentoröffner heraus und betätigte ihn. Wie von Geisterhand öffnete sich das schwere Doppeltor und die Limousine rollte langsam hinein. Kaum dass sie stand, verschloss sich das Tor wieder, während Herr Metzler ausstieg und seinen Aktenkoffer vom Rücksitz nahm. Durch eine Seitentür gelangte er trockenen Fußes in den Hauswirtschaftsraum und von dort direkt in die Küche.

Hilde Vogt stand gerade an der Kaffeemaschine und füllte mit einem Messlöffel Kaffeepulver in den Filter, als sie unerwartet Metzlers Stimme vernahm.

„`n Abend, Hilde.“

„Guten Abend, Herr Metzler. Heute schon so früh?“

„Ja, bin aber gleich wieder weg. Einladung von Staatssekretär Wilke in die Oper. Grässlich, aber muss sein. Ich ziehe mich nur schnell um. Wenn ich so weit bin, rufen Sie mir ein Taxi. Bei dem Wetter habe ich keine Lust, den Wagen noch mal raus zu holen. Außerdem gehen wir anschließend sicher noch aus. Sie wissen schon.“

Mit diesen bruchstückhaften Angaben war die kleine, etwas dralle Haushälterin wieder allein in ihrer Küche.

Sie schaltete die Kaffeemaschine ein und lächelte kopfschüttelnd vor sich hin. In den achtunddreißig Jahren, in denen sie im Hause Metzler tätig war, konnte sie sich nur an einen einzigen Opernbesuch des Hausherrn erinnern. Das lag viele Jahre zurück, als Tom und Viola noch in den Kindergarten gingen und sie erst wenige Monate vorher die Stellung als Kindermädchen angenommen hatte. Frau Metzler liebte Mozart, und um ihr einen Gefallen zu tun, war ihr Mann damals ihrem Wunsch nachgekommen und hatte sie zu Cosi fan tutte begleitet. Anschließend hatte er sich tagelang über den „Singsang“, wie er es nannte, lustig gemacht und Hilde scherzhaft „Despina“ genannt, so wie das Kammermädchen, das mit Don Alfonso gemeinsame Sache machte - eine Anspielung auf Alfons, den netten Gärtner, den sie damals hatten. Sophie Metzler hatte danach nie wieder den Versuch unternommen, ihren Mann zu solch gemeinsamen Unternehmungen zu bewegen, und ließ sich seitdem von Freundinnen und später von Thomas in die Oper begleiten. Schon früh hatte sie versucht, ihre Kinder an die Musik heranzuführen, und als einmal vor Weihnachten Papageno spielt auf der Zauberflöte im Cuvilliés-Theater auf dem Programm stand, nahm sie Viola und Thomas mit zu dieser musikalischen Unterhaltung für Kinder, die an die Zauberflöte – ihre Lieblingsoper – angelehnt war. Thomas war begeistert, schwärmte anschließend bei Kakao und Kuchen ununterbrochen vom bunten Kostüm Papagenos und wollte unbedingt eine Flöte haben, um ebenso wunderschön spielen zu können wie Tamino. Viola hatte die Aufführung teilnahmslos hingenommen und bei spannenden Szenen verstohlen an ihren Fingernägeln gekaut. Sie schien schon damals mehr dem Sport als der Kunst zugetan, denn es langweilte sie, passiv zu sein und nur als Zuschauerin zu fungieren. Viel lieber tobte sie ihren Ehrgeiz auf dem Tennisplatz aus und stellte in jedem Match ihren Kampfgeist unter Beweis. Als sie gegen den Willen ihrer Mutter zu ihrem zehnten Geburtstag von Metzler das erste Pferd geschenkt bekam, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich zu einer hervorragenden Reiterin entwickeln würde. Sie war dickköpfig und zielstrebig wie Scarlette O`Hara und ebenso hübsch. Wenn die Geschwister im Kinderzimmer spielten, bestimmte Viola, was gespielt wurde, und gab die Regeln vor. Bei der Rollenverteilung achtete sie stets darauf, dass sie das Sagen hatte, und Thomas musste sich meist mit dem Part des Untergebenen zufrieden geben. Anfangs hatte er noch versucht sich zu wehren, und wenn heftiger Protest nichts nutzte, war er manches Mal weinend zu Hilde gelaufen, die ihn tröstete. Ihre Schlichtungsversuche blieben jedoch meist erfolglos, und Viola konnte sogar regelrecht jähzornig werden, wenn Hilde geschickt einzugreifen versuchte und Vorschläge für ein harmonisches Miteinander machte.

Sie war nicht bereit, ihre Dominanz zurückzustellen. Fühlte sie sich bedrängt, neigte sie hier und da zu heftigen Wutanfällen und schrie mit hochrotem Kopf:

„Du hast mir gar nichts zu sagen, nur mein Papa darf hier bestimmen, und wenn der nicht da ist, ich auch.“

Bei aller Gelassenheit, die in Hildes Wesen ankerte, machten es ihr solche Szenen nicht immer leicht, ihrer Aufgabe nachzukommen, aber die Zuneigung und An-hänglichkeit, die der sensible Tom zu ihr entwickelt hatte, entschädigten sie für solche Attacken.

Gerade hatte sich Hilde einen Becher Kaffee eingeschüttet, als es auf der Hausleitung klingelte.

„Ja bitte, Herr Metzler?“

„Das Taxi soll in einer Viertelstunde hier sein, damit ich Punkt neunzehn Uhr im Nationaltheater bin.“

„Möchten Sie vorher noch eine Tasse Kaffee?“

Aber er hatte schon wieder aufgelegt.

Das Einstimmen der Instrumente, das sich für Franz Metzlers Ohren wie Katzenjammer anhörte, hatte im Orchestergraben endlich aufgehört und unter leisem Hüsteln und Räuspern wartete das Publikum erwartungsvoll auf das Heben des Vorhangs.

Dann Ouvertüre und 1. Akt: Die leichtlebige Violetta lernt auf einem ihrer Feste in Paris den jungen Aristokraten Alfred kennen. Metzlers Gedanken wanderten jedoch nicht in Frankreichs Metropole, sondern entglitten ins ferne Hongkong. Er ließ das Telefonat mit Herrn Wong, dem Geschäftsführer der Firma Moda-Max, Revue passieren, und das Ergebnis ließ nochmals tiefe Zufriedenheit in ihm aufkommen. Die vertraglich zugesagten Konditionen waren hervorragend, was heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr war, da knallhart verhandelt wurde. Jedes halbe Prozent zählte in der Kalkulation. Manchmal fragte er sich, wie lange es noch gut gehen würde, solche Renditen zu erzielen, ohne an anderer Stelle Federn lassen zu müssen. Mit dieser zugesagten Lieferung würden die Fashion-Fun-Läden mit der nächsten Frühjahrs- und Sommerkollektion voll im Trend liegen und gute Umsätze erzielen – dessen war er sich sicher. Der Besuch in Hongkong war eigentlich nur eine Formsache, denn die Verträge hätten auch auf den Postweg übersandt werden können. Solche Besuche dienten heute eher der Aufrechterhaltung bestehender oder der Knüpfung neuer persönlicher Beziehungen, die für ein abzuschließendes Geschäft bereits die halbe Miete waren. Seine vielen Reisen hatten sich bezahlt. Damals, als der Erfolg noch in den Kinderschuhen steckte und die Geschäfte nicht mit der heutigen Nüchternheit und stets unter Zeitdruck abge schlossen wurden, hatte es wunderbare Programme gegeben – „Events“ wie man es wohl heute nennen würde, die eine Geschäftsreise zum Erlebnis werden ließen. Darin hatte die Werth wirklich was weg, dachte er, als Alfred Violetta sein erstes Liebesgeständnis macht. Einfach toll, wie sie damals unerwartet zum Abendessen in Kowloon in einem farbenprächtigen traditionellen Seidengewand erschien und die Gastgeber während der Tischgespräche durch ihr Wissen über Konfuzius, das Ende der Kolonialzeit und den Volkskongress von 1982 überraschte.

Die Hongkong-Chinesen fühlten sich geehrt von so viel Anteilnahme an der Geschichte der Kronkolonie, noch dazu von einer Frau. Als man sich zu später Stunde voneinander verabschiedete, nahm einer der Herren Metzler zur Seite und sagte:

„Ich glaube, wir haben morgen eine gute Nachricht für Sie.“

Am nächsten Tag erhielt er die Zusage für das erhoffte Jeansgeschäft, das bis dahin auf sehr wackeligen Füssen gestanden hatte.

Viola hatte nächste Woche dringende Termine in Hamburg wahrzunehmen, die keinen Aufschub duldeten, und so würde er allein nach Hongkong fliegen. Die Hasskamp war für solche Aufgaben alles andere als geeignet, und noch heute bekam Metzler Magenschmerzen, wenn er an das Desaster vor knapp anderthalb Jahren dachte. Es hatte nicht nur viel Geld gekostet, sondern auch einen gehörigen Imageverlust verursacht, der nur schwer wieder ausgebügelt werden konnte. Schließlich war es Viola gewesen, die diplomatisch dazu beigetragen hatte, dass sich die Geschäftsbeziehungen zu Moda-Max wieder normalisiert hatten.

Auf der Bühne lebten zwischenzeitlich Alfred und Violetta zurückgezogen auf ihrem Landgut. Viola – Violetta! Wie absurd, dachte Metzler. Während in La Traviata Violetta ihr ganzes Vermögen für ihre Liebe Alfred Germont opferte und dieser erkennen musste, dass seine Geliebte ein zweifelhaftes Vorleben hatte, spielte sich das Geschehen auf der Bühne des Lebens anders ab. Hier war es Michael, dessen Leben zwar nicht zweifelhaft, aber Metzler in manchen Punkten doch fragwürdig erschien. Er hatte diesen zu Angeberei neigenden Kerl nie richtig leiden können, auch wenn er Violas große Liebe war. Sein tadelloses Äußeres und seine guten Manieren konnten ihn nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte. Vielleicht war es nur das fürsorgliche Gefühl eines Vaters, der seine Tochter vor Enttäuschungen bewahren wollte. Er wusste es nicht und hatte aufgehört darüber nachzudenken.

Michaels beruflicher Werdegang wollte so gar nicht zu dem seiner erfolgsverwöhnten Tochter passen.

In allen möglichen Branchen hatte er versucht Fuß zu fassen, doch seine beiden Firmengründungen endeten mit Pleiten. Pleiten, Pech und Pannen – so konnte man den Werdegang von Michael Behrens kurz und prägnant beschreiben. Darin stimmte das Drehbuch des Lebens wieder mit dem des Bühnengeschehens überein, denn auch Viola hatte ihm jedes Mal finanziell aus der Misere geholfen. Nach diesen Vorfällen hatte Metzler versucht Regie zu führen, hatte Michael zur Rede gestellt und wieder und wieder auf Viola eingeredet, dass es so nicht weiter gehen könne. Doch er musste erkennen, dass das Leben keinen Regisseur duldet, sondern sich selbst inszeniert. Stets nahm die sonst so nüchtern denkende und handelnde Viola ihren Mann in Schutz und diskutierte mit ihrem Vater über die unterschiedlichsten Aufgabenbereiche, die Michael im Hause Metzler übernehmen könnte. Doch wenn es je einen Wunsch gab, den Metzler seiner Tochter nicht erfüllte, dann den, seinen Schwiegersohn in die Firma aufzunehmen. Schließlich schien man eine Lösung gefunden zu haben. Michael würde von zu Hause aus als Web-Designer tätig sein. Entsprechende Kenntnisse besaß er, und Investitionen waren kaum erforderlich. Metzler schusterte ihm den einen oder anderen Auftrag von Geschäftsfreunden zu. Mehr konnte und wollte er nicht für ihn tun. Er selbst lehnte es kategorisch ab, ihn zu beschäftigen und hatte für den Internet-Auftritt seiner beiden Firmen ein renommiertes Web-Studio beauftragt. Seit dieser Zeit wurde über das Thema nicht mehr gesprochen und da er seinen Schwiegersohn nur bei nicht zu vermeidenden offiziellen oder familiären Anlässen traf, würde es wohl auch so bleiben, denn niemand verspürte das Verlangen, daran zu rühren. Viel schwerwiegender war für Metzler jedoch die Tatsache, dass die Ehe zwischen Viola und Michael kinderlos blieb, obwohl Viola immer Kinder haben wollte. Für sie schien es kein Problem zu sein, Ehe, Beruf und Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen. Bei ihrem Organisationstalent und ihrer Energie hatte Metzler auch keine Zweifel daran, dass sie trotz Kind der Firma erhalten geblieben wäre. Ja, er hätte es regelrecht von ihr erwartet.

Aber nun, mit zweiundvierzig, schien das Kinderkriegen kein Thema mehr zu sein, und im Stillen gab er seinem Schwiegersohn die Schuld daran. Nicht einmal das schien er zu können.

In der Pause führte Metzler eine amüsante Fachsimpelei zum Thema Herrenmode mit Staatssekretär Wilke. Wilke und Mode...

Dieser leicht untersetzte Mann mit der hohen kahlen Stirn und der altmodischen Brille auf der Nase, die einem Wagenrad glich, schien immer noch den Anzug von seiner Abiturfeier aufzutragen.

Ich sollte ihm bei der nächsten Gelegenheit einen angemessenen Geschenkgutschein für unsere Herrenabteilung zukommen lassen, dachte Metzler etwas spöttisch.

Die Oper war im 4. Akt angelangt, und Violetta lag bleich und todkrank nach allen Aufregungen danieder, bevor sie in den Armen ihres geliebten Alfredos sterben sollte. Metzlers versunkene Gedanken kamen langsam in die Gegenwart zurück. Fast hatte er geglaubt, eine Parallele zwischen Viola und Violetta zu erkennen, aber nein, er befand sich in einer Loge der Münchner Oper, und wenn soeben Violetta ihrer Krankheit erlegen war, so erfreute sich doch seine Tochter bester Gesundheit. Er war erleichtert über das Ende der Aufführung, obwohl ihm die Zeit schneller vergangen war, als er befürchtet hatte.

„Na, Herr Metzler, ist Ihnen mehr nach etwas Deftigem oder sind höhere Gaumenfreunden angesagt?“, fragte Staatssekretär Wilke betont lässig, als das Taxi auf den Promenadenplatz einbog.

„Lieber ein paar frisch Gezapfte und vielleicht noch einen kleinen Leberkäs, falls wir im Palais-Keller Platz bekommen.“

„Ganz in meinem Sinne. Ich freue mich immer, wenn ich einen so unkomplizierten Gast wie Sie habe. Dieses Essen in den Gourmettempeln kann auf Dauer ganz schön an-strengend sein.“

Der Wagen hielt vor dem Eingang des Bayerischen Hofs und kaum hatte Wilke gezahlt, öffnete der Portier die Tür.

„Oh, guten Abend Herr Staatssekretär. Guten Abend, Herr Metzler. Die Herren haben sicher einen Tisch im Garden-Restaurant reserviert?“

„`n Abend, Josef. Nein, nein. Uns ist mehr nach ein, zwei Maß, falls nicht alles voll ist“, antwortete Wilke und ging mit seinem Gast zielstrebig ins Hotel.

Es gab genügend freie Tische, und als das erste Bier serviert wurde, sagte Metzler:

„Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht für die Einladung bedankt. Es ist wirklich nicht nötig gewesen. Sie wissen, dass ich gerne Ihre Interessen unterstütze, Herr Wilke.“

„Der Dank ist ganz auf meiner Seite, lieber Metzler, denn nicht jeder Unternehmer unserer Stadt zeigt sich so großzügig wie Sie. Aber dass wir beiden so ganz ohne weibliche Begleitung in Kultur machen, ist schon seltsam. Da ist es nur recht, den Abend etwas zünftig ausklingen zu lassen.“

„Ich hoffe, dass es Ihrer Gattin bald wieder besser geht. Ansonsten kann ich einen Kuraufenthalt in Ascona empfehlen. Meine Frau ist dort gar nicht mehr weg zu kriegen.“

„Ja, Sie haben damals den richtigen Riecher gehabt, sich auf einem so schönen Fleckchen Erde ein zweites Domizil zu schaffen. Beneidenswert.“

„Ach wissen Sie, mir reicht Rottach völlig aus. Ich bin meinem alten Herrn wirklich dankbar, dass er vor vielen Jahren dieses Wochenendhaus gebaut hat. Damals konnte niemand ahnen, wie die Region sich entwickeln würde und eigentlich hat er das Haus nur gebaut, um oft in seinem geliebten Trachtenmodenladen auf der Seestraße sein zu können. Dieses Geschäft war so zu sagen unsere erste Filiale, und als ich dann die Leitung des Stammhauses übernahm, blieb mein Vater ganz am Tegernsee, wegen der guten Luft. Ja, das alles ist nun schon fast vierzig Jahre her. Wie die Zeit rast! Alles fing ganz klein an, und heute platzen wir auf der Maximilianstrasse aus allen Nähten“, ergänzte er nicht ohne Berechnung.

„Ins Tessin fahre ich nur selten, um nach dem Rechten zu sehen, aber in Rottach bin ich fast jedes Wochenende. Dort kann ich abschalten und hatte bisher immer meine besten Ideen. Ich lade Sie im Gegenzug zum heutigen Abend ein, mich dort besuchen zu kommen. Sagen Sie einfach, wann es in Ihren Zeitplan passt. Die Kinder nutzen das Haus sowieso nicht und in der Regel fahre ich schon Freitagmittag und komme Montagmittag erst zurück. Ein kleines Privileg, das ich mir als Seniorchef gönne. So ein ruhiges Herrenwochenende mit einer Wanderung und gutem Essen würde Ihnen gut tun, Herr Staatssekretär, und wir könnten über Gott und die Welt dabei reden. Und über die Ampel“, lenkte er abrupt zu seinem Anliegen über.

„Ach ja, die Ampel. Sie sind und bleiben ein alter Fuchs, Herr Metzler. Ich denke, bei der Ausschusssitzung nächste Woche dürfte das Thema vom Tisch sein und Sie kriegen Ihre Ampel. Ganz zum Wohle unserer Bürger, versteht sich. Und auf Ihre Einladung komme ich gern zurück. Im nächsten Monat ist meine Frau für ein Wochenende mit den Damen des Stadtrats in Rom. Das wäre eine passende Gelegenheit.“

Während zwei neue Biere serviert wurden, machte Wilke eine kleine Pause, um dann zu einer etwas heiklen Frage anzusetzen.

„Denken Sie eigentlich gar nicht daran, sich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen? Andere in Ihrem Alter – ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen – würden schon seit zehn Jahren ihren Ruhestand genießen. Die Leitung des Unternehmens ist bei Ihren Kindern doch in besten Händen.“

„Diesbezüglich muss ich mir in der Tat keine Sorgen machen“, antwortete Metzler etwas einsilbig. Er hatte für seine Verhältnisse ungewöhnlich viel gesprochen, nicht ohne Grund, denn das Ampelthema lag ihm am Herzen. Aber nun hatte er sein Ziel erreicht, und Fragen zur Geschäftsführung oder anderen Firmeninterna beantwortete er nur, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ. Und hier ließ es sich vermeiden. In der Vergangenheit hatte gerade die möglichst lange Zurückhaltung von neuen Plänen und Konzepten dazu geführt, dass er so manchen Überraschungscoup landen konnte, der ihm Wettbe-werbsvorteile verschaffte. Franz Metzler ließ sich nicht gern in die Karten schauen, und das sollte auch so bleiben.

„Aber man muss ja noch eine Aufgabe haben, sonst wird’s langweilig“, bog er ab, und um sicher zu gehen, dass Wilke nicht mehr nachfassen konnte, blickte er auf die Uhr und sagte:

„Ganz schön spät geworden für einen Senior wie mich. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber mein Bett ruft. Morgen ist ja erst Freitag, und da habe ich bis mittags Dienst, sonst gibt es Ärger mit dem Chef.“

Wilke schmunzelte.

„Natürlich, Herr Metzler. Ich bezahle nur schnell. Draußen stehen sicher genügend Taxis.“    

Vor dem Hotel verabschiedeten sie sich voneinander und fuhren in getrennte Richtungen.

Kapitel 3