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Die Endvierzigerin Anna führt mit ihrem Ehemann Bernd und ihrer pubertierenden Tochter Lena ein Durchschnittsleben in einem Durchschnittsreihenhaus. Ihre Wünsche und Träume sind im Laufe der Jahre dem Alltag zum Opfer gefallen. So auch die ersehnte Reise nach New York. Als ihre Tochter von einer Klassenfahrt nach Rom zurückkehrt und sich dort in den italienischen Reiseleiter verliebt hat, will Lena ihn unbedingt wiedertreffen. Anna erinnert sich daran, dass auch sie vor dreißig Jahren in Italien Urlaub machte und sich dort in einen Mann verliebt hat, mit dem sie noch lange eine intensive Brieffreundschaft pflegte, die aber längst im Sande verlaufen ist. Sie macht den damaligen Freund Claudio ausfindig und kontaktiert ihn. Völlig unerwartet antwortet dieser und nach etlichen Mails vereinbaren sie ein Wiedersehen in Venedig. Anna´s Freundin Geli bereitet die geheime Mission mit ihr vor und unterstützt sie in ihrem Vorhaben. Claudio ist ein erfolgreicher und weitgereister Herzspezialist geworden, den das Leben und seine zahlreichen Erfahrungen mit Menschen geprägt haben. Anna verlebt beeindruckende Tage mit ihm in Venedig und sie tauschen Erinnerungen und Erfahrungen aus den letzten dreißig Jahren aus. Durch die eindrucksvollen und nachdenklich stimmenden Geschichten, die ihr Claudio erzählt, verändert sich ihre Sichtweise auf das Leben, das ihr bisher so langweilig und mittelmäßig erschienen ist. Mit der Erkenntnis, dass das Leben eine tolle Herausforderung ist, und dass es wichtig ist, das Wesentliche zu erkennen, reist sie nach Hause zurück.
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2016
Roman
Dorothee Tataun
Jeder lebt in dem Masse, wie er sich selbst verwirklicht.
- J. P. Sartre -
Seit mehr als zwanzig Minuten leuchtete das Wort Delay neben dem Namen der ewigen Stadt auf.
Eine künstliche, überartikulierte Stimme aus dem Lautsprecher bestätigte, dass sich die Ankunft des Fluges mit der Nummer AZ 458 um weitere dreißig Minuten verzögern wird.
Nervös schaute Anna auf ihre Uhr. Also noch einen Cappuccino entschied sie und steuerte die lange Ankunftshalle rechts herunter in Richtung Cafeteria.
„Schon wieder da?“, stellte der nette Segafredo-Mann fragend fest, während er einen Aschenbecher ordentlich auswischte und sauber auf den Tresen zurückstellte.
„Ja, es gibt eine weitere Verspätung. Geben Sie mir bitte noch einen Cappuccino.“
Anna nahm auf dem Hocker Platz und zog eine Zeitung aus ihrem Rucksack.
„Warum nicht mal eine Latte Macchiato?“, wollte der junge Typ mit der dekorativen Schürze wissen. Sein dichtes, mittelblondes Haar war modisch adrett geschnitten und im Pony etwas gegelt, so dass es dort wie ein kleiner Entenbürzel in die Höhe stand.
Cappuccino, Latte Macchiatto, Café au Lait, Caffé Latte, Caffé Mocha, Wocochino, Cortado. Wer soll sich bei diesem umfangreichen neukreiertem Angebot noch auskennen. Kein Mensch scheint mehr einen gewöhnlichen Kaffee zu trinken, dachte Anna während sie fragte:
„Und wo genau ist da der Unterschied? Ich blicke bei dieser neuen Kaffeewelle nicht mehr durch. Bei mir wird Wasser heiß gemacht und löslicher Cappuccino in einen Becher gegeben. Fertig, aus. Schmeckt herrlich.“
„Auf die Schnelle sicher ganz okay, aber jetzt, da Sie ein bisschen Zeit haben, weihe ich Sie gerne ein wenig in die hohe Kunst der Kaffeezubereitung ein“, schlug der junge Mann vor.
„Sie sind ja eh mein einziger Gast.“
„Na dann mal los. Ich bin gespannt“, entschied Anna und legte die Zeitung auf den Hocker neben sich.
„Eigentlich ist Latte Macchiatto schon lange bei italienischen Jugendlichen ein sehr beliebtes Pausengetränk. Aber inzwischen kennt auch bei uns fast jeder diesen Milchkaffee“, erklärte der Typ und es schien, als würde seine Haltung aufrechter und sein Gesichtsausdruck eine Spur ernster, so als konzentriere er sich voll und ganz auf einen wichtigen wissenschaftlichen Vortrag. Witzig, wie er das macht. Dabei ist er doch höchstens Anfang zwanzig, und doch so höflich und verbindlich, ging es Anna durch den Kopf, und sie entschied den Kaffeekünstler kurz Sega zu nennen. Ihr Ärger über die Verspätung war verflogen und sie fühlte sich amüsiert.
„Eigentlich eher eine Kaffeemilch“, korrigierte Sega.
„Übersetzt bedeutet Latte Macchiatto gefleckte Milch. Also man nehme zuerst ein Glas.“
„Da geht´s schon los. Warum um alles in der Welt trinkt man Kaffee aus einem Glas? Es hat keinen Henkel und ich werde mir fürchterlich die Finger verbrennen“, unterbrach Anna und sah ihn fragend an.
„Werden Sie nicht“, gab er knapp zurück und lächelte.
„Ich sagte doch, eigentlich ist es mehr eine Kaffeemilch. Also man benötigt ein Glas, ein wenig aufgeschäumte Milch und Espresso. Wie so oft liegt die Feinheit aber im Detail: ein gut gemachter Macchiatto ist aus mehreren Schichten aufgebaut, die nicht ineinander verlaufen.“
„Stopp!“, unterbrach sie erneut seine Ausführungen.
„Und wenn es in meinem Durchschnittshaushalt keinen Espresso gibt?“
„Dann können Sie auch einen stärkeren Kaffee verwenden“, fuhr Sega unbeirrt fort, und griff nach einer Kanne mit Milch.
„Optisch sieht es natürlich besonders hübsch aus, wenn Sie farbliche Schichten aus Milch und Kaffee bilden. Das erfordert aber ein klein wenig Fingerspitzenefühl.
Zunächst etwas nicht zu heiße Milch in ein Glas geben.“
Er goss ein und schäumte dann etwas Milch in einer Kanne auf, bevor er fortfuhr:
„Ein wenig festen Milchschaum darauf schütten und zirka eine Minute stehen lassen.“
„Das erinnert wirklich mehr an Kaffee zelebrieren als an Kaffee kochen“, bemerkte Anna, die ihm interessiert zuschaute.
„Jetzt langsam den Espresso ringförmig ins Glas schütten. Wenn Sie sich nicht gleich trauen, können Sie ihn auch über die Rückseite eines Löffels eingießen. Das ist das ganze Geheimnis! Nun noch eine Milchschaum-Haube und – voila – fertig ist der Latte Macchiatto. Wenn Sie ihn besonders raffiniert servieren möchten, geben Sie noch eine Prise Zimt auf die Milchhaube.“
„Perfekt. Meine Hochachtung“, sagte Anna anerkennend und betrachtet die beigen und weißen Schichten in ihrem Glas.
"Und wirklich nicht zu heiß.“
„Sag ich doch“, bestätigte Sega mit einem gewissen Stolz in der Stimme.
„Und der Unterschied zum Cappuccino ist der, dass mehr Kaffee drin?“, ergänzte Anna seine Vortrag mit einer Frage.
„Ja, so ungefähr. Sie nehmen ein Drittel frisch zubereiteten Espresso oder ersatzweise starken Kaffee“, erklärte Sega süffisant, und blinzelte ihr mit seinen klaren blaugrauen Augen zu.
Aber hallo, der wird doch nicht mit einer in die Jahre gekommenen Ehefrau und Mutter flirten. Er könnte immerhin glatt mein Sohn sein, dachte Anna und kam nicht umhin sich einzugestehen, dass sie sich geschmeichelt fühlte.
„Dann gießen Sie heiße Milch hinzu. Etwas aufgeschäumte Milch oben drauf und ein wenig Schokoladenpulver. Fertig!“
„Ich gelobe hiermit feierlich, nie wieder löslichen Cappuccino zu trinken und danke Ihnen für den Blick hinter die Kulissen Ihres Handwerks“, kokettierte Anna.
„Ach, das ist schon ganz okay, wenn’s schnell gehen muss“, wiederholte er.
„Aber es wäre ja schlimm, wenn wir Ihnen hier so ein Pulverzeug vorsetzen würden.“
Anna trank einen kräftigen Schluck aus dem Glas und glitt mit ihrer Zunge über die Oberlippe, wo der Milchschaum einen kleinen weißen Schnurbart hinterlassen hatte.
„Und das haben Sie alles in Ihrer Ausbildung gelernt? Ein interessanter Job, den Sie hier haben. Dabei treffen Sie hier doch sicher Menschen aus aller Herren Länder?“, fragte sie etwas naiv.
„Ausbildung ist gut. Crashkurs trifft die Sache schon eher“, antwortete Sega und lieferte gleich ein paar persönliche Daten hinzu.
„Ich bin Student und jobbe hier nur so nebenbei, wie alle meine Kollegen. Irgendwo muss die Kohle ja herkommen, und hier sind die Arbeitszeiten so flexibel, dass es sich gut einrichten lässt. Und dank der kosmopolitischen Geschmeidigkeit meiner Konversation gibt es immer wieder tolle Gespräche mit meinen Gästen.“
In seinem letzten Satz schwang ein Hauch von Arroganz.
„Was studieren Sie denn?“, forschte Anna weiter, als wäre nun ein ganz neues Interesse bei ihr geweckt worden.
„Betriebswirtschaft, und als Zweitfach Psychologie, in der Hoffnung, die richtige Kombination gewählt zu haben, um später in dem Haifischbecken da draußen einen guten Job in der Wirtschaft zu bekommen.“
„Sozusagen als Betriebswirtschaftspsychologe“, fasste Anna scherzhaft zusammen.
„Kann man so sagen. Wir werden sehen, was der Markt in einigen Jahren so hergibt. Ich würde schon gern in einem großen Unternehmen arbeiten, um dort für Mitarbeiter-Coaching und Schulungen verantwortlich sein. Meiner Meinung nach fehlt vielen Angestellten heute die Identifikation mit ihrer Firma und es würden wesentlich bessere betriebswirtschaftliche Ergebnisse erzielt, wenn das anders wäre. Zahlreiche Studien aus den USA belegen das. Wundern tut mich die Einstellung der Leute allerdings nicht, wenn man liest, wie viele ständig auf die Straße gesetzt werden. Da fragt sich doch jeder, ob er nicht der Nächste ist. Und dabei ist es völlig egal, wie er sich vorher krumm gelegt hat. Manchmal habe ich den Eindruck, die großen Bosse glauben, irgendwann ganz und gar auf ihre Arbeitsmannschaften verzichten zu können. Witzige Vorstellung: volle Vorstandsetagen und leere Büros und Produktionsstätten. Es gibt allerdings Hoffnung. Einige große Konzerne haben auch bei uns das Dilemma erkannt und arbeiten an dem Thema. Gott sei Dank. Aber es macht keinen Sinn, dass ich mir jetzt schon zu konkrete Gedanken machen. Ich kenne nur meine Richtung. Alles andere wird sich irgendwie ergeben.“
Er klang locker und unbekümmert.
„Schuld daran ist sicher der Druck, der heute auf vielen Leuten im Job lastet. Ich kenne das“, sinnierte Anna.
„Ach was – Druck! Den hat es immer schon gegeben. Manchmal scheint es mir, als wolle man heute damit alles entschuldigen. Die Leute sollten lieber mal darüber nachdenken, dass es Druck ist, der ein Stück Kohle zu einem Diamanten verwandelt. Ich werde also sozusagen auf Diamantensuche gehen.“
Interessant, wie die jungen Leute heute mit ihrer Berufsplanung umgehen. Sie schlagen eine grobe Richtung ein, und lassen dann fast alles auf sich zukommen. Gar nicht so verkehrt, bei der Situation auf dem Arbeitsmarkt. Bei uns wurde das früher völlig anders angegangen. Die, die zur Uni gingen, hatten meist schon eine klare Vorstellung davon, bei welcher Firma sie später einmal arbeiten wollten, und bei einigen klappte das auch. Für die anderen kam ein Berufsberater in die Schule, der eigentlich mehr wie ein Buchhalter aussah. Er verteilte Broschüren und lud zu Informationsgesprächen beim Arbeitsamt ein. Dann flatterten uns sogar Briefe von Banken und Behörden ins Haus, die uns Ausbildungsplätze anboten. Und heute? Nur ein großes Fragezeichen, dachte Anna etwas bedrückt. Es blieben noch knapp zwei Jahre, bis Lena vor der gleichen Entscheidung stand: Studium oder direkt in den Beruf? Und schon jetzt hatte es immer wieder heftigen Diskussionen darüber gegeben. Ihre Noten waren gut. Nicht überdurchschnittlich, aber gut. Und draußen wartete das Haifischbecken.
„Und Sie, was machen beruflich, wenn ich fragen darf?“, wurden ihre Gedanken unterbrochen und sie war sich nicht sicher, wie lange sie schon in ihrem Glas gerührt hatte.
Anna nippte beinahe verlegen daran und schob es zur Seite.
„Ach nichts Besonderes. Ich arbeite halbtags bei einer Versicherung in der Schadenregulierung.“
Schadenregulierung – wie dämlich sich das anhört, durchfuhr es sie plötzlich. Nicht gerade mein Traumberuf, aber was will ich machen? Hätte ja auch anders kommen sollen. Betriebswirtschaftspsychologe – das klingt schon bedeutend besser. Manchmal habe ich das Gefühl, im Laufe der Jahre selbst zu einem Schadensfall geworden zu sein. Nur wer reguliert mich?
„Meine Tochter ist siebzehn. Sie kommt heute aus Rom zurück. Klassenfahrt“, lenkte sie von dem unliebsamen Thema ab.
Klassenflug müsste es ja wohl eher heißen. Klassenfahrt war gestern, als ich das erste Mal in die Jugendherberge nach Cochem an der Mosel gefahren bin, und vor Heimweh halb gestorben bin. Rom! Unsere Abschlussfahrt führte nach München, und als Höhepunkt galt der Ausflug nach Innsbruck mit einer Besichtigung des Goldenen Dachl. Wir fanden es einfach nur ätzend, und haben hinter dem Rücken von Herrn Wesemann – das Wesen, wie wir ihn kurz nannten, üble Scherze über den armen Kerl gemacht. Abends wollten wir dann unbedingt ins Hofbräu-Haus, und haben dem Wesen so lange zugesetzt, bis er zustimmte.
„Aber ihr trinkt kein Bier!“, hatte er uns ermahnt.
„Nur Limo.“
„Klar Herr Wesemann. Nur Limo.“
Wir hatten an einem langen, blankgescheuerten Tisch in der Schwämme Platz genommen, und im Laufe des Abends hatten einige Jungens, die weit genug von Herrn Wesemann entfernt saßen, es dann irgendwie geschafft, sich drei oder vier Maß zu besorgen. Sofort begann eine fachmännische Bierpanscherei unter dem Tisch.
„Was sucht Christoph denn da unten? Hat er was verloren?“, hatte das ahnungslose Wesen gefragt.
„Ja, Herr Wesemann. Ihm sind zwei Mark aus der Tasche gefallen“, hatte ich geschwindelt.
„Das ist viel Geld! Seine Freunde sollen ihm suchen helfen“, reagierte er besorgt.
Wir wären vor unterdrücktem Lachen fast zerplatzt, wie ein zu voll geblasener Ballon.
„Kinder, ihr sollt Chris suchen helfen!“, gab ich die Anweisung augenzwinkernd weiter, und sofort ergriffen sie ihre Limo Gläser und tauchten ab.
Da die Bierversorgung nur von einem Platz aus stattfinden konnte, hatten wir begonnen, unsere Gläser rechts und links weiter zuschieben, damit jeder in den Genuss des köstlich gemischten Gerstensaftes kam.
„Hier, probier mal meine Limo. Ich finde, die schmeckt komisch“, brachten wir sie auf den Weg.
„Lass mich auch mal“, sagte der Nächste beinahe aufopfernd.
Es schmeckte himmlisch. Die Schwierigkeit bestand darin, die Gläser am Wesen vorbeizubekommen, ohne dass er Gelegenheit hatte, davon zu kosten. Wir lösten dieses kniffelige Problem, in dem unsere Mitschüler rechts und links von ihm stets den Rest austranken. In kürzester Zeit sammelte sich vor ihnen eine stattliche Anzahl leerer Trinkgefäße, die eine fesche Serviererin abräumte, und uns wohlwollend zulächelte, da ihr nicht entgangen war, warum uns die Limo so gut schmeckte. Auf dem Rückweg zur Jugendherberge waren wir in bester Bierstimmung, und sangen immer wieder das Hofbräuhauslied. Wesemann hatte zuerst Ein- wände, gab sicher aber bald geschlagen, da wir ihn überzeugt hatten, dass es sich nicht um ein Trinklied, sondern um eine bayrisches Volksweise handelte.
„Da seht ihr, wie viel Spaß man auch ohne Alkohol hat, und dabei noch Brauchtumspflege betreiben kann“, resümierte er den Abend sichtlich zufrieden, als wir unsere Bleibe erreicht hatten.
„Rom ist eine tolle Stadt, Wir waren mit der Abi-Klasse da“, wurde Anna in die Gegenwart zurückgeholt.
„Ich war leider noch nicht dort. Mit meinen Eltern habe ich mal Urlaub an der Adria gemacht, aber das ist lange her. Damals war das ganz in. Ansonsten kenne ich London. In einer kleinen Stadt in der Nähe war ich zum Schüleraustausch. London hat mir damals gut gefallen“, gab sie etwas unwillig zurück, und ihre Stimmung machte eine hundertachtzig Grad Wende. Was rede ich hier nur für einen Blödsinn! Als wenn ihn das wirklich interessieren würde. Wie komme ich nur dazu, vor einem wildfremden Studenten meine nicht gerade sehr umfangreichen Reiseerfahrungen und Länderkenntnisse detailliert preiszugeben, rügte sie sich und legte die dunkelblonde Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war, hinter das Ohr zurück, bevor sie nach ihrem Rucksack griff.
„Es war nett mit Ihnen zu plaudern, aber jetzt möchte ich zahlen“, beendete sie die Unterhaltung, bevor sie ihr noch unangenehmer wurde.
Langsam bummelte sie durch die Ankunftshalle. Die angekündigten dreißig Minuten waren längst vorüber, und es gab keine neue Information zur Ankunft der Maschine. Anna liebte Flughäfen. Sie hatten etwas Faszinierendes für sie, und es machte ihr Spaß, die Menschen zu beobachten. Da war der klassische Business-Typ. Egal ob Mann oder Frau, alle gaben sie sich Mühe, wichtig und geschäftig zu wirken. Zu den teuren, gedeckten Anzügen der Herren bildeten nur die modischen, pastellfarbenen Krawatten einen bunten Farbtupfer. Bei älteren Geschäftsreisenden fehlte auch dieser. Stattdessen wurde dunkelblau oder weinrot mit dezenten Streifen oder Punkten bevorzugt. Ähnlich fantasielos zeigten sich beide Altersgruppen bei der Wahl ihrer Aktenkoffer. Bis auf wenige Ausnahmen waren die Modelle schwarz, schlicht und teuer. Hier und da ein lässig über Arm oder Schulter getragener Kleidersack, der ein sicheres Indiz für eine mindestens zweitägige Reise war. Bei den Schuhen dominierten die Städte Oxford und Budapest. Neben dem Handy war die Zeitung das wichtigste Utensil. Frankfurter, Süddeutsche, Handelsblatt und immer beliebter: Financial Times, deren Farbe alleine Big Business signalisierte.
Die Damen trugen Hosenanzüge oder Kostüme, deren Farbskala in dieser Jahreszeit von Schwarz über Anthrazit hin bis zu einem freundlichen Grau reichte. Blau schien völlig aus der Mode gekommen zu sein. Häufig war ein dekoratives Tuch oder ein edler Pashmina kunstvoll über die Schultern drapiert. Die spitzen Schuhe hatten eine mittlere Absatzhöhe, die es auch unter großer Zeitnot ermöglichten, mit eiligen Schritten sicher und pünktlich zum Termin zu erscheinen. Bei Handtaschen und Business-Bags waren alle führenden Designermarken vertreten und die Wahl der Zeitung war identisch mit der des männlichen Geschlechts.
Wie schaffen es diese Karrierefrauen nur, bei dem ganzen Stress so super auszusehen, grübelte Anna, als sie eine attraktive Enddreißigerin beobachtete. Fast alle sind schlank, stets gut frisiert und tragen ein Make-up, als hätten sie bis vor zehn Minuten unter einer Gurkenmaske gelegen. Ich kämpfe gegen jedes Pfund, hätte schon vor zwei Wochen beim Friseur zum Ansatzfärben sein müssen und beherberge bald ein ganzes Krähennest um meine Augen.
Zum Glück gab es im Gegensatz zum meist hektisch wirkenden Geschäftsreisenden auch den Urlauber. Er hellte die triste Farbpalette auf, und verlieh dem Flughafen eine lebendige Atmosphäre. Strahlend und braun gebrannt stand er plötzlich da, wenn sich die Schiebetüre in der Ankunftshalle öffnete, und wie von Geisterhand hinter ihm gleich wieder schloss. Erst suchend, dann winkend schaute er in die wartende Menschenmenge, wie ein Hollywoodstar in das Blitzlichtgewitter der lauernden Journalisten. Es folgten mehr oder weniger herzlich wirkende Begrüßungszeremonien, und noch vor Ort eine erste umfangreiche Berichterstattung über die Erlebnisse der letzten Wochen. Die Kleidung der Urlauber war wesentlich vielseitiger und ideenreicher, als die der Geschäftsreisenden. Sie deckte die volle Bandbreite zwischen bestem Sonntagszwirn, über das sportliche Jeans-Outfit, bis hin zur luftigen Strandmode ab. Zu farbenfrohen Shorts bevorzugten die Herren hierbei gerne ein legeres Unterhemd. Die Damen ergänzten gürtelbreite Röcke mit einem bauchfreien Träger-Shirt. Bunte Tätowierungen mit künstlerisch hochwertigem Anspruch und dekorative Piercings kamen auf diese Weise bestens zur Geltung. Um das Anschwellen der Füße während es Fluges zu vermeiden, schlüpfte der Ferienmacher einfach in bequeme Gummischlappen. Das Leben konnte so schön sein, wenn man keinen beruflichen Zwängen unterlegen war.
Auch bei den Frisuren zeigte sich der Urlauber kreativer als die Geschäftsreisenden. Kein Allwetter-Haarspray, das dazu beitrug, das Haar nach einem Mammutflug über Berlin, Mailand nach Washington noch akkurat gekämmt aussehen zu lassen. Der natürliche Look war angesagt und bei einigen Haarschöpfen kam der Verdacht auf, dass der Föhn während des Trocknens den Geist aufgegeben hatte, und man nun Fragment statt Frisur trug. Langweilige Naturfarben wurden durch ein mutiges Pumuckel-Rot oder Kermit-Grün mehr oder weniger auffällig belebt. Und vorsichtig waren diese Reisenden! Sollte der Koffer während des Fluges verloren gehen oder das Handgepäck abhanden gekommen sein, eines würde ihnen nicht fehlen: der Schmuck. Sicherheitshalber trugen sie alle Kostbarkeiten am Körper. Einige Damen besaßen eine beachtliche Auswahl an Ohrringen, die halbmondförmig rund um die Ohrmuscheln steckten oder lustig herunter baumelten. Zahlreiche Ketten schmückten das Dekolleté, und wessen Schmuckschatulle mehr als zehn Ringe aufzuweisen hatte, trug dezent mindestens zwei oder auch drei an einem Finger. Sicherheit geht vor.
„Hallo Anna! Du siehst ja so nachdenklich aus“, wurden ihre Beobachtungen unterbrochen.
„Hallo Geli“, grüßte sie die gutaussehende Frau zurück, die nun unmittelbar vor ihr stehen blieb.
Madame hat mir heute gerade noch gefehlt, durchfuhr es Anna, und musterte ihr Gegenüber blitzschnell. Angelika Niemöller trug das etwas zu blond getönte Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, der von einem kleinen Seidentuch gehalten wurde. Die schwarze Hose im Marlene Dietrich Stil fiel mit den weitgeschnittenen Beinen vorne auf elegante High Heels. Unter dem kurzgeschnittenen Veloursleder-Blazer schaute eine schlichte weiße Bluse hervor. Am Arm baumelte eine mittelgroße Hermes-Handtasche. Ihr Gesicht war fachmännisch geschminkt, so als hätte ein Visagist Hand angelegt, und wirkte entspannt.
Die würde auch in das Raster der Business-Frauen passen, nur dass sie kaum eine Stunde in ihrem Leben gearbeitet hat, kategorisierte Anna sie ein, und gab sich alle Mühe freundlich zu wirken. Einfach Glück gehabt, nichts als Glück. Dabei ist sie so dumm wie eine Stück Brot. Früher in der Volksschule konnte sie kaum einen graden hochdeutschen Satz herausbringen, weil zu Hause tiefstes Rheinisch gesprochen wurde. Dafür rannte sie sonntags gleich zweimal in die Kirche: erst um neun Uhr in die Kindermesse, dann nachmittags um drei zur Christenlehre. Christenlehre! Jeden Freitag hatte sie Marmelade auf dem Schulbrötchen. Wahrscheinlich ist sie deshalb heute noch so schlank. Das muss der Neid ihr lassen, sie sieht wirklich noch topp aus, gestand Anna ihr innerlich zu. Was Geld so alles macht. Da zeigt sich mal wieder, dass Intelligenz und Schläue zwei völlig verschiedene Dinge sind, denn Charme und gutes Aussehen helfen ihr noch heute über die kleine Dativunsicherheit hinweg. Kaum hatte sie mit einundzwanzig ihre Banklehre beendet, wurde sie schwanger – vom Filialleiter, einem frisch ge-schiedenen, gutaussehenden Mittdreißiger. Hausfrau und Mutter sein war nun angesagt, denn als Bankfilialleiter-Gattin in einer Kleinstadt schickte es sich nicht, weiter berufstätig zu sein. Nach fünf Jahren bekam Herr Filialeiter das Angebot, als Karrieresprung eine größere Filiale rund hundert Kilometer entfernt zu übernehmen. Da das neue Haus gerade erst bezogen war, wurde entschieden, für ein - maximal zwei Jahre, am Wochenende zu pendeln, um dann weiter zu sehen. Zu sehen bekam Angelika jedoch schon bald etwas völlig anderes. Als sie ihren Mann mitten in der Woche einmal überraschen wollte und abends unverhofft in seinem Appartement auftauchte, saß er bei Kerzenschein und Tiefkühlpizza mit Frau Mertens, der jungen Kassiererin, am Tisch und prostete ihr gerade mit einem Glas Rotwein zu. Ein Arbeitsessen, beteuerte er. Nicht mit Angelika! Sie marschierte umgehend zum Anwalt, und nach einem knappen Jahr war die Ehe mit Herrn Filialleiter Vergangenheit und eine neue mit Herrn Rechtsanwalt nahe Zukunft. Keiner hilft besser über den Letzten hinweg, als der Nächste lautete damals ihre Devise, und sie hatte sich gern und erfolgreich trösten lassen. Wieder schienen fünfzehn Jahre Altersunterschied kein Problem zu sein und ihre zweite Tochter, Judith, ging heute in die Parallelklasse von Lena.
„Ach, ich schaue mir einfach nur so die Leute hier an, während ich auf Lena warte“, antwortete Anna.
„Sie kommt aus Rom zurück.“
„Ja, unsere Kinder. Eigentlich ja mehr schon junge Damen. Reisen durch die Weltgeschichte. Judith ist nächsten Monat dran. Die Klasse fliegt nach Barcelona. Eine wunderschöne Stadt. Frank und ich waren kürzlich für ein verlängertes Wochenende da. Die vielen Gaudi-Bauten und die exklusiven Geschäfte auf den Ramblas, einfach toll! Der Arme musste ganz schön oft die Kreditkarte ziehen. Ich habe natürlich meine eigene, aber wenn ich schon eingeladen werde, dann richtig. Das gehört ja auch irgendwie dazu. Findest du nicht auch?“
Angeberische Schlange, antwortete Anna in sich hinein, und bevor sie etwas sagen konnte, folgte ein neuer Seitenhieb.
„Täusche ich mich oder hast du ein paar Pfunde zugelegt? Mach dir nichts daraus. Das Gute daran ist, dass man weniger Falten im Gesicht bekommt. Sonst siehst du gut aus, nur etwas blass. Ich kann dir nur empfehlen, mit dem Golfen anzufangen. Seit dem ich dreimal in der Woche auf dem Platz unterwegs bin, fühle ich mich gesund und munter, und halte problemlos mein Gewicht. Ich tue was für meine Gesundheit, bin ständig an der frischen Luft, und mein netter Pro beflügelt ganz nebenbei noch mein Seelenleben.“
Wahrscheinlich nicht nur dein Seelenleben, du blöde Kuh! Außerdem spürt keiner besser als ich, dass meine Jeans kneift, und du weißt genau, dass Sport nie meine Sache war. Noch dazu Golf. Ich habe schließlich keinen Rechtsanwalt geheiratet, Miss Vollkasko. Du hast anscheinend einen Garantieschein für ein sorgenfreies Leben in der Tasche. Dabei hast du immer schon auf Nummer sicher gesetzt und nichts dem Zufall überlassen. Wahrscheinlich nicht mal deine erste Schwangerschaft. Du gehörtest stets zur Kategorie der Nehmer, die es schaffen, ohne persönlichen Einsatz den optimalen Nutzen aus allem für sich zu erzielen, während ich wohl eher zur Fraktion der Geber gehöre, deren Rechnung nie aufgeht und die ständig draufzahlen. Aber deinen aalglatten Ehemann möchte ich nicht geschenkt haben, auch wenn du ihn für ein Topmodell hältst, und mein Bernd mehr so was wie ein Montagsauto ist: häufig reparaturanfällig und etwas schwierig zu zünden. Und dein komisches Traumhaus hat mir noch nie gefallen. Es strahlt die nüchterne Atmosphäre einer Pathologie aus, so als würde niemand wirklich dort leben, sondern nur darauf hoffen, den ersten Preis für steriles Wohnen verliehen zu bekommen.
Anna machte sich durch diese lästernden Gedanken innerlich Luft, und fühlte sich nun stark genug zu kontern:
„Aber das soll ja so schlecht für die Hüftgelenke sein, wegen dieser seltsamen Drehbewegung.“
Dabei schaute sie Angelika fest in die Augen, mit dem eisernen Vorsatz, keine weiteren Boshaftigkeiten einzustecken.
„Ach man weiß ja bald nicht mehr, was man alles so glauben soll. In jedem Magazin steht irgendeine neue Erkenntnis. Ich kümmere mich einfach nicht mehr darum. Hauptsache ich habe meinen Spaß. Habt ihr schon Urlaubspläne?“, wechselte diese blasiert das Thema, ohne die Antwort abzuwarten, da sie sie ohnehin nicht zu interessieren schien.
„Wir wollen im Sommer wieder in die USA. Diesmal an die Ostküste. Für Judith ist es wegen der Sprache wichti, und sie soll möglichst viel sehen. Frank hat schon eine Rundreise ausgearbeitet und zum Schluss bleiben wir noch ein paar Tage zum Erholen und können dann nach Herzenslust Golfen. Dort drüben ist es ja beinahe ein Volkssport.“
Die Dummen haben das Pulver nicht erfunden, aber sie schießen damit. Nun hat sie es geschafft, meinen wundesten Punkt zu treffen! Für Lena wäre eine solche Reise sicher ebenso wichtig, aber es muss auch bezahlbar sein. Und überhaupt träume ich schon lange von einer Amerikareise, dachte Anna betreten und beschloss, dem Spuk ein Ende zu machen, und sich nicht länger durch Angelikas arrogante Präsenz den Tag verderben zu lassen.
„Du, es war schön dich zu treffen, aber ich glaube, Lenas Maschine wurde eben ausgerufen“, log sie.
„Nett dich gesehen zu haben. Bis bald mal“, gab Geli zuckersüß zurück und reichte ihr die Hand, was nichts als eine hohle Geste war..
„Ja, tschüss“, endete Anna mit einem schockgefrosteten Lächeln und ließ sie stehen.
Zielstrebig steuerte sie auf die nächste Damentoilette zu und öffnete den Wasserhahn. Das Wasser ließ sie so lange laufen, bis es richtig kalt war, um dann ihre Handgelenke unter den erfrischenden Strahl zu halten. Nachdem sie sich abgetrocknete hatte, betrachtet sie ihr Gesicht kritisch im Spiegel. Der zentimeterbreite graue Haaransatz schien geradezu nach frischer Tönung zu schreien, und die sonst so lustig wirkenden kleinen Augenfältchen hingen heute schlaff, als fehle ihnen aufbauende Nahrung.
Sie hat ja Recht, ich bin wirklich blass. Nein, eigentlich sehe ich echt scheiße aus, so als würde mein Haltbarkeitsdatum bald ablaufen, ging Anna scharf mit sich ins Gericht.
Während der ganzen Fahrt nach Hause hatte Lena ohne Punkt und Komma geredet.
Dabei hörte sie sich teilweise wie eine hochqualifizierte Reiseleiterin an, die von Rom als eine der ältesten und bedeutendsten Kunststädte der Welt mit ihrer einzigartigen Fülle an historischen Bau- und Kunstwerken sprach. Es folgte eine nicht enden wollende Aufzählung aller besichtigten Orte: Forum Romanum, Kolosseum, Konstantinbogen, Engelsburg, Spanische Treppe und natürlich Fontana di Trevi. Selbstverständlich hatte sie eine Münze in den Brunnen geworfen und sich heimlich etwas gewünscht, was nun bestimmt in Erfüllung gehen würde. Über die Zwillinge Romulus und Remus wusste sie eben so viel zu berichten, wie über den schrecklichen König Nero, der die Stadt 64 n. Chr. durch einen Großbrand verwüstete.
Ist das der gleiche Teenie, den ich vor knapp einer Woche mit stinkiger, missmutiger Laune zum Flughafen gebracht habe, während er permanent darüber meckerte, eine völlig uncoole Reise in die Welt der Antike und ätzende Ausflüge in die Geschichte der katholischen Kirche machen zu müssen?
Ja, zweifellos, bestätigte sich Anna ihre Zweifel.
„Das absolut Geilste war aber der Besuch des Vatikans, und dass wir den Papst gesehen haben“, fuhr Lena fort und änderte plötzlich den Sprachstil ihrer Schilderung.
Was habe ich nur bei meiner Erziehung falsch gemacht, dass meine Tochter das Wort geil und den Papst in einem Satz nennt, fragte sich Anna, ermahnte sie jedoch nicht.
„Wusstest du, dass die Vatikanstadt der kleinste Staat der Welt ist? Ich nicht. Tonino nennt es: die Zweigstelle des Himmels. Ist doch echt der Bringer. Jedenfalls hatten wir riesiges Glück, dass der Papst gerade an diesem Tag so eine Art Massenaudienz gab. Der ganze Petersplatz war abgesperrt, bis auf eine schmale Durchfahrt, und es warteten etliche tausend Menschen dort. Dann war es wie im Fernsehen: er kam in seinem Papa-Mobil langsam vorbeigefahren und hat der Menge zu gewunken. Ganz vorne war eine Bühne aufgebaut mit einem Zeltdach drüber. Man half ihm auf einen Stuhl, der eigentlich mehr wie ein Thron aussah, und plötzlich waren alle ganz ruhig. Ich habe kaum verstanden was er gesagt hat, weil er so nuschelte, aber Tonino hat mir erklärt, dass er die verschiedenen Pilgergruppen, die aus aller Welt da waren, in ihren Sprachen begrüßt hat. Dann hat er noch irgendwas von einem kleinen Senfkorn Hoffnung erzählt, aber das habe ich nicht kapiert, und uns zum Schluss alle gesegnet. War schon irgendwie cool.“
Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt, werde ich dich pflanzen, dass du weiter wächst?
