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Die Zunge hat eine wichtige Funktion für die Entwicklung des myofunktionellen Gleichgewichtes und darüber hinaus. Aus diesem Grund kann ein Zungenband, welches die Zunge in ihrer Funktion einschränkt, weitreichende Folgen haben. Je nach Altersgruppe kann es zu Stillschwierigkeiten oder Problemen bei der Nahrungsaufnahme kommen. Auch Zahn- und Kieferfehlstellungen, Auffälligkeiten bei der Sprachentwicklung, der Atmung oder der sensomotorischen Entwicklung sind möglich. Die Autorinnen und Autoren behandeln wissenschaftlich fundiert sämtliche Aspekte des Themas für alle Altersstufen der Patient/-innen und auf der Grundlage ihrer praktischen Erfahrungen als Zahnärzt/-innen, Kieferorthopäd/-innen, Osteopath/-innen, Physiotherapeut/-innen, Logopäd/-innen und Stillberater/-innen.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Das restriktive Zungenband
Eine interdisziplinäre Herausforderung
Herausgeberinnen: Anita Beckmann und Ulrike Uhlmann
Das restriktive Zungenband
Eine interdisziplinäre Herausforderung
Mit einem Grußwort von Mathilde Furtenbach und Beiträgen von Andrea Freudenberg, Sabine Fuhlbrück, Michaela Dreißig, Veronika Langenberg, Jan Büchner, Marc Asche, Claudia Kanitz, Claudia Ladewig und Franka Meuter
Ein Buch – ein Baum: Für jedes verkaufte Buch pflanzt Quintessenz gememsam mit der Organisation „One Tree Planted“ einen Baum, um damit die weltweite Wiederaufforstung zu unterstützen (https://onetreeplanted.org/).
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© 2024 Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin
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Lektorat, Herstellung und Reproduktionen: Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin
ISBN 978-3-86867-750-8
Vorwort
Als wir mit diesem besonderen Projekt in den Startlöchern standen, fragte Frau Dr. Andrea Freudenberg, was denn genau unsere Motivation sei. Nun, hinter allen leidenschaftlichen Interessen stecken oft eigene, durchaus auch emotionale Erfahrungen, die einen dazu bringen, sich mit einem Thema noch einmal ganz anders auseinanderzusetzen. So war es auch in unserem Fall. Als Mamas von insgesamt 6 Kindern haben auch wir leidvoll erfahren müssen, was ein zu kurzes Zungenband für weitreichende Folgen für die Kinder, die Mütter und auch die gesamte Familie haben kann. Wie anstrengend es sein kann, als Leidtragende keinen kompetenten Ansprechpartner zu finden, beschwichtigt oder belächelt zu werden.
Natürlich war uns die Rolle der Zunge in der Entwicklung und auch in ihrer Bedeutung für das myofunktionelle Gleichgewicht bewusst und dennoch waren die weitreichenden Folgen oraler Restriktionen, deren Diagnostik und Therapie noch vor ein paar Jahren weitestgehend Neuland für uns. Deutschsprachige Fachliteratur ist rar gesät – Mathilde Furtenbach hat 2007 im Praesens Verlag „Das Zungenbändchen: die interdisziplinäre Lösung“ in Herausgeberfunktion veröffentlicht. Das war vor nunmehr einigen Jahren unser beider Einstieg in die Thematik. Vieles, was sich sonst auf diesem Gebiet an wissenschaftlicher Arbeit abspielt, wurde und wird ausschließlich in Englisch publiziert. Dieses Thema kann durchaus sehr viele therapeutische Berufe betreffen und nicht jeder ist dem Englischen so mächtig, dass das Lesen von Fachliteratur einen Mehrwert bildet. Furtenbach schreibt in ihrem Buch:
„Nach dreißigjähriger Berufserfahrung kann ich feststellen: Wir, alle Disziplinen, die mit dem Frenulum linguae zu tun haben, wissen voneinander viel zu wenig.“1
Unser Ziel war es, angelehnt an Furtenbachs Kompendium, ein deutschsprachiges Standardwerk zu veröffentlichen, welches das Thema vollumfänglich aus den verschiedenen therapeutischen Gesichtspunkten beleuchtet, die theoretisch notwendigen Grundlagen liefert, die praktische Vorgehensweise nachvollziehbar darstellt, die interdisziplinären therapeutischen Ansätze und auch Zusammenhänge darstellt und last but not least auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik bildet. Uns ist bewusst, dass gerade ein solch interdisziplinär vernetztes Thema eine Vielzahl an Diskussionspunkten liefert und es verschiedene Lehrmeinungen beispielsweise zur Notwendigkeit der chirurgischen Intervention gibt. Dieses Buch soll dem Leser das umfassende theoretische und praktische Rüstzeug geben, orale Restriktionen zu erkennen, einzuschätzen und vor allem patientenorientiert zu behandeln. Selbstverständlich soll und kann dieses Buch die praktischen Erfahrungen nicht ersetzen.
Wir möchten besonders darauf hinweisen, dass nicht immer die Durchtrennung eines Bandes die einzige Therapieoption ist. Im Mittelpunkt steht wie immer der Patient und seine individuelle Problematik, die es zu erfassen gilt – das sollen auch zahlreiche Patientenfälle aus verschiedenen Altersklassen deutlich machen.
Der Aufbau des Buches entspricht folgender Chronologie: Nach einer Einführung in die Thematik, der Aufarbeitung der Embryologie und Anatomie des Unterzungenbereiches wird sich der erste Teil des Buches ausführlich mit der Physiologie und der korrekten Funktion des orofazialen respiratorischen Komplexes beschäftigen. Dieser Abschnitt ist von besonderer Bedeutung, um die aus der Pathologie resultierenden Symptome zu verstehen und mögliche therapeutische Ansätze zu finden. Es wird außerdem gezeigt, wie wichtig die Zunge als Dreh- und Angelpunkt der körperlichen Statik ist, wie korrektes Stillen abläuft und wie die physiologische Laut- und Sprachentwicklung vonstatten geht. Außerdem werden wir beleuchten, wie wichtig die Zunge mit ihren Funktionen im gesamtkörperlichen Kontext ist. Im zweiten Teil des Buches werden wir uns der Pathologie widmen – wie zeigt sich ein zu kurzes Zungenband in den verschiedenen Altersklassen, was sind die Symptome, wie läuft die Diagnostik ab und was sind verschiedene therapeutisch mögliche Interventionen. Dieser Teil des Buches wird mit entsprechenden Fallbeispielen auch die praktische Relevanz des Themas verdeutlichen. Auch mögliche Misserfolge und Komplikationen sollen hier besprochen werden. Der letzte und kürzeste Teil des Buches wird Anregungen geben, wie man sich dem Thema auf interdisziplinärer Ebene nähern kann, wie man sich ein entsprechendes Netzwerk aufbaut, wird diesbezüglich effektive Kommunikationswege aufzeigen und auf verschiedene Trennmedien und Misserfolge eingehen.
1 M. Furtenbach, Das Zungenbändchen: die interdisziplinäre Lösung. Praesens Verlag, 2007.
Danke
Unser besonderer Dank gilt in erster Linie unseren Mitautorinnen und Mitautoren, die durch unermüdlichen Einsatz in der Praxis, bei abendlichen Zoom-Sitzungen und am Schreibtisch dieses so umfassende Thema aus ihrer Sicht verständlich aufgearbeitet haben und so überhaupt die Entstehung dieses Buches ermöglichten.
Natürlich geht unser Dank auch an Anita Hattenbach und den Quintessenz Verlag, die mit ihrem Vertrauen in uns einem solchen Nischenthema überhaupt Gehör verschaffen. Herzlichen Dank auch an Dr. Viola Lewandowski für das ausgezeichnete Lektorat.
Des Weiteren danken wir unseren Patienten und deren Eltern, die sich vertrauensvoll tagtäglich in unsere Hände begeben und diesen, manchmal nicht einfachen und in den seltensten Fällen kurzen Weg mit uns zusammen gehen.
Last but not least danken wir unseren Familien, vor allem unseren Ehemännern, die uns immer wieder den Rücken freihalten. Ohne sie wäre so ein Projekt nicht mal im Ansatz denkbar gewesen.
Anita Beckmann
Dr. Ulrike Uhlmann
Dieses Buch ist in dankbarer Erinnerung Dr. Silvia Träupmann gewidmet. Sie hat mit der Gründung des Leipziger Zungenbandnetzwerkes unzähligen Familien geholfen, Therapeuten vernetzt, Weiterbildungen organisiert und somit den Grundstein für die so wichtige interdisziplinäre Zusammenarbeit gelegt.
Obwohl dieses Buch der besseren Lesbarkeit halber im generischen Maskulinum verfasst ist, möchten wir natürlich alle weiblichen oder diversen Vertreter der verschiedenen Fachrichtungen gleichermaßen ansprechen.
Autoren
Dr. Marc Asche, PhD, Gesundheitswissenschaftler und Osteopath, war wissenschaftlicher Leiter des postgraduierten Studiengangs „Pädiatrische Osteopathie“ (DPO) und langjähriger Dozent an der International Academy of Osteopathy (IAO) in Gent, Belgien. Die Promotion zum PhD in Public Health erfolgte an der St. Elisabeth Universität Bratislava (SK). Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. die kraniofaziale Entwicklung und deren pathomorphologische Abweichungen. Dr. Marc Asche ist in eigener Praxis in Kiel tätig.
Anita Beckmann ist selbstständige Zahnärztin in Berlin. Als Mutter von zwei Kindern, die selbst auch ein restriktives Zungenband hatten, begann sie zunächst aus eigenem Interesse das Thema aufzuarbeiten. 2018 besuchte sie dann ihre erste Fortbildung zum Thema und schloss in den Folgejahren zahlreiche Fortbildungen bei Dr. Zaghi, Dr. Kotlow, Dr. Ghaheri u. v. m. an. Mittlerweile ist sie nicht nur Gründungsmitglied der entsprechenden Fachgesellschaft (Defagor e. V.), sondern hat sich neben der Behandlung kraniomandibulärer Dysfunktionen auch auf die ganzheitliche Behandlung oraler Restriktionen spezialisiert.
Jan Büchner ist seit 1997 Physiotherapeut und seit 2008 osteopathisch tätig. Er ist Vater von zwei Kindern und arbeitet selbstständig in eigener Praxis in Leipzig. Seinen beruflichen Schwerpunkt bildet vor allem die Kinderosteopathie. Jan Büchner ist aktives Mitglied des Leipziger Zungenbandnetzwerkes und arbeitet eng mit Stillberaterinnen, Hebammen, Zahnärztinnen und Kinderärzten zusammen.
Michaela Dreißig (MA) ist seit 2010 Akademische Sprachtherapeutin sowie Still- und Laktationsberaterin IBCLC, außerdem Certified Specialist in Orofacial Myology und Trageberaterin (TSD). Ihre beruflichen Schwerpunkte liegen in der Behandlung von Saug-, Schluck- und vermeidend-restriktiven Ernährungsstörungen (ARFID). Sie nahm international an Fortbildungen für die logopädische (und stillberaterische) Begleitung von Menschen jeglichen Alters mit oralen Restriktionen teil. Michaela Dreißig ist Mitgründerin der Deutschen Fachgesellschaft für Behandlung oraler Restriktionen e. V. und Referentin auf dem Gebiet oraler Restriktionen.
Dr. med. dent. Andrea Freudenberg schloss 1992 das Studium der Zahnheilkunde an der Universität Witten/Herdecke ab und promovierte dort 1994. Ihre anschließende Weiterbildung absolvierte sie an der Universität Witten/Herdecke, der Medizinischen Hochschule in Hannover und der Weiterbildungspraxis Dr. Jung in Herne. 1998 schloss sie diese mit der kieferorthopädischen Facharztprüfung ab. Nach Tätigkeit in verschiedenen KFO-Praxen gründete sie 2005 das Fachzentrum für Kieferorthopädie Dr. Freudenberg & Kollegen in Weinheim. 2015 erweiterte sie die Praxis durch einen reinen Frühbehandlungsbereich, in dem ausschließlich kombiniert myofunktionell und kieferorthopädisch behandelt wird. Aus dieser interdisziplinären Zusammen arbeit wurde das mykie® Therapieprinzip entwickelt (mykie.de). 2019 erfolgte die Gründung der mykie®akademie mit dem Ziel, das Wissen um die myofunktionelle Kieferorthopädie weiterzugeben.
Sabine Fuhlbrück fand 1977 als zahnmedizinische Fachangestellte den Weg in die Zahnmedizin. In den Jahren 1993 bis 2009 begleitete sie als myofunktionelle Therapeutin die kieferorthopädische Therapie zahlreicher Patienten an der kieferorthopädischen Abteilung der Universität Mainz unter Leitung von Prof. Sergl. Als zertifizierte Myofunktions- und k-o-s-t-Therapeutin arbeitete sie seit 1999 in eigener Praxis und begleitete bis 2014 in Lehrtätigkeit auch angehende Logopädinnen. Als Mitbegründerin des Leipziger Zungenbandnetzwerkes, Autorin und Referentin ist sie Expertin auf dem Gebiet der Myofunktion und propagiert die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen zum Wohle ihrer Patienten.
Dr. med. dent. Claudia Kanitz hat Zahnmedizin in Kiel studiert, wo sie über Laserchirurgie in der HNO promovierte. Sie hat außerdem das Masterstudium der Kieferorthopädie in Krems an der Donau Universität in Österreich absolviert sowie das „tongue-tie“ curriculum bei Myofocua (Dan Hanson), Australien. Ihr Spezialgebiet ist die Kinder- und Jugendzahnheilkunde. Sie ist Mitglied in zahlreichen Fachgesellschaften und beschäftigt sich neben der Kinderzahnheilkunde schwerpunktmäßig mit Laser, Kieferorthopädie, oralen Restriktionen, Schlafmedizin, Myofunktion und Funktionsdiagnostik. Sie ist Mutter von 3 Kindern.
Claudia Ladewig ist selbstständige Physiotherapeutin und bildet in ihrem eigenen Schulungszentrum Therapeuten, Hebammen, Logopäden, Stillberaterinnen und Ärzte zum Thema „restriktive Zungenbänder“ weiter. Als erfahrene Bobath- und Vojta-Therapeutin gibt sie als Referentin auch auf diesem Gebiet ihr Wissen weiter. Sie lebt und arbeitet in Berlin und ist mit zahlreichen medizinischen Berufsgruppen vernetzt, um ihre Patienten bestmöglich und umfänglich zu behandeln.
Dr. med. vet. Veronika Langenberg studierte Tiermedizin an der LMU München und promovierte am Klinikum Großhadern im Bereich der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Nach mehreren Jahren tierärztlicher Tätigkeit und Elternzeit nach der Geburt ihrer drei Kinder absolvierte sie 2017 erfolgreich ihr Examen zur IBCLC. Seit Anfang 2018 beschäftigt sich Frau Dr. Langenberg in ihrer Funktion als Still- und Laktationsberaterin umfassend mit der Thematik der oralen Restriktionen und absolvierte auch in diesem Bereich international viele Fortbildungen. Neben ihrer Tätigkeit in Münster als Still-, Beikost- und Kinderschlafberaterin in eigener Praxis und als Stillberaterin auf einer Früh- und Neugeborenenintensivstation setzt sich Frau Dr. Langenberg seit 2020 als Vorsitzende und Gründungsmitglied der Defagor e. V. und als Referentin diverser Fortbildungen aktiv für Aufklärungsarbeit zum Thema oraler Restriktionen und den gesamtheitlichen Behandlungsansatz ein.
Franka Meuter, MSc., ist Zahnärztin und Gründerin des ersten Dentosophiezentrums in Deutschland. In der Dentosophie geht es um richtiges Kauen, Schlucken und Atmen. Eine Ergänzung in der Therapie ist die autonome Atmungs- und Haltungsregulation nach Norbert Fuhr. Frau Meuter ist Ambassador des Breathe Institute Los Angeles. Neben ihrer Arbeit im Zentrum ist sie auch als Referentin gefragt.
Dr. med. dent. Ulrike Uhlmann studierte Zahnmedizin an der Universität Leipzig und promovierte an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Sie hat einen Tätigkeitsschwerpunkt in Kinder- und Jugendzahnheilkunde und ist in einer Familienzahnarztpraxis bei Leipzig tätig. Als Mutter von vier Kindern wurde sie bei der Geburt ihrer ersten Tochter 2013 das erste Mal mit dem Thema oraler Restriktionen persönlich konfrontiert. Daraufhin begann sie sich auch beruflich nach ihrer ersten Elternzeit intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen und absolvierte Fortbildungen u. a. bei Dr. Zaghi und Dr. Ghaheri. Da die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Logopäden, Hebammen und myofunktionellen Therapeuten schon immer ihre Berufsauffassung maßgeblich geprägt hat, war die Idee für dieses Buch eine persönliche und fachliche Herzensangelegenheit. Dr. Uhlmann ist aktives Mitglied im Leipziger Zungenbandnetzwerk und neben ihrer Arbeit in der Praxis als Autorin und Referentin tätig.
Grußwort von Mathilde Furtenbach
Der Anlass, meine Aufmerksamkeit auf das zu kurze Zungenband zu lenken, war die myofunktionelle Therapie, die der US-amerikanische Logopäde Daniel Garliner auf Einladung von ZahnärztInnen/KieferorthopädInnen etwa um 1980 nach Europa brachte. Myofunktionelle Therapie (MFT), ab den Neunzigerjahren auch als Therapie orofazialer Dysfunktionen bezeichnet, behandelt Funktionsstörungen des Atmens, Saugens, Kauens und Schluckens. Im Rahmen der MFT sind LogopädInnen immer wieder mit Zungenbändern konfrontiert, die orale Dysfunktionen/myofunktionelle Störungen hervorrufen und dadurch das physiologische Wachstum des Gebisses beeinträchtigten können.
Das Problem mit dem zu kurzen Zungenband konnten wir LogopädInnen offensichtlich mit den StillberaterInnen teilen und in der Zusammenarbeit mit KinderärztInnen lösen. Daraus entwickelte sich eine Zeit der fruchtbaren Zusammenarbeit. Es ist engagierten Eltern und ÄrztInnen zu verdanken, dass dieser Eingriff im Normalfall nun ambulant, ohne Übernachtung im Krankenhaus und ohne Vollnarkose durchgeführt werden kann.
Bis 2007 entnahm ich der spärlichen Fachliteratur nur Warnungen, Zungenbänder zu durchtrennen, da Kinder verbluten könnten oder eine gefährliche Wundinfektion auftreten könne. Hals-Nasen-Ohren-ÄrztInnen weigerten sich häufig, das für die Schluckfunktion zu kurze Zungenband von Kindern zu durchtrennen, weil sie ja meist keine Sprechprobleme zeigten. 1978 warnt der HNO-Arzt G. Habermann (Sprache – Stimme – Gehör, Bd. 2/1978) vor einer Durchtrennung beim Neugeborenen oder Säugling wegen erhöhter Blutungsgefahr. Am Ende des Beitrags hält er fest: „Bei einer Durchtrennung bei einer Gedeihstörung des Säuglings wegen angeblicher schlechter Trinkfähigkeit an der Brust und aus der Flasche oder bei einer allgemeinen Verzögerung des Spracherwerbs fehlt jede ärztliche Indikation.“
2007 habe ich das erste deutschsprachige Fachbuch zu diesem Thema mit einem Team von interdisziplinären Beitragenden (R. Clausnitzer, V. Clausnitzer, D. Karall, M. Patjas, S. Springer) herausgegeben: „Das Zungenbändchen: die interdisziplinäre Lösung“. Darin stellte ich nach dreißigjähriger Berufserfahrung fest: „Wir, alle Disziplinen, die wir mit dem Frenulum linguae breve zu tun haben, wissen voneinander viel zu wenig. Wir müssen dies zur Kenntnis nehmen und voneinander interdisziplinär lernen und zusammenarbeiten.“
In den Jahren nach Erscheinen des Buches wurde ich von unzähligen Eltern aus dem deutschsprachigen Raum kontaktiert, die schon über Jahre mit dem Verdacht auf ein zu kurzes Zungenband ihres Kindes konfrontiert waren. Es einfach als „zu kurz“ zu diagnostizieren und zu durchtrennen, wurde erst durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich.
Das Wissen um Ursachen, Folgen und Therapiemöglichkeiten des für die Funktion nicht ausreichend langen Zungenbandes hat sich inzwischen weltweit vervielfacht, und das Thema wurde in einen übergeordneten Rahmen gestellt. Orale Restriktionen können nicht nur vom Zungenband, sondern auch von Lippen- und Wangenbändern verursacht werden. Erst die interdisziplinäre Betrachtung des Zungenbandes macht es möglich, die funktionelle Herangehensweise der TherapeutInnen/LogopädInnen mit der Sichtweise von ChirurgInnen zu ergänzen. Erst dadurch werden angemessene individuelle Therapieentscheidungen möglich.
Die vorbildliche Zusammenarbeit der HerausgeberInnen mit den Interessierten vieler Fachdisziplinen führte nun zur Herausgabe dieses Jahrhundertwerkes. Möge das in diesem Fachbuch zur Verfügung gestellte Wissen für alle, die mit dem Themenfeld der oralen Restriktionen beschäftigt sind, lehr- und hilfreich sein!
Möge dieses Wissen dazu beitragen, in interdisziplinärer Kooperation diagnostisch so vorzugehen, dass die am besten geeignete therapeutische Maßnahme zum Wohle der Betroffenen gefunden werden kann!
Mathilde Furtenbach,
Logopädin, Myofunktionstherapeutin
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Danke
Autoren
Grußwort von Mathilde Furtenbach
1 Die Embryologie, Anatomie und Physiologie der Kopf- und Unterzungenregion
1.1 Einführung ins Thema
Anita Beckmann
1.2 Die morphologische Entwicklung des Schädels
Marc Asche
1.2.1 Hintergrund
1.2.2 Entwicklung des Viszerokraniums
1.2.3 Wachstumsvorgänge am Schädel
1.3 Embryologische Gesichtspunkte der Unterzungenregion
Anita Beckmann
1.4 Makro- und mikroanatomische Gesichtspunkte der Zunge, der Unterzungen- und Mundbodenregion und des Zungenbandes
1.4.1 Muskulatur
Ulrike Uhlmann
1.4.2 Leitungsbahnen
Ulrike Uhlmann
1.4.3 Innervation
Ulrike Uhlmann, Anita Beckmann
1.4.4 Lymphe
Ulrike Uhlmann
1.4.5 Makro- und mikroskopische Aspekte des Zungenbandes
Ulrike Uhlmann, Anita Beckmann
1.5 Physiologische Aspekte des orofazialen-respriratorischen Systems aus verschiedenen Blickwinkeln (myofunktionell, beim Stillen, logopädisch, physiotherapeutisch)
1.5.1 Physiologische Kräfteverhältnisse in der Mundhöhle
Sabine Fuhlbrück
1.5.2 Die physiologische (Nasen-)Atmung
Sabine Fuhlbrück
1.5.3 Zungenruhelage und physiologisches Schlucken
Sabine Fuhlbrück
1.5.4 Die Physiologie des Stillens
Veronika Langenberg
1.5.5 Physiologische Zungenfunktion als Voraussetzung für die Sprache: Phonetik und Artikulation
Michaela Dreißig
1.5.6 Die Physiologie der körperlichen motorischen und sensorischen Entwicklung
Claudia Ladewig
1.5.7 Frühkindliche Entwicklung als Grundlage für die Physiologie der Statik
Jan Büchner
Literatur
2 Die Zunge im ganzheitlichen Kontext
2.1 Einführung
Anita Beckmann
2.2 Das restriktive Zungenband im Zusammenhang mit Schlaf
Franka Meuter
Literatur
3 Die Pathologie des restriktiven Zungenbandes und deren interdisziplinäres Management in den verschiedenen Altersklassen
3.1 Einführung
Anita Beckmann, Ulrike Uhlmann
3.1.1 Klassifikation oraler Restriktionen
Anita Beckmann
3.1.2 Optik ist nicht alles …
Ulrike Uhlmann
3.2 Pathologie der morphologischen Schädelentwicklung
Marc Asche
3.2.1 Kraniosynostosen
3.2.2 Lagebedingte Schädelverformungen
3.2.3 Klinik
3.3 Das restriktive Zungenband im Säuglingsalter
Ulrike Uhlmann
3.3.1 Umfangreiche Anamneseerhebung und Diagnostik
3.3.2 Praktische Vorgehensweise der Autorin
3.3.3 Nachbehandlung und -betreuung
3.3.4 Das restriktive Zungenband und seine Auswirkungen im Säuglingsalter aus stillberaterischer Sicht
Veronika Langenberg
3.3.5 Das restriktive Zungenband im Säuglingsalter aus myofunktioneller Sicht
Sabine Fuhlbrück
3.3.6 Das restriktive Zungenband und die Auswirkungen im Säuglingsalter aus osteopathischer Sicht
Jan Büchner
3.3.7 Das restriktive Zungenband im Säuglingsalter aus physiotherapeutischer Sicht
Claudia Ladewig
3.4 Das restriktive Zungenband im Milch- und Wechselgebiss
Anita Beckmann
3.4.1 Schlafbezogene Atmungsstörungen
3.4.2 Auswirkungen auf die orale Gesundheit
3.4.3 Diagnose des restriktiven Zungenbandes beim (Klein-)Kind
3.4.4 Chirurgisches Vorgehen
3.4.5 Nach dem Eingriff
3.4.6 Das restriktive Zungenband im Kindesalter aus kieferorthopädischer Sicht
Andrea Freudenberg
3.4.7 Das restriktive Zungenband bei (Klein-)Kindern aus myofunktioneller Sicht
Sabine Fuhlbrück
3.4.8 Das restriktive Zungenband und seine Auswirkungen bei (Klein-)Kindern aus logopädischer Sicht
Michaela Dreißig
3.4.9 Das restriktive Zungenband bei (Klein-)Kindern und dessen Auswirkungen aus osteopathischer Sicht
Jan Büchner
3.4.10. Das restriktive Zungenband im (Klein-)Kindalter aus physiotherapeutischer Sicht
Claudia Ladewig
3.5 Das restriktive Zungenband im Erwachsenenalter
Anita Beckmann
3.5.1 Auswirkungen im Erwachsenenalter
3.5.2 Die Diagnostik und Therapie des restriktiven Zungenbandes beim Erwachsenen
3.5.3 Fallbeispiele
3.5.4 Das restriktive Zungenband und seine Auswirkungen im Erwachsenenalter aus logopädischer Sicht
Michaela Dreißig
3.5.5 Das restriktive Zungenband und seine Auswirkungen im Erwachsenenalter aus osteopathischer Sicht
Jan Büchner
3.5.6 Das restriktive Zungenband und seine Auswirkungen im Erwachsenenalter aus physiotherapeutischer Sicht
Claudia Ladewig
Literatur
4 Trennmedien, Therapieentscheidungen und Misserfolge, Diskussion und Netzwerkgestaltung
4.1 Laser
Claudia Kanitz
4.1.1 Einführung
4.1.2 Unterschiedliche Lasersysteme und deren Wirkung im Gewebe
4.1.3 Laser in der chirurgischen Anwendung
4.1.4 Fallbeispiele
4.1.5 Wundmanagement nach Laserfrenuloplastik
4.1.6 Diskussion: Laser vs. Schere?
4.2 Misserfolge und Komplikationen
Ulrike Uhlmann, Anita Beckmann
4.2.1 (Nach-)Blutungen
Ulrike Uhlmann
4.2.2 Verletzungen der angrenzenden Strukturen
Ulrike Uhlmann
4.2.3 Speichelzysten im Wundgebiet
Anita Beckmann
4.2.4 Reattachment/Ausbleiben der Besserung/Verschlimmerung der Symptome
Anita Beckmann
4.2.5 Reizfibrom
Anita Beckmann
4.3 Die Entscheidung des optimalen Zeitpunktes, die Entscheidung zum „Nicht-Trennen“, partielle und zweizeitige Trennungen als Therapieoption
Ulrike Uhlmann
4.3.1 Fallbeispiele
4.4 Diskussion zur Notwendigkeit des aktiven Wundmanagements
Anita Beckmann, Ulrike Uhlmann
4.4.1 Einführung
Ulrike Uhlmann
4.4.2 AWM im Kontext der Traumatisierung
Anita Beckmann
4.5 Effiziente Wege für die interdisziplinäre Zusammenarbeit und nützliche Arbeitsunterlagen
Ulrike Uhlmann
Literatur
Anhang
Literatur
Index
1 Die Embryologie, Anatomie und Physiologie der Kopf- und Unterzungenregion
1.1 Einführung ins Thema
Anita Beckmann
„Schleimhautbänder können sich visuell sehr beeindruckend darstellen, funktionell aber keinerlei Einschränkung für den Patienten mit sich bringen. In diesem Fall würde man nicht von einer ‚oralen Restriktion‘ sprechen.“
(Anita Beckmann)
Fachdisziplinen, wie die Zahnheilkunde, Kieferorthopädie und Logopädie, beschäftigen sich naturgemäß mit der Anatomie und Funktion des Mundraumes respektive der Zunge. Allerdings wird in der Ausbildung nur marginal über orale Restriktionen gelehrt. Die weitreichenden funktionellen Zusammenhänge sind im deutschsprachigen Raum bisher nur durch wenige Autoren, wie Mathilde Furtenbach, beschrieben1.
Unter oralen Restriktionen versteht man funktionell zu kurze Zungen-, Wangen- und Lippenbänder. Das heißt, dass die optische Erscheinung im Rahmen dieser Definition zweitrangig ist, aber die etwaig eingeschränkte Funktion das Hauptkriterium bildet. Schleimhautbänder können sich visuell sehr beeindruckend darstellen, funktionell aber keinerlei Einschränkung für den Patienten mit sich bringen. In diesem Fall würde man nicht von einer „oralen Restriktion“ sprechen. Sind Schleimhautbänder allerdings der Grund für funktionelle Einschränkungen, z. B. bei der Nahrungsaufnahme, der Sprache oder verhindern sie physiologische Bewegungsabläufe, definiert man sie als „orale Restriktionen“.
Da restriktive Wangenbänder relativ selten sind und das restriktive Unterzungenband mit Abstand die vielseitigsten und weitreichendsten Auswirkungen hat, wird der Schwerpunkt dieses Kompendiums hauptsächlich auf restriktiven Zungenbändern liegen.
Die Prävalenz des restriktiven Zungenbandes2 wird mit 2,8–22,5 % der Neugeborenen beschrieben. Die starke Varianz kann den weltweit unterschiedlichen Diagnostikverfahren zugeschrieben werden. Bei der Interpretation der Zahlen gilt zu beachten, dass es sich lediglich um eine optische Beschreibung von Zungenbändern handelt.
Aufgrund mangelnder Untersuchungen zu optisch nicht hervorstechenden, aber trotzdem vorhandenen Zungenbändern und zu einheitlichen Untersuchungsmethoden führten Martinelli & Marchesan et al.3 2018 eine weitere Studie unter diesen Gesichtspunkten durch, unabhängig von funktionellen Einschränkungen. Von 1715 untersuchten Neugeborenen kann mittels Anheben der Zungenränder bei 67,46 % ein sichtbares Zungenband festgestellt werden. Bei 32,54 % der Kinder kann ein Zungenband nur mit einem speziellen Manöver dargestellt werden (posteriores Zungenband). Dabei wird die Zunge angehoben und gleichzeitig die Schleimhaut nach hinten gedrückt, allerdings wird keine Aussage zum Grad der funktionellen Einschränkung getroffen.
Das Vorhandensein eines posterioren Anteils des Zungenbandes wird im Geschlechterverhältnis 46 % (m) zu 54 % (w) beschrieben3, eine echte Ankyloglossie (optisch gut sichtbares kurzes Band) betrifft Jungen dagegen 2,5-mal häufiger als Mädchen4.
Wenige Studien befassen sich mit der Vererbung von zu kurzen Zungenbändern. Klockars et al. beschreiben in ihrer Fallstudie einen Stammbaum mit inkompletter autosomal-dominanter Vererbung. Auch er beobachtet eine Dominanz eher in der männlichen Linie. Aufgrund der geringen Fallzahl bedarf es allerdings weiterer Untersuchungen, um eine genetische Komponente zu bestätigen. Eine familiäre Häufung betroffener Individuen ist jedoch anzunehmen5.
Bei einer Studie aus dem Jahr 2015 mit 618 Patienten, von denen 60 % ein anteriores oder posteriores Zungenband zeigten, kam ein restriktives oberes Lippenband in Kombination bei 11 % der Patienten vor6. Die Prävalenz des restriktiven Lippenbandes oder Wangenbandes ist bisher unzureichend erforscht.
1.2 Die morphologische Entwicklung des Schädels
Marc Asche
„Für ein interdisziplinäres Verständnis über die Entwicklung des menschlichen Schädels ist ein fundiertes Wissen über die Morphogenese und Morphodynamik von grundlegender Bedeutung. Die Morphodynamik beschreibt die epigenetisch beeinflussten physiologischen Vorgänge der normalen, aber auch abweichenden Entwicklungsvorgänge.“
Dr. Marc Asche
Dieses Kapitel beschreibt ausgewählte morphologischen Geschehnisse am Schädel, mit dem Ziel, ein möglichst anwendbares Verständnis für die Therapie zu entwickeln. Die inhaltlichen Schwerpunkte konzentrieren sich im Wesentlichen auf die noch in Teilen ungeklärten klinischen Aspekte der Morphogenese und deren medizinisch-therapeutischen Beeinflussbarkeit. In den ersten sechs Lebensjahren vollziehen sich wesentliche Entwicklungsvorgänge, die lebenslang prägenden Einfluss auf Form und Funktion des menschlichen Schädels haben werden. Das pränatal gesunde Kind, das vaginal geboren werden kann und unter normalen Umständen die ersten postnatalen Reflexaktivitäten aktivieren und anwenden wird, hat primär ideale Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung. Eine Diagnostik und Therapie sollte nur dann erfolgen, wenn ein Entwicklungsfortschritt ausbleibt bzw. die Morphologie eindeutig von der physiologisch-anatomischen Norm abweicht und in der Folge die normale Entwicklung beeinträchtigt. Eine genaue Anamnese ist für die Therapieentscheidung von grundlegender Bedeutung. Die diagnostische Therapie beobachtet den Entwicklungsfortschritt und definiert den notwendigen Behandlungszeitraum. Endogene und exogene Einflussfaktoren sind für weitere diagnostische Entscheidungsprozesse zu berücksichtigen. Dazu zählen aus Sicht des Autors z. B. die generelle Compliance des Kindes und der Eltern, aber auch der psychosoziale Hintergrund sowie die grundsätzliche Gesundheit des Kindes.
1.2.1 Hintergrund
Der menschliche Schädel wird in Gehirn- (Neurokranium) und Gesichtsschädel (Viszerokranium) unterteilt. Die Zugehörigkeit der einzelnen Knochen wird in Tabelle 1-1 und den Abbildungen 1-1 und 1-2 dargestellt.
Tabelle 1-1 Übersicht über die Schädelknochen (Quelle: Asche)
Knochen Viszerokranium
Knochen Neurokranium
Schläfenregion
Os temporale (Pars tympanica, Proc. styloideus ossis temporalis), Os zygomaticum
Dorsal
Os occipital
Nasenregion
Os lacrimale, Os nasale, Vomer, Os ethmoidale (außer Lamina cribrosa), Os sphenoidale (Proc. pterygoideus), Conchae nasalis inferior
Lateral
Os parietale
Os temporale (Pars squamosa ossis temporalis), Pars petrosa ossis temporalis (= Felsenbein)
Kieferregion
Maxilla, Mandibula
Frontal
Os frontale
Os sphenoidale (außer Proc. pterygoideus)
Os ethmoidale (Lamina cribrosa)
Mundregion
Os hyoideum, Os palatinum
Abb. 1-1 und 1-2 Gesichts- und Hirnschädel (Quelle: Kohlbach7)
Unterschiedlich anatomisch angelegte Suturen und Fontanellen erleichtern durch ihre Verformbarkeit den vaginalen Geburtsprozess, ermöglichen die Anpassung des Schädels an das Hirnwachstum und sind fortan Wachstumszonen, bis der Schädel knöchern ausreift. Die im Detail unterschiedlichen Formen der einzelnen Suturen schaffen eine ideale Voraussetzung für einen dynamischen Wachstumsprozess des Schädels (Tab. 1-2). Die Fontanellen setzen sich aus zwei paarigen und zwei unpaarigen Öffnungen zusammen, die von der Dura mater überzogen werden.
Tabelle 1-2 Übersicht über die Suturen am Schädel (Quelle: Asche)
Sutur
Beispiel
Funktion
Sutura squamosa (Schuppennaht)
Schuppenartig überlagerte Sutur zwischen dem Os temporale und dem Os parietale
Eine kiemenartige Schuppenstruktur gleicht Druck und Kompression aus und passt sich den intrakraniellen physiologischen Kräften an
Sutura serrata (Zackennaht)
Sutura sagittalis, Sutura temporozygomatica
Die Größe der Zacken korreliert mit der Wachstumsintensität; je größer die Zacken, desto mehr Bewegung
Sutura squamoserrata (verzahnte teils überlagerte Gelenkstruktur)
Sutura coronalis, Sutura lambdoidea
Verzahnung mit schräger Gelenkfläche – Gleit- und Scherbewegung können absorbiert werden
Schindylesis
Sutura sphenovomeralis
Die Fläche des einen Knochens artikuliert in die Leiste des angrenzenden Knochens
Sutura plana (glatte Suturnaht)
Sutura nasomaxillaris
Die plane Gelenksutur ermöglicht gleitende und distrahierende Bewegungen
1.2.2 Entwicklung des Viszerokraniums
Die Knochen des Viszerokraniums entstehen über die desmale Ossifikation. Das Os frontale ist anfangs paarig angelegt und wird von der Sutura metopica gelenkig verbunden. Eine Verschmelzung der Sutur beginnt bereits im ersten Lebensjahr und verknöchert vollständig zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr. Die Nasenhöhle und die darin etagenartig angelegten Conchae nasalis entstehen ebenfalls über die desmale Ossifikation, mit Ausnahme der Conchae nasalis inferior. Die Maxilla entwickelt sich aus sechs Knochenkernen, die in den ersten Lebensjahren zunehmend verknöchern. Aus dem sechsten Knochenkern, dem Incisivum, entstehen die Schneidezähne, die sich später mit der Maxilla knöchern verbinden. Die Mandibula entsteht aus dem im ersten Kiemenbogen gelegenen Meckel-Knorpel. In der vierten Entwicklungswoche entstehen im Gesichtsbereich fünf Wülste: der Stirnwulst und die beiden Ober- und Unterkieferwülste. Aus der Muskelanlage des ersten Schlundbogens (Mandibularbogen) entsteht die Kaumuskulatur. Teile der Anlage bilden die Muskulatur für den Mundboden, das Mittelohr und den Gaumen. Der zweite Schlundbogen bildet aus seiner Muskelanlage die mimische Muskulatur und Teile der suprahyoidalen Muskulatur. Die beschriebenen Entwicklungsvorgänge können bei später geringer oraler bzw. mastikatorischer Aktivität negativ im weiteren Wachstum beeinflusst werden.
1.2.3 Wachstumsvorgänge am Schädel
Die knorpelige und knöcherne Reifung des Schädels erfolgt über ein sog. primäres bzw. sekundäres Displacement. Primäres Displacement entsteht durch die Wachstumsvorgänge am Knochen selbst. Die sekundäre Form der Translation wird durch die suturalen und enchondralen Entwicklungsvorgänge an benachbarten Knochen induziert. Das Wachstum des Schädels unterliegt einem dem Alter des Kindes angepassten Entwicklungskontinuum und basiert im Wesentlichen auf fünf unterschiedlichen Vorgängen:
Suturales Wachstum
Periostales bzw. enchondrales Wachstum
Wachstum der Knorpelgewebe der Schädelbasis
Wachstum des sekundären Knorpels des Unterkiefergelenkes
Peridontales Knochenwachstum
Suturales Wachstum vollzieht sich an zwei benachbarten Schädelflächen, die entweder plan (Sutura plana), schräg (Sutura obliqua) oder verzahnt (Sutura serrata) artikulieren. Der Zeitpunkt der Synostierung kann nicht eindeutig definiert werden, da die meisten Suturen noch im höheren Alter offen erscheinen bzw. in ihrer Artikulationsfläche unterschiedliche Bindegewebe aufweisen, die mikroskopisch feine Bewegungen zulassen können.
Im Bereich der Schädelbasis reifen die hyalinen Gelenkflächen über enchondrale Wachstumsvorgänge. Die Sutura sphenoethmoidalis reift bis zum vierten Lebensjahr, die Synchondrosis sphenooccipitalis bis zum Ende der Pubertät. Das Kiefergelenk besteht aus der Fossa articularis, dem Discus articularis und dem Condylus articularis. Der dort befindliche sekundäre Knorpel wächst durch Umwandlung von Mesenchymzellen in Knorpelzellen. Das appositionelle Wachstum ist dabei der wesentliche Wachstumsmechanismus. Der neu angelegte Knorpel reift durch enchondrale Ossifikationsvorgänge zu einer vollwertigen Knochenstruktur8.
1.3 Embryologische Gesichtspunkte der Unterzungenregion
Anita Beckmann
„Um ein grundlegendes Verständnis für die Zusammenhänge der orofazialen Strukturen zu bekommen, ist es wichtig, deren Ursprung zu verstehen.“
(Anita Beckmann)
Wie bereits von Dr. Asche erläutert, beginnen sich Ober- und Unterkiefer sowie die Zunge und alle umliegenden Strukturen bereits ab der 4. Schwangerschaftswoche (SSW) aus den ersten 4 Schlundbögen zu bilden (Abb. 1-3 bis 1-6). Schlundbogen I und II bilden später die vorderen zwei Drittel der Zunge, Schlundbogen III und IV bilden die Zungenwurzel. Um ein grundlegendes Verständnis für die Zusammenhänge der orofazialen Strukturen zu bekommen, ist es wichtig, deren Ursprung zu verstehen und mögliche Einschränkungen und Veränderungen der Anatomie sowie die Zeiträume zu kennen, in denen sich diese auf den Embyro bereits vor der Geburt auswirken.
Abb. 1-3 Menschlicher Embryo 5 mm lang, ca. 26 Tage nach Befruchtung (Quelle: Radlanski9)
Abb. 1-4a–b Kopfregion eines menschlichen Embryos von ca. 5 mm Länge; (a) Ansicht von schräg rechts anterior, (b) Ansicht von anterior (Quelle: Radlanski9)
Abb. 1-5 Gesichtsentwicklung eines menschlichen Embryos von ca. 10,5 mm Länge (Quelle: Radlanski9)
Abb. 1-6 Gesichtsentwicklung eines menschlichen Embryos von ca. 16 mm Länge (Quelle: Radlanski9)
Eine Ankyloglossie ist somit keine Veränderung, die „plötzlich“ nach der Geburt entsteht, sondern beeinflusst bereits das erste Schlucken, Saugen und die weiteren Zungenfunktionen in utero.
Zunächst gruppieren sich die Gesichtswülste (mediane Stirnnasenwulst und beide Mandibularbögen) um die primäre Mundbucht. Durch die Bildung des primären Gaumens aus den Nasensäcken entsteht der primäre Gaumen (Abb. 1-7), der Mund- und Nasenhöhle voneinander trennt10.
Abb. 1-7a–c Die Bildung des Gaumens von vorne betrachtet: (a) Histologischer Frontalschnitt durch die Mund-Nasen-Höhlenregion eines Embryos von ca. 14 mm Länge; (b) histologischer Frontalschnitt durch die gleiche Region bei einem ca. 27 mm langen Embryo; (c) histologischer Frontalschnitt durch die gleiche Region bei einem ca. 66 mm langen Embryo (Quelle: Radlanski9)
Um den 28.–30. Schwangerschaftstag bildet sich die Zungenanlage aus den okzipitalen Somiten. Diese Anlage entwickelt sich nach anterior in die primäre Mundbucht hinein und hat Einfluss auf die weitere Entwicklung und Ausformung der Kiefer und des Nasopharynx. Zunächst liegt die Zunge eher in Richtung der Nasenhöhle.
Durch eine dünne mukosaüberzogene membranöse Struktur anterior des Musculus genioglossus (das Zungenband) folgt die Zunge dem anterioren Wachstum der Mandibula. Ab der 6. SSW beginnt sich das Zungenband durch Apoptose von der Zungenspitze an nach dorsal abzubauen, um der Zunge ihren maximalen Bewegungsumfang zu ermöglichen11. Bei physiologisch ablaufender Apoptose ist das Zungenband dann ab der 10. SSW epithelbedeckt, besteht zu geringen Anteilen aus Bindegewebe und geht an der Zungenunterseite in das Septum linguae über. Ab der 12. SSW ist die Muskulatur der Zunge soweit gereift, dass eigenständige Vor- und Zurückbewegungen im anterior geschaffenen Freiraum möglich sind.
Das verbliebene Zungenband ist nun ein epithelialisierter Bindegewebsstrang, der die Mitte der Zungenunterseite mit dem Mundboden verbindet4. Die verbliebene Verbindung von Zunge und Mundboden unterstützt die Zunge und kontrolliert die posteriore Zungenbewegung, z. B. beim Ansaugen der Zunge, Kauen und Schlucken.
Überschießende Apoptose kann ein vollständiges Fehlen der bindegewebigen Zungenbandstruktur verursachen, welches mit dem Ehlers-Danlos-Syndrom und Infantiler Hypertropher Pylosstenose in Verbindung gebracht wird12. Auch das Zika-Syndrom wurde in Zusammenhang mit dem Nichtvorhandensein des Zungenbandes gebracht13. Verläuft die Apoptose unvollständig, verbleibt die Zungenbandstruktur vollständig oder teilweise. Dies kann als isolierte Mutation des Gens TBX22 oder LGR514 oder im Zusammenhang mit Gaumenspalten13 und dem Van-der-Woude-Syndrom12 auftreten.
1.4 Makro- und mikroanatomische Gesichtspunkte der Zunge der Unterzungen- und Mundbodenregion und des Zungenbandes
„Die Zunge ist das mit Abstand größte Organ in der Mundhöhle. Mit ihrer exzellenten Innervation und Beweglichkeit übernimmt sie für den Menschen wichtige Aufgaben wie Tastsinn, Schmecken, Sprechen, Pfeifen, Saugen sowie die Selbstreinigung der Mundhöhle.“15
(Prof. Dr. Andreas Filippi)
Im folgenden Kapitel wiederholen wir die Anatomie des orofazialen Bereichs, um ins Gedächtnis zu rufen, welche anatomischen Strukturen eng mit der Zunge arbeiten und bei Einschränkungen der Zungenbeweglichkeit mit betroffen sein können oder auch andersherum durch deren Einschränkung die Beweglichkeit der Zunge beeinflussen können. Dieses Wissen ist uns besonders wichtig, um mögliche Differenzialdiagnosen der eingeschränkten Zungenbewegung zu erkennen und gezielt therapieren zu können. Beispiele dieser Differenzialdiagnosen besprechen wir im Praxisteil.
Außerdem möchten wir für mögliche chirurgische Interventionen die vorzufindenden anatomischen Strukturen beleuchten.
1.4.1 Muskulatur
Ulrike Uhlmann
Die Unterzungenregion wird von der sogenannten äußeren Zungenmuskulatur gebildet und begrenzt (Abb. 1-8 bis 1-12). Dazu gehören der Musculus genioglossus, der an der Spina mentalis des Unterkiefers entspringt und sich wie ein Fächer in den Zungengrund ausbreitet, der Musculus styloglossus, der am gleichnamigen Processus entspringt und der seitlich unter der Zunge nach ventral zieht, der Musculus hyoglossus, welcher am Zungenbein entspringt und in die vordere Unterzungenregion ausstrahlt, und schließlich noch der Musculus palatoglossus, dessen Faserzüge seitlich in die Zungenmuskulatur inserieren, weshalb er von manchen Autoren zu den äußeren Zungenmuskeln gezählt wird. Alle Zungenmuskeln werden vom N. hypoglossus (XII. Hirnnerv) innerviert, mit Ausnahme des M. palatoglossus, der vom N. glossopharyngeus (IX. Hirnnerv) innerviert wird16. Die äußere Zungenmuskulatur beeinflusst die Stellung der Zunge im Raum, die innere Zungenmuskulatur hingegen gibt der Zunge die Fähigkeit, ihre Form zu verändern. Horizontale, vertikale und transversale Muskelfasern ermöglichen das Abflachen, Aufwölben, Verlängern und Verkürzen der Zunge.
Abb. 1-8 bis 1-10 Aufbau des Mundbodens und Verlauf der äußeren Zungenmuskulatur (Quelle: Kohlbach7 und Al-Faraje17)
Abb. 1-11 und 1-12 Aufbau des Mundbodens und Verlauf der äußeren Zungenmuskulatur (Quelle: Kohlbach7)
Die Beweglichkeit der Zunge wird neben der Binnen- und äußeren Zungenmuskulatur außerdem maßgeblich vom Mundboden (Diaphragma oris) beeinflusst. Alle Muskeln des Mundbodens sind an der aktiven Mundöffnung beteiligt und heben außerdem das Zungenbein (Os hyoideum) beim Schlucken nach vorne oben an. Der Mundboden spannt sich als Muskelsegel zwischen den Unterkieferästen auf und setzt sich aus vier suprahyoidalen (d. h. von oben am Zungenbein ansetzend) Muskeln zusammen. Der Musculus mylohyoideus spannt sich zwischen der Innenseite des Unterkiefers zur Mitte hin in eine mediane Raphe auf. Diese wird kranial vom Musculus geniohyoideus verdeckt, welcher zwischen Zungenbein (Os hyoideum) und Unterkiefer den Mundboden verstärkt. Seitlich am Mundboden verläuft außerdem der vordere Schenkel des Musculus digastricus, welcher über eine Bindegewebsschlinge und eine Zwischensehne als hinterer Anteil zum Processus mastoideus umgeleitet wird. Auch der Musculus stylohyoideus gehört zur Mundbodenmuskulatur und entspringt am Processus styloideus. Er verläuft mit einer gespaltenen Sehne, welche die Zwischensehne des Musculus digastricus umfasst, zum Zungenbein16.
1.4.2 Leitungsbahnen
Ulrike Uhlmann
Blutversorgung
Die Zunge wird von der sogenannten „Zungenschlagader“ der A. lingualis versorgt (Abb. 1-13). Diese entspringt im Trigonum caroticum aus der A. carotis externa. Die Arteria lingualis zieht unterhalb des M. digastricus, des M. stylohyoideus und des M. hyoglossus horizontal nach vorne und spaltet sich im weiteren Verlauf in ihre Endäste, die A. profunda linguae und die A. sublingualis, auf. Die profunden Anteile versorgen nach oben ziehend den Zungenkörper selbst, wohingegen sich die sublingualen Äste horizontal im Mundboden ausbreiten und zusätzlich zur Zunge den Mundboden, die Mundhöhle und die Sublingualdrüsen arteriell versorgen. Darüber hinaus gibt die A. lingualis weitere kleine Äste (Rr. dorsales linguae und R. suprahyoideus) ab, die den Zungengrund, den Kehldeckel und das Zungenbein arteriell versorgen. Parallel verlaufend zur Zungenschlagader sorgt die gleichnamige Vene für die venöse Drainage in die V. jugularis interna. Die V. lingualis zieht parallel zur A. lingualis allerdings auf dem M. hyoglossus horizontal nach vorne. Die V. lingualis sammelt venöses Blut aus der Zunge, dem Zungenrücken und -grund mit ihren Ästen V. sublingualis, V. profunda linguae und V. lingualis dorsalis (Abb. 1-14 und 1-15).
Abb. 1-13 Arterielle Durchblutung des Mundbodens und der Zunge (Quelle: Al-Faraje17)
Abb. 1-14 Leitungsbahnen der Mundbodenregion (Quelle: Al-Faraje17)
Abb. 1-15a–b a: Leitungsbahnen der Zunge. Auf Abb. b sieht man deutlich die durchschimmernde V. profunda linguae beidseits der Zungenmitte. Das Foto zeigt den Zustand nach erfolgter funktioneller Frenuloplastik vor einem halben Jahr. (a: Quelle: modifiziert nach Prometheus16, b: Quelle: Uhlmann)
1.4.3 Innervation
Ulrike Uhlmann, Anita Beckmann
Die Innervation der Zunge mit den verschiedenen nervalen Qualitäten (sensibel, motorisch, vegetativ) ist hochkomplex. Um die Beteiligung der verschiedenen (Hirn-)Nerven an der Zungenfunktion zu verstehen, soll anhand folgender Grafik (Abb. 1-16) verdeutlicht werden, welche (Hirn-)Nerven beteiligt sind und welche Aufgaben sie in der Zungenfunktion übernehmen.
Abb. 1-16 Grafische Darstellung der Zungeninnervation (Quelle: Uhlmann)
Im Folgenden werden die wichtigsten Hirnnerven und deren Relevanz für orale Restriktionen dargestellt.
Rolle des Nervus trigeminus (V)
Der Trigeminus ist der 5. Hirnnerv und führt somatosensible und viszeromotorische Fasern für den Kopfbereich. Er entspringt dem 1. Schlundbogen und hat somit auch eine enge Verbindung zu anderen Strukturen aus diesem Schlundbogen (Abb. 1-17). Hinter dem Ganglion trigeminale teilt sich der N. mandibularis ab; er zieht durch das Foramen ovale in die Fossa infratemporalis, wo er sich terminal verzweigt. In diesem Zusammengang von Bedeutung ist der Nervus lingualis, welcher mit seinen sensiblen Anteilen den weichen Gaumen, die angrenzenden Schleimhäute und die vorderen zwei Drittel der Zunge versorgt. Die motorischen Anteile des N. mandibularis dienen der Innervation des Mundbodens und der Kaumuskulatur.
Abb. 1-17 Die Verteilung der Verzweigungen der Hirnnerven beim Embryo und beim Erwachsenen (Quelle: Radlanski9)
Der 2. Ast des N. trigeminus, der N. maxillaris, zieht durch das Foramen rotundum in die Fossa pterygopalatina und verzweigt sich terminal erneut. Von Bedeutung für die Physiologie der Zunge ist dabei der N. nasopalatinus und sein Verlauf im Canalis incisivus zum harten Gaumen und der angrenzenden Schleimhäute16.
Halata et al. konnten das Vorhandensein verschiedener sensorische Nervenden in diesem Bereich nachweisen, in einer Dichte, die der Haut der Fingerspitzen entspricht. Dies scheint zunächst nur für die Kontrolle des Speisebolus und die Lokalisation der Zunge beim Sprechen wichtig zu sein19.
Ferrante et al. untersuchten die neurologische und neuromuskuläre Wirkung der Stimulation des N. nasopalatinus. Sie kommen zu dem Schluss, dass die künstliche Stimulation des Nervs durch Daumenlutschen bei Kindern mit eingeschränkter Zungenbeweglichkeit (z. B. durch ein restriktives Zungenband) neurologisch etwa den Ergebnissen bei natürlicher Stimulation durch die Zunge entspricht. Es wird zudem vermutet, dass die Zungenruhelage im Kontakt zum Foramen incisivum mit rezeptorgesteuerter Ausschüttung von Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und Acetylcholin in Zusammenhang steht20.
Rolle des Nervus glossopharyngeus (IX)
Der N. glossopharyngeus ist der 9. Hirnnerv und innerviert sensibel, parasymathisch und motorisch Anteile der Zunge und des Pharynx. Der N. glossopharyngeus tritt lateral der Olive aus der Medulla oblongata aus und zieht dann gemeinsam mit N. vagus (X) und N. accessorius (XI) durch das Foramen jugulare. Er verläuft zwischen der A. carotis interna und der V. jugularis interna zur Zunge.
Er ist verantwortlich für die Schmerz-, Temperaturwahrnehmung und taktile Reizübermittlung des hinteren Zungendrittels, der Tonsillen und Teilen des Rachens (z. B. weicher Gaumen und Euchstachische Röhre). Durch seine taktilen Anteile im oberen Rachen ist er beteiligt beim Schlucken, Würgen und Erbrechen. Seine parasympathischen Anteile führen zur Parotisdrüse.
Afferenzen des hinteren Zungendrittels sind für Geschmacksempfindungen zuständig. Aufgrund des Verlaufes und der engen Lagebeziehung zum N. vagus liefert der N. glossopharyngeus durch Chemo- und Druckrezeptoren am Aortenbogen und am Sinus caroticus Afferenzen zur Blutdruckregulation21.
Rolle des Nervus vagus (X)
Der N. vagus ist der 10. Hirnnerv. Er macht den größten Teil des parasympathischen Nervensystems aus und ist indirekt oder direkt mit fast allen inneren Organen verbunden. Er verfügt über viszeromotorische Fasern sowie motorische und sensomotorische Afferenzen. Er tritt ebenfalls aus der Medulla oblongata aus und verläuft parallel zum N. glossopharyngeus, später läuft er zwischen Aortenbogen und V. brachiocephalica in die Brusthöhle, wo er sich weiter in seine abdominellen Äste aufteilt.
Für uns ist in diesem Zusammenhang seine Zuständigkeit für die Rachenmuskulatur und den M. palatoglossus, welcher den hinteren Teil der Zunge anhebt, interessant.
Die Studie von Schmidt et al. (2009) zeigt, dass die physiologische Zungenruhelage signifikante Auswirkungen auf die Stimulation und den Tonus des N. vagus hat22.
Rolle des Nervus accessorius (XI)
Der N. accessorius ist der 11. Hirnnerv. Er hat seinen Ursprung am Hirnstamm und Rückenmark. Er führt einen motorischen Nerv, der somatomotorische und speziell-viszeromotorische Fasern hat. Er hat einen intrakraniellen Anteil am Ganglion jugulare, dann zieht er durch das Foramen jugulare und zweiteilt seinen extrakraniellen Anteil zur Larynx- und Pharynxmuskulatur sowie zum M. sternocleidomastioideus und M. trapezius. Er dient somit vorrangig der Bewegung des Kopfes, stabilisiert ihn in der Körpermittellinienachse und hält die Luftwege offen.
Eine Beeinträchtigung des Nervs kann zu Haltungsasymmetrien führen.
Rolle des Nervus hypoglossus (XII)
Der N. hypoglossus ist der 12. Hirnnerv. Er innerviert die intrinsische und extrinsische Zungenmuskulatur und den Mundboden motorisch. Auch er entspringt den Hirnnervenkernen in der Medulla oblongata und hat eine enge Lagebeziehung zum N. vagus und N. accessorius. Er verlässt den Schädel durch den Canalis nervi hypoglossi nahe dem Foramen magnum und verläuft zwischen A. carotis interna und V. jugularis interna. In seinem Verlauf hat er Beziehungen zu C1, C2 (Halswirbel)23 und zur Ansa cervicalis profunda, die zur Zungenbeinmuskulatur zieht24. Diese Verbindungen sind relevant für das Verständnis des Einflusses der Zungenposition auf Stellungsveränderungen der Halswirbelsäule und des Zungenbeines.
Gemeinsam mit dem N. vagus erhält er Afferenzen des Zwerchfells25, was ihn zusätzlich für die Atmung im Bezug zur Zungenfunktion interessant macht.
EXKURS: Relevanz für das restriktive Zungenband
Differenzialdiagnostisch sind Einschränkungen der Zungenbeweglichkeit durch Beeinträchtigung der Hirnnerven möglich. Durch Überlappung oder Verschiebung der Anteile des Os occipitale selbst während der natürlichen Geburt oder auch durch faszialen Zug können die hirnnervenführenden Foramina verengt werden. Dies kann am N. vagus beispielsweise zu Veränderungen der o. g. Funktionen führen, also neben anderen parasympathischen Dysregulationen auch zur Veränderung des Saug-Schluck-Atemrhythmus26. Ist der N. hypoglossus betroffen, hat dies Einfluss auf die gesamte Zungenmuskulatur und die Anbindung zur Halswirbelsäule und an das Hyoid.
In der Literatur wurden Veränderungen der Schädelsymmetrie bereits 1966 durch Frymann beschrieben. Sie postuliert, 88 % der Neugeborenen seien von einer längerdauernden (mehr als 1–2 Wochen postpartum) Verschiebung der Schädelplatten betroffen27. 2008 wurde dies durch Stellwagen et al.18 ebenfalls beschrieben: 73 % der Neugeborenen seien von einer Asymmetrie des Kopfes oder Kiefers betroffen.
Wall und Glass bringen diese Schädel-, Körper- und Kieferasymmetrien in direkten Zusammenhang mit Schluckproblemen, schwachem Saugen und abnormaler Zungenbewegung28.
1.4.4 Lymphe
Ulrike Uhlmann
Der Lymphabfluss der Zunge und des Mundbodens erfolgt über submandibuläre und submentale Lymphknoten, die an der Innenseite des Unterkieferrandes lokalisiert sind. Diese werden über Lymphbahnen entlang der Jugularisvene drainiert.
1.4.5 Makro- und mikroskopische Aspekte des Zungenbandes
Ulrike Uhlmann, Anita Beckmann
Schleimhaut
Während die Zungenoberfläche von einer nicht verschieblichen, hochspezialisierten Schleimhaut bedeckt ist, ist die Schleimhaut der Unterseite wesentlich weicher und dünner15.
Bereits 1858 wurde das Zungenband vom englischen Anatomen und Chirurgen Dr. Henry Gray als „ausgeprägte Schleimhautfalte“ unter der Zunge beschrieben29. Mit Bezug auf das Zungenband bei Neugeborenen schrieben Mills et al. in einer Studie aus dem Jahr 2019, dass es sich beim Zungenband um eine „dynamische, geschichtete Struktur [handelt], die von der Mundschleimhaut und der darunter liegenden Mundbodenfaszie gebildet wird.“ Weiter hieß es, dass die Zungenbandstruktur „bei [der] Zungenhebung und/oder -retraktion zu einer Mittellinienfalte mobilisiert wird. Der M. genioglossus ist an der Mundbodenfaszie aufgehängt und kann bei manchen Personen in die Faltung des Frenulums hochgezogen werden. Zweige des Nervus lingualis befinden sich oberflächlich auf der ventralen Oberfläche der Zunge, unmittelbar unter der Faszie.“ Sie beschrieben weiter, dass es eine immense anatomische Bandbreite im Erscheinungsbild des Zungenbandes gebe, aber vom Erscheinungsbild allein nicht auf eine ggf. funktionelle Einschränkung geschlossen werden könne29 (Abb. 1-18 bis 1-24; siehe auch Abb. 1-25).
Abb. 1-18 bis 1-21 Anatomische Bandbreite oraler Restriktionen bei Säuglingen (Quelle: Uhlmann)
Abb. 1-22 bis 1-24 Anatomische Bandbreite oraler Restriktionen bei Säuglingen (Quelle: Uhlmann)
Abb. 1-25 Grafische Darstellung des mikroanatomischen Aufbaus der Zungenbandregion; die Grafik macht deutlich, wie die anatomische Vielfalt zu Stande kommt (Mukosa, Faszie und M. genioglossus). (Quelle: nach Mills et al.32)
Histologische Aspekte
Häufig wird das restriktive Zungenband in der Literatur als das klassische ganz weit vorn an der Zunge ansetzende Bändchen beschrieben, das durch Dehnen und mechanische Hilfe veränderbar ist. Nicht selten berichten Eltern, man habe ihnen gesagt, es verwachse sich mit der Zeit oder würde mit der Zeit länger werden. Daher halten wir es für nötig, eine fundierte Information über die Histologie des Gewebes, über das wir in diesem Werk sprechen, voranzustellen.
Martinelli et al.2
