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Was uns wirklich bedroht und wie wir richtig damit umgehen Nahezu täglich bringen uns die Medien neue Hiobsbotschaften: steigende Kriminalität, Vogelgrippe oder Elektrosmog. Wird unser Leben nicht immer gefährlicher, unsicherer, risikoreicher? Ortwin Renn, international anerkannter Risikoforscher, sagt: nein. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt beständig, in vielerlei Hinsicht geht es uns immer besser. Wie fürchten uns, so Renn, vor "falschen" Gefahren, verschließen aber die Augen vor Risiken, die uns und unsere Nachwelt erheblich bedrohen. Renn zeigt, welches diese sind, warum wir sie unterschätzen und wie wir im Sinne der Nachhaltigkeit verantwortungsvoll damit umgehen können.
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Seitenzahl: 1022
Veröffentlichungsjahr: 2014
Herausgegeben von Klaus Wiegandt und Ortwin Renn
Warum wir uns vor dem Falschen fürchten
Was uns wirklich bedroht und wie wir richtig damit umgehen
Nahezu täglich bringen uns die Medien neue Hiobsbotschaften: steigende Kriminalität, Vogelgrippe oder Elektrosmog. Wird unser Leben nicht immer gefährlicher, unsicherer, risikoreicher? Ortwin Renn, international anerkannter Risikoforscher, sagt: nein. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt beständig, in vielerlei Hinsicht geht es uns immer besser. Wie fürchten uns, so Renn, vor »falschen« Gefahren, verschließen aber die Augen vor Risiken, die uns und unsere Nachwelt erheblich bedrohen. Renn zeigt, welches diese sind, warum wir sie unterschätzen und wie wir im Sinne der Nachhaltigkeit verantwortungsvoll damit umgehen können.
Unsere Adressen im Internet:
www.fischerverlage.de
www.hochschule.fischerverlage.de
www.forum-fuer-verantwortung.de
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Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hißmann, Hamburg
Coverabbildung: Archiv hissmann heilmann hamburg
Erschienen bei FISCHER E-Books
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402856-9
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Für River, Tristan
Handeln – aus Einsicht und Verantwortung
Eine persönliche Bilanz
Einleitung:
Was können Sie von diesem Buch erwarten?
Teil I Was bedroht uns?
1 BSE – der Killer?
2 Stärken und Tücken der Statistik
3 Wir werden immer älter
4 Todesursachen: Zwei dominieren das Bild
5 Krebs – die Volkskrankheit
6 Die Logik der Risikoanalysen: Was ist ein akzeptables Risiko?
7 Wer und was ist schuld? Ursachen für Krebserkrankungen
8 Sonderfall Lebensmittel
9 Natur versus Chemie: Vergiftungen
10 Herz-Kreislauf-Erkrankungen: eine Erfolgsgeschichte
11 Todesfälle durch Unfälle drastisch gesunken
12 Suizid und Homozid: ein gutes Beispiel für Über- und Unterschätzung
13 Die zahmen Tiger: Naturkatastrophen und technische Großunfälle
14 Der Blick über die Grenzen
14.1 Was macht uns krank?
14.2 Deutschland: Insel der Seligen?
15 Fazit: Was bringt uns um?
15.1 Die vier dominanten Auslöser für frühzeitige Todesfälle
15.2 Krankheiten nicht stigmatisieren
15.3 Technische Risiken: Wie bedrohlich sind ihre Auswirkungen?
15.4 Umwelteinflüsse geringer als angenommen
15.5 Wie gefährlich sind unsere Lebensmittel?
15.6 Wir leben immer risikoärmer
Teil II Warum fürchten wir uns vor dem Falschen?
1 Die Konfrontation
2 Schlüsselkonzept: soziale konstruierte Wirklichkeit(en)
2.1 Evolutionsvorteil: kausales Denken
2.2 Risiken aus der Perspektive von Experten und Laien
3 Die Unvermeidbarkeit von Ungewissheit bei Entscheidungen
3.1 Wie wir uns schneller entscheiden können
3.2 Gesundheits- und Umweltrisiken: Erfahrung aus zweiter Hand
4 Was beeinflusst unser Urteilsvermögen?
4.1 Wer den Rahmen setzt, bestimmt die Wahrnehmung
5 Faustregeln der Wahrnehmung
5.1 Der Gedankenanker
5.2 Verfügbarkeit
5.3 Intuitives Schließverfahren: Drei Mechanismen der Verallgemeinerung
5.4 Affekt-Heurismus
5.5 Lehren für den aufgeklärten Risikowahrnehmer
6 Sinn und Beziehung
6.1 Kultur als Produzent von Sinn
6.2 Stochern im Dunkeln: Die Suche nach Sinnmustern
6.3 Sinnanker: Plausibilität und Glaubwürdigkeit
6.4 Was sind gute Gründe?
6.5 Wir sind alle Herdenwesen
6.6 Der Glaube versetzt Berge
6.7 Die Abwehr von Widersprüchen
6.8 Abwehrmechanismen bei Risiken
7 Die Medien sind an allem schuld – wirklich?
7.1 Was wählen Medien als berichtenswert aus?
7.2 Das inszenierte Expertendilemma
7.3 Risiko als Drama
8 Lost im »virtual space«: die dritte Wirklichkeit
8.1 Das Innenleben der dritten Realität
8.2 Die Suggestionskraft der virtuellen Realität
8.3 Gefahr der Einigelung in die virtuelle Welt: das Internet
9 Prozesse der Risikowahrnehmung
9.1 Die Grundmuster: Kampf, Flucht, Totstellen
9.2 Beispiel Natürlichkeit versus Künstlichkeit
9.3 Die Vielschichtigkeit der Muster der Risikowahrnehmung
9.4 Qualitative Merkmale: die Moderatoren der Risikowahrnehmung
9.5 Wahlfreiheit macht einen Unterschied
9.6 Was ist universell, was kulturspezifisch?
9.7 Schubladen im Risikowahrnehmungsschrank: semantische Muster
9.8 Vertrauen kann man nicht »schaffen«
10 Risikogesellschaft oder Risikowahrnehmungsgesellschaft?
10.1 Unsere Gegenwart: Kennzeichen der zweiten Moderne
10.2 Individueller Sinnverlust
10.3 Risikowahrnehmung im Zeitalter der reflexiven Modernisierung
11 Fazit: Warum es uns so schwer fällt, Risiken adäquat zu beurteilen
11.1 Was ist uns wichtig? Grundlegende Kriterien für die Auswahl von Informationen
11.2 Nutzen, Selbstwirksamkeit und Identität
11.3 Riskante Wahrnehmung: Die Bedeutung von »Frames«
11.4 Deutungsmuster der Risikowahrnehmung
11.5 Was sagen die anderen? Soziale Einflüsse
11.6 Reaktionen auf Unsicherheit und Beliebigkeit
11.7 Urteilsbildung in komplexen Risikosituationen
11.8 Wege zu mehr Risikomündigkeit
Teil III Welche Risiken unterschätzen wir?
1 Die Begegnung
2 Die neue Qualität von Risiken: die systemische Verknüpfung
2.1 Was sind systemische Risiken?
2.2 Warum werden systemische Risiken unterschätzt?
3 Die zentralen Risiken der Zukunft
3.1 Angelpunkt: »Governance«
4 Ökosystem Erde: Systemische Bedrohungen im Verhältnis Mensch und Umwelt
4.1 Bevölkerungsentwicklung und Siedlungsdichte
4.2 Haben wir die Grenze der Tragekapazität erreicht?
4.3 Wie viel Umweltverbrauch können wir uns leisten?
4.4 Wie wir die globalen Kreisläufe beeinflussen
4.5 Dramatischer Verlust der Biodiversität
4.6 Wie belastbar ist die Umwelt als Rohstofflager und Senke?
4.7 Wie umweltgerecht gehen wir mit der Ressource Wasser um?
4.8 Wie gehen wir mit unserem Klima um: ein Paradebeispiel für systemische Risiken
5 Bedrohungen durch Steuerungsdefizite in Wirtschaft und Gesellschaft
5.1 Die Allmendefalle
5.2 Die Effizienzfalle
5.3 Die Hybrisfalle
5.4 Die Autonomiefalle
5.5 Synopse
6 Soziale Entwicklungen: die Modernisierung und ihre systemischen Risiken
6.1 Kennzeichen der Moderne: Brutstätten neuer systemischer Risiken
6.2 Das Erlebnis sozialer Ungleichheit
6.3 Die Potenzierung von willentlich herbeigeführten Katastrophen
6.4 Die Bedrohung der Identität
7 Fazit: Warum wir uns vor den systemischen Risiken fürchten, uns aber nicht von ihnen einschüchtern lassen sollten
7.1 Mythos Apokalypse
7.2 Mythos Grenzen des Wachstums
7.3 Mythos Handlungsunfähigkeit
7.4 Risiken gesellschaftlicher Modernisierung
Teil IV Was können wir tun?
1 Das Drei-Punkte-Programm
2 Auf dem Weg in eine nachhaltige Entwicklung
2.1 Konfusion über den Bedeutungsinhalt von nachhaltiger Entwicklung
2.2 Zentrales Ziel: dauerhaft humane und menschenwürdige Lebensverhältnisse
3 Resilienz kommt vor Effizienz
4 Soziale Gerechtigkeit hat Vorrang vor optimaler Ressourcenverteilung
4.1 Mehr Gerechtigkeit in Deutschland
4.2 Gerechtigkeit im globalen Maßstab
5 Lebensqualität ist wichtiger als Lebensstandard
5.1 Subjektive Erwartungen an das eigene Leben
5.2 Kein Nachtwächterstaat
5.3 Marktwirtschaft mit ökologischen und sozialen Leitplanken
6 Die Rolle der ökosozialen Marktwirtschaft im Chor der gesellschaftlichen Steuerung
6.1 Kooperation als Stärke: ein neues Modell der Governance
7 Bereicherung der repräsentativen Demokratie: das Modell des analytisch-deliberativen Diskurses
7.1 Integration von Wissen und Werten
7.2 Konsens erwünscht, aber nicht notwendig
7.3 Der Einbezug der Zivilgesellschaft
8 Auswege aus der globalen Allmendefalle
8.1 Konkrete Vorschläge
9 Und ich?
9.1 Der lähmende Risikopessimismus
9.2 Wir können unsere individuellen Lebensrisiken weitgehend selbst steuern
9.3 Der verharmlosende Zukunftsoptimismus
9.4 Was können wir selber tun?
9.5 Wege zu einem nachhaltigen Lebensstil
10 Fazit: Fragen und Antworten zu einem nachhaltigen Umgang mit Risiken
Weiterführende Literatur des Autors
Danksagung
Für River, Tristan
und alle Enkelkinder dieser Welt
Vorwort des Herausgebers
In den Jahren 2007 bis 2009 habe ich im Fischer Taschenbuch Verlag 13 Bände zu Kernthemen der Nachhaltigkeit herausgegeben, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer für die Zivilgesellschaft verständlichen Sprache Forschungsstand und Handlungsoptionen darlegen. Inzwischen ist das Verständnis für die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit in der Zivilgesellschaft so weit vorangeschritten, dass mit zunehmender Intensität über eine gesellschaftliche Transformation in Richtung Nachhaltigkeit diskutiert wird. Dabei rückt der aufgeklärte und mündige Bürger in den Blickpunkt, der sich den von der Wissenschaft aufgezeigten Forschungsstand aneignet, die entsprechenden Handlungsoptionen vergleicht, eine Risikoabwägung vornimmt, um dann auf dieser Basis und aufgrund eigener Werte und Präferenzen Entscheidungen zu treffen.
Ortwin Renn hat mit dem vorliegenden Buch eine hervorragende Grundlage für diese Entscheidungsprozesse jedes einzelnen Bürgers geschaffen. Dem Leser wird ein Bild der unter- wie auch der überschätzten Risiken unserer Gesellschaft vor Augen geführt und ein Ratgeber für ein risikobewusstes, kompetentes und risikomündiges Urteilen und Handeln an die Hand gegeben. Der Autor beschreibt nicht nur die genannten Risiken, er erläutert auch die psychologischen und soziologischen Gründe, warum Menschen in ihren Urteilen oft zu Unter- oder Überbewertungen von Risiken kommen. In vier Kapiteln werden dem Leser zum Teil verblüffende Erkenntnisse aus einer Fülle von wissenschaftlichen Disziplinen vorgestellt. Während im ersten Abschnitt Risiken und Bedrohungen aufgezeigt werden, die wesentlich dramatischer erscheinen, als sie de facto sind, werden im zweiten Abschnitt Gründe für unzureichende Risikoeinschätzungen aufgeführt. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit den oft unterschätzten Risiken. Dafür werden systemische Eigenschaften zusammen mit ihrem Bedrohungspotential für die Gesellschaft dargelegt. Im vierten Abschnitt rückt die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt, und Ortwin Renn zeigt, wie eine kluge Risikopolitik auch zu den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung beitragen kann. Er schärft in diesem Kapitel den Blick auf die Tragekapazität der Erde; er zeigt, warum der Resilienz Vorzug vor Effizienz zu geben ist und warum der sozialen Gerechtigkeit Vorrang vor optimaler Ressourcengerechtigkeit gebührt; zudem stellt er ein neues Modell der Governance sowie Auswege aus der Allmendefalle vor.
Gleichzeitig benennt der Autor auch notwendige Reformen und Veränderungen, die für einen erfolgreichen Diskurs in unserer Gesellschaft in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung erforderlich sind. Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Kontext der Vorschlag eines analytisch-deliberativen Diskurses als Ergänzung der repräsentativen Demokratie mit den vier Partnern Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Dabei ist nicht der Konsens das höchste Ziel dieses Diskurses, sondern die intensive und transparente Partizipation wesentlicher Teile unserer Gesellschaft.
Dieses grundlegende und zugleich politische Buch gehört in die Hände aller Multiplikatoren unserer Gesellschaft. Es bietet trotz seines Umfangs eine spannende wie aufschlussreiche Lektüre.
An dieser Stelle erscheint es mir sinnvoll, gut sechs Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Bandes zur Nachhaltigkeit eine persönliche Bilanz meiner Stiftungsaktivitäten und des Standes des gesellschaftlichen Nachhaltigkeits-Diskurses zu ziehen. Meine Perspektive hierauf ist die eines ehemaligen Managers der Wirtschaft, der sich über ein Jahrzehnt lang auch mit der wissenschaftlichen Seite der Nachhaltigkeit intensiv auseinandergesetzt hat. Wie sieht diese Bilanz heute aus?
In meiner ursprünglich 13-bändigen Buchreihe sind die zentralen Zukunftsfelder benannt und aufgearbeitet, in denen wir vor großen Herausforderungen stehen. Sie wurde um die beiden Hörbücher »Die Erde hat Fieber« und »Die Erde am Limit« ergänzt, in denen die Autoren – moderiert von Gábor Paál vom SWR – die Themen ihrer Bücher vorstellen. Im Jahr 2009 habe ich zwölf Bücher als englische Ausgabe (»The Sustainability Project«[1]) im Verlag Haus Publishing, London, herausgebracht.
Meine Stiftung Forum für Verantwortung, die ASKO EUROPA-STIFTUNG und die Europäische Akademie Otzenhausen (Saarland) setzen sich auf Basis dieser Bücher im Rahmen der 2006 gemeinsam gestarteten Bildungsinitiative »Mut zur Nachhaltigkeit«[2] dafür ein, die Zivilgesellschaft für nachhaltige Entwicklung zu sensibilisieren und zu mobilisieren.
Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat im Auftrag von »Mut zur Nachhaltigkeit« didaktische Module begleitend zur Buchreihe erarbeitet, die in Seminaren und Workshops in der Aus- und Weiterbildung eingesetzt werden können. Außerdem sind mit unserer Unterstützung zwei Forschungsstudien erarbeitet worden: Im Jahr 2010 »Die ökologischen und ökonomischen Wirkungen eines nachhaltigeren Konsums in Deutschland« unter der Leitung von Professor Dr. Bernd Meyer (Osnabrück) und im Jahr 2011 »Richtung Nachhaltigkeit – Indikatoren, Ziele und Empfehlungen für Deutschland« unter der Leitung von Professor Dr. Hans Diefenbacher (Heidelberg).
Insbesondere an der Europäischen Akademie Otzenhausen[3] haben seither zahlreiche Seminare für interessierte Zielgruppen – von teils international besetzten Workshops für Schüler und Studenten über Lehrerfortbildungen bis hin zu Schulungen für Unternehmen – stattgefunden. So haben wir beispielsweise gemeinsam mit tatkräftigen Partnern (vor allem der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, dem Staatlichen Schulamt Darmstadt-Dieburg und dem Zentrum Bildung für nachhaltige Entwicklung des Saarlandes am Landesinstitut für Pädagogik und Medien) eine Lehrerfortbildungsreihe konzipiert und von 2008 bis 2013 jährlich sehr erfolgreich umgesetzt.
Ein wesentliches Ziel der Arbeit meiner Stiftung liegt darin, den wissenschaftlichen Dialog über Themen zur nachhaltigen Entwicklung zu fördern und die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen. Die Kolloquien, die ich von 2002 bis 2012 in Otzenhausen mit international führenden Forschern ausgerichtet habe, haben sich folglich immer konkreter der Frage gewidmet, wie der Übergang in eine nachhaltige Entwicklung gelingen kann. Die Sammelbände »Evolution und Kultur des Menschen«, »Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung«, »Dimensionen der Zeit« und »Wege aus der Wachstumsgesellschaft« sind u.a. daraus hervorgegangen und in den Jahren 2010 bis 2013 ebenfalls im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen.[4]
Seit 2012 organisieren wir jährlich Kolloquien für Doktoranden und Masterstudierende, um den interdisziplinären Diskurs über Wege in eine nachhaltige Entwicklung beim wissenschaftlichen Nachwuchs anzuregen bzw. zu intensivieren. Im Sinne eines breiten Diskurses unterstützen wir auch die Virtuelle Akademie Nachhaltigkeit an der Universität Bremen[5], die allen Hochschulen und interessierten Privatpersonen offen steht, sowie die Arbeit von FUTURZWEI Stiftung Zukunftsfähigkeit, die Geschichten des Gelingens auf dem Weg in Richtung Nachhaltigkeit sammelt und publiziert, und zwar auf der Website[6] und in dem FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2013 (Fischer Taschenbuch Verlag).
Eine wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen öffentlichen Diskurs über Nachhaltigkeit ist eine entsprechend fundierte Berichterstattung und Analyse der Sachverhalte in den Medien. Daher liegt ein weiterer Schwerpunkt unserer Aktivitäten auf der Fortbildung von Journalistinnen und Journalisten. Dies setzen wir in jüngster Zeit durch Seminarangebote, aber auch durch Unterstützung des Zertifikatsstudiengangs Nachhaltigkeit und Journalismus an der Leuphana Universität Lüneburg[7] sowie eines journalistischen Fachportals an der Hochschule Darmstadt[8] um. Darüber hinaus habe ich mich in zunehmendem Maße durch intensive Vortragstätigkeit an Hochschulen, bei Unternehmen und in vielen öffentlichen Veranstaltungen engagiert. Seit 2009 bin ich im Deutschen Nationalkomitee für die UN-Dekade »Bildung für nachhaltige Entwicklung« tätig.
Im Jahr 2011 habe ich den Förderkreis »Nachhaltige Entwicklung« für meine Stiftung gegründet. Seine Mitglieder bekennen sich in unserer Gesellschaft als Botschafter für eine nachhaltige Entwicklung und fördern gleichzeitig die Aktivitäten der Stiftung finanziell. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich für diesen Kreis weitere engagierte Mitstreiter fänden.
Seit 2013 verleihen wir gemeinsam mit dem Magazin ZEIT WISSEN den ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nachhaltigkeit[9]. Damit zeichnen wir in den Kategorien »Wissen« und »Handeln« Personen, Institutionen oder Unternehmen aus, die sich in herausragender Weise als Pioniere des Wandels in Richtung Nachhaltigkeit hervortun. Ich hoffe, dass die sehr öffentlichkeitswirksame Auszeichnung dazu beiträgt, dass diese Pioniere viele Nachahmer finden.
Zusammen mit Harald Welzer entwickele ich unsere Buchreihe nun unter dem Motto »Entwürfe für eine Welt mit Zukunft« weiter. Anfang 2013 ist zunächst der Band »Zwei Grad mehr in Deutschland« erschienen, der ebenso wie »Wege aus der Wachstumsgesellschaft« konkrete Zukunftsszenarien beschreibt.
Nach dieser persönlichen Bilanz meiner Stiftungsaktivitäten möchte ich nun einen zusammenfassenden Blick auf den gesellschaftlichen Nachhaltigkeits-Diskurs in diesen Jahren werfen.
Insbesondere seit dem Jahr 2007 haben die Medien immer häufiger über die Folgen des weltweit rücksichtslosen Umgangs mit den großen Ökosystemen der Erde und den nichterneuerbaren Ressourcen berichtet. Der Klimawandel ist in aller Munde, und die Botschaft scheint in der Gesellschaft angekommen zu sein. Unternehmen verkleiden Dächer und Fassaden mit Sonnenkollektoren, trimmen ihre Betriebe auf Energie-, Wasser- und Ressourceneffizienz, bauen Abteilungen für Corporate Social Responsibility aus und veröffentlichen umfangreiche Nachhaltigkeitsberichte. Selbst die Finanzwelt hat das Thema entdeckt. Es gibt inzwischen den Dow Jones Sustainability Index, den Sustainability Award sowie Nachhaltigkeits- und Klimafonds. Und die Politik in Deutschland hat unter weltweiter Beachtung die Energiewende in Richtung erneuerbarer Energien eingeleitet.
Dies alles vermittelt den Menschen das Gefühl, es würde genug getan, und dies beruhigt das ökologische Gewissen. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. Die vielen Aktivitäten gehen zwar in die richtige Richtung, bleiben aber an der Oberfläche und bewirken nicht die dringend notwendige Kurskorrektur. Es ist im Gegenteil sogar so, dass wir uns trotz aller Anstrengungen jeden Tag vom Ziel einer nachhaltigen Entwicklung weiter weg entfernen: Alle wesentlichen Entwicklungen auf dem Globus laufen in die falsche Richtung. Die folgende Auflistung verdeutlicht dabei auch, dass nachhaltige Entwicklung weit mehr umfasst als die Lösung des Klima- und Energieproblems:
Die CO2-Emissionen sind von 22 Mrd. Tonnen (1992) auf 34 Mrd. im Jahr 2012 gestiegen, dabei sollten sie laut Kyoto-Protokoll von 1997 bis 2012 auf 21 Mrd. Tonnen reduziert werden.
Trotz aller Effizienzgewinne steigt global der Ressourcen- und Energieverbrauch weiter an. Hauptursache ist der sogenannte Reboundeffekt: d.h. Einsparungen werden durch vermehrte Nutzung und höheren Konsum mehr als kompensiert.
Regenwälder werden weiter abgeholzt und abgebrannt, um Flächen für Futtermittel oder Palmöl zu gewinnen.
Wasser wird in vielen Regionen knapp, sowohl das Trinkwasser als auch das sogenannte grüne Wasser, das zur künstlichen Bewässerung in der Landwirtschaft genutzt wird.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wird trotz eines Weltwirtschaftswachstums von fünf Prozent in den letzten zehn Jahren immer größer, sowohl zwischen als auch innerhalb von Gesellschaften.
Der Verlust von Biodiversität setzt sich unvermindert fort.
Die Weltbevölkerung wächst pro Jahr noch immer um rund 80 Millionen Menschen und wird nach Schätzungen der UNO bis zum Jahre 2050 auf 9 bis 10 Milliarden Menschen steigen.
Und last but not least: Das Weltfinanzsystem bleibt infolge des Drucks der USA und Großbritanniens in wesentlichen Teilen dereguliert.
Vor diesem Hintergrund muss sich die Weltgemeinschaft vergegenwärtigen, dass infolge der völlig legitimen wirtschaftlichen Aufholjagd der Schwellen- und Entwicklungsländer in den nächsten 20 bis 30 Jahren weitere drei Milliarden Menschen alle Anstrengungen unternehmen werden, in den sogenannten Mittelstand der Verbraucher aufzusteigen. Aber nicht nur der Konsumbereich wird die Weltrohstoff- und Energiemärkte und in deren Folge die Ökosysteme der Erde drastisch belasten. Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik weist darauf hin, dass im gleichen Zeitraum die Investitionen in die Infrastruktur Asiens eine Größenordnung erreichen, die dem Zweieinhalbfachen der entsprechenden Investitionen in Europa seit dem Beginn der industriellen Revolution entsprechen wird.
Ein business as usual führt noch in diesem Jahrhundert zu ökonomischen, sozialen und ökologischen Verwerfungen, deren Auswirkungen unübersehbar und bereits von unseren Enkelkindern zu tragen wären. Insbesondere ein ungebremster Klimawandel stellt in diesem Jahrhundert die wohl größte Bedrohung für die menschenwürdige Zukunft eines großen Teils der Weltbevölkerung dar. Daher haben sowohl Nicholas Stern im Auftrag der britischen Regierung als auch McKinsey in ihren Gutachten darauf hingewiesen, dass zur Absicherung des »Zwei-Grad-Ziels« bei der durchschnittlichen Erderwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Weltgemeinschaft sofort jährlich zwischen 700 Milliarden und einer Billion US-Dollar investieren müsse. Wird dies versäumt, würden die Klimafolgekosten später jährlich ein Vielfaches dessen betragen.
Wertvolle Zeit hat man weiter im Kampf gegen den Klimawandel ungenutzt verstreichen lassen. Um ohne drastischen materiellen Wohlstandsverlust dennoch das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müssen Maßnahmenprogramme in Angriff genommen werden, die der industriellen Wirtschaft Zeit für eine längerfristige Anpassung verschaffen und gleichzeitig Meilensteine in Richtung Klimaschutz setzen. Diese von der Wissenschaft seit Jahren geforderten Programme sind bezogen auf äquivalente Maßnahmen in der Industrie relativ zeitnah und wesentlich kostengünstiger zu verwirklichen:
So bringt ein Stopp des Abholzens und Abbrennens der Regenwälder eine jährliche Reduzierung der globalen CO2-Emissionen von etwa drei Milliarden Tonnen. Zu diesem Ergebnis sind zwei unabhängige Wissenschaftsinstitute gekommen, wie 2012 in Science und Nature Climate Change veröffentlicht wurde.
Ein Nachrüsten oder die Substitution alter Kohlekraftwerke in den Schwellen- und Entwicklungsländern durch eine State-oft-the-art-Technik brächte eine ähnlich große Einsparung von jährlich etwa drei Milliarden Tonnen CO2-Emissionen. Im Vergleich zu dem Wirkungsgrad der alten Kohlekraftwerke, der zwischen 27% und 30% liegt, kommen neue Werke auf über 40%. Wenn es gelänge, einige Kohlekraftwerke durch moderne Gaskraftwerke (Wirkungsgrad 59%) und zumindest einen kleinen Teil ihrer Leistung durch den Einsatz von erneuerbaren Energien zu ersetzen, dann wäre die Gesamteinsparung von CO2-Emissionen noch wesentlich größer.
Ein Gutachten des IPCC (Intergovernmental Panel of Climate Change) von 2001 kommt zum Ergebnis, dass ein forciertes weltweites Wald-Aufforstungsprogramm auf einer Fläche von etwa 500 Mio. Hektar im Wesentlichen auf den Böden der abgeholzten Regenwälder sowie in den Steppen und Savannen der südlichen Hemisphäre im Endstadium jährlich etwa fünf Milliarden Tonnen CO2 binden würde.
Darüber hinaus liegen erhebliche CO2-Einsparungspotentiale sowohl in der Wärmedämmung (in Deutschland werden diesem Bereich knapp 40% der CO2-Emissionen zugeordnet) als auch im Ausbau des ökologischen Landbaus zu Lasten der industriellen Landwirtschaft.
Allen diesen Maßnahmen ist darüber hinaus gemein, dass keine Arbeitsplätze verloren gehen, sondern im Gegenteil zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.
Natürlich erfordern diese Maßnahmenprogramme erhebliche finanzielle Mittel. Nachhaltigkeit ist nicht umsonst zu haben, insbesondere den Klimawandel in erträglichen Grenzen zu halten, bringt Kosten im Bereich der geschätzten 700 bis 1000 Milliarden US $ jährlich. Das klingt astronomisch hoch, relativiert sich jedoch schnell mit Blick auf die globalen Größenordnungen gegenwärtiger Aufwendungen in Bereichen wie Verteidigung, Werbung, staatlicher Subventionen und last but not least bei den Stützungsmaßnahmen zur Rettung der Finanzwelt.
Alle Herausforderungen sind letztlich nur dann zu bewältigen, wenn die Menschen in den Zivilgesellschaften die wesentlichen Zusammenhänge verstehen und ihre vielfältigen Handlungsoptionen beruflicher wie privater Art für einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel einsetzen. Wir als Zivilgesellschaft müssen entscheiden, in welcher Welt von morgen wir leben wollen. Zum Handeln steht noch ein Zeitfenster zur Verfügung. Es gibt inzwischen gesellschaftliche Akteure und Projekte, die Mut machen und zeigen, dass die notwendige Kurskorrektur möglich ist. Den »Mut zur Nachhaltigkeit« kann man nicht delegieren. Er ist von jedem Einzelnen aufzubringen!
Seeheim-Jugenheim, August 2013
Klaus Wiegandt
[1]
http://www.hauspublishing.com/page/10
[2]
www.mut-zur-nachhaltigkeit.de
[3]
www.eao-otzenhausen.de
[4]
www.forum-fuer-verantwortung.de
[5]
www.va-bne.de
[6]
http://futurzwei.org
[7]
www.leuphana.de/zertifikat-nachhaltigkeit-journalismus-berufsbegleitend.html
[8]
http://ikum.h-da.de/projekte/journalismus/journalistisches_fachportal_forum_futura/
[9]
www.mut-zur-nachhaltigkeit.zeit.de/
»Der Tod steckte in der Mikrobe«, »Blitze immer gefährlicher: Mann auf Zebrastreifen erschlagen«, »21 Tote bei McDonald’s«, »BSE – der lautlose Killer«, »Streit mit Tankwart: 1. Toter wegen hoher Benzinpreise!«, »Super-Gau in Fukushima«, »Wann hört das Morden endlich auf?«, »Gefahren lauern überall«, »EHEC-Pandemie: Kommt die Pest wieder nach Europa?«
Diese wenigen Überschriften aus deutschen Boulevard-Zeitungen zeichnen uns eine Welt, in der es tagtäglich zu Unfällen und Katastrophen kommt, in der wir von Gefahren geradezu umzingelt sind und in der die Risiken für uns und die Menschen, denen wir uns nahe fühlen, immer bedrohlicher werden. So nimmt es nicht wunder, dass in aktuellen Umfragen die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung der Meinung ist, dass unser Leben immer gefährlicher und risikoreicher wird. Abbildung 1 gibt eine aktuelle Umfrage aus dem Jahre 2013 wieder; im Auftrag der Wochenzeitschrift DIE ZEIT befragte Infratest 1000 repräsentativ ausgewählte Bürgerinnen und Bürger aus Deutschland, wie sie die Risiken für Leben und Umwelt beurteilen.[1] Danach stimmen 91% der Befragten voll oder eher der Aussage zu, dass die Umwelt durch den Menschen immer mehr verschmutzt werde. Rund zwei Drittel glauben, dass die Risiken durch ungesunde Ernährung ständig steigen. Genau so viele sind davon überzeugt, dass die Kriminalität immer mehr zunimmt. Und knapp die Hälfte gibt an, dass es uns Deutschen wirtschaftlich schlechter gehe als früher. Auch für die Zukunft sieht die deutsche Bevölkerung nur düstere Wolken aufziehen. Gefragt, welche Risiken in der Zukunft ansteigen werden, äußern sich die meisten Deutschen in einer Umfrage aus dem Jahre 2012 überwiegend pessimistisch.[2] Neben einer Reihe sozialer, gesundheitlicher und wirtschaftlicher Risiken gehören Nahrungsmittelskandale mit 50%, Gewaltverbrechen mit 44%, Terroranschläge mit ebenfalls 44% und radioaktive Verstrahlung mit 32% Zustimmung zu den Risiken, die uns nach Ansicht unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger in Zukunft verstärkt bedrohen werden.
Ist es nicht so, dass wir immer häufiger in den Medien einen neuen Lebensmittelskandal oder eine neue »Umweltsauerei« vorgeführt bekommen, dass immer mehr Menschen durch die moderne Technik bedroht und durch Umweltbelastungen in ihrer Gesundheit gefährdet werden? Haben wir uns nicht schon daran gewöhnt, dass jede Woche ein neuer Schadstoff entdeckt und die Folgen für Leben und Gesundheit von Industrie und Behörden verharmlost werden? Vergiften wir uns nicht schleichend mit immer neuen Chemikalien, die von einer profitsüchtigen Industrie in Lebensmittel und Konsumartikel ohne Wissen, geschweige denn Zustimmung der Verbraucherinnen und Verbraucher eingebracht werden? Sind unsere Großstädte nicht inzwischen eine Spielwiese krimineller Banden und drogensüchtiger Junkies geworden, die Spaziergänger überfallen und in der S-Bahn nachts die Fahrgäste brutal ausrauben?
Abb. 1 Repräsentative Umfrage von TNS Infratest unter 1000 Bundesbürgern für die ZEIT. Umfragezeitraum: 19./20. Februar 2013. Quelle: DIE ZEIT, Nr. 13 (21. 3. 2013, S. 37).
Die Antwort auf all diese Fragen ist bestechend einfach. Sie lautet: Nein. Ehe nun eine Welle der Empörung ausbricht und Sie als Leserin oder Leser dieses Buch schnell aus der Hand legen, sei es mir erlaubt, auf nur eine einfache Tatsache hinzuweisen, die alle diese Hiobsbotschaften in Frage stellt. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland (und dies gilt im Übrigen für nahezu alle Länder dieser Welt) ist seit Jahrzehnten beständig angestiegen und steigt auch weiterhin.
»Aus der Sterbetafel 2007/2009 lässt sich ablesen, dass nach den aktuellen Sterblichkeitsverhältnissen statistisch gesehen jeder zweite Mann in Deutschland wenigstens 80 Jahre alt werden und jede zweite Frau sogar ihren 85. Geburtstag erleben kann. Zumindest das 60. Lebensjahr erreichen 89,2% der Männer und 94,1% der Frauen. Im Deutschen Reich betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen in der Berichtsperiode 1871/1881 nur 35 Jahre und 7 Monate, ein neugeborenes Mädchen konnte mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 38 Jahren und 5 Monaten rechnen. Demnach hat sich die Lebenserwartung der Neugeborenen in den vergangenen etwa 130 Jahren mehr als verdoppelt. Dazu trug zunächst vor allem der Rückgang der Kindersterblichkeit bei. In den letzten Jahrzehnten ist auch die Sterblichkeit Älterer stark gesunken. Nach der Sterbetafel 2007/2009 beläuft sich die noch verbleibende (fernere) Lebenserwartung von 60-jährigen Männern auf weitere 21 Jahre. 60-jährige Frauen können statistisch gesehen mit weiteren 24 Jahren und 10 Monaten rechnen.«[3]
Wenn also unser Leben immer gefährlicher, unsicherer und risikoreicher geworden wäre, wie kann es dann sein, dass wir immer älter werden und dass immer weniger Menschen vor Ende ihrer biologischen Lebensspanne sterben? Wie ich später noch ausführlich im Teil 1 dieses Buches aufzeigen werde, ist auch die Qualität des Lebens und der allgemeine Gesundheitszustand der Bevölkerung nicht schlechter geworden. Im Gegenteil: Was Gesundheit, Sicherheit und Lebensbedingungen anbelangt, sagen uns alle Indikatoren, dass es uns Deutschen im Schnitt besser geht – und dies Jahr für Jahr. Um Missverständnisse auszuschließen, wir reden hier über Durchschnittswerte. Für denjenigen, der einen Unfall erlebt hat oder mit einer aktuellen Krebserkrankung kämpft, ist der Durchschnittswert irrelevant. Aber für die Gesamtschau ist es wichtig zu wissen, wohin der Trend geht und wie es um die Risiken für eine Gesellschaft aussieht. Denn nur so können wir unsere begrenzten Ressourcen an Zeit und Geld auf die Bereiche lenken, die im besonderen Maße unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen. Wenn wir marginale Risiken mit großem Aufwand an Zeit und Geld bekämpfen und die großen Risiken, die für uns alle eine besondere Bedrohung darstellen, aus den Augen verlieren, dann handeln wir verantwortungslos, sofern wir über diese relativen Bedrohungen Bescheid wissen. Und wir handeln fahrlässig, wenn wir das nicht wissen, aber hätten wissen können[4].
Und damit sind wir beim zentralen Anliegen dieses Buches. Es geht mir keinesfalls darum, den Lesern und Leserinnen plastisch vor Augen zu führen, wie irrational oder unwissend sie sind, wenn sie sich mit Risiken beschäftigen oder sich vor echten oder vermeintlichen Bedrohungen schützen wollen. Es ist vielmehr meine Absicht, der Gesellschaft aus Sicht eines Risikoforschers, der sich seit drei Jahrzehnten mit diesen Fragen intensiv auseinandergesetzt hat, einen Spiegel zur Selbstreflexion vorzuhalten: Ich möchte darstellen und erklären, warum wir uns alle vor Gefahren und Risiken fürchten, die nach bester wissenschaftlicher Erkenntnis wenig Schaden anrichten, und warum wir unsere Augen vor den Risiken verschließen bzw. sie in unserem Verhalten weitgehend ignorieren, die uns erheblich bedrohen[5].
Dieser Frage gehe ich in vier Abschnitten des Buches nach. In Teil I werde ich versuchen, die Risiken und Bedrohungen aufzuzeigen, die uns wesentlich dramatischer erscheinen als sie sind. Das Mittel dazu ist die Statistik. Statistische Aussagen sind oft in Verruf geraten: Man könne mit angeblich objektiven statistischen Zahlen die Menschen an der Nase herumführen und manipulieren. Das stimmt auch. Ich werde aber aufzeigen, warum die Statistik hier wichtig und im Rahmen des Möglichen auch objektiv ist.[6] In Teil II geht es dann um die Frage des Warums. Hier werde ich überwiegend Studien aus der Wahrnehmungspsychologie und der Urteilsbildung heranziehen, aber auch Ergebnisse der Modernisierungs- und Medienforschung einbeziehen. Mir geht es im zweiten Kapitel vor allem darum, dass sich jeder Leser und jede Leserin in dem beschriebenen Meinungs- und Urteilsbildungsprozess subjektiv wiedererkennen und die Mechanismen begreifen kann, die für eine fehlgeleitete oder verzerrte Wahrnehmung verantwortlich sind.
In den beiden ersten Teilen orientiere ich mich an dem Leitbild des »risikomündigen« Bürgers, ein sperriger, aber treffender Begriff, der von der Ad-hoc-Kommission der Bundesregierung »Neuordnung der Verfahren und Strukturen zur Risikobewertung und Standardsetzung im gesundheitlichen Umweltschutz der Bundesrepublik Deutschland« geprägt wurde.[7] Mit dem Begriff der Risikomündigkeit ist gemeint, dass jeder Bürger und jede Bürgerin auf der Basis der eigenen Werte und Präferenzen Risiken beurteilen soll und kann. Um diese Urteile aber auf eine faktisch solide Basis zu stellen und Enttäuschungen aufgrund falscher Erwartungen zu vermeiden, ist es erforderlich, dass jede Person die faktischen Voraussetzungen und Folgen des eigenen Urteils weiß, bevor sie sich festlegt. Das kann man am Beispiel von Ernährungsgewohnheiten, wie etwa dem Essen von fetthaltigen Kartoffelchips, gut erläutern. Ob jemand Abend für Abend Kartoffelchips isst oder nicht, ist eine Frage persönlicher Risiko- und Nutzenabwägung. Nur sollte sich diese Person auch der gesundheitlichen Risiken für sich bewusst sein und keiner Illusion nachgehen (etwa, dass Kartoffelchips besonders gut für die eigene Figur seien). Wenn jemand unter Einbezug des bestverfügbaren Wissens über die gesundheitlichen Folgen kalorienreichen und fetten Essens Kartoffelchips in großen Mengen zu sich nimmt, hat er in einer freiheitlichen Gesellschaft das Recht, dies auch zu tun. Der Staat hätte allenfalls die Verpflichtung einzugreifen, wenn durch Sucht eine individuelle Entscheidung nicht mehr möglich wäre. Bei Kartoffelchips ist anders als etwa beim Alkoholismus eine im medizinischen Sinne verstandene Suchterkrankung nicht gegeben.
Risikomündigkeit bedeutet also, dass jeder Bürger und jede Bürgerin Risiken selber beurteilen kann und soll. Das darf kein paternalistischer, d.h. die Menschen gängelnder Staat oder eine andere wohlmeinende Instanz vorschreiben. Mit diesem Bekenntnis zur Risikomündigkeit ist aber auch die Verpflichtung für die Expertinnen und Experten verbunden, über die Höhe und Folgen der Risiken entsprechend aufzuklären und vor allem den Menschen nachvollziehbar zu machen, welche Mechanismen und Faktoren dafür verantwortlich sind, dass wir alle (die meisten Experten sind da mit einbezogen) bestimmte Risiken überbewerten und andere verharmlosen oder vernachlässigen. Diese Wissensbasis zu erstellen und zu stärken, dafür sind die ersten beiden Teile des Buches gedacht.
Teil III des Buches widmet sich den Gefahren, die aus meiner Sicht gesellschaftlich unterbewertet sind, also nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie eigentlich wegen ihres Bedrohungspotentials verdienen. Darunter fallen vor allem Risiken, die uns nicht auf einen Schlag bedrohen, sondern eher schleichend sind, und die vor allem die Lebensbedingungen für uns und unsere Nachwelt sukzessive verschlechtern. Ich habe sie als »systemische Risiken« gekennzeichnet. Evolutiv sind wir mental darauf vorbereitet, schnell und effektiv bei Katastrophen zu reagieren. Weniger gut sind wir darin, langsam eskalierende Gefahren zu erkennen und ihnen rechtzeitig, bevor es zur Katastrophe kommen könnte, zu begegnen. Um welche Gefahren es sich hierbei handelt, darüber gibt Teil III Auskunft.
Der vierte und letzte Teil widmet sich dann der Frage, wie wir in Zukunft besser auf die großen und zentralen Gefahren und Bedrohungen eingehen können und wie wir in unserem eigenen Verhalten, aber auch kollektiv, also in unserer Rolle als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, mehr Risikomündigkeit ausüben können. Das Hauptstichwort hier ist »nachhaltige Entwicklung«. Dieser Terminus ist inzwischen in aller Munde, und manche können ihn wegen seiner Beliebigkeit in der Auslegung nicht mehr hören. Ich werde aber versuchen, diesen Begriff in Relation zu Risiko und Risikomündigkeit mit einer veränderten Perspektive zu belegen. Es kommt mir darauf an zu vermitteln, wie uns der Begriff der nachhaltigen Entwicklung eine Orientierung geben kann, verantwortungsvoller mit Risiken umzugehen.
Jeder der vier Teile endet mit einem Fazit, in dem alle Argumente noch einmal kurz zusammengefasst, die wichtigsten Schlussfolgerungen erläutert sowie Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Jedes Fazit ist so geschrieben, dass es für sich alleine gelesen werden kann, weil es die wesentlichen Punkte der Argumentationskette und die zentralen Botschaften des jeweiligen Teils wiedergibt. Der eilige Leser oder die eilige Leserin kann sich also, wenn es ihr oder ihm auf die Details und die genaue Ableitung der gewonnenen Erkenntnisse nicht ankommt, mit dem Fazit eines jeden Teils begnügen.
Ich beziehe mich in meinen Analysen und Schlussfolgerungen überwiegend auf die Lebenssituation in der Bundesrepublik Deutschland. Wenn ich in Nigeria oder China wohnen und die dortigen Lebensverhältnisse beschreiben sollte, würde dieses Buch anders ausfallen. Natürlich kommt auch die globale Situation zur Sprache; ich hielte es für unzulässig, nicht auch auf den Export von Risiken aus Deutschland in andere Länder einzugehen. Es wäre ja durchaus möglich, dass wir unsere hohe Lebenserwartung und unseren hohen Sicherheitsstandard durch die Erhöhung von Risiken in anderen Regionen der Welt »erkaufen«. In der Sprache der Nachhaltigkeit heißt das: Wir können nur auf Kosten der Nicht-Nachhaltigkeit unserer Handelspartner selber nachhaltig wirtschaften und leben. Dass dies nur begrenzt zutrifft, werde ich später zeigen. Diese globale Perspektive ist aber wichtig, um die Bedrohungen für Deutschland und die anderen Länder besser begreifen zu können.
Das Grundanliegen dieses Buches ist also Aufklärung, nicht Belehrung oder Überredung. Ich will mit meinen Darstellungen und Argumenten überzeugen, zum Nachdenken und zur Selbsterkenntnis anregen und Diskussionen auslösen. Das Buch ist nicht für meine Fachkollegen und -kolleginnen geschrieben, sondern für alle, die sich für dieses Thema interessieren und sich risikomündig verhalten wollen. Diese Zielsetzung setzt voraus, dass ich manche wissenschaftlichen Erkenntnisse vereinfache und Komplexität so weit wie möglich reduziere. Dennoch habe ich mich darum bemüht, den Stand des Wissens so wahrheitsgetreu und zutreffend wie möglich wiederzugeben und selbstredend dort, wo ich Studien anderer heranziehe, diese ordnungsgemäß und vollständig zu zitieren.[8] Um aber dennoch die notwendige Tiefe und Differenzierung zu gewährleisten, habe ich einen ausführlichen Anhang mit Anmerkungen verfasst, in dem nicht nur weiterführende Literatur zu den in dem Buch angesprochenen Disziplinen (wie Toxikologie, Epidemiologie, Ökologie, Psychologie, Soziologie, Ökonomie, Politikwissenschaft und andere mehr) aufgeführt ist, sondern auch Vertiefungen zu einzelnen Fachthemen angeschnitten werden. Damit dieses Buch nicht zu umfangreich wird, hat sich der Fischer Taschenbuch Verlag entschlossen, diesen Anhang komplett ins Internet zu verlegen. Sie können ihn dort unter http://www.fischerverlage.de/buch/9783596198115 aufrufen, in Ruhe lesen oder auch ausdrucken. Auch manch einen Exkurs, der in diesem Buch nicht mehr Platz gefunden hat, habe ich im elektronisch gespeicherten Anhang untergebracht. So kann jede Leserin und jeder Leser selbst entscheiden, wie intensiv sie oder er sich in jedes der angeschnittenen Themen einlesen will.
Noch eine letzte Vorbemerkung: Bei diesem Thema kann es keine »wertfreie« Wissenschaft geben, denn schon das Konzept Risiko impliziert, dass Menschen Handlungsmöglichkeiten zur Gestaltung der Zukunft haben. Man kann Risiken im Voraus vermeiden oder begrenzen. Wie sehr man diese Möglichkeiten nutzt und wo man Prioritäten setzt, ist eine Wertentscheidung, die nicht von der Wissenschaft getroffen werden kann. Trotz dieses wertenden Charakters, die diesem Thema innewohnt, habe ich mich um Ausgewogenheit und Objektivität bemüht und dort, wo Werturteile einfließen, diese auch explizit kenntlich gemacht. Ob mir dies alles gelungen ist, können die professionellen Kritiker und die Leser besser beurteilen als ich.
Stuttgart, August 2013
Ortwin Renn
[1]
Repräsentative Umfrage von TNS Infratest unter 1000 Bundesbürgern für die ZEIT. Umfragedatum: 19. bis 20.2.2013. Aus: Serie: Vorsicht, gute Nachrichten. In: DIE ZEIT, Nr. 13 (21. März 2013), S. 37.
[2]
Repräsentative Umfrage von IfD Allensbach unter 1617 Personen, repräsentativ für die deutsche Wohnbevölkerung ab 16 Jahre, durchgeführt vom 4.6.2012 bis 15.6.2012. Aus: Statista: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/240027/umfrage/befuerchtungen-gesellschaftlicher-bedrohungen-in-der-zukunft/, zugegriffen am 03. April 2013.
[3]
Quelle: DESTATIS-Pressemitteilung Nr. 401 vom 04.11.2010. http://www.govalue.de/de/sprengnetter_news/Lebenserwartung-in-Deutschland-auf-Hoechststand/443/, zugegriffen am 03. April 2013.
[4]
Siehe ähnlicher Ansatz in dem Buch: Ropeik, D. und Gray, G. (2002): Risk! A Practical Guide What’s Really Safe and What’s Really Dangerous in the World Around You. Houghton Mifflin: Boston, S. 19f.
[5]
In diesem Anliegen fühle ich mich durch einige andere Autorinnen und Autoren zum Thema Risiko und Risikokompetenz bestärkt. Siehe vor allem: Gigerenzer, G. (2013): Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. Bertelsmann: München. Evans, D. (2013): RQ Risikointelligenz. Wie wir richtige Entscheidungen treffen. Droemer: München. Sowie: Witzer, B. (2011): Risikointelligenz. Econ: Berlin.
[6]
Wissenschaftlich korrekter wäre zu sagen »intersubjektiv überprüfbar«
[7]
Ad-hoc Kommission »Neuordnung der Verfahren und Strukturen zur Risikobewertung und Standardsetzung im gesundheitlichen Umweltschutz der Bundesrepublik Deutschland« (2003): Abschlussbericht der Risikokommission (Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und soziale Sicherung und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit). Bundesamt für Strahlenschutz. Salzgitter.
[8]
Auf Eigenzitate habe ich dagegen weitestgehend verzichtet. Manches was ich in dem Buch schreibe, ist daher an anderen Stellen schon mal vor mir in ähnlicher Weise veröffentlicht worden.
Vom Hubschrauber aus gesehen sieht es aus wie nach einem Inferno: Überall brennen Scheiterhaufen, auf denen sauber aufeinandergereiht Rinder- oder Schafskadaver unter hoher Hitze auf offenem Feld verbrannt werden. Dunkler Rauch steigt zum Himmel empor. Tierschützer laufen Sturm, Veterinärmediziner wiegeln ab. Wer das Risiko von Seuchen in den Griff bekommen will, darf nicht zimperlich sein, so die offizielle britische Tonart. Erst die Vernichtung schaffe Sicherheit. Gleichzeitig laufen im Sender BBC erschreckende Bilder eines Todeskampfes: Die 15-jährige Marilyn leidet an der neuartigen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (vCJK). Sie ist bis zum Skelett abgemagert und wartet auf den unausweichlich bevorstehenden Tod. Auf der einen Seite kollektive Entrüstung über ein landwirtschaftliches System, das Tiermehl an vegetarische Kühe verfüttert und die dabei auftretenden Risiken offenkundig unterschätzt hat, auf der anderen Seite die Statistiker, die alles in Relation setzen: In den letzten 25 Jahren sind ungefähr so viele Menschen an der neuartigen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung in Europa gestorben wie am unachtsamen Trinken von parfümiertem Lampenöl.[1] In Deutschland starben seit 1990 fünf Menschen an einer Vergiftung durch Lampenöl, meist Kinder, die die bunten duftenden Flüssigkeiten für Saft hielten – und kein Einziger an vCJK.[2]
Während beim BSE-Skandal Minister ihren Hut nehmen mussten, die wirtschaftlichen Verluste in die Milliarden Euro gingen, die Verbraucher völlig verunsichert reagierten und das Vertrauen in die politische Risikoregulierung dramatisch sank, konnte die für den zweiten Fall damals zuständige Behörde, das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV)[3], erst nach mehrjährigen Anstrengungen bei der EU einen Warnhinweis und später ein Verbot für den Verkauf von parfümiertem Lampenöl durchsetzen. Inzwischen ist in Europa und auch in Deutschland der Verkauf von parfümiertem Lampenöl an Endverbraucher verboten. Nicht parfümiertes Lampenöl wird aber weiterhin angeboten, es enthält nicht einmal einen Warnhinweis.
Sucharit Bhakdi, Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene an der Universität Mainz, konstatiert in der Zeitschrift Bild der Wissenschaft:
»Um ein vCJK-Opfer zu vermeiden, gebe man in Deutschland mindestens eine Milliarde Euro aus – so viel kosten die Desinfektions- und Sterilisationsmaßnahmen bei Operationen, BSE-Tests von Rindern und die Einhaltung strikter Vorschriften in Landwirtschaft, Pharmaindustrie und bei Blutspenden. Andererseits fehle es an Geld für Laboruntersuchungen, mit denen die Erreger etwa von Lungen- und Hirnhautentzündungen bei Krankenhauspatienten identifiziert werden können. Hier ließen sich durch den Einsatz relativ geringer Finanzmittel weitaus mehr Menschen retten als mit den Maßnahmen zur Bekämpfung von BSE.«[4]
Ob BSE, Maul- und Klauenseuche, Klimawandel oder Bioterrorismus – die Öffentlichkeit wird einem Wechselbad von Dramatisierungen und Verharmlosungen ausgesetzt. Die Folge dieses heillosen Durcheinanders ist schlichtweg Verunsicherung. Nach Fukushima, BSE und Noroviren in Erdbeeren suchen die meisten Menschen nach Orientierung im Wirrwarr widersprechender Einschätzungen, sensationslüsterner Berichterstattung und hilfloser Reaktionen aus Wirtschaft und Politik: Wie hoch sind die Risiken der modernen Welt wirklich? Was steht auf der Haben- und was auf der Sollseite?
[1]
Vgl. Wiedemann, P.; Karger, C.A. und Clausberg, M. (2002): Risikofrüherkennung im Bereich Umwelt und Gesundheit. Umweltbundesamt: F+E Vorhaben 200 61218/09. Forschungszentrum Jülich, S. 14 und S. 30.
[2]
http://www.focus.de/wissen/mensch/risikobewertung-was-uns-angstmacht_aid_564696.html, zugegriffen am 09. April 2013; vgl. zur Toxikologie: Mühlendahl K. (2002): Lampenöl (Duftpetroleum). Vergiftungen im Kindesalter. Stuttgart: Thieme Verlag, S. 256–258.
[3]
Nach dem BSE Fall wurde die Behörden umstrukturiert; heute heißt die zuständige Behörde: Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).
[4]
http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=32410305, zugegriffen am 29. März 2013.
Wenn wir uns der Frage nach der Höhe von Risiken und dem Bedrohungspotential von gefährlichen Stoffen oder Handlungen zuwenden, ist zunächst einmal die Statistik im Sinne des Zählens von Ereignissen oder Handlungsfolgen gefragt. Auf den ersten Blick erscheint es ein einfaches und wenig verfängliches Unterfangen zu sein, Todes- oder Krankheitsfälle zu zählen und dann zu vergleichen. Aber so, wie es auf den ersten Blick erscheint, ist es nicht.[1]
Zunächst einmal ist das Zählen selbst mit Fehlern oder Dunkelziffern versehen. So vermuten viele Toxikologen, dass die Zahl der durch das Trinken von Lampenöl erkrankten Kinder und Erwachsenen wesentlich höher ausfällt, als es in der Statistik ausgewiesen ist. Viele Ärzte haben zum Beispiel die Ursache der Erkrankung nicht richtig diagnostiziert, manche Eltern schämen sich, dass sie das Lampenöl offen haben stehen lassen, und erzählen dem Arzt eine erfundene Geschichte, oder sie halten andere Ursachen (etwa BSE) für den eigentlichen Auslöser und überzeugen den Arzt davon, dass er dies auch so weiterleitet. Für viele Erkrankungen gibt es gar keine Meldepflicht, so dass die Statistiker hier auf Stichproben oder Expertenschätzungen angewiesen sind. Das Zählen selbst ist also nicht das Problem, sondern die Fälle vollständig, wahrheitsgetreu und exakt zu erfassen.[2]
Das zweite Problem ist semantischer Art. Wer kennt nicht den Unterschied zwischen einem halb leeren und einem halb vollen Glas? Beides ist faktisch das Gleiche, aber das eine suggeriert »wenig« und das andere »viel«. Je nach eigener Couleur kann man sich diesen Effekt zunutze machen: So kann der eine durchaus mit Recht behaupten: Jede zweite Ehe in Deutschland zerbricht (und suggeriert dabei vielleicht, dass die Institution Ehe wohl ausgedient hat). Ein zweiter kann mit dem gleichen Recht behaupten: Jede zweite Ehegemeinschaft in Deutschland hält lebenslang (das unterstreicht die Beständigkeit dieser Institution). Erst im Zeitvergleich wird deutlich, wie diese Zahlen zu interpretieren sind. In den fünfziger Jahren wurde eine von acht Ehen geschieden; heute ist es eine von zweien.[3] Damit wird deutlich, dass der Trend heute in Richtung zeitgebundene Partnerschaft läuft.
Semantische Effekte sind aber noch viel subtiler als hier mit diesem Beispiel angedeutet. Psychologen konnten nachweisen, dass schon die Wendung »4 von 10 Menschen gerettet« versus der Wendung »6 von 10 Menschen konnten nicht gerettet werden« erhebliche Unterschiede in der Beurteilung dieses Falles bei den meisten Menschen auslöst.[4] Diese sogenannten Framing-Effekte haben einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung und Bewertung von Risiken.[5] So klingt etwa die Angabe, das Risiko einer Magenblutung habe sich um 100% durch die Einnahme eines bestimmten Arzneimittels, sagen wir einer Aspirin-Kapsel, erhöht, als extrem problematisch und furchteinflößend. Es suggeriert: Dieses Arzneimittel sollte schnellstmöglich vom Markt entfernt werden. Wenn ich aber sage: Von 10000 Patienten, die diese Kapsel eingenommen haben, treten jetzt bei zwei Personen Magenblutungen auf, dann wird jeder schlussfolgern, dass dieses Risiko minimal sei. Noch deutlicher wird dies, wenn ich das Verhältnis umdrehe und sage: Vor der Tabletteneinnahme haben 9999 von 10000 keinerlei Beschwerden mit Magenbluten gehabt, nach der Einnahme waren es 9998 von 10000 Menschen. Wie leicht zu erkennen ist, sind die Aussagen faktisch alle identisch. Aber je nachdem, wie ich sie in Worte fasse, erwecke ich einen anderen Eindruck.[6] Um diesem Framing-Effekt entgegenzuwirken, werde ich in den folgenden Kapiteln selten mit Prozentzahlen operieren und wenn, dann nur mit gleichzeitiger Angabe der Absolutzahlen. Im Übrigen werde ich auf mögliche Framing-Effekte hinweisen, wenn ich den Eindruck habe, dass hier eine Fehldeutung oder eine Einflussnahme in eine bestimmte Richtung naheliegt.
Verwandt mit den Framing-Effekten ist die Angabe des Referenzrahmens. In der Statistik werden üblicherweise die gezählten Werte in Beziehung zu einem anderen Wert gesetzt: etwa Todesfälle pro Jahr, Todesfälle pro 10000 betroffene Menschen, Todesfälle pro 10000 Einwohner, Todesfälle pro gefahrene Kilometer und so weiter. Durch die geschickte Wahl der Bezugsgröße oder des Referenzfalles kann ich ebenfalls Schlussfolgerungen suggerieren und Menschen in ihrem Urteil einseitig beeinflussen. Ein plastisches Beispiel dafür stammt von den amerikanischen Risikoforschern Evans, Frick und Schwing.[7] Sie verglichen den Personentransport mit Hilfe von Flugzeugen oder Personenkraftwagen. Jeder weiß, dass die Risiken des Straßenverkehrs größer sind als die des Flugverkehrs. Dies ist auch völlig korrekt, wenn wir den Schaden auf die zurückgelegten Kilometer beziehen. Wenn wir den Schaden jedoch auf die Zeit beziehen, die wir in dem einen oder anderen Verkehrsmittel verbracht haben, dann ist das Fliegen (zumindest als der Artikel 1989 geschrieben wurde) risikoreicher. Je nach Wahl der Bezugsgröße kommen wir also zu einem anderen Ergebnis. Welche Bezugsgröße ist nun die richtige? Das kommt auf den Kontext an. Im Normalfall geht es beim Transport um die Beförderung einer Person von A nach B, d.h. der Zweck der Reise ist es, eine bestimmte Distanz zu überwinden. Folglich ist hier nur der Bezugsmaßstab »Unfallhäufigkeit pro Kilometer« sinnvoll. Wenn aber z.B. jemand die Wahl zwischen einem Beruf als Pilot oder Fernfahrer oder – um ein realistischeres Beispiel zu bemühen – als Versicherungsagent die Wahl zwischen einem ortsnahen oder ortsfernen Bezirk hat, wobei in beiden Fällen die gleiche Transportzeit im Pkw oder Flugzeug anfällt, dann ist beim Vergleich der jeweiligen Handlungsoptionen die Bezugsgröße »Unfälle pro Zeiteinheit« angemessener. Es kommt also auf den Zusammenhang (hier der Vergleich zwischen Verkehrsmittelwahl pro Zeiteinheit oder pro geleisteten Kilometer) an, wie man den Ermessensspielraum füllt. Die Entscheidung der Bezugsgröße in unserem Beispiel lässt sich unabhängig davon treffen, ob man lieber fliegt oder Auto fährt.
Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman gibt in seinem Bestseller »Thinking, Fast and Slow« ein weiteres Beispiel für die Bedeutung der richtigen Referenzwahl.[8] In den USA ist es üblich, die Effizienz des Benzinverbrauchs in »Meilen per Gallone« zu messen. In Deutschland wird dagegen die Effizienz mit dem umgekehrten Maß, nämlich Gallone bzw. Liter pro Kilometer oder 100 Kilometer angegeben. Hat das eine Bedeutung? Und ob! Kahneman erläutert dies am folgenden (fiktiven) Fall:
»Adam wechselt von einem Benzinfresser mit einem Durchschnitt von 12 Meilen per Gallone zu einem etwas weniger durstigen Fahrzeug mit einem Durchschnitt von 14 Meilen per Gallone. Beth wechselt von einem schon relativ ökologisch getrimmten Fahrzeug von 30 Meilen per Gallone zu einem noch sparsameren Modell von 40 Meilen pro Gallone.
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Beth den größeren Beitrag zum Spritsparen leisten würde. Wenn man aber genau nachrechnet, sieht es anders aus: Wenn beide 10000 Meilen gefahren sind, hat Adam seinen Verbrauch von 833 Gallonen auf 714 reduziert, d.h. er hat 119 Gallonen eingespart. Bei Beth hat sich der Verbrauch von 333 Gallonen auf 250 reduziert, d.h. sie hat 83 Gallonen gespart. Also ist Adam der Sieger beim Wettkampf um die höchste Effizienz beim Energieverbrauch. Dieser Rückschluss ist natürlich widersinnig und würde gerade diejenigen begünstigen, die von einem sehr hohen Niveau nur marginal nach unten abweichen. Wenn man hier das andere Maß verwendet (Verbrauch an Liter oder Gallonen pro 100 km), dreht sich der Spieß um und Beth gewinnt den Effizienztest gegenüber Adam. Somit ist nur die Referenzgröße ›Verbrauch pro gefahrene Distanz‹ ein sinnvolles Maß für die Effizienz beim Benzinverbrauch, aber nicht das Maß ›gefahrene Distanz pro Einheit Verbrauch‹.«
Im Teil 2 werden wir auf diesen Effekt und auf viele andere Faktoren der Urteilsbildung zurückkommen. Für die Diskussion um statistische Effekte ist es hier nur wichtig zu behalten, dass die Referenzgröße problemgerecht ausgewählt wird. Darauf habe ich dann auch besonders bei den späteren Risikovergleichen in Teil 1 und 3 geachtet.
Ein drittes und besonders schwieriges Problem bei der Statistik betrifft die Frage von kausalen Verbindungen zwischen Auslöser und Wirkung. Meistens will man ja nicht nur wissen, wie viele Menschen einen Schaden erlitten haben oder wie viele Schadensfälle pro Bezugseinheit gemessen wurden, sondern auch, woher diese Schäden kommen. Sicher ist es wichtig, zu erfahren, wie viele Menschen in Deutschland an Krebserkrankungen sterben, und diese Zahl in Relation zu setzen zu früheren Zeiten oder zu Krebserkrankungen insgesamt. Wenn ich aber auf das Risiko, an Krebs zu erkranken, Einfluss nehmen will, muss ich wissen, was oder wer diesen Krebs ausgelöst hat. Dem Krebs sieht man das leider nicht an, so dass wir hier auf zum Teil sehr komplexe Verfahren der Risikoabschätzung auf der Basis der sogenannten inferentiellen Statistik und entsprechender Daten aus Toxikologie und Epidemiologie angewiesen sind.[9] Die Frage lautet zum Beispiel: Wie viele der Krebserkrankungen sind auf Rauchen, auf Alkohol, auf Umweltverschmutzung oder auf falsche Ernährung zurückzuführen? Und: Wie hängt die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, von der Dosis des Auslösers (Zahl der Zigaretten, Menge an Alkohol, Konzentration von Luftschadstoffen) ab?
Bei der Beurteilung von Ursachen für mögliche oder eingetretene Schäden spielen drei Komponenten eine entscheidende Rolle: die Komplexität der Sachverhalte, die Unsicherheit über das Eintreten vermuteter Folgen und die Ambiguität bei der Bewertung dieser Folgen durch einen selbst und die anderen.[10]
Diese drei Komponenten üben einen direkten Einfluss darauf aus, wie zuverlässig wir Risiken abschätzen und bewerten können. Zunächst zur Komplexität: Komplexität ist etwas anderes als Kompliziertheit. »Komplex« bedeutet, dass zwischen Ursache und Wirkung viele andere Einflussfaktoren, sogenannte intervenierende Variable, wirksam sind, die diese Beziehung entweder verstärken oder abschwächen, so dass wir aus der beobachteten Wirkung nicht ohne weiteres rückschließen können, welche Ursache(n) dafür verantwortlich ist (sind). Im Gegensatz zur Kompliziertheit sind auch die Ursachen durch eine Vielzahl von Rückkopplungsschleifen miteinander verknüpft. Komplexe Verhältnisse sind bei Gesundheits- und Lebensrisiken in besonderem Maße gegeben. Einem Darmkrebs sehen wir nicht an, woher er kommt. Wir sind auf Modellrechnungen angewiesen, die nur hypothetische Gültigkeit beanspruchen können. Vielfach sind diese Modelle auch unter Fachleuten umstritten. Dass Risiken unter Fachleuten kontrovers diskutiert und eingeschätzt werden, bereitet Probleme bei der Auswahl und der Interpretation der statistischen Daten. Und dieses Problem wird uns auch in den folgenden Teilen immer wieder begegnen. Eindeutige Sachverhalte zu kommunizieren ist nicht besonders schwierig, bei umstrittenen oder wenig klaren Kausalverhältnissen ist dagegen jede Kommunikation ein Spiel mit dem Feuer der Spekulation.
Das zweite wesentliche Element jeder wissenschaftlichen Risikoabschätzung betrifft den Grad der Unsicherheit. Alle unsere Untersuchungen zu Risikoursachen und -folgen beruhen darauf, dass es nur selten deterministische, d.h. festgelegte Ursache-Wirkungsketten in der Natur der Gesundheitsgefährdungen gibt. Gleiche oder ähnliche Expositionen (wörtlich bedeutet Exposition: einer Gefahr ausgesetzt zu sein) können bei unterschiedlichen Individuen zu einer Vielzahl von höchst unterschiedlichen Reaktionen führen. Das kennt jeder aus der eigenen Lebenserfahrung beim Trinken von Alkohol: Die einen fangen schon nach dem ersten Glas Bier an, die Welt anders zu sehen und sich unsicher zu bewegen; andere dagegen sind auch noch nach dem 5. Glas recht standfest, und man merkt ihnen kaum etwas an.[11] Ein anderes Beispiel ist die therapeutische Bestrahlung von Krebszellen, etwa bei Patientinnen mit Brustkrebs. Obwohl die Dosis in den meisten Fällen identisch ist, reagieren die betroffenen Patientinnen sehr unterschiedlich. Einige merken fast gar nichts, während andere große Beschwerden haben. Die Variationsbreite der Wirkungen bei unterschiedlichen Individuen ist aber nur eine Seite der Unsicherheitsproblematik; auf der anderen Seite wissen wir, dass auf der molekularen Ebene Zufallsstreuungen einen großen Einfluss ausüben und es nur Wahrscheinlichkeitsangaben darüber gibt, ob ein bestimmter Auslöser auch die negativen Auswirkungen verursacht, die man experimentell (meist mit wesentlich höheren Dosen) nachgewiesen hat.[12] Wir sind also in vielen Bereichen der Gesundheitsrisiken auf die Erfassung sogenannter stochastischer Beziehungen, d.h. zufälligen Schwankungen angewiesen. Nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit können wir Schäden prognostizieren. Dies ist vor allem in der Entstehungsgeschichte von Krebserkrankungen der Fall: Schon ein einziges Molekül kann theoretisch einen Krebs auslösen, muss es aber nicht. Bezogen auf die Vermittlung von Risikoabschätzungen stellt uns die Stochastik vor große Herausforderungen: Jeder kennt zumindest einen oder eine Übergewichtige, die über 90 Jahre zählt und sich bester Gesundheit erfreut. Oder man verweist auf den 90-jährigen Großvater, der bis ans Lebensende seine Zigaretten geraucht hat. Damit hat man natürlich eine wunderbare Entschuldigung, warum man selber raucht oder übergewichtig ist. Wahrscheinlichkeiten zu vermitteln ist schwierig, aber ich hoffe, ich kann den mit dieser Materie wenig vertrauten Lesern und Leserinnen im Folgenden dazu einige Hilfestellungen anbieten.
Es kommt die dritte Komponente hinzu, der Bereich der Ambiguität. Damit ist gemeint, dass ein und dasselbe Verhalten oder ein und dieselbe Aussage von verschiedenen Gruppen völlig unterschiedlich bewertet wird. Ambiguität unterscheidet sich deutlich von Unsicherheit, auch wenn beide Begriffe immer wieder durcheinandergeworfen werden. Nehmen Sie als Beispiel gentechnisch veränderte Lebensmittel.[13] Es gibt wenige Experten, die behaupten, man würde durch den Genuss dieser Lebensmittel ernsthaft krank. Es besteht auch wenig Unsicherheit über die Gesundheitsfolgen der Ernährung mit gentechnisch modifizierten Pflanzen. Es herrscht aber ein erbitterter Streit darüber, ob gentechnisch veränderte Lebensmittel notwendig seien, ob sie ein soziales Bedürfnis decken, ob sie die Hybris des Menschen, alles nach eigenem Gutdünken zu gestalten, anstacheln würden, ob Genfood ins eigene Lebensbild bzw. ins eigene Weltbild passe, kurzum, ob man solche Lebensmittel aus grundsätzlichen lebensweltlichen oder ethischen Gründen ablehnen müsse. Über diese Fragen streiten sich in der Tat die Geister, und zwar sehr stark. Über Ambiguitäten zu schreiben und diese zu kommentieren, stellt eine besondere Herausforderung dar, weil jede Seite in einem solchen Streit die Wahrheit wie selbstverständlich auf der eigenen Seite »gepachtet« sieht und jede ausgewogene Berichterstattung, wenn diese denn möglich ist, mit größtem Misstrauen betrachtet. In Ambiguitätskonflikten gibt es in der Regel nur die polare Unterscheidung in wir und die anderen. Und die anderen sind selbstverständlich unsere Feinde.
Diese Vorbemerkungen sind notwendig, um auf die besonderen Probleme und Missverständnisse bei der Übermittlung von statistischen Daten und wissenschaftlichen Risikoanalysen hinzuweisen. Die Wissenschaft gibt uns erstens nur selten eindeutige Ergebnisse in der Zuordnung zwischen dem Auslöser eines Risikos und den Folgen. Zweitens müssen wir mit der Unsicherheit rechnen, dass die vermuteten Wirkungen streuen und wir nur Wahrscheinlichkeitsaussagen (und auch die nur mit gewisser Vorsicht) machen können. Drittens gibt es unterschiedliche gesellschaftliche Bewertungen des gleichen Sachverhaltes, sowohl was die einzelnen Risiken anbetrifft als auch deren Wirkung auf Gesundheit und Lebensgefühl.
So sehr ich mich bemühen werde, in den folgenden Kapiteln die Zuverlässigkeit der Daten mit zu kommunizieren, die für die Fragestellung relevante Referenzgröße anzugeben und die Komplexität, Unsicherheit und Ambiguität der kausalen Beziehungen aufzuzeigen, so wird es mir doch nicht möglich sein, dies alles in einem sterilen wertfreien Rahmen ohne jede subjektive Färbung und ohne selektive Auswahl von Fakten und Beziehungen durchzuführen. Es wird auch bei meinen Fachkollegen und -kolleginnen bei einigen Fragen unterschiedliche und kontroverse Bewertungen und Akzentsetzungen geben. Die Grundaussagen, um die es geht, sind bei der überwiegenden Anzahl der Risiko-Experten wenig umstritten, aber das eine oder das andere Detail wird Widerspruch hervorrufen. Und das ist auch so gewollt. Denn wer Risikomündigkeit als Ziel setzt, will Diskussionen anregen und eine kritische Reflexion auf den Weg bringen. Wenn dieses Buch dazu einen Beitrag leistet, hat es seinen Zweck erfüllt.
[1]
Siehe Evans, D. (2013): RQ Risikointelligenz. Wie wir richtige Entscheidungen treffen. Droemer: München, S. 159ff. Sowie: Witzer, B. (2011): Risikointelligenz. Econ: Berlin, S. 173ff.
[2]
Siehe dazu: Ropeik, D. und Gray, G. (2002): Risk! A Practical Guide for Deciding What’s Really Safe and What’s Really Dangerous in the World Around You. Houghton-Mifflin: Boston und New York, S. 11ff.
[3]
http://www.welt.de/politik/deutschland/article111470452/Die-Ehe-hat-nur-noch-eine-Fifty-fifty-Chance.html, zugegriffen am 08. April 2013.
[4]
Rothman, A.J., Salovey, P., Antone, C., Keough, K., und Martin, C. (1993). The Influence of Message Framing on Health Behavior. In: Journal of Experimental Social Psychology, 29, S. 408–433.
[5]
Tversky, A., Kahneman, D. (1981): The Framing of Decisions and the Psychology of Choice. In: Science, 211, S. 453–458.
[6]
Siehe dazu auch die Beispiele bei Gigerenzer, G. (2013): Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. Bertelsmann: München, S. 41ff.
[7]
Evans, L., Frick, M.C. und Schwing, R.C. (1989): Is It Safer to Fly or Drive? General Motors Research Laboratories. GUR-6722. General Motors Company: Warren, USA. Die Umdrehung des Risikos für Flugverkehr versus Automobilverkehr gilt auch, wenn man als Vergleichsgröße Todesfälle pro Reise wählt. Siehe dazu: Proske, D. (2004): Katalog der Risiken. Risiken und ihre Darstellung. Eigenverlag: Dresden, S. 105.
[8]
Kahneman, D. (2011): Thinking, Fast and Slow. Penguin Books: New York, S. 372 (das Beispiel geht auf die beiden Psychologen Richard Larrick und Jack Soll zurück, die Daniel Kahneman hier zitiert).
[9]
Diese Verfahren sind in unserem Buch von Renn, O.; Schweizer, P.-J-; Dreyer, M. und Klinke, A. (2008): Risiko. Über den gesellschaftlichen Umgang mit Unsicherheit. München: Oekom Verlag, auf den Seiten 26–34 beschrieben. Ebenfalls einen kurzen und prägnanten Überblick findet sich in: Ropeik und Gray (2002), a.a.O., S. 9–11. Wer sich noch intensiver mit dieser Materie beschäftigen will, sollte das Buch von: Hauptmanns, U.; Hettrich, M. und Werner, W. (1987): Technische Risiken: Ermittlung und Beurteilung. Springer: Heidelberg zu Rate ziehen.
[10]
Die drei Faktoren sind zentrale Bausteine des sog. Risk Governance Frameworks, das unsere Arbeitsgruppe für den Risk Governance Council in Lausanne (vor 2012 in Genf) ausgearbeitet hat. Siehe dazu IRGC (2005): White Paper on Risk Governance: Towards an Integrative Approach. International Risk Governance Council. Genf. Oder die neuere Fassung dieser drei Komponenten in: Renn, O.; Klinke, A. und van Asselt, M. (2011): Coping with Complexity, Uncertainty and Ambiguity in Risk Governance: A Synthesis. In: AMBIO, 40 (2), S. 231–246.
[11]
Allerdings ist der subjektive Eindruck nicht unbedingt ein Spiegel der objektiven Verhaltensveränderungen. Wie viele Studien zeigen, unterschätzen viele Vieltrinker den Einfluss des Alkoholkonsums auf ihr Reaktionsvermögen. Siehe: Seidl, S.; Reinhardt, G. und Zink, P. (1972): Veränderungen des subjektiven Befindens durch Alkohol. Blutalkohol 9 (2), ohne Seitenangaben (http://trid.trb.org/view.aspx?id=996540; zugegriffen am 26.10.2013)
[12]
Wer sich damit intensiver auseinander setzen will, sei auf folgende allgemeinverständliche Literatur hingewiesen: Dubben, H.-H. und Beck-Bornholdt (2006): Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit. Logisches Denken und Zufall. Dritte Auflage. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg, vor allem S. 54ff. Makridakis, S.; Hogarth, R. und Gaba, A. (2010): Tanz mit dem Glück. Wie wir den Zufall für uns nutzen können. Tolkemitt: Berlin, S. 167ff. Sowie: Evans (2013), a.a.O., S. 179ff.
[13]
Gute Überblicke über Chancen und Risiken der Gentechnik aus naturwissenschaftlicher und ethischer Sicht vermitteln die beiden Bücher: Kempken, F. und Kemken, R. (2012): Gentechnik bei Pflanzen: Chancen und Risiken. 4. Auflage. Springer: Heidelberg. Sowie: Busch, R.J.; Haniel, A.; Knoepfler, N. und Wenzel, G. (2002): Grüne Gentechnik: Ein Bewertungsmodell. Ohne Ortsangabe: Herbert Utz Verlag, hier vor allem Kapitel 4.
Schon in der Einleitung haben wir uns kurz mit der Lebenserwartung der Menschen in Deutschland und der Welt auseinandergesetzt. Mit der Lebenserwartung verbinden wir die Anzahl der Lebensjahre, auf die beispielsweise ein Kind, das heute geboren wird, vertrauen darf, bis es stirbt. Natürlich wird das Kind nicht genau nach, sagen wir mal, 83,4 Jahren sterben. Die Zahl gibt einen Durchschnittswert wieder, der sich ergibt, wenn wir aus einer theoretisch unbegrenzten Zahl von Kindern, die heute geboren werden, die mittlere Lebenserwartung auswählen. Diese Zahl können wir nicht nur für Neugeborene, sondern für jede beliebige Altersangabe machen. Besonders wichtig ist dabei die Streuung: Es kann ja sein, dass der Mittelwert dadurch zustande kommt, dass ungefähr alle dieses Alter erreichen oder aber dass viele Menschen wesentlich früher sterben und viele andere Menschen wesentlich älter werden. Eine hohe Streuung ist dann zu erwarten, wenn der Durchschnittswert relativ weit vom biologischen Lebensalter abweicht.[1] In Deutschland ist das nicht der Fall. Wie Abbildung 2 und 3 für Frauen und Männer eindeutig zeigen, liegt die Lebenserwartung für Neugeborene in Deutschland heute bei Frauen in der Größenordnung von 88,3 Jahren und bei Männern bei 83,1 Jahren. In beiden Fällen liegen wir schon im Korridor der biologisch gegebenen Endphase des menschlichen Lebens (nach heutigem Stand der medizinischen Forschung).
Abb. 2 Durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen in Deutschland bei der Geburt nach Jahrgängen von 1871 bis 2009. Quelle: Statista 2013.[2]
Abb. 3 Durchschnittliche Lebenserwartung von Männern in Deutschland bei der Geburt nach Jahrgängen von 1871 bis 2009. Quelle: Statista 2013.[3]
Der Anstieg der Lebenserwartung in den letzten 150 Jahren ist dramatisch.[4] Bis rund 1850 hat sich an der durchschnittlichen Lebenserwartung der Menschen nur wenig geändert. Dann setzt ein rasanter Prozess der Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung ein. Daran sind vier Faktoren maßgeblich beteiligt: bessere Hygiene, regelmäßige und ausgewogene Ernährung, höheres Bildungsniveau und medizinische Fortschritte in der Behandlung von Krankheiten.[5]
