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Helena ist sechzehn und in ihrem letzten Schuljahr an einer Realschule in einer beschaulichen Kleinstadt, als plötzlich zwei neue geheimnisvolle Mitschüler auftauchen. Außerdem verfolgen sie sonderbare Träume von vermeintlich längst vergangenen Zeiten. Hat es mit dem alten Medaillon zu tun, das sie in den Sommerferien auf einem Flohmarkt gekauft hat oder verliert sie langsam den Verstand? Der erste Band der Taylorchroniken ist der Beginn einer Reihe um die Geschichte der Familien Taylor, de Marron und Vandermeer und ihrer Reise durch die Welten... Das Buch ist für ältere Jugendliche und Erwachsene geeignet.
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Seitenzahl: 722
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Weitere Titel der Autorin:
Henris Diamant (Die Taylor-Chroniken – Band 2) – Sommer 2018 Die Uhr des Falken (Die Taylor-Chroniken – Band 3) – Herbst 2018
Taylor
“Duty is our Legacy“
Pflicht ist unser Vermächtnis
„Für alle, die diese Welt viel zu früh verlassen haben, mögen sie noch viele andere interessante Welten haben!“
Kapitel 1 – Aller (un)guten Dinge sind drei
Kapitel 2 – Das Cargo
Kapitel 3 – Alles nur ein Traum?
Kapitel 4 – Alpha
Kapitel 5 – Beta
Kapitel 6 – Verliebt, verlobt …
Kapitel 7 – Eiszeit
Kapitel 8 – Erstens kommt es anders…
Kapitel 9 – Familienbande
Kapitel 10 – Erste Lektion!
Kapitel 11 – Zusammenbruch!
Kapitel 12 – Aufträge!
Kapitel 13 – Abschied
Kapitel 14 – Eine neue Welt
Kapitel 15 – Auf dem Jahrmarkt
Kapitel 16 – Schatten über Eden
Kapitel 17 – Krankenbesuch
Kapitel 18 – Flucht
Kapitel 19 – Verloren und gefunden!
Kapitel 20 – Besorgungen
Kapitel 21 – Kriegsrat
Kapitel 22 – Noch ein Krankenbesuch
Kapitel 23 – Triumph
Kapitel 24 – Auf der Jagd nach dem Juwel
Kapitel 25 – Spaziergang und Geständnisse
Sie hastete die weiße Marmortreppe des herrschaftlichen Anwesens hinab, so schnell es mit den langen, weiten Röcken möglich war, ignorierte den stechenden Schmerz in ihrer Seite und stürzte auf die wartende Kutsche zu. Kaum hatte sie sich auf den Rücksitz geworfen, als der Kutscher auch schon in voller Fahrt über die gekieste Auffahrt auf das Tor zuraste.
„Hast du den Siegelring?“ Die Stimme gehörte zu einem Mann, der in der Kutsche saß und offensichtlich auf sie gewartet hatte. Sein Gesicht lag im Dunkeln.
Ihr „Nein“ klang mehr wie ein Stöhnen und sie hielt sich die schmerzende Seite. Keuchend blickte sie aus dem rückwärtigen Fenster der Kutsche und sah, wie ihr Verfolger den Innenhof erreichte. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, doch sie nahm schemenhaft wahr, dass er den Arm hob - im Licht des Mondes blitzte das Metall eines Pistolenlaufes auf...
***
Das Klingeln des Weckers riss sie aus dem Traum. Ihr Herz klopfte, als wäre sie tatsächlich vor dem schwarzen Mann geflohen. Die Digitalanzeige ihres Weckers zeigte in roten Ziffern 6:30 Uhr. Sie setzte sich im Bett auf. Ihr letztes Schuljahr! Erster Schultag nach den großen Ferien und der begann mit einem Albtraum!
Benommen fasste sie sich an die Stelle an ihrem Bauch, dort wo sie im Traum den Stich gespürt hatte. Sie fühlte sich noch immer etwas empfindlich an. Verwirrt versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen. Vermutlich hatten die Bauchschmerzen den Albtraum ausgelöst. Der erste Schultag nach den Ferien schlug ihr immer etwas auf den Verdauungstrakt.
Sie schüttelte den Kopf, um die letzten Traumbilder zu verscheuchen und ging langsam zu ihrem Computer. Der Bildschirm leuchtete noch immer im Stand-by-Modus. Bis spät in die Nacht hatte sie hier über ihrem digitalen Tagebuch gesessen. Sie schaltete ihn aus und öffnete den Vorhang. Das fahle Licht eines grauen Septembermorgens fiel herein und trug auch nicht dazu bei, ihre Stimmung zu heben.
Im Badezimmerspiegel blickte Helena ein müdes, blasses Gesicht mit dunklen Augenringen entgegen. Es war nicht die erste Nacht, in der sie schlecht geschlafen hatte, aber die erste, in der ihr der Traum so lebhaft in Erinnerung geblieben war. Als sie im Bad fertig war, zog sie sich schnell ihren Lieblingspullover über und schlüpfte in eine ausgewaschene Jeans. Barfuß machte sie sich auf den Weg nach unten.
Ihre Gedanken kehrten wieder zum Traum zurück. Es war einer jener Träume, die man nicht genau einordnen konnte. Weder hatte sie einen historischen Roman gelesen, noch in den letzten Tagen einen entsprechenden Film gesehen, den hier ihr Unterbewusstsein verarbeiten wollte.
Mit der Hand fasste sie sich an das Medaillon, das sie an einer Kette um den Hals trug. Sie hatte es erst vor zwei Wochen auf einem Flohmarkt erstanden. Es war etwas zu groß, aber irgendwie hatte ihr das Muster auf dem Deckel gefallen. Ihre Gedanken kehrten zum Traum zurück, er war wirklich real gewesen. Geistesabwesend rieb sie immer noch die Seite, wo sie den Stich verspürt hatte und steckte das Medaillon unter ihren Pulli.
Die Küche war leer – ihre Eltern waren bereits in die Firma gefahren, wie viele Leute in der Region arbeiteten sie bei Orion-Belt-Systems, einem der größten Arbeitgeber der Stadt. Ihre Mutter war Informatikerin und ihr Vater forschte im Labor der Entwicklungsabteilung, beide waren gut in Mathematik. Wenn sie ihre Mathe-Noten so betrachtete, musste dies wohl eine Generation übersprungen haben.
Ihr Blick fiel auf den Kühlschrank. Dort klebte ein Zettel. Sie löste die Haft-Notiz ab. Ihre Mutter wünschte ihr viel Spaß am ersten Schultag und darunter stand eine Einkaufsliste mit den nötigsten Dingen, die sie doch bitte heute Nachmittag besorgen sollte. Helena holte sich einen größeren Schein aus der Zuckerdose, dort wurde für solche Zwecke immer etwas Geld aufbewahrt, und beschloss gleich nach der Schule noch einkaufen zu gehen. Der Weichspüler war alle und ihr Lieblingspullover kratzte sie am Hals.
Der Weg zur Schule war gleich lang wie immer, jedoch war der Bus heute angenehm leer, sodass sie einen Zweisitzer ganz für sich alleine hatte. Am ersten Schultag brachten viele Eltern ihre Kinder persönlich zur Schule. Das würde sich aber zu ihrem Leidwesen spätestens in ein paar Tagen ändern und dann würden sie wieder eingepfercht sein, wie Sardinen in der Büchse.
Als sie die Schule um Viertel nach sieben erreichte, herrschte dort schon reger Betrieb. Vor dem Eingang standen Schüler aller Altersstufen in verschiedenen Gruppen beisammen. Einige waren ins Gespräch vertieft, andere scherzten und gleich neben dem Eingang stand eine kleine Gruppe Frischlinge, die nervös von einem Fuß auf den anderen hopsten und noch etwas unsicher waren, ob sie das Gebäude, das ihnen in den nächsten sechs Jahren noch so manche Bauchschmerzen bereiten würde, betreten wollten. Rückblickend betrachtet war die Zeit wie im Fluge vergangen und sie wunderte sich, ob sie vor fünf Jahren auch so klein gewesen war, als sie das erste Mal durch die Pforte geschritten war.
„Na, auch schon früher dran?“ Langsam drehte sie sich um. Hinter ihr stand Dimitri, das Klassen-Ass. Helena hatte ihn vorher nicht bemerkt. Das lag daran, dass Dimitri niemand war, der auffiel. Er war zwar clever, aber im Allgemeinen doch zurückhaltend und bescheiden, wenn er nicht gerade in seinen Klugscheißer-Modus verfiel und damit manchmal extrem nerven konnte. Trotzdem mochte sie ihn ganz gern, denn irgendwie gehörte er wegen seiner schmächtigen Gestalt, der Brille und der Zahnspange auch nicht zu den „Superstars“ der Klasse. Genauer betrachtet gehörte er, wie Helena, eher zu der Kategorie der - um es vorsichtig zu formulieren - nicht so angesagten Kids. Sie war in vielen Dingen nicht up-to-date. Über ihr Handy konnte sie sich nicht beschweren, denn ihre Eltern waren Technikfreaks und was technischen Schnickschnack betraf, waren sie immer aktuell. Sobald ein neues Mobiltelefon auf den Markt kam, schlugen sie zu. Ihre Tochter bekam den ausgemusterten Vorgänger, der immer noch technisch allererste Sahne war und kaum ein Jahr auf dem Buckel hatte. Aber in anderen Dingen legten ihre Eltern, wie auch Helena selbst, wenig Wert auf Lifestyle. Das bedeutete, ihre Kleidung hinkte der neuesten Mode hinterher und sie lief meist mit Pferdeschwanz durch die Gegend, weil es die einzige Möglichkeit war, die braunen Locken zu bändigen.
„Hi, Mitri!“, grüßte sie ihn. „Wer zuerst kommt…“
„… der mahlt zuerst?“, fragte Mitri.
„Nein“, Helena grinste, „… der bekommt den besten Platz!“
„Oh ja, möglichst weit weg vom Fashion-Team.“ Mitri nickte verständnisvoll und zeigte dabei seine glitzernden Brackets. „Zu spät! Valentin und seine Crew sind vorhin schon ins Gebäude marschiert.“
Sie seufzte.
„Kopf hoch Lena, heut ist der erste Tag vom…“, begann Mitri, er mochte Sprichwörter.
„Rest unseres Lebens. Ich weiß!“, ergänzte Helena.
„Nein, Rest unserer Schulzeit“, sagte er besserwisserisch. „Egal! Lassen wir uns das nicht vermiesen!“ Mitri hielt ihr die Tür auf.
In der Aula hingen die Klassenlisten aus, es dauerte eine Weile, bis sie in dem Gewimmel die richtige gefunden hatten. Sie kannten das Gebäude mittlerweile gut genug, um den Klassenraum auf Anhieb zu finden. In großen Lettern stand „10 D“ auf dem Türschild. Die Lage war übel – direkt neben den Abstellräumen und die Aussicht auf das Dach der Turnhalle war auch nicht gerade prickelnd.
„Wir sind nicht zum Spaß hier“, sagte Mitri, als er die Lage peilte. „Aber muss es gleich so krass sein!?“ Enttäuschung spiegelte sich auf seinem Gesicht.
Im Klassenzimmer war außer ihnen niemand, aber die Tische waren schon ziemlich gut belegt. Zur Reservierung lagen Rücksäcke, Jacken oder sonstige Utensilien auf den Plätzen. Das Fashion-Team, wie Cindy, Eileen, Maurice und Valentin von ihnen genannt wurden, saß in der letzten Reihe. Zumindest schloss sie das aus den vier nagelneuen Rucksäcken im angesagten Design, die dort hinten auf den Tischen lagen. Nicht von ungefähr hatten die vier den Spitznamen „Fashion-Team“ weg.
Mitri warf seine Tasche, die er bereits seit der fünften Klasse hatte und der man die Jahre auch ansah, in der zweiten Reihe auf den letzten freien Platz neben Victors grüner Jacke mit dem Superhelden-Aufnäher.
Helena wollte nicht unmittelbar vor dem Fashion-Team sitzen, daher blieb wohl nur die erste Reihe. Es machte ihr nicht sonderlich viel aus. Sie ergab sich in ihr Schicksal und legte den blauen Jeans-Rucksack, der mit zahlreichen Buttons ihrer Eltern aus den 8oern verziert war, auf die erste Bank. Auspacken konnte sie später. Zuerst wollte sie noch zum Kiosk, um ausreichend Proviant für die Pause zu holen. Ihr Frühstück zuhause war heute aus Zeitmangel ausgefallen. Sie lief nach draußen und rums, prallte sie direkt in Valentins Energy-Drink.
„Huhuu, wen haben wir denn da?“, grölte Valentin und fing geschickt die silberne Dose auf, nachdem sich der Großteil der braunen Flüssigkeit über die Vorderseite ihres Pullovers ergossen hatte. Maurice stand daneben und grinste blöd.
„Mann Lena, siehst du scheiße aus – haben dir die Ferien nicht gut getan?“ Eileen kaute gelangweilt an dem Bügel ihrer Sonnenbrille, obwohl es heute bewölkt war und schob sie sich dann ins Haar. Cindy kicherte doof.
Der Energy-Drink saugte sich in ihren Lieblingspulli und klebte auf ihrer Haut. Beleidigungen von Eileen waren an der Tagesordnung und Helena daran gewohnt. Normalerweise konterte sie die dummen Sprüche einfach und hatte dann für den Rest des Tages ihre Ruhe, doch heute fehlte ihr dazu einfach die Energie. Helena verspürte immer noch ein leichtes Ziehen in der Seite und ohne die vier weiter zu beachten, machte sie sich auf den Weg zur Toilette, um den Fleck zu entfernen. Warum konnte er nicht einfach Wasser trinken?
Die Wände im Klo waren noch genauso bekritzelt wie vor den Ferien, aber es war so früh am Morgen wohltuend leer, Boden und Waschbecken noch sauber. Zwischen den beiden Spiegeln entdeckte sie mit blauer Farbe einen ihrer Lieblingssprüche: „Gegen Liebe auf den ersten Blick hilft nur der zweite!“ Sie fragte sich, wer diesen Spruch an die Wand gekritzelt hatte und ob diejenige einen Grund dafür gehabt hatte.
Mit einem nassen Papiertaschentuch versuchte sie den Fleck zu entfernen, doch soviel sie auch rieb und putzte, der Fleck blieb. Frustriert warf sie das Taschentuch in den Mülleimer und machte sich wieder auf den Weg ins Klassenzimmer. Für einen Abstecher zum Kiosk war es jetzt zu spät, sie würde sich ihre Vormittagsration erst in der ersten Pause holen können. Gedanklich bei ihrer Butterbreze bog sie um die Ecke und prallte erneut gegen jemanden, doch bevor sie zu Boden gehen konnte, hielten zwei starke Arme sie fest und sorgten dafür, dass sie das Gleichgewicht nicht verlor.
„Sorry!“ Der Junge war groß, sie reichte ihm nur bis zum Kinn. Er war vollkommen in Schwarz gekleidet und trug ebenfalls eine dunkle Brille, die einen starken Kontrast zu seiner extrem blassen Haut bildete. Unter seinem schwarzen Shirt zeichnete sich ein durchtrainierter Körper ab und sein kurzes dunkles Haar stand in alle Richtungen ab, wirkte aber so, als hätte er für das Styling einige Zeit gebraucht. Er sah aus, wie aus einem Vampirfilm entsprungen, einem der neuen, in denen die Vampire alle furchtbar gut aussahen, erfolgreich und cool waren und nur darauf warteten in die Hälse armer unscheinbarer Mädchen zu beißen, die ihnen die Einsamkeit aus ihrem ewig andauernden, langweiligen Leben vertrieben und die sie, zum Dank dafür, unsterblich machten.
„Alles in Ordnung mir dir?“ Der Junge hatte einen leichten Akzent, den sie nicht genau zuordnen konnte. Osteuropäisch schien er aber nicht zu sein. Transsilvanien schied somit aus. Sie hatte das Gefühl, dass er sie durch die Sonnenbrille musterte. Scheinbar war es jetzt modern, bei schlechtem Wetter Sonnenbrillen zu tragen, nach Eileen war er heute schon der zweite.
„Klar!“, stammelte sie. „Heut ist nicht mein Tag!“
Er ging nicht auf ihre Äußerung ein. „Kannst du mir helfen? Ich such die 10 D.“ Er blickte auf das Handy in seiner Hand.
„Ich geh auch in die 10 D.“ Von einem neuen Mitschüler hatte sie noch nichts gehört, aber so genau hatte sie die Klassenlisten auch nicht studiert.
„Cool!“, sagte der Junge und widmete sich weiter seinem Smartphone. „By the way, ich bin Julian Brown. Und du?“
„Oh, ich bin Lena! Helena Schneider!“
„Nice to meet you!“, murmelte er abwesend. Scheinbar war für ihn sein Handy interessanter. Na toll, Verstärkung für Valentin und seine Gang.
„Hey, kleiner Bruder!“ Eine identische Ausgabe von Julian boxte ihm von hinten auf die Schulter.
„Auch schon da!?“, sagte Julian nicht gerade überschäumend vor Begeisterung und steckte sein Handy weg. Sein Double nahm die Sonnenbrille ab und betrachtete Helena schweigend und mit gerunzelter Stirn. „Und du bist?“
„Lena, sie geht in unsere Klasse“, sagte Julian. Helena war überrascht, er hatte immerhin ihren Namen behalten. „Das ist mein Zwillingsbruder David!“ Sein Tonfall wurde noch steifer.
Das Julian-Double ließ die Sonnenbrille lässig um seinen Finger kreisen. Er musterte sie von oben bis unten. Seine kühlen blauen Augen glitten über sie hinweg, blieben an ihrem Hals hängen und weiteten sich erstaunt. Helena schluckte. Okay, vielleicht doch ein Vampir?
„Helena?“, fragte David langsam, ohne den Blick von ihrem Hals zu lösen. Er kniff die Lider zusammen, schließlich hob er den Kopf und sie blickte in die hellsten blauen Augen, die sie jemals gesehen hatte. Etwas blitzte darin auf. Erkenntnis?
Helena nickte. Sie kam sich vor, wie das Kaninchen vor der Schlange. Hypnotisiert, gelähmt durch seinen Blick. Das Blau erinnerte sie an den Husky ihres früheren Nachbarn. Waren sie vorhin auch schon so hell gewesen? Sie wusste es nicht.
Sein Blick wurde hart und unvermittelt riss er sich los.
„So ein Zufall!“, sagte er. Es klang sarkastisch. „Komm Julian, wir sind spät dran!“ Damit legte er seinem Bruder kumpelhaft den Arm um die Schulter. Die beiden ließen die völlig verwirrte Helena im Flur zurück.
Was sollte das jetzt? Zufall? Hatte sie etwas verpasst? Sie kam sich vor wie der letzte Trottel und folgte ihnen in einigem Abstand – heute war definitiv nicht ihr Tag!
Als sie das Klassenzimmer erreichte, setzte sie sich auf den bereits ausgewählten Platz. Die erste Reihe war nicht sehr begehrt, deshalb hatte sie eine ganze Bank für sich allein. Die Zwillinge hatten sich in der vorletzten Reihe niedergelassen und schienen auch kein Interesse an einem Gespräch mit den übrigen Klassenkameraden zu haben. Eingebildete Schnösel! Sie drehte sich um, packte ihren Block aus und wartete auf den Gong und den Beginn des Unterrichts.
Sechs sich endlos hinziehende Schulstunden später wusste sie, dass die Zwillinge aus Ontario stammten, ihr Vater Kanadier war und die Mutter englische Wurzeln hatte. Die beiden waren nach Deutschland gekommen, weil ihr Vater beruflich hier zu tun hatte. Er war irgendein hohes Tier bei einem Groß-Konzern und angeblich superreich. Ihre Englischlehrerin Frau Dr. Bäumer war begeistert, zwei Nativ-Speaker im Unterricht zu haben und die beiden würden in Kürze achtzehn werden. Sie wollten hier, an Helenas Schule, das letzte Schuljahr nochmals wiederholen, um auch in Deutschland einen Abschluss vorweisen zu können, falls sie sich dazu entschieden, länger in Europa zu bleiben.
Diese Neuigkeiten hatte sie von Helga, der rasenden Reporterin der Schülerzeitung, die sie in der Pause auf den neuesten Stand in Sachen Klatsch und Tratsch gebracht hatte. Die beiden Neuzugänge waren das Gesprächsthema Nummer eins. Jedoch schienen die Zwillinge weder an Helena, noch an den übrigen Klassenkameraden sonderliches Interesse zu haben. Sie hielten sich abseits und hatten sich während der Pause überwiegend mit ihren Smartphones beschäftigt. Wurden sie etwas gefragt, antworteten sie einsilbig. Helena war das nur recht, denn Cindy und Eileen hatten begonnen, die beiden anzuschmachten und sie wollte nicht noch mehr Ärger mit dem Fashion-Team.
Mittags war der Bus schon etwas voller, aber sie konnte einen Sitzplatz ergattern. Helena verstaute ihre Tasche und sah aus dem Fenster. Die Zwillinge stiegen in eine dunkle Limousine mit getönten Scheiben. Sie schienen wirklich Geld zu haben, warum sie dann nicht auf eine Privatschule oder ein Gymnasium gingen, war ihr schleierhaft. Sie verdrängte die Gedanken an den unerfreulichen Vormittag und die beiden Brown-Jungs.
Das gleichmäßige Geräusch des Motors machte sie müde und sie lehnte den Kopf gegen die Scheibe. Fast wäre sie eingenickt, der Schlafmangel der letzten Nacht forderte seinen Tribut. Ihre Gedanken kreisten um den sonderbaren Traum. Er war ziemlich realistisch gewesen und sie konnte sich an alle Einzelheiten erinnern. Wie er wohl weitergegangen wäre? Hätte sie der dunkel gekleidete Mann erschossen? Helena wunderte sich, dass dieser Traum sie so beschäftigte. Eigentlich träumte sie nie viel und wenn, dann war der Traum bis zum Morgen wieder vergessen. Der Bus hielt. Sie schnappte sich ihre Tasche und stieg aus, um einkaufen zu gehen.
Im Supermarkt war um diese Uhrzeit ziemlich viel los. Zahlreiche Mitarbeiter aus den umliegenden Firmen nutzten die Mittagspause dazu, ihre Einkäufe zu erledigen. Um schneller durch die engen Gänge zu kommen, verzichtete sie auf einen Einkaufswagen und stapelte die zwei Karton Milch, eine Packung Haferflocken, die Nudeln sowie den Weichspüler übereinander und trug die wackelige Pyramide vor sich her.
Als sie um die Ecke bog, rammte sie ein Einkaufswagen und ihr schön aufgestapelter Turm fiel auf den Boden. Diesmal landete sie auf ihren vier Buchstaben. Aller unguten Dinge sind wohl ebenfalls drei.
„Hast du dir wehgetan?“ Julian oder war es David, war über ihr und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.
Direkt hinter ihm standen sein Zwillingsbruder und ein Mann, der ihr älterer Bruder, aber auch ihr Vater sein konnte, der sich gut gehalten hatte.
Jedenfalls sah er aus, wie eine ältere Ausgabe der beiden mit etwas markanteren Gesichtszügen. Er trug einen dunkelgrauen Businessanzug.
„Nein, nein“, stammelte sie verwirrt. „Alles in Ordnung, war meine Schuld.“
Der eine Zwilling half ihr auf, seine Hand war angenehm warm, also definitiv kein Vampir. Sein Bruder begann ihre Utensilien, die verstreut auf dem Boden lagen, einzusammeln.
„Warum nimmst du keinen Einkaufwagen!“, war sein einziger Kommentar, als er ihr den Stapel wieder in die Arme legte. Alles war heil geblieben, eine aufgeplatzte Milchtüte hätte ihr jetzt gerade noch gefehlt.
„Danke!“, stammelte sie. „Ich hab schlecht geschlafen. Irgendwie bin ich den ganzen Tag schon etwas neben der Spur!“ Es war eine lahme Entschuldigung.
Die drei blickten sie abwartend an, so als würden sie auf eine Reaktion von ihr warten.
„Äh, nochmals Danke!“, sagte sie verwirrt.
Die drei schwiegen und ihre eisblauen hellen Augenpaare hefteten sich auf ihren Hals.
Sie schluckte, vielleicht sollte sie doch noch ein paar Knoblauchzehen einkaufen – nur zur Sicherheit.
„Wir müssen!“, sagte der ältere Mann schließlich. Die drei wandten sich ab und gingen ohne ein weiteres Wort. Sie ließen ihren leeren Einkaufswagen stehen.
Helena blickte ihnen irritiert hinterher. Irgendwie hatte sie bei der ganzen Familie kein gutes Gefühl. Die Schlangen an der Kasse waren endlos lang, doch von den drei Browns war nichts mehr zu sehen. Endlich war sie an der Reihe und sie begann ihre Waren auf das Band zu legen. In letzter Zeit hatte sie eindeutig zu viele schlechte Fernsehserien gesehen. Die Kassiererin händigte ihr das Wechselgeld aus. Helena räumte den Einkauf in ihre heute noch leere Schultasche und warf sie sich lässig über die Schulter. Na ja, zumindest hielt sie es für lässig. Auf dem Nachhauseweg sah sie sich mehrmals um, doch es schien ihr niemand zu folgen. Als sie fast bei ihrem Haus angekommen war, fuhr eine dunkle Limousine mit getönten Scheiben an ihr vorüber.
In der Wohnung räumte sie ihren Einkauf auf, checkte mit dem Handy ihre Nachrichten, doch außer Spam war nichts dabei. Sie machte sich ein Sandwich, warm essen würde sie erst am Abend, wenn ihre Eltern nach Hause kamen. Nebenbei änderte sie ihren Status in ihrem LieblingssozialenNetzwerk. Anschließend zog sie sich auf ihr Zimmer zurück, setzte sich an ihren Computer und schrieb sich den Frust des heutigen Tages von der Seele, nur um die Datei, ohne sie zu speichern, zu schließen.
Sie stöpselte ihren Kopfhörer ans Handy, startete ihre Playlist und warf sich aufs Bett, blickte nach oben und zählte die Bretter der Holzdecke. Dabei dachte sie über den ersten Schultag nach. Der Schlafmangel der vergangenen Nacht forderte seinen Tribut, sie wurde plötzlich müde und bevor sie sich noch zur Seite drehen konnte, war sie eingeschlafen.
***
Sie befand sich in einem altmodisch eingerichteten Zimmer und durchwühlte die oberste Schublade eines Sekretärs. Außer ein paar versiegelten Briefen befand sich nichts darin, doch sie suchte nicht nach einem Schriftstück. Sie schloss das Fach, ging zum Nachtkästchen und zog hier ebenfalls die oberste Lade auf, dort lag in einem Kristallglasschälchen ein schwerer goldener Siegelring. Diesen nahm sie heraus und betrachtete ihn genauer. Er war reich verziert. Das Wappen war oval und zweigeteilt. Die eine Hälfte zeigte eine Blume, die aussah wie eine Schwertlilie. In die andere Hälfte waren drei blaue Edelsteine eingearbeitet, zwei waren etwas kleiner, einer etwas größer. Das Wappen ruhte auf einem dreiköpfigen, liegenden Löwen und wurde gekrönt von einem Falken mit gespreizten Flügeln, der eine Jagdhaube trug und mit seinen Krallen das ovale Wappen hielt. Über den ganzen Ring zogen sich verschiedenen Linien und Ornamente. Der Ring erinnerte sie in seiner Machart an ihr Medaillon. Sie ließ ihn in die Tasche in ihrem Rock gleiten. Jetzt musste sie nur noch unbemerkt nach draußen kommen, doch als sie die Tür öffnete, stand sie einem jungen Mann gegenüber, der aussah wie einer der Brown-Zwillinge. Sein Haar war zwar länger und im Nacken durch ein schwarzes Band lose zusammengebunden, aber ansonsten glich er ihnen, wie ein Ei dem anderen. Ein paar Strähnen hatten sich gelöst und gaben ihm einen Hauch von Verwegenheit.
„Helena?“ Er klang überrascht und musterte sie eingehend. Weil die Tür noch offen stand, wanderte sein Blick zum Nachttischchen. Verdammt! Sie hatte das Schubfach einen Spalt offen gelassen!
„Du enttäuschst mich Helena!“, sagte er gefährlich leise und hob seinen Degen an ihre Taille, die Spitze bohrte sich wie Butter durch den dicken Stoff. Sie spürte das kalte Metall leicht auf ihrer Haut. Die andere Hand streckte er ihr mit der Handfläche nach oben fordernd entgegen. Durch die Bewegung verrutschte sein Hemd und an seinem Hals blitzte etwas auf. Ein goldener Siegelring, der dem in ihrer Rocktasche auf das Haar glich. Es gab noch einen Ring?
„Gib mir, was du mir genommen hast!“ Seine blauen Augen funkelten eisig. Sie schüttelte den Kopf.
Er kniff die Lippen zusammen. „Helena, sei vernünftig! Du weißt nicht, worauf du dich da einlässt. Gib mir den Ring oder du wirst es bitter bereuen!“ Er war jetzt ziemlich nah und seine huskyblauen Augen bohrten sich in ihre.
„Nein!“, sagte sie und hielt seinem Blick stand.
„Oh mein Gott, es ist bereits zu spät!“ Plötzlich und ohne Vorwarnung bohrte sich die Degenspitze tiefer in ihre Seite.
***
Ein stechender Schmerz durchfuhr sie und nach Luft schnappend wachte Helena auf. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, doch auch nach dem Aufwachen fühlte es sich an, als hätte ihr jemand ein Messer in die Seite gerammt. Na Bravo! Jetzt verfolgten die Brown-Zwillinge sie schon im Traum. Sie blickte auf die Uhr. Es war bereits kurz vor sechs. Ihre Eltern würden bald nach Hause kommen.
Sie setzte sich langsam auf, der Schmerz ließ nach. Helena nahm die Kette vom Hals und betrachtete das Schmuckstück genauer. Über das gesamte Medaillon zogen sich auch hier verschiedene Linien und Ornamente. Auf dem Deckel befand sich die Darstellung eines emaillierten Wappens. Es glich dem, des Siegelrings in ihrem Traum. Es gab den Falken und den Löwen, doch das Feld mit der Blume war hier rot, beim Ring war es blau gewesen und anstatt der roten Lilie war eine aufgeblühte gelbe Rose in den Deckel eingearbeitet.
Das Medaillon war fein ziseliert und schien alt zu sein. Es gefiel Helena ausnehmend gut, obwohl es nicht teuer gewesen war. Die Frau auf dem Flohmarkt hatte es ihr für fünf Euro verkauft. Wenn sie genau darüber nachdachte, war die Alte ziemlich erpicht darauf gewesen, ihr das Ding anzudrehen. Aber Helena war auch immer wieder an den Stand zurückgekehrt, so als hätte das Schmuckstück sie magisch angezogen.
Ihr Unterbewusstsein hatte nun versucht, das Medaillon als Ring in ihren Traum einzubauen, soweit ließ sich das erklären. Ebenso verhielt es sich mit den Brown-Zwillingen. Was sie jedoch nicht erklären konnte, war die Umgebung! Sie war noch nie in so einem alten Herrenhaus gewesen und dennoch hatte sie alles ganz deutlich vor sich gesehen, konnte sich immer noch an Details erinnern: die feingearbeiteten Möbelstücke, das Muster der Stofftapete an der Wand, die Pergamente und Schriftstücke in der Schublade und die Ornamente auf den Teppichböden. Sie hatte das Gefühl, als würde sie das alte Haus aus ihrem Traum seit Jahren kennen. Das Medaillon wog schwer in ihrer Hand. In dem Moment hörte sie, wie die Eingangstür ins Schloss fiel.
„Lena, wir sind wieder zuhause.“ Die Stimme ihres Vaters hallte durchs Treppenhaus.
Schnell sprang sie aus dem Bett, nahm das Medaillon, schob es mitsamt der Kette in ihre Hosentasche und lief nach unten, um ihre Eltern zu begrüßen.
Auf der Hälfte der Treppe erfasste sie ein leichtes Schwindelgefühl. Der stechende Schmerz in ihrer Seite war wieder da. Haltsuchend klammerte sie sich an das Geländer und atmete flach, doch kurz darauf war es auch schon wieder vorüber. Als sie die Diele erreichte, war sie wieder ganz die Alte. Ihr Vater war gerade dabei, seine Jacke in die Garderobe zu hängen.
„Hallo Lena!“, begrüßte er sie. „Geht’s dir nicht gut? Du bist etwas blass!“
„Doch, doch!“, sagte sie schnell. „Nur ein bisschen Bauchweh, aber das gibt sich.“ Sie lächelte und tatsächlich war der Schmerz im Moment wieder verschwunden.
Ihre Mutter kam aus dem Arbeitszimmer, sie hatte dort ihren Aktenkoffer verstaut. „Das ist schön, wir wollen heute Abend nämlich zum Essen ausgehen!“
Zum Essen gehen? Das verblüffte sie. Ihre Eltern gingen abends selten weg und wenn, dann nur am Wochenende. Unter der Woche in ein Restaurant zu gehen, war für sie gar nicht üblich.
„Wir müssen!“, schnaubte ihr Vater.
Ihre Mutter knuffte ihn in die Seite. „Jetzt hab dich doch nicht so! Es wäre grob unhöflich, wenn uns der neue Boss zum Essen einlädt und wir nicht kommen würden.“
Ihr Vater seufzte und rückte seine Brille zurecht. „Ich sollte kündigen, ich kann ihn nicht leiden.“
„Rick!“ Ihre Mutter klang entsetzt. „Sei nicht kindisch!“
„Ist doch wahr!“ Ihr Vater reagierte relativ heftig. „Man kann doch nicht so kurzfristig eine Einladung schicken und erwarten, dass alle springen. Das Memo kam erst heute Nachmittag!“
Helena empfand Mitgefühl für ihn, er würde den Abend viel lieber mit einer Fachzeitschrift auf der Couch im Wohnzimmer verbringen. Gleichzeitig überlegte sie, was sie mit der sturmfreien Bude anfangen würde.
„Zieh dich um Lena!“, drängte ihre Mutter. „Wir sollen spätestens um 19 Uhr da sein.“
„Ich soll auch mit?“, fragte sie überrascht.
„Ja, unser neuer Chef besteht darauf, die Familien seiner Mitarbeiter kennenzulernen!“ Er verzog das Gesicht. Helena wusste, wie wenig er solche offiziellen Anlässe mochte. In dieser Beziehung war sie ganz und gar seine Tochter.
„Na los!“, sagte ihre Mutter und ihre Augen blickten amüsiert. „In einer halben Stunde müssen wir los. Zieht euch was Hübsches an, wir gehen ins Cargo!“
Das wunderte Helena jetzt noch mehr. Das Cargo war ein sehr exklusives Restaurant, ziemlich teuer und normalerweise nicht der Geschmack ihrer Eltern. Sie liebten es eher bodenständig und rustikal. Ihr Vater blickte sie resigniert an und Helena ging auf ihr Zimmer.
Als sie kurze Zeit später nach unten kam, stand ihr Vater im dunkelgrauen Anzug vor dem bodenlangen Dielenspiegel und nestelte an seiner farblich passenden, tadellos von ihrer Mutter gebundenen Krawatte herum. Helena hatte sich für die elegante schwarze Stoffhose entschieden, die an den Beinen etwas ausgestellt war und als Kontrast dazu ein weich fließendes, weißes Oberteil gewählt. Sie hatte das Medaillon wieder angelegt, weil es perfekt in den Ausschnitt passte. Leider hatte sie keine passende Jacke, deshalb hatte sie sich kurzerhand ein großes, weißes Schaltuch über die Schultern geworfen.
Ihre Mutter erschien in einem kurzen dunkelblauen Kostüm.
„Fertig?“, fragte sie in die Runde.
Helena nickte.
„Na dann los!“ Ihr Vater nahm die Autoschlüssel von der Konsole. Als sie das Haus verließen, meldete sich kurz ihre Seite mit einem leichten Ziehen, doch als sie ins Auto stiegen, war es schon wieder vorbei.
Die Fahrt war kurz. Parkplätze waren in der Innenstadt Mangelware, aber sie hatten Glück, sie konnten in einer Seitenstraße einen ergattern. Ihr Vater schloss den Wagen ab. Das letzte Stück legten sie gemeinsam zu Fuß zurück. Man merkte, dass es bereits Mitte September war. Es war so früh am Abend bereits dunkel und empfindlich kühl.
Helena wickelte sich fester in das Schaltuch und folgte ihren Eltern. Sie gingen schweigend nebeneinander her. Eigentlich sprachen sie nie viel, sie verstanden sich auch ohne Worte. Ihre Mutter hatte nach der Hand von ihrem Vater gegriffen und drückte sie aufmunternd.
Als sie um die Ecke bogen, sah sie auf der gegenüberliegenden Seite bereits den vertrauten Schriftzug des Cargo mit den geschwungenen leuchtend blauen Buchstaben.
Ein paar Leute standen in kleinen Gruppen vor dem Lokal und hielten Smalltalk. Soweit sie wusste, arbeiteten die Eltern des halben Fashion-Teams bei Orion-Belt-Systems. Hatte sie Eileen vorhin in der Menschenmenge gesehen? Helena kannte nur wenige Arbeitskollegen ihrer Eltern näher. Der Beruf bestimmte einen Großteil ihres Lebens, deshalb waren sie sehr darauf bedacht, ihr Privatleben von ihrem Arbeitsumfeld zu trennen. Ihre spärliche Freizeit gehörte meist ihrer Tochter oder einem ihrer wenigen Hobbys. Mit Arbeitskollegen trafen sie sich außerhalb des Betriebes so gut wie nie.
Helena lächelte in die Runde und Namen rauschten an ihr vorüber. Bis sich ein Mann plötzlich umwandte und sie erstarrte.
„Lena, darf ich dir vorstellen?“ Ihr Vater räusperte sich. „Mein Chef: Daniel Brown!“
Vor ihr stand der Mann aus dem Supermarkt, doch er zeigte keinerlei Anzeichen, dass er sie wiedererkannte. Die Zwillinge drehten sich ebenfalls zu ihnen um. „Das sind meine Söhne: David und Julian!“, stellte Daniel Brown die beiden vor.
Ein Abend mit den beiden?!
Das konnte ja heiter werden!
Gut, dass die Gruppe ziemlich groß war und ihre Eltern sich bei so einem Pflichttermin abseits halten würden, daher war die Aussicht gering, beim Abendessen in der Nähe der beiden sitzen zu müssen. Ihr Schaltuch verrutschte und gab einen Blick auf das Medaillon frei. Sofort richteten sich drei Augenpaare auf ihren Hals. Es war nur ein Moment, jedoch reichte das aus, um ihr einen Schauer über den Rücken zu jagen. Helena zog das Schaltuch enger um sich. Hoffentlich ging der Abend schnell vorbei. Ihr Vater hatte von alledem nichts mitbekommen, er suchte in der Menschenmenge nach bekannten Gesichtern.
Die Minuten in der Kälte krochen nur langsam dahin, bis Daniel Brown die Gruppe schließlich dazu aufforderte, das Restaurant zu betreten. „Wir sind heute hier, um uns kennenzulernen, ich habe mir daher erlaubt, die Sitzordnung durchzuwürfeln!“, verkündete er mit aufgesetzter Fröhlichkeit.
Helenas Stimmung sank noch mehr. „Was bedeutet das?“, flüsterte sie ihrer Mutter zu.
„Es gibt Platzkarten!“ Ihr Vater lächelte gequält, er hasste eine feste Sitzordnung. Es kam Bewegung in die Gruppe, jeder machte sich auf die Suche nach seinem Platz.
Die runden Tische waren für jeweils vier Personen gedeckt und wie befürchtet, saß sie nicht bei ihren Eltern. Diese hatten ihre Plätze bereits gefunden und saßen ebenfalls getrennt. Jemand hatte sich wirklich große Mühe gegeben, um die Gäste bunt durchzumischen.
Viele Plätze waren bereits belegt und Helena hatte ihre Platzkarte immer noch nicht entdeckt. An einem Tisch saßen Eileen und Valentin, die Hälfte des Fashion-Teams, zwei Plätze waren noch frei. Helena schloss die Augen. Hoffentlich nicht!
Eine Stimme flüsterte leise in ihr Ohr: „Du sitzt bei mir!“
Sie wandte sich um und blickte in die hellen Augen eines der Brown-Zwillinge. Er stand hinter ihr und beobachtete sie.
„Hier, gleich in der Mitte!“, sagte er und steuerte auf den Tisch mit Valentin und Eileen zu.
Helena schluckte, heute blieb ihr nichts erspart. Langsam folgte sie ihm, auf dem Kärtchen neben dem letzten freien Platz prangte in goldenen Lettern ihr Name. Übel – direkt auf dem Präsentierteller!
Eileen, die Tochter des Buchhalters und zugleich ihre erklärte Erzfeindin, saß ihr direkt gegenüber. Ihr schiefes Grinsen ließ darauf schließen, dass sie bereits an den nächsten Gemeinheiten arbeitete. „Hallo Lena! Na wieder trocken?“ Sie lächelte gehässig.
Valentin spielte mit seinem Namenskärtchen und blickte Helena an, als sei sie ein lästiges Insekt.
„Auch schön, euch zu sehen!“, entgegnete Helena und nahm den letzten freien Platz ein.
Der Brown-Zwilling schwieg und musterte sie alle der Reihe nach. Helena schielte auf seine Namenskarte, war es David oder Julian? Sie sahen sich beide wirklich ähnlich, glichen sich wie ein Ei dem anderen. Doch der Winkel war zu schräg, sie konnte den Namen nicht ablesen, weil die Goldbuchstaben reflektierten.
„Na, Julian?“, damit beantwortete Eileen Helenas Frage und beugte sich zu ihm hinüber. Sie legte ihm vertraulich die Hand auf den Arm, als seien sie bereits alte Freunde. „Wie war dein erster Schultag?“
Valentin hörte auf mit seiner Namenskarte auf den Tisch zu klopfen und legte nun seinerseits besitzergreifend seine Hand auf Eileens Unterarm. Anzeichen für eine Verstimmung im Fashion-Team? Der Abend versprach vielleicht doch noch interessant zu werden.
Julian blickte auf die Hand auf seinem Arm und gab nur ein kurzes „ganz okay“ von sich. Er nahm die Menükarte vom Teller, um sie zu lesen und so war Eileen gezwungen ihre Hand wegzunehmen, damit es nicht noch peinlicher wurde.
Helena schlug ebenfalls die Speisekarte auf und begann sie intensiv zu studieren, doch sie kam nicht weit. Ihr Französisch reichte nicht ganz aus, um die Gerichte entsprechend einordnen zu können. Das viele Besteck verwirrte sie zusätzlich: vier Gabeln, ebensoviele Messer und zwei Löffel. Bei jedem Teller standen vier Gläser. Es gab unzählige Möglichkeiten in das Fettnäpfchen zu treten. Sie würde sich bis aufs Mark blamieren und das auch noch unter den Augen von Valentin und Eileen! Und das hieß eines: Spätestens morgen früh würde die ganze Schule über ihre Ausrutscher Bescheid wissen.
Livrierte Diener gingen umher und füllten Wasser in die Gläser. Sie würde sich einfach an Julian halten und immer das tun, was er tat, dann würde es ihr vielleicht gelingen, nicht allzu viele Fehler zu machen.
„Oh, es gibt Amuse-Gueule!“, sagte Eileen. „Ich liebe Amuse-Gueule!“, seufzte sie und klatschte übertrieben in die Hände. Helena beugte sich tiefer über ihre Karte und verdrehte die Augen. „Valentin, magst du auch Amuse-Gueule?“, fragte Eileen aufgeregt. Sie hatte jetzt allen hier am Tisch gezeigt, dass sie das französische Wort aussprechen konnte, aber musste sie es deshalb gleich mehrfach wiederholen?
„Eileen, tu mir einen Gefallen!“, sagte Valentin und Eileen lächelte erwartungsvoll. „Halt die Klappe!“
Valentin war der geborene Charmebolzen. Es war einfach nur peinlich, hier an diesem Tisch zu sitzen. Helena wünschte sich, sie hätte zuhause bleiben dürfen und riskierte einen Seitenblick auf Julian. Er war immer noch in seine Karte vertieft und ignorierte seine restlichen Tischnachbarn. Hoffentlich würde sich der Abend nicht so lange hinziehen, wie sie es befürchtete. Doch die Menükarte zeigte acht Gänge auf, das würde dauern!
Julians Vater saß zwei Tische weiter und klopfte mit einem Löffel gegen das Glas. Sofort verstummte das Gerede im Saal und gespannte Gesichter wandten sich Daniel Brown zu. Er erhob sich und mit einem strahlenden Lächeln begrüßte er alle, die seiner Einladung gefolgt waren. Er begann über die Firma zu reden und die Zahlen und Fakten rauschten an Helena vorbei. Sie beobachtete die Leute, die gespannt seinen Ausführungen lauschten oder zumindest so taten.
Helena ließ ihren Blick durch den Saal schweifen, er blieb an David hängen, der an einem der seitlichen Tische saß und sie unverwandt anschaute. Seine hellen blauen Augen hielten ihrem Blick stand, doch sein Gesicht zeigte keine Regung, bis sie schließlich aufgab und verlegen den Kopf senkte. Helena lief ein Schauer über den Rücken, vielleicht würde sie doch um Mitternacht als Vampir-Happen enden?
Daniel kam zum Ende seiner Rede und ein bisschen zu spät bemerkte sie, dass auch sie applaudieren sollte. Sie begann zu klatschen und hielt plötzlich inne. David fuhr sich mit der Hand durch das dunkle Haar, an seinem Finger blitzte ein klobiger goldener Ring auf. In diesem Moment durchfuhr ein scharfer Schmerz ihre Seite, sie atmete kurz ein und presste die Lippen zusammen. Julian hatte sie ebenfalls beobachtet. Helena setzte sich und der Schmerz verschwand wieder. Zurück blieb nur ein dumpfes Pochen in ihrer Seite.
„Geht’s dir nicht gut?“, fragte Julian und wandte sich ihr zu. „Du siehst blass aus!“ Er betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen.
Ein livrierter Diener stellte einen kleinen Porzellanlöffel auf dem Teller vor ihr ab. Darauf waren ein paar angedünstete Gemüseschnitzel und eine undefinierbare Masse drapiert. Das Ganze war nicht mehr als ein Happen. Das war jetzt wohl das besagte Amuse-Gueule. Eileen zog die Nase kraus, wahrscheinlich hatte sie sich darunter doch etwas anderes vorgestellt.
Helena wartete darauf, welches Besteck Julian zur Hand nehmen würde, er schien sich in solchen Restaurants auszukennen, doch er zeigte keine Anstalten nach einer Gabel zu greifen, obwohl sie darauf wartete, dass er sich für eine entschied. Machte er sich einen Spaß daraus zu beobachten, wie der Rest sich schlug? Die vier Gabeln, die vor ihr lagen, sahen sie allesamt feindselig an. Sie wusste nicht, welche die richtige war. Doch Julian hatte sich im Stuhl zurückgelehnt und einen Arm lässig über die Lehne gelegt. Er lächelte in die Runde.
„Fangt ruhig schon an!“, sagte er gönnerisch, holte sein Smartphone raus und begann darüber zu wischen.
Soweit sie wusste, war es auch nicht höflich, während des Essens mit dem Handy rumzuspielen. Helena blickte zum Nebentisch, die Löffel waren bereits leer. Welches Besteck dort benutzt worden war, erschloss sich ihr nicht. Vielleicht sollte sie einfach den Porzellanlöffel in den Mund nehmen? Das schien ihr abwegig und wenig fein zu sein. Helena atmet tief durch. Was soll‘s, dann blamierte sie sich halt!
Sie griff nach der nächstbesten Gabel, packte die Gemüseschnitzel und die Masse darauf und schluckte das Zeug in einem hinunter. Es schmeckte nach nicht viel!
Eileen betrachtete sie mit offenem Mund. „Hast du gesehen?“, sagte sie zu Valentin. „Das war die Fischgabel und alles auf einmal!“ Und damit nahm sie eine andere Gabel und probierte ein winzig kleines Stück von der drapierten Masse.
„Das ist nicht direkt falsch!“, sagte eine Stimme.
Helena hob den Blick. David stand plötzlich an ihrem Tisch.
„Der Koch hat sich etwas dabei gedacht, als er die einzelnen Komponenten zusammengestellt hat und das unvergleichliche Geschmackserlebnis kann man nur erfahren, wenn man die Gesamtkreation genießt. Eine Fleischgabel für Fischtatar würde ich auch nicht nehmen.“ Er warf einen Seitenblick auf das Besteckteil, das Eileen in den Händen hielt.
Eileen lief rot an und legte die Gabel weg. Offensichtlich war ihr der Appetit auf den durchgedrehten, rohen Fisch vergangen. David beachtete sie nicht weiter und legte Julian die Hand auf die Schulter. Deutlich hob sich Davids klobiger Siegelring vom dunklen Stoff des Sakkos seines Bruders ab. Helena erstarrte. Es war wirklich der Ring aus ihrem Traum! Der mittlere Stein reflektierte im hell erleuchteten Saal ein blaues Licht. Helena wischte sich mit der Hand über die Stirn, sie war kalt und feucht.
„Julian, hast du mal eine Minute?!“ David beugte sich zu seinem Bruder hinunter.
Dieser packte sein Smartphone weg, nahm den Porzellanlöffel und steckte ihn mit einem Happs in den Mund. „Klar Bruderherz!“, sagte er, stand auf und ohne ein weiteres Wort folgte er David nach draußen.
Helenas Magen verkrampfte sich, er mochte wohl auch keinen rohen Fisch und eine Welle der Übelkeit stieg in ihr hoch. Sie erhob sich ebenfalls, legte die Stoffserviette, die auf ihrem Schoß gelegen hatte, neben ihren Teller und verließ den Saal.
Hier draußen, im Vorraum, war die Luft etwas besser und ihr Magen beruhigte sich. Erschöpft lehnte sie sich gegen eine Säule. Von David und Julian fehlte jede Spur. Ihr Blick fiel auf den Wegweiser zu den Toiletten. Sie entschied sich, kurz die Hände zu waschen und sich frisch zu machen.
Leise ging sie die Treppe nach unten. Sie war froh, keine Schuhe zu haben, die klapperten. Die Gummisohlen dämpften ihre Schritte in dem leeren Korridor.
Als sie am Waschraum der Männer vorbei ging, hörte sie Stimmen: „Wir haben sie gefunden! Aber sie trägt das Medaillon und es ist aktiv. Habt ihr das nicht gesehen?“
Helena blieb wie angewurzelt stehen, die Stimme kam ihr bekannt vor.
„Sicher!“ Diese zweite Stimme war die tiefe Stimme von Daniel Brown. „Aber solange wir nicht wissen, wer dahintersteckt, sollten wir erst einmal abwarten und unseren Plan auf Eis legen - sie läuft uns schon nicht davon!“
„Abwarten?“ Sie konnte nicht sagen, ob es David oder Julian war.
„Dazu ist es zu spät!“ Der andere Zwilling war aufgebracht. „Sie hat heute Nachmittag versucht in Beta den Ring zu stehlen, transferiert! Ich hab sie dabei erwischt! Wir sollten handeln und zwar schnell!“
Helenas Herz setzte einen Schlag aus.
Wovon sprachen die drei? War das heute Nachmittag doch kein Traum gewesen? Aber wenn nicht, was war es dann?
„Gleiches mit Gleichem zu vergelten, war noch nie erfolgreich!“, sagte Daniel.
„Aber wer steckt dahinter?“, fragte einer der Zwillinge.
Sie war nur noch einen Schritt von der Damentoilette entfernt.
Daniel stieß die Tür auf und seine Antwort ging im Quietschen der Angeln unter. Unbemerkt huschte sie gerade noch rechtzeitig in die Frauentoilette. Sie lehnte sich gegen die Tür. Der Raum war leer, die Bewegungsmelder sprangen an und tauchten die kahle Umgebung in ein bläuliches Licht.
Hatten die drei gerade von ihrem Traum gesprochen? Das konnte nicht sein! Sie musste sich getäuscht haben und war verwirrt. Irgendwie arbeitete ihr Verstand nicht richtig.
Ein blasses, müdes Gesicht blickte ihr aus dem Spiegel entgegen. Julian hatte recht, sie sah wirklich nicht gut aus. Ihr wurde schwindlig und alles drehte sich. Haltsuchend lehnte sie sich an die Wand. Sie glitt langsam zu Boden, bevor alles schwarz wurde.
***
Träumte sie schon wieder oder noch? Sie befand sich in einer Kutsche, die über eine unebene Straße holperte. Jeder Stoß verursachte unendliche Schmerzen in ihrer Seite. Sie presste ihren Handschuh auf die Wunde. Der Stoff fühlte sich feucht an und hatte sich bereits dunkel verfärbt. Im Mondlicht sahen die Flecken auf dem hellen Satinstoff fast schwarz aus.
Einer der Brown-Zwillinge hatte sie mit seiner Degenspitze erwischt und nur weil ihm eine Katze durch die Beine gelaufen und er einen Moment abgelenkt war, konnte sie entkommen. Mit Mühe und letzter Kraft, hatte sie es die Treppe hinunter bis zur Kutsche geschafft. Er hatte sie verfolgt und sie und ihren Begleiter um Haaresbreite verfehlt.
Begleiter?
„Du bist verletzt!“ Die Stimme klang besorgt. Im Mondlicht konnte sie sein Gesicht nicht erkennen.
„Wo bin ich?“, stöhnte sie.
„In Frankreich, wo sonst?“, überrascht kam er näher. „Lass mal sehen!“
Sie presste ihre Hand fester auf die Wunde.
„Helena, sei nicht so stur. Ich bin‘s, Julian. Wer war es? David?“ Er sprach beide Namen französisch aus.
Erschrocken nahm sie die Hand weg.
Dies war der zweite Brown-Zwilling. Er zündete eine kleine Lampe an und betrachtete sie forschend. Seine Augen hatten ein dunkleres Blau. Hatte er tatsächlich gerade erst im Waschraum mit seinem Bruder und seinem Vater über sie gesprochen? Sie wich seinem Blick aus. Er entfernte den Stoff um die Wunde vorsichtig und gekonnt mit einem kleinen Dolch. Sie zuckte zusammen und stöhnte.
Er untersuchte den Einstich. „Die Wunde geht nicht besonders tief, aber sie blutet ziemlich und du wirst eine Narbe behalten, wenn auch eine kleine.“
Sie erwartete fast, dass er den Saum seines weißen Leinenhemdes zwischen die Zähne nehmen und einen Streifen abreißen würde - sie hatte eindeutig zu viele einschlägige Filme gesehen. Stattdessen holte er unter dem Sitz ein Kästchen hervor. Darin befanden sich Leinenstreifen und eine kleine Flasche. Er entkorkte diese mit den Zähnen und versorgte die Wunde fachmännisch und säuberte sie mit der brennenden Tinktur.
„Cognac“, sagte er entschuldigend, „Alkohol desinfiziert! Es wundert mich wirklich, dass er dich verletzt hat. So perfekt wie er in allem ist, hätte ich nicht gedacht, dass er dir etwas tut.“
„Dazu hatte er nicht die Absicht!“ Sie fragte sich, woher sie das wusste, aber es war so.
Der Cognac brannte auf der Wunde und sie sog die Luft scharf ein. Doch als er mit seinen schlanken, kühlen Fingern den Stich verband, ließ der Schmerz etwas nach.
„Schlaf ein bisschen!“, meinte er und beobachtete sie forschend. „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“
Sie war erschöpft und schloss die Augen, sie musste nachdenken. Das hier war ein Traum, es konnte nicht anders sein, aber es fühlte sich so real an. Woher wussten die drei Browns von diesem Traum? Sie spürte den Schmerz in ihrer Seite und das Holpern der Kutsche. Es roch nach Holz, Leder und Pferd. Irgendwie schien sie im Traum in eine andere, frühere Zeit geraten zu sein. Helena war in ein fremdes Haus eingedrungen und hatte einen Ring an sich genommen.
Der Ring! Sie tastete ihre Rocktasche ab, er war noch da. Als sie die Augen öffnete, sah sie im schwachen Licht der Lampe Julians Blick auf sich ruhen. Seine Augen wirkten tatsächlich dunkler. War das der Ring, über den sich die drei im Waschraum unterhalten hatten? Aber warum sollten sie, wenn es nur ein Traum war!
Vielleicht sollte sie Julian ein paar Fragen stellen? Wenn es ein Traum war, konnte ihr nichts passieren. Was, wenn es keiner war? Ihr Verstand fuhr Achterbahn.
Der stechende Schmerz in ihrer Seite ließ langsam nach und verwandelte sich in ein dumpfes Pochen. Das gleichmäßige Rattern der Räder machte sie langsam schläfrig. Vielleicht war es ja wirklich nur ein Traum. Daran sollte sie nicht soviele Gedanken verschwenden. Schließlich ergab sie sich der Müdigkeit und schlief ein.
***
„Helena!“
Jemand zog an ihr.
Sie öffnete die Augen und blickte in das besorgte Gesicht ihrer Mutter. Helena saß auf dem Boden und lehnte mit dem Oberkörper an der Wand des Waschraums. Sie versuchte sich langsam aufzurichten. Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihre Seite. Ihr Vater, der hinter ihrer Mutter in der Tür stand, sah sie erschrocken an. Sie klammerte sich mit letzter Kraft an das Waschbecken, um nicht zu stürzen, dann wurde ihr wieder schwindlig. Sie fühlte, wie die starken Arme ihres Vaters sie auffingen.
„Ruf den Notarzt!“, rief er ihrer Mutter zu.
Dann wurde alles schwarz.
Helena erwachte durch ein stetiges Piepsen. Als sie die Augen öffnete, blickte sie auf eine Decke mit Loch-Gipsplatten und zwei Reihen Neonröhren. Sie versuchte zu sprechen, doch es kam nur ein Krächzen heraus.
„Wie fühlst du dich?“ Ihr Vater ließ die Zeitschrift sinken und ihre Mutter hörte auf, in ihrer Tasche zu kramen. Beide kamen zu ihr ans Bett und setzten sich, einer links, einer rechts, auf die Bettkannte. Ihr Vater nahm ihre Hand in seine, wobei er darauf achtete, dass er die Lage der Schläuche und Dioden nicht veränderte.
„Ich weiß nicht!“ Ihre Zunge fühlte sich an wie Blei und ihre Stimme gehorchte ihr nicht.
„Hast du Schmerzen?“ Die besorgten blauen Augen ihrer Mutter ruhten forschend auf Helenas Gesicht.
„Was ist passiert?“ Sie kam immer mehr in die Gegenwart zurück.
„Blinddarm! Es war ziemlich knapp, sie haben dich gerade noch rechtzeitig erwischt.“ Sie hörte die Anspannung in seiner Stimme.
Helena bewegte sich leicht, wobei sie spürte, wie müde ihre Glieder waren und wie empfindlich ihre Seite reagierte. Irgendwie schien ihr alles nicht real. Plötzlich kehrte die Erinnerung zurück. Der Traum und das Medaillon! Sie tastete ihren Hals ab – leer! Aus einem unerfindlichen Grund erfasste sie Panik. „Wo ist mein Anhänger?“ Sie versuchte sich aufzurichten.
Doch ihr Vater drückte sie sanft in die Kissen zurück. „Für die OP mussten sie dir den Schmuck abnehmen!“, beruhigte er sie sanft.
„Mäuschen, du musst noch ein paar Tage hierbleiben. Du brauchst jetzt keine Halskette!“, sagte ihre Mutter bestimmt und wechselte einen besorgten Blick mit ihrem Vater.
Normalerweise hasste sie es, wenn ihre Mutter sie „Mäuschen“ nannte. Schließlich war sie kein Nagetier. Aber heute verzieh sie es ihr. Helena war einfach schrecklich müde und sie hatte das Gefühl noch tiefer in die Kissen zu sinken. „Ich wollte nur mein Medaillon.“
Ihr Vater runzelte die Stirn. „Welches Medaillon?“
„Das vom Flohmarkt“, sagte sie. „Ich hab es um den Hals getragen.“
Ihre Mutter nahm eine Tüte vom Nachtkästchen und reichte sie ihr. Darin lag der Schmuck, den sie am Abend getragen hatte und den ihr die Schwestern vor der OP abgenommen hatten. Ihre Häschenohrringe und das Medaillon. Ihre Hände zitterten, als sie den Anhänger in die Hand nahm und sich die Kette über den Kopf streifte.
„Ich hab das noch nie an dir gesehen!“, sagte ihr Vater und runzelte die Stirn.
„Daddy, ich hab es den ganzen Abend getragen!“, antwortete sie müde lächelnd. Das war wieder typisch für ihn, wenn sie mit orange gefärbten Haaren nach Hause käme, würde er es auch erst nach einer Woche bemerken. Sie ließ das Medaillon los und der mittlere Stein leuchtete blau auf.
„Schlaf dich gesund!“, sagte ihre Mutter und strich ihr über das Haar, bevor sie die Dunkelheit wieder umfing. Das Letzte, das sie wahrnahm, war das entsetzte Gesicht ihres Vaters, als er sie anblickte.
***
„Wir sind gleich da!“ Julian hob leicht den Vorhang vom Kutschenfenster und ein fahles Dämmerlicht fiel in die Kutsche. Sie fühlte sich wie gerädert und dachte an den Gesichtsausdruck ihres Vaters. Was hatte ihn so entsetzt? Stand es wirklich so schlimm um sie?
„Du hast lang geschlafen!“ Julian musste bemerkt haben, dass sie wach war.
Helena setzte sich auf, ordnete die schweren Röcke und fuhr sich mit der Hand durch das zerdrückte Haar. „Wie geht es jetzt weiter?“
Er zog überrascht eine Augenbraue hoch. „So wie geplant! Wieso fragst du?“
„Nur so!“ Sie versuchte ihm auszuweichen. Ihr Blick fiel auf seine hellen Kniebundhosen und das blaue Wams, das mit Silberfäden bestickt war. An den langen, spitzenbesetzten Rüschen seiner Ärmel zeichneten sich Spritzer ihres Blutes ab. Sie waren wohl dahin gelangt, als er ihre Wunde verbunden hatte.
„Helena, sieh mich an!“ Sie hob den Blick und sah direkt in seine nun hellen blauen Augen, darin blitzte es erkennend auf. „Es stimmt also doch! Hat er dich geschickt?“
„Ich weiß nicht, was du meinst!“, antwortete sie zögernd.
„Wirklich?“ Lässig lehnte er sich zurück und ließ sie nicht aus den Augen.
Helena seufzte und wandte den Blick ab. „Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll!“ Das war noch nicht einmal gelogen.
„Was ist dein Auftrag?“ Er ließ nicht locker! „Sollst du mich überwachen?“
„Auftrag? Überwachen?“, fragte sie verwundert.
„Der Falke schickt niemand ohne Auftrag in andere Welten!“ Er beobachtete sie mit zusammengekniffenen Augen.
Sie war irritiert. Was sollte das jetzt?
„Niemand hat mich geschickt! Ich bin einfach hier gelandet. Ich träum das alles nur!“ Sie war vorsichtig, sie wusste nicht, ob sie ihm trauen konnte, aber sie musste unbedingt mehr über die ganze Sache erfahren. Dieser Traum schien ihr wie eine Fortsetzungsgeschichte. So hatte sie bisher noch nie geträumt.
Er schnaubte! „Das kauf ich dir nicht ab! Niemand kann ohne Vorbereitung zwischen den Welten wandern. Das hier ist kein Traum sondern ziemlich real, sonst würde deine Wunde wohl kaum bluten und ich hätte mir mein Hemd nicht versaut.“ Er blickte auf das blutdurchtränkte Tuch an ihrer Seite, das im fahlen Licht des Morgens dunkel aussah und kratzte mit dem Fingernagel an den Blutspritzern auf seinem Ärmel herum.
Sie zögerte, langsam setzte der Schwindel wieder ein. Es war wohl wirklich besser, wenn sie sich hinlegte. „Das ist alles nicht real, das kommt von meiner Blinddarm-OP!“, sagte sie mit letzter Kraft.
Er ließ seinen Hemdsärmel in Ruhe und blickte sie überrascht an. „Warte, Helena!“
Es war das Letzte, das sie hörte, bevor ihr wieder schwarz vor Augen wurde.
***
Die Sonne kitzelte sie in die Nase und weckte sie. Helena blickte sich um und sah, dass sie an der Infusionsnadel hing. Sie hatte keinen Durst und keinen Hunger, aber ihr Mund war ziemlich trocken. Sie nahm einen kleinen Schluck aus dem Wasserglas, das auf dem weißen Schränkchen neben dem Bett stand. Es schmeckte abgestanden und war viel zu warm, aber es befeuchtete ihre Kehle.
Im Bett neben ihr lag niemand und sie brauchte ein paar Augenblicke, bis sie in die Gegenwart zurückkam. Das Zimmer war aber trotzdem nicht leer. Im Stuhl saß ihr Vater, seine Kleidung war verknautscht. Er trug immer noch den grauen Anzug vom Abendessen und seine Krawatte hing auf Halbmast. Auf seinen Wangen zeichneten sich die ersten Bartstoppeln ab. Er war eingenickt und seine Zeitung war zu Boden gerutscht. Komisch, wenn sie jemand erwartet hätte, dann vermutlich ihre Mutter und die auch erst mittags. Ihre Eltern hatten immer schrecklich viel zu tun. Helena blickte an sich hinab, sie trug immer noch das OP-Hemd, das im Rücken offen war. Sie schob es zur Seite und sah das große weiße Pflaster auf ihrer rechten Bauchseite.
Hatte sie durch die OP Halluzinationen? Sie hatte gehört, dass die Narkose manchmal so etwas auslöste. Sie versuchte den Gedanken an ihre komischen Träume zu verscheuchen, doch es gelang ihr nicht. Hatte sie das Gespräch im Waschraum tatsächlich belauscht oder hatte sie sich das nur eingebildet? Fing sie langsam an durchzudrehen? Wahrscheinlich funktionierte ihr Gehirn wegen der Medikamente nicht richtig. Aber wenn sie nicht geträumt hatte, was bedeutete das dann? Worum ging es hier genau? Und welche Rolle spielten die Brown-Zwillinge? Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Sie brauchte eine Ablenkung! Etwas zu tun!
Sie beschloss das peinliche OP-Hemd loszuwerden, endlich wieder in ihre eigenen Sachen zu schlüpfen. Sie griff nach dem Infusionsständer, schleppte sich damit langsam zum Schrank und öffnete leise die Tür, sie wollte ihren Vater nicht wecken. Obenauf lag ihr Lieblingsjogginganzug und Wäsche für mindestens eine Woche. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ihrer Mutter ging es nur dann gut, wenn sie etwas zu tun hatte. Vermutlich war sie gleich nach der OP nach Hause gefahren und hatte die wichtigsten Dinge für ein paar Tage zusammengepackt.
Das Medaillon baumelte um ihren Hals. Es glich dem Ring, den sie David in ihrem „Traum“ (sie nannte es der Einfachheit halber so) abgenommen hatte. Er hatte sie erwischt und mit seinem Degen verletzt. Schließlich war sie in der Kutsche mit Julian gelandet. War das ein Traum, eine Halluzination oder war es Realität und sie hatte eine Möglichkeit gefunden, irgendwie in die Vergangenheit zu reisen? Es war alles so verwirrend. Sie hielt sich am Infusionsständer fest und nahm mit der anderen die Halskette ab. Das Schmuckstück lag kühl in ihrer Hand, der mittlere Stein funkelte blau. Hing es mit diesem Medaillon zusammen?
Die Tür ging auf und die Schwester stürzte sofort auf sie zu. „Hey, du darfst noch nicht aufstehen!“
Ihr Vater öffnete die Augen und fuhr hoch. „Lena, was machst du da?!“, sagte er tadelnd und war sofort an ihrer Seite.
Die Schwester griff ihr unter den Arm und ihr Vater half ihr, Helena und den Infusionsständer zurück zum Bett zu bringen. Sie erkannte, wie weit sich die paar Schritte auf einmal anfühlten und sie es allein wohl nicht mehr geschafft hätte. Ihr wurde wieder schwindelig. Die Schwester deckte sie fest zu und regulierte die Infusion. Unter der Decke schloss Helena ihre Faust noch fester um das Medaillon.
„Lena?“, fragte ihr Vater leise.
Sie wollte ihm antworten, doch ihr kleiner Ausflug hatte sie angestrengt und sie hatte nicht mehr die Kraft irgendwelche Worte zu formen. Es zog sie mit aller Macht in die Dunkelheit und sie wusste, bald würde sie sich in der Kutsche mit Julian befinden…
***
Helena öffnete die Augen. Julian saß ihr gegenüber. Sie waren immer noch in der Kutsche. Er hatte sie beobachtet. „Wie geht’s dir?“
„Ich weiß nicht!“, zögerte sie. „Irgendwie, verliere ich durch die OP ziemlich häufig das Bewusstsein.“ Sie richtete sich halb auf, ihre Seite meldete sich mit einem Ziehen. Helena verzog das Gesicht.
„Das ist normal. Vermutlich haben sie dich mit Schmerzmittel vollgepumpt und die machen müde.“ Er faltete seine Hände im Schoß und senkte den Blick. „Also, wieso schickt dich der Falke?“
„Mich schickt niemand!“, seufzte Helena und versuchte eine bequeme Position zu finden.
„Das kauf ich dir nicht ab!“ Er hob den Kopf und blickte sie herausfordernd an.
„Glaub was du willst!“, sagte Helena genervt und lehnte sich in die weichen Polster der Kutsche zurück. Der Schmerz ließ langsam nach. Das hier war real, sie spürte ihre Wunde und fühlte das Polster unter ihren Fingern. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich hier gelandet bin!“, sagte sie versöhnlicher. Helena sah, wie es in Julians Gesicht arbeitete.
„Du bist unkontrolliert gesprungen? Dir hat niemand beigebracht, wie es funktioniert?“, fragte er.
„Was funktioniert?“, fragte Helena neugierig.
„Wie man transferiert!“ Julian hob das Kinn und ihre Blicke trafen sich.
Transferiert? Schon wieder dieses Wort. Einer der Zwillinge hatte es im Keller im Cargo benutzt, als sie gelauscht hatte.
„Was bedeutetet transferiert?“, fragte sie.
Er presste die Lippen zusammen und betrachtete sie forschend.
„Erzählst du mir was los ist?“, fragte Helena vorsichtig.
„Das darf ich nicht!“, sagte er und senkte den Blick.
„Bitte!“, drängte Helena.
„Eingeweiht zu werden, ist kein Pappenstiel!“ Er wich ihr aus.
„Ich habe Zeit!“ Sie wollte Antworten und vielleicht konnte er sie ihr geben.
„Nein, ich befürchte, die hast du nicht!“, seufzte Julian bedauernd. „Außerdem ist es nicht mein Job, dich in die Geheimnisse von Richard Taylor einzuweihen.“
„Richard Taylor?“, fragte sie.
„Ja, DER Richard Taylor!“ Julian lehnte sich im Sitz zurück und sah sie an, als würde ein Name alles erklären.
„Nie gehört!“ Der Name sagte ihr nichts.
„Sicher?“ Er legte den Kopf schief.
Helena nickte. Sie kannte niemanden mit diesem Namen.
„Hör mit dem Theater auf! Das glaubt dir doch kein Mensch!“, sagte er und blickte sie ärgerlich an.
Sie überlegte. „Nein, der Name sagt mir wirklich nichts!“ Sie versuchte ihrer Stimme einen aufrichtigen Klang zu geben.
„Taylor war ein sehr bekannter Physiker!“, erklärte er und sah sie an, als müsse bei ihr nun endlich der Groschen fallen.
„Ich kenn Einstein, Newton und Hawking!“ Helena dachte nach, mit dem Namen Taylor konnte sie nichts anfangen.
„Du hast keine Ahnung was hier vor sich geht?“ Er betrachtete sie immer noch skeptisch.
Plötzlich spürte sie, wie das Schwindelgefühl wieder einsetzte. Sie fasste sich an die Stirn. „Mein Kopf dreht sich!“
„Warte, geh noch nicht, kämpf dagegen an!“, sagte er alarmiert.
„Ich kann nicht!“ Die Augen fielen ihr zu.
„Warte Helena, geh noch nicht zurück. Ich muss dir dringend noch etwas sagen. Sag David unter keinen Umständen, dass …“
***
Die letzten Worte gingen in dem Lärm von schepperndem Geschirr unter. Helena fuhr hoch.
„Sorry!“, sagte ein junges Mädchen im hellblauen Schwesternkittel. „Das Tablett ist mir aus der Hand gerutscht. Ich hoffe ich hab dich nicht geweckt.“ Sie hatte das Tablett etwas unsanft auf Helenas Nachttisch gleiten lassen.
Helena holte tief Luft und ihr Herz raste vor Schreck. Es fiel ihr schwer, sich hier wieder zurechtzufinden. Sie lag immer noch im Krankenhaus. Es hatte keinen Sinn es zu leugnen: entweder wurde sie langsam verrückt oder sie hatte im Traum Zugang zu einer anderen Welt. Ihr Herzschlag beruhigte sich etwas. Was wollte Julian, dass sie David nicht erzählte?
„Mittagessen! Gegrillte Putenbrust mit Salzkartoffeln!“ Die Schwesternhelferin nahm den Warmhaltedeckel vom Teller. „Du hattest nichts angekreuzt, also gibt es das Standardessen.“
Essen muss nicht lecker sein. Die Kartoffeln waren matschig gekocht, und die Putenbrust sah ziemlich grobfaserig und trocken aus. Im Deckel hatte sich bereits Kondensflüssigkeit gebildet. Das Essen war wohl nicht mehr allzu warm und das ließ darauf schließen, dass der Weg zur Küche wohl etwas weiter war.
