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Ian Carter (28) Vorstandsvorsitzender eines Industriekonzerns und Leitwolf des Werwolfrudels von Anchorage steckt in Schwierigkeiten. Er hat die letzte Vollmondnacht im Freien verbracht und keine Erinnerungen daran. Ein verschwundener Grizzlybär, seine aufgebrachte Schwester, eine neue Nachbarin und die Forderung, endlich Verantwortung zu übernehmen, wecken in ihm den Wunsch auszubrechen. Die Vampire und Hautwechsler sitzen ihm im Nacken und es gibt Dinge aus der Vergangenheit, die ihn nicht ruhen lassen. Außerdem ist da die kleine Maus, die ihn um den Verstand bringt und in den Wahnsinn treibt... Ein Paranormal-Romance-Roman für Erwachsene.
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das Rosenmedaillon (Die Taylor-Chroniken – Band 1)
Henris Diamant (Die Taylor-Chroniken – Band 2)
Die Uhr des Falken (Die Taylor-Chroniken – Band 3)
„Für meine Leser – Ihr seid die Besten!“
Prolog: Septembervollmond
Kapitel: Der Tag danach ...
Kapitel: Quitt
Kapitel: Ein neuer Morgen
Kapitel: Dem Grizzly auf der Spur
Kapitel: Vorbereitungen
Kapitel: Alles neu!?
Kapitel: Narben
Kapitel: Wunden
Kapitel: Untersuchungen
Kapitel: Verdacht
Kapitel: Kriegsrat
Kapitel: Fäden
Kapitel: Muskelspiele
Kapitel: Familienbande
Kapitel: Neuigkeiten
Kapitel: Training
Kapitel: Vorbereitung
Kapitel: Vollmond
Kapitel: Morgengrauen
Er stieg in das Auto und hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Panik wuchs in ihm. War es wirklich schon so spät? Ein Blick auf das Armaturenbrett zeigte ihm, es war fünf vor neun. Er war zu lange im Büro geblieben. Es würde verdammt knapp werden. Er startete den Motor, jagte mit dem Sportwagen die Auffahrt der Tiefgarage hinauf und fädelte sich unter einem Hupkonzert in den Verkehr ein.
Die Sonne ging unter, das letzte Tageslicht schwand. Seine Sinne schärften sich bereits und im Rückspiegel sah er, dass sich das Weiß seiner Augen gelblich verfärbte und die Pupillen elliptisch wurden. Verdammt! Verdammt! Eine Verwandlung mitten in der Stadt konnte er sich nicht leisten. Er hätte das Telefonat mit London abbrechen sollen, das hatte er jetzt davon.
Der Tacho ging bis 360 km/ h. Er musste alles aus der Kiste herausholen, um die Höhle in den Bergen rechtzeitig zu erreichen. Wenn der Krampf einsetzte, waren es noch maximal zehn Minuten und dann brach die Bestie aus ihm hervor. So war es immer in den Nächten, in denen ein voller Mond am Himmel stand.
Er jagte über den Highway in Richtung Norden. Mittlerweile konnte er seinen Kiefer nicht mehr schließen, die Zähne schoben sich hervor und verursachten einen Geschmack, der metallisch war. Mit quietschenden Reifen nahm er die Ausfahrt. Die dunkle Landschaft fegte an ihm vorbei, bis er in einen versteckten Waldweg bog. Hier stieß der Sportwagen an seine Grenzen. Der Frontspoiler fiel einer Wurzel zum Opfer, schließlich setzte der tiefergelegte Wagen auf dem unebenen Untergrund auf und die Räder drehten durch. Er stolperte aus dem Auto und hastete vorwärts, noch ein paar hundert Meter bis zur rettenden Höhle mit den in den Fels eingelassenen Fesseln. Ein unmenschliches Grollen stieg aus seiner Kehle. Die Verwandlung würde jeden Moment einsetzen. Mit letzter Kraft schleppte er sich in die Felsgrotte und schaffte es noch, eine Fußfessel anzulegen, dann setzte der Krampf ein. Das wird nicht reichen, war sein letzter Gedanke. Das Tier in ihm brach hervor und seine Sinne schwanden.
Ihm wurde heiß und kalt, und er hatte das Gefühl zu fallen. Er landete hart und blinzelte. Sonnenstrahlen blendeten ihn. Sie fielen durch das Blätterdach einer Rot-Erle auf den Waldboden.
Langsam richtete er sich auf und blickte sich um. Er war auf einer Lichtung im Wald gelandet. Er fühlte sich satt und ausgeruht. Ein schlechtes Zeichen, denn das bedeutete, er hatte heute Nacht Beute gemacht. Sein Körper hatte sich wieder zurückverwandelt. An seinem Fußgelenk hing die Fessel mit einem Stück Kette daran. Hatte er sich losreißen können? Er erinnerte sich vage dran, dass er sie mit letzter Kraft geschlossen hatte, bevor die Verwandlung einsetzte. Er löste sie ab und drehte den runden Metallring nachdenklich in seinen Händen.
Er hatte heute Nacht getötet, sein Magen sagte es ihm, doch wen? Mensch oder Tier? Er hatte keine Erinnerung an die Zeit der Verwandlung – niemals – es war wie ein Filmriss, doch er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Er sprang auf die Beine, er musste zusehen, dass er hier wegkam. Sein Wagen steckte im Waldweg fest und er brauchte neue Kleidung. Am Körper trug er nur noch ein paar Fetzen, die mehr zeigten, als sie verhüllten. Er suchte die Lichtung nach Spuren von einem Kampf ab, nach Hinweisen auf das Opfer, doch er hielt sich nicht lange damit auf. Er wusste, dass die Bestie in ihm nichts übrig ließ. Es war Zeit, den Wagen zurückzubringen. Gut, dass seine übermenschlichen Kräfte noch ein paar Stunden anhielten, so schaffte er es, den Sportflitzer ohne fremde Hilfe freizubekommen.
Er hatte immer Ersatzkleidung und Schuhe im Auto, für Notfälle. Nachdem er sich umgezogen hatte, fuhr er in die Stadt zurück und drehte die Nachrichten auf. Wurde jemand vermisst? Er schaltete durch die Sender, bis er einen Nachrichtenkanal erwischte. Eine Sprecherin berichtete von einem Auswilderungsprojekt. Ein Grizzly, mit einem Peilsender bestückt, bewegte sich seit gestern Abend viel zu schnell. Er war in hohem Tempo durch die Berge gelaufen und nahm Kurs auf Anchorage. Man vermutete, dass er Wilderern zum Opfer gefallen war und die Trophäe in die Stadt gebracht werden sollte. Die Polizei hatte die Verfolgung aufgenommen. Er drehte das Radio aus. Im Rückspiegel sah er die blinkenden Lichter eines Streifenwagens. Ein Grizzly? Fast war er ein bisschen stolz auf sich. Die Polizisten konnten kommen, sie würden nichts mehr von dem Bären finden.
Der Beamte war allein und schritt ganz langsam um den Wagen. Er besah sich den demolierten Frontspoiler. Das Auto war in einem Zustand, der klar bewies, dass es auf einem der gesperrten Waldwege unterwegs gewesen war. Die Kratzspuren auf dem roten Lack der Edelkarosse und die Laubreste im Kühlergrill sprachen eine eigene Sprache.
Trotzdem saß er entspannt hinter dem Lenkrad, das machte vermutlich der Bär in ihm. Die Eigenschaften der Beute gingen auf den Jäger über. Er ließ die Fensterscheibe herunter und legte seine Handgelenke darüber, damit der Streifenbeamte sah, dass er nicht bewaffnet war.
Der Polizeibeamte stand neben dem Wagen und blickte auf das Display seines Handys und dann ungläubig auf den niedrigen Sportwagen. Er fragte sich, wo er den Grizzly versteckt hatte. So ein Tier war nicht klein und würde wohl kaum in den schnittigen Sportflitzer passen.
Der Beamte kam ihm bekannt vor. Er schien nicht gut gelaunt zu sein. Immer wieder griff er sich an die Backe, als hätte er Zahnschmerzen.
„Aussteigen – ganz langsam und Hände auf das Dach!“, schnauzte der Wachmann.
Er öffnete die Tür und stieg ohne hektische Bewegungen aus dem Wagen.
„Mr. Carter?“, fragte der Beamte überrascht.
Jetzt erkannte er ihn, das war Gary Johnson, ein Mitglied seines Rudels. „Tja, Johnson, ich hab es gestern Abend nicht mehr ganz geschafft!“ Er machte einen Schritt auf den Streifenpolizisten zu, dabei konnte er einen Blick auf das Display des Beamten erhaschen. Dort blinkte ein kleiner grüner Punkt, der sich bewegte, direkt auf den blauen Standortpunkt des Polizeibeamten zu. Johnson hatte den Peilsender geortet.
„Ein ganzer Grizzly?“, fragte der Streifenbeamte und sah ihn mit großen Augen an.
Er wechselte sofort in den Leitwolfmodus. „Schalten Sie den verfluchten Sender ab und lassen Sie sich was einfallen, wie wir die Sache vertuschen können. Wie war Ihre Nacht?“
„Wir waren im Keller unseres Hauses, wie immer“, antwortete Johnson. „Sie können sich auf mich verlassen, Mr. Carter!“, fügte er dienstbeflissen hinzu.
Ian Carter nickte ihm zu, stieg in seinen Wagen und brauste in Richtung Stadt davon.
Er parkte den demolierten Sportwagen in der Garage. Darum würde er sich später kümmern. Er betrat sein Haus, ein großzügiges Loft. Die Wohnung war teuer, hatte aber einen entscheidenden Nachteil: Sie hatte keinen Keller. Deshalb war er gezwungen, bei Vollmond hinaus in die Wälder zu fahren. Er lief die Treppe hoch, warf seine Kleidung auf die Marmorfliesen im Bad und stieg unter die Dusche, um den Rest des Grizzlys, der in seinen Poren klebte, loszuwerden. Außerdem würde er die Fragmente seines zerfetzten Businessoutfits, die im Kofferraum des Sportwagens lagen, verbrennen müssen. Das Wasser prasselte über seinen Körper und wusch den Schmutz der vergangenen Nacht ab. Er hatte ein paar Narben mehr. Die Verletzungen, die er sich gestern in der Vollmondnacht in seiner Wolfsform zugezogen hatte, waren durch die Rückverwandlung komplett verheilt und nur noch als rosafarbene Narben sichtbar. Der Grizzly hatte sich zur Wehr gesetzt. Er grinste. Der Bär würde ihm in diesem Monat Kraft verleihen, denn was sie an Beute zu sich nahmen, prägte die Zeit bis zum nächsten Vollmond. Ian würde 28 Tage lang in seiner menschlichen Gestalt keine Nahrung zu sich nehmen müssen. Johnson, der Polizist, hatte die Nacht im heimischen Keller verbracht, damit er niemanden Schaden zufügen konnte. Er würde wie ein normaler Mensch essen müssen.
Die Tür fiel ins Schloss. Verdammt! Heute war Dienstag. Er hatte ganz vergessen, dass seine polnische Putzfrau kam. Er stellte das Wasser ab, schnappte sich ein weißes Handtuch und schwang es sich um die Hüften. Seine Jeans und das T-Shirt ließ er auf dem Boden liegen, alles andere wäre ihr verdächtig vorgekommen.
„Tatjana?“, fragte er und trat auf die Galerie hinaus.
„Nein! Ich bin es, Iris“, sagte die Blondine und warf den Schlüsselbund unten im Wohnbereich auf die Konsole. Er schloss die Augen. Verdammt! Iris hatte ihm gerade noch gefehlt.
„Ein Grizzly, bist du noch ganz dicht?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften.
„Hey, nicht in diesem Ton! Ich bin hier der Alpha!“, antwortete er bestimmt.
„Mit sowas bringst du uns in Gefahr! Du bringst das ganze Rudel in Gefahr!“ Iris war wütend.
„Ich habs nicht rechtzeitig geschafft!“, rechtfertigte er sich.
„Du bist kein kleiner Junge mehr! Du musst Verantwortung zeigen!“ Sie verschränkte die Arme vor dem Körper.
„Du bist nicht meine Mom!“ Ian lehnte sich lässig gegen das Geländer seiner Galerie.
„Nein, aber deine Schwester und du bist immer noch mein kleiner Bruder!“ Iris funkelte ihn an. „Es kommt den ganzen Vormittag auf allen Sendern, das Auswilderungsprojekt hat einen herben Rückschlag erlitten.“
„Ich mach eine großzügige Spende!“ Ian stieß sich vom Geländer ab.
„Um noch mehr Verdacht auf dich zu lenken?“ Sie blickte wütend zu ihm hoch.
„Johnson hat den Sender deaktiviert! Es ist alles in Ordnung.“ Ian steckte sein Handtuch fest, das zu verrutschen drohte.
„Nichts ist in Ordnung, Johnson tratscht. Ich hab es von seiner Frau! Was, wenn es jemand außerhalb des Rudels hört?“ Iris kam die Treppe hoch.
„Was schlägst du vor?“, fragte Ian. Es klang, als wäre er an ihrem Vorschlag nicht interessiert.
„Du solltest ein paar Wochen ins Ausland gehen, bis Gras über die Sache gewachsen ist!“ Iris stand am Kopf der Treppe und blickte ihren Bruder herausfordernd an.
„Und Peter hier das Feld überlassen?“ Ian lachte auf. „Er wird das Rudel übernehmen wollen und ich hab keine Lust, mit ihm nach meiner Rückkehr über den Posten des Alphas einen Kampf zu führen.“ Er ließ seine Schwester stehen und ging durch die offene Schiebetür in sein Schlafzimmer. Er holte sich eine neue Jeans und ein enganliegendes T-Shirt aus dem Schrank, der voll mit Anzügen und Hemden war.
„Er hat das Recht, dich zu fordern, genauso wie jeder andere aus dem Rudel!“, sagte Iris bestimmt. „Und er hätte dazu einen guten Grund!“
„Welchen?“ Er schlüpfte in die Hose. Unterwäsche wurde überbewertet.
Iris stand im Türrahmen und beobachtete ihn. „Er wird Vater!“
„Ihr habt euch gepaart?“, fragte er überrascht und schloss den Reißverschluss der Jeans.
Eine leichte Röte stieg in ihre Wangen. Sie nickte.
„Wann?“
„Es muss vor zwei Monden gewesen sein, als wir gemeinsam in Bulgarien waren.“
„Und du bist dir sicher, dass er es war?“ Ian zog skeptisch eine Augenbraue hoch.
Sie schnappte sich ein Kissen und zielte auf sein Gesicht.
Er fing es ab. „Hey, ich meine ja nur! Ich hab keine Erinnerungen an meine Verwandlungen.“ Er warf das Kissen auf sein Bett.
„Ich auch nicht“, bekannte sie. „Aber wir waren am Morgen danach gemeinsam in dem Keller, nur er und ich.“
„Na dann – herzlichen Glückwunsch!“, sagte er sarkastisch und zog sich das T-Shirt über.
„Ich weiß, dass du Peter nicht leiden kannst, aber er ist nun mal mein Mann!“, sagte Iris leise. „Und wir haben uns immer Kinder gewünscht, du weißt, wie schwer es für unsereins ist, schwanger zu werden.“
Ja, er wusste es. Werwölfe in Menschenform waren unfruchtbar. Nur einmal alle vier Wochen, wenn sie ihre Wolfsform annahmen, waren sie in der Lage, einen Welpen zu zeugen. Er hatte es immer genossen, immun gegen menschliche Geschlechtskrankheiten zu sein und ohne die Befürchtung, Alimente zahlen zu müssen, konnte er sorglos durch die Betten der Stadt ziehen.
„Hey, Schwesterherz!“ Er ging auf sie zu und nahm sie in den Arm. „Ich freu mich ja für euch. Und Peter ist okay, aber ich kann es nun mal nicht leiden, wenn er mir immer dazwischen funkt.“
„Also fährst du?“, fragte sie und blickte ihn hoffnungsvoll an.
„Nein!“
Sie versteifte sich und löste sich von ihm. „Warum?“
„Weil ich dich in deinem Zustand nicht schutzlos zurücklassen will und weil es das falsche Signal wäre!“
„Du bringst uns mit deinen Eskapaden alle in Gefahr!“, sagte sie.
Sie hörten, wie ein Schlüssel sich im Schloss drehte.
„Wir reden heute Abend weiter!“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Sie sah ihn skeptisch an und sog die Luft ein, sie rümpfte die Nase und zog fragend eine perfekt gezupfte Augenbraue hoch.
„Ja, ich weiß!“, sagte er und blickte auf seine Putzfrau, die gerade die Wohnung betrat.
„Wir müssen dringend reden!“ Iris legte ihm die Hand auf den Unterarm. „Ach ja und Peter möchte seinen Sportwagen zurück.“
„Ja“, sagte er ausweichend. „Wir müssen dringend reden! Bis heute Abend!“
Iris wandte sich ab und ging die Treppe der Galerie hinunter.
Ian ließ seine Putzfrau arbeiten und marschierte mit dem Handy in den Garten. Dort hatte er den besten Empfang und frische Luft. Seine Schwester hatte den Geruch bemerkt, der Tatjana anhaftete. Vampirgeruch! Sie selbst war ein gewöhnlicher Mensch, aber sie gab sich mit Vampiren ab. Es würde dauern, Iris zu erklären, warum er Tatjana als Putzfrau beschäftigte. Er hatte von Anfang an gewusst, dass sie ein Vampirspitzel war. Es war praktisch, denn so konnte er ihr gezielt gefilterte Nachrichten unterschieben, die sie postwendend ins Vampirlager tragen würde. Er hoffte, sie zahlten gut. Tatjana schien Geld nötig zu haben. Er spielte mit dem Handy, er sollte Carlisle in London anrufen.
„Hi!“, sagte eine helle Stimme.
Er hob den Blick. Gingen seine Sinne bereits langsam auf normal zurück? Er hatte die Frau nicht kommen hören, die am Gartenzaun stand und ihn beobachtete. Sie trug Arbeitskleidung und hielt eine monströse Heckenschere in der Hand.
„Hallo!“ Er schlenderte lässig auf den Zaun zu.
„Ich bin Denise, die neue Nachbarin!“, stellte sie sich vor.
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Denise!“ Er reichte ihr über die Hecke die Hand, was wollte sie denn hier schneiden, das Gestrüpp ging ihm nur knapp bis zu den Hüften.
„Und Sie sind?“, fragte sie und sah ihn mit großen blauen Augen an. Er kannte diesen Blick, Marke williges Weibchen. War sie mit der Schere nach draußen gekommen, um einen Vorwand zu haben, ihn kennenzulernen? Er setzte sein unverbindliches Lächeln auf. Sie war nicht sein Typ. „Natürlich, wie unhöflich von mir. Ich bin Ian, Ian Carter!“
Ihre Augen wurden noch größer. „Der Ian Carter?“, fragte sie. Es klang fast ehrfürchtig.
„Ian Carter, CEO von Carter & Sanders Industries, wenn Sie das meinen!“, sagte er steif und unhöflich. Er hatte keine Zeit für Herumgeplänkel. Langsam sollte er wirklich mit Carlisle in London telefonieren. Sie hatten gestern Abend nicht alles klären können, da er überstürzt aufbrechen musste. Nach dem Telefonat sollte er sich aufs Ohr hauen. Die Nacht steckte in seinen Knochen und forderte ihren Tribut und schließlich wollte der Grizzly verdaut werden. Obendrein sollte er sich eine Strategie für das Treffen heute Abend mit seiner Schwester und seinem Schwager überlegen und in der Werkstatt anrufen, damit sie den Sportwagen wieder auf Vordermann brachten. Wenn Peter seinen geliebten Wagen so sah, würde er Ian sofort zum Zweikampf herausfordern. Gut, dass es bis zum nächsten Vollmond fast vier Wochen waren, vielleicht würde sein Schwager sich bis dahin beruhigen. Den nächsten vollen Mond wollte Ian auf alle Fälle in Sicherheit verbringen und den Ort rechtzeitig aufsuchen. Er war in letzter Zeit nachlässig geworden, das hatte sich in der vergangenen Nacht gerächt.
„Nun, dann will ich Sie mal nicht länger stören!“ Denise wandte sich eingeschnappt ab.
Er hob den Kopf. „Entschuldigung! Aber ich hab noch zu tun, wichtiges Telefonat!“ Er hielt sein Handy hoch und schwenkte es theatralisch.
Doch sie war schon auf dem Weg in die entlegene Ecke des verwilderten Gartens. Dort stand eine kleine Hütte, sie verschwand darin.
Komische Tusse! Er wählte Carlisles Nummer. Der Anruf ging ins Leere. Ian hatte die Zeitverschiebung nicht bedacht, in London war es längst Abend. Carlisle war vermutlich nicht mehr im Büro und er hatte auf Mailbox umgeschaltet. Unschlüssig wog er das Handy in der Hand und steckte es in seine Jeans. Er sah hinüber zu dem Bretterverschlag, in dem Denise verschwunden war. Ian hörte ein Geräusch, etwas Schweres fiel zu Boden, gefolgt von einem kurzen, spitzen Schrei, und dann stöhnte jemand leidend. Er überlegte nicht lange, sprang über die Hecke und hechtete auf die Hütte zu.
„Denise?“, fragte er. „Alles in Ordnung?“
Sie saß auf dem gestampften Lehmboden und hielt sich den Unterarm, das Gesicht war schmerzverzerrt, neben ihr lag eine große schwarze Gartenkugel. „Ich glaube, ich hab mir den Arm gebrochen!“
„Warten Sie, ich helfe Ihnen auf!“ Ian fasste ihr unter die gesunde Schulter und hievte sie hoch. Sie war klein und ein bisschen füllig, dennoch war es für ihn ein Leichtes, ihr aufzuhelfen.
„Danke!“, sagte sie.
Er ließ sie los und sie schwankte gefährlich. „Geht’s?“, fragte er.
Sie nickte, doch ihr blasses Gesicht und ihre wackligen Knie sagten das Gegenteil.
„Na, kommen Sie!“ Ian holte sein Handy wieder hervor. „Rufen wir Ihnen einen Krankenwagen!“
„Nein!“, protestierte sie. „Humanmedizinern traue ich nicht!“
Er zog eine Augenbraue hoch. „Aber der Bruch muss versorgt werden!“ Er wählte die Notrufnummer.
„Bitte nicht!“
Es war etwas in ihrer Stimme, das ihn innehalten ließ. Es klang wie ein Flehen. Überrascht legte er auf und betrachtete sie nachdenklich. Ihre Pupillen waren nicht ganz rund. Doch sie roch nicht nach Wolf. „Warum nicht?“, fragte er.
Sie senkte den Blick und lehnte sich erschöpft an die Bretterwand der Hütte. „Bitte verraten Sie mich nicht!“
„Wem soll ich nichts verraten?“ Er verschränkte die Arme.
„Ich kann nicht in eine Klinik. Sie würden herausfinden, was ich bin.“ Denise fuhr sich mit der gesunden Hand über die Stirn.
„Und was sind Sie?“ Ian trat einen Schritt näher.
Sie wandte den Kopf ab. Er hob ihr Kinn an und zwang sie, ihn anzusehen. Ian hatte sich nicht getäuscht, ihre Augen waren leicht elliptisch. Er las die Panik darin, sie wirkte wie ein gehetztes Tier. Sie war kein Mensch, doch er konnte keinen speziellen Geruch eines magischen Wesens feststellen. Was war sie?
„Bitte nicht!“ Sie schloss die Augen.
„Okay!“ Er rückte von ihr ab.
„Gehen Sie und machen Sie ihr Telefonat.“ Denise versuchte, ihn loszuwerden. Sie schien sich wieder etwas gefangen zu haben.
„Ich kann Sie nicht alleine lassen“, sagte er.
„Doch, das können Sie und sollen Sie! Glauben Sie mir, je eher Sie mich verlassen, desto schneller wird es mir besser gehen.“
Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Das müssen Sie mir erklären!“
„Das, das kann ich nicht!“, stotterte sie.
Er ließ sich nicht verarschen! Irgendwas stimmte nicht mit ihr und er wollte wissen, was. „Raus mit der Sprache!“
„Bitte! Warten Sie vor der Hütte und ich komme gleich nach und erklär es Ihnen.“
Okay – dachte er sich – sie kann aus dem Bretterverschlag nicht flüchten und wenn sie es ihm freiwillig erklären wollte, sollte es ihm nur recht sein. Es war besser, die Leute erzählten von sich aus. Er mochte es nicht, die Wahrheit aus ihnen herauspressen zu müssen.
Er verließ die Hütte und trat ein paar Schritte zur Seite, um sie in Sicherheit zu wiegen, aber ohne den Eingang aus den Augen zu lassen. Er wartete einen Moment. In dem Holzverschlag wurde es mucksmäuschenstill. Ian runzelte die Stirn und kehrte zurück. Er lugte in die Hütte und sah: Nichts! Das Gartenhäuschen war leer! Ihre Kleidung lag auf einem Häufchen in der Ecke. Daraus huschte eine Maus hervor und lief zwischen seinen Beinen hindurch. Ian griff nach ihr, doch der Grizzly machte ihn träge und er erwischte sie nicht. Verdammt! Er war einer Hautwechslerin auf den Leim gegangen. Hautwechsler konnten sich die Haut eines fremden Lebewesens überstreifen und so dessen Gestalt annehmen, also im wahrsten Sinne des Wortes in eine andere Haut schlüpfen.
Ihn fröstelte, wenn er daran dachte, was sie mit der Heckenschere vorgehabt hatte. Hautwechsler konnten auch Menschengestalt annehmen. Ian seufzte, er würde sie so schnell nicht zu fassen bekommen. Durch die Verwandlung war, wie bei allen magischen Wesen, ihr Armbruch mit Sicherheit geheilt.
Er schlenderte langsam zum Haus zurück. Tatjana putzte die Fensterscheiben und lugte neugierig zu ihm herüber. Er hoffte, seine Putzfrau würde ihr nicht zum Opfer fallen. Er schätzte Tatjana und ihr Wert lag auch darin, dass sie die präparierten Nachrichten an die Vampire überbrachte.
Ian rieb sich die müden Augen. Er brauchte Schlaf, doch er musste zuerst die neue Bedrohung in den Griff bekommen. Peters Sportwagen würde ebenfalls warten müssen. Er schnappte sich das Telefon, er konnte auf Carlisles Schönheitsschlaf keine Rücksicht nehmen. Ian brauchte seinen ersten Mann an seiner Seite. Carlisle sollte versuchen, in den nächsten Flieger zu steigen und seinen Hintern hierher nach Alaska zu bewegen. Er rief ihn an und sprach ihm auf die Mailbox, ihr Codewort für den Notfall, dann legte er auf.
Tatjana putzte nach wie vor die Scheiben. Er sollte sie nach Hause schicken, doch das würde sie postwendend den Vampiren berichten. Verdammt, er konnte auch nicht mit Peters Sportflitzer in die Innenstadt verschwinden, denn der ramponierte Wagen wäre ebenfalls ein gefundenes Fressen für den alten Grafen und seine Bande. Und er hatte mit dem Sportwagen seinen SUV eingesperrt. Er musste wohl oder übel im Haus bleiben und warten, bis Tatjana fertig war. Sie war vom Fenster verschwunden und er hörte, wie ein Staubsauger eingeschaltet wurde. Er ging in sein Gebäude zurück, schloss die Terrassentür und prüfte die Fenster. Ein Besuch der Gestaltwandlerin, hier in seiner Wohnung, hätte ihm gerade noch gefehlt. Er stieg müde die Treppe nach oben und schlurfte in sein Schlafzimmer, schloss die Schiebetür hinter sich. Das Bett sah verlockend aus und die Müdigkeit übermannte ihn. Nur fünf Minuten, dachte er sich und ließ sich auf das frisch gemachte Bett fallen. Er schlief sofort ein.
Ian erwachte vier Stunden später und fuhr hoch. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Es war die Haustür, die ins Schloss fiel. Tatjana war gegangen. Er sah auf sein Handy, vierzehn Nachrichten in Abwesenheit. Carlisle war auf dem Weg, er würde in fünfzehn Stunden in Anchorage landen und war im Moment über dem Atlantik. Ian fuhr sich mit der Hand durch das vom Schlaf zerzauste Haar. Er hatte vier Stunden verloren, aber es war auch gut so. Er war erholt und hatte sich verhalten wie nach jedem Vollmond. Tatjana würde Graf D. und seiner Vampirsippe nichts Außergewöhnliches berichten können. Er grinste, warum war ihm die Idee nicht früher gekommen? Doch vermutlich war er zu müde gewesen, um einen klaren Gedanken fassen zu können.
Nachdem Tatjana gegangen war, wartete er fünfzehn Minuten und machte sich dann auf den Weg in den Garten. Ian wollte sich die Hautwechslerin vom Nachbarhaus vornehmen. Er wusste, es war nicht klug, sie allein zu treffen. Ian befürchtete, dass sie in einem unbedachten Moment bei ihm versuchen wurde, ihm die Haut abzuziehen, um sie sich überzustreifen. Sie wäre nicht die Erste, die ihm nach dem Leben trachtete, und gewiss nicht die Letzte.
Die Tür des Nachbarhauses war verschlossen, auf sein Klingeln öffnete niemand und der Garten war leer. Wenn sie in ihrer Mausgestalt umher huschte, würde es für ihn nicht möglich sein, sie zu finden. Feige war sie also auch!
Er seufzte, zog sein Handy aus der Hosentasche und rief in der Werkstatt an, sie würden in zwanzig Minuten einen Abschleppwagen schicken, um Peters Sportwagen zu holen. Ian kehrte in sein Haus zurück, marschierte in die blitzblank geputzte Küche und holte sich ein Glas aus dem oberen Schrank. Er hielt es unter den Wasserhahn in der Spüle, ließ es vollaufen und trank es in einem Zug leer. Der Grizzly lag ihm irgendwie schwer im Magen. Der Bär hatte sich mit ihm verwandelt und Ian hatte keinen Hunger, dafür ein schreckliches Durstgefühl. Und er hatte ein Verlangen nach Honig, wünschte sich etwas Süßes. Er verzog die Lippen, das würde bis zum nächsten Vollmond anhalten, bis er erneut Beute machte oder auch nicht. Er drehte das Glas in den Händen und füllte es ein weiteres Mal.
Er dachte an seine Schwester Iris. Er hatte immer gehofft, dass sie sich von diesem Aufschneider Peter trennen würde. Nun bekamen sie Nachwuchs, was bedeutete, dass sie zusammenbleiben würden, ja zusammenbleiben mussten, bis ihr Junges erwachsen war und auf eigenen Beinen stand. So war es nun mal Sitte bei ihrer Art und wenn Iris etwas heilig war, dann die Wolfsgesetze.
Er betrachtete das Glas in seinen Händen, er hatte es schon wieder geleert. Peter wollte seinen Posten, er sprach es zwar nicht aus, aber unterschwellig merkte Ian deutlich, dass er mit der Situation unzufrieden war. Bald würde sein Schwager Vater werden, bestimmt wollte er für seinen Nachwuchs die Führung im Rudel sichern.
Ian seufzte. Er selbst war Ende zwanzig. Die Lebenserwartung bei ihrer Art war kürzer als die von gewöhnlichen Menschen. Entgegen der Mythologie alterten sie schneller. Mit 50 war man steinalt und er hatte noch nie einen Werwolf über 60 getroffen. Die meisten starben früher, im Kampf gegeneinander. Jeder Werwolf hatte das Recht, seinen Rudelführer einmal im Leben zum Kampf zu fordern. Diese Kämpfe fanden immer an einem Bluemoon statt. So nannte man den seltenen Fall, wenn es in einem Monat einen zweiten Vollmond gab. Er hatte den Bluemoon-Kampf gegen den früheren Leitwolf 2012 gewonnen, ihn dann getötet und das Rudel übernommen. So hatte es das Gesetz gefordert. Das war jetzt sieben Jahre her. Er hatte keine Erinnerung an den Kampf, den er in Wolfsgestalt ausgefochten hatte. Als er am Morgen danach neben seinem toten Gegner erwacht war und man ihm die Leitung des Rudels antrug, hatte er die Bürde übernommen, wohl wissend, dass er eines Tages so enden würde wie sein Vorgänger. Dreimal hatte es in den vergangenen sieben Jahren einen Bluemoon gegeben, dreimal hatte man ihn bisher gefordert und dreimal hatte er gewonnen. Er hatte seine Gegner nicht getötet, nur gedemütigt und gezeichnet. Sie alle trugen die Narben seiner Krallen quer über der Brust. Und er war sich sicher, der Vorschlag, das Feld zu räumen und ins Ausland zu gehen, kam nicht von Iris. Bestimmt steckte Peter dahinter. Sein Schwager wollte ihn aus dem Weg haben und sich selbst in Position bringen, um ihn beim nächsten Bluemoon zum Kampf auf Leben und Tod zu fordern.
Es läutete an der Haustür. Er stellte das Glas in die Spüle und ging zur Tür. Der Abschleppdienst war da. Er öffnete das Garagentor und sah eine Maus aus der Garage flitzen. Blitzschnell griff er nach ihr, seine Sinne hatten sich durch den Schlaf und das Wasser wieder etwas geschärft. Er hielt das pelzige Ding in seiner Faust. Sie strampelte und wehrte sich, versuchte, ihn in den Daumen zu beißen. Er fühlte, wie ihr kleines Herzchen vor Aufregung pochte, doch er umklammerte sie eisern, ohne ihr wehzutun. Der Mann vom Abschleppdienst warf ihm einen irritierten Blick zu, sagte aber nichts. Er lud den Wagen auf den Anhänger und verabschiedete sich. Ian schloss mit einem Knopfdruck das Garagentor und betrachtete die Maus in seiner Faust genauer. Anstatt der erwarteten Knopfaugen waren sie leicht oval. Der Herzschlag hatte sich etwas beruhigt. Ian nahm sie mit ins Haus, setzte sie auf dem Sofa ab, packte den Pelz im Genick und riss ihn mit einem Ruck ab.
Auf seiner Couch saß eine nackte Denise. Sie blickte ihn wütend an, schnappte sich eine karierte Decke und zog sie sich über ihre Blöße. Er hielt ein leeres Mäusefell zwischen seinen Fingern.
„Kann ich es wiederhaben?“ Sie streckte die Hand danach aus.
„Ich denke, fürs Erste werde ich es behalten!“ Ian untersuchte den Pelz genauer. Er war gegerbt, weich und gepflegt.
„Bitte nicht kaputtmachen!“ Denise griff nach dem Mäusefell, dabei verrutschte die Decke und gab einen Blick auf ihre weiblichen Kurven frei. Hastig zog sie das Plaid wieder hoch. Sie hätte diesen Moment nutzen und Ian das Fell entreißen können, doch es war ihr wichtiger, ihren Körper zu verbergen. So konnte Ian mit Leichtigkeit das Pelzchen aus ihrer Reichweite bringen.
„Zuerst werden wir uns unterhalten!“, triumphierend steckte er das Mäusefell in seine Jeanshosentasche.
Sie folgte seinen Bewegungen mit den Augen und schluckte. „Ich wüsste nicht worüber!“ Obwohl sie unter der Decke nackt war, gab sie sich kampfeslustig.
„Zum Beispiel darüber, was eine Hautwechslerin im Haus neben mir macht!“, fragte er unverblümt.
„Mir gefällt die Gegend!“, sagte Denise knapp.
„Wer es glaubt, wird selig!“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Raus mit der Sprache! Wer bist du?“ Er war zum Du gewechselt.
„Denise! Das hab ich doch schon gesagt!“ Sie presste die Lippen zusammen und schwieg.
„Und wie noch?“ Ian war langsam am Ende seiner Geduld. Er hasste dieses störrische Ding auf seiner Couch. Jedes Detail musste man ihr buchstäblich aus der Nase ziehen. Sie versteckte unter der unförmigen Decke einen ausgesprochen weiblichen Körper, der Ian, wie er feststellen musste, dennoch reizte.
„Ferguson!“, presste sie hervor.
„Ferguson?“ Er kniff die Augen zusammen und betrachtete sie genau. „Verwandt mit Magnus Ferguson?“
„Er ist mein Vater!“ Sie senkte den Kopf.
Verdammt! Hier vor ihm saß die Tochter des Anführers der Hautwechsler von ganz Nordamerika. Seine einzige Tochter und Erbin. Soweit er wusste, war der Titel bei den Hautwechslern erblich. Es war egal, ob Mann oder Frau Anführer war, solange er den Namen Ferguson trug. Hautwechsler waren gefährlich, man erkannte sie nicht oder meist erst, wenn es zu spät war. Seit Magnus Ferguson an der Macht war, herrschte zwischen ihm und den verschiedenen Werwolfclans eine Art brüchiger Waffenstillstand. Sie versuchten, sich gegenseitig nicht ins Gehege zu kommen. Wenn seine Tochter in Ians Nähe zog, bedeutete das vermutlich nichts Gutes.
„Und was wollt ihr von mir?“, fragte Ian und ließ sich in seinen Sessel fallen.
„Nichts!“, sagte Denise schlicht.
„Die Tochter des Anführers der Hautwechsler zieht in das Haus neben mir und will nichts? Das glaubst du doch wohl selbst nicht!“
„Ich bin abgehauen! Mein Vater weiß nicht, dass ich hier bin und ich dachte mir, wenn ich im Schatten des großen Ian Carter – Anführer des Rudels von Anchorage – lebe, könnte ich in Sicherheit untertauchen. Ich weiß, dass ihr Wölfe uns nicht leiden könnt und er würde mich bestimmt nicht in eurer Nähe suchen.“ Sie sah ihn mit ihren riesigen, leicht ovalen Augen an.
Ian lehnte sich im Sessel zurück. Versuchte sie, sich bei ihm einzuschmeicheln? Der große Ian Carter, dass er nicht lachte! Nun ja, mit seinen 1,93 Metern war er groß, sie reichte ihm nur bis zur Brust.
Er wusste, dass die Hautwechsler, denen es möglich war, jederzeit in eine andere Haut zu schlüpfen, sein Volk milde belächelten, das sich nur bei Vollmond verwandeln konnte. Hollywood hatte ihre Geschichte verwässert, es gab keine Werwölfe, die mehrere Jahrhunderte alt waren und zu jeder Zeit die Gestalt wechseln konnten, wenn sie es denn wollten. Ohne einen vollen Mond am Himmel lief nichts und die meisten von ihnen starben im Kampf und jung. Er kannte sein Schicksal, doch er würde sich nicht von Fergusons Tochter das Fell über die Ohren ziehen lassen, damit sie in seine Gestalt schlüpfen konnte. Wenn sie mit ihm ein Spiel spielen wollte, würde er mitspielen, aber nach seinen Regeln.
„Abgehauen?“, fragte er. „Aus welchem Grund?“
„Du kennst meinen Vater?“, stellte sie die Gegenfrage.
„Nicht persönlich!“ Ian beobachtete sie. Denise schluckte, sie spielte ihre Sache wirklich gut.
„Ich bin seine einzige Tochter.“ Das wusste er bereits, doch er hörte ihr aufmerksam zu. „Ich bin letzte Woche 25 geworden.“ Sie schluckte abermals.
„Herzlichen Glückwunsch!“, sagte Ian trocken. Sie war drei Jahre jünger als er.
„Danke“, entgegnete sie abwesend. „Aber mir war nicht nach Feiern zumute. Vater eröffnete mir an meinem Geburtstag, dass er den passenden Kandidaten für mich hätte.“
„Kandidaten?“, fragte er.
„Ja, ich soll heiraten, einen Hautwechsler aus Südamerika, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Er hat sogar den Hochzeitstermin bereits festgelegt. In vier Wochen soll ich vor den Altar treten und einem Mann das Ja-Wort geben, der mir fremd ist!“
„Ihr gehört zur gleichen Art, das ist doch schon mal was!“ Ian wollte sie provozieren. Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass ihre Unterlippe zu bibbern begann, sich eine dicke Träne aus ihrem Augenwinkel löste und über ihre Wange kullerte. Ian seufzte innerlich, mit weinenden Frauen konnte er nicht umgehen. Er suchte nach einem Taschentuch, doch er fand keines.
Denise tupfte sich mit dem Zipfel der Decke in den Augenwinkel und verdrängte ihre Emotionen. „Ich will selbst wählen können, das Recht haben, mich frei für jemanden entscheiden zu dürfen!“ Sie versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Ich möchte aus Liebe heiraten!“
„Liebe!“ Ian lachte auf. „Liebe ist ein Luxus, den wir uns als magische Wesen nicht leisten können!“
Sie blickte überrascht auf. „Aber du bist Ian Carter, der Chef des Rudels, du kannst doch jede Frau wählen, die du möchtest.“
War sie tatsächlich so naiv? „Gerade weil ich der Leitwolf bin, kann ich das nicht“, sagte er und blickte sie ernst an. „Wenn du die Verantwortung für dein Rudel übernimmst, kannst du nicht mehr deinem Herzen folgen. Du musst das Rudel über alles stellen! Es geht um Macht und passende dynastische Verbindungen. Wenn ich wähle, dann muss es eine Frau sein, die es schafft, im Rudel ihren Platz als Alphawölfin zu finden, sich zu behaupten und mit mir gemeinsam zum Wohl des Rudels zu kämpfen. Mein Herz wird dabei keine Rolle spielen.“
„Wie traurig!“, sagte Denise.
„Es ist unser Leben und wir sollten die Verantwortung ernst nehmen, die wir tragen. Es heißt ja nicht, dass man nicht abseits der Pfade etwas Spaß haben kann!“ Ian zwinkerte ihr zu.
Sie erwiderte seinen Blick und etwas blitzte in ihren Augen auf. Denise stand vom Sofa auf und hielt die Wolldecke locker mit einer Hand vor ihren Körper. Sie umspielte ihren wohl gerundeten weiblichen Leib und gab ein paar Einblicke, die Ians Phantasie anregten. Sie schritt lasziv auf ihn zu und ließ das karierte Plaid langsam auf den Boden gleiten. Er sog scharf die Luft ein, griff nach ihr und zog sie auf seinen Schoß.
„Meinst du so?“, fragte sie und ihre Hände wanderten unter sein T-Shirt.
„Ja“, sagte er heiser und schluckte. Ihr weicher Körper an seinem weckte seine animalischen Instinkte, die auch in seiner menschlichen Form gleich unter der Oberfläche schlummerten.
Ihre Hände wanderten tiefer und glitten über den Bund seiner Jeans. „So?“, fragte sie keck und leckte sich die Lippen.
„Ja!“ Er schloss die Augen und überließ sich ihren Fingern, die sich suchend weiter vortasteten.
„Schade!“, sagte sie unvermittelt. „Ohne Gefühl geht bei mir gar nichts!“
Er spürte schlagartig keine Berührung mehr und öffnete benommen die Augen. Die kleine Maus huschte durch die Terrassentür ins Freie und verschwand.
„Verdammtes Biest!“, flüsterte er. Sie hatte sich ihr Fell aus seiner Jeanshosentasche geholt. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Das würde sie ihm büßen!
