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Zeiten des Umbruchs verlangen mutige Entscheidungen Koblenz in den Goldenen Zwanzigern: Die Firma des einstmals erfolgreichen Süßwarenfabrikanten Felix Dorn steht kurz vor dem Bankrott. Sein Sohn Eric, der traumatisiert aus dem Krieg zurückgekehrt ist, zeigt kein Interesse daran, sich um das Geschäft zu kümmern. Ganz anders seine Tochter Ella, die mit einer neuen Idee den einstigen Wohlstand der Familie zurückerobern möchte – gegen den Willen ihrer Verwandten, die andere Pläne mit ihr haben. Sie will sich auf Schokolade spezialisieren, ein Luxusgut, das großen Gewinn verspricht ... Der große Traum einer jungen Chocolatière – der Auftakt einer opulenten Familiensaga
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover & Impressum
teil 1
1
Oktober 1924
2
Dezember 1924
3
Januar 1925
4
März 1925
5
Mai 1925
6
Juni 1925
teil 2
7
November 1925
8
Dezember 1925
9
Februar 1926
10
April 1926
11
Juni 1926
teil 3
12
August 1926
13
November 1926
14
Dezember 1926
15
Februar 1927
16
April 1927
Personen
Wie gefällt es dir?« Ella drehte sich im Kreis, sodass ihr Bruder die schimmernde Abendrobe von allen Seiten bewundern konnte. Elfenbeinfarbene Seide, die sich an ihren Körper schmiegte, indes lange, gebogene Federn in derselben Farbe, gehalten von einer perlenbesetzten Spange, einen aufregenden Kontrast zu ihrem dunklen, kinnlangen Haar bildeten.
»Und du willst dir dieses Spektakel wirklich antun?«, fragte Eric.
»Ein wenig muss ich ihnen entgegenkommen, wenn ich will, dass sie uns endlich in Ruhe lassen.«
»Und du tust das nicht womöglich, weil du gern tanzt?«
»Das ist lediglich die angenehme Dreingabe.«
Eric, der mit einem Glas in der Hand auf dem Sofa saß, die Beine lässig ausgestreckt und übereinandergeschlagen, sah sie eine Weile schweigend an. »Du siehst bezaubernd aus. Aber das weißt du ohnehin schon.«
»Ich höre es trotzdem immer wieder gerne.« Ihre Tante Elisabeth hatte ihr das Kleid geschenkt, damit sie etwas Passendes und Modernes für die Ballnacht hatte. »Und du willst wirklich nicht mitkommen?«
»Oh, ganz gewiss nicht. Mir reichen die Momente, wenn ich diese Leute hier um mich herum ertragen muss.«
Elisabeth Dorn hatte ihre Drohung wahr gemacht und besuchte sie in der Tat regelmäßig, um »nach dem Rechten« zu sehen. Als seien Ella und Eric Kinder, deren Eltern verreist waren. Allerdings kam sie seltener als befürchtet, denn sie war mit ihren eigenen Belangen ausreichend beschäftigt, wie sie stets betonte.
»Was wirst du heute Abend tun?«, fragte Ella.
»Mal sehen. Vielleicht lese ich ein Buch, oder aber ich ziehe um die Häuser. Wie kommst du heim?«
»Onkel Heinrich schickt mir einen seiner Wagen.«
»Hochherrschaftlich«, spöttelte Eric, und in seinen grünbraunen Augen tanzte ein Lachen, was ein so seltener Anblick geworden war, dass Ella diesen Moment gerne eingefangen und festgehalten hätte, um ihn hervorzuholen, wenn es gar zu schlimm wurde mit seinem Versinken in der Dunkelheit. Wenn er mit ihr die Unterlagen für das Werk durchging, dann war es ebenfalls so, als sei die Finsternis für eine Weile gebannt, und es flackerte jener Eric hindurch, den sie von früher kannte.
Das Werk. Ella hatte eigentlich nicht daran denken wollen, denn schon war das in den Winkeln ihres Bewusstseins lauernde Unbehagen hervorgekrochen und hielt sich mit kleinen Widerhaken in ihr fest. Sie war nach ihrem Besuch vor sechs Wochen kein weiteres Mal mehr dort gewesen. Stattdessen hatte sie versucht, die Firmenberichte zu verstehen, aber da ihr die genauen Kenntnisse fehlten, war dies überaus mühsam und langwierig gewesen. Immerhin zeigte Eric sich geduldig und erklärte es ihr in allen Details.
Entschieden schob Ella jeden Gedanken daran beiseite. An diesem Abend wollte sie sich amüsieren. Das letzte Mal war schon viel zu lange her. Sie drehte sich erneut vor dem Spiegel, fing dabei flüchtig den Abglanz von Erics Lächeln auf, das im nächsten Moment schon wieder schwand, als fehle ihm der Halt in seinem Gesicht. Ella hatte sich die dunklen Augen mit schwarzem Kajal geschminkt, die Wimpern getuscht und dunkelroten Lippenstift aufgelegt, was eine nahezu dramatische Wirkung hatte.
»Tante Elisabeth fällt in Ohnmacht«, prophezeite Eric.
Ella klimperte in gespielter Übertreibung mit den Wimpern. »Schockierend und umwerfend – genau so soll es sein.«
Jetzt musste er doch lachen, und er zwinkerte ihr zu. »Übertreib es nicht, sonst steht sie hier täglich Gewehr bei Fuß.«
»Gott bewahre!«
Es läutete, und kurz darauf trat das Stubenmädchen ein, um die Ankunft des Chauffeurs von Heinrich Dorn zu melden. Ella warf ihrem Bruder eine Kusshand zu und war zur Tür hinaus. Die Eingangshalle war so kalt, dass Ella eine Gänsehaut über die Arme kroch, sobald sie den Salon verlassen hatte. Das Stubenmädchen stand mit dem Mantel bereit und half ihr hinein, legte ihr den Schal um den Hals und reichte ihr die Handschuhe.
»Danke, Doris.«
Ella trat in die winterliche Kälte. Morgens hatte es geschneit, aber der Schnee war teilweise schon wieder weggetaut und sammelte sich als grauer Matsch an Straßenrändern und Bürgersteigen. Fröstelnd ging Ella die geschwungene Treppe hinunter in den Hof, wo der Wagen in das Rondell gefahren war und dort auf sie wartete. Der Chauffeur stand daneben und öffnete ihr die Tür.
»Guten Abend. Albert Thomasen, zu Ihren Diensten, gnädiges Fräulein.«
Er war noch recht jung und musste neu im Haushalt ihres Onkels sein. Ella erwiderte den Gruß und stieg ein. Im Wagen war es kaum wärmer als draußen, aber immerhin windgeschützt. Dennoch war sie durchgefroren, als das Automobil endlich vor dem Haus Heinrich Dorns vorfuhr.
Ein kalter Wind strich über den Hof und trieb schwere Tropfen Schneeregen mit sich. Ehe sie aus dem Wagen stieg, zog sie sich den Schal schützend über das Haar und beeilte sich, das Stück vom Hof bis zum überdachten Hauptportal hinter sich zu bringen. Weitere, zeitgleich mit ihr eingetroffene Gäste taten es ihr gleich und beeilten sich, dem ungemütlichen Wetter rasch den Rücken zu kehren. Lichtkegel von einfahrenden Automobilen mischten sich mit dem bleichen Schimmer der Hoflaternen, indes sich der Schneeregen auf dem gepflasterten Hof in glitschige Schlieren verwandelte.
Die Treppe war im Halbrund angelegt mit länglichen flachen Stufen. Eine ältere Dame glitt aus, und reflexhaft umfasste Ella ihren Ellbogen, womit sie ihren Sturz gerade noch verhinderte.
»Ach, vielen Dank, mein Kind.« Die Dame fing sich rasch wieder, lächelte sie an und setzte den Weg dann fort, wobei sie nun langsamer ging und sorgsam auf die Stufen zu achten schien.
Die Wärme in der Eingangshalle war erst angenehm und ließ im nächsten Augenblick das Blut in ihren Wangen kribbeln. Ella streifte sich den Schal vom Haar, ließ den Mantel von ihren Schultern gleiten, den ihr ein livrierter Diener umgehend abnahm. Sie reichte ihm den Schal, zupfte die bis über die Ellbogen reichenden Handschuhe zurecht und schritt langsam durch die Halle.
Onkel Heinrich stand mit seiner Frau Isolde am Fuß der herrschaftlichen Treppe und begrüßte jeden Gast persönlich. Er lächelte Ella jovial an. »Wie schön, dass du gekommen bist, meine Liebe.«
Seine Frau wiederholte dies wortwörtlich und fügten noch einen Kuss auf die Wange hinzu.
»Wo ist Eric?«, fragte Heinrich Dorn.
»Ihm war nicht ganz wohl.«
Ihr Onkel schüttelte daraufhin lediglich den Kopf. »Dann amüsiere wenigstens du dich.«
»Das werde ich gewiss.« Langsam ging Ella in den großen Salon, wo sich bereits eine beeindruckende Gästeschar bedeutsamer Leute mit Rang und Namen eingefunden hatte. Die meisten von ihnen kannte Ella, und so verbrachte sie die erste halbe Stunde damit, Fragen nach ihrem Befinden zu beantworten und nebulösen Andeutungen zu dem ihres Bruders zu lauschen. Ihre Tante Elisabeth reagierte in der Tat etwas verkniffen angesichts Ellas wenig dezentem Auftritt. Offenbar hatte sie sich mehr Zurückhaltung gewünscht. Die Begegnung mit ihrem Onkel Georg und seiner Frau war indes noch weniger erfreulich, denn seine Missbilligung wegen ihres eigenmächtigen Versuches, in der profanen Welt der Männer mitzumischen, hatte ihn sehr verärgert, und es war ihm offenbar ein Anliegen, dass ihr dieser Umstand bewusst blieb.
Als auch diese ermüdende Begegnung überstanden war, schlenderte Ella durch den Salon, lauschte der leisen Musik von der rückwärtigen Halle, wo zum Tanz aufgespielt wurde, und genoss die kurzen Momente, in denen sie keine freundliche Konversation machen musste. Einen Moment noch wollte sie hier stehen, in den finsteren Garten schauen, den das Licht von der Veranda nur schemenhaft erhellte, ehe es sich gänzlich verlor. Einen Moment noch, und dann würde sie tanzen, bis ihr schwindlig wurde.
»Na so etwas. Ella!« Helene konnte sich noch so sehr bemühen, ihrem Versuch, erfreutes Erstaunen vorzuheucheln, haftete einfach ein zu großer Missklang an.
Dennoch lächelte Ella, als sie sich von den hohen Fenstern weg zu ihr umdrehte. Ihre Cousine hauchte zwei Küsse neben ihren Wangen in die Luft und wandte sich dann zu dem Mann an ihrer Seite um.
»Sebastian, das ist meine Cousine Ella Dorn. Ella, mein Verlobter, Sebastian Lombard.«
Ella neigte den Kopf. »Es ist mir ein Vergnügen.«
»Ganz meinerseits.« Um seine Lippen lag ein Ausdruck spöttischer Belustigung, und unwillkürlich fragte Ella sich, was Helene ihm wohl über sie erzählt haben mochte. Die Art, wie ihre Cousine sie ansah, bestätigte die Vermutung über den Grund dieser belustigten Überheblichkeit. Es war wohl an der Zeit, die Krallen auszufahren und die Hierarchie zu klären.
Ella sah Helenes Verlobten an. Er war hochgewachsen und sah ziemlich gut aus, hatte grünblaue Augen und Haar in der Farbe von Honig. Die beiden gaben ein schönes Paar ab, auch in der Art, wie sie dastanden und so arrogant und überlegen wirkten. Ein Lächeln spielte um Ellas Mund, teilte ihre Lippen gerade ausreichend, um ihre Zähne hindurchschimmern zu lassen, geheimnisvoll hintergründig. Der Ausdruck blasierter Eleganz in Sebastian Lombards Miene wich einen kurzen Moment lang Irritation, und dann, als habe er das Spiel durchschaut, erwiderte er das Lächeln, legte eine Spur von Anzüglichkeit hinein, als wolle er verdeutlichen, dass er das Spiel, das sie gerade versuchte, durchaus in Perfektion beherrschte.
Das alles währte nur die Dauer einiger Wimpernschläge, aber Helenes aufmerksamem Blick war es natürlich nicht entgangen. Ihre Augen hatten sich kaum merklich verengt, und ihr Mund verzog sich zu einem entzückenden Lächeln. »Ich habe gehört, du hast versucht, die Geschäfte deines Vaters zu leiten?«
Ella zuckte nur mit den Schultern. »Ich habe nach dem Rechten gesehen.«
Wieder war da der Ausdruck unverhohlener Belustigung auf Sebastian Lombards Gesicht. Ganz zweifellos hatten sie darüber gesprochen und sich dabei amüsiert.
»Ich hoffe sehr, dass ihr endlich wieder zu Geld kommt«, entgegnete Helene nun, »wenngleich es mir natürlich nichts ausmacht, dir meine abgelegten Kleider zu geben. Dieses hier steht dir übrigens großartig, ich hatte letzte Saison wunderbare Erfolge damit.«
Ella spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, und es gelang ihr nur mit äußerster Anstrengung, das Lächeln nicht von den Lippen rutschen zu lassen. Mit einem leichten Neigen des Kopfes verabschiedete sich ihre Cousine von ihr und ging mit ihrem Verlobten auf die breite Flügeltür zu, die zu der Halle führte, in der gerade ein Walzer gespielt wurde.
Zögernd warf Ella einen Blick zum Fenster, das ihr die eigene Gestalt in einem sehr blassen Spiegelbild zurückgab. Das elfenbeinfarbene Kleid, in dem sie sich so elegant und mondän gefühlt hatte, das ihre schlanke Gestalt betonte und so wundervoll mit Haaren und Augen kontrastierte. Nun konnte sie nicht anders, als es sich an Helene vorzustellen, und als sie langsam den Blick wandte, fragte sie sich, wie viele der Gäste es aus der letzten Wintersaison wiedererkannten. Und selbst wenn nicht, dann würden die, die nahe genug gestanden hatten, um Helenes Worte zu hören, dafür sorgen, dass es die Runde machte. Am liebsten hätte Ella sich das Kleid vom Leib gerissen, die schockierten Blicke gesehen, wenn sie das hier vor den Augen aller täte.
Sie drehte sich und begegnete dem Blick der älteren Dame, der sie kurz zuvor auf der Treppe geholfen hatte. Die Frau betrachtete sie aufmerksam. Vermutlich hatte sie es ebenfalls gehört. Ella Dorn, die arme Verwandte, die ein Unternehmen leiten wollte, sich jedoch nicht einmal ein Kleid leisten konnte und das ihrer Cousine auftrug. Abrupt wandte Ella den Blick von ihr ab und sah zur Tür. Unmöglich, jetzt tanzen zu gehen, ausgelassen und fröhlich zu sein.
Die Umstehenden ignorierend hob Ella das Kinn und schritt durch den Salon zum Türbogen, der in die Eingangshalle führte. Onkel Heinrich und Tante Isolde hatten sich mittlerweile unter die Gäste gemischt, was ihr nur recht war. Auf keinen Fall wollte sie nun noch irgendwelche Erklärungen abgeben. Der Hausdiener reichte ihr Mantel und Schal, öffnete ihr die Haustür und wünschte ihr freundlich einen schönen Abend. Wenn ihn ihr früher Aufbruch verwunderte, so zeigte er es als gut geschulter Hausangestellter nicht.
»Sagen Sie dem Chauffeur der gnädigen Herrschaften, er möchte mich heimfahren.«
»Wie Sie wünschen, gnädiges Fräulein.«
Aufatmend trat sie hinaus und sog die frische Luft in langen Zügen ein. Dann ging sie hinunter in den Hof und wartete. Der Chauffeur erschien nur kurze Zeit später, ein Lied vor sich hin pfeifend, womit er aufhörte, als er Ella bemerkte.
»Wo soll es hingehen, gnädiges Fräulein?«
»Nach Hause bitte.«
»Ganz, wie Sie wünschen.«
Er tippte sich an den Hut und trat in die Remise, wo die Automobile der Familie standen. Kurz darauf fuhr er vor, stieg aus, öffnete ihr die Tür und schloss sie hinter ihr wieder. Im Wagen und den Blicken der Menschen entzogen stieß sie einen tiefen Atemzug aus und lehnte den Kopf zurück.
Als sie an der elterlichen Villa ankam, eilte Ella die Stufen hoch, schlug den Türgong an, und kurz darauf öffnete Eric ihr die Tür.
»Na, das war ja ein kurzes Vergnügen.«
Ella ließ den Mantel von den Schultern gleiten, reichte ihn wortlos mitsamt Schal ihrem Bruder und ging zur Treppe.
»Waren sie garstig zu dir?«
Einen Moment lang hielt sie inne, nickte knapp und setzte ihren Weg fort. Sie warf die Zimmertür hinter sich ins Schloss und zerrte an den winzigen Knöpfen, die das Kleid im Rücken zusammenhielten. Einer löste sich und kullerte über die dunklen Dielen, indes Ella sich immer ungeduldiger daranmachte, sie zu öffnen. Sie streifte sich das Kleid von den Schultern, ließ es zu Boden fallen und hob es auf, wollte es mit einer Schere zerschneiden und in den Ofen stopfen, hielt dann jedoch inne.
Aufmerksam betrachtete sie das Kleid. Mit ihm hatte sie endlich ihr gesellschaftliches Leben wiederaufnehmen und sich amüsieren wollen. Sie ging in ihr Ankleidezimmer, öffnete den Kleiderschrank und nahm einen der satinüberzogenen Bügel heraus, ließ das Kleid daraufgleiten und hängte es auf.
Sebastian neigte den Kopf, was auf einen unbeteiligten Zuschauer wirken musste, als teile er gerade ein delikates kleines Geheimnis mit seiner Verlobten. Offenbar war auch Helene in Erwartung eines solchen, dafür zumindest sprach das Lächeln, mit dem sie ihn bedachte. »Wenn du dir eine Zukunft als meine Ehefrau erhoffst, die zu mehr taugt, als nur eine finanziell lohnenswerte Verbindung zu sein«, sagte Sebastian sehr ruhig und beherrscht, »dann wirst du nie wieder einen derart peinlichen Auftritt hinlegen.«
