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Koblenz 1952: Nach dem Tod ihres Bruders hadert die junge Krankenschwester Fenja mit sich selbst. Eigentlich wollte sie Medizin studieren, doch nun steht sie als Alleinerbin der Schokoladenmanufaktur ihres Vaters vor einer Aufgabe, die sie kaum bewältigen kann. Das Familienunternehmen hat im Krieg gelitten und kann nur unter massiven Einbußen weitergeführt werden. Gemeinsam mit ihrem Cousin Felix, der sich entgegen den Wünschen seines Vaters zum Konditor hat ausbilden lassen, und seiner Verlobten Amelie will sie das Unternehmen in moderne Zeiten führen. Als sich Fenja und Amelie dann jedoch beide in den Hotelerben Lennart verlieben, bringt diese Konkurrenz beinahe alles zu Fall, und die Zukunft des Unternehmens steht auf dem Spiel ...
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Veröffentlichungsjahr: 2020
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Cover & Impressum
Personen
Teil 1
1 – Januar 1953
2 – März 1953
3 – April 1953
4 – Mai 1953
5 – Juli 1953
6 – September 1953
Teil 2
7 – Februar 1954
8 – März 1954
9 – Juni 1954
10 – Juli 1954
11 – August 1954
12 – Oktober 1954
Teil 3
13 – Januar 1955
14 – April 1955
15 – Mai 1955
16 – Juni 1955
17 – Juli 1955
18 – August 1955
19 – Oktober 1955
Epilog
Eric, Eigentümer einer Süßwarenfabrik, Ellas Bruder
Clara, seine Ehefrau
Jochen (†), ihr Sohn, gestorben an den Folgen einer Kriegsverletzung
Fenja, ihre Tochter
Tobias (†), ihr Sohn, gestorben während der Bombardierungen
Hans, Erics und Ellas Cousin
Gideon, sein Sohn
Frank, sein Sohn, Gideons Zwillingsbruder
Sebastian,Eigentümer einer Firma für Gewürze
Ella (geb. Dorn), seine Ehefrau, Erics Schwester
Felix,ihr Sohn
Lukas, ihr Sohn
Arvid, Hotelier
Helene (geb. Dorn), seine Ehefrau, Hans’ Schwester
Lennart, ihr Sohn
Karina, ihre Tochter
Amelie Mosler, Felix’ Verlobte
Louise Hermanns, Ellas beste Freundin
Lena Hermanns, Louises Tochter
Monika Greif, Angestellte in der Süßwarenfabrik Dorn
Paula Weiden, Angestellte im Rosenpalais
Berta Gladeck, Angestellte im Schokoladenpavillon
Januar 1953
Fenja wurde von lauten Schreien geweckt, und im ersten Moment war sie desorientiert, tastete sich blinzelnd in die Wirklichkeit. Sie richtete sich auf, strich das wirre Haar zurück, während die Schreie andauerten. Schritte eilten über den Korridor. Ihre Mutter. Obwohl Fenja wusste, dass sie nun beruhigt weiterschlafen konnte, stand sie dennoch auf und ging zur Tür, öffnete sie und trat hinaus in den Korridor. Die Tür zum Zimmer ihres Vaters war einen Spalt weit geöffnet, ein Lichtschimmer fiel heraus. Ihr Vater schlief nie ohne Licht. Als Kind hatte sie darüber gekichert, weil sie selbst so viel furchtloser war. Die Wahrheit dahinter war ihr erst später aufgegangen.
Die beruhigende Stimme ihrer Mutter war zu hören, die Schreie verstummten, gingen über in ein Schluchzen. Langsam stieß Fenja den Atem aus, verharrte einen Moment lang und kehrte zurück in ihr Zimmer, wo sie jedoch feststellte, dass an Schlaf nicht zu denken war. Zu viele Erinnerungen hatten die Schreie in ihr aufgewühlt, zu vieles, an das sie kaum denken mochte, ohne sich wie unter Schmerzen zu krümmen.
Fenja verließ das Zimmer erneut, dieses Mal mit dem Ziel, in die Küche zu gehen und sich eine heiße Schokolade zuzubereiten. Sie stellte einen Topf Milch aufs Feuer, raspelte dunkle Schokolade hinein und rührte fortwährend, beobachtete, wie die Schokolade sich auflöste. Schließlich gab sie Gewürze hinzu, eine Mischung, die ihre Tante Ella entworfen hatte und deren Geheimnis sie niemandem preisgeben wollte, nicht mal ihr, Fenja. Sie goss die Schokolade in eine Tasse, setzte sich damit an den Tisch. Ihre Finger schlossen sich um das Steingut, wärmten sich daran. Nutzlose Hände, die nach dem Krieg so viele Menschen im Krankenhaus versorgt und doch diesen einen daheim nicht hatten retten können.
Ihr kleiner Bruder war gestorben, als die Stadt bombardiert worden war, ihr älterer Bruder Jochen war kurze Zeit später aus dem Krieg zurückgekehrt, Granatsplitter überall im Körper. Die Ärzte hatten ihm einen schnellen Tod prognostiziert, aber davon hatten weder Fenja noch ihre Eltern etwas wissen wollen. Und aus dem schnellen Tod war ein langes Leiden geworden, ein Dahinsiechen, von Ärzten und der liebenden Schwester immer wieder verlängert. Hätte sie ihn von den Toten zurückholen können, um weiterhin zu versuchen, ihn am Leben zu erhalten, hätte sie es getan. Weil sie nicht klein beigeben wollte. Weil sie wollte, dass alles wurde wie früher, als er ihr lustiger Bruder war, den sie so unbändig liebte.
»Das ist doch kein Leben«, hatte ihre Mutter gesagt, als Fenja neben Jochen am Bett saß.
Er hatte Angst vor dem Tod gehabt, hatte ihn sich als gieriges Tier vorgestellt, das über Jahre an ihm zehrte, bis kaum mehr etwas von ihm übrig geblieben war. Und dann war der Tod sanft gekommen, war das, was man als Entschlafen bezeichnete. Unter Fenjas Händen hatte das Herz aufgehört zu schlagen, als dem letzten sachten Ausatmen kein weiteres Einatmen mehr folgte. Und mit ihm war Fenjas Wunsch, Ärztin zu werden, gestorben.
»Du musst irgendwie weitermachen«, hatte Tante Ella gesagt. »Ihr alle müsst es.«
»Du hast ja keine Ahnung«, war Fenjas Antwort gewesen. »Du hast deine beiden Söhne bei dir. Gesund und unversehrt.«
Sechs Monate war Jochens Tod nun her, sechs Monate, in denen ihr Vater nahezu jede Nacht schrie. In diesen Schreien lag so viel Grauen, so viel Schmerz, dass Fenja ihn fast körperlich zu spüren glaubte. Jochen war zum Kriegsende hin eingezogen worden, obwohl er noch so jung gewesen war. Aber man hatte jeden Mann gebraucht. In ihrer Kindheit hatte Fenja es nie so richtig wahrgenommen, wenn ihr Vater schreiend wach wurde, Kinder hatten einen anderen Schlaf als Erwachsene. Früher war es auch seltener gewesen, da hatten ihn vielmehr Albträume geplagt, aber laut ihrer Mutter hatte sich das mit den Jahren gebessert. Bis vor einem halben Jahr.
Sie fror bei dem Gedanken an Jochen, obwohl es in der Küche, dank der modernen Heizanlage, angenehm warm war. In den letzten Kriegsjahren und in der ersten Zeit nach dem Krieg, als es an allem gemangelt hatte, hatten sie immerzu gefroren und gehungert, hatten sich Kohlen und Essen über den Schwarzmarkt besorgt, was mit hohen Strafen geahndet wurde, so man sie erwischt hätte. Danach hatte ihre Mutter gesagt, sie wolle nie wieder frieren und hungern. Also wurde immerzu geheizt, den ganzen Winter hindurch. Geld hatten sie genug, und lieber hatte man es warm, als dass es auf der Bank vor sich hin rottete, sagte ihre Mutter.
Schritte waren zu hören, und Fenja blickte auf.
»Habe ich dich geweckt, mein Liebes?«, fragte ihr Vater.
»Nein, schon gut. Ich konnte einfach nicht schlafen. Möchtest du auch eine heiße Schokolade?«
»Ein Kaffee, wenn du so lieb wärst.«
»Um diese Zeit?«
»Ich werde heute ohnehin kein Auge mehr zutun.«
»Ach, Papa …« Sie zögerte, dann erhob sie sich und begann, Bohnen zu mahlen. Der Duft nach Kaffee erfüllte die Luft, und wüsste Fenja nicht, dass sie danach nicht mehr würde schlafen können, würde sie selbst auch eine Tasse trinken.
»Wir müssen uns überlegen, wie es jetzt weitergeht«, sagte ihr Vater.
Fenja brühte Wasser auf. Ihr Vater mochte Kaffee am liebsten per Hand aufgegossen und nicht aus der modernen Kaffeemaschine. »Ich dachte, das wäre klar.«
»Ich möchte nicht, dass du denkst, wir laden alles auf deinen Schultern ab.«
»Das denke ich nicht.«
»Du kannst immer noch Ärztin werden.«
Das konnte sie nicht. Jochens Tod hatte ihr Leben aus der Bahn geworfen, auf mehr als eine Weise. Diese Hilflosigkeit dem Sterben gegenüber, die Unfähigkeit, auch nur Linderung zu verschaffen, all ihre Versuche, ihn am Leben zu erhalten, das doch nur fortwährendes Leiden war … Fenja schüttelte den Kopf. »Felix hilft mir, das hat er versprochen.«
»Ich dachte, es stünde fest, dass er den Gewürzhandel übernimmt.«
»Er möchte das nicht, und Ella unterstützt ihn darin.«
»Und ficht harte Kämpfe mit Sebastian aus?«
»Das hat sie immer schon getan, die beiden können doch gar nicht anders.«
Ihr Vater nickte, und für die Dauer eines Lidschlags huschte ein Lächeln über sein Gesicht, eine flüchtige Erinnerung.
Fenja goss den Kaffee auf und brachte ihrem Vater die Tasse. »Es bleibt dabei, ich mache das.«
»Du magst Schokolade nicht einmal.«
Sie hob den Becher. »Ich bin lernfähig.«
Wieder dieses kurze Lächeln, dieses Mal ihr geschuldet und nicht der Vergangenheit. »Ich weiß nicht, wie weit ich dir helfen kann.«
»Das brauchst du nicht. Wir haben Mitarbeiter, die nur dazu da sind, mit Zahlen zu jonglieren.«
Dabei war sich Fenja ihrer Sache bei Weitem nicht so sicher, wie sie tat. Sie war vierundzwanzig, hatte ein sehr gutes Abitur gemacht, aber überhaupt keine Ahnung von Betriebswirtschaft. Schokolade hatte sie nie interessiert, und nun stand sie im Begriff, die Verantwortung für das Familienunternehmen, die Süßwarenfabrik der Dorns, zu übernehmen, die ihre Tante Ella in den Zwanzigerjahren vor dem Verfall gerettet hatte, indem sie daraus eine Schokoladenmanufaktur machte. Schon während des Krieges war die Fabrik wieder auf Süßwaren und süßes Gebäck umgestellt worden, damit sie weiterhin Gewinne abwarf, denn Schokolade war ein knappes Gut geworden. Fenja trank ihren inzwischen nur noch lauwarmen Kakao, sah ihren Vater an, der an seinem Kaffee nippte. Seine Augen waren dunkel umschattet, eine Folge beständiger Schlaflosigkeit. Wenn ihr das schon bei seinem Kind nicht gelungen war, so würde sie wenigstens sein Unternehmen retten.
Felix hatte die Diskussion bereits kommen sehen, sein Vater erließ sie ihm grundsätzlich nicht, wenn sich abzeichnete, dass der älteste Spross sich so gar nicht in die gewünschte Form gießen ließ. Da hatte er es, selbst seine gedanklichen Metaphern waren beeinflusst von Schokolade. Aus ihm würde nie ein Gewürzhändler werden – zumindest nicht, solange man Schokoladenbohnen nicht als solche deklarierte.
»Die Verantwortung als Ältester und somit Haupterbe sollte dir bewusst sein«, sagte sein Vater. »Wir haben ein Unternehmen zu führen, eines, das über Generationen aufgebaut wurde. Und das willst du für eine Liebhaberei aufs Spiel setzen?«
»Liebhaberei?«, fuhr seine Mutter auf. Im Grunde genommen brauchte Felix diese Diskussion überhaupt nicht zu führen, er konnte sich einfach zurücklehnen und sie geschehen lassen.
»So war das nicht gemeint«, beschwichtigte sein Vater sie.
»Dann sag es auch nicht so.« Ihre Stimme hatte sich um mehrere Nuancen abgekühlt. »Warum überhaupt ist meine Chocolaterie weniger wert als dein Gewürzunternehmen?«
»Das habe ich doch überhaupt nicht gesagt.«
»Wenn Felix sich darum bemüht, dann ist das doch sehr lobenswert. Immerhin würde auch ich mein Werk gerne an eines meiner Kinder weitergeben, eines, das mit Herzen bei der Sache ist.«
»Er kann das ja gerne nebenher machen, aber …«
Wieder falsch, werter Vater, dachte Felix.
»Nebenher?«, fuhr Ella Lombard auf.
»Ich meinte …«
»Mir ist klar, was du meinst. Meine Arbeit ist schlicht und ergreifend nicht wichtig genug, weil es eine weibliche Liebhaberei ist.«
»Ella, ich …«
Sie knallte die Serviette auf den Tisch und erhob sich. »Esst nur ohne mich, mir ist der Appetit vergangen.«
Sebastian Lombard sah seiner Frau nach, indes Felix’ Bruder Lukas, der die ganze Zeit schweigend dagesessen hatte, lediglich die Brauen hob.
»Bist du jetzt zufrieden, ja?«, wandte sich Sebastian Lombard an Felix.
»Ich? Ist das etwa meine Schuld?«
»Du musstest mit diesem Unfug ja wieder beim Frühstück anfangen.«
»Mit Verlaub, Vater, aber meine Zukunft ist mitnichten Unfug. Außerdem hast du den Disput begonnen, nicht ich.«
Sebastian Lombard trank seinen Kaffee, taxierte Felix über den Rand der Tasse hinweg, sah dann zur Tür, als überlegte er, wie er sich mit seiner Ehefrau aussöhnen sollte. Schließlich wandte er sich wieder an Felix. »Fenja wird das Unternehmen ihres Vaters übernehmen, obwohl sie andere Pläne hatte. Aber die stellt sie zurück für die Familie.«
»Du weißt ganz genau, warum sie keine Ärztin mehr werden möchte. Ich persönlich finde das übrigens falsch, das habe ich ihr auch gesagt, aber da lässt sie nicht mit sich reden. Frag mal Lukas, mit wie viel Ambitionen er sein Medizinstudium fortsetzen würde, wenn ich ihm nach dem Krieg nach nahezu sieben Jahren Siechtum unter den Händen weggestorben wäre.«
Im Gesicht seines Vaters zuckte es. Krieg. Das war etwas, das tief in ihm saß und über das er nie sprach. Er war darüber nicht krank geworden wie Fenjas Vater, Onkel Eric, aber als man Felix eingezogen hatte, hatte er eine Zeit lang aufgehört zu sprechen, hatte schier keine Worte gefunden. All die Bilder mussten zu der Zeit wieder hochgekocht sein. Dabei war Felix nur die letzten beiden Kriegsjahre dabei gewesen, aber diese Erinnerung reichte ihm für alle Zeiten. Nie wieder, so dachte er, durfte so etwas geschehen. Felix war in dem System erzogen worden, das zum Krieg geführt hatte, hatte erst spät angefangen, Dinge zu hinterfragen. Mit zehn zum Jungvolk, mit zwölf in die Hitlerjugend, vorgeschlagen für die SS, weil er so spurte, so gut dabei war. Seinen Eltern war das überhaupt nicht recht gewesen, aber der Einfluss der Kameraden war stärker gewesen. Was ihm am Ende die Augen geöffnet hatte, wusste er selbst nicht so recht. Vielleicht hatte er irgendwann einfach über den Tellerrand hinausgesehen.
Er erhob sich. »Wenn du möchtest, sehe ich mir deine Geschäftsberichte heute Abend an, Vater. Aber ich setze mich nicht den ganzen Tag in dieses Büro.«
Wieder zuckte es in Sebastian Lombards Gesicht, dieses Mal jedoch aus Unwillen. Aber er sah wohl auch ein, dass er sich fürs Erste geschlagen geben musste. Warum durfte Lukas tun, was ihm beliebte, und Arzt werden, während man Felix’ Leben praktisch von Geburt an vorgezeichnet hatte? Das war doch nicht gerecht.
»Ich kann ihn verstehen«, sagte Fenja, die auf einem Stuhl im Fertigungsraum des Rosenpalais saß und Felix bei der Arbeit zusah. Hier wurden Pralinen und Trüffel angefertigt, und seit jeher war dieser Raum für Fenja das Herz der Chocolaterie. Felix hatte seinerzeit die Ausbildung bei der besten Freundin seiner Mutter gemacht, Louise Hermanns, die ihrerseits gelernte Konditorin war. »Er möchte sein Unternehmen gerne in fähige Hände geben.«
»Definiere fähig.«
Fenja musste lachen. »Ich denke, du würdest das ganz gut meistern. Immerhin wurdest du geschäftlich ausgebildet und kannst wirtschaften.« Sie liebte es, ihm zuzusehen, wenn er arbeitete und aus Schokolade kleine Kunstwerke schuf. Das hatte er als Kind schon gerne getan, hatte viel Zeit und Liebe in das Herstellen von Pralinen gesteckt, die zu Beginn nur wenig Ähnlichkeit gehabt hatten mit dem, was er heute schuf. Damals waren es verunglückte Schokoladenhaufen gewesen, schief mit einer Pistazie in der Mitte.
»Ich möchte es aber nicht meistern. Meinetwegen kann mein Vater das Werk verkaufen.«
»Es ist seit Generationen in eurer Familie.«
»Ja, und es lief geradezu hervorragend dank der Tatsache, dass meine Großeltern überzeugte Nazis waren und wir ein Heer an Zwangsarbeitern hatten.«
Die Tür ging auf, als Louise Hermanns eintrat, im Schlepptau ihre Tochter und die winterliche Kälte der Straße. »Hier ist ja schon jemand fleißig.« Louise kniff Felix in die Wange und strubbelte ihm durchs Haar, was Fenja mit einem Grinsen bedachte. Louise war die beste Freundin seiner Mutter und behandelte Felix stets, als sei er noch ein kleiner Junge.
»Guten Morgen, Felix«, kam es von ihrer siebzehnjährigen Tochter Lena – eigentlich Magdalena –, die stets rot anlief, wenn Felix mit ihr sprach. So auch dieses Mal, als er lächelnd ihren Gruß erwiderte.
»Wenn das so weitergeht, bin ich hier bald überflüssig«, sagte Louise. »Dann werkelst du hier mit Lena, und ich kann mich aufs Altenteil zurückziehen.«
»Du bist die jüngste Alte, die ich kenne«, antwortete Felix.
»Und du bist ein Charmeur. Lass das nicht deine Mutter hören.«
»Die spricht immerhin noch nicht vom Altenteil.«
»Das wird sie auch mit siebzig nicht tun.« Louise drehte sich zu Fenja. »Liebes, kochst du uns noch einen Kaffee? Und dann erzählst du ein bisschen davon, wie du die Sache mit dem Werk angehen willst.«
»Du weißt davon?«
»Herzchen, ich weiß alles über euch. Ich sitze an der Quelle, schon vergessen? Eric erzählt es Ella, Ella erzählt es mir.« Louise band ein Tuch um ihre Haare. »Lena, steh da nicht herum, füll den Zucker auf, der ist schon wieder leer.«
Gehorsam ging das Mädchen in die angrenzende Vorratskammer. In zwei Stunden würden sie öffnen, bis dahin war noch viel zu tun. Da Schokolade der Preisbindung unterlag und reglementiert wurde, konnten sie nicht mehr, so wie früher, allein auf den Verkauf von Pralinen setzen, sondern mussten das Sortiment um feines Gebäck erweitern.
»Kommt deine Mutter nachher noch?«, fragte Louise.
»Später, sie hat heute Vormittag noch einige Erledigungen zu machen.«
Fenja ging in die Kaffeeküche und begann damit, Kaffeebohnen zu mahlen. Nebenan hörte sie Felix und Louise diskutieren, kurz darauf ging die Tür zur Speisekammer, und Lena sagte etwas, das Fenja nicht verstand. Sie blickte aus dem Fenster in den von einer blassen Wintersonne erhellten Hof, atmete den Duft der Kaffeebohnen und dachte an das Frühstück mit ihrer Mutter. Früher hatten sie zu fünft um den Tisch gesessen, der stets zu Scherzen aufgelegte Jochen, Fenja, der kleine Tobias, das Nesthäkchen. Wie furchtbar weh das alles tat.
Die Gauleitung hatte seinerzeit Plakate aufgehängt, flehende Kindergesichter, ausgestreckte Hände. Mama, sei stark, bring mich hier weg. Das war, als die Bomben fielen. Später kamen dann Plakate mit Müttern, die ihre toten Kinder im Arm hielten, dazu die anklagende Frage: Warum hast du mich nicht gerettet? Als sei es die Schuld der Mütter, dass die Kinder im Bombenhagel starben. Tobias war bei Angriffen auf die Südliche Vorstadt gestorben, das war, noch ehe die richtig schlimmen Angriffe losgingen. Fenja schüttelte den Kopf, wollte nicht wieder an all das denken. Ihre Mutter hatte ihr an diesem Morgen, als sie zu zweit beim Frühstück gesessen hatten, gesagt, sie müsse nach vorne blicken, die Vergangenheit endlich loslassen.
Fenja brühte Kaffee auf, schenkte ihn in vier Tassen und trug das Tablett in den Fertigungsraum. Seit das Gebäude neu aufgebaut worden war, hatte sich einiges geändert. Der Fertigungsraum war vergrößert worden, indem man das kleine Büro hinter dem Verkaufsraum, das ohnehin kaum genutzt wurde, als zusätzliche Fläche einplante. Auch der Verkaufsraum war mitsamt Café ausgeweitet worden, dafür war das Treppenhaus nicht mehr so großzügig angelegt worden, sondern nur noch so groß, wie notwendig war.
»Wie geht es jetzt bei dir weiter?«, fragte Louise, als Fenja ihr gegenüber an dem kleinen Tisch am Fenster Platz nahm.
»Ich verschaffe mir einen Überblick über die Fabrik.« Na ja, zumindest den Teil, der nicht durch die Bombardierungen in Schutt und Asche gelegt worden war.
»Und dann?«
Fenja zuckte mit den Schultern. Sie wusste es selbst noch nicht. Sie verstand weder etwas von Schokolade oder sonstigen Süßwaren noch von Bilanzen.
»Ich habe versprochen, dass ich dir helfe«, sagte Felix. »Gemeinsam schaffen wir das.«
»Eben«, sagte Louise. »Du bist ja nicht allein.«
Amelie war schon etwas spät dran für die Verabredung mit ihrem Verlobten. Sein Vater, Sebastian Lombard, öffnete ihr die Tür. »Guten Tag, Amelie«, begrüßte er sie. »Felix ist noch nicht da.«
Aus der Art, wie er es sagte, konnte Amelie recht gut schließen, dass ihr Verlobter sich nicht im Handelshaus Lombard befand, sondern in der Chocolaterie seiner Mutter, dem Rosenpalais. Sebastian Lombard führte sie in den Salon und gab in der Küche Bescheid, damit Kaffee für sie zubereitet wurde, ehe er sich in sein Arbeitszimmer zurückzog und Amelie sich selbst überließ. Seit drei Jahren in enger Freundschaft mit Felix, seit einem halben Jahr verlobt – sie gehörte zur Familie, und so setzte man sich nicht zu ihr und nötigte ihr eine höfliche Unterhaltung auf.
Nachdem der Kaffee gebracht worden war, ging Amelie mit der Tasse zur Verandatür und sah in den Garten hinaus. Ihr Vater war Angestellter in der Reederei Dorn gewesen, darüber hatte sie die Familie Dorn kennengelernt, erst Eric Dorn, dann Ella Lombard, seine Schwester, und schließlich auch ihren Sohn Felix. Von seiner Seite aus war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, bei Amelie hatte es etwas länger gedauert. Nicht, weil er ihr nicht gefallen hätte, das wahrhaftig nicht, er war sehr attraktiv mit dem dunklen Haar und den grauen Augen, aber sie war erst achtzehn gewesen und der Gedanke an eine Ehe noch nicht so richtig greifbar. Er war ein guter Freund geworden, dann ein etwas engerer Freund, und schließlich hatten sie sich auf einer Weihnachtsfeier unter einem Mistelzweig geküsst. Danach war alles sehr schnell offiziell geworden. Schwindelerregend schnell, und Amelie hoffte, keine überstürzte Entscheidung getroffen zu haben.
Sie hatte ihren Kaffee ausgetrunken und überlegte gerade, in der Küche nachzufragen, ob sie noch einen weiteren haben könnte, als Felix eintrat.
»Entschuldige bitte die Verspätung.« Er legte ihr den Arm um die Taille und küsste sie. »Im Werk hatten sie Probleme mit einem Lieferanten, was bedeutet, dass es auch für unsere nächste Schokoladenlieferung eng wird.« Das Rosenpalais bezog die Schokolade vom Schokoladenwerk Dorn, was bedeutete, dass Ella Lombard und ihr Bruder Eric Dorn eng zusammenarbeiteten.
Im Krieg hatte der Gewürzhandel Lombard seine Fertigung ebenfalls erweitert, bot Gewürzbrot an, würziges Gebäck, und man bemühte sich darum, eine Lizenz zum Zubereiten sogenannter Kartoffelchips zu erhalten, die bei den amerikanischen Soldaten sehr beliebt waren. Die GIs ließen diese aus den USA kommen, wobei das krosse Gebäck jedoch weich wurde, sodass man dazu überging, es hier zu produzieren. Die Flessner KG hatte letztes Jahr eine Lizenz für die Produktion erhalten. Amelie konnte diesem salzigen Gebäck nichts abgewinnen. Ihre beste Freundin ging mit einem amerikanischen Soldaten aus, und der hatte ihnen einmal Chips mitgebracht. Im Handel waren sie nicht zu bekommen, produziert wurde ausschließlich für die GIs, aber die allein waren ja schon ein sehr absatzstarker Markt. Amelie fand die Möglichkeiten interessant, die sich mit dem Beschreiten neuer Wege boten. Es war ihr unverständlich, dass Felix mit dem Werk seines Vaters nichts anzufangen wusste und dafür lieber in der Chocolaterie werkelte.
»Hat Fenja das Ruder im Dorn-Werk bereits übernommen?«, fragte Amelie.
»Offiziell schon, aber sie zögert noch, dort persönlich zu erscheinen. Die Angst, zu scheitern, ist wohl zu groß.«
Amelie nickte. »Warum begleitest du sie nicht?«
»Angeboten habe ich es ihr, aber sie wollte nicht.«
»Und ihr Vater?«
»Onkel Eric ist nicht in der gesundheitlichen Verfassung, ins Werk zu gehen.«
Amelie mochte Fenja – man konnte nicht mit Felix verlobt sein, ohne Fenja zu mögen, die beiden waren unzertrennlich –, aber diese Unentschlossenheit und Zurückhaltung waren ihr, die stets ungeduldig war und all diese Möglichkeiten zur Leitung eines Unternehmens gerne gehabt hätte, vollkommen unverständlich. An Felix’ Seite konnte sie sich zumindest in die Chocolaterie einbringen, wenngleich das weit entfernt war von dem, was sie eigentlich wollte. Ihre Mutter setzte große Hoffnungen auf diese Verbindung, und das war nur zu verständlich, immerhin bedeutete sie einen enormen gesellschaftlichen Aufstieg.
»Dein Vater wirkte, als sei er heute nicht gerade bester Stimmung.«
»Wir hatten am Morgen mal wieder eine dieser leidigen Diskussionen.«
Amelie lag die Antwort auf er Zunge, Sebastian Lombard verstehen zu können, dachte dann aber, dass das wohl wenig zielführend war und Felix sofort auf Konfrontation gehen würde. Er war so festgefahren in seinen Plänen, Konditor zu werden, dass ihm das Unternehmen seiner Familie gänzlich egal war. »Was wird eigentlich daraus, wenn es niemand übernimmt?«, fragte sie stattdessen.
Felix zuckte nur mit den Schultern. »Man könnte es verkaufen, es wirft gewiss genug ab.«
Amelie unterdrückte ein Seufzen. »Eigentlich steht es ja unseren Kindern zu«, sagte sie. »So ein Besitz ist eine Treuhand, die man für nachkommende Generationen pflegt.«
Eine gehobene Braue war Felix’ einzige Antwort darauf.
»Na ja, ich meine ja nur. Wenn es erst einmal verkauft ist, bringt es nichts wieder zurück.«
»Ich quäle mich doch nicht mein Leben lang in einem Unternehmen, nur damit meine Kinder, die es möglicherweise genauso wenig wollen wie ich, es einmal erben.«
In Amelie erwachte ein jäher Widerspruchsgeist. Ihre Eltern hatten immer gearbeitet, waren bestrebt, das Geld zusammenzuhalten und es zu etwas zu bringen, was seit dem Tod des Vaters noch schwerer für ihre Mutter geworden war. Und da war ihr Verlobter, dem alles in den Schoß fiel und der es mit so leichter Hand weggab. Bei aller Liebe – Amelie hatte nicht das geringste Verständnis dafür.
»Also erwartet uns eine sehr unerquickliche Kaffeestunde?«, fragte sie.
»In deiner Gegenwart reißt mein Vater sich für gewöhnlich zusammen.«
»Na, da bin ich beruhigt«, spöttelte Amelie. Dabei war es nie Sebastian Lombard, in dessen Gegenwart sie sich unwohl fühlte, sondern stets die von Felix’ Mutter, Ella Lombard. Dieser analytische Blick, das stumme Sezieren von Amelies Mienenspiel, von ihren Stimmungen, ihren Worten, als gälte es, dahinter verborgene Wahrheiten offenzulegen – es war ein stetes Unbehagen in ihrer Gegenwart.
Louise band sich ein Tuch um die Haare und begann damit, Mehl abzumessen. All die Jahre hatte sie hier, im Rosenpalais, gearbeitet, auch nachdem sie einen Konditormeister geheiratet hatte, der seinen eigenen Betrieb führte. Diesen hatte Louise, nachdem ihr Mann im Krieg gefallen war, verkauft und das Geld angelegt für ihre drei Töchter, während sie ihren Lebensunterhalt aus dem bestritt, was sie im Rosenpalais verdiente. Ella, die es nie zur Perfektion ihrer Freundin beim Backen gebracht hatte, begnügte sich mittlerweile damit, entweder im Verkauf zu stehen oder die Bücher zu führen. Allerdings nahm ihr das Felix zunehmend ab, und auch Amelie war eine große Hilfe, wenngleich Ella nicht so richtig warm wurde mit ihr, das musste sie sich immer wieder eingestehen. Aber Felix liebte sie, und immerhin brachte sie kaufmännisches Geschick mit.
»Amelie und Felix wollen nächstes Jahr im Frühling heiraten«, sagte Ella jetzt.
Louise blickte nicht auf. »Doch nicht diesen Sommer?«
»Nein, weil ihnen das zu nah an Jochens Tod ist.«
»Das ist natürlich verständlich, allerdings ist das dann doch auch schon ein Jahr her.«
»Ja, aber die Einladungen müssten jetzt bald raus, und niemand ist in der Stimmung, eine Hochzeit zu planen.«
Louise hielt in ihrer Tätigkeit inne. »Vielleicht wäre das aber genau das Richtige, um endlich diese lähmende Trauer zu überwinden.«
Ella schüttelte nur den Kopf.
»Ich habe den Eindruck, du bist gar nicht mal unglücklich über den Aufschub. Und das hat nichts mit Jochen zu tun.«
Einen Moment lang schwieg Ella. »Ich weiß noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Irgendetwas stört mich an dieser Beziehung.«
»Hm, kommt mir irgendwie bekannt vor.«
»Das ist etwas anderes als das mit Clara damals.«
»Nur insofern, als dass es damals um deinen Bruder und heute um deinen Sohn geht.«
Ella antwortete nicht, horchte in sich hinein, ob es wirklich nur mütterliche Eifersucht war, der Wunsch, das eigene Kind nicht teilen zu müssen – erst recht nicht mit einer anderen Frau. Aber so war sie nie gewesen. Sie hatte mit ihrer eigenen Schwiegermutter ein Beispiel vor Augen, das sehr angetan war als Warnung, nicht in ebensolche Muster zu fallen.
»Ich weiß nicht, woran es liegt. Aber gewiss sind es nicht dieselben Gründe wie damals bei Clara, da dachte ich, sie sei nur darauf aus, sich alles anzueignen. Aber diese Befürchtung muss ich bei Amelie ja nun wahrhaftig nicht haben, ich möchte ja, dass Felix alles übernimmt, und wenn sie ihm hilft, dann umso besser.«
»Was sagt Sebastian eigentlich dazu?«
Ella verdrehte die Augen. »Dasselbe, was er die ganze Zeit schon sagt. Aber mein Unternehmen ist doch wohl nicht weniger wichtig als seins.«
»Seins läuft besser.«
»Kunststück, er musste es auch nicht aus Trümmern wieder aufbauen und hat es zudem den ganzen Krieg über mit Gewinnen weiterbetrieben, weil seine Eltern gemeinsame Sache mit den Nazis gemacht haben.«
»Dafür kannst du ihm allerdings nicht die Schuld geben.«
»Tue ich auch nicht, aber ich sehe nicht ein, dass Felix moralisch in die Enge getrieben werden soll.«
»Was ist eigentlich mit Lukas?«
»Der macht sein Studium zu Ende, auf gar keinen Fall wird er Unternehmer, aber das stand ja ohnehin nie zur Debatte, es war immer klar, dass Felix der Haupterbe ist. Ob von mir oder Sebastian – darüber waren wir wohl von Anfang an unterschiedlicher Meinung.«
»Denkt er nun, du hättest Felix beeinflusst?«
»Nein, oder vielleicht doch, keine Ahnung, diesen Vorwurf macht er mir allerdings nicht.«
Louise fügte Zutaten zu ihrem Teig hinzu, rührte ihn glatt und cremig, ehe sie ihn in kleine Formen füllte. Mini-Kuchen, so wie damals, nur dass sie nicht allesamt aus Schokolade waren, da die immer noch ein knappes Gut war. Aus diesem Grund war auch das Schokoladenwerk Dorn wieder zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt und setzte zusätzlich auf herkömmliche Süßwaren, um keine allzu massiven Umsatzeinbußen zu erleiden.
Nachdem sie in jede Form einzelne kleine Schokotropfen in den Teig gesetzt hatte, schob Louise die Kuchen in den Ofen. Ella ging in den Verkaufsraum, schloss die Tür auf, drehte das Schild um, sodass die Aufschrift »Geöffnet« von außen zu sehen war, dann sah sie sich um, ob irgendwo noch einmal Hand angelegt werden musste. Das Rosenpalais hatte nur noch wenig Ähnlichkeit mit jener romantisch anmutenden Ausstattung aus seiner Anfangszeit. Mit dem Neuaufbau galt es auch, mit dem Zeitgeist zu gehen. Zwar hätte Louise es gerne weiterhin nostalgisch gehalten, aber Felix hatte sehr richtig bemerkt, dass sie mit einer moderneren Einrichtung auch mehr junge Leute ansprachen.
Nach wie vor prägten Rosen das Interieur, da war Ella zu keinem Kompromiss bereit, aber das Mobiliar entsprach dem derzeitigen Geschmack, war modern und elegant. Beim Neuaufbau hatten sie das Baukonstrukt geändert, sodass keine Säule mehr den Raum teilte, was ihn größer erscheinen ließ. In der modernen Auslage, die über ein raffiniertes Kühlsystem verfügte, wurden Pralinen angeboten. Die Kuchensorten des Tages kamen in ein gläsernes Rondell. Regale an den Wänden enthielten Dosen mit Kaffee, Kakao oder Tee in verschiedenen Größen, edel ausgestattet, um keinen Zweifel an der ausgesuchten Exklusivität des Inhalts zu lassen.
Ella schlug das Rechnungsbuch auf, kniff die Augen leicht zusammen, um das Geschriebene lesen zu können, denn ihre Eitelkeit erlaubte ihr nicht, die Lesebrille öffentlich zu tragen. Als Sebastian Mitte vierzig seine erste Brille bekam, hatte sie ihn aufgezogen und einen alten Mann genannt. Irgendwann hatte sie gemerkt, dass sie das Lesen kleiner Schrift zunehmend anstrengte und sie Kopfschmerzen bekam. Sie hatte es lange hinausgezögert und dann doch eine Lesebrille bekommen – da war sie jünger gewesen als Sebastian bei seiner. Der wiederum hatte das Ganze nur mit einem Feixen kommentiert, während Felix und Lukas sagten, die Brille stehe ihr außerordentlich gut, sie gäbe ihr etwas Weiches und Großmütterliches. Sie hatte den Spott mit einem Schulterzucken hingenommen, aber das Wort großmütterlich schien immer wieder in großen Lettern vor ihr aufzublitzen, sobald sie die Brille aufsetzte.
Das Glöckchen an der Tür schlug in sanftem Klang an, als die ersten Gäste eintraten, eine Gruppe junger Frauen, die einen Schwall kalter Luft mit in den Raum brachten und sich plaudernd an einem Tisch am Fenster niederließen. Ella trat zu ihnen, um die Bestellung entgegenzunehmen und diese in die Fertigung an Louise weiterzugeben. Als die Tür erneut geöffnet wurde und Clara eintrat, hob sie verwundert die Brauen.
»Eric geht mit Fenja ins Werk«, erklärte sie. »Und da mir daheim derzeit etwas langweilig ist, dachte ich, ihr freut euch möglicherweise über eine helfende Hand.«
»In der Tat. Felix hat einen Termin bei der Bank, und Lena liegt mit einer Erkältung im Bett.«
Clara lächelte, zog ihren Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. »Na dann, wie in alten Zeiten. Nur wir drei.«
Wie immer, wenn sie angespannt war, spürte Fenja die Kälte überdeutlich, was sie so sehr zittern ließ, dass ihr fast die Zähne aufeinanderschlugen. Um ihren Vater dies nicht merken zu lassen, wandte sie sich ab und sah aus dem Beifahrerfenster auf die Straße, barg die behandschuhten Hände im Schoß in den Falten ihres Mantels.
»Du musst dir keine Sorgen machen.« Wie immer hatte er ein feines Gespür für Stimmungen. »Wenn du merkst, dass es nicht das Rechte ist, dann lässt du es einfach. Niemand würde dir das vorwerfen.«
Sie nickte nur, wusste aber, dass sie keinesfalls einen Rückzieher machen wollte. Was sie hier tat, war das Ergebnis von monatelangem Hader und Überlegungen. Es gab nur diesen einen Weg für sie, und sie würde ihn beschreiten. Ihre Tante Ella hatte das seinerzeit auch getan, obwohl sie früher gewiss andere Pläne für ihr Leben gehabt hatte. Und sie war erfolgreich gewesen. Fenja wollte das auch schaffen, wollte die Bürde von den Schultern ihres Vaters nehmen.
»Du bist nicht dafür verantwortlich, dass es mir besser geht oder ich mit meinem Leben zurechtkomme.« Wieder schien er ihre Gedanken gelesen zu haben. »Meine … Schwäche …«
»Du bist nicht schwach«, fiel sie ihm ins Wort.
Er schwieg, lenkte den Wagen ruhig durch den Verkehr. Seit ihrer Kindheit war er auf eine Art distanziert, aber gleichzeitig voller Hingabe an seine Familie gewesen. Und so sehr er ihre Brüder geliebt hatte, mit Fenja hatte ihn immer ein besonderes Band verbunden, sie war ihm schon als Kind näher gewesen als ihrer Mutter. Es schien, als wollte er etwas sagen, er holte tief Luft, öffnete den Mund und blieb dann doch stumm.
Als sie schließlich vor dem Firmengebäude mit der Aufschrift »Schokoladenwerk Dorn« parkten, hatte Fenjas Zittern nachgelassen. Sie öffnete die Tür und stieg aus, ging über den Hof mit dem aufgeplatzten Asphalt, durch dessen Risse das Unkraut quoll. Die Fabrik hatte einen Treffer abbekommen und war hernach in Teilen neu aufgebaut worden, was das ehemalige Backsteingebäude nicht gerade schöner machte. Es fügte sich in gleichförmiger Tristesse in das Industriegebiet ein, und Fenja, die Gärten liebte und Helligkeit, schnürte es einen Moment lang die Brust ein.
Sie betraten das Gebäude, wo der Pförtner dienstbeflissen auf sie zueilte.
»Herr Dorn, Fräulein Dorn, welch eine Freude.«
Ihr Vater schüttelte ihm die Hand. »Herr Arnheim.«
»Wie geht es der Frau Gemahlin?«
»Sehr gut, vielen Dank.« Ihr Vater setzte den Weg mit ihr zusammen fort, steuerte die Treppe an, die zu einer Galerie führte, von der aus man in die Büroräume gelangte.
Fenja kannte das Büro ihres Vaters, hatte ihn früher hin und wieder hier besucht. Jetzt lag es still und verlassen da, nachdem er die Arbeit fast komplett an seinen Stellvertreter abgegeben hatte. An dessen Tür klopften sie nun auch, nachdem sie das leere Vorzimmer durchquert hatten, und traten ein.
»Herr Dorn.« Rainer Hartmut erhob sich hinter seinem Schreibtisch. Er war ein Mann in mittlerem Alter, der mit seinen ausgeprägten Geheimratsecken und der Brille auf Fenja irgendwie professorenhaft wirkte. »Und das Fräulein Tochter. Wie schön, Sie zu sehen. Ich lasse einen Kaffee kommen … ach nein, meine Sekretärin hat mich ja verlassen.« Er wirkte etwas ratlos.
»Wenn Sie mir sagen, wo die Kaffeemaschine steht, mache ich das«, bot Fenja an, was ihr einen kurzen Blick von ihrem Vater einbrachte. Sie sollte hier als Geschäftsführerin auftreten und bot sogleich Sekretärinnendienste an. Aber für Fenja hatten diese vertrauten Handgriffe etwas Beruhigendes, und so lächelte sie nur.
»Dann kann ich mich gleich ein wenig umschauen.«
Nach kurzem Zögern, und nachdem ihr Vater nickend sein Einverständnis gegeben hatte, erklärte ihr Rainer Hartmut, wo sich die Küche befand, und sie machte sich auf den Weg, den Kaffee zuzubereiten. Auf dem Korridor atmete sie einmal tief durch, öffnete den Mantel am Kragen, denn obwohl das Gebäude kühl war, schwitzte sie inzwischen, und so lockerte sie zudem noch den Schal und nahm den Hut ab, brachte alles rasch in das leer stehende Büro ihres Vaters, wo sie es achtlos über einen der Sessel in der Besucherecke legte. Danach ging sie in die Küche, fror bereits wieder, als sie dort angelangt war.
Nach einigem Suchen fand sie die Kaffeebohnen, blieb bei der Kaffeemühle jedoch erfolglos.
»Sind Sie neu hier?« Eine adrett gekleidete Frau mit moderner Kurzhaarfrisur hatte die Küche betreten und steckte sich gerade eine Zigarette an. Sie trug eine schicke helle Bluse über einem dunkelgrauen Rock, dazu Schuhe mit hohen Absätzen.
»Nein, nicht direkt. Ich bin Fenja Dorn.«
»Verwandt mit Eric Dorn?«
»Er ist mein Vater.«
Die Frau hob eine Braue, fragte jedoch nicht, was sie dann in der Küche verloren hatte.
»Können Sie mir sagen, wo die Kaffeemühle ist?«
Die Frau griff zielsicher nach einer Schranktür, öffnete sie und holte die Mühle heraus. »Bitte schön. Ich bin übrigens Monika Greif.«
Die Kaffeebohnen verströmten einen verführerischen Duft, während sie knirschend zu Pulver wurden. Die stetig gleichen Kurbelbewegungen wirkten beruhigend auf Fenja, und sie atmete langsam aus.
»Sind Sie zu Besuch hier?«, fragte Monika Greif, die nun mit dem Rücken an die Küchenschränke gelehnt dastand.
»Nein. Ich übernehme das Werk anstelle meines Vaters.«
Überrascht wurde die Braue erneut hochgezogen. »Ach?«
Diese Antwort wusste Fenja nicht zu deuten. Sie konnte nicht sagen, ob sie zu ihren Gunsten sprach oder eher Skepsis ausdrücken sollte. »Mein Bruder hätte es übernehmen sollen, aber …« Da war er wieder, der vertraute Schmerz, scharfkantig und mit kleinen Widerhaken versehen.
»Davon habe ich gehört. Das tut mir sehr leid.«
»Ich wollte Ärztin werden.« Fenja wusste selbst nicht, warum sie das in diesem Moment erzählte. »Aber mein Bruder ist mir unter den Händen weggestorben. Ich habe sein Leid stetig mithilfe der Ärzte und Krankenschwestern verlängert. Wollte ihn nicht gehen lassen. Das sind keine guten Voraussetzungen für eine Ärztin. Heilung kann in so vielem liegen, aber gewiss nicht im qualvollen Verlängern des Lebens.«
»Diese Erkenntnis zeichnet eine gute Ärztin aus, möchte ich meinen.«
Fenja schüttelte nur den Kopf und machte sich daran, Wasser aufs Feuer zu stellen. Das hätte sie eigentlich zuerst tun sollen, denn gemahlener Kaffee musste frisch sein, er verlor schnell an Aroma. »In welchem Bereich arbeiten Sie?«
»Ich bin Kontoristin, kopiere und fertige Dokumente.«
»Verstehe.«
»Ich muss jetzt auch wieder zurück, sonst setzt es Überstunden, wenn ich die Zeit hier einfach verquatsche.«
»Das tun Sie doch gar nicht. Sie haben der künftigen Geschäftsführerin geholfen, Kaffee zu kochen.«
Monika Greif lachte. »Sie gefallen mir.« Damit drückte sie die Zigarette aus und verließ die Küche.
Als Fenja zwanzig Minuten später mit einem Tablett, auf dem sie Kaffeekanne, Tassen, Milchkännchen und Zuckerdose balancierte, das Büro von Rainer Hartmut betrat, verstummte das Gespräch zwischen den beiden Männern. Der Stellvertreter ihres Vaters wirkte sehr ernst, und obwohl sich die steile Falte zwischen seinen Brauen glättete, blieb die kleine Furche doch bestehen, zeigte Sorge und Skepsis.
»Fräulein Dorn, vielen Dank. Ich muss mich für die Umstände entschuldigen.«
»Keine Ursache.« Sie stellte das Tablett auf dem niedrigen Tisch ab, um den sich vier halbrunde Sessel gruppierten, das einzige Zugeständnis an die Moderne in diesem Raum, in dem das Mobiliar schon vor dem Krieg altmodisch gewesen war.
»Ihr Vater hat mich gerade ausführlich ins Bild gesetzt.«
Fenja schlug das Herz bis zum Hals, und sie konnte nur nicken, während ihr Körper wieder anfing zu beben. Wie sollte sie so zittrig und unsicher jemals einer Belegschaft gegenübertreten? Ihre Tante Ella hatte ihr erzählt, für sie sei es auch zu Beginn schwierig gewesen, und alle hätten sich über sie lustig gemacht, aber sie hatte sich letzten Endes durchgesetzt. Rainer Hartmut wirkte indes nicht, als wollte er sich lustig machen, er war vielmehr besorgt.
»Ich freue mich, dass das Unternehmen in die Hände der nächsten Generation geht, Fräulein Dorn. Und wenn ich helfen kann, tue ich das sehr gerne. Aber Sie sind jung, und Sie haben von Schokolade und vor allem Wirtschaft überhaupt keine Ahnung. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass es nicht leicht wird, unter diesen Voraussetzungen ein Unternehmen zu leiten.«
Hatte ihr Vater ihn dazu angeleitet, das zu sagen? Sollte Rainer Hartmut dort erfolgreich sein, wo er gescheitert war? Sollte sie durch ihn zu ihrem Glück gezwungen werden – zu dem, was er als ihr Glück auserkoren hatte? Fenja atmete tief durch, sah ihren Vater an, der den Blick ausdruckslos erwiderte. Dann schenkte sie jedem eine Tasse Kaffee ein und ließ sich auf einem der Sessel nieder.
»Nehmen Sie doch bitte Platz, meine Herren. Und nun setzen Sie mich ins Bild, damit ich wenigstens weiß, woran ich scheitern werde.«
März 1953
Der Zeitpunkt für einen Besuch war denkbar schlecht gewählt. Bis in die Halle hörte man Felix und seinen Vater streiten, und Lukas, der ihr die Tür geöffnet hatte, verdrehte nur die Augen.
»Na, herzlich willkommen in deinem neuen Leben«, sagte er, während er Amelie den Mantel abnahm und an die Garderobe hängt.
Ella Lombard kam die Treppe hinunter. Sie war so unfassbar elegant, dass jede Frau – Amelie konnte sich da nicht ausnehmen – unweigerlich in fast schon unbewusster Nachahmung die Haltung straffte, das Kinn hob. Gewiss half Ella nach, damit das Haar nach wie vor dunkel glänzte und kein grauer Faden zu sehen war. Sie nickte Amelie zu, indes ihre Stirn gefurcht war und sie in Richtung Salon lauschte. Dann durchquerte sie die Halle.
»Jetzt wird es für Vater wohl ungemütlich«, erklärte Lukas.
Amelie wusste, dass sie bei Ella gewiss keine Sympathien sammelte, wenn sie offen die Meinung vertrat, mehr Verständnis für Sebastian zu haben als für sie und Felix. Ihre Rolle erlaubte es ihr jedoch nicht, nun ebenfalls in den Salon zu gehen und Stellung zu beziehen. Und so blieb sie stehen, hörte Ellas Stimme, ohne zu verstehen, was sie sagte. Daraufhin Sebastian und dann Felix. Der verließ kurz darauf den Salon.
»Bleib hier!«, rief ihm sein Vater nach. »Ich bin noch nicht fertig.«
»Ich schon. Dann erzähl dir den Rest doch einfach selbst.«
Sebastian Lombard lief rot an angesichts dieser Respektlosigkeit. Aber noch ehe er eine Antwort artikulieren konnte, hatte Felix bereits Amelies Hand ergriffen und strebte mit ihr aus der Halle in die Bibliothek.
»Denkst du, hier findet er dich nicht?«
»Er wird sich dir zuliebe zusammenreißen. Das Donnerwetter kommt dann heute Abend, wenn wir wieder unter uns sind.« Auf Felix’ Gesicht zeichnete sich Überdruss ab, und Amelie strich ihm über die Wange, zog seinen Kopf zu sich hinunter und küsste ihn.
»Am liebsten würde ich dich jetzt schon heiraten«, murmelte er an ihren Mund, als sie den Kuss einen Moment lang unterbrachen.
Während sie die Lippen erneut unter seinen öffnete, durchzuckte sie der Gedanke, dass sie gar nicht einmal unglücklich darüber war, die Hochzeit erst im nächsten Jahr stattfinden zu lassen. Die Umstände, die dazu geführt hatten, waren natürlich traurig, aber der Gedanke daran, im kommenden Sommer bereits verheiratet zu sein, hatte ein diffuses Gefühl der Panik in ihr ausgelöst.
Es war schön, ihn zu küssen, und sie mochte auch seine zögerlichen Liebkosungen, aber diese Sinnlichkeit ging nicht einher mit dem Wunsch eines dauerhaft gemeinsamen Bettes. Die Vorstellung, dass sie nie wieder allein schlafen würde, machte ihr sogar ein wenig Angst. Und sie wusste nicht, ob diese der Vorstellung einer Heirat allgemein galt oder nur einer Heirat mit Felix. Das wiederum war ein so verstörender Gedanke, dass sie ihn immer wieder rasch von sich schob. War sie so wankelmütig in ihren Gefühlen?
Offenbar bemerkte er, dass sie nicht bei der Sache war, denn er löste sich aus dem Kuss und sah sie prüfend an. »Ist alles in Ordnung?«
Sie lächelte. »Ja, gewiss.«
»Es tut mir leid, dass du diesen ganzen Ärger mitbekommen musst.«
»Das gehört dazu, wenn man in eine Familie einheiratet, nicht wahr?«
Er nickte nur vage.
»Und wenn du ihm ein klein wenig entgegenkommst?«, wagte Amelie einen behutsamen Vorstoß. »Also einmal die Woche ins Werk gehst und dich in die Sache einarbeitest?«
»Was soll das bringen? Es interessiert mich nicht im Geringsten.«
»Es soll ja auch nicht dein Lebensinhalt werden.«
»Das wird es zwangsläufig, wenn ich mich darauf einlasse. Anfangs ist es nur ein Tag, und dann wird es ein zweiter Tag, bis es nach und nach mein gesamtes Leben vereinnahmt.«
Amelie seufzte angesichts dieser dramatischen Ausführung. »Die Streitereien werden nie aufhören, weißt du. Es wird immer weitergehen.«
»Nicht, wenn er irgendwann einsichtig wird und merkt, dass es nichts bringt, einen Erben zu haben, der nicht mit dem Herzen bei der Sache ist.«
»Er wird dir Fenja vor Augen halten, und erzähl mir nicht, das hätte er nicht schon längst getan. Sie hatte auch andere Pläne, wollte Ärztin werden.«
»Der Unterschied ist, dass Onkel Eric von Fenja nicht verlangt, dass sie das Unternehmen übernimmt. Sie tut es, weil sie es will.«
»Weil die Umstände sie dazu zwingen.«
»Das ist schlicht und ergreifend nicht wahr. Onkel Eric würde das Werk auch verkaufen, ihm lag nie viel daran, er hat es nur geführt, damit die Familie ein Auskommen hat. Das hätte sie auch, wenn er einen guten Preis aushandelt. Und Fenja könnte hernach tun, was sie wollte.«
»Fenja ist eben zu der Einsicht gekommen, dass ein Erbe auch eine Verantwortung ist.«
»Ah, du willst mir sagen, ich sei mir der Verantwortung nicht bewusst?«
»Na ja, im Grunde genommen stimmt das doch.« Amelie biss sich auf die Unterlippe, wollte keinen Streit. Aber sie konnte einfach nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg halten.
Felix sah sie schweigend an, wirkte enttäuscht. Um keine Missstimmung zuzulassen, ging sie zu ihm, berührte seinen Arm. »Gewiss wurden Kaffee und Kuchen bereits aufgetragen.« Ein kleines Lächeln begleitete ihre Worte, und wie stets war bei ihm die Versöhnungsbereitschaft ihr gegenüber stärker, als jeder Groll und jede Enttäuschung es sein konnten.
Fenja gab ungern zu, dass sie am liebsten schon am ersten Tag alles hingeschmissen hätte. Sie arbeitete sich durch Geschäftsberichte, von denen sie nicht einmal die Hälfte verstand. Und das, nachdem Rainer Hartmut ihr alles geduldig erklärt hatte. Es war zum Verzweifeln. Sie klappte den Ordner zu, rieb sich die Augen und sah zum Fenster hinaus, das ihr einen wunderbaren Blick auf die Mosel gewährte.
Obwohl die Stadt im Wiederaufbau war, waren die Zeichen der Zerstörung nach wie vor überall präsent. Fast neunzig Prozent der Stadt hatten zum Kriegsende hin in Trümmern gelegen, und nicht einmal ein Zehntel der Menschen hatte überhaupt noch in der Stadt gelebt. Wochenlang waren die Menschen, deren Anwesenheit in der Stadt als kriegswichtig erachtet wurde, in Betonbunkern dahinvegetiert. Koblenz war kein wichtiger Industriestandort, niemand hatte begriffen, warum man die Stadt fast dem Erdboden gleichgemacht hatte. Bis zum Schluss hatte man die Stadt weitgehend in Ruhe gelassen, dann jedoch hatte das Eisenbahnnetz zunehmend an Bedeutung gewonnen, und die Aufmerksamkeit hatte sich auf Koblenz gerichtet. Die Familien Dorn und Lombard waren während der Evakuierung im Hotel von Oedinghof untergekommen.
Fenja hatte bei ihrer Rückkehr geweint. Es gab nichts Vertrautes mehr, an dem sich der Blick festhalten konnte, es war nur noch eine Landschaft aus zerklüfteten Ruinen und Schuttbergen. Die neuen Häuser, die auf den freigeräumten Flächen entstanden, waren modern und zweckmäßig. Zunächst baute man vor allem einstöckig, um möglichst viel neue Wirtschaftsfläche zu schaffen. Das Rosenpalais hatte man erst vier Jahre nach Kriegsende wieder eröffnet, als die Leute sich diese Art von Vergnügen wieder leisten konnten.
Seufzend wandte Fenja sich vom Fenster ab und ging zurück zu dem Schreibtisch, hinter dem sie sich klein und verloren fühlte, der ebenso zu groß für sie war wie das ganze Büro. Als sei sie ein Kind, das in die Kleidung eines Erwachsenen schlüpfte. Sie musste an ihre Tante Ella denken, die hier vor vielen Jahren ebenfalls gesessen hatte – vermutlich mit erhobenem Kopf und keineswegs bereit, klein beizugeben. Wieder seufzte Fenja und nahm die nächste Mappe zur Hand. Immerhin konnte sie damit etwas anfangen, das waren die Kosten für die Lieferanten von Kakaobohnen, eine Übersicht, in der Einnahmen und Ausgaben einander gegenübergestellt waren. Das verstand sogar sie. Und für die Auswahl der richtigen Qualität hatten sie Mitarbeiter. Derzeit wurde der Rohkakao unter den Herstellern aufgeteilt. Unternehmen, die keine eigene Herstellung hatten, konnten den Kakao wiederum verkaufen oder aber bei Herstellern für sich produzieren lassen. Fenja ging alles durch, setzte ihr Kürzel darunter und legte die Mappe beiseite. Danach stand sie auf und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen.
Monika Greif, mit der Fenja gerne ein paar Worte wechselte, wenn sie sich hin und wieder in der Fabrik über den Weg liefen, war gerade dabei, sich eine Kanne Tee zuzubereiten.
»Sie brauchen eine Sekretärin«, sagte sie nun, als Fenja mit geübtem Griff Wasser aufsetzte und die Kaffeemühle bediente.
»Und mich damit um die einzige Abwechslung des Tages bringen? Na, ich kann mich bremsen.«
Monika Greif lächelte. »Hat der Arbeitsalltag Sie so fest im Griff?«
»Ach, fragen Sie nicht.«
»Das klingt nicht eben begeistert.«
»Ich werde mich schon daran gewöhnen.«
»Eine Sekretärin brauchen Sie trotzdem. Kein männlicher Geschäftsführer würde sich selbst in die Küche stellen und Kaffee kochen. Man wird Sie nicht respektieren, wenn Sie nicht genauso auftreten, wie ein Mann das tun würde.«
Fenja nickte nur.
»Ich bin momentan ohnehin auf der Suche nach einer beruflichen Umorientierung«, sagte Monika Greif, und Fenja blickte sie erstaunt an.
»Bieten Sie sich gerade als meine Sekretärin an?«
»Nun ja, Geschäftsführersekretärin, das würde mir schon besser gefallen als Kontoristin. Ich habe einen Kurs in Stenografie abgeschlossen, ich kann schnell tippen, und ich mache gerade einen Kurs in Wirtschaftsmathematik.«
»Na, da können Sie ja bald mehr als ich.«
Monika Greif lachte. »Machen Sie dieses Geständnis nie in Gegenwart anderer. Ein Mann würde das niemals tun. Wenn Sie die Stelle ausschreiben, bewerbe ich mich ganz offiziell, und dann bin ich Ihre rechte Hand, und alle werden denken, dass Sie die Macherin hinter mir sind.«
»Warum so generös?«
»Weil ich lieber unter Ihnen arbeite als unter einem Mann, der ständig der Meinung ist, mich von oben herab behandeln zu können. Sie wertschätzen meine Arbeit bereits, noch ehe Sie sie kennen.«
»Vielleicht bin ich eine ganz schauderhafte Vorgesetzte, die herrisch und tyrannisch ist.«
»Gewiss doch.« Wieder lachte Monika Greif. »Und ich bin vielleicht eine intrigante Sekretärin, die nur auf den Moment wartet, das Unternehmen an sich zu reißen.«
Fenja goss den Kaffee auf und musste nun selbst lachen. »Dann passen wir ja gut zusammen. Ich werde die Stelle ausschreiben, und Sie sprechen bei meinem Personalchef vor. Die letzte Entscheidung treffe dann ich.«
»Das ist ein Wort.« Monika Greif hob die Teetasse, als wollte sie einen Toast aussprechen, und Fenja prostete ihr mit der Kaffeetasse zu.
»Das klingt doch alles ganz wunderbar«, sagte Ella, als Fenja abends bei ihr im Salon saß. »Wenigstens bei dir läuft es momentan gut.«
»Na ja, wenn du unter gut laufen meinst, dass ich im Büro sitze und keine Ahnung habe von dem, was ich tue, dann kann man es wohl so nennen.«
Ella hob kurz die Brauen. »Ach was, das wird schon. Mir ging es anfangs auch nicht besser, mich haben sie ausgelacht und wie ein Kind behandelt.«
Es war ihrer Nichte anzusehen, dass sie diesen Gedanken für absolut unmöglich hielt. »Du scherzt.«
»Keineswegs. Ich saß da und hatte überhaupt keine Ahnung. Und die Mitarbeiter waren sehr bestrebt darin, mir diesen Umstand stets unter die Nase zu reiben, damit ich nicht vergesse, wo mein Platz ist. Und der war nach ihrem Dafürhalten nicht an der Werksspitze.«
Fenjas Augen weiteten sich erstaunt. »Du?« Das erschien ihr völlig undenkbar, was Ella als Kompliment für sich verbuchte.
»Erst als dein Vater mich ins Werk begleitet hat, ist man mir endlich mit mehr Respekt begegnet. Du kannst dir nicht vorstellen, wie unverschämt die Leute waren. Immerhin haben sie vor dir Respekt, das ist schon mehr, als ich damals erwarten konnte.«
»Du denkst also, es war keine überstürzte Entscheidung, Monika Greif praktisch aus dem Stand heraus die Einstellung zuzusagen?«
»Wenn ihre Qualifikation hält, was sie verspricht, dann war das eine gute Entscheidung.« Ella betrachtete ihre Nichte, die so sehr nach ihrem Vater kam und damit auch ausreichend Ähnlichkeit mit Ella hatte, damit diese sich selbst in ihr erkennen konnte. Die Augen hatte sie von Clara, dasselbe klare Blau, während ihr Haar dunkel war wie das von Ella und Eric. Ella war jünger gewesen als Fenja jetzt, als sie das Werk übernommen hatte. In Fenjas Alter hatte sie bereits ein Kind gehabt, war sich so erwachsen und reif vorgekommen und fragte sich nun, ob sie auch Älteren gegenüber so anrührend jung erschienen war wie ihre Nichte.
Nachdem sich Erics Tochter verabschiedet hatte und den Abend damit verbringen würde, mit Felix, Amelie und Lukas auszugehen, erhob sich Ella aus ihrem bequemen Sessel und trat ins Arbeitszimmer, wo Sebastian immer noch über seinen Geschäftsunterlagen saß. Sein Vater hatte das Zepter bis ins letzte Kriegsjahr fest in der Hand gehalten, und nun, da Sebastian alles übernommen hatte, arbeitete er meist bis spät in die Nacht. Vorher war die Arbeit geteilt gewesen, nun lastete alles auf Sebastians Schultern. Angesichts dessen konnte Ella verstehen, dass ihn die Entscheidung seines Ältesten so aufbrachte. Nicht nur schlug dieser das Familienerbe aus, Sebastian stand nun vor der Wahl, die Arbeit an einen Angestellten zu delegieren oder aber weiterhin jeden Tag bis spät in den Abend am Schreibtisch zu sitzen. Die Lombards hatten die Geschäftsführung nie aus der Hand gegeben, und Sebastian brachte es bislang nicht über sich, als Erster damit zu beginnen.
»Brauchst du noch lange?«, fragte sie und bemerkte an seinem Blick, dass dies der gänzlich falsche Einstieg gewesen war.
»Nachdem du dich so vehement auf die Seite deines Sohnes gestellt hast, kann ich nicht so recht glauben, dass dich das wirklich bekümmert.«
Ella ging um den Schreibtisch herum, trat hinter ihn, legte ihm die Hände auf die Schultern und drückte die Daumen in den verspannten Nacken, verlagerte den Druck leicht und fand offenbar die richtige Stelle, denn Sebastian seufzte leise, und seine starren Schultern, die mit jedem Zoll sagen sollten, dass er auch bei einer Berührung nicht versöhnlicher gestimmt sein würde, wurden nachgiebiger unter ihren Händen.
»Wenn du möchtest, kann ich dir helfen.«
»An welche Art der Hilfe hattest du gedacht?« Seine Stimme indes ließ anklingen, dass er bereits recht konkrete Vorstellungen hatte.
»Ich könnte dir einen Teil der Büroarbeit abnehmen.«
»Danke, ich habe bereits eine Sekretärin … ah!« Er fuhr auf, weil sie ihn gekniffen hatte.
»Wann wirst du eigentlich lernen, mich als gleichwertige Geschäftsfrau anzuerkennen?« Ihre Hände packten fest zu, kneteten seine Schultermuskeln, wobei Sebastians Ächzen nicht so recht Aufschluss darüber gab, ob es ihn schmerzte oder dieser Schmerz gleichsam Entspannung war.
»Ein Gewürzunternehmen zu führen ist nun einmal nicht dasselbe wie das Herumgewerkel in einer … Verdammt, wenn du das noch einmal machst!«
»Ja, was dann?«
Er drehte sich um, sodass sie die Hände von seinen Schultern nehmen musste. »Hör zu, Ella. Ich bin voller Anerkennung für das, was du leistest und geleistet hast. Du hast ein ganzes Werk gerettet und zu neuer Blüte geführt – wenngleich ich ganz unvoreingenommen sagen darf, dass mein Geld auch keine unbedeutende Rolle dabei gespielt hat, aber geschenkt. Und du hast mit dem Rosenpalais nicht nur eine wunderbare Chocolaterie errichtet, sondern es geschafft, sie bis heute zu erhalten, und das, obwohl sie zwischenzeitlich dem Erdboden gleichgemacht worden war. Aber das hier ist nun einmal etwas anderes, in einer anderen Größenordnung als dein Rosenpalais. Ohne Felix wird es irgendwann nicht mehr weitergehen. Die Chocolaterie wird auch dann laufen, wenn er nicht vor Ort ist.«
Ende der Leseprobe
