Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Schlangentor ist eine Sammlung von Silvia Heins eigenen Märchen, Geschichten und Gedichten, mit farbigen Zeichnungen versehen, denen das Thema der Wandlung zugrunde liegt. Es sind zeitlose, heilsame Geschichten, die auch therapeutisch verwendet werden können.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Dieses Buch widme ich meinen beiden Söhnen Christian und Sebastian und meiner Tochter Sabine. Danke, dass ihr in mein Leben getreten seid! Dieser, mein Zaubergarten mit all den Geschichten, Gedichten und Zeichnungen ist mein Vermächtnis an euch!
Sie sind in der Zeit von 1977 bis 2007 entstanden und wollten nun endlich aus der Schublade heraus.
Und ich widme dieses Buch meinen Geschwistern Hanni, Elfi, Susanne, Eva und Peter. Und auch euch allen, ihr meine „Schwestern-Freundinnen“ die ihr mir Gefährtinnen auf meinem Lebensweg ward und seid, ich hoffe, ihr fühlt euch angesprochen, auch wenn eure Namen nicht extra genannt sind.
Diese Neuauflage widme ich besonders meinem Sohn Christian, der im März 2013 gestorben ist: „Auch wenn dein Platz hier im Irdischen nun schmerzhaft leer ist – in meinem Herzen bleibe ich dir verbunden! Danke für die Zeit, die du mit uns geteilt hast!“
geheiligt durch euch
Schwestern
eure ureigene Präsenz!
Jede ein Spiegel
meines Reichtums
ein Teil meiner Seele
– wie auch ich
Spiegel und Teil
eurer Seele bin –
Gefährtinnen
auf dem Weg
zum inneren Selbst!
Lasst uns feiern!
Denn stark sind wir
und gut
– selbst in der
Kleinlichkeit
der Verzagtheit
vor der keine gefeit ist!
Heute vergessen wir
die Gefräßigkeit
des Alltags
und schauen auf das
was unser Leben ausmacht:
in heftigen Geburtswehen
öffnen wir uns dem Neuen
das in die Zeit drängt
überlassen wir uns
der wandelnden Kraft
die nichts mehr
beim Alten lässt!
Es ist gut
in dieser Zeit
eine Frau zu sein!
Einleitung
Wandlungen
Der Stern
Sterntaler
Sterntaler
Mondkind
Eine Haselmausgeschichte
Das Kind der Schlangenkönigin
Ho Spinnenfrau
Spinnenfrau
Der Tänzer
Das alte Buch
Die Vogelfrau
Ich kenne den Weg nicht
Vogelfrau
Der Mistelzweig
Zauberperlen
Die Bucklige
Metamorphose
Metamorphose
Der Tränendiamant
Die Nebelfrau
Der goldene Knauf
Durchgekommen
Einweihung
Der Flötenspieler
Der einäugige Wolf
Goldschätzchen
Tod
Elegie
Impressionen
Blumenelfe
Die Seerosenbraut
Der Korb der Unterirdischen
Der Ritter vom ehernen Berg
Die Alte
Die heilkundige Alte
Das Medaillon
Jakob auf Wolkenflügel
Ha! Herbststurm
Die Nixenorgel
Das Schlangentor
Sucht
Verbindung
Aschenputtel
Wie Phönix aus der Asche
Über die Autorin
„Schaue über das Land und werde still, dann hörst du seine Geschichten und seine Lieder, die der Wind dir singt.“
(Weisheit der Indianer)
Ich bin Märchenerzählerin, schon viele Jahrzehnte lang. Seit meiner Kindheit haben mich diese besonderen Geschichten fasziniert, bewegt und in ihren Bann gezogen. Sie haben mir so oft in und aus schwierigen Situationen geholfen und waren mir in meinem Leben die treuesten Freunde. Nicht nur die Märchen, die uns schriftlich überliefert sind, Märchen aus den verschiedensten Kulturen der Welt, auch die Märchen, die sich mir geschenkt haben. Geschichten, die plötzlich da waren, wie aus dem Nichts, die mich nicht eher hatten ruhen lassen, bis ich sie aufgeschrieben habe.
„Geschichten sind immer schon da“, hatte ich meinen Kindern oft gesagt, „sie sind ständig auf der Suche nach jemandem, der sie wahrnimmt, sie erzählen oder aufschreiben will. Du musst nur ganz still in dir werden, die Augen zumachen und lauschen.“
Dieses „Lauschen“ ist nicht einfach ein Hören, es ist ein empfängliches Nachinnen-Hören, ein über das übliche Hören hinausgehende „Mit-dem-Herzen-Hören“. Ähnlich wie Antoine de Saint-Exupéry seinen kleinen Prinzen sagen lässt: „man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Wer kennt und kann das noch – dieses Lauschen!
In meiner langen – auch therapeutischen – Beschäftigung mit den Märchen haben sich mir diese Geschichten immer mehr erschlossen, auch meine eigenen. So wie sich mir dadurch auch immer mehr meine Träume erschlossen hatten. Ich begann diese Sprache zu verstehen! Welch eine Entdeckungsreise nach Innen! Dabei erfuhr ich auch, dass das Medium dieser Geschichten das mündliche, das freie Erzählen ist, denn da können sich diese Geschichten im Zuhörenden so richtig entfalten.
„Märchen hören ist wie Musik hören, bei beiden klingen tiefere Schichten unseres Seins an und lassen innere Bilder lebendig werden“, habe ich in meine Flyer geschrieben.
Märchen berühren uns, denn sie erzählen vom Leben – aus einer anderen Perspektive. Sie sind wie ein Fenster nach Innen, wie ein Zauberspiegel, in dem wir uns auf wundersame Weise selbst erkennen können. Sie erzählen von Angst und Verführung, von Mut und Hingabe, von Liebe und Verzweiflung. Sie erzählen von all den Herausforderungen, Schwierigkeiten und Gefahren, denen wir auf unserem Lebensweg begegnen können und davon, wie – und dass – wir diese meistern können.
So begann ich meine Laufbahn als Märchenerzählerin.
Ah! Märchenerzähler und Märchenerzählerinnen!
Wir werden immer mehr! Als spürten wir den Ruf der Zeit. Ja, wir spüren sie, die Sehnsucht nach dem Verwunschenen, Verborgenen, dem Wundersamen…
Seit der industriellen Revolution wurden die verwunschenen Gärten und verträumten Ecken, die tiefen, weglosen Wälder und geheimnisvollen Moore in unserem mitteleuropäischen Raum immer mehr zurückgedrängt. Nicht nur im Außen!
Die Technik und die Ratio, oder vielmehr der Zweckrationalismus, fraß sie alle. Wie eine Krankheit, wie ein Krebsgeschwür fing er an zu wuchern, sich auszubreiten und alles zu verdrängen.
Wo bleibt uns in all dem Funktionierenmüssen, zwischen Arbeit, Terminen, Fernseher und Computer, Internet, Telefon, Handy – wo bleibt uns Zeit für: „Löcher-in-die-Luft-starren“, Zeit für Versteck-Spiel mit den Kindern, Zeit für ziellos durch die Wälder streifen oder in einem verwilderten Garten einfach im Gras liegen, den Insekten zuhören, den Duft des Sommers atmen, den Wolken am Himmel nachschauen, mit nichts als einem zufriedenen Lächeln im Herzen?
Zeit ist rar geworden!
Zeit ist Geld!
Dies so gar nicht fassbare Ding, das uns durch die Finger rutscht, wenn wir es halten wollen, von dem wir nie genug haben und das uns von einem Termin zu nächsten hetzt – seit es Geld geworden ist. Selbst die Zeit der Kinder ist schon bis ins geht nicht mehr verplant.
Keine Zeit für Muße, für Lange-Weile! Kein sich verlieren in verträumten Stunden. Wo kann die Seele noch tanken?
Aber: „Zeit kann man nur gewinnen, wenn man sie verschwendet“ – wer verschwendet heute noch Zeit?
Zeit ist Geld!
Was tun wir unserer Seele an?
Hier fällt mir die Geschichte von dem Bauern ein, der Holz machen will. Dazu steigt er auf einen Baum und fängt an, einen Ast abzusägen. Ein Pfarrer kommt vorbei und sagt ihm, dass das wohl nicht gut sei, was er da macht, da er mit dem Ast herunterfallen und sich dabei das Genick brechen wird. Der Bauer versteht nicht, was der Pfarrer meint und sägt weiter. Weil er aber auf dem Ast sitzt, den er absägt, fällt er wirklich herunter. Jetzt glaubt er natürlich, dass der Priester ein Seher war und denkt deshalb, er sei nun tot und aus diesem Glauben heraus passieren ihm noch weitere skurrile Dinge, die aber ein anderes Mal erzählt werden.
Wir lachen natürlich über diesen dummen Bauern – doch ist das nicht ein schönes Bild für unsere, dem Zweckrationalismus verfallene Zivilisation. Hier steht der Ast als Symbol für ganze Regenwälder, die wir abholzen, ohne zu verstehen, was wir da tun. Als Symbol für wesentliche Teile unserer Psyche, die wir abspalten. Mythen, Märchen und Träume sind nicht nutzlos gewordenes totes Holz, auch wenn es für viele so aussieht. Sie sind notwendige Nahrung für die Seele, die den Erfahrungshintergrund des Einzelnen um den des kollektiven erweitert, die unserem Sein die nötige Tiefe, Farbigkeit und Vielschichtigkeit gibt. Wenn wir uns wieder das Bild der abgeholzten Regenwälder vor Augen führen, können wir ahnen, wie viel Farbe und Lebendigkeit der Welt verloren geht – und auch als Bild für das, was wir unserer Seele antun, wenn wir alle verwilderten Gärten auf pflegeleichte Koniferen-Friedhofs-Beete reduzieren, die weglosen Wälder mit zirkelgeraden Straßen durchpflügen, wenn wir alles Mystische, Unfassbare und Unnennbare einfach als Aberglaube abtun, eben weil es nicht messbar, berechenbar, erklärbar, nutzbar ist.
Schauen wir uns doch um: wenn wir nur unsere Vernunft leben, nur den Intellekt füttern, nehmen wir früher oder später Schaden. Wenn wir unsere Intuition verneinen und unsere Phantasie verkümmern lassen, können wir auch nicht unsere Intelligenz entwickeln. Denn nur wenn wir alle unsere Fähigkeiten entfalten und entwickeln, das heißt Gefühl, Phantasie und Verstand, werden wir wirklich intelligent. Und es zeugt ja nicht gerade von Intelligenz, wenn wir die Lebensgrundlage unseres Seins: Erde, Luft und Wasser vergiften und zerstören und die Probleme und Konflikte die zur Lösung anstehen nicht wirklich angehen.
Wir müssen unserer inneren Wirklichkeit mehr Raum und Zeit geben! Und dazu eignet sich das Eintauchen in die innere Bilderwelt, ob nun über Märchen und Mythen, über Träume oder das Träumen, über Phantasieren und Fabulieren oder über das Spielen. Übrigens: von Kindern – vor allem den kleinen, die noch nicht „verschult“ sind, können wir diesbezüglich viel lernen.
Märchen sind weder Wunschbilder, noch Abbilder der Wirklichkeit, aber sie sind Bilder für die Erfahrung von Wirklichkeit! Z.B. für die Erfahrung von abgelehnt oder alleingelassen sein, von Bedrohung und Verlockung, von Angst und Bewährung. Wenn wir diese Geschichten lesen oder vorlesen, erzählen oder erzählt bekommen, schwingen diese Erfahrungen mit, sie brauchen weder explizit benannt, noch rational gedeutet werden, um ihre Wirksamkeit zu entfalten. Unser Unbewusstes weiß, welche Botschaften ihm das Märchen überbringen will. Vor allem wenn wir es öfter lesen oder hören, kann diese Botschaft immer tiefer sinken und auf anderen Ebenen, die ja auch zu uns gehören, wahre Wunder bewirken. Außerdem können wir alle: Kinder, Jugendliche und Erwachsene, im Schutz der Märchenbilder Probleme bedenken oder zur Sprache bringen, die wir vielleicht so nicht benennen können. Und das ist – gerade im Zusammenleben mit Kindern, aber nicht nur – oft sehr heilsam.
Ja! Die Märchenerzähler, Cantadores, Griots und Schamanen! (auch die weiblichen!!!) Sie sind unser Seelengedächtnis! Die „Sprach-Zauberer“, die Weltenwandler zwischen der äußeren und der inneren Welt. Auch ich gehöre zu denen, die zwischen den Welten wandern. Als Märchenerzählerin und auch als Therapeutin – nein, diese Bezeichnung passt schon lange nicht mehr. Passender wäre: „Seelsorgerin“, denn ich sorge mich um die Seelen, bin immer auf der Suche und folge ihren Pfaden, bis in die dichtesten Urwälder des Unbewussten. Bei mir selbst und bei denen, die mich deswegen aufsuchen, mich die „Pfadfinderin“ – auch eine schöne Bezeichnung! Denn „den Bildern der Seele folgen“ ist meine Passion und Bezeichnung meiner Arbeit. In Märchen, Träumen, Imaginations- und Seelenreisen enthüllt sich einem so viel Reichtum, kann die Seele Blüten treiben, lässt sie Früchte reifen.
Es gibt so viel mehr jenseits der engen Gassen der Funktionalität und unseres vermarkteten Alltags. Und schaut euch doch um: wie Pilze schießen sie aus dem Boden, die Fantasy-Spiele, die Fantasy-Filme und Fantasy-Romane. Wer kennt nicht „die unendliche Geschichte“, den „Herrn der Ringe“, „Harry Potter“? Es gibt eine noch nie dagewesene Flut von Märchensammlungen, Märchenbüchern, Märchendeutungen, neu geschriebener Märchen – meine hier sind in bester Gesellschaft! So, als wüsste die Zeit, was für sie Not-wendig ist. – Sie weiß es!
Ich erfahre es in meiner Arbeit, ich erfahre es, wenn ich erzähle. Ich werde so reich beschenkt!
Ja, Mensch-Sein ist ein spannendes Abenteuer und eine Reise in die Innenwelt ebenso aufregend, wie eine Reise in fremde Länder und Kulturen.
Ich lade Sie, liebe Leserin, lieber Leser jetzt auf so eine Reise ein, lade Sie ein, in diese Geschichten und „Wort-Bilder“ einzutauchen und wenn auch nur eine oder eines davon Sie im Herzen berührt, hat dieses Buch „seine Schuldigkeit“ getan.
Silvia Hein
Die vorliegenden Geschichten und Gedichte (wie übrigens eine große Anzahl der überlieferten Märchen und Mythen) befassen sich – auf bildhafter Ebene – mit einer uns Menschen vorbehaltenen Form der Entwicklung. Denn zusätzlich zur horizontalen Entwicklung in die Zeit, entwickeln wir uns auch vertikal in seelischgeistige Räume. Wir durchlaufen nicht nur die Phasen der verschiedenen Altersstufen, sondern auch die Phasen emotionaler und spiritueller Reifung, die sicher mit den verschiedenen Altersstufen verbunden sind, in sie hinein- und darüber hinaus wirken.
So gibt es in meinem Lebenslauf – und sicher nicht nur in meinem – immer wieder an bestimmten Stellen Umbrüche und Aufbrüche (im doppelten Sinn des Wortes). Meistens dann, wenn eingefahrene Verhaltensweisen und Problemlösungsstrategien plötzlich nicht mehr funktionierten. Wenn ich fassungslos vor den Trümmern meiner Träume, meiner Phantasien oder Vorstellungen stand, wenn Krankheitssymptome mir unmissverständlich klarmachten, dass etwas in mir sich in einem Missverhältnis, in einem Ungleichgewicht befand. Dann kamen die Träume, die Geschichten, die Gedichte und zeigten auf, was mich da in meinem Inneren bewegte, was sich verändern, sich wandeln wollte. Klopften an, behutsam, zeitlos, oder aufrüttelnd, drängend.
Ich schrieb zunächst alles auf, um so manches erst später zu verstehen. Und begriff mit der Zeit auch, dass vieles wirklich erst später von mir verstanden werden konnte, weil ich in diese Wandlungen, diese Veränderungen, die damals auf der Seelenebene schon vorbereitet wurden, erst hineinwachsen musste.
Sich in die seelisch-geistigen Räume hinein entwickeln heißt, sich seiner selbst immer mehr bewusst zu werden. Dies ist ein schmerzhafter Prozess, denn es geht dabei nicht nur um die akzeptierten, die uns geläufigen Anteile, die wir immer intensiver wahrnehmen. Sich der eigenen Wesensart bewusst werden, bringt unweigerlich die nicht gelebten, wie die ungeliebten Anteile ans Licht und die Projektionen, mit denen wir diese bisher in anderen abgelehnt und bekämpft hatten. Dieser Selbstwahrnehmungs-Prozess lässt immer spürbarer werden, wie eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster unser Leben behindern, wie der Fluss des Lebens ins Stocken gerät. Das schmerzt und kränkt, denn noch messen wir dies an Richtig und Falsch, an gut- oder schlecht gemacht. Dabei wollten wir doch nur eines: alles richtig machen, gut sein, glücklich sein!
Aus diesen Kinderschuhen hinauswachsen, die eigene Größe und Begrenzung erfahren und annehmen, sich selbst annehmen in wirklich allen Facetten, ist der nächste Schritt der seelisch-geistigen Entwicklung und bringt das Annehmen des Anderen unweigerlich mit sich.
Meistens hören die Geschichten dort auf, wo die Wandlung, die Veränderung angenommen und dieser notwendig gewordene, nächste Entwicklungsschritt getan wurde. Das Hineinleben und Hineinwachsen in diese neuen Räume geschieht dann auf der anderen, auf der für unsere physischen Sinne erfahrbaren Ebene, bis auch diese Räume ausgelotet und in all ihren Möglichkeiten ausgeschöpft sind und die nächste Veränderung, die nächste Wandlung in der Tiefe vorbereitet wird.
„Vor hundert, hundert, hundert Jahren waren Menschen und haben Unfug getrieben, weil sie so bös waren. Und darum war es so, dass ein Stern vom Himmel gefallen ist. Und dann war da Holz und damit haben der Stern, ich und du eine Hütte gebaut und die Hütte war so groß, dass wir darin gewohnt haben und der Stern hat uns alles erzählt.“
Sebastian, knapp 4 Jahre alt.
Nach und nach
habe ich alles weggegeben,
was mich schützt
und kleidet –
nun stehe ich
nackt und bloß
im Wald,
schutzlos
dem Leben preisgegeben
– und siehe
es hüllt mich
strahlend
in seinen
Reichtum!
Kennst du dein Mondkind? Nein? Dann locke es, leise und zärtlich, denn es ist scheu geworden und hält sich versteckt. So lange Jahre wollte niemand von ihm wissen, so lange Jahre! Es weiß nicht mehr, dass du es kennen könntest. Und du wohl auch nicht.
Früher, da waren die Mondkinder gerne gesehen, sie wurden gerufen, so manche Nacht. Oder vielmehr zu Beginn der Nacht, wenn die Abenddämmerung sich langsam zurückzieht und über die Welt ihre geheimnisvollen Schleier breitet. Es sind die Schleier ihrer Mutter, die sich früher darunter verborgen hatte, diese Schleier lieben die Mondkinder, wie alles Geheimnisvolle.
Zu Beginn der Zeit, als Himmel und Erde erschaffen waren, gab es noch keine Mondfrau, wie wir sie heute kennen. Der Sonnenherr herrschte über Himmel und Erde und alles gehorchte seinen Gesetzen. Er konnte sehr großzügig, aber auch sehr jähzornig sein und manchmal auch erbarmungslos. Nur nachts, wenn er schlief, herrschte tiefe Ruhe. Der Sonnenherr hatte bei Strafe verboten, ihn in seiner Ruhe zu stören und das Sternenvolk hielt sich daran.
Eines Nachts jedoch schlich sich eine Sternenfrau in sein Schlafgemach, sie konnte ihre Neugierde nicht mehr bezähmen und wollte endlich wissen, wie der Herrscher aussah. Sie hatte sich in dichte Schleier gehüllt, damit ihr Licht ihn nicht wecke und trat vorsichtig an sein Bett. Und als sie ihn so daliegen sah in seiner ganzen Pracht, entflammte ihr Herz und am liebsten hätte sie ihn umarmt. Aber das Verbot hielt sie zurück und leise entfernte sie sich wieder.
In jener Nacht hatte der Sonnenherr einen seltsamen Traum, in dem ihm eine wunderschöne Frau anlächelte, doch als er sie umarmen wollte, war sie plötzlich verschwunden. Tagsüber vergaß er den Traum, denn wer erinnert sich schon an Träume, wenn er zu herrschen hat. Nachts aber schlief er immer unruhiger und wurde dadurch am Tag auch immer unleidiger.
Lange hielt es die Sternenfrau aber nicht aus, dann siegte ihre Liebe über die Angst erwischt und bestraft zu werden und sie schlich sich wieder in sein Schlafgemach. Und als sie ihn wieder in seiner ganzen Herrlichkeit so daliegen sah, wurde die Sehnsucht, ihn zu berühren so groß, dass es ihr nur mit Mühe gelang, sich zu beherrschen. Schon in der nächsten Nacht stand sie wieder an seinem Bett.
Diesmal erwachte der Sonnenherr, denn wie gesagt, wurde sein Schlaf immer unruhiger. Und als er die Sternenfrau vor sich sah, erinnerte er sich sofort an jenen Traum. Er bat sie, die Schleier abzunehmen und als sie seinem Wunsch entsprach, sah er, dass diese Jungfrau noch schöner war, als jene in seinem Traum. Da vergaß er, dass er bei Strafe verboten hatte, ihn in seiner Ruhe zu stören, sprang auf und umarmte das schöne Mädchen. Die Sternenfrau konnte ihr Glück nicht fassen.
Jede Nacht verbrachte sie nun bei ihm und eine ganze Zeit lang genoss der Sonnenherr ihre Liebe. Dann aber ertappte er sich dabei, dass er die Sternenfrau auch am Tag gerne an seiner Seite gehabt hätte und das störte ihn in seinen Regierungsgeschäften. Und als sie ihm eines Tages freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, sprach er zu ihr:
„Es ist nicht gut für mich, dich bei mir zu haben, das schwächt meine Regentschaft. Auch kann ich keine Kinder um mich dulden, sie sind zu unberechenbar. Es wird Zeit für dich, meinen Palast zu verlassen.“
Und der Sonnenherr ließ ihr ein schönes Haus bauen, weit weg von seinem eigenen Palast, dort lebte sie nun. Es zog sie auch nicht zurück zu ihrem Volk und so saß sie nächtelang vor ihrem Haus und ihr Leib schwoll und wurde immer runder. Menschen und Tiere auf der Erde aber freuten sich über dieses neue, dieses sanfte, stetig zunehmende Licht am Nachthimmel.
Lange weinte sie den Stunden ihres Glückes nach. Doch als ihr Kind geboren war, erfuhr sie ein neues, ein anderes Glück und war mit ihrem Schicksal versöhnt.
Seither verbringt sie ab und zu eine Nacht bei ihrem Geliebten, freut sich an seiner Kraft und Schönheit und kehrt dann jedes Mal gerne wieder in ihr Haus zurück. Die Menschen hatten sich im Laufe der Zeit an ihr Kommen und Gehen gewöhnt und nennen sie die große Wandlerin. Sie aber freut sich über jedes Kind, das sie zur Welt bringt und schickt es gerne zum Spielen hinunter auf die Erde.
Diese Kinder der Mondfrau, wie sie seither auch genannt wird, sind so unterschiedlich, wie Kinder einer Mutter nur sein können. Da gibt es die verträumten, sanften, ihrer Mutter ähnlich, oder die kecken, herausfordernden, eher nach dem Vater geraten, aber eines haben sie alle gemeinsam: sie lieben es, auf der Erde mit den Schleiern ihrer Mutter zu spielen und geheime Verstecke zu finden. Am liebsten aber verstecken sie sich in den Herzen der Menschen, denn dort erfahren sie die größten Geheimnisse.
Das wussten die Menschen früher und so haben sie oft so ein Mondkind zu sich eingeladen, es gerufen, um mit ihm zu spielen und mit ihm die Geheimnisse des eigenen Herzens zu ergründen. Und wie damals die Mutter am Bett ihres Vaters stand, so standen die vorwitzigen von ihnen manchmal auch am Bett eines Menschen, ohne eingeladen oder gerufen worden zu sein, einfach um seine Schönheit zu betrachten. Dieser Mensch hatte dann die wundersamsten Träume, die er bei seinem Tagwerk leider oft vergaß.
Aber die Welt wurde immer lauter und die Nächte immer heller von dem Licht, das von den Menschen gemacht wurde und so fanden die Mondkinder immer weniger Platz zum Spielen. Auch wollten immer weniger Menschen etwas vom Geheimnis ihres Herzens erfahren. So ist die Erinnerung an die Mondkinder langsam eingeschlafen. Aber sie sind noch da, denn einige wenige Verstecke gibt es noch – und wie gesagt, wenn du eines leise rufst, eines, das genau zu dir passt, weil auch du verträumt oder sanft, keck oder herausfordernd bist, dann kann es sein, dass es deinem Ruf folgt und du kannst mit ihm Versteck spielen und es dann in deinem Herzen finden und mit ihm seine Geheimnisse ergründen.
„Hast du die Geschichte gesehen?“
„Welche Geschichte?“
„Na die, die da eben vorbeigelaufen ist!“
„Hier ist doch keine Geschichte vorbeigelaufen!“
„Aber ja doch du Transuse! Freilich ist sie das, gerade eben! Schnell, lauf ihr nach, dann kannst du vielleicht noch ihr Ende erwischen!“
Da hab ich vielleicht meine Beine in die Hand genommen und bin ihr nachgelaufen, und wie! So schnell, dass ich sogar noch den Anfang der Geschichte erwischt habe.
Hier ist sie:
Eine kleine Haselmaus war auf Abenteuer aus. Und wenn man auf Abenteuer aus ist, muss man wohl sein Haus verlassen und in die weite Welt hinaus ziehen!
„So werde ich auf Reisen geh'n“, sagte sich die Haselmaus, packte einen Rucksack voll und sich diesen auf den Rücken und los ging's. Und sie lief und lief, die ganze Nacht, bis es hell wurde. Dann versteckte sie sich in einem kleinen Mauseloch und tat, was dann alle Mäuse tun, sie verschlief den Tag. Und so lief sie und schlief sie viele, viele Tage lang.
Da kam sie an einen großen See. Und was tut eine kleine Haselmaus, die zum ersten Mal an einen großen See kommt? Sie staunt! Und so stand sie da mit offenem Mund und großen Augen – oh, so viel Wasser! Und wie geht´s nun weiter? Die kleine Haselmaus trippelte also am Ufer entlang. Da wehte etwas im Wind heran, fiel ihr direkt vor die Füße. Es war ein trockenes Blatt, sah aus wie ein Schiffchen, lud ein zum Fahren. Da setzte die kleine Haselmaus das Schiffchen aufs Wasser, sprang hinein und segelte los. Das ging viel leichter als das Laufen. Und der Wind hatte seine Freude daran, das Schiffchen über den See zu treiben. Plötzlich tauchte aus der Tiefe ein großer Fisch auf, öffnete sein riesiges Maul und verschlang das Blatt mit samt der Maus. Huh, wie war es da so gruselig und dunkel in dem Fischbauch. Doch mit einem Mal gab es einen gewaltigen Ruck, so dass die Maus kopfüber fiel. Bald darauf wurde es hell im Fischbauch, denn der Fischer, dem der große Fisch ins Netz gegangen war, hatte den Bauch aufgeschnitten. Da sprang die kleine Haselmaus heraus. Und der Fischer staunte: „Wie kam bloß die Maus in den Bauch von diesem Fisch?“ Aber da war die Haselmaus schon über alle Berge, Berge von Fischernetzen und Seilen und versteckte sich geschwind – na wo wohl? Genau – in einem Mauseloch. Das gab es wirklich, hier auf dem Schiff!
Und in diesem Mauseloch wohnte eine Maus. Keine Haselmaus, nein, eine ganz gewöhnliche Hausmaus. Die hatte sich auf dem Schiff des Fischers wohnlich eingerichtet und lebte in Hülle und Fülle. Da gab es Knäckebrot- und Kuchenkrümel, Apfel- und Bananenstücke, Kekse und Brotrinden, Rosinen und Nüsse. Wie gesagt, die Hülle und die Fülle. Denn die Fischersfrau brachte immer einen großen Korb voll guter Sachen an Bord, wenn der Fischer alle seine Fische auf dem Markt verkauft hatte und wieder los fuhr. Und da der Fischer oft mitten im Essen gestört wurde, weil ein Fisch an seiner Angel hing, oder das Netz voll war, fiel so manches auf den Boden. Aber nicht nur das, was auf den Boden fiel, gelangte in die Speisekammer der Hausmaus. Sie stibitzte gerne noch dies und das und hatte immer satt zum Leben!
Nun hatte sie Besuch! Wer hätte das gedacht! Hier auf dem Schiff und mitten im See! Die Hausmaus sprang vor Freude herum und tanzte im Kreis! Die Haselmaus – na eigentlich war's ja ein Mäuserich – räusperte sich und stellte sich dann höflich vor. Ihr könnt mir glauben, die beiden hatten sich viel zu erzählen. Und was die Haselmaus anging, so half sie bei der Beschreibung ihrer Abenteuer tüchtig nach. Und weil die Hausmaus ihr alles glaubte, so glaubte auch die kleine Haselmaus bald selbst alles was sie so erzählte.
Die kleine Haselmaus und die gewöhnliche Hausmaus aber heirateten einander und lebten glücklich und zufrieden, denn sie hatten alles, was sie brauchten, in Hülle und Fülle.
Es lebte einmal eine Frau, die wünschte sich so sehr ein Kind, bekam aber keines. Sie weinte, sie klagte, sie betete, aber vergebens.
Da hörte sie von einem heiligen Ort, an dem Wunder geschehen sollten und sie machte sich auf den Weg, diesen Ort zu finden. Es war ein weiter und mühsamer Weg, den die Frau ging und manchmal war sie nahe daran, aufzugeben und umzukehren. Aber dieser kleine Funke Hoffnung, vielleicht doch noch ein Kind bekommen zu können, trieb sie immer wieder weiter.
Einmal übernachtete sie wieder in einer Herberge und als sie im Bett lag, war ihr, als hätte jemand ihren Namen gerufen. Die Frau wunderte sich, dass sie hier jemand kennen sollte und schaute sich um, wer da wohl gerufen hatte. Da gewahrte sie eine kleine unscheinbare Schlange und diese Schlange sprach mit menschlicher Stimme zu ihr: „Folge mir, es wird dein Schaden nicht sein!“ Da stand die Frau auf, zog sich an und ohne weiter darüber nachzudenken, oder sich gar zu verwundern, folgte sie der kleinen Schlange. Erst als diese in einem Loch verschwunden war, weit weg von der Herberge und jeder anderen menschlichen Behausung, begann sich die Frau zu fragen, warum sie der Schlange nachgegangen war und was sie hier eigentlich sollte.
Doch schon vernahm sie wieder diese leise Stimme, die nach ihr rief und sie schien aus dem Loch zu kommen. Da kniete sich die Frau hin und beugte sich zu dem Loch hinab, um hinein zu schauen und wie sie sich so hinab beugte, da spürte sie plötzlich, wie sie kleiner und kleiner wurde, so dass sie schließlich in das Loch hinein schlüpfen konnte. Und als sie hindurchgeschlüpft war, wuchs sie wieder zu ihrer normalen Größe. Zu ihrem Erstaunen sah sie vor sich ein weites, welliges Land und auf einem der Hügel brannte ein Feuer. Die kleine Schlange aber war nirgends mehr zu sehen. Da ging die Frau auf das Feuer zu. Dort saß ein uralter Greis, der hatte seine Augen geschlossen und dennoch war der Frau, als würde er durch sie hindurchsehen, bis auf den tiefsten Grund ihrer Seele.
„Da bist du ja“, sprach er endlich und öffnete seine Augen. „Ich brauche deine Hilfe, deshalb habe ich nach dir geschickt.“
Und mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie der Schlange gefolgt war, folgte sie nun dem Greis. Dieser führte sie zu einem Platz, an dem seltsam geformte Steine wie Wächter vor einem großen, steinernen Tor standen. Einem Tor, das allein für sich in der Landschaft stand, nichts sonst dahinter. Der Alte ging durch dieses Tor und die Frau folgte ihm. Doch als sie durchgegangen war, war der Alte nicht mehr zu sehen und vor ihren Augen breitete sich eine weite Ebene aus, an deren Horizont es glänzte, als wäre dort ein See. Ohne sich weiter Gedanken zu machen, ging sie darauf zu und als sie endlich dort angekommen war, saß der alte Greis am Ufer des Sees und deutete auf eine kleine Insel, die weit draußen zu sehen war. Und er bat: „Bitte schwimme zu dieser Insel und hole mir das Ei, das du dort finden wirst. Krähen haben es mir gestohlen und dorthin verschleppt. Bitte schwimme gleich, denn sie sind gerade von der Insel weggeflogen, um Futter zu suchen.“
Und ohne lange zu überlegen folgte die Frau der Bitte des alten Mannes. Sie legte ihre Kleider ab, stieg ins Wasser und begann zu schwimmen. Nicht einen Augenblick war ihr in den Sinn gekommen, dass sie vielleicht gar nicht die Kraft haben könnte, so weit zu schwimmen. Plötzlich aber war sie, ohne zu wissen wie, bei der Insel angekommen. Schon bald hatte sie das Ei gefunden und überlegte, wie sie es zurückbringen sollte, denn sie hatte ja nichts, worin sie es hätte transportieren können. Da flocht sie ihr langes Haar zu einem kunstvollen Knoten, der wie ein Nest auf ihrem Kopf saß, legte das Ei vorsichtig hinein und schwamm zurück, sorgfältig darauf bedacht, dass das Ei nicht heraus fiel.
Voller Freude empfing sie der Alte, nahm das Ei und barg es in seinen Händen. Da verdunkelte sich mit einem Mal der Himmel und eine große Schar von Krähen kam herbei geflogen. Wütend stürzten sie sich auf die Frau, der Greis mit dem Ei aber war verschwunden. Doch dann ließen die Krähen plötzlich von ihr ab und die Frau sah, wie sich ein riesiger Adler herabstürzte. Er packte die Frau mit seinen Krallen und trug sie davon. Und er trug sie zu dem Lagerfeuer in dem hügeligen Land, an dem auch wieder der uralte Greis saß. Das Ei hielt er immer noch wie einen großen Schatz in seinen Händen, dann aber öffnete er sie behutsam und die Frau sah voller Erstaunen, wie gerade eine kleine, unscheinbare Schlange heraus schlüpfte. Und sie hatte ein winziges Krönlein auf dem Kopf. In diesem Moment flog eine große leuchtende Schlange wie ein Komet über den Himmel zu ihnen herab, auf dem Haupt eine Krone wie aus tausend Diamanten, und rief:
„Hab Dank, Menschenkind, dass du meine Tochter gerettet hast! Ich werde es dir vergelten!“ Und sie nahm das kleine, eben geschlüpfte Schlänglein behutsam in ihr Maul und flog über den Himmel zurück.
Der Alte aber sprach zu ihr: „Alle hundert Jahre gebiert die Schlangenkönigin ein Ei und gibt es in meine Obhut, denn nur auf der warmen Erde kann es sich entwickeln und ausschlüpfen. Dieses Mal war ich einen Moment lang unaufmerksam und da haben mir die Krähen das Ei geraubt. Du aber hast es zur rechten Zeit zurückgebracht. Auch ich danke dir von ganzem Herzen.“ Dann sprach er eine Zauberformel über sie aus und im nächsten Moment befand sie sich wieder in der kleinen Kammer ihrer Herberge.
Nach diesem Erlebnis hatte die Frau nur noch den Wunsch heimzukehren. Und siehe, nach neun Monaten brachte sie eine Tochter zur Welt, ein wunderschönes Kind, das hoch auf der Stirn ein Mal trug, das wie ein kleines Krönlein aussah.
Ho!
Spinnenfrau!
Gefräßig
wartest du
auf den kleinsten Anflug
von Lebendigkeit!
Noch
schläft die Frau in mir,
festgehalten im Kreis
deiner Zauberfäden
– auf- und absteigend –
dem Zyklus
des Mondes
gehorchend.
Doch wenn sie erwacht
erwacht auch in mir
ihr altes Wissen!
Tief in einem Wald stand ein altes zerfallenes Schloss. Vor vielen hundert Jahren, so erzählte man sich, hatte in diesem Schloss ein mächtiger Zauberer gewohnt, der seine Macht missbraucht hatte, um Volk und Land zu unterdrücken. Heute noch meidet man diesen Wald, um nicht zufällig in die Nähe jenes Schlosses zu gelangen, auf dem, wie man glaubt, ein böser Fluch lastet.
Nun, nicht alle meiden diesen Wald. Die Jugend braucht solche Herausforderungen und sucht gerne verbotene oder verwunschene Plätze auf.
So wanderte an einem schönen Frühsommertag eine Gruppe junger Leute zu jenem Wald und ließ sich fröhlich und ausgelassen am Waldrand nieder. Sie lagerten unter einer uralten mächtigen Eiche und wollten dort am Lagerfeuer die Nacht verbringen, um ein wenig das Gruseln und den Schauder zu spüren. Sie sangen und tanzten bis tief in die Nacht hinein. Besonders hervor tat sich ein junger Bursche, der durch seine Schönheit und Sanftheit auffiel. So manches Mädchen hätte gerne seine Nähe gesucht, aber wie selbstvergessen tanzte er nur für sich und kümmerte sich nicht um die anderen. Es war, als könnte er die Bewegung, die in seinem Innersten entstanden war nicht mehr aufhalten und so folgte er ihr ohne Denken und Wollen. Dabei entfernte er sich immer mehr von der Gruppe und geriet in den Wald hinein.
