Die Bärenalte - Silvia Hein - E-Book

Die Bärenalte E-Book

Silvia Hein

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Beschreibung

Die Bärenalte ist eine Seelen-Führerin der Autorin, und die Märchen und die Geschichten in ihrem Buch sind Seelen-Landschaften durch die wir geführt werden. Manche sind uns seltsam vertraut, andere wieder fremd. Sie öffnen Resonanzräume und laden zu eigenen Entdeckungsreisen ein.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Dieses Buch widme ich meiner Seelen-Führerin, der Bärenalten, und meinem inneren Kind.

Ich hatte es ihm nicht leicht gemacht. Viele Jahre wollte ich nichts von ihm wissen. Und dann, als ich endlich bereit war, mich mit ihm zu befassen, hat es mir nicht mehr getraut. Hat sich versteckt, sich mir entzogen. Doch langsam bin ich ihm näher gekommen, habe seine Ängste und Verletzungen ernst genommen – nicht mehr mit dem erwachsenen „ist-ja-nicht-so-schlimm“ abgetan. Ich habe ihm einfach zugehört…

Eine neue Welt hat sich da für mich aufgetan – und das habe ich meiner Bärenalten zu verdanken. Ihr meinen großen Respekt und Dank an dieser Stelle! Wie mein inneres Kind ist sie in meiner Innenwelt genauso real wie meine Weggefährtinnen, meine Freundinnen und Freunde, meine Lehrerinnen und Lehrer im Außen.

Deshalb auch ein dickes Dankeschön an euch alle, die ihr mich auf meiner Lebensreise begleitet – und begleitet habt. Durch euch, durch eure Resonanz, durch eure Augen, die mir Spiegel waren und sind, bin ich die geworden, als die ich gedacht war. Meinen Dank an euch, die ihr mich herausgefordert habt ebenso, wie an alle, die mich in schwierigen Situationen gehalten und durch all meine Umbrüche hindurch, zu mir gehalten haben. Auch an euch, die ihr mich auf Ab- und Umwegen aufgespürt und wachgerüttelt habt. Einfach DANKE!

Dank auch an meine Tochter Sabine, die mir mit ihrem kritischen Blick und gestalterischem Know How bei der Erstellung dieses Buches zur Seite stand.

Inhaltsverzeichnis

Der Seele folgen

Vorneweg: Die Bärenalte

Transformation

Einleitung

Klangreise

Bärenhöhle

Die Weberin der Zeit

Weiß, Rot, Schwarz

Die Tochter der Bettlerin

Die drei Lärchen

Das verlorene Lächeln

Absturz

Wasserfrau

Mütterchen Onghi

Das Mädchen und der Tod

Ich habe deine Größe geschaut

Der Walfänger

Die Kuckucksfeder

Wächter

Die Priesterin vom heiligen Berg

Kilimaora

Wintersonnenwende

Sonnendrache

Drachenmond

Wenn Schlimmes …

Monddrache

Adaya, der Bogen des Abstiegs

Vision

Dem inneren Kind gewidmet:

Hommage an uns „Kriegskinder“

Krieg

Der totale Krieg

Der dunkle Abgrund

Das Rosenschloss

Gänseblümchen

Die kleine Waldelfe

Feenstaub

Das Apfelbäumchen

Über die Autorin

Vergiss nicht …

Der Seele folgen

Wenn ich in deinen Nachen steige,

weiß ich noch nicht,

wohin du mich führst.

Der weiße Nebel

verbirgt meinem Blick

was du lange schon weißt.

Über lautlosem Wasser

klingt dein Lied und

führt mein Bewusstsein

tiefer und tiefer.

Räume öffnen sich mir

– unbekannt

und doch so vertraut.

Ich dehne mich aus,

werde weit und weiter,

dann bin ich du,

dein Atem, dein Lied

- die Quelle

das SEIN

Vorneweg:

Die Bärenalte

Den Weg zu ihrer Höhle finde ich nur im Dunkeln, mit geschlossenen Augen. Als ich ihn mir einprägen wollte, hatte ich mich schon verirrt. Manchmal hat sie mich auch abgeholt, wann und warum, habe ich nie herausgefunden – es gab kein verlässliches Muster, nichts woran ich mich hätte halten können.

Der Weg zu ihr führt über taunasses Gras bis zur Schlucht und durch diese hindurch einen Bachlauf entlang. Zwischen mächtigen Buchen und großen Steinblöcken komme ich mir winzig vor. Feuchtes Moos und Erdgeruch leiten mich, sowie der an- und abschwellenden Gesang des Baches zu meiner Rechten. Bevor man zu ihrer Höhle kommt, weitet sich die Schlucht zu einem Becken, in das sich ein sanfter Wasserfall ergießt. Meist wartet sie schon auf mich, am Feuer. Mit wachen Augen mustert sie mich und weiß schon, warum ich gekommen bin. Sie spricht nicht – oder nur ganz wenig. Kurze Sätze, mit denen sie die Dinge auf den Punkt bringt oder auf den Kopf stellt. Dinge, die mich belasten oder verunsichern oder mir sonst wie Schwierigkeiten bereiten. Dann nimmt sie mich wortlos an der Hand und führt mich dorthin, wo ich wichtige Erfahrungen machen kann oder wo heilsame Begegnungen stattfinden, die ich mit offenen Augen wahrscheinlich gemieden hätte. Sie führt mich als Alte – oder als Bärin, oder als beides, dann fluktuiert ihre Gestalt, vor mir oder an meiner Seite. Ich nenne sie Bärenalte und sie hat nichts dagegen.

Einmal, ganz am Anfang unserer Begegnung, als mir die Sicherheit des Wissens noch wichtig war, fragte ich sie, wer sie nun sei – ein Mensch, der sich in eine Bärin verwandeln, oder eine Bärin, die sich in einen Menschen verwandeln kann. Plötzlich war sie verschwunden und ließ mich in einer Steinwüste zurück, verwirrt und beschämt.

Lange Zeit fand ich den Weg zu ihrer Höhle nicht mehr – und als ich ihn dann doch gefunden hatte, war die Höhle leer, seltsam leer. Einer Eingebung folgend blieb ich in dieser Leere – wie lange? Ich weiß es nicht, die Zeit stand still. Ich löste mich langsam auf. Und da stand sie plötzlich vor mir, mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Sie zündete das Feuer an und begann zu singen. Erst leise, dann immer lauter, bis schließlich die ganze Höhle und mein ganzes Sein vibrierte. Es war kein melodisches Lied – es war die Erde, die gesungen hatte, Töne und Silben, die ich so noch nie vernommen hatte. Ich fing an, um das Feuer zu tanzen, immer schneller, immer ekstatischer, bis ich schließlich im Feuer selbst tanzte – und die Bärenalte tanzte an meiner Seite. Wir waren nackt und unsere Augen leuchteten. Ich tanzte, bis ich zu einem Häufchen Asche zusammenfiel. Der Wind trug mich fort, zerstreute das, was von mir noch übrig war in alle Richtungen.

Die Tage danach war ich unfähig den Alltag zu leben. Ich meldete mich krank und zog mich drei Tage lang in den Wald zurück. Dort fand ich einen offenen Bauwagen, den Holzarbeiter wohl vergessen hatten abzuschließen. Es war September – meine magische Zeit. Mit meiner ganzen Aufgelöstheit saß ich unter den Bäumen und spürte, wie sie mit ihren Blättern auch den Sommer losließen, das Leben. Wie sie sich sanft in ein Sterben wiegten – und ich starb mit ihnen, ganz sanft, ganz behutsam. Ließ alles hinter mir, was mein Leben bis dahin ausgemacht hatte.

... Bis der Herbststurm losbrach und mich aufrüttelte. Ich ließ mich mitreißen – rannte, schrie, taumelte und fiel. Lag auf dem kalten Boden, roch das Herbstlaub, roch die feuchte Erde und sank in sie hinein, immer tiefer und tiefer – und die Bärenalte war an meiner Seite! Als Bärin. Sie nahm mich mit in ihre Höhle, zum Winterschlaf und setzte alles wieder behutsam zusammen, was noch zu mir gehörte – es war nicht mehr viel. Dann wiegte sie mich in ihrem zottigen Schoß und brummte etwas, das sich anhörte wie: „Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Leben, wer nicht sterben kann, kann auch nicht leben…“. Ich habe seither keine Angst mehr vor dem Tod. Wachse immer mehr in mein Leben hinein. Und wenn es schmerzt, das Leben – oder wenn mich eine andere Angst umtreibt, finde ich den Weg zu ihrer Höhle, zur Bärenalten … und sie weiß schon … und lächelt … und nimmt mich an der Hand, führt mich ins Zentrum meines Schmerzes, in den Mittelpunkt meiner Angst – und ich folge ihr in tiefstem Vertrauen, folge ihr und weiß …

Auch in meiner therapeutischen Arbeit ist sie da, aber nur dann, wenn sie wirklich gebraucht wird. Wenn ich allein nicht mehr weiter weiß, wenn ich mich vielleicht zu sehr in die Problematik der Hilfesuchenden verstrickt habe. Plötzlich fühle ich die Bärenalte hinter mir und überlasse ihr gerne die Führung. Sie sagt mir, wenn ich zu sehr will… wenn ich krampfhaft nach einer Lösung suche, weil ich doch so gerne helfen würde, oder weil ich Erwartungen, bzw. vermeintlichen Erwartungen genügen will. Aber so funktioniert das nicht. Wenn ich den Bildern der Seele folgen will, muss ich alle Vorstellungen, alles bewusste Wollen aufgeben. Nicht ich kenne den Weg aus der Krise, denn das Ich hat eine zu eingeschränkte Sicht auf die Dinge. Aber jeder von uns hat ein tiefes intuitives Wissen darüber, was es braucht, um wieder in ein seelisch-physische Gleichgewicht zu kommen, oder welche Veränderungen anstehen, die wir (noch) nicht angehen wollen. Oft ist dieses Wissen verschüttet, manchmal vertrauen wir dieser inneren Stimme nicht. Wir alle aber haben Seelen-Begleiter, Seelen-Führer, in welcher Gestalt sie sich auch immer zeigen mögen, wenn wir ihnen z.B. in schamanischen- oder Trancereisen begegnen. In vielen Stammeskulturen sind sie ein genauso natürlicher Bestandteil des Alltags, wie bei uns die Pillen und Tabletten. Nur diese haben Nebenwirkungen, oder unerwünschte Wirkungen wie es jetzt heißt, wenn der Körper unliebsam auf die Chemie reagiert. Vertrauen wir uns den Seelen-Begleitern, Seelen-Führern, oder einfach der inneren Stimme an, gibt es auch „Neben“-Wirkungen, aber andere: z.B. den so lange verdrängten Schmerz plötzlich spüren – oder andere unliebsame Gefühle, was sehr heilsam sein kann. Oder aushalten müssen, dass man nicht mehr weiß, wer man ist, weil man so lange gegen sich und seine Eigen-Art gelebt hat, und einem langsam klar wird, dass man etwas ändern muss.

Es kann ganz schön aufrüttelnd sein, aber auch sehr ergreifend, sich dieser inneren Anteile bewusst zu werden und sich ihnen anzuvertrauen.

Ich habe nie bereut, meiner Seelen-Führerin, der Bärenalten begegnet zu sein. Mein Leben ist so reich, so tief geworden mit ihr. Manchmal suche ich sie nur auf, um ihr meine große Dankbarkeit zu zeigen. Dann lächelt sie verschmitzt, macht eine zottige Bemerkung oder etwas total Verrücktes und wir fallen uns in die Arme und lachen, lachen, lachen.

Transformation

Ich falle…

falle…

falle aus allem

was mir bisher

Rahmen war

und Identifikation.

Namenlos

falle ich aus allem

was immer schon

benannt war!

Ich tauche ein

in das Ungeboren-Geboren-Sein

in das Unsagbar-Gesagte

in das Unvollendet-Vollendete

in die Schöpfung

in mein Sein!

Ich falle…

falle…

falle tief in den Abgrund

des Mensch-Seins

falle…

falle durch tausend Facetten

bodenlos

in mich!

Einleitung

Das Besondere der Märchen:

Märchen waren nie Kindergeschichten – auch wenn sie sich aufgrund ihrer Struktur gut für Kinder eignen, noch sind sie Lügengeschichten und auch keine Phantasiegeschichten. Märchen sind keine Abbilder der Wirklichkeit – aber Bilder für die Erfahrung von Wirklichkeit. Sie beschreiben in bildhafter, assoziativer Sprache Grundthemen unseres Menschseins. Die Handlungsträger dieser Geschichten sind Archetypen – ein Begriff, den C.G. Jung geprägt und sie als Urbilder der Seele bezeichnet hat. Man kann sie sich – ähnlich wie die Gene im körperlichen – als formgebende Strukturen im psychischen Bereich vorstellen. Es gibt z.B. UR-Bilder des Männlichen und des Weiblichen, des Instinkthaften und des Göttlichen in uns – in allen Schattierungen. Jede Epoche erlebt diese Ur-Bilder auf ihre spezielle Art und Weise und formt sie entsprechend aus. Durch die jahrtausendlange mündliche Überlieferung hat sich in den Märchen das Allgemeingültige, das Zeitlose menschlicher Erfahrung heraus geschliffen. Und diejenigen, die neue Märchen schreiben, weben an diesem archetypischen Teppich weiter, und bringen neue Muster hinein.

Ein Beispiel der Allgemeingültigkeit ist das Märchen vom süßen Brei. Es ist heute noch genauso gültig wie vor, sagen wir 300 Jahren. Damals hat man sicher etwas anderes herausgehört, als heute. Aber das Märchen passt so genau auf unsere Zeit, als wäre es dafür erzählt worden. Dieser Brei, der überkocht, das Haus, die Straße, das ganze Dorf unter sich begräbt, „als wollte er die ganze Welt satt machen, und war doch die größte Not“ – ist ein schönes Bild für die Überproduktion der westlichen und westlich orientierten Welt. Es wird produziert und produziert, die Kaufhäuser quellen über, die Müllberge ebenso – und es herrscht trotzdem die größte Not, weil diese Überproduktion nicht satt macht, im Gegenteil, der größte Teil der Weltbevölkerung hungert, und die Umwelt wird zerstört durch diesen unmäßigen Rohstoffhunger der Industrienationen. „Töpfchen koch!“ heißt es im Märchen, wenn sich Mutter und Tochter sattessen wollen. Und es kocht süßen Hirsebrei. Doch einmal, als die Tochter weg war und die Mutter das Töpfchen zum Kochen bringt, weiß sie nicht mehr, was sie sagen muss, damit es aufhört zu kochen. Und so kocht es weiter und immer weiter. Ist das nicht ein passendes Bild für unsere Zeit, für Wirtschaftswachstum um jeden Preis! (Auch Krebs ist ein Zellwachstum um jeden Preis!) Wir kennen das Wort nicht mehr – haben vergessen dass es heißt: genug! – „Töpfchen steh“!

Das Mädchen kehrt schließlich zurück: d.h. wir erinnern uns wieder! Es kommt das Wort Nachhaltigkeit ins Spiel. Wir wissen, dass es so nicht mehr weitergehen kann, dass es genug ist, dass ein Umdenken stattfinden muss, wollen wir aus dem zähen Brei süßer Wohlstandsverwahrlosung herauskommen, der die Umwelt verschmutzt und zerstört, und die Menschen zu „Verbrauchern“ degradiert.

So erzählt uns das Märchen vom süßen Brei eine topaktuelle Geschichte und zeigt uns den Weg aus der Krise – ohne erhobenen Zeigefinger.

Märchen sind (wie übrigens auch die Träume) bildhaft zu verstehen. Sie tauchen aus den Tiefen unseres Unbewussten auf und klopfen an die Tür unseres Alltags-Bewusstseins, damit wir aufhorchen, damit wir eine zu einseitige Schau der Dinge überdenken – sie vielleicht nicht nur durch die Verstandes-Brille betrachten sollen. Da sie die emotionale und intuitiv-assoziative Ebene ansprechen, sind sie ein gesunder Ausgleich zu unserer Verstandesorientiertheit. Sie helfen uns das Leben ganzheitlicher zu betrachten und zu gestalten, denn Bilder sind nie eindeutig. Sie sind vielschichtig und mehrdeutig und lassen immer wieder neue Aspekte und Sichtweisen zu, wenn wir uns darauf einlassen.

Wollen wir in Zukunft den Anforderungen einer sich rasant ändernden Umwelt genügen, müssen wir flexibel und fähig sein, uns darauf einzustellen. Kreativität ist gefragt, auf allen Ebenen: im persönlichen, beruflichen, geschäftlichen und gesellschaftlichen Bereich. Und um unsere Kreativität zu entwickeln, braucht es die „Förderung“ der rechten Genhirnhemisphäre, braucht es das sich-wieder-Besinnen auf unsere anderen Fähigkeiten, wie Intuition, Imagination und Phantasie; braucht es das Eintauchen in die innere Bilderwelt, die umso reichhaltiger wird, je mehr Möglichkeiten wir ihr geben, zu wachsen und sich zu entfalten. Das Erfassen von Zusammenhängen, das in der rechten Gehirnhälfte angesiedelt ist, wird auch im persönlichen Bereich notwendiger denn je und hat in Wissenschaft und Ökologie schon Einzug gehalten. Systemisches Denken gewinnt immer mehr an Boden in den unterschiedlichsten Bereichen.

Noch nie war der einzelne Mensch so gefordert sein Potential zu entwickeln und noch nie hatte er solche Möglichkeiten dazu. Doch haben wir alle unsere Prägungen und diese verhindern oft das Sich-Einlassen auf dieses Potential und vor allem das Sich-Einlassen auf diese innere Ebene.

Unsere Innenwelt – was ist das?

Alles was unsere Persönlichkeit ausmacht: unser Ideen, Gedanken, Vorstellungen, Einstellungen, Glaubenssätze, unsere Vorlieben, Vor-, Be- und Verurteilungen, unsere Abneigungen, Ablehnungen, Annahmen, unsere Weltanschauung und die ganze Bandbreite der Gefühlswelt.

Zur Innenwelt gehörig ist unser Anschauungsvermögen, unsere Vorstellungskraft, unsere Imaginationskraft, die Phantasie. Es ist unsere Fähigkeit innere Bilder zu produzieren, dem Aufgenommenen einen Bedeutungsinhalt zu geben und das was uns be-ein-druckt wieder aus-zu-drücken. Das beschränkt sich nicht allein auf künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten. Auch um Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden brauchen wir unsere Vorstellungskraft, unsere Kreativität, der logische Verstand allein genügt nicht.

Solange wir noch Kinder sind – noch vor der „Verschulung“ – gibt es für uns noch keine Unterscheidung von Innen- und Außenwelt, beides wird als „eine Welt“ empfunden. Das Kind nimmt die Innenwelt als genauso real wahr, wie die Außenwelt. Es bewegt sich in beiden Welten gleich sicher und weiß immer, wo es sich gerade befindet. Erst die Beurteilung und die Konditionierung durch die Erwachsenen führt beim Kind langsam zur Adaption deren Meinung und zur Spaltung von Innen und Außen, ebenso zur Bewertung: Außen ist gleich real und wahr, Innen ist gleich irreal und unwahr, zumindest mit Skepsis zu begegnen. Die Hochzeit in den Märchen kann u.a. auch bedeuten, dass wir beides in uns wieder vereinen, als gleichwertig und gleich real anerkennen – und so wieder zur Ganzheit finden.

Die „Weltenschau“, wie sie im Altertum in Mythen und Philosophien überliefert wurde, können wir heute im Außen anhand der Elektronenmikroskope und Riesenteleskope nur bestätigen. Das alte Wissen: „Wie im Kleinen, so im Großen“, „Wie Innen, so Außen“, das Wissen darum, dass in einem Sandkorn das ganze Universum enthalten ist und im Samen schon der ganze Baum. Mit dem Riesenteleskop blicken wir ins All und entdecken, dass die kleinen Lichtpunkte am Himmel ganze Galaxien sind. Mit dem Elektronenmikroskop entdecken wir, dass jedes Staubkorn ein Universum von Molekülen, Atomen, Quarks und Quants ist. Je weiter wir in den Makro- und Mikrokosmos blicken, desto mehr erkennen wir die gleichen Strukturen. Der berühmte Chemiker Kekulé sah z.B. in einem Traum die ihm bis dahin rätselhafte Struktur des Benzols als eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt – die Molekularstruktur des Benzols ist ein Ring. Überhaupt galt und gilt die Schlange bei indigenen Völkern als heilig und als Schöpferin allen Lebens. Und der Urbaustein – die Essenz allen Lebens ist eine Schlange, eigentlich sind es zwei Schlangen: die Doppelhelix der DNS. Zwei Schlangen, die sich umeinander wickeln, wie sie in vielen Darstellungen der Urvölker gezeigt wird. Nach ihrem Bauplan entsteht die kleinste Mikrobe ebenso wie das größte Säugetier und der Mensch. Sie ist sozusagen die Schöpferin des Lebens. Mythen und Märchen sind also keine primitive Art, die Welt zu sehen, sondern eine hochkomplexe Schau. Was unsere Sprache in ihrer Linearität nur unzureichend beschreiben kann, vermag die Bildersprache in ihrer Komplexität.

Und es gibt noch eine Analogie: In unserem alltäglichen Sein nehmen wir nur ein begrenztes Umfeld war, wissen aber um die Existenz des weiteren Umfeldes: der Stadt in der wir leben, des Landes, Staates, Kontinents, bis hin zum Wissen über unseren Planeten, seinen Platz in unserem Sonnensystem und der Galaxie, in dem sich dieses befindet. Wir wissen um unendlich viele Galaxien in einem unendlichen Universum und dass es vielleicht noch viele andere Universen gibt.

Auch von unserer Innenwelt nehmen wir bewusst nur einen winzigen Bereich wahr, wissen aber, dass es noch die weiten Bereiche des Unterbewusstseins gibt, die Tiefen des Unbewussten, bis hin zur Unfassbarkeit unserer Seele. Und so wenig wir die Unendlichkeit des Universums wirklich begreifen können, trotz Riesenteleskopen und Quantenphysik, so wenig können wir die Unendlichkeit unserer Seele erfassen.

Wenn wir nun im Außen all die unterschiedlichsten Landschaften sehen, die Berge und Täler, die Flüsse und Wälder, die Wüsten und Meere und die ganze Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren, so finden wir diese Landschaften auch in unserem Innen, in unserer Seele wieder und die unterschiedlichsten Wesen, die diese bewohnen. Wir bereisen sie in unseren Träumen oder in Trancereisen, wir bereisen sie, wenn wir Bücher lesen oder Märchen erzählt bekommen. Selbst in Gebieten, in denen es keine Wälder gibt, träumen die Menschen von Wäldern, träumen von Meeren, ohne je ein Meer gesehen zu haben – denn unsere Traumbilder kommen aus einer archetypischen Ebene, werden aus den Tiefen des kollektiven Unbewussten genährt. Nur in unserer Kultur tun wir so, als gäbe es die Landschaften und verschiedenen Geschöpfe nur im Außen.

Wenn wir nach Innen blicken, schauen wir in die Tiefen des Alls, oder in die Bodenlosigkeit des Meeres und das kann Angst machen – oder zu einem wunderbaren Tauchgang inspirieren! Bitte tauchen Sie ab!

Silvia Hein

Klangreise

mit Trommel und Didgeridoo

Braunrot atmet die Erde

mit ihrem Geruch

aus Zeder und Gras

stampfende Hufe

die überall sind

und wildes Geheul

tief aus meinem Bauch!

Eine Herde Dinosaurier dann

auf der Suche nach frischem Grün

baumhoch vor der

schweigenden Kette

schneebedeckter Berge.

Der Regen

wäscht alles weg

und tief tauche ich ein

zu meinen Schwestern

den Delphinen und Walen.

Bärenhöhle

Die Weberin der Zeit

Am Eingang zur Welt sitzen drei uralte Weiblein. Eine ist weiß-, die andere rot- und die dritte schwarz gekleidet. Die Weiße spinnt den Lebensfaden, die Rote spult ihn auf und die Schwarze schneidet den Faden ab, wenn die Spule voll ist und legt sie in einen Korb zu ihrer Linken, und wenn der Korb voll ist, holt diesen die Hüterin der Zeit und bringt ihn der Weberin. Diese webt aus all den bunten Lebensfäden der Menschen einen Zeitteppich und wenn dieser fertig ist, ist auch ein Zeitalter der Menschen zu Ende und wenn sie einen neuen zu weben beginnt, fängt für uns auch ein neues Zeitalter an.

Heute weiß keiner mehr weder von den drei Spinnerinnen, noch von der Hüterin, geschweige denn von der Weberin der Zeit. Die Zeit ist zur Ware geworden, die man für Geld eintauscht und von der die Menschen immer viel zu wenig haben. Die Zeitarmut greift um sich wie eine schwere ansteckende Krankheit. Und … wer kennt noch den Eingang zur Welt?

Einst lebte ein armes Mädchen mit seiner Mutter am Rande einer großen Stadt in der Nähe eines Waldes. Sie lebten in einer kleinen Wohnung in den billigen Wohnblocks, die für die Armen dort errichtet wurden und in ihrer Trostlosigkeit die Bitternis der Armut unterstrichen. Oft genug geschah es, dass die Mutter nachts weinend in der Küche saß und nicht wusste, was sie am nächsten Tag in den Kochtopf tun sollte.

Einmal war das Mädchen, das gerade vierzehn Jahre alt geworden war, wie schon so oft in den nahen Wald gegangen, um dort, Pilze und Beeren zu sammeln. Früher hatte die Mutter es immer mitgenommen, inzwischen kannte das Mädchen selbst alle Plätze, an denen welche zu finden waren. An diesem Tag aber konnte es weder Pilze noch Beeren finden, und die wenigen Beeren, die es fand, waren noch grün und sauer. So geriet das Mädchen auf seiner Suche immer tiefer in den Wald hinein. Langsam aber wurde ihm ganz seltsam zumute und als es sich umschaute, da kannte sich das Mädchen nicht mehr aus. Das war nicht mehr der vertraute Wald, dieser hier war ihr fremd und etwas unheimlich. Die Bäume waren uralt und mit langen grauen Flechten behangen, die wie Bärte aussahen, Bäume und Buschwerk waren seltsam gekrümmt und verbogen, das Moos dazwischen ein dicker grüner Teppich, aus dem zarte Nebelschleier aufstiegen. Ein Zwielicht lag über dem Ganzen und eine Stille, dass das Mädchen sein Herz schlagen hörte. Und als es noch zu dunkeln begann, wusste das Mädchen, dass es aus diesem Wald nicht mehr so schnell herausfinden würde.

Und während die Vierzehnjährige noch überlegte, wo und wie sie wohl die Nacht verbringen sollte, sah sie plötzlich in der Ferne zwischen den Bäumen einen flackernden Lichtschein. „Das muss ein Feuer sein!“ dachte sie voller Freude, „und wo Feuer ist, da sind bestimmt auch Menschen.“ Doch sogleich verflog die Freude wieder und sie fragte sich ängstlich. „Wenn das nun Räuber oder andere dunkle Gestalten sind?“ und war sich nicht mehr sicher, ob sie dort überhaupt hingehen sollte. Doch das Feuer lockte, und so schlich sich das Mädchen näher heran und spähte vorsichtig durch die Zweige. Da war seine ganze Angst verflogen, denn an dem Feuer, vor einer großen Höhle, saßen drei uralte Weiblein. Die eine war weiß-, die andere rot- und die dritte schwarz gekleidet. Sie waren auf eine sehr seltsame, altertümliche Art gekleidet, wie das Mädchen es noch nirgends gesehen hatte. Die Weiße spann einen Faden, die Rote wickelte ihn auf eine Spule, die Schwarze schnitt den Faden ab, wenn die Spule voll war und legte diese in einen Korb zu ihrer Linken. Dann nahm die Rote eine neue Spule und wickelte den Faden wieder auf. Unermüdlich waren die drei an der Arbeit und sahen kein einziges Mal hoch.

Da hörte das Mädchen, wie die Weiße vor sich hinsprach: „Sie ist gekommen!“ „Und hat eine Frage an uns“, brummelte die Rote und die Schwarze meinte beiläufig: „Sie wird es erfahren!“

Das Mädchen trat nun hinter dem Strauchwerk hervor und ging zu den drei alten Weiblein hin. Auch jetzt sahen die drei nicht von ihrer Arbeit auf und die Weiße sprach: „Bist zur rechten Zeit gekommen …“ Und die Rote: „Hast wohl eine Frage auf dem Herzen …“ Und die Schwarze: „Aber vergeude deine Frage nicht, bekommst nur eine Antwort auf diese eine Frage…“

Verwirrt und unsicher stand die Vierzehnjährige vor den drei Alten und wusste nicht, was sie von diesen Reden halten sollte. Die Drei schienen sie nicht weiter zu beachten und das verunsicherte sie noch mehr. Und überhaupt, was für eine Frage sollte sie auf dem Herzen haben? Die einzigen beiden Fragen, die sie im Moment bewegten waren, ob sie sich mit ans Feuer setzen und die Nacht über bleiben durfte und ob sie ihr dann am nächsten Morgen den Weg aus diesem seltsamen Wald zeigen könnten. Aber das waren bestimmt nicht die Fragen, von denen hier die Rede war. Und da sie nicht wusste, was sie sagen oder fragen sollte, setzte sie sich erst einmal schweigend in die Nähe des Feuers, denn ihr wurde langsam kalt. Gerne hätte sie die Drei auch gefragt, was sie da täten – aber es lag ein so dichtes Schweigen in der Luft, dass das Mädchen fast den Atem anhielt und es nicht wagte dieses Schweigen zu brechen. Dann musste sie wohl eingeschlafen sein, denn als sie erwachte, war es bereits Tag. Sie lag in der Höhle, vor der die drei Alten gesessen hatten und war in warme Decken gehüllt. Sie fühlte sich erfrischt und überhaupt nicht hungrig, obwohl sie schon seit langem nichts mehr gegessen hatte.

Sie trat vor die Höhle und sah vor sich eine weite Landschaft. „Seltsam“, dachte das Mädchen, „vor der Höhle war doch ein Wald, das geht hier nicht mit rechten Dingen zu!“ Und wo waren die drei Alten? So sehr sie sich auch umschaute, von den Weiblein fehlte jede Spur. „Vielleicht habe ich das alles nur geträumt“, dachte sie weiter und erinnerte sich plötzlich an das, was die drei gesagt hatten. Sie wäre mit einer Frage gekommen, die sie auf dem Herzen hätte und bekäme auch nur eine Antwort auf diese eine Frage. Und während sie so vor der Höhle saß, in die weite Landschaft hinaussah und darüber nachdachte, da formte sich in ihrem Herzen wirklich eine Frage und sie verspürte das Bedürfnis, sie laut auszusprechen: „Wer bin ich …?“ Eigentlich wollte sie fragen, „wo bin ich“, aber es war ganz deutlich zu spüren, dass es richtig hieß „wer bin ich“ – auch wenn sie darüber sehr erstaunt war, denn diese Frage hatte sie sich wirklich noch nie gestellt. Und während diese Frage in ihr nachklang wie ein immer leiser werdendes Echo, veränderte sich die Landschaft vor ihr.

Sie blickte nun in ein weites, fruchtbares Tal, umrahmt von schneebedeckten Bergen. Ein Weg führte durch dieses Tal einen Bachlauf entlang und auf diesem Weg ging ein Mädchen. Und je länger die Vierzehnjährige hinsah, desto vertrauter kam ihr das Mädchen vor. Und wie sie das von manchen ihrer Träume her kannte, war sie plötzlich selbst dieses Mädchen, das den Weg entlang durch das Tal ging. Die Sonne schien und der Geruch des Frühlings lag in der Luft. Überall brach das junge Grün hervor und die Vögel sangen um die Wette. Sie war weiß gekleidet, selbst die Schuhe waren weiß, und ging leichtfüßig und zielstrebig dahin, als wüsste sie, wohin sie wollte – und dass das gut war, was sie dort wollte. Und während sie diesen Weg entlang ging, war sie auf eine seltsame Weise doch auch die Betrachterin, die sich dabei zusah.

Sie ging den ganzen Tag, das Tal wurde immer enger und die Berge kamen immer näher. Als die Sonne unterging, stand sie vor einer Hütte, einer Hütte ganz aus Holz, wie es in den Bergen üblich war – das kannte sie aus dem Fernsehen. Es roch nach Holzfeuer und obwohl die Vierzehnjährige noch nie ein Holzfeuer gerochen hatte, wusste sie es. Mit einer Selbstverständlichkeit als wäre sie hier zuhause, trat sie ein und wusste, dass sie erwartet wurde. Eine Frau mittleren Alters kam ihr entgegen und umarmte sie herzlich. „Da bist du ja endlich!“ rief sie voller Freude aus. Diese Frau hätte ihre Mutter sein können, war es aber nicht. Sie hatte rotes Haar, war rot gekleidet und stand in der Blüte ihres Lebens. Alles an ihr war weiblich, weich und sinnlich, und doch von einer klaren Präsenz. Nachdem sich die beiden gebührend begrüßt und ein wenig miteinander geplaudert hatten, holte die Rothaarige zwei warme, wollene Umhänge, einen für sich und den anderen für das Mädchen. Dann griff sie nach einer großen Tasche und als sie den fragenden Blick des Mädchens sah, erklärte sie: „Das brauchen wir alles für unser Ritual und ab jetzt wird nicht mehr gesprochen!“ Sie sagte es in einem warmen, aber bestimmten Ton.

Das Mädchen folgte nun der rothaarigen Frau hinaus in die beginnende Nacht. Sie benützten keinen Weg, sondern gingen quer über einen Wiesenhang auf einen Wald zu, dessen dunkle Silhouette wie eine undurchdringliche Wand aussah. Als der Mond aufging, voll, rund und schön, lösten sich zwei Schatten aus der dunklen Silhouette des Waldes und als sie näher kamen erkannte das Mädchen, dass es zwei Wölfe waren. Sie wurde unruhig, doch da die Frau an ihrer Seite keine Anzeichen von Furcht zeigte, beschloss die Vierzehnjährige, ihre Angst erst einmal etwas beiseite zu schieben, aber ihre Hand suchte doch die der anderen. Die Rothaarige lächelte ihr aufmunternd zu, drückte ihre Hand kurz und ließ sie dann wieder los. Diese kleine Geste aber beruhigte das Mädchen und so schritt sie tapfer neben der Rothaarigen einher, während die beiden Wölfe sie begleiteten.