Beschreibung

Eine unheimliche Tätowierung an den Fingerspitzen macht aus einem normalen Jungen den »Puzzler«. Nur er kann in einer Stadt voller tödlicher Rätsel überleben.

Die Stadt der Türme ist ein Ort voller Rätsel. Hier kämpfen Gilden, die über Magie gebieten, gegen Cyborg-Banditen, welche nach Artefakten einer untergegangenen Zivilisation suchen. Jene Schätze befinden sich im Inneren der Stadt der Türme, das von Monstern bevölkert, von Fallen gespickt und voll verschlossener Türen ist. Und genau hier kämpft ein Junge ums Überleben: Rafik ist der einzige Mensch, der die Rätsel der Stadt der Türme knacken kann. Denn er ist ein Puzzler, an dessen Fingern sich wie Schlüssel geheimnisvolle Tätowierungen befinden. Doch was Rafik im unheimlichen Herzen der Stadt der Türme findet, verändert den Jungen – und seine ganze Welt.



Alle Bücher der Serie:
Das schwarze Mal
Die schwarze Maske

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MOBI

Seitenzahl: 845


Buch

Die Stadt der Türme ist ein Ort voller Rätsel. Hier kämpfen Gilden, die über Magie gebieten, gegen Cyborg-Banditen, welche nach Artefakten einer untergegangenen Zivilisation suchen. Jene Schätze befinden sich im Inneren der Stadt der Türme, das von Monstern bevölkert, von Fallen gespickt und voll verschlossener Türen ist. Und genau hier kämpft ein Junge ums Überleben: Rafik ist der einzige Mensch, der die Rätsel der Stadt der Türme knacken kann. Denn er ist ein Puzzler, an dessen Fingern sich wie Schlüssel geheimnisvolle Tätowierungen befinden. Doch was Rafik im unheimlichen Herzen der Stadt der Türme findet, verändert den Jungen – und seine ganze Welt.

Autor

Eyal Kless ist professioneller Violinist sowie Gründer und erste Geige des »Israel Haydn Quartet«, aber auch Autor fantastischer Geschichten. Nach Stationen in England und Irland lebt Kless in Tel Aviv und unterrichtet an der Buchman Mehta School of Music. Nachdem er einen musikalischen Thriller veröffentlichte, ist der Roman »Das schwarze Mal« Kless’ außergewöhnlicher Vorstoß in die Science-Fantasy.

Eyal Kless

Das schwarze

Mal

Roman

Deutsch von Maike Hallmann

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »The Lost Puzzler« bei Harper Voyager, New York.

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Copyright der Originalausgabe © 2019 by Eyal Kless

By Arrangement with The Deborah Harris Agency

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Catherine Beck

Umschlaggestaltung und -illustration: Max Meinzold

Karte: Eric Gunther/Springer Cartographic LLC

BL · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-22645-9V001

www.penhaligon.de

Für meine liebevollen Eltern, Anat und Yair

Kapitel 1

Offiziell galt die Stadt der Türme nicht als gespalten. Modernität und Fortschritt, Gesetz und Ordnung waren oberstes Gebot … jedenfalls, wenn man dem Manifest des Rats Glauben schenkte. Mein Kutscher allerdings schien von der offiziellen Darstellung nicht viel zu halten und zügelte seine Pferde vor dem Tor. Dahinter ging es zur unteren Turmebene hinunter, die die meisten Stadtbewohner das Loch nannten.

»Weiter fahr ich nicht«, brummte er.

»Aber wir sind noch nicht …«, setzte ich zum Protest an.

»Weiter fahr ich nicht«, wiederholte er, als bräuchte es keine weitere Erklärung, und wandte sich ab. Er machte sich nicht einmal die Mühe, vom Kutschbock zu springen und mir den Wagenschlag aufzuhalten. So viel zu den Taxifahrern dieser Stadt …

Ich hätte nicht so leicht nachgeben sollen – immerhin hatte ich ihn im Voraus gut bezahlt, und zwar für den ganzen Weg –, aber ich beschloss, es gut sein zu lassen. Redete mir ein, ich wäre einfach nur zu müde, um Zeit und Energie wegen ein paar lumpiger Münzen zu vergeuden. Aber im tiefsten Innern wusste ich genau: Nach meinen monatelangen Reisen kam es mir wie ein Wunder vor, dass mich überhaupt jemand mitnahm, und sei es für eine noch so kurze Strecke. Nur wenige Tagesreisen von der Stadt entfernt warfen die Kutscher kaum einen flüchtigen Blick auf mein Gesicht, ehe sie ihre Pferde antrieben und das Weite suchten. Manche spuckten im Vorbeifahren auf den Boden, andere hingegen – ich hatte es aufgegeben, sie zu zählen – zielten dabei direkt auf mich.

Mit einer Hand raffte ich den Saum meines schwarzen Mantels und kletterte aus dem schmuddeligen Gefährt. Wortlos fuhr der Kutscher davon, in der durchaus richtigen Annahme, dass er von mir kein Trinkgeld zu erwarten hatte.

Sorgsam rückte ich meine Kapuze zurecht und ließ den Blick über das gewaltige Rechteck des Plateauzentrums schweifen, froh, wieder frische Luft zu atmen. Fast überall sonst auf der Welt kam mit Anbruch der Nacht sämtliches Leben draußen zum Erliegen. Auf dem Land verbarrikadierten sich die Leute in den eigenen vier Wänden, vergewisserten sich, dass ihre Waffen in Reichweite lagen, und beteten zu ihren jeweiligen Göttern darum, den Anbruch des nächsten Tages zu erleben. Ganz anders jedoch in der Stadt der Türme. Selbst zu dieser späten Stunde summte sie vor Betriebsamkeit, und die Rufe der Marktschreier und das jämmerliche Blöken des stinkenden Nutzviehs waren weithin zu hören.

Rings um den Platz ragten gigantische Tarakanische Laternen in die Höhe und überschwemmten das Plateau mit Licht, es war fast taghell. Wie alle Artefakte der Stadt wurden auch die Tarakanischen Laternen von den stets argwöhnischen Schildgardisten bewacht. Die Gesichter waren hinter schwarzen Helmen verborgen, doch an ihren Kopfbewegungen erkannte man, dass sie die Menschenmenge sorgsam im Auge behielten. Einer von ihnen wurde auf mich aufmerksam, ich spürte seinen Blick fast so deutlich wie eine Berührung.

Es war viel zu hell, nirgends dunkle Winkel, in denen ich hätte verschwinden können, also lief ich aufs Geratewohl los und mischte mich unters Volk. Als ich einen Blick über die Schulter riskierte, hatte der Gardist bereits das Interesse an mir verloren. Ich wurde wieder langsamer.

Die Kapuze verbarg meine Tätowierungen, aber ganz konnte sie mein Gesicht nicht verhüllen. Irgendwann würde mir jemand in die Augen sehen, und dann würde er sich an mich erinnern. Das Risiko konnte ich nicht eingehen. Nicht heute Nacht.

Ich überdachte meine Möglichkeiten. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, mit dem Wagen bis ganz nach unten ins Loch zu fahren, aber zu Fuß war der Weg, so reizvoll die Strecke auch sein mochte, zu lang. Ich hatte es eilig.

Die naheliegendste zweite Möglichkeit war, eine der Scheiben zu nehmen: die Tarakanischen Aufzüge in der Mitte des Zentralplateaus. Niemand wusste genau, wie sie eigentlich funktionierten – und gelegentlich gab es auch den einen oder anderen ebenso unerklärlichen wie tödlichen Unfall –, aber trotzdem waren sie eine beliebte Verbindung zwischen dem Plateau und dem Rest der Stadt. Der Mensch hat einen ungesunden Hang zur Gefahr, zum Unbekannten, zu Technologie und Tod. Vermutlich übten die Aufzüge deshalb eine solche Anziehungskraft aus. Aus derlei unlogischem Verhalten habe ich schon vor langer Zeit den Schluss gezogen, dass wir im Grunde eine dumme Spezies sind. Vielleicht hatte die Große Katastrophe eigentlich zum Ziel gehabt, reinen Tisch zu machen und der Menschheit einen Neuanfang zu ermöglichen, aber wir hatten es geschafft, sogar unsere eigene Vernichtung zu verbocken.

Eins stand fest: Ich hatte mehr als genug Münzen für den Aufzug. Mein Lehrmeister war ungewohnt großzügig gewesen, als er mich auf diese abenteuerliche Reise geschickt hatte – so ungemein großzügig, dass ich mich fragte, ob die Historikergilde in nächster Zeit überhaupt noch weitere Expeditionen finanzieren konnte. Aber wenn ich nicht gesehen werden wollte, war es besser, die Tarakanischen Aufzüge zu meiden. Mein Instinkt sagte mir, dass ich seit meiner Rückkehr in die Stadt schon zu vielen Leuten aufgefallen war – dabei hatte ich gute Gründe dafür, jedes Aufsehen zu vermeiden. Die Frau, nach der ich suchte, hatte sich eine Menge mächtiger Leute zu Feinden gemacht, aber ihr waren auch ein paar Freunde geblieben, die sie womöglich warnen würden. Meine Spur war zu vielversprechend, um die Sache mit meiner eigenen Stümperei zu versauen.

Sieh es doch mal positiv, sagte ich mir. Nach fast zwei Jahren, in denen du immerzu unterwegs warst, nach Hinweisen gesucht und Schatten gejagt hast, bist du jetzt wieder zu Hause in der Stadt der Türme gelandet. Genau dort, wo alles angefangen hat.

Seufzend drehte ich mich um und bahnte mir meinen Weg zurück durch die schwitzenden Menschenmassen, fort vom Zentralplateau und hinein ins Straßengewirr der mittleren Ebene. Bald darauf umfing mich nächtliche Dunkelheit, und auch wenn es irrational war: Zumindest für den Augenblick fühlte ich mich ein bisschen sicherer.

Kapitel 2

Ich erinnere mich noch an die Zeit, als sämtliche Straßen des Zentralplateaus von Tarakanischen Lampen erhellt wurden. Jetzt hingegen war es bereits wenige Häuserblocks vom hell erleuchteten Zentrum entfernt stockdunkel, und das Klientel, das in den Nebenstraßen unterwegs war, wirkte deutlich bedrohlicher. Mehrmals kam ich an kleinen Grüppchen vorbei, die sich an den Straßenecken um Heizsteine und Lagerfeuer drängten. Sie wirkten, als würden sie einfach nur gemeinsam herumstehen, trinken und sich unterhalten, aber ich wusste, dass sie wie Raubtiere darauf lauerten, dass die nächste willkommene Mahlzeit des Wegs kam – also jemand wie ich.

Schon zu Beginn meiner Mission war mir klar geworden, dass Waffen nichts für mich waren. Normalerweise verdankte ich es nur meinem schnellen Denkvermögen und meiner flinken Zunge, wenn ich Auseinandersetzungen für mich entscheiden oder dem Tod knapp von der Schippe springen konnte. Aber allem Selbstvertrauen zum Trotz wurde mir jetzt unangenehm bewusst, dass ich mich in einem der gefährlicheren Viertel der Stadt befand, und zwar mit einer gut gefüllten Geldbörse am Gürtel, die bei jedem Schritt klimperte. Köpfe wandten sich nach mir um, berechnende Blicke streiften mich. Einige der unternehmungslustigeren jungen Männer folgten mir sogar, stießen sich gegenseitig aus dem Weg, um sich die beste Position zu sichern, und warteten auf eine Gelegenheit, um zuzuschlagen.

Nur selten sind meine glühend roten Augen ein Segen, aber dies war einer jener Momente. Ich drehte mich um, richtete aus dem Schatten der Kapuze heraus brennend rote Augen auf meine Verfolger. Mit einer Sense in der Hand hätte ich einen noch besseren Effekt erzielt, aber auch so reichte es aus, um mein zwielichtiges Gefolge rasch zu zerstreuen.

Ich wurde nach den Schrecken der Großen Säuberung geboren. Damals machte man Jagd auf Menschen mit Tätowierungen, wie auch ich sie auf der Haut trage, und brachte sie zur Strecke. Die Zeichen erschienen kurz nach meinem dreizehnten Geburtstag in meinem Gesicht. Und so verzweifelt ich darüber auch war, ich hatte viel weniger Leid zu ertragen als die meisten anderen meiner Art. Meine Eltern liebten mich, waren freundliche Menschen und außerdem – noch wichtiger – wohlhabend. Mein Vater hatte einen Bekannten, der heute mein Lehrmeister ist. Meister Harim sah mein Potenzial, nahm mich als Lehrling an und strich einen satten Obolus von meinem Vater ein. Trotz der schwarzen Male, die ich an jenem Morgen auf meinen Augenlidern entdeckte, hatte ich also ein ziemlich behütetes Leben geführt, jedenfalls, bis ich auf meine augenblickliche Mission geschickt worden war. Und ehrlich gesagt, war ich mit meinem Posten als kleiner Schreiber in der Historikergilde eigentlich recht zufrieden gewesen und hatte mich sogar darauf gefreut, mein ganzes Leben mit dem Kopieren von Daten und dem Entschlüsseln alter Bücher und Tarakanischer Unterlagen zuzubringen.

Doch eines Tages hatte mich mein Meister auf diesen kleinen Botengang geschickt. Ich dachte an den Augenblick zurück, als ich aus dem Turm in die echte Welt hinaustrat; damals, als ich noch an die Menschheit geglaubt hatte.

Tja, diesen Glauben bin ich jedenfalls gründlich losgeworden.

»Sich in Dokumente zu vertiefen kann ja durchaus befriedigend sein«, hatte mein Lehrmeister oft zu mir gesagt, »aber es gibt kein größeres Abenteuer, als selbst dort hinauszugehen und mit eigenen Händen nach Wissen zu graben.«

»Klingt bedenklich nach der Rede eines Salutisten, Meister«, bemerkte ich nur halb im Scherz.

Obwohl die Ära der Salutisten nach der Katastrophe gewesen und somit eher jüngeren historischen Datums war, versäumte mein Lehrmeister kaum eine Gelegenheit, darüber zu reden. Seinen nächsten Satz hätte ich ihm fast vorsagen können, noch ehe er ihn aussprach.

»Ich muss zugeben, ihre Ausdrucksweise ist schon meist sehr plastisch«, sagte er und kicherte in sich hinein. »Ist schon eine Weile her, dass ich persönlich mit einem Salutisten-Trupp zu tun hatte, aber ich gehe davon aus, dass sie immer noch so farbenfrohe Reden schwingen. Und zumindest darin lagen sie vollkommen richtig: Ich sage dir, es gibt nichts Faszinierenderes auf der Welt, als sich selbst durch die Ruinen dort draußen zu wühlen, Technologie zu bergen und Informationen auszubuddeln.«

»Oder sie einem Toten aus der Hand zu reißen«, ergänzte ich gedankenlos.

Stirnrunzelnd nahm Meister Harim die Pfeife aus dem Mundwinkel und zeigte damit auf mich. »Du, mein lieber Junge, hast viel zu viele Salu-Romane gelesen. Versuch gar nicht erst, es abzustreiten. Ich weiß, wo du sie hortest.«

Ich lief rot an. »Nur zu Forschungszwecken«, murmelte ich. »Um etwas über sozialen Zusammenhalt in schwierigen Zeiten herauszufinden.«

Der alte Mann murmelte fast unhörbar etwas in sich hinein. Ich verstand kaum ein Wort, trotzdem klang es für mich nach einer weiteren Bemerkung nach Salutisten-Art. Und dann eröffnete er mir: »Tja, mein Sohn, du kannst deine Abenteuerromane beiseitelegen. Ich schicke dich auf Forschungsmission. Gut möglich, dass gerade etwas ausnehmend Bedeutsames geschehen ist. Ich will, dass du die Angelegenheit untersuchst. Und zwar gründlich. Da gibt es diese Frau, eine Ex-Salutistin. Ihr Name ist Vincha.«

Mein Herzschlag beschleunigte sich spürbar.

»Du musst diese Vincha ausfindig machen und herausfinden, was sie weiß. Sie ist wie ein flüchtiger Schatten, sehr schwer zu finden, aber ich habe ein paar Hinweise darauf, wo sie sich möglicherweise gerade aufhält.« Meister Harim beugte sich vor und reichte mir eine versiegelte Schriftrolle. Eindringlich musterte er mich. »Die Kosten spielen keine Rolle. Noch nie wurde uns eine so wichtige Aufgabe zuteil wie die, herauszufinden, was sie weiß.«

Seine eigenartige Ausdrucksweise hätte mich aufmerken lassen müssen, aber ich war zu verblüfft darüber, dass er ausgerechnet mich auf Mission schicken wollte, um über seine sorgsam gewählten Worte nachzugrübeln. Stattdessen versuchte ich, ihn davon zu überzeugen, dass er sich für diesen Auftrag den Falschen ausgesucht hatte.

»Ich bin doch nur ein Schreiber, Lehrmeister, ich kopiere Bücher – ich wüsste nicht mal, wo ich anfangen sollte, nach dieser Vincha Ausschau zu halten. Und selbst wenn ich sie finden … ich habe keine Ahnung, wie ich eine ehemalige Salutistin davon überzeugen soll, mit mir zu reden.«

»Unfug.« Er schob mir zwei prall gefüllte Geldbeutel über den Tisch. »Du bist genau der Richtige für diesen Auftrag, da bin ich ganz sicher.«

Das Erste, was ich tat, sobald ich die Türme verlassen hatte: Ich mietete mir ein Zimmer im Green Meadow, einer noblen Taverne auf dem Zentralplateau. Als Zweites investierte ich meine Münzen in zwei rothaarige Prostituierte. Die eine vögelte mich, bis mir fast die Sinne schwanden, und die andere stahl mir all mein Geld, erstach ihre Kollegin und machte sich aus dem Staub. Es kostete mich zwei Wochen, sie aufzuspüren, und weitere drei Tage, um die Münzen wiederzubeschaffen, oder zumindest einen Großteil davon. Aber wenigstens in einem Punkt hatte mein Lehrmeister nicht geirrt: Nie wieder rührte ich einen meiner Salutisten-Romane an.

Während meiner langen Suche nach Vincha fragte ich mich oft, weshalb Meister Harim ausgerechnet mich für diesen Auftrag auserkoren hatte. Es wäre naheliegender gewesen, einen Militärexperten zu schicken, vielleicht einen Salutisten-Veteranen oder zumindest irgendwen, der anderweitig Kampferfahrung hatte. Jemanden, der – anders als ich – nicht instinktiv vor Gewalt zurückschreckte. Hatte er sich aus schierer Verzweiflung für mich entschieden? Hatte es keinen geeigneteren Kandidaten gegeben? War es eine Strafe dafür, dass ich meine Tage gern vertrödelte? Oder hatte er schon damals etwas in mir gesehen, von dem ich zu diesem Zeitpunkt selbst nichts ahnte – Abenteuergeist und ein angeborenes Geschick für schnelles, kreatives Denken im Angesicht der Gefahr? Anfangs hatte ich keine Antwort darauf gehabt, aber im Laufe meiner zweijährigen Odyssee lernte ich eine ganze Menge dazu. Auf das meiste davon hätte ich gern verzichtet; so gern, dass ich eine hübsche Summe gezahlt hätte, um es wieder zu vergessen.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich verdächtig still dastand, mitten in einer dunklen Gasse in einer ziemlich verrufenen Ecke der Stadt. Leise seufzend, schob ich meine Erinnerungen beiseite und konzentrierte mich auf mein gegenwärtiges Hauptproblem: Ich musste einen Weg hinunter ins Loch finden.

Und dort – jedenfalls, wenn ich so lange überlebte – Vincha finden.

Kapitel 3

Obwohl meine Augen mehr sehen als die anderer Leute, hätte ich mich im Straßenlabyrinth der Mittelebene leicht verlaufen können. Ich blieb in Bewegung, entschied mich auf gut Glück für eine Richtung und sah mich die ganze Zeit sorgfältig um – von einer Informantin, die sich in ihrem Rausch kaum auf den Beinen hatte halten können, wusste ich, wonach ich Ausschau halten musste. Gerade als ich es schon aufgeben wollte, entdeckte ich das erste der Gang-Graffiti, nach denen ich suchte. Ich folgte einer ganzen Reihe solcher Graffiti durch immer enger werdende Gassen. Müll türmte sich am Straßenrand auf, der Stadtrat ließ ihn hier unten mittlerweile nicht mehr abholen. Schließlich passierte ich zwei Torbögen, einer davon so niedrig, dass ich hindurchkriechen musste, und kurz hinter dem zweiten Bogen fand ich mich in einem geschlossenen Innenhof wieder. Eine Sackgasse.

Fünf Männer standen um ein knisterndes Feuer, das neben einem behelfsmäßig zusammengezimmerten Holzschuppen brannte. Hinter ihnen erhob sich eine Wand, die verhindern sollte, dass jemand in die tiefer liegenden Stadtteile hinunterstürzte. In dieser Wand befand sich ein Loch, etwa von der Größe eines Menschen. Dies waren die Schmuggler, nach denen ich suchte. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, in welchem Tempo sie mich nach unten befördern würden.

Vier der Männer waren auffallend groß; bei zweien sah ich Tarakanische Modifikationen an Armen, Oberkörper und Schultern. Man nannte solche Leute Trolle. Ein Troll, dem ein geschickter Technikus die richtigen Tarakanischen Apparate eingebaut hatte, war eine beeindruckende Erscheinung, ein tödlicher Krieger mit übermenschlichen Fähigkeiten. Aber diese Typen hier sahen eigenartig deformiert aus – vermutlich hatten sie sich von irgendeinem Pfuscher billigen Schrott einbauen lassen und nahmen es auch mit der Wartung nicht allzu genau.

Die fünf Männer drehten sich um und sahen mir lässig entgegen – immerhin waren sie mir eins zu fünf überlegen. Trotzdem lag eine gewisse Wachsamkeit in ihren Gesichtern, was angesichts meiner flammend roten Augen verständlich war. Ich schob die Kapuze zurück.

»Ich suche einen Weg nach unten«, sagte ich.

»Kein Problem.« Der kleinste von ihnen deutete mit dem Daumen auf das Loch in seinem Rücken. »Und da du vermutlich Flügel hast, passend zu den Augen, kostet es dich nur einen Fünfer.«

Seine Gefährten glucksten.

»Mal angenommen, ich hätte heute keine Lust, meine Flügel zu spreizen«, sagte ich. »Wie viel?«

Er musterte mich, ließ sich Zeit. Vielleicht wollte er sehen, wie ich darauf reagierte. »Irgendwas dabei?«

»Nur mich selbst«, antwortete ich und öffnete den Mantel, um zu zeigen, dass ich unbewaffnet war – was natürlich ein Fehler war. Der Mann, anscheinend der Anführer des Trupps, grinste in sich hinein.

»Achtzig. Münzen oder Ware«, sagte er.

Das war der reinste Wucher. »Dreißig«, erwiderte ich, ohne nachzudenken, was mein zweiter und fast auch mein letzter Fehler war. Ich hatte zu niedrig gegriffen. Ich benahm mich wie ein blutiger Anfänger. Einer der anderen ging ganz beiläufig ein paar Schritte zur Seite und brachte sich in Position, um mich zu flankieren. »Ich frag mich, ob du vielleicht wirklich fliegen kannst«, sagte der Anführer und unterstrich seine Worte, indem er mit den Armen wedelte. »Vielleicht materialisieren sich die Flügel ja erst, wenn du in der Luft bist? Vielleicht sollten wir diese Theorie mal testen, was meinst du?«

Ich passte meine Augen an. Die Haut der Männer wurde durchsichtig; darunter sah ich Knochen und Muskeln und, wichtiger noch, Messer, Schlagringe, Energiedolche und Betäubungsgranaten.

Sie umzingelten mich bereits, wollten gerade zuschlagen, da öffnete ich meine Faust und zeigte dem, der am nächsten herangekommen war, die als Eigentum der Schildgarde markierte Energiezelle in meiner Hand. Er zuckte zurück, und ehe einer von ihnen reagieren konnte, fischte ich die zweite Zelle aus der Tasche und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger hoch, sodass alle sie sehen konnten. Es handelte sich eindeutig um echte Tarakanische Energiezellen, zwei vollkommen runde Kugeln, deren blauer Schimmer anzeigte, dass sie voll aufgeladen waren. Mit solchen Zellen und längeren Röhren wurden viele der Tarakanischen Artefakte betrieben, nicht nur in der Stadt, sondern auch draußen, bis hin zu den Supertrucks auf den Tarakanischen Highways. Inzwischen fand man sie nur noch in den geheimnisumwitterten Knotenpunkten tief unter der Stadt der Türme. Vor langer Zeit, als noch Salutisten-Trupps das Tarakan-Tal durchstreiften, hatte es derartige Energiezellen gegeben wie Sand am Meer, aber heute sah das ganz anders aus.

Die Kampfeslust schwand aus der Miene des Anführers, und in seinem Blick lag eine Mischung aus Berechnung und Unbehagen.

»Ich will einfach nur schnell und ohne Aufsehen ins Loch runter«, sagte ich und warf ihm die Zellen zu. Er fing sie auf und verzog das Gesicht. So wertvoll sie auch waren – der bloße Besitz war heutzutage ein Kapitalverbrechen.

Mit deutlich mehr Respekt als zuvor sah er mich an, dann nickte er und steckte die Zellen in die Tasche. Sie bedeuteten, dass ich entweder ein gefährlicher und einflussreicher Mann war oder der Lakai eines solchen – auf jeden Fall ein lohnender Kunde.

Der Mann, der dem Schuppen am nächsten war, öffnete die Tür, huschte hinein und schleppte einen großen, besorgniserregend rostigen Metallkäfig heraus, eine mannsgroße Ausgabe eines Vogelkäfigs, den ich mal auf einem Dorfmarkt gesehen hatte. Er hielt ihn mit beiden Händen, das Gesicht krebsrot vor Anstrengung, und übergab ihn an einen der Möchtegerntrolle, der ihn mit einer Hand hochhob. Als sein Schultergelenk protestierend quietschte, neigte der Troll den Käfig zur Seite und grinste selbstgefällig, offensichtlich zufrieden mit der Demonstration seiner Körperkraft. Sein nicht minder riesiger Kollege hakte auf der Oberseite des Käfigs einen rostigen Haken ein, an dem ein sehr langes, viel zu dünnes Metallseil befestigt war. Dann knallten sie mir den Käfig vor die Füße. Es schepperte laut, und dichte Staubwolken wirbelten auf.

»Haste so was schon mal gemacht?«, fragte der Anführer und kicherte bösartig, als ich den Kopf schüttelte. »Kriech einfach rein – die Luke ist zwar klein, aber ohne deine Flügel wirst du schon passen. Und gut festhalten.« Er zeigte auf die hölzernen Haltegriffe im Käfiginnern. »Die Fahrt dauert nicht lange, aber es ruckelt ordentlich.«

»Wer erwartet mich unten?«, fragte ich beim Hineinklettern.

»Höchstens so drei bis sechs Leute.« Nach kurzem Zögern rang er sich dazu durch, mir einen Ratschlag mitzugeben: »Ich würde mich an den Bärtigen halten. Ein alter Hase, redet nicht viel, aber hat immer noch was drauf.«

Ich nickte und hielt mich an den Griffen fest. Sie fühlten sich unangenehm schmierig an, aber ich ließ trotzdem nicht los, denn im nächsten Augenblick hoben sie den Käfig hoch und schoben mich ohne weitere Umstände durch das Loch in der Wand, Füße voran.

»War mir eine Freude, Geschäfte mit dir zu machen«, hörte ich den Anführer noch rufen, dann stürzte ich in die Dunkelheit.

Kapitel 4

Kurz ging es im freien Fall abwärts, ein scheußliches Gefühl, dann kam der Käfig mit einem Ruck zum Halten. Vermutlich fanden sie das lustig, aber mir kam dank ihres kleinen Scherzes der Mageninhalt hoch. Wenigstens schrie ich nicht laut auf, als mir der plötzliche Ruck messerscharf in die Schultern fuhr – dafür war ich zu sehr mit Kotzen beschäftigt. Nach einer vermutlich nur kurzen Pause – hoch über dem Boden in einem Käfig hin und her zu schwingen beeinträchtigt ein klein wenig das Zeitgefühl – ging es weiter abwärts, sehr schnell, aber es war gerade noch auszuhalten. Ich klammerte mich immer noch an den Griffen fest, als könnte mich das irgendwie retten, falls ich plötzlich doch in den Tod stürzte. Beschloss dann, mich lieber umzusehen, als weiter in die Tiefe zu starren. Weit entfernt zu meiner Linken machte ich zwei der Tarakanischen Aufzüge aus, auf den Plattformen standen Dutzende Fahrgäste. Von gleißendem Kunstlicht angestrahlt und von der geheimnisvollen Tarakanischen Technologie angetrieben, schwebten die Scheiben majestätisch nach unten. Ich hingegen pendelte im Innern eines rostigen Käfigs durch die Dunkelheit, und mein Leben lag buchstäblich in den Händen eines gewaltig großen und vermutlich auch gewaltig zugedröhnten Trolls.

Ein weiterer bedeutender Unterschied: Die Menschen dort auf den Scheiben waren von einem unsichtbaren Kraftfeld umgeben, das sie vor dem aufsteigenden heißen Dampf und der Hitze schützte, während ich mir aus dem Leib hustete, was von meinen Eingeweiden übrig war. Mir war zumute, als würde man mich langsam in einem Ofen versenken. Ich wandte den Blick von den Rauchschwaden ab, die mir entgegenwallten, und sah nach oben. Von hier aus wirkten die Turmspitzen hoch über mir so unerreichbar wie die Sterne.

Ein tiefes Rumpeln, der ewige Hintergrund-Sound des Lochs, signalisierte mir das nahende Ende meines Abstiegs.

Mit einem knochenzerschmetternden Ruck knallte der Käfig auf den Boden. Schmerz schoss mir durch den Leib, aber nichtsdestotrotz klammerte ich mich noch immer an die Griffe. Zum Glück kippte der Käfig wenigstens nicht um. Aus lauter Angst, dass sie ihn wieder hochzogen, ehe ich aussteigen konnte, vergaß ich jede Würde und schob mich Hintern voran ins Freie.

Ich spürte deutlich, wie mich die Leute in meinem Rücken mit professionellem Interesse musterten. Aus dem Augenwinkel sah ich eine schlanke Gestalt, wahrscheinlich eine Frau; sie trat an das große Feuer, das hier unten die einzige Lichtquelle war. Sobald ich aus dem Käfig gekrabbelt war, zog sie ein brennendes Holzscheit aus den Flammen und schwenkte es ein paar Mal hin und her. Der Käfig setzte sich wieder in Bewegung und verschwand in der Dunkelheit über unseren Köpfen.

Ich stolperte einen Schritt vorwärts und wäre fast lang hingeschlagen. Es lag nicht nur daran, dass die holprige Fahrt meinen Gleichgewichtssinn durcheinandergebracht hatte – der Boden unter mir war in ständiger Bewegung. Eine weitere absonderliche Eigenheit des Lochs. Den unsicheren Gang, den dieses Schaukeln bei vielen Besuchern auslöste, nannte man den Anfängerwalzer – zwar waren die Bodenschwingungen nur ganz schwach, aber es reichte aus, damit viele Besucher Mühe beim Laufen hatten oder sogar seekrank wurden, sodass man ihnen gleich ansah, dass sie leichte Beute waren. Einer der zahlreichen Gründe, weshalb sich das Geleitschutz-Gewerbe im Loch zu einem so erfolgreichen Geschäftszweig entwickelt hatte. Wer ohne Geleitschutz aufbrach, wusste entweder sehr genau, was er tat, oder er war ein Vollidiot, und die Leute hier unten wussten beides sehr genau zu unterscheiden.

Das Loch war schon immer ein heißes Pflaster gewesen. Früher hatte die Schildgarde die Sache noch halbwegs im Griff gehabt, aber das war schon Jahre her. Heutzutage musste man in diesem Teil der Stadt selbst auf sich aufpassen oder jemanden dafür bezahlen. Ganz gleich, ob man mit einer Kutsche oder einer der Scheiben herunterkam: das Anheuern des Geleitschutzes war eine verblüffend wohlorganisierte Angelegenheit. Die Besucher wurden von lauter Grüppchen aus Männern und Frauen erwartet, es wirkte fast wie ein Empfangskomitee. Offiziell bezeichneten sie sich als Fremdenführer, aber alle nannten sie nur die Schutztrupps. Sie waren natürlich bis an die Zähne bewaffnet und rekrutierten sich überwiegend aus Ex-Salutisten – arbeitslos gewordenen Trollen, die irgendwie die Kohle für ihr Skint zusammenkratzen mussten, eine Droge, die in der Stadt allmählich bedrohlich zur Neige ging. Die Schutztrupps hatten Namen wie Stahlfäuste oder Die Blutigen Klingen, und ihre Mitglieder trugen farblich aufeinander abgestimmte Uniformen. Neben ihnen standen Schilder, auf denen man ihren Preis ablesen konnte, die geforderte Entlohnung war meist recht ähnlich. Natürlich konnte man auch einfach an ihnen vorbeimarschieren, ohne jemanden anzuheuern, aber das tat eigentlich niemand, der an seinem Zeug oder seinem Leben hing.

Ich allerdings stieg weder aus einer Kutsche noch von einer Scheibe, sondern kam Arsch voran aus einem rostigen Metallkäfig geklettert. Schon die Standard-Schutztrupps bestanden meist aus üblen Schlägertypen, die einen, würde man sie nicht bezahlen, ohne zu zögern ausrauben würden … aber diese Leute hier waren jene Typen, die den normalen Schutztrupps zu unzuverlässig waren. Hier bemühte man sich nicht mal um den Anschein guter Umgangsformen. Als ich also schwere Schritte hinter mir hörte, vom unverwechselbaren metallischen Kreischen lange nicht geölter Gelenke begleitet, war mir schon klar, was mich erwartete. Trotzdem japste ich auf, als ich mich umdrehte und mich einem wahren Berg aus Fleisch und Schrott gegenübersah.

Als die ersten Tarakanischen Artefakte gefunden wurden, waren eine Menge Männer und nicht wenige Frauen der Verlockung übermenschlicher Stärke, Ausdauer und Geschwindigkeit erlegen, und das war die Geburtsstunde der Trolle gewesen. Es entsprach der Natur des Menschen, dass der eine oder andere es mit seiner Begeisterung für körperliche Überlegenheit übertrieb und ohne Sinn und Verstand sämtliche Apparate sammelte und einbauen ließ, derer er nur habhaft werden konnte, ohne Rücksicht darauf, was es mit seinem Erscheinungsbild oder seiner geistigen Gesundheit anrichtete.

Der Troll, vor dem ich stand, hatte nur noch ein intaktes Auge. Da, wo das andere gewesen war, prangte ein Flickwerk aus Narben, vermutlich die Spuren eines verpfuschten Versuchs, eine automatische Zielvorrichtung einzubauen. Der rechte Arm samt Schulter bestand aus blankem Metall, ebenso wie beide Beine ab den Knien aufwärts. Seinen rechten Arm hatte er durch eine riesige Energiekanone ersetzt, die zur Stabilisierung mit Stangen an seinem Brustkorb verankert war. Schlampig verlegte Kabel führten von der Kanone zu seiner rechten Schläfe und verschwanden in seinem Kopf. Und ich beschreibe hier nur seine Schokoladenseite, die restliche Erscheinung sah ich mir lieber nicht genauer an.

Auch ohne meine verbesserte Sicht war die verräterische Grünfärbung rings um seine Nase deutlich zu erkennen – das Monster nahm regelmäßig Skint, und zwar eine Menge. Skint betäubte die Schmerzen, die entstanden, wenn der Körper die Modifikationen abstoßen wollte, aber ein Troll, der zu viel davon einwarf, wurde noch instabiler und neigte zu gewalttätigen Ausbrüchen.

Der Troll – ich wusste nicht recht, ob ich »er« oder »es« zu diesem Geschöpf sagen sollte – stieß mich mit der freien Hand an. »Du brauchst wen, der dich beschützt.« Es war mitnichten eine Frage. Er hatte eine unnatürlich hohe Piepsstimme, und das wäre bestimmt urkomisch gewesen, wenn ich gerade in einem der oberen Stadtviertel in einer Taverne gesessen, gewürzten Wein geschlürft und meinen betrunkenen Freunden von dieser Begegnung erzählt hätte. Aber in meiner augenblicklichen Lage kam es mir eigenartig bedrohlich vor.

Ich schielte nervös an ihm vorbei. Die schlanke Gestalt, die das Holzscheit geschwenkt hatte, blieb auf Distanz.

»He, guck da nicht rüber«, bellte der Schrottberg. Erneut stieß er mich an. »Ich bin genau der richtige Troll für dich. Guck dir nur mal diese Kanone hier an, wa?« Er wedelte mit dem Riesenteil vor meiner Nase herum, als wäre es ein Spielzeug und keine riesige Waffe, für die es normalerweise drei ausgewachsene Männer gebraucht hätte, nur um sie hochzuheben. »Dieses Schätzchen hier bläst problemlos ein Loch in jede dicke Mauer, wa? Zwei Schüsse, und ’ne ganze Straße ist leergefegt. Junge, ich weiß ganz sicher«, er deutete mit der Kanone auf sich selbst, »dass du genau von mir beschützt werden willst.« Jetzt zielte er auf mein Gesicht. Darin lag eine kaum verhohlene Drohung, aber dank seiner hohen Stimme klang sie irritierend wenig überzeugend.

Ich schielte links an ihm vorbei und entdeckte einen Mann, der uns beobachtete. In seinem Blick lag stille Verachtung. Der Schnitt seines kurz gestutzten weißen Barts war schon lange aus der Mode. Wahrscheinlich war dies der Typ, den mir der Anführer der Gang dort oben so hilfsbereit empfohlen hatte, ehe sie mich in den Abgrund geworfen hatten. Ich suchte seinen Blick. Er nickte knapp und setzte sich langsam in Bewegung. Der große Troll stieß mich noch einmal an, diesmal so fest, dass ich einen Schritt zurücktaumelte.

»He, guck da nicht rüber. Ich bin dein Geleitschutz, Mann, kostet dich nur zwanzig, Münzen oder Ware. Abgemacht?«

Auch der Bärtige war ein Troll, aber einer von der altmodischen Sorte, kein übergroßer durchgeknallter Schrottplatz auf Beinen. Er sah aus wie einer der Salutisten-Trolle aus jener Zeit, als ihre Mission noch nicht das reinste Himmelfahrtskommando gewesen war. Erheblich weniger sichtbares Metall als bei seinem größeren Kollegen, und in seinem Gesicht entdeckte ich keine Skint-Spuren. Seine Hände steckten bis zu den Ellbogen in Panzerhandschuhen, an den Handrücken befanden sich je drei Abschussvorrichtungen für kleine Pfeile. Wie bei einem klassischen Salutisten-Leutnant ragten kurze Buchsen seitlich aus seinem Hals, aber es waren keine Kabel angeschlossen. Sein Körper steckte in einer abgetragenen dunkelgrauen Flexrüstung, die früher vermutlich mal schwarz gewesen war. Aus seinem Gang schloss ich, dass sich darunter eine Torsoverstärkung und Rückgratschützer verbargen.

»He, guck mich an, Weichhäuter. Zwanzig, ja?«, bedrängte mich der Riese, aber jetzt war der Bärtige nah genug heran, um sich einzumischen. Nur einen Wimpernschlag lang musterte er mich und meine Tätowierungen, dann nickte er mir zu.

»Ich denke, ich habe ein besseres Angebot als dieser … Mann.« Seine Stimme klang vordergründig freundlich, aber die Art, wie er Mann betonte, ließ eine Beleidigung erahnen. Das Metallmonster jedenfalls schien es als solche aufzunehmen.

»Zieh ab, Wichser«, warnte er, aber der Bärtige sah mich an, als wäre der andere gar nicht da.

»Wohin willst du denn?«, erkundigte er sich ruhig.

»In den Atrass-Distrikt, aber wahrscheinlich auch noch woandershin«, antwortete ich und bemühte mich, so zu tun, als würde ich die bedrohlich über mir pendelnde Kanone gar nicht sehen.

»Ich hab gesagt, du sollst dich packen, Galinak«, quäkte der Riesentroll.

»Fünfundzwanzig. Münzen, keine Ware«, sagte der andere Mann, ohne den Blick von mir abzuwenden.

Der größere Troll grinste triumphierend. »Hör nicht auf den Alten, dem hat der Rost das Hirn zerfressen. Ich sag dir mal was.« Er beugte sich so dicht zu mir herunter, dass mir der Gestank seiner metallüberkronten Zähne ins Gesicht schlug. »Ich mach dir ein Sonderangebot. Fünfzehn, Münzen oder Ware. Extra für dich. Abgemacht?«

Ich sah Galinak an, der mit den Schultern zuckte. »Dreißig. Und zwar in Münzen.«

Das ergab keinen Sinn. Er sollte mit dem Preis runtergehen, nicht rauf. Selbst der riesige Troll hatte die ökonomischen Grundregeln halbwegs drauf und lachte laut auf.

»Siehste? Die Weichbirne ist völlig hinüber. Was brauchst du? Nutten? Stoff? Ich kenne hier jeden. Ich führ dich rum, kein Ding, ich sorg dafür, dass du ’ne richtig geile Zeit hast. Fünfzehn, na komm schon.« Den letzten Satz stieß er mit fast verzweifeltem Nachdruck hervor.

Galinak hob eine Braue. »Ich bin kurz davor, auf fünfunddreißig zu erhöhen.«

»Dreißig«, sagte ich hastig, obwohl ich wusste, dass das die Preisliga der Standard-Schutztrupps war … für einen alten, ausgebrannten Salutisten, der über keinerlei sichtbare Bewaffnung verfügte. Und dass ich mit meiner Entscheidung einen beängstigend labilen Riesentroll wütend machte, der einen »GY-Blaster 2015-d special edition« in den Pranken hielt – ich hatte die Aufschrift auf dem Lauf gelesen, als er mit seiner Kanone vor meinem Gesicht herumfuchtelte.

»Einverstanden«, sagte Galinak, und wir besiegelten die Sache mit Handschlag.

Der Riese brauchte einen Moment, um zu kapieren, was gerade passiert war, und als er endlich geschaltet hatte, dachte ich, gleich würde er uns alle beide erschießen. Er deckte uns mit einer Flut echt beeindruckender Beschimpfungen ein, aber es stellte sich heraus, dass er nur mit Worten um sich ballerte und nicht mit dem Blaster. Galinak bedachte ihn zum Abschied mit einem drohenden Blick, und wir kamen ohne weitere Vorfälle davon.

Ein paar Straßen weiter berührte Galinak mich an der Schulter, und ich blieb stehen. »Wo genau in Atrass willst du hin?«

»Margats Nest«, sagte ich.

Er zog eine Grimasse. »Hör mal, wenn du Nutten willst, dann kenne ich da ein paar wirklich nette, saubere Mädels mit interessanten Modifikationen, die dich berühren können, wie du noch nie …«

»Ich suche keine Nutten«, sagte ich hastig. Aus irgendeinem Grund wollte ich keinesfalls, dass der alte Troll mich für irgendeinen schmierigen Typen hielt, der es nur auf einen billigen Fick abgesehen hatte.

Er nickte und versuchte es mit einer anderen Strategie.

»Wenn du etwas Bestimmtes suchst oder was zu verkaufen hast, dann kenn ich da jemanden, der dich nicht übern Tisch zieht. Er macht dir einen fairen Preis. Und ja, ehe du fragst, ich bekomme Provision.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich muss jemanden treffen.«

»Bei Margat?«

»Ist das ein Problem? Ich zahle dir nämlich den Schutztrupp-Tarif.«

»Nee, nicht für Margats Nest«, antwortete er trocken. »Da geht es bei fünfzig und mindestens zwei Begleitern überhaupt erst los, eher mehr, und noch ein bisschen was drauf, wenn es aufregend werden sollte. Und es wird immer aufregend.«

Ich schluckte. »Du bist also raus?«, erkundigte ich mich. »Hätte ich doch lieber den Riesenkerl mit der Riesenwumme anheuern sollen?«

»Nein, ich bin an Bord«, sagte er ein bisschen zu schnell. Ganz offensichtlich brauchte er die Kohle. »Aber nur unter zwei Bedingungen.« Er wartete, bis er sich meiner Aufmerksamkeit ganz sicher war, ehe er fortfuhr: »Du zahlst mir die volle Summe im Voraus, und zwar zwei Häuserblocks vor dem Nest …« Als er mein Gesicht sah, hob er eine metallumhüllte klauenförmige Hand, um jeden Protest im Keim zu ersticken. »Das ist nicht verhandelbar. Das Nest ist ein gefährliches Pflaster, und ich betrete es nur mit harten Münzen in der Tasche.«

Ich hatte keine Wahl.

»Na schön«, kapitulierte ich. »Und die zweite Bedingung?«

»Du bezahlst mich, damit ich für deine Sicherheit sorge. Ich halte dir den Rücken frei und kümmere mich um etwaigen Ärger, aber wenn du Streit anfängst, ist das dein Problem, dann bin ich raus.« Sein Tonfall ließ erahnen, dass er aus Erfahrung sprach. »Wenn du einer dieser durchgeknallten Turmfurzer bist, die sich im Nest einen Satz blutige Knöchel holen wollen, um vor ihren Kumpels rumzuprotzen, dann solltest du besser ganz schnell lernen, deine Kämpfe selbst auszutragen.«

»Ich hab ganz sicher nicht vor, einen Streit anzufangen«, versprach ich ihm. »Bring mich einfach nur so schnell wie möglich dorthin.«

Er sah nicht besonders überzeugt aus, aber er nickte, und wir setzten uns wieder in Bewegung. Ich ging voran, er blieb einen Schritt zurück, schirmte mich von hinten ab und sagte mir, wann ich links oder rechts abbiegen sollte. Ehe ich mich versah, hatte ich keinen Schimmer mehr, wo ich war. Irgendwo in der Nähe hörte ich den allgegenwärtigen Lärm der belebten Hauptstraße, aber Galinak dirigierte mich durch eine enge, halb verlassene Straße nach der nächsten. Nirgendwo Läden oder Tavernen, nur ein Bretterverschlag neben dem anderen – hier wohnten die Ärmsten der Armen. Der einzige schwache Lichtschimmer stammte von den Laternen oben am Zentralplateau, deren Schein sich hin und wieder in den Tarakanischen Aufzügen spiegelte, die über uns hinwegschwebten; ein Verwirrspiel aus Licht und Dunkelheit. Der Gestank war fast unerträglich. Langsam beschlich mich der Verdacht, dass Galinak mich in irgendeine dunkle Ecke lotsen und ausrauben wollte, aber gerade als ich ernsthaft nervös wurde, traten wir aus den kleinen Gassen heraus mitten auf die Tiefengasse, die verrufenste Straße hier unten im Loch.

Hunderte, wenn nicht Tausende Leute drängten sich in der schmalen Straße, schoben sich an Straßenverkäufern und Imbissständen vorbei, an spärlich bekleideten Prostituierten, Bars und Spielhallen. »Ganz normal weiterlaufen, Blickkontakt vermeiden«, hörte ich Galinak hinter mir sagen, »vor allem bei den Frauen.«

Ich nickte und spürte, wie sich Galinak anspannte und dichter zu mir aufrückte. Bei jedem Schritt passierten ringsum tausend Dinge auf einmal. Ich warf meine übliche Vorsicht über Bord und schaltete auf meine verbesserte Sicht um, und mit einem Mal sah ich jedes noch so kleine Detail gestochen und fast schmerzhaft scharf. Eine splitternackte Nutte verhandelte mit zwei Freiern über den Preis. Ein junger Bursche stopfte für drei wuchtige Trolle ein süßlich riechendes Pfeifchen, weil ihre mit Waffen gespickten Hände dafür zu grobschlächtig waren. Ein Wahrsager in langer Robe stritt sich mit einer Mentalhexe um den Platz. Ein fast nackter fetter Mann winkte Vorübergehende lächelnd in seine Spielhalle. Ein Jongleur warf Äpfel in die Luft, schnitt sie im Flug mit der Machete durch und fing sie auf, ehe sie zu Boden fielen. Am liebsten wäre ich stehen geblieben, um mir alles genauer anzusehen. Bei Bukras Eiern, wie lange war es her, dass ich eine Frau angefasst hatte? Ich war gerade erst angekommen, es war mein allererster Besuch hier … was war falsch daran, es ein bisschen langsamer angehen zu lassen und mir erst mal eine kleine Kostprobe der berühmten Tiefenstadt-Freuden zu genehmigen?

Vielleicht spürte Galinak mein Zögern, vielleicht wollte er aber auch nur so zügig wie möglich seinen Job erledigen, jedenfalls scheuchte er mich erbarmungslos voran, und bald tauchten wir wieder ins Dunkel einer Seitenstraße ein. Ich nutzte meine besonderen Sehfähigkeiten ohne Angst vor bösen Folgen. In der Tiefengasse galt man eher dann als Freak, wenn man keine Tätowierungen oder Modifikationen hatte. Ob Galinak irgendwelche Mods zuschaltete, vermochte ich nicht zu sagen, aber jedenfalls hielt er in der Finsternis mit mir Schritt.

»Darf ich dir eine Frage stellen?«, fragte ich, von plötzlicher Neugier gepackt … und um mich von den rothaarigen Nutten abzulenken, an denen wir gerade vorbeiliefen.

»Mach ruhig. Kann aber sein, dass ich sie nicht beantworte.«

»Wie alt bist du?« Sobald ich es ausgesprochen hatte, kam ich mir reichlich dämlich vor.

»Alt.« Er kicherte in sich hinein.

»Also warst du …« Ich zögerte, aber dann entschied ich mich dafür weiterzusprechen. »… ein Salutist?«

»Du bist doch aber keiner von diesen religiösen Schwachköpfen, oder?« Vor Ärger wurde seine Stimme lauter. »Willst du mir jetzt Vorträge darüber halten, dass die ganze Scheiße meine Schuld ist, ja?«

»Nein, auf keinen Fall, ich bin nur neugierig.« Ich drehte mich nach ihm um, sah aber nur seine Schulter.

»Tja, du bezahlst mich nicht dafür, deine Neugier zu befriedigen, also geh weiter.«

»Es kommt mir nur einfach so vor, als wärst du ein bisschen …« Wieder zögerte ich, aus Angst, zu weit zu gehen, aber zu meiner Überraschung lachte er wieder leise in sich hinein.

»Zu alt für diesen Schrott?«

»Ich wollte eigentlich sagen, ›zu professionell für diesen Geleitschutz-Kram‹, aber ›alt‹ geht auch klar.«

Er war immer noch hinter mir, aber ich spürte, wie er mit den Schultern zuckte.

»Ich bin alt«, gab er zu. »Zu alt. Aber trotz all meiner Jahre und großen Weisheit habe ich nie gelernt, meine Karten richtig auszuspielen und zu erkennen, wann Schluss ist. Also habe ich Schulden abzuzahlen.«

»Aber du warst Salutist«, sagte ich. »Das müssen doch glorreiche Zeiten gewesen …«

»Pffft«, schnitt er mir verächtlich das Wort ab, und ich verstummte. »Wenn irgendein Salutist behauptet, dass die alten Zeiten ein einziges großes, herrliches Abenteuer waren, dann weißt du, dass er entweder gerade auf einem Skint-Trip ist oder dir lupenreinen Schrott erzählt.«

Ich drehte mich zu ihm um. »Aber die ganzen Geschichten? In den Büchern …«

»Von der Gilde diktierter Scheißdreck. Ihnen gingen irgendwann die Fußsoldaten aus, also haben sie jeden Tag neue Rekruten rangekarrt, immer fünf bis acht Leute pro Trupp, in manchen Wochen waren es bis zu dreißig Trupps. Wir haben sie ›Ersatzteile‹ genannt, wenn du verstehst, was ich meine.«

Seine Augen waren direkt auf mein Gesicht gerichtet, aber sein Blick ging in weite Ferne. »Manche von ihnen haben die ersten fünf, sechs Begegnungen überlebt, dann wurden sie übermütig. ›Nix dabei‹, haben sie einander in der Bar erklärt, ›wir knallen einfach nur ein paar Eidechsen ab, nehmen ihre Köpfe mit und streichen die Belohnung ein‹. Mit dem Metall, die sie für die Eidechsenhatz bekamen, haben sie ihre Waffen aufgerüstet und Tarakanische Apparate eingebaut, oder sie haben die Kohle für reineres Skint oder andere Drogen auf den Kopf gehauen, wodurch sie nur noch überheblicher wurden. Und dann haben sie die nächste Eidechse den falschen Schacht hinuntergejagt oder sich zu dicht an die Stadt im Berg herangewagt, und plötzlich waren sie von hundert oder mehr dieser verfluchten Scheißbiester umzingelt. Ein vernünftiger Trupp kann es schaffen, aus so einer Lage wieder rauszukommen und nur zwei oder drei Leute dabei zu verlieren. Aber solche Frischlinge, die einander kaum kennen, mit lauter Waffen und Mods, mit denen sie kaum Erfahrung haben? Da versucht immer einer abzuhauen, der ist dann verloren; ein oder zwei andere versuchen ihn zu retten, die sind dann auch weg vom Fenster. Und der Rest wird überrannt und ist so schnell erledigt, dass man nicht mal Zeit hat, ihre Schreie zu orten, dann ist es auch schon gelaufen.«

Unwillkürlich überlief mich ein Schaudern, als der Salutisten-Veteran hinzufügte: »Und wir reden hier nur von der Eidechsenhatz, also den ganz einfachen Missionen, wo man nur ein bisschen aufräumt, um den erfahreneren Trupps den Weg freizumachen. Wer sich aber in die Stadt im Berg vorwagt, der kann auf unzählige Arten umkommen. Die Fallen dort unten reaktivieren sich selbst oder tauchen irgendwo auf, wo vorher definitiv noch nichts gewesen ist, und wenn man über ein Nest stolpert … tja, selbst wenn man eine solche Begegnung überlebt, danach will man nie wieder dorthin zurück. Oh, und ich bitte um Verzeihung.« Ich vernahm ein Sirren, als würde irgendeine Elektronik hochfahren.

»Für w…«, setzte ich an, da stieß er mir mit den flachen Händen hart vor die Brust. Mir war, als hätte er mit einem Energiehammer zugeschlagen. Ich flog rücklings durch die Luft, geblendet von gleißenden Energiestößen, die dort entlangzuckten, wo ich eben noch gestanden hatte. Dann eine ohrenbetäubende Explosion. In blanker Panik versuchte ich, mich in der leeren Luft festzukrallen. Galinak hatte es irgendwie geschafft, mich aus der Schusslinie zu stoßen und zugleich zurückzuspringen. Mit der erhobenen rechten Hand zielte er in die dunkle Gasse, aus der der Angriff gekommen war. Etwas Dünnes, Silbriges schoss aus seinem Panzerhandschuh.

Ich knallte auf den Boden, und Steintrümmer, brennendes Holz und heiße, verbogene Metallsplitter regneten auf mich herab. Ich hatte Glück im Unglück: Im Loch bestand der Boden größtenteils aus weichem Dreck, und der Aufprall raubte mir immerhin nicht das Bewusstsein. Kurz war ich zu nichts weiter imstande als dazu, schützend die Arme vor den Kopf zu heben, mich panisch hin und her zu wälzen und zu beten, dass keine größere Steinplatte herunterkrachte und mich erschlug. Ich hatte mich gerade wieder auf die Knie hochgerappelt, da packte mich eine starke Hand am Arm und stellte mich auf die Füße. Als ich mich umsah, entdeckte ich ein klaffendes Loch zu meiner Rechten, wo eben noch eine behelfsmäßig zusammengezimmerte Hütte gestanden hatte. Die Ränder des Lochs qualmten, und im Innern sah ich ein kleines Feuer züngeln. Von irgendwoher drangen Schreie an mein Ohr, aber ich hätte nicht zu sagen vermocht, aus welcher Richtung sie kamen.

Galinak musterte mich und stellte lapidar fest: »Du bist unverletzt.«

Ich betastete meinen Kopf und betrachtete meine Hände. Kein Blut. Benommen nickte ich.

»Kann ich dich loslassen?«, fragte er.

Ich nickte noch einmal, aber ich hatte es nur meinem Stolz und schierer Willenskraft zu verdanken, dass ich ohne seine stützende Hand nicht einfach zusammenklappte.

»Mir geht’s gut.« Ich klopfte mir den Staub von Schulter und Rücken. Gut, dass ich ganz in Schwarz gekleidet war. »Aber was bei Bukras Eiern war das?«

Galinak trottete zu der Seitenstraße zu unserer Linken. Ich folgte ihm und erblickte den gewaltigen, zuckenden Leib des Trolls, der mich so nachdrücklich dazu aufgefordert hatte, ihn anzuheuern.

»Ich hab schon vor einer ganzen Weile bemerkt, dass er uns folgt«, sagte Galinak und kniete sich hin, um die Reaktion der Pupillen zu überprüfen. »Bei dem Krach, den er veranstaltet hat, wundert es mich, dass du ihn nicht gehört hast.«

»Ist er tot?«

»Nein. Ich hab einen Schockpfeil benutzt, und zwar einen ziemlich teuren.« Er pflückte besagten Pfeil aus der Schulter des Trolls und sah mich an, als wäre das alles ganz allein meine Schuld.

»Und nun? Bringst du ihn jetzt um?«

Tadelnd schüttelte Galinak den Kopf. »Du bist ja ganz schön blutrünstig, sogar für einen Frischling.«

»Na ja … er hat versucht, uns zu töten.«

»Nein. Er hat versucht, mich zu töten. Dich wollte er nur ausrauben und vielleicht zum Spaß ein bisschen herumschubsen. Aber sein Hirn ist so randvoll mit rostigem Schrott, dass er seine Kanone benutzt hat, und wenn er getroffen hätte, wäre von uns nichts mehr übrig geblieben, das er hätte gebrauchen können. Es sei denn, er hatte vor, ein sehr eigenartiges Grillfest zu veranstalten.«

»Und du wusstest, dass er hinter uns her ist?« Ich hoffte, dass Galinak nicht bemerkte, wie ich erschauerte, aber vermutlich entging es ihm nicht.

»Natürlich wusste ich das«, erwiderte er gelassen.

»Und du hast gewartet, bis er auf uns schießt?« Plötzlich wurde ich stinksauer. »Hältst du das alles etwa für ein Spiel, oder was?«

»Nein«, antwortete er geduldig. »Ich wusste nur einfach ganz genau, wann der richtige Zeitpunkt ist. Sobald er die Kanone aktiviert, gibt es einen kurzen Moment, in dem die Waffe einrastet und nicht mehr bewegt werden kann. Wenn man weiß, was man tut, muss man einfach nur aus der Schusslinie raus, sobald man hört, wie er die Kanone aktiviert. Das Geräusch ist unverkennbar.«

Er deutete auf die Waffe. »Ich weiß noch, wie wir mal eine ganze Kiste voll mit den kleinen Schätzchen gefunden haben. War bei unserer vierten Tiefenexpedition in die Stadt im Berg. Wir hatten echt Schwein, dass wir überhaupt zurückgekommen sind. Ursprünglich hat man diese Kanonen wohl in den Minen eingesetzt, wahrscheinlich als automatische Geschütze, sodass man weder einen Gnom noch einen billigen Schrott-Junkie wie diesen Burschen hier für den Betrieb braucht.« Er zeigte auf die Halterungen, die den GY Blaster 2015-d special edition an Ort und Stelle hielten. »Aber einige Trolle haben sich Hals über Kopf in die Vorstellung verknallt, eins dieser Babys als Waffe mitzuschleppen, und wen, frag ich dich, würde das nicht reizen? Die gingen weg wie warme Semmeln, wir haben ein Vermögen damit gemacht und danach ordentlich gefeiert.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn es jemals den richtigen Zeitpunkt gab, um dem ganzen Scheiß den Rücken zu kehren und ein ruhiges Leben anzufangen, war es dieser. Ich hätte genug Kohle gehabt, aber es war eine tolle Zeit damals. Wir hatten einen ausgezeichneten Trupp, gute Leute, wir haben sogar gedacht, dass wir gemeinsam genug zusammenbekommen, um uns einen eigenen Puzzler zu besorgen, du weißt schon, uns selbstständig machen …« Mitten im Satz verstummte er und schüttelte langsam den Kopf, als könne er nur mit Mühe die Erinnerungen verscheuchen. »Wir sollten hier weg«, sagte er, und da bemerkte auch ich die sich nähernden Gestalten.

»Was ist mit ihm?« Ich zeigte nach unten.

»Der kommt bald wieder zu sich. Falls irgendwer versuchen sollte, seine Mods abzuschrauben, wird der schon merken, dass die Betäubung nicht lange anhält. Also los jetzt.«

Er setzte sich in Bewegung, und ich lief hinter ihm her. Ich zitterte immer noch. »Verfolgt er uns nicht, wenn er wieder zu sich kommt?«

»Ich bezweifle, dass er sich noch an irgendwas erinnert. Und war ja nicht das erste Mal, dass er versucht, mich umzubringen.«

»Echt jetzt? Wie oft hat er es denn versucht?«

Galinak dachte nach. »Ich würde sagen, sechsmal. Sieben, wenn man mitzählt, dass er einmal im Skint-Rausch auf mich losgegangen ist, aber das war nichts Persönliches.«

»Und du nimmst ihm das nicht übel?«

Er zuckte mit den Schultern und zupfte an seinem kurzen weißen Bart. »Nö, nicht wirklich. Irgendein Hobby hat doch jeder.«

Kapitel 5

Lange Zeit hatte man in Margats Nest nur die ganz hartgesottenen Typen getroffen, solche, die sich nach einem langen Tag voller Schufterei einfach nur in aller Ruhe einen ungepanschten Drink hinter die Binde kippen wollten. Eines dieser Etablissements, wo man höflich zueinander war und jeden Blickkontakt vermied. Man trank drinnen und prügelte sich draußen, ganz zivilisiert.

Vor zehn Jahren jedoch war alles anders geworden, nachdem irgendein Turmfurzer wegen einer Mutprobe hineinmarschiert war und einen Streit vom Zaun gebrochen hatte. Wie durch ein Wunder hatte der Bengel überlebt, mit ein paar gebrochenen Knochen und um ein paar Zähne ärmer, und allen möglichen Leuten davon erzählt. Diese kleine Begebenheit hatte andere übermütige Bengel aus den oberen Ebenen inspiriert, und bald darauf war es eine Art Initiationsritus unter privilegierten Draufgängern, dem Nest einen Besuch abzustatten. In Scharen kamen sie heruntergeströmt und stürzten sich in den Kampf. Der Besitzer des Nests begriff rasch, welcher Gewinn sich daraus schlagen ließ, denn die Turmfurzer brachten eine Menge harter Münzen mit und warfen damit nur so um sich, um Eindruck zu schinden. Mittlerweile war das Nest das größte, profitabelste legale Etablissement im Loch. Es gab Zweikämpfe und Wettkämpfe und natürlich die klassischen alten Kneipenschlägereien, mal geplant, manchmal auch ganz spontan und authentisch. Margats Nest war nichts mehr für Leute, die einfach nur in Ruhe einen Drink kippen wollten, obwohl man – wenn man niemanden schief ansah und brauchbare Leute dabeihatte – auch heute noch ohne größere Zusammenstöße hinein- und auch wieder hinausgelangen konnte. Aber im Großen und Ganzen musste man einfach auf sein Glück hoffen, und genau das tat ich.

Zahlreiche Feuer erhellten den Platz vor Margats Nest, überall lagerten Leute, die meisten versorgten gerade irgendwelche Wunden. Ein paar Gestalten lagen reglos ausgestreckt auf dem Boden, vermutlich bewusstlos – hoffte ich jedenfalls. Was sie Wertvolles am Leib trugen, hatte ihnen längst irgendwer abgenommen – entweder der Sieger der letzten Auseinandersetzung oder einer der zahlreichen Opportunisten, die hier überall herumschlichen.

Am Haupteingang standen vier Wachen, bis an die Zähne bewaffnet mit allem, was sich ein Troll nur wünschen konnte. Sie wirkten wachsam und kampfbereit. Möglichst unauffällig sah ich mich um und entdeckte ein paar weitere Wachen, die sich im Hintergrund hielten.

Angesichts des Rufs, den der Schuppen hatte, war es hier draußen erstaunlich ruhig – der Eigentümer bevorzugte es, wenn die Kämpfe drinnen stattfanden. Trotzdem schien eine unsichtbare Faust meinen Magen zu umklammern.

Gerade wurde ein junger Mann durchsucht, der nicht älter sein konnte als sechzehn, sein Geleitschutz stand daneben und wartete. Zwei Kämpfer waren es, ein massiger Troll und eine Straßenratte – ein klares Zeichen dafür, dass Ärger suchen mit wenig Geleitschutz immer noch angesagt war. Der Bengel selbst trug eine Art Ganzkörperpanzerung, die mit Salutisten-Symbolen verziert war. Wo auch immer er diese Montur aufgetrieben hatte – allein auf seinem Rücken entdeckte ich die Zeichen vierer rivalisierender Trupps. Mit dem geschlossenem Visier kam er mir vor wie ein farbenfroh bemalter Ritter direkt aus dem Mittelalter. Während wir warteten, wurden drei seiner Waffen konfisziert. Blaster und überhaupt sämtliche Schusswaffen waren verboten, ebenso wie Tarakanische Waffen. Offizieller Geleitschutz war von dieser Regel ausgenommen, wurde aber dennoch davor gewarnt, die mitgeführten Waffen zu benutzen, und zwar unter Androhung von … na ja, unter Androhung wirklich übler Konsequenzen.

Als ich dran war und vortrat, starrte der Türsteher-Troll mit seinen modifizierten Glotzaugen meine Tätowierungen an, dann nickte er kameradschaftlich. Trotzdem ließ er sich Zeit und überprüfte mich mithilfe seiner verbesserten Sicht gründlich. Ich verspürte einen Anflug von Neid. Zwar waren diese Glotzaugen echt hässlich, und wer immer sie eingebaut hatte, war ganz bestimmt kein Künstler gewesen, aber sie verstärkten die Gabe, die wir beide gemeinsam hatten, sicher um das Zehnfache. Ich konnte im Dunkeln sehen, und mit bewusster Anstrengung oder in Panik drang mein Blick auch durch dünne Materialschichten wie Haut oder Kleidung; aber er war imstande, über drei Straßenzüge hinweg zu erkennen, was ich zu Mittag gegessen hatte.

Während ich durchsucht wurde, fragte mich ein zweiter Türsteher, ob ich die Hausregeln kannte und wusste, welche Strafe darauf stand, wenn man im Nest jemanden auf die falsche Weise umbrachte. Die Glotzaugenwache fand bei mir keine Waffen, was offenbar so ungewöhnlich war, dass die Atmosphäre plötzlich ein bisschen angespannt wurde, aber nach ein paar weiteren Fragen ließen sie mich durch. Doch bei Galinaks Durchsuchung tauchte ein Problem auf, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Der Troll warf nur einen kurzen, glotzäugigen Blick auf meinen Geleitschutz, nickte knapp und hielt ihm eine geöffnete Tasche vor die Nase. »Blaster und Wurfmesser«, wies er ihn trocken an, »und den Akku für die Handschuhe bräuchte ich auch.«

Galinak rührte sich keinen Millimeter. »Ich bin als Geleitschutz hier«, sagte er und zeigte auf mich.

»Nicht offiziell, nein«, antwortete der Troll. »Zum Syndikat gehörst du jedenfalls nicht mehr, und ich weiß genau, dass auch kein anderes Unternehmen mit dir zusammenarbeitet. Nicht nach dem, was letztes Mal passiert ist.« Der Troll zeigte auf Galinaks Waffen und dann auf die Tasche in seiner Hand. »Du bist hier ein ganz normaler Gast. Besucherregeln, Besucherpreise.« Er klang, als hätte er gerade einen Mordsspaß. »Das macht zehn Münzen für den Eintritt, und an der Bar gelten die normalen Preise.«

Eine Weile stand Galinak reglos da. Blinzelte einmal, dann noch einmal, und dann hob er die rechte Hand an den linken Panzerhandschuh, was ringsum eine Welle hektischer Bewegungen auslöste: Leute warfen sich in Deckung, Wachen legten auf ihn an. Das hastige Scharren und Rascheln, mit dem Waffen gezogen wurden, und das Klicken und Winseln hochfahrender Systeme erzeugten eine eigenartige Kakophonie.

Galinak drehte am Panzerhandschuh, und eine schimmernde Energiezelle glitt aus einer verborgenen Buchse in seine Hand. Dasselbe tat er mit dem zweiten Handschuh, und dann gab er ganz in Ruhe seine anderen Waffen ab, die im direkten Vergleich mit dem hier üblichen Stil geradezu bescheiden wirkten. Der zweite Troll, der ziemlich unprofessionell beiseitegesprungen war, als Galinak die Hand gehoben hatte, sah mit triumphierendem Grinsen zu, wie ich Eintritt für mich und meinen Geleitschutz zahlte.

»Passt ihr mal besser gut auf mein Zeug auf«, sagte Galinak und setzte sich in Bewegung.

»Einen schönen Aufenthalt im Nest, mein Alterchen«, rief der Troll uns abfällig hinterher, während wir durch die Doppeltür mitten ins Chaos traten.

»Verdammter Schrott«, fluchte ich leise, als sich die Türen hinter uns wieder schlossen. Selbst wenn sich Vincha wirklich hier im Nest aufhielt, würde sie höchstwahrscheinlich nicht besonders kooperativ sein. Und zu meinem Schutz hatte ich nichts weiter dabei als einen ausgedienten Salutisten, der keine Waffen hatte, dafür aber anscheinend jede Menge Feinde. Das hier versprach eine interessante Nacht zu werden, und zwar auf denkbar unschöne Weise.

Kapitel 6

Ich war noch nie zuvor im Nest gewesen, aber ich hatte sorgfältig alle Informationen darüber zusammengetragen, die ich nur finden konnte. Ich wusste, was mich erwartete, hatte mir den Grundriss gründlich eingeprägt. Sogar über die Farben der Wandteppiche wusste ich Bescheid, aber trotzdem haute es mich fast aus den Latschen, als wir durch die zweite stählerne Doppeltür traten und uns in waberndem grünen Nebel wiederfanden. Als mir die Mischung aus Körpergerüchen, Skint-Rauch und Frittiertem in die Nase stieg, hätte ich fast gewürgt. Selbst mit meiner verbesserten Sicht konnte ich die gegenüberliegende Wand nicht erkennen, die, wie ich wusste, präzise siebenundfünfzig Meter zwanzig von mir entfernt war. Mein Mentor hatte recht gehabt: Ganz gleich, wie viele Schriftrollen ich über Margats Nest gelesen und wie viele Geschichten ich darüber gehört hatte, es war etwas vollkommen anderes, wirklich hier zu sein und mit eigenen Augen die von der Decke hängenden Tarakanischen Artefakte zu sehen, von denen manche noch mit einem längst skelettierten Arm, Bein oder Torso verbunden waren.

Irgendwo schlug jemand auf großen Fässern einen raschen, herzschlagartigen Rhythmus. Es war so laut hier drinnen, dass man sich nur schreiend miteinander verständigen konnte. Das Nest bot mehreren hundert Gästen Platz und war zum Bersten voll. Galinak ging voraus, und während wir uns vorsichtig einen Weg durch die Menge bahnten, maßen uns mehrere Besucher ganz offen mit herausfordernden Blicken. Hier und da nickte ein bewaffneter Leibwächter Galinak kurz zu, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder ganz seinem Auftrag widmete. Als ich den Blick hob, bemerkte ich mehrere grob zusammengezimmerte Türme, auf denen ebenfalls Wachen standen. Ihre Scharfschützen-Blaster waren unschwer an den langen Läufen zu erkennen. Sachkundig behielten sie die Menge im Auge, und nach allem, was ich gehört hatte, brauchte es nicht viel, damit sie eingriffen.

Gerade als mir Galinak etwas ins Ohr rief, ertönte ein großer Gong und kündigte einen Arenakampf an.

»Was?«, schrie ich zurück. Die Menge schwappte nach rechts, um sich die Action nicht entgehen zu lassen, und riss uns mit.

»Weißt du, wo du hinwillst?«, brüllte er noch mal.

Ich nickte, deutete nach links und formte mit den Lippen das Wort Spielernest. Offenbar erleichtert, nickte er und schubste mich Richtung Treppen.

Wir hielten uns von der großen Bar in der Mitte fern, so gut es ging – dort traten gerade drei Männer einen Unglückswurm zusammen, dessen Leibwächter vergeblich versuchte, ihn aus dem Gewühl zu fischen. Mehrere Kellnerinnen kamen an uns vorbei, Tabletts mit Drinks in den Händen. Ihre stählerne Panzerung war mit Stacheln und Klingen gespickt. Wer sie angrabschte, riskierte tiefe Schnitte und Schlimmeres. An Oberkörper und Hintern der Kellnerin, die am dichtesten an mir vorüberkam, entdeckte ich zwei aufgespießte, blutige Finger. Ich wich ihr so weiträumig aus, wie es nur ging.

Auf unserem Weg kamen wir an den Treppen vorbei, die ins Liebesnest hinunterführten. Am Eingang standen ein paar spärlich bekleidete Männer und Frauen. Die Frauen berührten mich mit ihren modifizierten Händen, als wir vorbeigingen. Wellen schierer Lust fluteten durch meinen Körper, und kurz vergaß ich, weshalb ich eigentlich hier war. Galinak zog mich weiter. Einen Leibwächter rührten die Prostituierten mit ihren vibrierenden Händen nicht an.

Danke, formte ich mit den Lippen.

Er zuckte mit den Schultern, und dann erstarrte er, sah über meine Schulter hinweg und verzog das Gesicht. Ich drehte mich um und folgte seinem Blick. Ein hochgewachsener Troll kam auf uns zu, vier oder fünf Mann im Gefolge.

»Rost«, fluchte Galinak und schob mich beiseite. »Das kann ich gerade echt nicht gebrauchen.« Diesmal war ich ganz und gar seiner Meinung.

Der Troll baute sich so demonstrativ vor uns auf, dass allen ringsum sofort klar war, dass er Streit suchte. Im nächsten Augenblick hatte sich auch schon ein interessiertes Publikum versammelt. Der Typ war ein Schläger, einer dieser wuchtigen Kerle, die für Prügeleien geboren zu sein scheinen, und er sah sehr viel jünger aus als Galinak. Mehrere stumpfe Schlagwerkzeuge baumelten im Gürtel seiner makellosen Energierüstung aus dunkelgrauem Stahl. Ein herrliches und eindeutig kostspieliges Stück Handwerkskunst, diese Panzerung, selbst die Kabel wurden von dünnen Gummischläuchen geschützt und waren so befestigt, dass sie bei einem Kampf nicht im Weg waren. Die Stacheln an seinen Armschienen wirkten rasiermesserscharf, und es hätte mich nicht gewundert, wenn er mit seinen Panzerhandschuhen problemlos Wände pulverisieren konnte.