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Das einzigartige Jahrbuch zur Science Fiction in ihren multimedialen Erscheinungsformen
Was geschieht in Millionen von Jahren? Wo werden wir sein, wenn die Zeit aufhört zu existieren – vorausgesetzt, es gibt uns dann überhaupt noch? Solchen Fragen rund um die »Future Histories«, die Geschichte der fernen Zukunft, geht das Science-Fiction-Jahr 2010 nach. Außerdem: eine große Rückschau auf das Phänomen Star Trek sowie Essays, Rezensionen und Artikel über Bücher, Filme, Comics und Computerspiele.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 1456
Veröffentlichungsjahr: 2011
Liebe Leserinnen und Leser,
und wieder einmal haben wir es schwarz auf weiß: Die Science Fiction ist das erfolgreichste und beliebteste Genre der Welt. Zumindest scheint das James Cameron mit seinem Film Avatar hinreichend unter Beweis gestellt zu haben. Das bunte Sci-Fi-Action-Abenteuer hat nicht nur alle Kassenrekorde gebrochen – und damit den bisherigen Spitzenreiter Titanic, skurrilerweise auch ein Cameron-Film, auf die Plätze verwiesen –, es hat auch die Art und Weise, wie man Science Fiction produziert, erzählt und vermarktet, neu definiert: Avatar ist, noch weitaus mehr als Star Wars, ein wahrlich globales SF-Ereignis.
Natürlich lässt sich munter darüber streiten, inwieweit dieser Erfolg mit den Schauwerten einer perfektionierten 3D- und Special-Effects-Technik zusammenhängt, aber zweifellos hat die Geschichte vom blauen Alienvolk, das im tiefen Einklang mit der Natur lebt und dessen Existenz von uns, den Menschen, bedroht wird, eine transkulturelle Emotion geweckt, ein universelles Verständnis angesprochen, wie Geschichten erzählt werden sollen. Avatar erzählt eine Geschichte, die offenbar tief in unserem kulturellen Code verwurzelt ist. Aber ist es auch eine Science-Fiction-Geschichte?
Keine Angst: Wir werden hier keine Erbsenzählerei betreiben, was oder was nicht an Avatar Science Fiction, was oder was nicht Fantasy oder gar eine banale Indianergeschichte ist – dem Thema der durchlässig gewordenen Genre-Grenzen haben wir uns ja in einem der letzten Jahrbücher ausgiebig gewidmet. Interessant ist vielmehr die Frage, warum es die zahllosen Science-Fiction-Geschichten, die Avatar vorausgegangen sind und ohne die es diesen Film so wohl kaum gegeben hätte – all die Romane und Erzählungen von Jack Vance, Robert Silverberg, Alan Dean Foster und vielen, vielen anderen –, nicht zu ähnlichem globalem Ruhm gebracht haben. Ist es wirklich nur das Medium? Ist es wirklich nur das doch recht einfache Strickmuster? Ist so etwas wie Avatar wirklich der einzige »sense of wonder«, der uns geblieben ist? Oder hat das alles mit Science Fiction gar nichts zu tun, und jeder sieht in Avatar über die elementare Wahrheit, dass die Menschheit nur in und mit der Natur überleben kann, hinaus, einfach das, was er gerade sehen will? Fragen, die sich jeder, der sich mit dem Genre kritisch auseinandersetzt, stellen sollte – so wie die Herausgeber dieses Jahrbuchs, die einmal mehr damit konfrontiert werden, dass dort draußen eigentlich Millionen von Menschen an den Themen, Bilderwelten, Erzählformen, Mythen der Science Fiction interessiert sind. Eigentlich …
Zurück auf den Boden der Realität: Das SCIENCE FICTION JAHR 2010 wartet ungewohnterweise mit einem etwas schmalen Schwerpunktteil auf; es stellte sich nämlich im Laufe der letzten Monate heraus, dass die ursprünglich geplante Sammlung von Texten den Rahmen dessen gesprengt hätte, was drucktechnisch überhaupt noch möglich ist. Also haben wir kurzfristig umdisponiert – das ist ja auch das Schöne an der Zukunftsliteratur: bestimmte Themen haben einfach keine Eile – und präsentieren mit Rüdiger Vaas’ großem Essay »Wenn gestern morgen ist« einen faszinierenden Ausflug in die … nun ja, in die bizarre Welt der Zeit. Und hier kann man wirklich von »sense of wonder« sprechen!
Wenn Sie dann nach diesem Ausflug wieder heil zurück sind, haben Sie hoffentlich ebensoviel Freude an den vielen anderen Themen, die in dieser Ausgabe des SF-JAHRES versammelt sind, wobei dem Medium Film – wie sollte es bei dieser Vorrede anders sein? – diesmal am meisten Platz eingeräumt wird. Denn neben Mega-Projekten wie Avatar und nostalgischen Dauerbrennern wie Star Trek gibt es eine bunte und stetig wachsende Vielfalt an phantastischen Filmen zu begutachten, die – zum Teil sogar von Fans mit minimalem Budget produziert – formal durchaus mit den »Großen« mithalten können.
Überhaupt bringt die Entwicklung der Technik die Science Fiction auf immer wieder neue Weise ins Spiel, wie die großen Erfolge von Computerspielen wie Fallout, dem sich Carsten Görig ausgiebig widmet, zeigen: Auch wenn diese Spiele den narrativen Gesetzen der Videospiel-Ästhetik folgen, schöpfen sie doch aus dem erzählerischen Fundus, den das Genre in etlichen Jahrzehnten angelegt hat – wenn sie, wie das Computerspiel Metro 2033, nicht gleich direkt auf einer Romanvorlage basieren. Und auch hier gilt: Dort draußen sind Millionen von Spielern, die Science-Fiction-Fans sind, aber es vielleicht noch gar nicht wissen.
Science-Fiction-Fans andererseits könnte man auch jene archäologisch orientierten Zeitgenossen nennen, die sich etwa mit der Theorie beschäftigen, dass uns die Außerirdischen bereits vor Tausenden von Jahren besucht und in den alten Kulturen ihre Spuren hinterlassen haben. Uwe Neuhold hat es sich für dieses SCIENCE FICTION JAHR zur Aufgabe gemacht, einmal zusammenzutragen, was es mit diesen Theorien, deren Zahl so unüberschaubar wie deprimierend ist, wirklich auf sich hat, wie sie entstanden sind, wer sie in die Welt gesetzt hat. Wer weiß, vielleicht waren ja bei der einen oder anderen die perfiden »Gifticks« beteiligt, deren Abenteuer vor kurzem neu aufgelegt wurden, was zumindest unserem Comic-Rezensenten eine große Freude bereitet.
Und noch eine Neuauflage und damit verbunden ein Lesetipp: Im Jahre 1910 hat der Journalist Arthur Brehmer eine Sammlung von Texten zusammengestellt, die sich alle mit der Frage beschäftigten, wie die Welt in exakt hundert Jahren, also in unserem Jahr 2010, aussehen könnte. Der Verlag schrieb damals in seiner Einführung über das Bild der Zukunftswelt, das gezeichnet wird: »Dieses Bild ist so großer Verheißungen voll, dass diese uns oft anmuten gleich Märchen, und doch ist in unserer alles überholenden Zeit vieles von dem, was uns am märchenhaftesten scheint, seit der kurzen Spanne Zeit, die vergangen ist, seit es geschrieben, doch schon zur Wahrheit geworden. Dadurch aber erhält das, was uns als in der Zukunft liegend noch weiter geschildert wird, doppelten Wert.« Ein professioneller Zukunftsvisionär unserer Tage wie etwa Frank Schätzing hätte es wahrlich nicht besser ausdrücken können … Das Buch »Die Welt in hundert Jahren« ist nun als Faksimile-Ausgabe wieder erhältlich, und es ist eine reine Freude, in diesen Texten zu schmökern, die alle – selbst wenn sie mit ihren Prognosen weit danebenlagen – eines unter Beweis stellen: Science Fiction braucht keine teuren 3D-Effekte oder auf transkulturelle Werte geeichte Geschichten, um das zu bieten, was uns zumindest am Genre immer das liebste war, ist und sein wird: Food for thought.
Genau das wollen wir Ihnen auch mit dem SCIENCE FICTION JAHR bieten, in dieser Ausgabe und in hoffentlich vielen weiteren. Und wenn irgendwann einmal in ferner Zukunft jemand die Absicht hat, von dem einen oder anderen SF-JAHR eine Faksimile-Ausgabe anzufertigen – wir geben die Rechte dafür jetzt schon einmal provisorisch frei.
In diesem Sinne viel Spaß mit dem SCIENCE FICTION JAHR 2010!
Ihr Sascha Mamczak & Wolfgang Jeschke
von Rüdiger Vaas
Der Garten der Pfade, die sich verzweigen, ist ein zwarunvollständiges, aber kein falsches Bild des Universums …unendliche Zeitreihen … ein wachsendes, Schwindelerregendes Netz auseinander- und zueinanderstrebenderund paralleler Zeiten. Dieses Webmuster aus Zeiten, diesich einander nähern, sich verzweigen, sich scheidenoder einander jahrhundertelang ignorieren, umfasst alleMöglichkeiten. In der Mehrzahl dieser Zeiten existierenwir nicht; in einigen existieren Sie, nicht jedoch ich; inanderen ich, aber nicht Sie; in wieder anderen wir beide.
JORGE LUIS BORGES (1941)
Wie kann man seine eigene Mutter und sein eigener Vater sein? Ist das eine dumme oder gar widersinnige Frage? Nicht unbedingt! Was paradox klingt, ist nämlich durchaus denkbar – mit Hilfe von Zeitreisen! Wer dies nicht glaubt, lese die Kurzgeschichte »All You Zombies« (dt.: »Entführung in die Zukunft«), die Robert A. Heinlein am 11. Juli 1958 geschrieben hat. Doch könnte das, was die kreative Phantasie imaginiert, auch in Wirklichkeit möglich sein, wenigstens im Prinzip – und das heißt: im Rahmen der Naturgesetze?
Was sich wie Science Fiction anhört – und auch so begonnen hat –, entwickelte sich inzwischen zu einem der hitzigsten Diskussionsthemen der modernen Physik und Kosmologie. Denn wenn Zeitreisen theoretisch möglich sind, also im Einklang mit den Naturgesetzen stehen, wird die Ordnung von Ursache und Wirkung zutiefst in Frage gestellt – und damit das gesamte Fundament des Universums. Zeitreisen könnten schwindelerregende Paradoxien zur Folge haben und so ziemlich alles über den Haufen werfen. Doch was für die einen als tiefgreifende Verstörung ihres Weltbilds erscheint, ist für andere die größtmögliche Horizonterweiterung schlechthin.
Das alles mag noch abenteuerliche Spekulation sein. Aber im weitesten Sinn scheinen Zeitmaschinen im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie möglich zu sein. Sie ist die mit am besten bestätigte wissenschaftliche Theorie überhaupt und Grundlage oder Ausgangspunkt aller heutigen physikalischen Forschungsarbeiten zum Thema Zeitreisen. Davon werden die folgenden Seiten handeln. Dabei sollen nicht nur die unterschiedlichen Möglichkeiten vorgestellt werden, wie sich Zeitschleifen im Labor oder aber von der Natur selbst realisieren lassen könnten. Es geht auch um die Konsequenzen, die dies vielleicht hätte – um die bizarren Paradoxien, die dann denkbar sind. Und es werden viele Beispiele aus der Science Fiction vorgestellt, die diese Probleme – und mutmaßliche Lösungsmöglichkeiten – geistreich illustrieren. Tatsächlich war die SF der Physik und Kosmologie in diesem Themenfeld meistens voraus, und so können Naturwissenschaftler sich nicht nur von dem Ideenreigen glänzend unterhalten lassen, sondern auch davon lernen.
Eine Zeitreise ist eine Bewegung zwischen verschiedenen Zeitpunkten analog zu Bewegungen im Raum. Konkreter: Das Senden von Objekten oder nur Botschaften in die Zukunft oder Vergangenheit. Und eine Zeitmaschine ist ein Mittel für solche Zeitreisen – hin und zurück. Doch Vorsicht: Die Begriffe »Bewegung« und »Reise« sind eigentlich unpassend und enthalten auch schon die irreführenderweise als »Medium« vorgestellte Zeit.
Neben schwierigen begrifflichen und philosophischen Problemen sind auch die rein naturwissenschaftlichen enorm. Viele Aspekte sind außerordentlich spekulativ und durch physikalische Experimente oder astronomische Beobachtungen noch kaum berührt. Andererseits florieren die theoretischen Untersuchungen, und der scheinbar so entlegene Forschungszweig entfaltet eine erstaunliche Dynamik. Das ist eigentlich gar nicht so erstaunlich, denn diese Entwicklungen faszinieren Wissenschaftler und Laien gleichermaßen, und so werden viele kreative neue Ideen ausprobiert, aber auch kritisch hinterfragt. Trotzdem werden solche Grenzbereiche der Wissenschaft mitunter beargwöhnt (was ja kein Fehler ist) oder gar eher ins Reich der Science Fiction gestellt (was kein Makel, aber ein Missverständnis wäre). Solche eher wissenschaftstheoretischen und -soziologischen Facetten sind bereits ausführlich in diesem Jahrbuch beleuchtet worden (SF-JAHR 2008: »Phantastische Physik«); da wurde der wissenschaftliche Wert dieser Spekulationen auch verdeutlicht und verteidigt.
Darüber hinaus haben diese Forschungen aber noch eine größere und vielleicht sogar wichtigere Bedeutung: Es sind Expeditionen des menschlichen Geistes. Mit diesen vermögen wir unseren kleinkarierten Erdenstaub ein bisschen abzuschütteln, wovon langfristig unsere Zukunft abhängt. Und wir können die Antwortversuche auf die grundlegenden Fragen nach dem Wie, Warum, Woher und Wohin der Welt vorantreiben, wozu nur die Wissenschaften – zusammen mit der modernen Philosophie – in der Lage sind. Das darf nicht den diversen Ideologen, Blendern und profitgierigen Märchenerzählern überlassen werden, die mit primitiven und völlig falschen Behauptungen die Dummheit unserer Gegenwart vermehren, die menschliche Intelligenz und ihre Errungenschaften beleidigen, Ressourcen verschwenden, nicht zuletzt Zeit, und die offenen Fragen und Möglichkeiten ins Dunkle stellen.
Die Evolution des Menschen, des Lebens, des Weltalls währt erst wenige Millionen beziehungsweise Milliarden Jahre. Und das Abenteuer der Erkenntnis hat erst begonnen. Wir sollten es nicht aufs Spiel setzen. Wie sagte die amerikanische Astronomin Annie Jump Cannon: »Teil eins der Menschheitsgeschichte ist einfach: Wir entstanden aus dem Urschlamm, um nach den Sternen zu schauen. Teil zwei der Geschichte muss noch geschrieben werden.«
»Die einzige funktionierende Zeitmaschine ist die Science-Fiction-Geschichte«, schrieb der SF-Autor Robert Silverberg 1977. Zeitreisen gehören zum beliebtesten Inventar der SF. Und zwar mindestens seit Herbert George Wells 1895 seinen Roman »Die Zeitmaschine« veröffentlicht hat und darin die Zeit als »vierte Dimension« beschrieb – schon vor Hermann Minkowskis Interpretation der Speziellen Relativitätstheorie im Jahr 1908. (Noch früher, 1885, tat es ein anonymer Leserbriefschreiber im Wissenschaftsjournal Nature.) Auch Wissenschaftler und Philosophen haben seither immer wieder über die Möglichkeit einer Bewegung in die eigene Zukunft oder Vergangenheit nachgedacht.
Es gibt wohl kein Thema, das die Verflechtung und wechselseitige Inspiration von Science und Fiction besser verdeutlicht. Phantasievolle Literatur und Wissenschaft begegnen sich hier auf gleicher Augenhöhe. Und was in schriftstellerischer Pionierarbeit ersonnen wurde, beschäftigt inzwischen die Philosophie und knallharte Physik.
Es gibt auch kein Thema, das kontroverser diskutiert wird sowie Logik und Imagination gleichermaßen herausfordert. Spekulativ ist das meiste, aber doch kein beliebiges Geschwätz. Denn im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie – mit der Quantentheorie die Hauptsäule im Gebäude der modernen Physik und im Experiment am besten bestätigt – sind Zeitreisen und Zeitmaschinen möglich. Relativitätstheoretiker sprechen lieber von »geschlossenen zeitartigen Kurven« oder »geschlossenen Null-Kurven«. Wenn sie existieren, hätte dies abenteuerliche Konsequenzen, die sogar die Physik in ihren Grundfesten erschüttern und in die größte nur denkbare Grundlagenkrise stürzen sowie unser Alltagsverständnis von Ursache und Wirkung völlig untergraben könnten.
Zeitreisen als Genre in Literatur und Film sind en vogue. »Das Jesus-Video« (1998) von Andreas Eschbach und »Timeline« (1999) von Michael Crichton waren Bestseller, die sich weit über die typische Leserschaft der Science Fiction hinaus verkauften. SF-Serien im TV sparen nicht mit temporalen Plots (Star Trek, Stargate, Twilight Zone, X-Files) oder machen sie auf mehr oder weniger intelligente Weise sogar zum Leitmotiv: In Seven Days wird durch die vergangenen Tage gerumpelt, dass sich die Balken biegen, um allerhand gegenwärtige Unbill eine Woche früher zu beseitigen – die Problematik der Zeitparadoxien hat in den Baller-Filmen keinen Platz. In den Serien Time Tunnel und Quantum Leap erleben die Protagonisten hingegen historische Ereignisse mit, ohne sie beeinflussen zu können. Und Zurück in die Zukunft ist ein netter Klamauk, der irre und wirre Paradoxien komödiantisch inszeniert. Beinahe melancholisch geht es dagegen in der Serie Allein gegen die Zukunft zu, und der Titel ist keine Übertreibung: Jeden Morgen findet Gary Hobson, der Besitzer von McGinty’s Bar and Grill in Chicago, die Chicago Sun-Times vor seiner Wohnungstür – und zwar die Ausgabe des kommenden Tages. Daraufhin rennt er den halben Tag durch die Stadt, um ein Unglück, das in der Zeitung steht, zu verhindern – was häufig gelingt, so dass auf der Zeitung veränderte Texte erscheinen und schon mal die eigene Todesanzeige verschwindet. Die Idee einer Zeitung aus der Zukunft ist übrigens bereits kongenial von Robert Silverberg in der Kurzgeschichte »Was heute in der Morgenzeitung stand« (»What We Learned from This Morning’s Newspaper«, 1972) beschrieben worden.
Das Thema Zeitreisen ist schon alt. Aber ihre fiktionale Realisierung im pseudotechnischen Gewand kam erst mit der zunehmenden Verwissenschaftlichung und Technisierung der Lebenswelt.
In seinem 1771 anonym publizierten Buch »Das Jahr 2440« (»L’ An Deux Mille Quatre Cent Quarante«) schuf Louis-Sébastien Mercier das Grundmuster vieler Zeitreise-Geschichten der kommenden Dekaden: Ein Mann schläft ein und wird in einer anderen Zeit wieder wach. Ähnliches geschah dann beispielsweise auch in Washington Irvings Erzählung »Rip Van Winkle« (1819) oder Edward Bellamys Roman »Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887« (»Looking Backward 2000 – 1887«) von 1888, worin ein Bostoner Bürger im schalldichten Gewölbe einschläft und 100 Jahre später in einer utopischen sozialistischen Gesellschaft wieder aufwacht. Andere Erzählungen ersetzten die Schlaf-Transition durch Drogen (Brian Aldiss: »An Age«, 1967), präkognitives Träumen (John William Dunne: »An Experiment with Time«, 1927), einen Aufenthalt in der Nervenheilanstalt (der Film Nagata, der schwarze Drache [To Hell with Babe Ruth], 1969), elektrische Gehirnstimulation (Ken Grimwood: »Breakthrough«, 1976), Zaubersprüche, Blitz und Donner – was in Lyon Sprague de Camps »Vorgriff auf die Vergangenheit« (»Lest Darkness Fall«, 1939/1941 ) eine Reise ins antike Rom bewirkt – oder einen kräftigen Schlag auf den Kopf – mit dem Mark Twain seinen Protagonisten in »Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof« (»A Connecticut Yankee In King Arthur’s Court«, 1889) ins mittelalterliche Leben transferiert (auch bei Chauncey Thomas in »The Crystal Button«, 1891, genügt ein solcher Schlag). All das ist, wie auch ein langes Einfrieren (etwa in Larry Nivens »A World Out of Time«, 1976), aber keine Zeitreise im engeren Sinn.
Herbert George Wells ersetzte in seiner Erzählung »The Chronic Argonauts« (1888) diese simplen Methoden durch ein – freilich nicht minder mysteriöses – technisches Vehikel: Die Zeitmaschine wurde geboren. Und Zeitreisen waren nicht länger Einbahnstraßen oder schicksalhafte Fügungen, sondern dem Erkundungswillen des Reisenden unterworfen. (Tatsächlich veröffentlichte Edward Page Mitchell, ein Redakteur der New York Sun, schon einige Jahre vorher, 1881, mit »The Clock That Went Backward« die erste Geschichte über einen Apparat für Zeitreisen, die aber weitgehend unbeachtet blieb.) Dennoch stand diese Fiktivtechnologie im Nachfolgeroman »Die Zeitmaschine« (»The Time Machine«, 1895) zunächst noch lange ohne literarische Nachfolger.
Erst mit der Entstehung der amerikanischen Science Fiction-Magazine explodierte das Genre. Immer raffiniertere, vertracktere Zeitreise-Geschichten entstanden – ihre Zahl geht vermutlich in die Tausende. Und ihr Niveau ist im Durchschnitt höher, intelligenter als in den oft stereotypen SF-Räuberpistolen mit den zuweilen peinlichen Allmachtsphantasien. »Nicht so in den Zeitreisegeschichten«, schreibt der SF-Kenner und -Herausgeber Karl Michael Armer. »Da agiert der Held nicht, sondern reagiert nur. Er wird in einen Dimensionsstrudel Salto schlagender Logik gerissen, strampelt darin herum, ist immer mehr Opfer als Beherrscher der Zeit. Entfremdung, Entwurzelung in einer zusehends unbegreiflicher werdenden Welt, Herumgestoßenwerden von Kräften, die man nicht beeinflussen kann – diese zentralen Themen der späteren Science Fiction ab Mitte der sechziger Jahre tauchen schon in den ganz frühen Time Travel Stories auf. Die Zeitreisegeschichten waren (wen wundert’s) dem Rest der SF um Jahrzehnte voraus.«
Armer hat vier Motive unterschieden, die den spezifischen Reiz dieses Literaturzweigs ausmachen:
Wir sind alle Zeitreisende: Im Waggon namens Gegenwart fahren wir unsere Strecke zwischen Geburt und Tod ab und zahlen den unerbittlichen Preis des Alterns.Die Natur der Zeit: Ist sie ein offenes oder geschlossenes System, das heißt, ist alle Entwicklung schon fixiert seit frühester Zeit oder Ewigkeit bis in die fernste Zukunft – oder ist die Zeitachse wie eine Straße, die nur bis zur Gegenwart reicht und immer weiter gebaut wird, und zwar womöglich in ganz unbestimmte Richtungen? Hinter dieser Frage lauert das Problem der ominösen Willensfreiheit – aber auch die kontroverse Psi-Thematik um Hellsehen, Vorahnungen, Weissagungen.Das intellektuelle Vergnügen der mit Zeitreisen einhergehenden Möglichkeit von Paradoxien, alternativen Vergangenheiten und utopischen oder dystopischen Zukünften sowie ein Sprengen der Fesseln starrer Kausalprinzipien.Der erzählerische Kniff, Vergangenheiten oder Zukünfte mit einem Menschen der Gegenwart auszuloten oder zu kontrastieren, mit dem wir uns besser identifizieren können.In unserem Alltagsvorurteil glauben wir, die Vergangenheit sei fixiert, nicht aber die Zukunft. Doch können wir uns wirklich so sicher sein? Ein Verdienst der Science Fiction ist es, hier Denk-Alternativen zu entwerfen und unsere vermeintlichen Intuitionen zu hinterfragen. Im Prinzip gibt es allerdings nur zwei Möglichkeiten: Entweder steht die Zukunft schon eindeutig fest (Determinismus) oder aber sie ist wenigstens in manchen Aspekten offen, unentschieden, zufällig, veränderbar und nicht bloß auf einem Weg zu realisieren oder auszuschreiten. Ähnliches gilt, wenn Zeitreisen möglich sind, für die Vergangenheit: Entweder steht sie unerschütterlich fest oder sie lässt sich ebenfalls ändern.
SF-Autoren haben sich – wie später Physiker und Philosophen – einiges einfallen lassen, um die Folgen von Zeitreisen zu beschreiben und mit den drohenden Zeitparadoxien umzugehen.
Am radikalsten sind jene Werke, die Zeitreisen kreuz und quer ermöglichen und mit Zeitparadoxien sogar geistvoll spielen. Das geschieht beispielsweise in einigen Romanen von Clark Darlton alias Walter Ernsting oder in »Das andere Ufer der Zeit« (auch unter dem Titel »Von Zeit zu Zeit« veröffentlicht, »Time and Again«, 1970) und die Fortsetzung »Im Strom der Zeiten« (»From Time to Time«, 1995) von Jack Finney. Dass geringste Änderungen oft eine völlig andere Ereigniskette bewirken, ist durch die Forschungen der Chaostheorie inzwischen offenkundig geworden. Dem deterministischen Chaos zufolge können sich kleinste Modifikationen in nichtlinearen Systemen lawinenartig und praktisch unberechenbar aufschaukeln. Einen solchen Schmetterlingseffekt – der Flügelschlag eines Falters über Japan könnte einen Wirbelsturm in der Karibik auslösen – hat Ray Bradbury in »Ferner Donner« (»A Sound of Thunder«, 1952) illustriert: Das Zerquetschen eines Schmetterlings bewirkt einen völlig anderen Geschichtsverlauf. (Dieselbe Idee hat Hiram S. Maxim, der britische Erfinder des vollautomatischen Maschinengewehrs, schon 1902 in einem Brief an das Wissenschaftsjournal nature am Beispiel eines Moskitos illustriert, so dass es historisch korrekt eigentlich Moskito-Effekt heißen müsste.) In Henry Beam Pipers Paratime Police-Serie (ab 1947) und in Fritz Leibers Roman »Eine tolle Zeit« (»Big Time«, 1958/1961) ist die Wahrscheinlichkeit, mögliche Welten zu beeinflussen, ein zentrales Thema. In der Erzählung »Im Kreis« (»By His Bootstraps«, auch: »The Time Gate«, 1941) von Robert Heinlein wird die Flucht aus einer tyrannischen Zukunft möglich. Eine andere Option bietet die Veränderung der Gegenwart. In Isaac Asimovs »Das Ende der Ewigkeit« (»The End of Eternity«, 1955) verfügt nur eine Elitegruppe über Zeitmaschinen und kontrolliert mit ihrer Hilfe die Geschichte und somit Gegenwart nach ihren Zwecken; doch die Hauptperson des Romans interveniert und löst ein Zeitparadoxon aus, so dass diese Oligarchie der Zeitmanipulatoren erst gar nicht entsteht. Auch James Tiptree, Jr. alias Alice B. Sheldon spielt in »Ein Leben für eine Decke der Hudson Bay Company« (»Forever to a Hudson Bay Blanket«, 1972) auf melancholische Weise mit einer Zeitparadoxie. In Gordon Dicksons Roman »Sturm der Zeit« (»Time Storm«, 1977) kommt es in einer Zukunft, in der das Universum kollabiert, zu Zeitbeben – Rissen in den Zeitschichten –, so dass die Vergangenheit der Höhlenmenschen und eine Zukunft mit Außerirdischen neben der Gegenwart bestehen und schon ein kurzer Weg reicht, um in diese Zeiten zu gelangen. In anderen Werken ist die Zeit völlig aus den Fugen, etwa in Kurt Vonneguts »Slaughterhouse-5« (1969), Robert Silverbergs »Now + n, Now – n« (1972), Francis Marion Busbys »If This is Winnetka«, »You Must Be Judy« (1976) und Ben Jeapes’ »Pages Out of Order« (1997).
Andere Erzählungen gehen dagegen davon aus, dass Änderungen der Vergangenheit keine weitreichenden und einschneidenden Folgen haben. So beschrieb Fritz Leiber in seiner »Change War«-Serie (1958, 1961, 1981) den Kampf zweier rivalisierender Gruppierungen um den Ablauf der Geschichte. Doch ein Gesetz von der Erhaltung der Wirklichkeit führt zu einer Art Beharrungsvermögen der Zeit, so dass sich durch die fortgesetzten Manipulationen kaum etwas ändert. Auch Isaac Asimov postulierte in »Das Ende der Ewigkeit« eine Art von »Zeitreibung«, die sich lawinenartig aufschaukelnde Modifikationen unterdrückt. Ähnlich sah es schon H.G. Wells. In einem Vortrag mit dem Titel »Die Entdeckung der Zukunft« meinte er im Januar 1902: »Wenn durch eine Manipulation von Raum und Zeit Julius Cäsar, Napoleon, Edward IV., William der Eroberer, Lord Roeberey und Robert Burns alle bei ihrer Geburt geändert worden wären, hätte das keine ernsthafte Verschiebung am Strom des Schicksals hervorgerufen. Diese großen Männer sind bloße Federspitzen, die das Schicksal zum Schreiben verwendete.«
Änderungen der Vergangenheit könnten schlicht unbemerkt bleiben, obwohl sie sich ereignen. Eine klassische Story dazu ist von William Tenn alias Philip Klass und heißt »Das Projekt Brooklyn« (»Brooklyn Project«, 1948). Geschildert wird, wie eine Gruppe arroganter Wissenschaftler mit einem Chronar die Entwicklungsgeschichte der Erde und die biologische Evolution nachvollziehen will. Die Menschen lassen dieses Zeit-Periskop stichprobenartig die Vergangenheit besuchen und wiegeln die Skeptiker ab. Tatsächlich glauben die Forscher nach jedem Blick in die Vergangenheit, dass alles beim Alten bleibt. Doch mal verdrängt der Chronar etwas atmosphärischen Dampf, der sich zu Regentropfen verdichtet, dann verändert er ein paar chemische Reaktionen, tötet einen Trilobiten oder erhöht an einer Stelle geringfügig die Meerestemperatur. »Schauen Sie doch genau hin!«, triumphiert der geschäftsführende Sekretär am Ende des Experiments und streckt seine fünfzehn purpurroten Fühler von sich: »Nichts hat sich geändert!« Ähnlich ist die Persiflage »So frustrieren wir Karl den Großen« (»Thus We Frustrate Charlemagne«, 1967) von Raphael Aloysius Lafferty. Er schildert eine Gruppe Weltverbesserer, die kleine Details der Vergangenheit verändern, um den Verlauf der Weltgeschichte und somit die Gegenwart zu optimieren – und sie merken dabei nicht, dass sie am Schluss ein Leben auf Steinzeit-Niveau führen.
Zeitreisen mitsamt Veränderungen sind möglich, aber nur auf eine Weise, die letztlich nicht zu Widersprüchen führt. Eine berühmte Illustration dieses Selbstkonsistenzprinzips ist Michael Moorcocks Kurzgeschichte »Imitatio Christi« beziehungsweise »Sehet – ein Mensch« (»Behold The Man«, 1967) und deren spätere Romanfassung »I.N.R.I oder Die Reise mit der Zeitmaschine« (»Behold The Man«, 1970): Darin will ein Zeitreisender das Leben Jesu beobachten, findet diesen aber als buckliges, sabberndes, geistig und körperlich behindertes Kind und die Jungfrau Maria als fette Schlampe, die durchblicken lässt, dass Joseph gar nicht der Vater ihres Sohnes ist. Der Schock, dass die Geschichte sich nicht so entwickeln kann, wie das Neue Testament vorgibt, bringt den Zeitreisenden dazu, die Rolle des Messias zu übernehmen. Er sucht sich die Jünger aus, sorgt dafür, dass Judas ihn verrät und stirbt als Märtyrer, um die Prophezeiung zu erfüllen. Auch Garry Kilworth nimmt sich in »Auf nach Golgatha!« (»Let’s Go to Golgatha«, 1975) die Kreuzigung zum Thema: Mit Pauschalzeitreisen strömen ganze Reisegruppen zum Passahfest und drängen, um nicht aufzufallen, Pontius Pilatus zur Verurteilung Jesu – während die einheimischen Juden in ihren Häusern sind. Ein noch krasseres Beispiel für Selbstkonsistenz ist Robert Heinleins Klassiker »Entführung in die Zukunft«. Darin formieren sich die Paradoxa zu einem geschlossenen Realitätskreis, in dem der Protagonist zugleich sein eigener Kindesentführer, seine Mutter und – nach einer Geschlechtsumwandlung – sein Vater ist, und auch der Barkeeper, dem er diese abenteuerliche Geschichte erzählt.
Zeitreisen in die Vergangenheit sind zwar möglich, nicht aber Veränderungen. Die Zeitreisenden sind dann nur Beobachter, die nicht mit ihrer Umgebung wechselwirken können. Karl-Herbert Scheer hat dies in »Die Invasion der Toten« (Perry Rhodan Nr. 264) – nicht ganz konsequent – beschrieben: Die Zeitreisenden gelangen in ein Schattenreich, deren Bewohner Komponenten einer »Erinnerung des Kosmos« darstellen, die ohne Eingriff von außen für ewig festgeschrieben sind und keine echte, lebendige Existenz mehr besitzen. (Das erinnert an den 11. Gesang der »Odyssee«, in dem Homer die schauerliche Unterwelt imaginiert.) Es ist jedoch fraglich, ob sich auf diese Weise Zeitparadoxien wirklich vermeiden lassen. Zwar müsste man Zeitreisen nicht einmal persönlich unternehmen. Eine ferngesteuerte Kamera – eine Art Zeitauge oder Paläoskop – würde genügen. Ein solcher Blick in die Vergangenheit wurde in der SF immer wieder beschrieben, zum Beispiel von Miles J. Breuer (»The Time Valve«, 1930), Eric Temple Bell alias John Taine (»Before the Dawn«, 1934), Horace Leonard Gold (»The Biography Project«, 1951 ) und Donald Franson (»One Time in Alexandria«, 1980). Freilich lehrt die Physik, dass es keine Beobachtung ohne Interaktion gibt. Denn die Kamera müsste, um etwas zu sehen, Photonen auffangen und infolge der Absorption auch sichtbar sein. Das aber würde schon genügen, um die andere Zeit zu beeinflussen. Dazu der SF-Essayist Harun Raffael: »Denken wir uns, dass jemand per Zeitauge Napoleon als jungen Offizier bei einer seiner ersten Schlachten beobachtet – Napoleon sieht das Zeitauge, wird von dieser unbegreiflichen Erscheinung kurz abgelenkt, und wird von einer Kugel getroffen. Jede Hilfe kommt zu spät.«
Zeitparadoxien treten nicht auf, weil die Natur sich dagegen wehrt. Ein besonders brutales Beispiel beschrieb Fredric Brown in der Kurzgeschichte »Das Experiment« (»Experiment«, 1954): Als der Erfinder nach erfolgreicher Demonstration seiner Zeitmaschine ein Paradoxon erzeugen will, verschwinden er und der Rest des Universums einfach.
Ein Sonderfall der Zeitreise-Thematik sind Rückwärtszeiten und Zeitschleifen. Schon 1922 ist von France Scott Fitzgerald »Der seltsame Fall des Benjamin Button« (»The Curious Case of Benjamin Button«) geschildert worden (2008 kongenial von David Fincher verfilmt), der als uralter Mann geboren und dann immer jünger wird und ein entsprechend »verkehrtes« Leben führt. Martin Amis hat in »Pfeil der Zeit« (»Time’s Arrow«, 1991) die gleiche Grundidee noch schonungsloser ausgestaltet. Hier ist der Protagonist in fast allem zeitverkehrt, das heißt er verleibt sich auf der Toilette auch Materie ein und legt sie am Mittagstisch vom Mund auf den Teller. Sein schrecklicher Beruf besteht darin, aus fröhlichen Menschen blutige, aufgeschlitzte Verletzte zu machen. Nur in seinen jungen Jahren machte alles Sinn: Da war er beteiligt, den Rauch im Himmel in Schornsteine zu saugen und im Feuer Menschen zu erschaffen, die aus den Öfen geholt und in Kammern wiederbelebt wurden, bis sie alsbald gekräftigt mit den Zügen die Lager verließen. (Monster oder Lebensretter, KZ-Vollstrecker oder Schöpfer – alles nur eine Frage der temporalen Perspektive?) Andere Rückwärts-Zeiten schilderten beispielsweise Fritz Leiber in »The Man Who Never Grew Young« (1947) und Sumner Locke Elliott in »The Man Who Got Away« (1972). Die »Sehr Langsame Zeitmaschine« (»The Very Slow Time Machine«, 1978) von Ian Watson dagegen muss, um in die Zukunft zu reisen, erst dieselbe Zeit in die Vergangenheit zurück. Die Forscher beobachten den plötzlich aufgetauchten Reisenden in seiner Zeitkapsel jahrelang, bis er ihnen allmählich die Ungeheuerlichkeit dieses Vorgangs offenbart. Andere Geschichten biegen die Zeit gleichsam zum Kreis zurück. Philip K. Dick behandelt dieses »furchtbare und ermüdende Mysterium des ewigen Lebens« in »Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten« (»A Little Something for Us Temponauts«, 1969). Und Richard von Volkmann-Leander schilderte in seiner Erzählung »Von Himmel und Hölle« schon 1871, wie ein Reicher ans Himmelstor und von Petrus gefragt wird, was er sich wünsche. Der Reiche weiß es genau: ein großes, goldenes Schloss, so schön, wie der Kaiser keins hätte, jeden Tag das beste Essen, einen Großvaterstuhl, einen grünseidenen Schlafrock und das Tagblättchen, außerdem »Geld, viel Geld, alle Keller voll; so viel, dass man es gar nicht zählen kann!« Das alles erhält er und muss so jeden Tag gleich verbringen, in tiefster Isolation, bis er nach tausend Jahren erkennt, dass er nicht in den Himmel, sondern in die Hölle geraten ist. Das empfindet in Thomas M. Dischs Erzählung »The double timer« (1962) auch ein Polizist, der seine Frau umbringt und dies Tag für Tag wieder tun muss. Der Film Und täglich grüßt das Murmeltier (Groundhog Day, 1993) gewinnt – jedenfalls für den Zuschauer – der Ewigen Wiederkehr eine komödiantische Seite ab. Der Protagonist durchlebt wieder und wieder dieselbe Ausgangssituation, weiß allerdings am nächsten Morgen die Ereignisse des Vortages noch und perfektioniert – nach anfänglicher Völlerei, Verzweiflung bis zum vergeblichen Selbstmord und Apathie – sein Leben, bis er den Teufelskreis schließlich doch noch durchbricht und sein Happy End erreicht. Die Ewige Wiederkehr ist ein weit verbreitetes Motiv – von den ostasiatischen Philosophien bis hin zu Friedrich Nietzsches Gedanken von der Ewigen Wiederkunft (»Und diese langsame Spinne, die im Mondlicht kriecht, und dieser Mondschein selber, und ich und du im Torwege, zusammen flüsternd, von ewigen Dingen flüsternd – müssen wir nicht alle schon dagewesen sein? – und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, in dieser langen schaurigen Gasse – müssen wir nicht ewig wiederkommen ?«). »Es kehret alles wieder. Und was geschehen soll, ist schon vollendet«, lässt auch Friedrich Hölderlin seinen Empedokles sagen. Sogar in der modernen Kosmologie wird inzwischen ernsthaft diskutiert, ob sich die Zeit nicht umkehrt, wenn der Weltraum von der bisherigen Ausdehnungs- in eine Kontraktionsphase übergeht. Physiker wie Thomas Gold, Lawrence Schulman, Claus Kiefer und H. Dieter Zeh nehmen dies an. Auch Stephen Hawking von der Cambridge University tat es einst, änderte seine Meinung jedoch und meint wie die Mehrzahl der Kosmologen, dass auch ein kollabierendes Universum noch dieselbe Zeitrichtung hat wie heute. Dafür spricht, dass die Schwarzen Löcher – die die größten Beiträge zur Entropie und somit zum thermodynamischen Zeitpfeil leisten – weiter wachsen.
Zeitreisen sind in Wirklichkeit eher extravagante Raumreisen, nämlich Vorstöße in Paralleluniversen. Das haben beispielsweise Jack Williamsons »Die Zeitlegion« (»Legion of Time«, 1938), Italo Calvinos »Die unsichtbaren Städte« (»Le Città Invisibili«, 1972) und David Gerrolds »Zeitmaschinen gehen anders« (»The Man Who Folded Himself«, 1973) illustriert. Statt von Parallelwelten wird auch von multiplen Historien gesprochen, was ebenfalls eine Art Raumzeit-Verzweigung bedeutet. Jede Veränderung an einem vergangenen Zustand erzeugt eine neue Zeitachse, auf der die gesamte Geschichte eine andere Wendung nimmt als die »Schwester-Historie«, von der aus die Zeitreise gestartet wurde. Auf dieser Annahme beruht beispielsweise Gregory Benfords exzellenter Roman »Zeitschaft« (»Timescape«, 1980), in dem US-Präsident John F. Kennedy dem Attentat knapp entkommt. Von den multiplen Historien geht auch Stephen Baxter in »Zeitschiffe« (»The Time Ships«, 1995) aus, einem eindrucksvollen Fortsetzungsroman von Wells’ »Zeitmaschine«: Dem Zeitreisenden wird hier schließlich bewusst, dass er nie mehr in das ihm bekannte London des Jahres 1881 zurückkehren kann.
Auch die Alternativ-Universen-Romane gehören im Grunde in die Kategorie der multiplen Historien. So beschreibt beispielsweise Ward Moore in »Der große Süden« (»Bring the Jubilee«, 1953) die USA nach dem Sieg der Konföderierten 1863 in der Schlacht von Gettysburg. Der Süden ist ein reicher Agrarstaat geworden, die Nordstaaten sind aufgrund der immensen Reparationen zu wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit verkommen. Ein Historiker reist mit der ersten Zeitmaschine in die Schlacht zurück, um den exakten Verlauf kennenzulernen. Dabei verändert er das Geschehen – und die USA entwickeln sich so, wie wir sie heute kennen … Dagegen entwirft Keith Roberts in »Die folgenschwere Ermordung Ihrer Majestät Königin Elisabeth I.« (»Pavane«, 1968) ein alternatives England der Jahre 1968 bis 2000 unter der Annahme eines erfolgreichen Attentats auf Königin Elisabeth I. im Jahr 1588. Daraufhin schlägt die spanische Armada die englische Flotte, England wird katholisch, die Reformation in Europa scheitert, Rom erstarkt zur alten Macht, und die kobaltblaue Flagge von St. Peter weht in China ebenso wie in ganz Amerika. In England schnaufen dampfgetriebene Schleppzüge über die Landstraßen, Nachrichten werden über Signaltürme vermittelt, und die Inquisition beherrscht das Land und geißelt den technischen Fortschritt als Ketzerei – doch dafür gab es keine Weltkriege und Konzentrationslager. Auch der britische SF-Autor Stephen Baxter ersann alternative Historien. In »Mission Ares« (»Voyage«, 1996) sind Menschen 1986 auf dem Mars gelandet, weil die Kugeln von Dallas John F. Kennedy verfehlt hatten. Und in »Anti-Eis« (»Anti-Ice«, 1993) gewinnt England 1855 den Krieg gegen Russland durch ein in einem Meteoriten aus der Antarktis entdecktes, als Vernichtungswaffe eingesetztes, unbekanntes energiereiches und supraleitendes Material. Großbritannien wird die weltbeherrschende Macht, aber ein Erster Weltkrieg ist trotzdem unvermeidlich.
Im Gegensatz zu solchen globalen Alternativwelten verortet Alfred Bester in seiner Story »Die Mörder Mohammeds« (»The Men Who Murdered Mohammed«, 1967) die Paralleluniversen in den individuellen Bewusstseinen. Zeit und Zeitreisen sind subjektiv und betreffen nur einen selbst. »Es gibt Milliarden von Individuen, von denen jedes sein eigenes Kontinuum hat; und ein Kontinuum vermag nicht ein anderes zu beeinflussen. Wir sind wie Millionen von Spaghetti in demselben Topf. Kein Zeitreisender kann jemals einen Gefährten in der Vergangenheit oder Zukunft treffen. Jeder von uns kann nur seine eigene Strähne bereisen.« Paradoxien sind in einem solchen Szenario nicht möglich.
Viel weiter verbreitet, ja beinahe implizites Alltagsgut, ist die Parallel- und Alternativwelten-Vorstellung für die Zukunft. Abhängig von den Ereignissen und Entscheidungen jetzt nimmt sie einen unterschiedlichen Verlauf, es gibt gleichsam ständig neue Verzweigungen. In Geschichten wie »Nobody here But Us Shadows« (1975) von Sam J. Lundwall und »A Few Minutes« (1973) von Laurence Mark Janifer sind sie erkennbar und real, nicht bloße Möglichkeiten. In Michael Flynns »The Forest of Time« (1987) verirrt sich ein Zeitreisender förmlich in der Unendlichkeit der Zeiten, wie kann er in diesem Wald jemals wieder den heimatlichen Zweig seiner Herkunft finden? Ähnliche Probleme haben die Protagonisten in »One Way Street« (1953) von Jerome Bixby, »Rumfuddle« (1973) von Jack Vance und »Worlds Enough« (1976) von Don Thompson. Auch außerhalb der SF haben sich verzweigende Zeiten oder Universen literarische Auftritte, beispielsweise in John B. Priestleys erstem Stück (»Dangerous Corner«, 1932), in John Updikes Roman »Toward the End of Time« (1997) und in Gore Vidals Roman »The Smithsonian Institution« (1998). Wenn die Zukunft offen ist, also nur mehr oder weniger wahrscheinlich, und sich insofern, von der Gegenwart aus betrachtet, verzweigen kann, dann sind Prognosen und Präkognition keineswegs verlässlich – wie Philip K. Dick in »Der Minderheiten-Bericht« (»Minority Report«, 1956) meisterhaft vorgeführt hat, der hier von »Parallelzukünften« spricht. Wichtige Erkenntnisse aus der Zukunft sollte man sowieso nicht unbedingt erwarten, wie Wilma Shore in »Wie aus gewöhnlich gutunterrichteten Kreisen verlautet« (»A Bulletin from the Trustee«, 1964) demonstriert: Das Interview mit einem Menschen aus der Zukunft bringt nur das gleiche dumme Geschwätz ein, das man schon in der Gegenwart nicht mehr hören mag.
Doch vielleicht ist die Zeit nur eine Illusion. In Wirklichkeit gibt es den Ablauf der Ereignisse dann gar nicht – dies ist nur unsere subjektive, irrige Empfindung –, sondern ein Raum-Zeit-Kontinuum, in dem die Zeitachse quasi räumlich ist und alles feststeht. Der Mathematiker Hermann Weyl hat diese mögliche Deutung 1927 folgendermaßen beschrieben: »Der Schauplatz der Wirklichkeit ist nicht ein stehender dreidimensionaler Raum, in dem die Dinge in zeitlicher Entwicklung begriffen sind, sondern die vierdimensionale Welt, in welcher Raum und Zeit unlöslich miteinander verwachsen sind. Diese objektive Welt geschieht nicht, sondern sie ist – schlechthin – ein vierdimensionales Kontinuum, aber weder Raum noch Zeit. Nur vor dem Blick des in den Weltlinien der Leiber emporkriechenden Bewusstseins ›lebt‹ ein Ausschnitt dieser Welt ›auf‹ und zieht an ihm vorüber als räumliches, in zeitlicher Wandlung begriffenes Bild.« Der Astrophysiker James Jeans beschrieb dies 1935 nicht weniger poetisch: »Das Gespinst der Raumzeit ist bereits vollständig gewoben, im Raum wie in der Zeit, so dass das ganze Bild existiert, obwohl wir uns dessen nur Stück für Stück bewusst werden – wie einsame Fliegen, die über einen Teppich kriechen. Ein menschliches Leben ist nichts als ein Faden in diesem kosmischen Teppich.« Ähnliches hatte auch Einstein im Sinn, als er 1955 kurz vor seinem Tod in einem Kondolenzbrief anlässlich des Todes eines Freundes schrieb: »Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion.«
Eine eindrucksvolle literarische Umsetzung des quasi-räumlichen Alles-auf-einmal-Zeiterlebens ist Norman Spinrad in seiner Story »The Weed of Time« (1970) gelungen, worin ein außerirdisches Kraut, das von der ersten Expedition zu einem anderen Planeten auf die Erde zurückgebracht wird, die Weyl’sche Illusion aufhebt – man daraufhin sein ganzes Leben von der Geburt bis zum Tod vor Augen hat und doch nichts davon ändern kann. »Die Zukunft kann nicht geändert werden, weil sie nicht geändert wurde, weil sie nicht geändert werden wird.« Einen ähnlichen Plot hat Ted Chiangs »Story of Your Life« (1999), worin eine neue Sicht von Sprache und Denken die Zeitwahrnehmung so verändert, dass man sein ganzes Leben quasi simultan zu erkennen vermag. Und schon 1954 hat James Blish in seiner Erzählung »Störgeräusch« (»Beep«) das Block-Universum thematisiert, denn dank des Dirac-Radios, eines Empfängers von Radiowellen aus der Zukunft, wissen die Menschen genau, was geschehen wird. »Es gibt für uns keine Alternativen, keine imaginären ›Zeitäste‹, keine Punkte auf der Zeitlinie, von denen aus wir den Lauf der Zukunft ändern können«, sagt eine Protagonistin. »Ein Ereignis folgt dem andern, und die Ereignisse sind in dem Raum-Zeit-Kontinuum genauso unzerstörbar eingebettet wie Materie oder Energie.«
Bis heute streiten sich Philosophen und Physiker, ob es besser ist, die Zeit als gesonderte Dimension zu verstehen oder sie mit den drei Raum-Dimensionen zu vereinigen. Ist Letzteres richtig, existiert kein echtes Nacheinander, sondern alles ist quasi simultan – man spricht dann auch vom »Block-Universum«, weil dessen Existenz dann wie bei einem unveränderlichen Eisenblock ein für alle Mal fixiert ist. Dann wären auch die Aktionen der Zeitreisenden immer schon Teil der Raumzeit. Das thematisieren beispielsweise Peter Ouspensky (»Das seltsame Leben des Ivan Osokin«, 1905), Catherine Lucille Moore (»Tryst in Time«, 1936), James Blish (»Beep«, 1954), Harlan Ellison (»Soldier«, 1957), Brian Aldiss (»An Age«, 1967) und Gordon Eklund (»Stalking the Sun«, 1972). Zeitparadoxien kann es hier nicht geben.
Eine witzige Pointe ersann Ray Bradbury in »The Toynbee Convector« (1983): Der Protagonist behauptet, mit einer Zeitmaschine aus einer friedlichen, utopischen Zukunft zurückzukehren; daraufhin macht sich Optimismus breit, und die Menschen realisieren diese Zukunft. Als der Mann als Schwindler auffliegt, ist es zu spät: Die fingierte Prophezeiung hat sich selbst erfüllt.
Gründe und Motive, um Zeitmaschinen zu bauen, wenn es möglich wäre, gibt es genug.
Ein naheliegender Grund besteht darin, die Vergangenheit in Ordnung zu bringen, um eine bessere Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen. Das stellen beispielsweise James Gunn (»The Reason Is with Us«, 1958) und Robert Silverberg (»The Time Hoppers«, 1967) dar. Mit dieser Fähigkeit würde der Mensch sich quasi zu einem Gott erheben (und auch das mag eine Motivation sein). So schrieb der Physiker Nick Herbert: »Allwissenheit, Allgegenwärtigkeit und Allmacht sind die traditionellen Attribute des Göttlichen. Die Fähigkeit, in der Einbahnstraße der Zeit zu wenden, würde Zeitreisende zu nichts weniger als zu Göttern machen.« – Die Idee, Zeitreisen als Mittel zu verwenden, um die Vergangenheit zu ändern, tauchte spätestens 1881 in der anonym publizierten Story »Hands Off« von Everett Hale auf. Sie wurde von Edward Page Mitchell gelesen, einem Herausgeber der New Yorker Zeitung Sun. Er veröffentlichte im gleichen Jahr »The Clock That Went Backward«, wo erstmals eine Zeitmaschine und ein Zeitparadoxon beschrieben wurden – 14 Jahre vor H. G. Wells! Beinahe märchenhaft muten die wiederholten Versuche an, die Vergangenheit zu verbessern, die den Protagonisten oder die ganze Welt freilich nur immer tiefer in den Schlamassel treiben. Das hat schon Maxwell Anderson beschrieben (»The Star-Wagon«, 1937), sehr schön auch Thomas Berger (»Changing the Past«, 1989), und Filme wie It’s a Wonderful Live (1946) und Mr. Destiny (1990) handeln ebenfalls davon. Auch außerhalb der SF ist das »Was wäre wenn …« ein großes Thema. »Wie, wenn man das Leben noch einmal beginnen könnte, und zwar bei voller Erkenntnis? Wie, wenn das eine Leben, das man schon durchlebt hat, sozusagen ein erster Entwurf war, zu dem das zweite die Reinschrift bilden wird …«, heißt es in Anton Tschechows »Drei Schwestern« (1901). Max Frisch hat diese Worte seinem Theaterstück »Ein Spiel« (1968/1984) vorangestellt. »Ich weigere mich zu glauben, dass unsere Biografie, meine oder Ihre, oder irgendeine, nicht anders ausgehen könnte. Vollkommen anders«, lässt er seinen Protagonisten verkünden – und der bekommt die Chance für einen Neuanfang, doch nur um zu erkennen, dass sich alles noch einmal auf nahezu dieselbe Weise abspielt. Ist der Fatalismus unüberwindbar? Freilich: »Die objektive Vergangenheit zu ändern würde sein, wie einen Stein aus dem Fuß eines Turms herauszuschlagen. Wir sind gebaut auf der Vergangenheit«, wie es in John Wade Farrells »All Our Yesterdays« (1949) heißt. Mit der Änderung der Vergangenheit drohen bizarre Paradoxien.
Der kapitalistisch ausgerichtete Zeitgenosse wird als Erstes an die ungeheueren Reichtümer denken, die sich – allein schon durch geschickte Geldanlagen und die Zinsen – anhäufen ließen. Mack Reynolds beschreibt in »Zins und Zinseszins« (»Compounded Interest«, 1956), wie der erste Zeitreisende auf diese Weise zum Besitzer der halben Weltwirtschaft wird – nur um sich schließlich die gewaltigen technischen Mittel und Energien für den Bau und Betrieb der Zeitmaschine leisten zu können. Denkbar ist auch die Ausbeutung früherer Ressourcen, etwa von sonst schon zerfallenem radioaktivem Material (Clifford D. Simak: »Project Mastodon«, 1955), von Erdöl (Poul Anderson: »Wildcat«, 1958; Wolfgang Jeschke: »Der letzte Tag der Schöpfung«, 1981) oder feinem Dinosaurierfleisch (Sam Moskowitz: »Death of a Dinosaur«, 1956).
Der vielleicht wichtigste Grund ist die menschliche Neugier und somit auch die wissenschaftliche Forschung: Können Reisen in die Vergangenheit überhaupt funktionieren? Und was hat es dann damit auf sich? Wäre es nicht phantastisch, einen Blick in die ferne Zukunft zu richten wie in Robert Silverbergs »Reise ans Ende der Welt« (»When We Went To See The End Of The World«, 1972)? Ein anderes Motiv ist die Suche oder Bewahrung von verloren gegangenen Schriften und Kunstwerken, so etwa in Jack McDewitts »The Fort Moxie Branch« (1989) und Terry Bissons »Zwei Jungs aus der Zukunft« (»Two Guys from the Future«, 1992).
Eng mit dem Forschungsdrang verbunden ist die Lust auf das schiere Abenteuer wie in »Die Zeitlegion« (»The Legion Of Time«, 1938) von Jack Williamson. Eine wahrhaft außergewöhnliche Form davon ist das Erlebnis des eigenen Todes als Partyspaß. Orson Scott Card hat sich in seiner Story »Die Zeitspieler« (»Closing the Timelid«, 1979) ein morbides Freizeitvergnügen ausgemalt, in dem Pubertierende in die Vergangenheit reisen und sich beispielsweise vor einen Lastwagen werfen, um überfahren zu werden. Die Todeserfahrung verschafft ihnen den Kick ihres Lebens. Dann lassen sie sich einfach wieder in die eigene Zeit zurückholen und leben dort putzmunter weiter. Ein unglücklicher Lkw-Fahrer muss sehen, wie sich neun Selbstmörder am Kühlergrill scheinbar in Nichts auflösen, bevor er durchdreht und sich ebenfalls umbringt.
Auch andere fragwürdige Vergnügungen sind denkbar. So hätte Hollywood ein sehr viel effektiveres Mittel, realistische Historienfilme zu drehen. Und Touristen könnten nicht nur ferne Länder im Raum, sondern auch andere Zeiten bereisen. Eine Safari in die Steinzeit beschreibt Clifford D. Simak (»The Loot of Time«, 1938). Und Isaac Asimov (»Day of the Hunters«, 1950) sowie Wolfgang Jeschke (»Der König und der Puppenmacher«, 1961) »erklären« sogar das Aussterben der Dinosaurier durch für sie unheilvolle Einflüsse aus der Zukunft. Die Vergangenheit mag auch als Seifenoper für dekadente Oberschichten dienen, wie in John Wade Farrells »All Our Yesterdays«, oder als Vergnügungspark für allerlei Perversionen hinhalten, wie in Alfred Besters Story »Die Achterbahn« (»The Roller Coaster«, 1953). Selbst schöne Momente im eigenen Leben könnten wieder und wieder erlebt werden, wie es mit Hilfe von »Zeitgas« in Brian W. Aldiss’ Geschichte »Als die Zeit ausbrach …« (»The Night That All Time Broke«, 1967) die Freizeitbeschäftigung einer ganzen Gesellschaft ist. Oder man besucht seine fernere Zukunft als eine Art von Zeit-Urlaub in sich selbst. Dass dies furchtbare Folgen haben kann – insbesondere dann, wenn man sie ändern will und erst recht verschlimmert – , hat James Tiptree Jr. in »Zurück! Dreh’s Zurück!« (»Backward, Turn Backward«, 1988) auf bestürzende Weise geschildert.
Die Vergangenheit lässt sich auch als Versteck vor Verfolgern verwenden, so etwa in Erzählungen von Ray Bradbury (»The Fox and the Forest«, 1950), Clifford D. Simak (»Project Mastodon«, 1955, die erweiterte Fassung »Mastodonia«, 1978, und die Story »Over the River & Through the Woods«, 1966). Zeitreisen eignen sich sogar als Mittel für den perfekten Mord. Womöglich war Jack the Ripper ein Zeitreisender, wie Robert Bloch 1967 überlegte (»A Toy for Juliette« und »The Prowler in the City at the Edge of the World«). Auch die Zukunft würde kriminelle Energien anziehen. So beschreibt Wilson Tucker fiese Machenschaften, um die US-Präsidentenwahl zu gewinnen (»The Year of the Quiet Sun«, 1970). Und bei Lester del Rey (»Unto Him That Hath«, 1952) werden sogar effektive Waffen aus der Zukunft beschafft – allerdings versteht sie in der relativen Gegenwart dann gar niemand.
Geschlossene zeitartige Kurven würden aber auch das Rechenvermögen von Computern ins Unermessliche steigern. Diese Idee hat Todd A. Brun vom Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, im Jahr 2003 veröffentlicht – und zwar in einer Physik-Zeitschrift. Ein Computer, der Rechenergebnisse in die Vergangenheit schicken und aus der Zukunft empfangen kann, wäre in der Lage, bislang praktisch unlösbare Probleme zu knacken, etwa das berüchtigte Problem des Handlungsreisenden. (Es besteht darin, den kürzesten Weg für eine Geschäftsreise durch n Städte zu finden – was aufgrund der exponentiellen Komplexität rasch unmöglich ist, wenn die Zahl n nur genügend groß ist: Es gibt dafür keine Formel; und um alle Möglichkeiten probeweise durchzuspielen, würde selbst für einen Supercomputer so groß wie die Milchstraße das bisherige Alter des Universums nicht genügen.) Brun hat ein einfaches Programm geschrieben, mit dem ein Computer, ausgestattet mit einem Zeitregister, rasch ultrakomplexe Berechnungen anstellen kann, wenn er von sich selbst aus der Zukunft (oder aus Paralleluniversen-Zukünften) mit Zwischenergebnissen versorgt wird. Das ist wie Hellsehen. Genügend Zukunfts-Connections vorausgesetzt, wäre ihm keine Rechnung zu aufwendig. »Es ist sehr sonderbar, wenn Informationen plötzlich aus dem Nichts auftauchen, aber es ist in einem Universum mit geschlossenen zeitartigen Kurven zu erwarten, dass solche Ereignisse geschehen«, sagt Brun. »Die Algorithmen arbeiten aufgrund von brute-force-Suchschleifen, die gar nicht wirklich ausgeführt werden – oder vielleicht in anderen Universen ausgeführt werden, wenn die Viele-Welten-Interpretation der Quantentheorie zutrifft. « Er fügt jedoch selbstkritisch hinzu: »Das ist eine seltsame, aber logisch widerspruchsfreie Schlussfolgerung. Freilich macht sie – und das ist wohl die bessere Schlussfolgerung – die Existenz von geschlossenen zeitartigen Kurven noch unwahrscheinlicher.« Allerdings haben Brun und andere Quantenphysiker inzwischen weitere Möglichkeiten für eine Quanteninformationsverarbeitung mit Hilfe von Zeitschleifen erkundet und gezeigt, welche gewöhnlich unlösbaren Probleme sich damit noch knacken lassen könnten. Andere Wissenschaftler sind jedoch nicht überzeugt. Charles H. Bennett vom IBM-Forschungszentrum in Yorktown Heights, New York, hat mit drei Kollegen beispielsweise 2009 eine Studie veröffentlicht, derzufolge die Zeitschleifen »nicht von Nutzen« wären.
Zeitmanipulatoren lassen sich, wen wundert’s, freilich auch als heimtückische Waffen verwenden. Davon gibt die Romanserie »Perry Rhodan« einige Beispiele. So setzt die Superintelligenz Seth-Apophis Zeitweichen gegen den Handelsverband der Kosmischen Hanse ein. Die Zeitweichen schleudern »Zeitmüll« – genauer: Dinge und Wesen aus einer 600 000 Jahre fernen Zukunft – ihrem Ziel entgegen. Weniger grobschlächtig kanonenhaft sind die Zeitumformer der Akonen, mit denen sich lokal allerlei subtile und boshafte Eingriffe in die Vergangenheit erzeugen lassen, um den Lauf der Geschichte zu ändern. Die Terraner wiederum versuchen mit einem Zeitumformer – allerdings vergeblich – eine Zeitbombe in den Robotregenten auf Arkon III zu schmuggeln, um den Rechner vor seiner Fertigstellung zu zerstören. Eine gezielte Zeitkorrektur mit Hilfe eines Nullzeit-Deformators ist auch Perry Rhodans einziges Mittel, den Untergang der Menschheit durch die von der Superintelligenz Anti-ES geschickte PAD-Seuche (Psychosomatische Abstraktdeformation, eine durch Viren erzeugte Mentalitätsveränderung) zu verhindern. Nullzeit-Deformatoren haben schon die Beherrscher der Andromeda-Galaxie, die Meister der Insel, als Zeitfallen eingesetzt, um unliebsame Gegner in eine ferne Vergangenheit zu verbannen. In eine solche Falle ist Rhodans Raumschiff CREST III auf dem Planeten Vario getappt. Auch andere SF-Erzählungen schildern Zeitreisen zu militärischen Zwecken: »Time Column« (1941) von Malcolm Jameson, »Not To Be Opened« (1950) von Robert Flint Young alias Peter Grainger und »Project Mastodon« (1955) von Clifford D. Simak.
Recht praktisch wären Zeitreisen auch im Alltagsleben, um dem Diktat der linearen Temporalität zu entrinnen. In Joanne K. Rowlings »Harry Potter und der Gefangene von Askaban« (»Harry Potter and the Prisoner of Azkaban«, 1999) verwendet Hermine Jean Granger einen Zeitumkehrer, um mehrere Unterrichtsstunden gleichzeitig zu besuchen (und einen Hippogreif zu retten). Und wer würde nicht gern häufig zwei Termine gleichzeitig wahrnehmen wollen? Interessante Parallelvorträge auf Zeitreise-Konferenzen beispielsweise, oder sowohl der Besuch eines Konzerts von Neil Young mit den Songs Comes A Time, Big Time und Time Fades Away als auch der des Schauspiels Zeit der Schuldlosen (1961) von Siegfried Lenz in einer anderen Stadt, während man außerdem doch geschwind noch Philip K. Dicks Roman »Zeit aus den Fugen« (»Time Out of Joint«, 1959) zu Ende lesen möchte und endlich seine Steuererklärung vom Vorvorjahr machen sollte. Ferner ließen sich die allseits drängenden Deadlines ebenfalls entspannt besiegen, indem man mit Zeitmaschinen beliebig viel Mehrzeit herausschindet (was sich Arbeitgeber, also Leute, die ihre Arbeitskraft den Arbeitnehmern zur Verfügung stellen müssen, aber nicht von ihren Vorgesetzten befehlen lassen sollten). Die Gesamtlebenszeit würde sich so freilich nicht erhöhen, denn die biologische Uhr tickt unbarmherzig weiter. Und nach wie vor bleibt die Qual der Wahl (oder Wahl der Qual), ob man seine Lebenszeit lieber mit Philosophie, Schach, Rockmusik oder aber Geschäftsbesprechungen, Smalltalk und Steuererklärungen verbringt. Zeiträuber lauern überall, nicht nur in »Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte« von Michael Ende (1973).
Womöglich sind Zeitreisen – sehr langfristig gedacht – auch die einzige Lebensversicherung intelligenter Wesen. Denn irgendwann wird es ungemütlich im Universum. Die Sterne erlöschen, die Materie könnte zerfallen, und vielleicht stürzt der Weltraum in einen Punkt zusammen oder aber wird so schnell auseinandergerissen, dass nicht einmal Atome fortdauern. Pedro F. González-Díaz vom Institut für Fundamentale Physik im spanischen Madrid schlug deshalb vor, mit Wurmloch-Zeitmaschinen dem Untergang unseres Universums zu entrinnen. Robert Moore Williams hat sich in seiner SF-Story »The Tides of Time« schon 1940 ausgemalt, dass die Menschheit ihrem eigenen Ende durch eine »Dimensionen-Brücke« entfliehen könnte.
»Die ›Kraft‹ der Zeit reißt uns fort auf eine Reise entlang der vierten Dimension des Universums, die nur eine Richtung kennt. Während uns auf räumlichen Bahnen die freie Bewegung möglich ist, scheint uns Gleiches in der Zeit merkwürdigerweise verwehrt zu sein. Dennoch geht aus Einsteins Relativitätstheorie offensichtlich eine weitreichende Äquivalenz zwischen Raum und Zeit hervor. Wenn also unbeschränkte Raumreisen möglich sind, müsste dies auch für die Bewegung durch die Zeit gelten«, schrieb Paul Halpern, ein Physik-Professor in Philadelphia. So weit die schöne Theorie. Doch wie weit trägt sie? Und sind Zeitreisen wirklich praktisch umsetzbar – wenigstens im Prinzip?
Ein bewährtes Prinzip der Physik lautet, dass alles, was nicht durch die Naturgesetze ausdrücklich verboten wird, auch existieren könnte. Außerdem beweist die Geschichte, dass zahlreiche bizarre Phänomene, die Physiker am Schreibtisch ersonnen haben – nur auf Grundlage der bekannten Naturgesetze –, später tatsächlich entdeckt wurden. Und selbst wenn man beweisen könnte, dass geschlossene zeitartige Kurven nicht existierten, hätte man etwas Wesentliches über die fundamentalen Theorien und Naturgesetze gelernt. Deshalb schrecken auch angesehene Wissenschaftler nicht mehr davor zurück, sich mit diesem spekulativen Thema ernsthaft zu beschäftigen. »Es ist legitim, mit einer Theorie an ihre Grenzen zu gehen, um ihre Implikationen besser zu verstehen«, sagt Peter Aichelburg, Spezialist für Relativitätstheorie und Physik-Professor an der Universität Wien. Graham M. Shore, Physik-Professor an der University of Wales im britischen Swansea, sieht es ähnlich: »Neue Einsichten in fundamentale Theorien werden oft dadurch erzielt, dass man ihr Verhalten in extremen, beinahe paradoxen Bereichen studiert. Ein Teil der andauernden Faszination von Zeitmaschinen besteht darin, dass sie uns mit grundlegenden Fragen und Annahmen über die Raumzeit konfrontieren, wie sie von den klassischen und Quantentheorien der Schwerkraft beschrieben wird.«
SF-Ideen wie das Nachdenken über Zeitreisen »bringen uns dazu, die extremen Grenzen der Physik auszuloten und die Reichweite der Naturgesetze zu erkunden«, sagt John Richard Gott III, der als Astrophysik-Professor so manche kühnen Ideen entwickelt hat, die SF-Autoren neidisch machen könnten – zum Beispiel kosmische Zeitmaschinen, Tachyonen-Universen und eine Zeitschleife als Urknall-Modell. Lawrence Krauss sieht es ähnlich: »In unserem Universum herrscht ein Grundsatz, den ich meinen Studenten oft so beschreibe: Was nicht ausdrücklich verboten ist, kommt garantiert vor.« Oder mit den Worten des Androiden Data in der Star Trek-Serie: »Was geschehen kann, wird auch geschehen.«
Physik hat sehr viel mit Phantasie und kühnen Ideen zu tun. Dies bedeutet jedoch nicht, dass technisches Wortgeklingel oder waghalsige Einfälle an sich schon Wissenschaft wären. Aber wenn man auf Grundlage der besten Theorien aller Zeiten spekuliert – insbesondere der Relativitäts- und Quantentheorie, die dem »gesunden Menschenverstand« nicht selten selbst schon als Science Fiction erscheinen – , kann man sehr wohl etwas über die Reichweite und Grenzen der Naturgesetze lernen. »Die Wunder der Allgemeinen Relativitätstheorie erlauben es, dass alle möglichen unglaublichen Dinge im Prinzip existieren können, vom Warp-Antrieb bis zur Zeitreise«, ist Lawrence Krauss überzeugt. »Das allein berechtigt schon, darüber nachzudenken, und ich verbringe einen Teil meiner Forschungszeit mit Versuchen, in dieser Hinsicht ein Stück weiterzukommen.«
Zumindest in einem Punkt besteht Einigkeit unter den Physikern: Reisen in die Zukunft sind möglich. Das folgt unmittelbar aus Albert Einsteins Relativitätstheorie, die Grundlage oder Ausgangspunkt aller heutigen physikalischen Forschungsarbeiten zum Thema Zeitreisen ist.
Je schneller sich ein Körper bewegt oder je stärker das Gravitationsfeld ist, in dem er sich befindet, umso langsamer vergeht seine Zeit relativ zu Uhren, die in Ruhe oder in der Schwerelosigkeit sind. Dieser Effekt wird Zeitdilatation oder Zeitdehnung genannt. Für Licht oder – von außen betrachtet – für Objekte am Rand eines Schwarzen Lochs vergeht überhaupt keine Zeit.
Entfernt man sich beispielsweise von der Erde mit 99,9999999996 Prozent der Lichtgeschwindigkeit einen Tag, zehn Tage oder etwas mehr als 27 Jahre – gemessen im Bezugssystem der Borduhr – und fliegt mit derselben Geschwindigkeit retour, dann sind bei der Rückkehr auf der Erde 1000, 10 000 beziehungsweise sogar zehn Millionen Jahre verstrichen. Und mit 99,999999999999999999 Prozent der Lichtgeschwindigkeit könnte man den für irdische Verhältnisse knapp sechs Millionen Jahre dauernden Trip zum Andromeda-Nebel und zurück an einem Acht-Stunden-Arbeitstag schaffen. Freilich haben solche Rechnungen keinen praktischen Wert, da niemand die darin angenommenen Beschleunigungen überleben könnte. »Realistische« Beispiele – abgesehen vom Energie-Problem – sind jedoch immer noch frappierend: Wollte man 1000 Jahre in die Zukunft reisen, müsste man mit dem erträglichen Beschleunigungs- und Bremsandruck von 1 Ge (entspricht der Erdschwerkraft) »nur« mit bis zu 99,9992 Prozent der Lichtgeschwindigkeit zu einem 500 Lichtjahre entfernten Stern fliegen und wieder zurück. Aufgrund der Zeitdilatation wäre man dann selbst nur knapp 25 Jahre gealtert, während auf der Erde 1000 Jahre vergangen wären.
Diese Zeitdilatation wurde in SF-Geschichten häufig durchgespielt, etwa in »Out Around Rigel« (1931) von Robert H. Wilson. (Die Zeitdilatation funktioniert auch in einem Schwerefeld, und so kann beispielsweise Larry Niven in »Wie die Zeit vergeht« [»A World Out of Time«, 1976] eine Reise in die Zukunft mit Hilfe der gravitativen Zeitdehnung am Ereignishorizont eines supermassereichen Schwarzen Lochs schildern.)
Nicht ganz so extreme Reisen haben Menschen schon unternommen: »Sergei Vasiliyevich Avdeyev ist bislang unser weitester Zeitreisender«, schrieb John Richard Gott III in seinem 2002 erschienenen Buch »Zeitreisen in Einsteins Universum«. Der russische Kosmonaut war während seiner drei Aufenthalte auf der Raumstation Mir 747 Tage, 14 Stunden und 14 Minuten im Orbit. Mirs Höhe und Umlaufgeschwindigkeit führten dazu, dass Avdeyev relativ zu seiner auf der Erde gebliebenen Frau um das 50stel einer Sekunde weniger gealtert ist. Sergei Krikalev hat am 16. August 2005 Avdeyevs Rekord gebrochen und war bislang 803 Tage, 9 Stunden und 39 Minuten im All.
Jim Al-Khalili, Professor für Theoretische Physik an der Universität von Surrey im britischen Guildford, betont augenzwinkernd den Nutzwert der Zeitdilatation: »Vergessen Sie Oil of Olaz – springen Sie einfach auf eine schnelle Rakete auf und segeln Sie eine Zeit lang im Sonnensystem herum, und Ihre Freunde werden verblüfft sein, wie jung Sie geblieben sind!«
Ein wagemutiger Raumfahrer der Zukunft braucht also die Lichtgeschwindigkeit nicht zu überschreiten, um andere Sterne zu erreichen. Gemäß der Relativitätstheorie könnte er sogar innerhalb weniger Jahre zu fernen Galaxien fliegen, wenn er nur nahe genug an die Lichtgeschwindigkeit herankäme. Seine Eigenzeit wäre dann relativ zu einem hypothetischen Zwillingsbruder, der auf der Erde zurückgeblieben ist, extrem verlangsamt. (Ein masseloses Wesen könnte auf einem Photon sogar das ganze Universum in einem Augenblick durcheilen, weil für dieses gar keine Zeit vergeht.)
