Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

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E-Book-Beschreibung Das Spiel des Engels - Carlos Ruiz Zafón

Ein Labyrinth voller GeheimnisseBarcelona in den turbulenten Jahren vor dem Bürgerkrieg: Der junge David Martín fristet sein Leben als Autor von Schauergeschichten. Als ernsthafter Schriftsteller verkannt, von einer tödlichen Krankheit bedroht und um die Liebe seines Lebens betrogen, scheinen seine großen Erwartungen sich in nichts aufzulösen. Doch einer glaubt an sein Talent: Der mysteriöse Verleger Andreas Corelli macht ihm ein Angebot, das Verheißung und Versuchung zugleich ist. David kann nicht widerstehen und ahnt nicht, in wessen Bann er gerät – und in welchen Strudel furchterregender Ereignisse …Mit unwiderstehlicher erzählerischer Kraft lockt uns Carlos Ruiz Zafón wieder auf den Friedhof der Vergessenen Bücher: mitten hinein in einen Kosmos voller Spannung und Fantastik, Freundschaft und Liebe, Schrecken und Intrige. In eine Welt, die vom diabolischen Wunsch nach ewiger Schönheit regiert wird.

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E-Book-Leseprobe Das Spiel des Engels - Carlos Ruiz Zafón

Carlos Ruiz Zafón

Das Spiel des Engels

Roman

Roman

Aus dem Spanischen von Peter Schwaar

FISCHER E-Books

Inhalt

[Widmung]Der Friedhof der Vergessenen BücherErster Akt: Die Stadt der Verdammten12345678910111213141516171819202122232425Zweiter Akt: Lux Aeterna1234567891011121314151617181920212223242526272829303132333435363738394041Dritter Akt: Das Spiel des Engels12345678910111213141516171819202122232425EpilogPorträt: Carlos Ruiz Zafón © David RamosMein BarcelonaPersonen und Schauplätze[Personen][Schauplätze]

Für MariCarmen, »a nation of two«

Der Friedhof der Vergessenen Bücher

Dieses Buch gehört zu einem Zyklus von Romanen, die sich im literarischen Universum des Friedhofs der Vergessenen Bücher überkreuzen. Sie sind miteinander durch Figuren und Handlungsstränge verbunden, die erzählerische und thematische Brücken schlagen, aber jeder enthält eine in sich geschlossene, von den anderen unabhängige Geschichte.

Die Romane können in beliebiger Abfolge – oder auch jeder für sich allein – gelesen werden, so dass der Leser über verschiedene Wege in dieses iterarische Universum gelangen und es auskundschaften kann; miteinander verknüpft, werden sie ihn ins Zentrum der Geschichte führen.

Erster AktDie Stadt der Verdammten

1

Ein Schriftsteller vergisst nie, wann er zum ersten Mal für eine Geschichte ein paar Münzen oder Lob empfangen hat. Er vergisst nie, wann er zum ersten Mal das süße Gift der Eitelkeit im Blut gespürt und geglaubt hat, wenn er nur seine Talentlosigkeit vor den anderen geheim halten könne, werde ihm der Traum von der Literatur ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit am Ende des Tages und schließlich das Heißersehnte verschaffen: seinen Namen auf ein paar kläglichen Blättern gedruckt zu sehen, die ihn mit Gewissheit überleben werden. Ein Schriftsteller ist dazu verdammt, immer wieder an diesen Moment zu denken, denn wenn es so weit ist, ist er bereits verloren, und seine Seele kennt ihren Preis.

Ich sollte das zum ersten Mal an einem weit zurückliegenden Dezembertag des Jahres 1917 erleben. Ich war siebzehn und arbeitete bei der Stimme der Industrie, einer heruntergewirtschafteten Zeitung, die in einer Art Höhle vor sich hinsiechte; das Gebäude hatte einst eine Schwefelsäurefabrik beherbergt, und seine Mauern schwitzten noch immer den beißenden Dunst aus, der Möbel, Kleider, Seelen und sogar die Schuhsohlen zerfraß. Der Sitz der Zeitung erhob sich hinter einem Wald aus Engeln und Kruzifixen des Friedhofs von Pueblo Nuevo, und aus der Ferne verschmolz der Schattenriss des Hauses mit der Silhouette der Gräberwelt vor einem Horizont aus Hunderten von Schloten und Fabriken, welche eine dauernde Dämmerung aus Scharlach und Schwarz über Barcelona legten.

An dem Abend, da mein Leben eine neue Richtung einschlagen sollte, beliebte mich der stellvertretende Chefredakteur, Don Basilio Moragas, kurz vor Schluss in das düstere Kabäuschen zuhinterst in der Redaktion zu zitieren, das ihm zugleich als Büro wie Raucherzimmer diente. Don Basilio war ein wild aussehender Mann mit buschigem Schnauzbart, der von Zimperlichkeiten nicht viel hielt und die Theorie vertrat, verschwenderisch gebrauchte Adjektive und Adverbien seien etwas für Perverse und Leute mit Vitaminmangel. Wenn er einen Redakteur mit einem Hang zu blumiger Prosa ertappte, verdonnerte er ihn drei Wochen lang zum Verfassen von Todesanzeigen. Hatte der Betroffene nach dieser Reinigung einen Rückfall, so versetzte ihn Don Basilio lebenslänglich zur Handarbeitsseite. Wir hatten alle Angst vor ihm, und das wusste er nur zu gut.

»Sie haben mich kommen lassen, Don Basilio?«, fragte ich schüchtern.

Der stellvertretende Chefredakteur warf einen raschen Blick auf mich. Ich trat in das Büro, das den Geruch nach Schweiß und Tabak ausdünstete – in dieser Reihenfolge. Don Basilio ignorierte meine Anwesenheit und redigierte mit dem Rotstift einen der Artikel weiter, die auf seinem Schreibtisch lagen. Zwei Minuten lang korrigierte, ja amputierte er den Text und schimpfte dabei leise vor sich hin, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und als ich einen Stuhl an der Wand entdeckte, machte ich Anstalten, mich zu setzen.

»Wer hat Ihnen gesagt, Sie sollen sich setzen?«, murmelte Don Basilio, ohne vom Text aufzuschauen.

Ich richtete mich eilends wieder auf und hielt den Atem an. Der stellvertretende Chefredakteur stieß einen Seufzer aus, ließ den Rotstift auf den Tisch fallen und lehnte sich in seinem Sessel zurück, um mich wie ein nutzloses Stück Gerümpel zu betrachten.

»Man hat mir gesagt, Sie schreiben, Martín.«

Ich schluckte, und als ich den Mund auftat, kam ein lächerlich dünnes Stimmchen heraus.

»Ein wenig, also, ich weiß nicht, ich meine, nun ja, ich schreibe …«

»Ich hoffe, das machen Sie besser, als Sie sprechen. Und was schreiben Sie denn, wenn man fragen darf?«

»Detektivgeschichten. Das heißt …«

»Ich verstehe schon.«

Den Blick, den mir Don Basilio schenkte, werde ich nie vergessen. Hätte ich gesagt, ich fertige aus frischem Mist Krippenfigürchen, so hätte ihn das dreimal mehr begeistert. Er seufzte abermals und zuckte die Achseln.

»Vidal sagt, Sie seien gar nicht so schlecht. Sie seien sogar ausgezeichnet. Allerdings – bei der Konkurrenz in diesen Hallen braucht man auch nicht weit zu laufen. Aber wenn Vidal meint …«

Pedro Vidal war die Edelfeder der Stimme der Industrie. Er verfasste jede Woche für die Vermischten Meldungen eine Kolumne, den einzigen lesenswerten Text in der ganzen Zeitung, und war Autor von einem Dutzend Kriminalromanen, die es zu einer bescheidenen Popularität gebracht hatten und von Gangstern des fünften Bezirks handelten, welche gelegentlich das Schlafzimmer von Damen der oberen Zehntausend teilten. In seinen untadeligen Seidenanzügen und glänzenden italienischen Mokassins glich Vidal vom Äußeren und von den Gesten her einem Filmbeau. Das blonde Haar war stets peinlich genau gekämmt, der Schnurrbart wie mit dem Lineal gezogen, und er hatte das unbefangene, großzügige Lächeln von jemandem, der sich in der Welt wie in seiner Haut vollkommen wohlfühlt. Er entstammte einer Dynastie von Männern, die in Südamerika mit dem Zuckergeschäft ein Vermögen und nach ihrer Rückkehr bei der äußerst lukrativen Elektrifizierung der Stadt ihren Schnitt gemacht hatten. Sein Vater, Patriarch des Clans, war Mehrheitsaktionär der Zeitung, und Don Pedro nutzte die Redaktion als Spielwiese gegen die Langeweile, da er es an keinem einzigen Tag in seinem Leben nötig gehabt hatte zu arbeiten. Es spielte keine große Rolle, dass die Zeitung so viel Geld verlor wie die neuen Autos Öl, von dem allmählich die Straßen Barcelonas schillerten. Die Vidal-Dynastie sammelte nach der Fülle von Adelstiteln nun Banken und im Ensanche Grundstücke von der Größe kleiner Fürstentümer.

Pedro Vidal war der Erste gewesen, dem ich die Skizzen gezeigt hatte, die ich schrieb, als ich, fast noch ein Kind, in der Redaktion Kaffee und Zigaretten verteilte. Immer hatte er Zeit für mich, um mein Geschreibsel zu lesen und mir gute Ratschläge zu geben. Nach und nach wurde ich sein Assistent und durfte seine Texte auf der Maschine abtippen. Auch war er es, der mir sagte, wenn ich für mein Schicksal im russischen Roulette der Literatur setzen wolle, sei er bereit, mich zu unterstützen und bei den ersten Schritten an der Hand zu nehmen. Im Vertrauen auf sein Wort überließ ich mich jetzt den Klauen Don Basilios, des Redaktionszerberus.

»Vidal ist ein sentimentaler Mensch, der noch an diese zutiefst antispanischen Legenden wie die von der Leistungsgesellschaft glaubt, oder dass man dem eine Chance geben soll, der es verdient, und nicht dem Protegé vom Dienst. Betucht, wie er ist, kann er es sich leisten, als Lyriker durch die Welt zu wandeln. Hätte ich auch nur ein Hundertstel seiner Peseten, ich schriebe längst Sonette, und die Vögelchen würden mir aus der Hand fressen, so verzaubert wären sie von meiner Güte und meinem Charme.«

»Señor Vidal ist ein großer Mann«, protestierte ich.

»Mehr als das. Er ist ein Heiliger, weil er mir trotz Ihres Hungerleidergesichts seit Wochen in den Ohren liegt, wie talentiert und fleißig der Redaktionsbenjamin sei. Er weiß, dass ich im Grunde ein weichherziger Mensch bin, und zudem hat er mir ein Kistchen Havannazigarren versprochen, wenn ich Ihnen diese Chance gebe. Und wenn Vidal das sagt, dann ist das für mich, als käme Moses mit den ganzen in Stein gehauenen offenbarten Wahrheiten auf dem Rücken den Berg runter. Also, kurzum, da Weihnachten ist und damit Ihr Freund endlich Ruhe gibt, biete ich Ihnen an, wie ein Held zu debütieren: gegen Gott und die Welt.«

»Allerherzlichsten Dank, Don Basilio. Ich versichere Ihnen, es wird Ihnen nicht leidtun, dass Sie …«

»Nicht so hastig, Bürschchen. Was halten Sie denn so von verschwenderisch und wahllos gebrauchten Adjektiven und Adverbien?«

»Eine Schande, die unter Strafe gestellt werden sollte«, antwortete ich mit der Überzeugung eines militanten Konvertiten.

Don Basilio nickte.

»Sie sind auf dem rechten Weg, Martín. Sie haben klare Prioritäten. In diesem Metier überlebt nur, wer Prioritäten hat und nicht Prinzipien. Wir machen Folgendes. Setzen Sie sich und spitzen Sie die Ohren, ich werde es Ihnen nicht zweimal sagen.«

Sein Plan war folgender. Aus Gründen, über die sich Don Basilio nicht weiter auslassen mochte, war der Artikel für die letzte Seite der Sonntagsausgabe, traditionellerweise ein literarischer Text oder ein Reisebericht, in letzter Minute ausgeblieben. Vorgesehen gewesen war eine Erzählung patriotischen Zuschnitts voll glühender Schwärmereien über die Heldentaten der Almogavaren. Diese im Dienst der katalanisch-aragonesischen Krone stehenden Soldaten hatten gleichsam im Vorbeigehen das Christentum gerettet und alles, was ehrbar war unter dem Himmel, vom Heiligen Land bis zum Llobregat-Delta. Leider war der Text nicht rechtzeitig eingetroffen, oder aber Don Basilio hatte, wie ich vermutete, nicht die geringste Lust, ihn abzudrucken. Damit war sechs Stunden vor Redaktionsschluss kein anderer Ersatz in Sicht als ein ganzseitiges Inserat für Fischbeinkorsetts, die eine traumhafte Taille und ungestraften Cannellonigenuss verhießen. In diesem Dilemma hatte die Redaktionsleitung beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen und die zögerlichen literarischen Talente des Hauses in die Pflicht zu nehmen, um das Loch zu stopfen und unser treues Familienpublikum mit einem vierspaltigen Opus von humanistischer Tendenz zu ergötzen. Die Liste bewährter Talente, auf die man zurückgreifen konnte, bestand aus zehn Namen, von denen natürlich keiner der meine war.

»Mein lieber Martín, die Umstände haben sich verschworen, und keiner der Paladine unserer Belegschaft ist persönlich anwesend oder in angemessener Zeit aufzufinden. Angesichts der drohenden Katastrophe habe ich beschlossen, Sie für befähigt genug zu halten.«

»Sie können auf mich zählen.«

»Ich zähle auf fünf Blatt in doppeltem Zeilenabstand vor Ablauf von sechs Stunden, Don Edgar Allan Poe. Und bringen Sie mir eine Geschichte, keine Abhandlung. Wenn ich Predigten will, gehe ich zur Christmette. Bringen Sie mir eine Geschichte, die ich nicht schon gelesen habe, und wenn ich sie schon gelesen habe, bringen Sie sie mir so gut geschrieben und erzählt, dass ich es gar nicht erst merke.«

Ich wollte flugs entschwinden, da stand Don Basilio auf, ging um den Schreibtisch herum und legte mir eine Pranke vom Ausmaß und Gewicht eines Ambosses auf die Schulter. Erst jetzt, von nahem, sah ich, dass seine Augen lächelten.

»Wenn die Geschichte anständig ist, werde ich Ihnen zehn Peseten zahlen. Und wenn sie mehr als anständig ist und unseren Lesern zusagt, werde ich weitere davon abdrucken.«

»Sonst noch irgendeine Anweisung, Don Basilio?«, fragte ich.

»Ja – enttäuschen Sie mich nicht.«

 

 

Die folgenden sechs Stunden verbrachte ich wie in Trance. Ich richtete mich in der Mitte der Redaktion an dem Tisch ein, der Vidal an den Tagen vorbehalten war, da es ihm beliebte, hier die Zeit totzuschlagen. Der große Raum war menschenleer und in die Düsternis des Rauchs von zehntausend Zigaretten getaucht. Ich schloss einen Moment die Augen und beschwor ein Bild herauf, eine schwarze Wolkendecke, deren Regen sich auf die Stadt ergoss, einen Mann mit Blut an den Händen und einem Geheimnis im Blick, der sich durch die Schatten tastete. Ich wusste nicht, wer er war, noch wovor er floh, aber in den nächsten sechs Stunden sollte er mein treuster Freund werden. Ich spannte ein Blatt in die Walze und presste ohne Pause alles, was ich zu bieten hatte, hervor. Ich rang mit jedem Wort, jedem Satz, jeder Wendung, jedem Buchstaben und jedem Bild, als wären sie die letzten meines Lebens. Ich schrieb und schrieb Zeile für Zeile um, als ob meine Existenz davon abhinge, und dann schrieb ich alles abermals um. Meine einzige Gesellschaft waren das unablässige, sich in den Schatten des Raumes verlierende Tastengeklapper und die große Wanduhr, die die bis zum Morgengrauen verbleibenden Minuten aufzehrte.

 

 

Kurz vor sechs Uhr riss ich das letzte Blatt aus der Maschine und seufzte erschöpft in dem Gefühl, mein Hirn sei ein Wespennest. Ich hörte die langsamen, schweren Schritte Don Basilios näher kommen, der aus einem seiner kontrollierten Nickerchen erwacht war. Ich gab ihm die Seiten, hielt aber seinem Blick nicht stand. Er setzte sich an den Nebentisch und knipste die Lampe an. Seine Augen glitten auf der ersten Seite hin und her, ohne eine Regung erkennen zu lassen. Dann deponierte er die Zigarette für einen Augenblick auf der Tischkante, sah mich an und las laut die erste Zeile: »Die Nacht bricht über die Stadt herein, und in den Straßen liegt Pulvergeruch wie der Hauch eines Fluches.«

Don Basilio warf mir einen schiefen Blick zu, und ich verschanzte mich hinter einem Lächeln, das all meine Zähne entblößte. Wortlos stand er auf und zog mit meiner Geschichte von dannen. Ich sah ihn auf sein Büro zugehen und hinter sich die Tür schließen. Wie versteinert blieb ich stehen und wusste nicht, ob ich davonlaufen oder auf das Todesurteil warten sollte. Zehn Minuten später, die mir wie zehn Jahre erschienen, ging die Tür des stellvertretenden Chefredakteurs wieder auf, und seine Donnerstimme schallte durch die Redaktion: »Martín. Kommen Sie bitte.«

Ich schleppte mich so langsam, wie es nur ging, vorwärts und schrumpfte mit jedem Schritt um mehrere Zentimeter, bis mir nichts anderes mehr übrigblieb, als den Kopf in sein Büro zu stecken und aufzuschauen. Don Basilio, den schrecklichen Rotstift in der Hand, musterte mich kühl. Ich wollte schlucken, aber mein Mund war wie ausgedorrt. Don Basilio ergriff die Blätter und gab sie mir zurück. Ich nahm sie entgegen und wandte mich so schnell wie möglich mit dem Gedanken zur Tür, in der Lobby des Hotels Colón werde ein weiterer Schuhputzer allemal sein Auskommen finden.

»Bringen Sie das in die Setzerei runter, und dann soll man es prägen«, sagte die Stimme hinter mir.

In der Annahme, brutal zum Narren gehalten zu werden, drehte ich mich um. Don Basilio zog seine Schreibtischschublade auf, zählte zehn Peseten ab und legte sie auf den Tisch.

»Das ist für Sie. Ich empfehle Ihnen, sich damit ein neues Anzüglein machen zu lassen – seit vier Jahren sehe ich Sie in derselben Kluft, und sie ist Ihnen immer noch sechs Nummern zu groß. Wenn Sie mögen, gehen Sie zu Señor Pantaleoni in dessen Schneiderei in der Calle Escudellers und sagen Sie ihm, ich hätte Sie geschickt. Er wird Sie gut behandeln.«

»Vielen Dank, Don Basilio. Das werde ich tun.«

»Und schreiben Sie mir eine weitere solche Erzählung. Diesmal gebe ich Ihnen eine Woche. Aber schlafen Sie mir nicht ein. Und bitte mit weniger Toten – der Leser von heute will einen verzuckerten Schluss, bei dem die Größe des menschlichen Geistes den Sieg davonträgt, und all diesen Zinnober.«

»Ja, Don Basilio.«

Der stellvertretende Chefredakteur nickte und gab mir die Hand.

»Gute Arbeit, Martín. Am Montag will ich Sie an Juncedas ehemaligem Tisch sehen, das ist jetzt Ihrer. Sie kommen in die Vermischten Meldungen.«

»Ich werde Sie nicht enttäuschen, Don Basilio.«

»Nein, enttäuschen werden Sie mich nicht. Sie werden mich im Regen stehen lassen, früher oder später. Und Sie werden gut daran tun – Sie sind kein Journalist und werden es nie sein. Aber Sie sind auch noch kein Kriminalautor, obwohl Sie es meinen. Bleiben Sie eine Zeitlang hier, und wir werden Ihnen zwei, drei Dinge beibringen, die man immer brauchen kann.«

Einen kurzen Augenblick verlor ich die Selbstbeherrschung, und es befiel mich ein so enormes Gefühl der Dankbarkeit, dass ich diesen Koloss am liebsten umarmt hätte. Don Basilio, die wilde Maske wieder zurechtgerückt, heftete einen scharfen Blick auf mich und deutete zur Tür.

»Keine Sentimentalitäten bitte. Machen Sie zu, wenn Sie hinausgehen. Von außen. Und fröhliche Weihnachten.«

»Fröhliche Weihnachten.«

Als ich am nächsten Montag in die Redaktion kam, um mich zum ersten Mal an meinen eigenen Schreibtisch zu setzen, fand ich einen braunen Umschlag mit einer Schleife vor und darauf meinen Namen in der Schrift, die ich von jahrelangem Abtippen her kannte. Ich riss ihn auf. Darin steckte die letzte Seite der Sonntagsausgabe, auf der meine Geschichte eingerahmt und mit folgender Notiz versehen war:

»Das ist erst der Anfang. In zehn Jahren werde ich der Lehrling und du der Meister sein. Dein Freund und Kollege Pedro Vidal.«

2

Mein literarisches Debüt bestand die Feuertaufe, und Don Basilio hielt Wort und gab mir die Chance, zwei weitere Erzählungen ähnlicher Art zu publizieren. Bald beschloss die Chefredaktion, meinem strahlenden Talent allwöchentlich Raum zur Entfaltung zu geben, vorausgesetzt, ich käme weiterhin pünktlich und zum selben Entgelt meinen Redaktionsverpflichtungen nach. Berauscht von Eitelkeit und Erschöpfung, verbrachte ich den Tag mit dem Umschreiben von Texten meiner Kollegen und dem hastigen Abfassen zahlloser Schreckensmeldungen, um danach die Nacht für mich zu haben. Mutterseelenallein im Redaktionssaal verfasste ich eine operettenhafte Abenteuerserie, die mir schon lange im Kopf herumging und die eine schamlose Kreuzung zwischen Dumas, Sue, Féval und Stoker darstellte: Die Geheimnisse von Barcelona lautete ihr Titel. Ich schlief täglich etwa drei Stunden und sah aus, als hätte ich das in einem Sarg getan. Diesen Hunger, der nichts mit dem Magen zu tun hat, sondern einen von innen her auffrisst, hatte Vidal nie gekannt, und er fand, ich verbrenne mir das Hirn und würde, wenn ich so weitermache, noch vor meinem zwanzigsten Geburtstag meine eigene Beerdigung feiern. Don Basilio, den mein Fleiß nicht störte, hatte andere Vorbehalte. Er druckte jedes Kapitel nur zähneknirschend ab, ärgerlich über das, wie er fand, Übermaß an krankhafter Phantasie und die unglückselige Vernachlässigung meines Talents zugunsten von Themen und Inhalten zweifelhaften Geschmacks.

 

 

Bald gebaren Die Geheimnisse von Barcelona einen kleinen Star des Fortsetzungsromans, eine Heldin, die ich mir ausgemalt hatte, wie man sich eine Femme fatale nur mit siebzehn Jahren ausmalen kann. Chloé Permanyer war die dunkle Fürstin der Vampire. Ihre Intelligenz war enorm und nur ihre Hinterlist größer, sie trug stets die revolutionärsten und teuersten Dessous und fungierte als Geliebte und linke Hand des geheimnisvollen Baltasar Morel. Dieser Morel war der Kopf der Unterwelt und wohnte in einer unterirdischen, von Automaten und makabren Reliquien bevölkerten Villa, deren geheimer Zugang sich in den Tunnels unter den Katakomben des Barrio Gótico befand. Chloés Lieblingsmethode, ihren Opfern den Garaus zu machen, bestand darin, sie durch einen hypnotischen Schleiertanz zu bezirzen und dann mit einem vergifteten Lippenstift zu küssen, der, während sie ihren Opfern in die Augen schaute, sämtliche Muskeln ihres Körpers lähmte und sie dann lautlos ersticken ließ – sie selbst schluckte vorher ein in Dom Pérignon Grand Cru aufgelöstes Gegengift. Chloé und Baltasar hatten ihren eigenen Ehrenkodex: Sie liquidierten nur Abschaum und befreiten die Welt von Mördern, Geschmeiß, Frömmlern, Fanatikern, dogmatischen Philistern und Kretins aller Art, die diese Welt im Namen von Fahnen, Göttern, Sprachen, Rassen oder anderen Idiotien, mit denen sie ihre Habgier und Schäbigkeit bemäntelten, für alle anderen zu einem Unort machten. Für mich waren die beiden wie alle echten Helden Antihelden. Don Basilio, dessen literarischer Geschmack im Goldenen Zeitalter der spanischen Dichtung steckengeblieben war, hielt das Ganze für einen Riesenunsinn, aber da die Geschichten gut aufgenommen wurden und er eine widerwillige Zuneigung für mich empfand, tolerierte er meine Extravaganzen als jugendlichen Überschwang.

»Ihr Handwerk ist feiner ausgebildet als Ihr Geschmack, Martín. Die Krankheit, unter der Sie leiden, hat einen Namen, und der lautet Grand-Guignol, was für das Drama dasselbe ist wie Syphilis für die Geschlechtsteile. Sie zu bekommen mag ja lustvoll sein, aber von da an geht es nur noch bergab. Sie sollten die Klassiker lesen – oder wenigstens Don Benito Pérez Galdós, um Ihre literarischen Ambitionen zu schärfen.«

»Aber den Lesern gefallen die Erzählungen«, argumentierte ich.

»Das ist nicht Ihr Verdienst. Es ist das Verdienst der Konkurrenz, deren Texte so schlecht und pedantisch sind, dass schon ein Absatz von ihnen genügt, um einen Esel in einen scheintoten Zustand zu überführen. Würden Sie doch verdammt noch mal den Zustand der Reife erreichen und endlich vom Baum der verbotenen Frucht fallen!«

Ich nickte, scheinbar zerknirscht, aber insgeheim hätschelte ich dieses sündige Wort, Grand-Guignol, und sagte mir, jede Sache, wie unbedeutend sie auch sein mochte, brauche zur Verteidigung ihrer Ehre einen Vorkämpfer.

 

 

Schon wollte ich mich für den glücklichsten aller Sterblichen halten, als ich entdeckte, wie sehr es einigen Zeitungskollegen zu schaffen machte, dass der Benjamin und das offizielle Redaktionsmaskottchen seine ersten Schritte in der Welt der Belletristik getan hatte, wo doch ihr eigenes literarisches Streben seit Jahren im Elend eines grauen Limbus daniederlag. Dass die Leser diese bescheidenen Erzählungen verschlangen und mehr schätzten als alle anderen in den letzten zwanzig Jahren erschienenen Zeitungstexte, machte alles nur noch schlimmer. In wenigen Wochen sah ich, wie die, die ich kurz zuvor noch als meine Familie betrachtet hatte, in verletztem Stolz zu feindseligen Richtern wurden, welche mir den Gruß und jedes Wort versagten und entrüstet ihr verschmähtes Talent hinter meinem Rücken an spöttischen und verächtlichen Ausdrücken wetzten. Mein unfassliches Glück wurde mit Pedro Vidals Protektion, der Ignoranz und Dummheit unserer Abonnenten und unter Zuhilfenahme des weitverbreiteten, stets willkommenen nationalen Irrglaubens erklärt, Erfolg im Beruf sei der unwiderlegbare Beweis für Unfähigkeit und mangelnde Verdienste.

 

 

In Anbetracht dieser ebenso unerwarteten wie unheilvollen Wendung versuchte mich Vidal aufzumuntern, aber ich ahnte langsam, dass meine Tage in der Redaktion gezählt waren.

»Neid ist die Religion der Mittelmäßigen. Er stärkt sie, entspricht der sie zernagenden Unruhe, verdirbt letzten Endes ihre Seele und gestattet ihnen, die eigene Niedertracht und Gier zu rechtfertigen, bis sie glauben, diese seien Tugenden und die Himmelspforten stünden nur Unglücksraben wie ihnen offen, die durchs Leben ziehen, ohne eine weitere Spur zu hinterlassen als ihre hinterhältigen Bemühungen, all jene zu verachten, auszuschließen oder sogar, wenn möglich, zu vernichten, die durch ihre schiere Existenz ihre seelische und geistige Armut sowie ihre Unentschlossenheit bloßlegen. Selig der, den die Idioten anbellen, denn seine Seele wird ihnen nie gehören.«

»Amen«, pflichtete Don Basilio bei. »Wären Sie nicht reich geboren, hätten Sie Geistlicher werden müssen. Oder Revolutionär. Bei solchen Predigten sinkt selbst ein Bischof reumütig in die Knie.«

»Ja, ja, Sie haben gut lachen«, protestierte ich. »Aber der, den sie nicht riechen können, bin ich.«

Zu der ganzen Palette von Feindschaft und Eifersucht, die mir meine Bemühungen eintrugen, kam noch die triste Wirklichkeit, dass mein Gehalt, obwohl ich mir etwas darauf einbildete, ein Volksschriftsteller zu sein, nur eben ausreichte, um über die Runden zu kommen, mehr Bücher zu kaufen, als ich Zeit zum Lesen hatte, und in einer Pension eine elende Kammer zu mieten. Die Herberge war in einem Seitengässchen der Calle Princesa versteckt und wurde von einer frommen Galicierin geleitet, die auf den Namen Doña Carmen hörte. Doña Carmen forderte Diskretion und wechselte die Laken einmal monatlich, weshalb es für die Bewohner ratsam war, nicht den Versuchungen der Masturbation zu erliegen oder sich in schmutzigen Kleidern ins Bett zu legen. Die Zimmer auf die Anwesenheit weiblicher Personen zu kontrollieren erübrigte sich – selbst unter Todesdrohungen hätte sich keine Frau in Barcelona herabgelassen, dieses Loch zu betreten. Dort lernte ich, dass man im Leben, angefangen bei den Gerüchen, fast alles vergisst und dass, wenn ich in dieser Welt einen Wunsch hatte, es der war, nicht an einem solchen Ort sterben zu müssen. In besonders niedergeschlagenen Momenten, wie sie bei mir die Regel waren, sagte ich mir, außer einer Tuberkulose könne mich nur eines hier wegbringen: die Literatur – und wenn jemand daran zweifle, könne er sich meinetwegen mit einem Bimsstein wo kratzen, mir sei das egal.

 

 

Sonntags zur Gottesdienstzeit, wenn Doña Carmen zu ihrem wöchentlichen Rendezvous mit dem Allerhöchsten aufgebrochen war, nutzten die Gäste die Gunst der Stunde und versammelten sich im Zimmer unseres Veteranen, eines armen Schluckers namens Heliodoro, der als junger Mensch gern Matador geworden wäre, es aber nicht weiter als bis zum Stierkampfberichterstatter und Pissoirverantwortlichen auf der Sonnenseite der Plaza Monumental gebracht hatte.

»Die Kunst des Stierkampfes ist tot«, verkündete er immer. »Jetzt ist alles bloß noch das Geschäft von habgierigen Viehhändlern und seelenlosen Toreros. Das Publikum kann nicht unterscheiden zwischen dem Stierkampf für die dumpfen Massen und einer kunstvollen Muleta-Arbeit, die nur noch Sachverständige zu schätzen wissen.«

»Ach, hätte man Sie doch als Matador zugelassen, Don Heliodoro, es wäre alles ganz anders gekommen.«

»In diesem Land haben ja nur Nieten Erfolg.«

»Wem sagen Sie das.«

Auf Don Heliodoros wöchentlichen Sermon folgten die Lustbarkeiten. Am winzigen Fenster des Zimmers aufgereiht wie Schlackwürste, konnten die Insassen das Röcheln einer Bewohnerin des Nachbarhauses namens Marujita verfolgen, die wegen ihrer Scharfzüngigkeit und ihrer üppigen Paprikagestalt den Spitznamen Pfefferschote trug. Sie verdiente ihr Brot mit dem Scheuern einfacher Lokale, aber die Sonn- und Feiertage schenkte sie ihrem Freund, einem Priesterseminaristen, der mit dem Zug inkognito aus Manresa angefahren kam und sich hingebungsvoll dem Studium der Sünde widmete. Als sich meine Wohngenossen eben am Fenster zusammengepfercht hatten, um einen flüchtigen Blick auf Marujitas titanische Hinterbacken zu erhaschen, die sie bei jedem Stoß wie einen Kuchenteig an die Scheibe ihres Kellerfensters klatschen ließ, klingelte es an der Pensionstür. Da sonst niemand öffnen gehen und seinen Aussichtsplatz gefährden mochte, trennte ich mich von der Gruppe und ging zur Tür. Als ich aufmachte, sah ich mich einem ungewohnten und in diesem erbärmlichen Rahmen unwahrscheinlichen Anblick gegenüber. Don Pedro Vidal, wie er leibte, lebte und italienisch gekleidet zu sein liebte, stand lächelnd auf dem Treppenabsatz.

»Es werde Licht«, sagte er und trat ein, ohne meine Einladung abzuwarten.

Er blieb stehen, um sich den Raum anzusehen, der in diesem Loch als Speisesaal und Marktplatz diente, und seufzte angewidert.

»Vielleicht gehen wir besser in mein Zimmer«, schlug ich vor.

Auf dem Weg dorthin gellten die Jubelschreie und Hochrufe meiner Zimmernachbarn zu Ehren von Marujita und ihrer Sexualakrobatik durch die Wände.

»Welch heiterer Ort«, bemerkte Vidal.

»Darf ich Sie in die Präsidentensuite bitten, Don Pedro?«

Wir traten ein, und ich schloss die Tür. Nachdem er mein Zimmer mit einem summarischen Blick bedacht hatte, setzte er sich auf den einzigen vorhandenen Stuhl und sah mich verdrießlich an. Ich konnte mir unschwer vorstellen, welchen Eindruck meine bescheidene Klause in ihm hervorgerufen hatte.

»Wie finden Sie es?«

»Ganz reizend. Ich möchte ebenfalls gleich herziehen.«

Pedro Vidal lebte in der Villa Helius, einem monumentalen Jugendstilkasten mit drei Stockwerken und Turm, der sich an der Kreuzung von Calle Abadesa Olzet und Calle Panamá an die ansteigenden Hügelflanken von Pedralbes schmiegte. Das Haus war ihm vor zehn Jahren von seinem Vater geschenkt worden, in der Hoffnung, sein Sohn würde ein braver Bürger werden und eine Familie gründen, was Vidal schon seit Jahren hinauszögerte. Das Leben hatte ihn mit vielen Talenten gesegnet, darunter dem, seinen Vater mit jeder Geste und jedem Schritt zu enttäuschen und zu verletzen. Den Sohn mit unerwünschten Elementen wie mir sympathisieren zu sehen machte alles noch schlimmer. Ich erinnere mich, wie ich einmal, als ich meinem Mentor einige Unterlagen von der Zeitung nach Hause brachte, in einem der Salons der Villa Helius auf den Patriarchen des Vidal-Clans stieß. Als er mich erblickte, hieß er mich ein Glas Selters und ein sauberes Tuch holen, um ihm einen Fleck vom Revers zu reiben.

»Ich glaube, Sie irren sich, Señor. Ich bin kein Dienstbote.«

Ich erhielt ein Lächeln, das alles auf der Welt an seinen Platz rückte, ohne dass Worte nötig gewesen wären.

»Der sich irrt, bist du, mein Junge. Du bist ein Dienstbote, ob du es weißt oder nicht. Wie heißt du?«

»David Martín, Señor.«

Der Patriarch kostete meinen Namen aus.

»Befolge meinen Rat, David Martín. Verlass dieses Haus und geh dahin zurück, wo du hingehörst. So ersparst du dir und mir viele Probleme.«

Ich gestand es Don Pedro nie, aber ich lief auf der Stelle in die Küche, holte Selters und Lappen und reinigte eine Viertelstunde lang das Jackett des bedeutenden Mannes. Der Schatten des Clans war lang, und wie sehr Don Pedro auch den charmanten Bohemien spielte, sein ganzes Leben war eine Verlängerung der Familienbande. Die Villa Helius lag passenderweise fünf Minuten vom großen väterlichen Anwesen entfernt, das den oberen Abschnitt der Avenida Pearson beherrschte, ein kathedralengleicher Wirrwarr aus Balustraden, Freitreppen und Mansarden, der aus der Ferne auf ganz Barcelona hinabschaute wie ein Kind auf seine verstreuten Spielsachen. Jeden Tag wurden zwei Dienstboten und eine Köchin aus dem großen Hause, wie der väterliche Sitz in der Entourage der Vidals genannt wurde, zur Villa Helius abgesandt, um zu putzen, zu wienern und zu kochen und das Heim meines begüterten Freundes in eine Stätte der Behaglichkeit und des bequemen Vergessens aller lästigen Alltagsangelegenheiten zu verwandeln. Don Pedro Vidal bewegte sich in einem funkelnagelneuen, vom Familienfahrer Manuel Sagnier gelenkten Hispano-Suiza durch die Stadt und war vermutlich in seinem ganzen Leben noch nie in eine Straßenbahn gestiegen. Als Spross aus gutem Hause entging ihm der düster-harsche Charme der billigen Absteigen im damaligen Barcelona.

»Tun Sie sich keinen Zwang an, Don Pedro.«

»Das ist ja ein Kerker«, rief er schließlich. »Ich weiß nicht, wie du hier leben kannst.«

»Von meinem Gehalt mit Ach und Krach.«

»Wenn es nötig ist, zahle ich so viel drauf, dass du an einem Ort leben kannst, wo es nicht nach Schwefel und Pisse stinkt.«

»Das kommt gar nicht infrage.«

Vidal seufzte.

»Er ging an seinem Stolz zugrunde und ist elendiglich erstickt. Da hast du sie – deine unentgeltliche Grabinschrift.«

Einige Augenblicke spazierte Vidal wortlos durch den Raum, inspizierte meinen winzigen Schrank, schaute mit angewidertem Gesicht aus dem Fenster, betastete den grünlichen Anstrich der Wände und tippte mit dem Zeigefinger an die nackte Glühbirne an der Decke, wie um sich zu vergewissern, dass alles Schund war.

»Was führt Sie her, Don Pedro? Zu viel frische Luft in Pedralbes?«

»Ich komme nicht von zuhause. Ich komme von der Zeitung.«

»Na?«

»Ich war neugierig darauf zu sehen, wo du wohnst, und zudem bringe ich dir etwas mit.«

Er zog ein helles Pergamentkuvert aus der Jacketttasche und reichte es mir.

»Der ist heute in die Redaktion gekommen, zu deinen Händen.«

Ich ergriff den Umschlag und prüfte ihn. Er war mit einem Lacksiegel verschlossen, auf dem man eine geflügelte Figur erkennen konnte. Ein Engel. Sonst trug er nur meinen in erlesener scharlachroter Handschrift hingemalten Namen.

»Von wem ist er?«, fragte ich neugierig.

Vidal zuckte die Schultern.

»Von irgendeinem Bewunderer. Oder einer Bewundererin. Ich weiß es nicht. Mach ihn auf.«

Behutsam öffnete ich ihn und zog ein zusammengefaltetes Blatt heraus, auf dem in derselben Schrift Folgendes zu lesen war:

Lieber Freund,

ich erlaube mir, Ihnen zu schreiben, um Ihnen meine Bewunderung zu übermitteln und Sie zum Erfolg zu beglückwünschen, den Sie mit Die Geheimnisse von Barcelona auf den Seiten der Stimme der Industrie in diesen Wochen erzielt haben. Als Leser und Liebhaber guter Literatur entdecke ich mit großem Vergnügen eine neue Stimme voller Talent, Jugend und Verheißung. Erlauben Sie mir also, Sie zum Zeichen meiner Dankbarkeit für die angenehmen Stunden, die mir die Lektüre Ihrer Erzählungen beschert hat, heute Abend um zwölf Uhr in ›Die Träumerei‹ zu einer kleinen Überraschung einzuladen, die Ihnen hoffentlich zusagt. Man wird Sie erwarten.

Herzlich,

A. C.

Vidal, der über meine Schulter hinweg mitgelesen hatte, zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

»Interessant«, murmelte er.

»In welcher Beziehung interessant?«, fragte ich. »Was für eine Art Lokal ist ›Die Träumerei‹?«

Vidal nahm eine Zigarette aus seinem Platinetui.

»Doña Carmen gestattet das Rauchen in der Pension nicht«, sagte ich.

»Warum nicht? Verdirbt der Rauch den Kloakenduft?«

Er steckte sich die Zigarette an und genoss sie doppelt, wie man alles Verbotene genießt.

»Hast du einmal eine Frau erkannt, David?«

»Erkannt? Aber sicher. Eine Menge.«

»Ich meine im biblischen Sinne.«

»In der Messe?«

»Nein, im Bett.«

»Aha.«

»Und?«

Tatsächlich hatte ich für einen Mann wie Vidal nicht viel Beeindruckendes zu erzählen. Meine Jugendabenteuer und Liebeleien hatten sich bis dahin durch ihren Anstand und einen bemerkenswerten Mangel an Originalität ausgezeichnet. Mein kurzer Katalog an Schäkereien und in Hauseingängen und dunklen Kinosälen geraubten Küssen konnte keineswegs darauf hoffen, der Aufmerksamkeit dieses Meisters in den Künsten und Kenntnissen von Barcelonas Boudoirs wert zu sein.

»Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?«

Vidal setzte eine Oberlehrermiene auf und hob zu einem seiner Vorträge an.

»In meiner Jugendzeit war es zumindest bei jungen Herren aus besserem Haus wie mir üblich, sich durch eine Frau vom Fach in dieses Gebiet einweihen zu lassen. Als ich in deinem Alter war, brachte mich mein Vater, der Stammgast der besten Etablissements der Stadt war und noch immer ist, an einen Ort namens ›Die Träumerei‹, wenige Meter von dem makabren Palast entfernt, den unser lieber Graf Güell von Gaudí unbedingt nahe den Ramblas gebaut haben wollte. Sag nicht, du hast noch nie von ihm gehört.«

»Vom Grafen oder vom Bordell?«

»Sehr witzig. ›Die Träumerei‹ war ein elegantes Etablissement für eine erlesene Kundschaft mit Geschmack. Eigentlich dachte ich, es sei schon seit Jahren geschlossen, aber offenbar ist das nicht der Fall. Im Gegensatz zur schönen Literatur sind einige Branchen dauernd im Aufwind.«

»Verstehe. Ist das eine Idee von Ihnen? Eine Art Scherz?«

Vidal schüttelte den Kopf.

»Dann also von einem der Redaktionsidioten?«

»Ich höre eine gewisse Feindseligkeit aus deinen Worten heraus, aber ich habe meine Zweifel, ob sich jemand, der als einfacher Soldat im edlen Pressewesen tätig ist, die Honorare eines Lokals wie ›Die Träumerei‹ leisten kann, wenn es denn das ist, das ich in Erinnerung habe.«

»Ist ja auch egal, ich habe nicht vor hinzugehen«, schnaubte ich.

Vidal hob die Brauen.

»Sag jetzt nicht, du seist kein so gottloser Mensch wie ich und wollest reinen Herzens und Unterhöschens ins Hochzeitsbett steigen, eine lautere Seele, deren höchster Wunsch es ist, auf jenen magischen Augenblick zu warten, da dich die echte Liebe die Ekstase von Körper und Seele in vom Heiligen Geist gesegnetem Unisono entdecken und so die Welt mit Kinderchen bevölkern lässt. Kinderchen, die deinen Namen tragen und die Augen ihrer Mutter haben, dieses heiligen Ausbundes an Tugend und Züchtigkeit, an deren Hand du unter dem wohlwollenden Blick des Jesuskindes in den Himmel eintreten wirst.«

»Das wollte ich damit nicht sagen.«

»Da bin ich aber froh, denn es ist möglich – und ich betone: möglich –, dass dieser Augenblick nie kommt, dass du dich nicht verliebst, dass du dich niemandem fürs ganze Leben hingeben willst oder kannst und dass du eines Tages wie ich mit fünfundvierzig merkst, dass du nicht mehr jung bist und es für dich keinen Chor von Cupidos mit Lyren und keinen Teppich aus weißen Rosen vor dem Altar mehr geben wird und dass die einzige Rache, die dir noch bleibt, darin besteht, dem Leben die Wollust des straffen, glühenden Fleisches zu entreißen, eine Lust, die schneller verfliegt als die guten Vorsätze und in dieser schweinischen Welt, in der von der Schönheit bis zur Erinnerung alles verfault, als Einziges dem Himmel nahekommt.«

Zum Zeichen schweigenden Beifalls ließ ich eine feierliche Pause folgen. Vidal war ein begeisterter Opernfreund und hatte sich mit der Zeit Tempi und Deklamation der großen Arien anverwandelt. In der Familienloge des Liceo ließ er kein Stelldichein mit Puccini aus. Abgesehen von den Unglücklichen, die sich im Olymp zusammendrängten, war er einer der wenigen, welche sich dort überhaupt die Musik anhörten, die er so sehr liebte und die seine Abhandlungen über Gott und die Welt hervorsprudeln ließ, mit denen er meine Ohren manchmal, wie an diesem Tag, beschenkte.

»Und?«, fragte er herausfordernd.

»Dieser letzte Teil kommt mir bekannt vor.«

Ich hatte ihn ertappt. Er nickte seufzend.

»Er ist aus Mord im Club Liceo«, gab er zu. »Die Schlussszene, wo Miranda LaFleur auf den ruchlosen Marquis feuert, der ihr das Herz gebrochen hat, weil er sie während einer leidenschaftlichen Nacht in der Hochzeitssuite des Hotels Colón in den Armen der Zarenspionin Swetlana Iwanowa verraten hat.«

»Dacht ich’s mir doch. Sie hätten nicht besser wählen können. Das ist Ihr Glanzstück, Don Pedro.«

Vidal lächelte mir für das Lob zu und schien abzuwägen, ob er sich noch eine Zigarette anzünden sollte.

»Was nicht heißt, dass in alledem nicht ein Körnchen Wahrheit steckt«, schloss er.

Er setzte sich aufs Fensterbrett, nachdem er ein Taschentuch hingelegt hatte, um seine hochelegante Hose nicht zu beschmutzen. Ich sah den unten an der Ecke zur Calle Princesa geparkten Hispano-Suiza. Der Fahrer, Manuel Sagnier, brachte mit einem Lappen die Verchromungen auf Hochglanz, als handle es sich um eine Skulptur von Rodin. Manuel hatte mich immer an meinen Vater erinnert, zwei Männer derselben Generation, die zu viele Tage im Unglück verbracht hatten und denen die Erinnerung ins Gesicht geschrieben stand. Von einigen Angestellten der Villa Helius hatte ich gehört, dass Manuel Sagnier lange im Gefängnis gesessen und nach seiner Entlassung über Jahre hinweg gedarbt hatte, da ihm keine andere Arbeit angeboten wurde als die eines Stauers, der auf den Molen Säcke und Kisten löschte, eine Tätigkeit, für die er nicht mehr das Alter und die Gesundheit hatte. Der Legende nach hatte Manuel Vidal einmal unter Einsatz des eigenen Lebens davor bewahrt, unter den Rädern einer Straßenbahn zu Tode zu kommen. Als er von Manuels verzweifelter Lage erfuhr, bot ihm Pedro Vidal aus Dankbarkeit an, mit Frau und Tochter in die kleine Wohnung über den Garagen der Villa Helius zu ziehen. Er versicherte ihm, die kleine Cristina würde von denselben Lehrern instruiert werden, die täglich ins väterliche Haus in der Avenida Pearson kamen, um den Kindern der Vidal-Dynastie Unterricht zu erteilen, und seine Frau könnte ihren Beruf als Schneiderin im Dienst der Familie ausüben. Er trage sich mit dem Gedanken, eines der ersten Automobile zu kaufen, die in Barcelona in den Handel kämen, und wenn Manuel sich in der Kunst des Autofahrens ausbilden und Karren und Kremser Vergangenheit sein lassen wolle, werde er ihn als Fahrer beschäftigen – damals ließen die jungen Herren die Finger von Verbrennungsmotoren und Maschinen mit Gasaustritt. Natürlich nahm Manuel an. Seit er aus seinem Elend errettet worden war, so lautete die offizielle Version, waren er und seine Familie Vidal, dem ewigen Paladin der Enterbten, blind ergeben. Ich wusste nicht, ob ich diese Geschichte tatsächlich glauben oder sie den unzähligen Legenden um den von Vidal kultivierten Charakter des gütigen Aristokraten zurechnen sollte – fehlte nur noch, dass er, in einen leuchtenden Nimbus gehüllt, einem verwaisten Hirtenmädchen erschien.

»Du machst wieder dieses Halunkengesicht, wie immer, wenn du boshaften Gedanken nachhängst«, sagte Vidal. »Was heckst du aus?«

»Nichts. Ich dachte nur, wie gütig Sie doch sind, Don Pedro.«

»In deinem Alter und deiner Lage öffnet Zynismus keine Türen.«

»Das erklärt alles.«

»Komm schon, grüß den guten Manuel, der sich immer nach dir erkundigt.«

Ich lehnte mich aus dem Fenster, und als mich der Fahrer erblickte, der mich stets wie einen feinen jungen Herrn und nicht als den Tölpel behandelte, den ich in Wirklichkeit darstellte, winkte er mir aus der Ferne zu. Ich grüßte zurück. Auf dem Beifahrersitz saß seine Tochter Cristina, ein junges blasshäutiges Mädchen mit schmalen, wie gemalten Lippen, das zwei Jahre älter war als ich und mir den Atem nahm, seit ich sie zum ersten Mal bei einer Einladung in die Villa Helius gesehen hatte.

»Starr sie nicht so an, sonst zerbrichst du sie noch«, murmelte Vidal hinter mir.

Ich wandte mich um und sah, dass er seine Machiavelli-Miene aufgesetzt hatte, die eigens für Dinge des Herzens und anderer edler Weichteile reserviert war.

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

»Welch große Wahrheit«, antwortete Vidal. »Nun, was gedenkst du hinsichtlich des heutigen Abends zu tun?«

Ich las das Billett noch einmal durch und zögerte.

»Gehen Sie in diese Art Lokale, Don Pedro?«

»Seit ich fünfzehn wurde, habe ich für keine Frau mehr bezahlt, und eigentlich bezahlte damals ja mein Vater«, antwortete er ohne jede Prahlerei. »Aber einem geschenkten Gaul …«

»Ich weiß nicht, Don Pedro …«

»Natürlich weißt du es.«

Auf dem Weg zur Tür klopfte er mir leicht auf die Schulter.

»Es bleiben dir sieben Stunden bis Mitternacht. Ich sage das nur, falls du noch ein Nickerchen machen und Kräfte sammeln willst.«

Ich schaute aus dem Fenster und sah ihn zum Auto gehen. Manuel hielt ihm die Tür auf, und Vidal ließ sich träge auf den Rücksitz fallen. Ich hörte den Motor des Hispano-Suiza seine Kolben- und Ventilsinfonie entfalten. In diesem Augenblick schaute die Tochter des Fahrers, Cristina, zu meinem Fenster herauf. Ich lächelte ihr zu, merkte aber, dass sie sich nicht mehr an mich erinnerte. Gleich sah sie wieder weg, und Vidals Karosse fuhr ihn zurück in seine Welt.

3

In jenen Tagen bildete die Calle Conde del Asalto im finsteren Raval-Viertel einen Korridor aus Straßenlaternen und Leuchtreklamen. Nachtklubs, Ballsäle und zwielichtige Lokale drängten sich auf beiden Seiten zwischen Geschäften, die sich auf Gummiwaren, Spülungen und auf die Behandlung von Geschlechtskrankheiten spezialisiert hatten und bis zum Morgengrauen geöffnet waren. Von jungen Gecken bis zu den Matrosen der im Hafen ankernden Schiffe mischten sich hier Menschen jeglichen Schlages mit exzentrischen Gestalten, die nur in Erwartung der Dunkelheit lebten. Beiderseits der Straße öffneten sich enge, dunstverhangene Gässchen, deren Bordelle zunehmend an Eleganz verloren.

›Die Träumerei‹ belegte die obere Etage eines Hauses, in dessen Erdgeschoss ein Varieté weithin sichtbar den Auftritt einer Tänzerin verhieß, deren knappe transparente Toga kein Geheimnis aus ihren Reizen machte, während die gespaltene Zunge der schwarzen Schlange auf ihren Armen sie auf die Lippen zu küssen schien. Eva Montenegro und der Todestango, verkündete das Plakat in großen Lettern. Die Königin der Nacht in sechs exklusiven Abendvorstellungen – keine Verlängerung. Unter Mitwirkung von Mesmero, dem Star der Gedankenleser, der Ihre intimsten Geheimnisse enthüllen wird.

Hinter einer schmalen Tür neben dem Lokaleingang führte eine lange Treppe zwischen rotgestrichenen Wänden hinauf. Ich gelangte vor eine große gearbeitete Eichentür mit Schnitzereien und einer Bronzenymphe als Klopfer, deren Scham von einem bescheidenen Kleeblatt verdeckt wurde. Ich ließ die Nymphe zweimal gegen die Tür fallen und vermied, während des Wartens in den großen Rauchglasspiegel zu sehen, der einen guten Teil der Wand einnahm. Ich war drauf und dran, wieder Reißaus zu nehmen, als die Tür aufging und eine Frau mittleren Alters mit im Nacken geknotetem schneeweißem Haar mir fröhlich zulächelte.

»Sie sind bestimmt Señor David Martín.«

In meinem ganzen Leben hatte mich noch niemand Señor genannt, und die Förmlichkeit überraschte mich.

»Das bin ich.«

»Wenn Sie so freundlich sein wollen, näher zu treten und mich zu begleiten.«

Ich folgte ihr durch einen kurzen Flur, der in einen großen, im Zwielicht liegenden kreisrunden Salon mit rotsamten ausgeschlagenen Wänden mündete. Die Decke war eine Kuppel aus buntem Glas, von der ein gläserner Leuchter hing. Darunter stand ein Mahagonitisch mit einem riesigen Grammophon, aus dem eine Opernarie rieselte.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, mein Herr?«

»Wenn Sie ein Glas Wasser hätten, wäre ich Ihnen dankbar.«

Die weißhaarige Dame lächelte und sagte liebenswürdig und entspannt: »Vielleicht möchten der Herr lieber ein Glas Champagner oder einen Likör? Oder möglicherweise einen trockenen Sherry?«

Mein Gaumen hatte bisher nur die Subtilitäten verschiedener Leitungswassergattungen erkundet, sodass ich die Schultern zuckte.

»Bitte wählen doch Sie.«

Die Dame lächelte unerschütterlich, nickte und deutete auf einen der Luxussessel, die wie Tupfer über den Raum verteilt waren.

»Wenn der Herr bitte Platz nehmen möchte, Chloé wird sogleich kommen.«

Ich hätte mich fast verschluckt.

»Chloé?«

Sie bemerkte meine Bestürzung nicht und verschwand durch eine Tür, die sich hinter einem schwarzen Perlenvorhang andeutete. Ich war mit meiner Nervosität und meinen unaussprechlichen Sehnsüchten allein und ging im Salon auf und ab, um des Zitterns Herr zu werden, das sich meiner zunehmend bemächtigte. Abgesehen von der leisen Musik und dem Pochen meiner Schläfen war es hier still wie im Grab. Von dem Salon gingen, jeder von einem blauen Vorhang gesäumt, sechs Korridore aus und führten je zu einer geschlossenen weißen Flügeltür. Ich ließ mich in einen der Sessel fallen, die wie geschaffen schienen, die Hinterteile von Prinzregenten und zu Staatsstreichen neigenden Generalissimi zu wiegen. Kurz darauf kam die weißhaarige Dame mit einem Glas Champagner auf silbernem Tablett zurück. Ich nahm es entgegen und sah sie durch dieselbe Tür wieder entschwinden. Ich leerte das Glas in einem Zug und lockerte den Hemdkragen. Allmählich kam mir erneut der Verdacht, all das sei nichts weiter als ein von Vidal ausgeheckter Scherz. In diesem Augenblick sah ich eine Gestalt aus einem der Korridore auf mich zukommen. Sie sah aus wie ein kleines Mädchen und war es auch. Sie ging mit gesenktem Kopf, sodass mir ihre Augen verborgen blieben. Ich stand auf.

Das Mädchen machte einen höflichen Knicks und bedeutete mir, ihr zu folgen. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie eine künstliche Hand hatte wie eine Schaufensterpuppe. Sie führte mich ans Ende des Korridors, öffnete mit einem Schlüssel, den sie um den Hals hängen hatte, die Tür und ließ mich hinein. Das Zimmer war nur schwach erleuchtet. Ich tat ein paar Schritte, um etwas zu erkennen. Da fiel die Tür hinter mir zu, und als ich mich umwandte, war das Mädchen verschwunden. Ich hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte – ich war eingesperrt. Fast eine Minute blieb ich reglos stehen. Nach und nach gewöhnten sich meine Augen an das Halbdunkel, und die Umrisse um mich herum nahmen Gestalt an. Die Wände des Zimmers waren vom Boden bis zur Decke mit schwarzem Tuch bespannt. Auf der einen Seite erahnte ich eine Reihe seltsamer Artefakte, wie ich sie noch nie gesehen hatte, und ich wusste nicht, ob ich sie unheilvoll oder verführerisch finden sollte. Über dem Kopfende eines großen runden Bettes hing eine Art riesiges Spinnennetz mit zwei Kerzenhaltern, in denen schwarze Altarkerzen flackerten und den Wachsgeruch von Kapellen und Totenwachen verströmten. An der einen Seite des Bettes befand sich ein Gitter mit Schlangenmuster. Ein Schauer überlief mich. Alles war genauso wie in dem Schlafzimmer, das ich in den Geheimnissen von Barcelona für die Abenteuer meiner unbeschreiblichen Vampirin Chloé entworfen hatte. Irgendetwas stimmte nicht. Schon wollte ich die Tür aufbrechen, als ich bemerkte, dass ich nicht allein war. Ich erstarrte. Hinter dem Gitterwerk zeichnete sich eine Gestalt ab. Zwei glänzende Augen musterten mich, und ich sah weiße, zarte Finger mit schwarz lackierten Nägeln durch das Gitter greifen. Ich schluckte.

»Chloé«, flüsterte ich.

Sie war es. Meine Chloé. Die opernhafte, unübertreffliche Femme fatale meiner Erzählungen, dieses Wesen aus Fleisch und Dessous. Ihre Haut war blasser, als ich sie mir je vorgestellt hatte, und das schwarz glänzende Haar war rechtwinklig zu einem Rahmen um ihr Gesicht geschnitten. Ihre Lippen waren wie mit frischem Blut geschminkt, und um die grünen Augen spielten schwarze Schatten. Sie bewegte sich so geschmeidig, als ob dieser in ein schuppig schillerndes Korsett gegossene Körper aus Wasser bestünde und die Schwerkraft narren könnte. Ihren schmalen, endlosen Hals umgab ein scharlachrotes Band mit einem umgekehrten Kruzifix. Ich beobachtete sie, wie sie langsam näher kam, unfähig zu atmen, die Augen auf die unglaublich geformten, dolchspitzen, die Knöchel mit Seidenbändern umschlingenden Schuhe geheftet. Die Schenkel umkleideten Seidenstrümpfe, die wahrscheinlich meinen Jahresverdienst verschlungen hätten. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie etwas so Schönes gesehen – und nichts, was mir solche Angst einflößte.

Ich ließ mich von diesem Wesen zum Bett führen, wo ich ihm buchstäblich unterlag. Das Kerzenlicht umschmeichelte die Umrisse ihres Körpers. Mein Gesicht und meine Lippen verharrten auf der Höhe ihres nackten Bauches, und ohne recht zu wissen, was ich tat, küsste ich sie unterhalb des Nabels und rieb meine Wange zärtlich an ihrer Haut. Ich vergaß, wer und wo ich war. Sie kniete sich vor mich hin und ergriff meine rechte Hand. Schmachtend nahm sie wie eine Katze einen nach dem anderen meine Finger zwischen die Zähne; dann schaute sie mich unverwandt an und begann mich zu entkleiden. Als ich ihr dabei behilflich sein wollte, lächelte sie und schob meine Hände weg.

»Pssst.«

Als sie fertig war, beugte sie sich zu mir und fuhr mit der Zunge über meine Lippen.

»Jetzt du. Zieh mich aus. Langsam. Ganz langsam.«

Da wurde mir klar, dass ich meine kränkliche, jämmerliche Kindheit einzig überstanden hatte, um diese Sekunden zu erleben. Langsam zog ich sie aus, entblätterte sie, bis sie nur noch das Samtband um den Hals und die schwarzen Strümpfe am Leib trug – allein von der Erinnerung an Letztere könnte ein Unglücklicher wie ich wohl hundert Jahre sein Leben fristen.

»Streichle mich«, raunte sie mir zu. »Spiel mit mir.«

Ich liebkoste und küsste jeden Zentimeter ihrer Haut, als wollte ich ihn mir für den Rest meines Lebens einprägen. Chloé hatte keine Eile und antwortete auf die Berührung meiner Hände und Lippen mit sanftem Stöhnen, das mich leitete. Dann bedeutete sie mir, mich aufs Bett zu legen, und bedeckte meinen Körper mit ihrem, bis mir sämtliche Poren glühten. Ich legte meine Hände auf ihren Rücken und wanderte die herrliche Linie ihrer Wirbelsäule entlang. Ihr undurchdringlicher Blick betrachtete mich wenige Zentimeter über meinem Gesicht. Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen.

»Ich heiße …«

»Pssst.«

Bevor ich zu einer weiteren Albernheit ansetzen konnte, presste Chloé ihre Lippen auf die meinen und entzog mich für eine Stunde der Welt. Sie musste meine Unbeholfenheit bemerken, ließ es mich aber nicht spüren, nahm jede meiner Bewegungen vorweg und führte meine Hände ohne Eile und Scham über ihren Körper. In ihren Augen war kein Zeichen von Überdruss oder Unaufmerksamkeit zu entdecken. Sie gestattete mir alles und ließ mich sie mit unendlicher Geduld und einer Zärtlichkeit genießen, die mich vergessen machte, wie ich hierhergeraten war. In dieser kurzen Stunde lernte ich jede Linie ihres Körpers auswendig, so wie andere Gebete oder Verwünschungen. Später, als mir kaum noch Atem blieb, ließ mich Chloé den Kopf auf ihre Brust legen und kraulte lange schweigend in meinen Haaren, bis ich in ihren Armen einschlief, die Hand zwischen ihren Schenkeln.

Als ich aufwachte, lag das Zimmer im Halbdunkel, und Chloé war verschwunden, ihre Haut nicht mehr in meinen Händen. Dafür fand ich eine Visitenkarte aus dem gleichen hellen Pergament wie das Kuvert mit der Einladung. Unter dem Emblem des Engels war aufgedruckt:

ANDREAS CORELLIÉditeur Éditions de la Lumière69, Boulevard Saint-Germain Paris

 

Auf der Rückseite stand handschriftlich:

Lieber David, das Leben besteht aus großen Erwartungen. Sobald Sie bereit sind, die Ihren Wirklichkeit werden zu lassen, setzen Sie sich mit mir in Verbindung. Ich werde Sie erwarten. Ihr Freund und Leser

A. C.

Ich sammelte meine Kleider auf und zog mich an. Die Zimmertür war nicht mehr abgeschlossen. Ich ging durch den Korridor in den Salon, wo das Grammophon verstummt war. Von dem Mädchen und der weißhaarigen Frau war nichts mehr zu sehen. Die Stille war vollkommen. Je näher ich dem Ausgang kam, desto mehr hatte ich den Eindruck, die Lichter hinter mir zerflössen in nichts und die Korridore und Räume würden immer dunkler. Ich trat auf den Treppenabsatz hinaus und stieg die Stufen hinunter zurück in die Welt, leer und lustlos. Auf der Straße wandte ich mich Richtung Ramblas, das lärmige Treiben der Nachtlokale hinter mir lassend. Ein leichter, warmer Nebel kam vom Hafen her, und das Funkeln der großen Fenster des Hotels Oriente färbte ihn zu einem schmutzig-staubigen Gelb, in dem sich die Passanten wie Dunstfetzen auflösten. Ich marschierte los, die Erinnerung an Chloés Parfüm verblasste langsam, und ich fragte mich, ob die Lippen Cristina Sagniers, der Tochter von Vidals Fahrer, wohl ähnlich schmeckten.

4

Man weiß nicht, was Durst ist, bis man zum ersten Mal trinkt. Drei Tage nach meinem Besuch in der ›Träumerei ‹ machte mir die Erinnerung an Chloés Haut das Denken unmöglich. Ohne jemandem ein Sterbenswörtchen zu sagen – schon gar nicht Vidal –, kratzte ich meine geringen Ersparnisse zusammen, um noch am selben Abend wieder hinzugehen, in der Hoffnung, mir damit wenigstens einen Augenblick in ihren Armen erkaufen zu können. Mitternacht war vorüber, als ich die zur ›Träumerei‹ hinaufführenden Stufen erreichte. Im Treppenhaus brannte kein Licht, und ich stieg langsam hinauf, fort von dem Lärm der Nachtklubs, Kneipen, Varietés und anderen dubiosen Lokale, mit denen die Jahre des Ersten Weltkrieges die Calle Conde del Asalto gespickt hatten. In dem durch den Hauseingang einfallenden Licht zeichneten sich die Stufen ab. Auf dem Treppenabsatz tastete ich nach der Nymphe. Meine Finger streiften das schwere Stück Metall, und als ich es anhob, gab die Tür einige Zentimeter nach – sie war offen. Langsam drückte ich sie auf. Vollkommene Stille strich mir übers Gesicht. Vor mir tat sich bläuliches Halbdunkel auf. Verwirrt ging ich einige Schritte weiter. Ein Abglanz des Straßenlichts flackerte im Raum und ermöglichte flüchtige Blicke auf die nackten Wände und das gesprungene Parkett. Ich gelangte in den Salon, der in meiner Erinnerung mit Samt und üppigen Möbeln ausgestattet gewesen war. Er war leer. Die Staubschicht auf dem Boden glänzte im Aufblitzen der Leuchtreklamen draußen wie Sand, meine Schritte zeichneten sich hinter mir ab. Keine Spur von einem Grammophon, Sesseln oder Bildern. Die Decke war rissig, und geschwärzte Holzbalken sahen hervor. Von den Wänden hing der Anstrich in Fetzen wie Schlangenhaut. Ich wandte mich zum Korridor, der zu Chloés Zimmer führte, und gelangte durch den dunklen Tunnel vor die jetzt nicht mehr weiße Flügeltür. Statt einer Klinke gab es nur ein Loch im Holz, als wäre sie gewaltsam herausgerissen worden. Ich öffnete die Tür und trat ein.

Chloés Schlafzimmer war eine schwarze Zelle. Die Wände waren verkohlt und der größte Teil der Decke eingestürzt. Ich konnte die über den Himmel ziehenden schwarzen Wolken und den Mond sehen, der einen silbernen Schimmer auf das Metallskelett des Bettes warf. In diesem Moment hörte ich hinter mir den Boden knarren und schoss herum – ich war nicht allein. Eine dunkle männliche Silhouette zeichnete sich scharf vor dem Eingang zum Korridor ab. Das Gesicht konnte ich nicht erkennen, aber ich war gewiss, dass ich beobachtet wurde. Einige Sekunden blieb ich reglos wie eine Spinne stehen, bis ich endlich reagieren und ein paar Schritte auf die Silhouette zugehen konnte. Sogleich zog sie sich ins Dunkel zurück, und als ich in den Salon gelangte, war niemand mehr da. Der Schein einer Leuchtreklame auf der anderen Straßenseite erhellte für eine Sekunde den Salon, sodass ich einen kleinen Schutthaufen an der Wand erkennen konnte. Als ich näher trat und mich vor den vom Feuer zurückgelassenen Resten niederkniete, sah ich etwas herausragen. Finger. Ich wischte die Asche um sie herum weg, und die Umrisse einer Hand kamen zum Vorschein. Als ich sie herauszog, sah ich, dass sie am Gelenk abgeschnitten war. Ich erkannte sie mühelos, obwohl diese kleine Mädchenhand nicht aus Holz war, wie ich sie in Erinnerung hatte, sondern aus Porzellan. Ich ließ sie in den Schutt zurückfallen und ging.

Ich fragte mich, ob der Unbekannte nur ein Hirngespinst gewesen war, denn im Staub waren keine Spuren zu sehen. Ich ging auf die Straße zurück und erforschte vom Bürgersteig vor dem Haus aus verwirrt die Fenster im ersten Stock. Die Menschen gingen lachend an mir vorbei und nahmen keine Notiz von mir. Ich versuchte die Silhouette des Unbekannten unter ihnen auszumachen. Ich wusste, dass er da war, vielleicht nur wenige Meter entfernt, und dass er mich beobachtete. Nach einer Weile überquerte ich die Straße und trat in ein enges, überfülltes Café. Ich konnte mich zur Theke durcharbeiten und dem Kellner ein Zeichen geben.

»Was soll’s sein?«

Mein Mund war ausgetrocknet und rau wie Sand.

»Ein Bier.«

Während er es zapfte, beugte ich mich vor.

»Sagen Sie, wissen Sie, ob das Lokal gegenüber, ›Die Träumerei‹, geschlossen hat?«

Der Kellner stellte das Glas auf die Theke und schaute mich an, als wäre ich nicht ganz bei Trost.

»Es hat vor fünfzehn Jahren geschlossen«, sagte er.

»Sind Sie sicher?«

»Aber natürlich. Nach dem Brand haben sie nicht wieder aufgemacht. Wünschen Sie sonst noch was?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Vier Céntimos.«

Ich bezahlte die Zeche und ging, ohne das Glas angerührt zu haben.

Am nächsten Tag ging ich früh in die Redaktion und stieg direkt in den Keller zu den Archiven hinab. Den Angaben von Matías, dem Leiter der Dokumentation, und des Kellners folgend, begann ich die Titelseiten der Stimme der Industrie von vor fünfzehn Jahren durchzugehen. Nach vierzig Minuten hatte ich die Geschichte gefunden, eine kleine Notiz. Der Brand hatte sich am frühen Morgen des Fronleichnamstages 1903 ereignet. Sechs Personen waren den Flammen zum Opfer gefallen: ein Kunde, vier Frauen der Belegschaft und ein kleines Mädchen, das ebenfalls dort gearbeitet hatte. Polizei und Feuerwehr hatten als Ursache der Tragödie eine schadhafte Petroleumlampe angegeben, doch der Gemeindevorstand einer nahen Pfarrei führte göttliche Vergeltung und das Eingreifen des Heiligen Geistes als entscheidende Faktoren ins Feld.

Wieder in der Pension, legte ich mich in meinem Zimmer aufs Bett und versuchte einzuschlafen, jedoch vergeblich. Ich zog die Karte des fremden Wohltäters, die ich nach dem Erwachen auf Chloés Bett in meinen Händen gefunden hatte, aus der Tasche und las im Halbdunkel noch einmal die handschriftlichen Worte auf der Rückseite. Große Erwartungen.

5

In meiner Welt wurden Erwartungen, ob groß oder klein, nur selten erfüllt. Noch wenige Monate zuvor hatte meine einzige Sehnsucht beim Schlafengehen darin bestanden, eines Tages den nötigen Mut aufzubringen, Cristina, die Tochter des Fahrers meines Mentors, anzusprechen, und dass die Stunden bis zum Morgengrauen rasch verfliegen möchten, damit ich wieder in die Redaktion gehen konnte. Jetzt begann ich auch diesen Zufluchtsort zu verlieren. Vielleicht könnte ich, wenn ich bei einem meiner Artikel grandios scheiterte, die Zuneigung meiner Kollegen zurückgewinnen, sagte ich mir. Vielleicht würden mir, wenn ich etwas Mittelmäßiges, Abwegiges schriebe, bei dem kein Leser über den ersten Absatz hinauskam, meine Jugendsünden verziehen. Vielleicht war das kein zu hoher Preis dafür, sich wieder zuhause zu fühlen. Vielleicht.

 

 

In die Redaktion der Stimme der Industrie war ich viele Jahre zuvor an der Hand meines Vaters gekommen, eines gepeinigten, glücklosen Mannes, der sich nach der Rückkehr aus dem Krieg um die Philippinen in einer Stadt wiederfand, in der ihn niemand mehr kennen wollte, mit einer Frau, die ihn bereits vergessen hatte und ihn zwei Jahre später ganz verließ. Ihre Hinterlassenschaft bestand aus einem gebrochenen Herzen und einem Sohn, den er nie gewollt hatte und mit dem er nichts anzufangen wusste. Mein Vater, der mit knapper Not seinen Namen lesen und schreiben konnte, hatte weder Beruf noch Geld. Das Einzige, was er im Krieg gelernt hatte, war, andere Männer zu töten, ehe sie ihn töteten, immer im Namen einer ebenso eitlen wie großartigen Sache, die sich als desto fadenscheiniger und niederträchtiger erwies, je näher man dem Gefecht rückte.

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg suchte mein Vater, der um zwanzig Jahre gealtert zu sein schien, eine Anstellung in den vielen Betrieben des Pueblo Nuevo und des Sant-Martí-Viertels. Er behielt keine Stelle länger als einige Tage, und dann sah ich ihn mit grollverzerrter Miene nach Hause kommen. Mangels Alternativen übernahm er nach einiger Zeit den Posten des Nachtwächters in der Stimme der Industrie. Das Gehalt war zwar bescheiden, aber die Monate vergingen, und zum ersten Mal nach seiner Rückkehr schien er in keine Scherereien zu geraten. Der Friede war von kurzer Dauer. Einige seiner ehemaligen Waffenkameraden waren an Körper und Seele versehrt wie lebendige Leichname zurückgekommen, nur um festzustellen, dass ihnen die, die sie im Namen Gottes und des Vaterlandes in den Tod geschickt hatten, jetzt ins Gesicht spuckten. Sie verwickelten ihn schon bald in zwielichtige Geschäfte, die für ihn eine Nummer zu groß waren und die er nie ganz durchschaute.