E-Book Verlag: FISCHER E-Books Hörbuch Verlag: Argon Verlag GmbH Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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Hörprobe anhören Zeit: 7 Std. 20 Min. Sprecher: Rufus Beck
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E-Book-Beschreibung Der dunkle Wächter - Carlos Ruiz Zafón

Carlos Ruiz Zafóns großer SchauerromanCravenmoore – so heißt das geheimnisumwobene Anwesen, auf dem der Spielzeugfabrikant Lazarus Jann mit zahllosen seiner Konstruktionen lebt: mechanischen Menschen, die ihm Diener und Gesellschaft sind und ihn vor den dunklen Schatten seiner Vergangenheit bewahren sollen. Familie Sauvelle, die Lazarus aus seiner Einsamkeit reißt, weckt auch sein mörderisches Geheimnis aus jahrelangem Schlaf. Ein brutaler Mord reißt die Familie aus ihrem neuen Glück. Der Sommer an der blauen Bucht, der so strahlend begann, könnte ihr letzter werden.Nach dem Tod ihres Mannes zieht Simone Sauvelle mit ihrer Tochter Irene und ihrem Sohn Dorian in ein kleines Dorf an der Küste der Normandie. Ihr neuer Job auf dem Anwesen Cravenmoore verspricht nach Jahren der Entbehrung endlich einen glänzenden Neuanfang. Schnell verbindet die Sauvelles eine enge Freundschaft mit dem liebenswerten Spielzeugfabrikanten, doch die prunkvollen Mauern von Cravenmoore werden vor allem Irene und ihrem neuen Freund Ismael immer unheimlicher.Warum dürfen sie bestimmte Zimmer nicht betreten und warum ist die schwerkranke Frau des Fabrikanten nie zu sehen? Was hat es mit den geheimnisvollen Septemberlichtern auf sich, die vom Leuchtturm drohen? Als ein brutaler Mord geschieht, versuchen Irene und Ismael das Geheimnis von Cravenmoore aufzudecken und wecken damit die dunklen Schatten der Vergangenheit. Der spanische Bestsellerautor Carlos Ruiz Zafón, der mit »Der Schatten des Windes« Millionen von Lesern auf der ganzen Welt begeisterte, ist ein Meister des Unheimlichen, ein Meister des Schauerromans. Mit ›Der dunkle Wächter‹ weiht uns Zafón in ein dunkles Geheimnis ein, das Spannung und Gänsehaut garantiert.

Meinungen über das E-Book Der dunkle Wächter - Carlos Ruiz Zafón

E-Book-Leseprobe Der dunkle Wächter - Carlos Ruiz Zafón

Carlos Ruiz Zafón

Der dunkle Wächter

Roman (Neuausgabe)

Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen

FISCHER E-Books

Inhalt

Liebe Irene, [...]1. Der Himmel über Paris2. Geographie und Anatomie3. Die Blaue Bucht4. Geheimnisse und Schatten5. Ein Schloss im Nebel6. Das Tagebuch der Alma Maltisse7. Ein Weg voller Schatten8. Inkognito9. Die verwandelte Nacht10. In der Falle11. Das Gesicht unter der Maske12. Doppelgänger13. Septemberlichter

Liebe Irene,

die Septemberlichter haben mich gelehrt, Deine Fußspuren in Erinnerung zu behalten, die von den Gezeiten hinweggespült wurden. Bereits damals wusste ich, dass der Winter schon bald die Illusion des Sommers verwischen würde, den wir gemeinsam in der Blauen Bucht verbrachten. Du wärst überrascht, wie wenig sich seither verändert hat. Der Leuchtturm ragt auch heute noch wie ein Wächter aus dem Dunst empor, und die Straße, die am Strand des Engländers entlangführte, ist nur mehr ein blasser Pfad, der sich durch den Sand dem Nirgendwo entgegenwindet.

Schweigend und in ein Tuch aus Finsternis gehüllt, lassen sich die Ruinen von Cravenmoore hinter den Baumkronen des Waldes erahnen. Bei den immer selteneren Gelegenheiten, da ich mit dem Segelboot in die Bucht hinausfahre, kann ich immer noch die zerborstenen Fensterscheiben des Westflügels sehen, die wie gespenstische Signale durch den Nebel blitzen. Manchmal, wenn die Erinnerung an jene Tage wiederkehrt, als wir in der Abenddämmerung durch die Bucht zum Hafen zurücksegelten, kommt es mir vor, als sähe ich wieder die Lichter in der Dunkelheit funkeln. Aber ich weiß, dass dort niemand mehr ist. Niemand.

Du wirst Dich fragen, was aus dem Haus am Kap geworden ist. Nun, es steht noch immer dort, trotzt an der äußersten Spitze des Kaps einsam dem endlosen Ozean. Letzten Winter zerstörte ein Sturm das, was von dem kleinen Anlegeplatz am Strand noch übrig war. Ein wohlhabender Juwelier aus irgendeiner namenlosen Stadt war nicht abgeneigt, es für einen Spottpreis zu erwerben, doch die Westwinde und die tosende Brandung an den Klippen brachten ihn wieder davon ab. Das Salz hat sich in das weiße Holz gefressen. Der verborgene Pfad, der zur Lagune führte, ist nun ein undurchdringliches Dickicht aus wild wucherndem Unterholz und herabgestürzten Ästen.

Manchmal, wenn es mir die Arbeit im Hafen erlaubt, steige ich aufs Rad und fahre zum Kap, um von der Veranda hoch über den Klippen den Sonnenuntergang zu betrachten: nur ich und ein Schwarm Möwen, die sich in der Rolle der neuen Bewohner eingerichtet zu haben scheinen, ohne je die Kanzlei eines Notars aufgesucht zu haben. Von dort oben kann man noch immer sehen, wie der Mond, wenn er am Horizont erscheint, eine silberne Girlande bis zur Fledermausgrotte spannt.

Ich weiß noch, wie ich Dir von dieser Höhle erzählte und Dir die phantastische Geschichte von einem gefürchteten Korsaren auftischte, dessen Schiff in einer Nacht des Jahres 1746 von der Grotte verschlungen worden sei. Das war eine Lüge. Es hat nie einen verwegenen Schmuggler oder Freibeuter gegeben, der sich in diese düstere Grotte hineingewagt hätte. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass dies die einzige Lüge war, die Du je aus meinem Mund gehört hast. Aber das hast Du wahrscheinlich von Anfang an durchschaut.

Als ich heute Morgen ein Bündel Netze einholte, die sich im Riff verheddert hatten, ist es wieder passiert. Für eine Sekunde glaubte ich, Dich auf der Veranda des Hauses am Kap zu sehen, wie Du schweigend zum Horizont blicktest, so wie Du es immer gerne getan hast. Als die Möwen aufflogen, wurde mir klar, dass dort niemand war. In der Ferne schwebte der Mont-Saint-Michel über dem Nebel wie eine auf Grund gelaufene Insel.

Manchmal denke ich, dass alle die Blaue Bucht weit hinter sich gelassen haben, während ich in der Zeit gefangen bin und vergeblich darauf warte, dass die purpurrote Septembersee mir mehr zurückbringt als nur Erinnerungen. Gib nicht viel auf mein Gerede. So ist das mit dem Meer; nach einer Weile bringt es alles wieder zurück, besonders die Erinnerungen.

Mit diesem Brief habe ich Dir wohl schon an die hundertmal an Deine letzte Adresse geschrieben, die ich in Paris ausfindig machen konnte. Manchmal frage ich mich, ob Du jemals einen davon erhalten hast und ob Du Dich noch an mich und an jene Morgendämmerung am Strand des Engländers erinnerst. Vielleicht ist es so, vielleicht aber hat Dich das Leben weit von hier fortgeführt, weit fort von allen Erinnerungen an den Krieg.

Das Leben war so viel einfacher damals, erinnerst Du Dich? Wohl nicht. Langsam glaube ich, dass ich armer Spinner der Einzige bin, der nach wie vor in der Erinnerung an jeden einzelnen jener Tage des Jahres 1937 lebt, als Du noch hier warst, hier bei mir …

1.Der Himmel über Paris

Paris, 1936

Jeder, der sich an die Nacht erinnert, in der Armand Sauvelle starb, schwört, dass ein purpurroter Lichtstrahl die Himmelskuppel durchzog, mit einem glühenden Funkenschweif, der sich am Horizont verlor. Ein Lichtstrahl, den seine Tochter Irene nicht sehen konnte, der jedoch viele Jahre lang durch ihre Träume geistern sollte.

Es war ein kalter Wintermorgen, und die Fensterscheiben des Krankensaals Nummer vierzehn im Hospital Saint George waren von einer feinen Eisschicht überzogen, die in der vergoldeten Dämmerung unwirkliche Tuschebilder der Stadt auf das Glas zeichnete.

Armand Sauvelles Lebenslicht verlosch leise, nahezu ohne einen Seufzer. Seine Frau Simone und seine Tochter Irene sahen auf, als die ersten Strahlen die Nacht durchbrachen und nadelfeine Linien in den Saal warfen. Dorian, Irenes jüngerer Bruder, kauerte schlafend auf einem Stuhl. Eine erschreckende Stille legte sich über den Saal. Es waren keine Worte nötig, um zu begreifen, was geschehen war. Nach sechsmonatigem Leiden hatte das schwarze Gespenst einer Krankheit, deren Namen er niemals auszusprechen wagte, Armand Sauvelle aus dem Leben gerissen. Einfach so.

Das war der Beginn jenes Jahres, das die Familie Sauvelle als das schlimmste ihres Lebens in Erinnerung behalten sollte.

 

Armand Sauvelle nahm seinen Zauber und sein ansteckendes Lachen mit ins Grab, seine zahlreichen Schulden jedoch begleiteten ihn nicht auf seiner letzten Reise. Bald fiel eine Heerschar von Gläubigern und allerlei feingewandeten Aasgeiern mit honorigen Titeln über die Wohnung der Sauvelles am Boulevard Haussmann her. Auf die unterkühlten Beileidsbesuche folgten versteckte Drohungen. Und auf diese mit der Zeit die Pfändungen.

Statt renommierter Schulen und einer tadellosen Garderobe bestimmten nun Aushilfstätigkeiten und bescheidenere Kleider das Leben von Irene und Dorian. Es war der Anfang des schwindelerregenden Abstiegs der Sauvelles in die wirkliche Welt. Aber am schlimmsten traf es Simone. Sie hatte wieder eine Stelle als Lehrerin angenommen, doch der Verdienst reichte nicht aus, um die Schuldenflut zu stoppen, die ihre spärlichen Ersparnisse auffraß. In jeder Ecke tauchte ein weiteres Schriftstück auf, das Armand unterschrieben hatte, ein weiterer unbezahlter Schuldschein, ein weiteres schwarzes Loch ohne Boden …

Damals begann der kleine Dorian zu argwöhnen, die halbe Bevölkerung von Paris bestehe aus Anwälten und Buchhaltern, einer Art oberirdisch lebender Ratten. Zur gleichen Zeit nahm Irene eine Beschäftigung in einem Tanzlokal an, ohne dass ihre Mutter davon wusste. Für ein paar Münzen (die sie spätnachts in die Sparbüchse steckte, die ihre Mutter unter der Küchenspüle aufbewahrte) tanzte sie mit den Soldaten, die kaum mehr waren als verschreckte Halbwüchsige.

Gleichzeitig stellten die Sauvelles fest, dass die Liste derer, die sich ihre Freunde und Wohltäter nannten, dahinschmolz wie Raureif am Morgen. Immerhin machte Henri Leconte, ein alter Freund von Armand Sauvelle, der Familie anfangs des folgenden Sommers das Angebot, die kleine Wohnung über dem Geschäft für Zeichenbedarf zu beziehen, welches er in Montparnasse betrieb. Die Miete stundete er in Erwartung künftigen Wohlstands, dafür sollte Dorian als Laufbursche aushelfen, da Henri Lecontes Knie nicht mehr so wollten wie in seiner Jugend. Simone fand nie genügend Worte, um dem alten Monsieur Leconte für seine Güte zu danken, und der Händler bat auch nie darum. In einer Welt voller Ratten waren sie einem Engel begegnet.

Als die ersten Wintertage Einzug in den Straßen hielten, wurde Irene vierzehn Jahre alt, auch wenn sie sich vorkam wie vierundzwanzig. Dieses eine Mal kaufte sie von den Münzen, die sie in dem Tanzlokal verdiente, einen Kuchen, um mit Simone und Dorian ihren Geburtstag zu feiern. Armands Abwesenheit schwebte über ihnen wie ein bedrückender Schatten. Gemeinsam pusteten sie in der engen Wohnstube am Montparnasse die Kerzen auf dem Kuchen aus, während sie sich wünschten, mit den Flammen möge auch das Phantom des Unglücks, das sie seit Monaten verfolgte, seinen Geist aushauchen. Dieses eine Mal wurde ihr Wunsch nicht überhört. Noch wussten sie es nicht, doch jene düstere Zeit neigte sich dem Ende zu.

 

Wochen später zeigte sich unerwartet ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Dank der Bemühungen von Monsieur Leconte und seiner unzähligen Bekannten eröffnete sich für ihre Mutter die Aussicht auf eine gute Stelle in einem kleinen Dorf an der Küste, Baie Bleue, weit weg vom düsteren Grau von Paris, weit weg von den traurigen Erinnerungen an die letzten Tage von Armand Sauvelle. Offensichtlich benötigte ein begüterter Erfinder und Spielzeugfabrikant namens Lazarus Jann eine Hauswirtschafterin, die sich um sein palastartiges Anwesen im Wald von Cravenmoore kümmern sollte.

Der Erfinder lebte in der riesigen Villa neben seiner früheren Spielzeugfabrik, die mittlerweile geschlossen war. Seine einzige Gesellschaft war seine Frau Alexandra, die seit zwanzig Jahren schwerkrank in einem Zimmer des großen Hauses lag. Die Bezahlung war großzügig, und außerdem bot Lazarus Jann der Familie die Möglichkeit, in das Haus am Kap zu ziehen, ein einfaches Haus oben auf den Klippen, am anderen Ende des Walds von Cravenmoore.

Mitte Juni 1937 verabschiedete Monsieur Leconte die Familie Sauvelle auf Bahnsteig sechs der Gare d’Austerlitz. Simone und ihre beiden Kinder bestiegen den Zug, der sie an die Küste der Normandie bringen sollte.

Während der alte Leconte den Zug in der Ferne verschwinden sah, lächelte er vor sich hin, und für einen Augenblick hatte er das Gefühl, dass die Geschichte der Sauvelles, ihre wahre Geschichte, gerade erst begonnen hatte.

2.Geographie und Anatomie

Normandie, Sommer 1937

An ihrem ersten Tag im Haus am Kap versuchten Irene und ihre Mutter ein wenig Ordnung in ihr neues Zuhause zu bringen. Dorian entdeckte unterdessen seine neue Leidenschaft: die Geographie oder, genauer gesagt, das Zeichnen von Karten. Mit Stiften und einem Heft bewaffnet, die Henri Leconte ihm bei der Abreise geschenkt hatte, zog sich Dorian auf ein kleines Plateau zwischen den Klippen zurück, einen hervorragenden Ausguck, der ihm eine spektakuläre Aussicht bot.

Das Dorf und die kleine Fischermole beherrschten das Zentrum der breiten Bucht. Östlich davon erstreckte sich ein endloser weißer Sandstrand, eine perlweiße Wüste am Meer, auch als »der Strand des Engländers« bekannt. Und dann folgte die Nadel des Kaps, die sich wie eine spitze Kralle ins Meer bohrte. Das neue Zuhause der Sauvelles befand sich an seiner äußersten Spitze, die den Ort von dem breiten Golf trennte, der von den Einheimischen wegen seines tiefen, dunklen Wassers die Schwarze Bucht genannt wurde.

Draußen auf dem Meer, eine halbe Meile vor der Küste, konnte Dorian im sich auflösenden Dunst die kleine Leuchtturminsel erkennen. Der Leuchtturm ragte dunkel und geheimnisvoll aus den Nebelschwaden auf. Wenn er zur Landseite blickte, sah Dorian seine Schwester Irene und seine Mutter auf der Veranda des Hauses am Kap.

Ihre neue Unterkunft war ein zweistöckiges weißes Holzhaus, das hoch oben auf den Felsen klebte: eine Terrasse über dem Nichts. Gleich hinter dem Haus begann der dichte Wald, und über den Wipfeln der Bäume war das majestätische Anwesen von Lazarus Jann zu erkennen, Cravenmoore.

Cravenmoore erinnerte eher an ein Schloss, ein kathedralenartiges Hirngespinst, Ausgeburt einer überspannten, gequälten Phantasie. Seine verschachtelten Dächer waren mit einem Labyrinth aus Bögen, Strebepfeilern, Türmchen und Kuppeln übersät. Das Gebäude erhob sich über einem kreuzförmigen Grundriss, von dem mehrere Flügel abgingen. Dorian betrachtete eingehend die unheimliche Silhouette von Lazarus Janns Wohnsitz. Ein Heer von Wasserspeiern und Engeln wachte über dem Fassadenfries wie eine Schar versteinerter Gespenster in Erwartung der Nacht. Während er sein Heft zuklappte und sich auf den Rückweg zum Haus am Kap machte, fragte sich Dorian, was für ein Mensch sich einen solchen Ort zum Leben aussuchte. Er würde es bald herausfinden, denn an diesem Abend waren sie zum Essen nach Cravenmoore eingeladen. Eine freundliche Geste ihres neuen Wohltäters, Lazarus Jann.

 

Irenes neues Zimmer wies in Richtung Nordwesten. Von ihrem Fenster aus konnte sie die Leuchtturminsel und die Lichtflecken sehen, die die Sonne auf den Ozean malte, Seen aus gleißendem Silber. Nach den beengten Monaten in der winzigen Wohnung in Paris kam ihr ein eigenes Zimmer beinahe wie ein anstößiger Luxus vor. Es war ein berauschendes Gefühl, die Tür schließen zu können und einen Platz ganz für sich allein zu haben.

Während sie zusah, wie die untergehende Sonne das Meer kupferrot färbte, hing sie der Frage nach, was sie zu ihrem ersten Abendessen mit Lazarus Jann anziehen sollte. Sie besaß nur noch einen kleinen Teil ihres einstmals gut gefüllten Kleiderschranks. Bei der Vorstellung, im Herrenhaus von Cravenmoore empfangen zu werden, kamen ihr all ihre Kleidungsstücke wie armselige, beschämende Fetzen vor. Nachdem sie die einzigen beiden Kleider anprobiert hatte, die alle Voraussetzungen für einen solchen Anlass erfüllten, wurde sich Irene eines weiteren Problems bewusst, mit dem sie nicht gerechnet hatte.

Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr schien ihr Körper an gewissen Stellen an Umfang zuzunehmen und an anderen zu verlieren. Als sich die fast Fünfzehnjährige nun im Spiegel betrachtete, fielen Irene die Launen der Natur stärker ins Auge als je zuvor. Ihre neue, kurvenreiche Figur passte nicht mehr zu den schlichten Schnitten ihrer angestaubten Garderobe.

Ein glutrotes Band zog sich am Horizont über die Blaue Bucht, als Simone Sauvelle kurz vor dem Einbruch der Dunkelheit leise an ihre Tür klopfte.

»Herein!«

Ihre Mutter schloss die Tür hinter sich und erfasste mit einem raschen Röntgenblick die Situation. Sämtliche Kleider ihrer Tochter lagen auf dem Bett ausgebreitet. Irene stand in einem schlichten weißen Hemd am Fenster und beobachtete die fernen Lichter der Schiffe im Ärmelkanal. Simone betrachtete Irenes schlanken Körper und lächelte.

»Die Zeit vergeht, und wir bemerken es gar nicht, nicht wahr?«

»Mir passt keines mehr davon. Tut mir leid«, antwortete Irene. »Ich hab’s probiert.«

Simone trat ans Fenster und ging neben ihrer Tochter in die Hocke. Die Lichter des Dorfes im Zentrum der Bucht malten schimmernde Aquarelle auf das Wasser. Die beiden betrachteten eine Weile das eindrucksvolle Schauspiel des Sonnenuntergangs über der Blauen Bucht. Simone streichelte ihrer Tochter übers Gesicht und lächelte.

»Ich glaube, hier wird es uns gefallen. Was meinst du?«, fragte sie.

»Und wir? Werden wir ihm gefallen?«

»Lazarus Jann?«

Irene nickte.

»Wir sind eine bezaubernde Familie. Er wird uns lieben«, antwortete Simone.

»Bist du sicher?«

»Wäre gut, meine Kleine.«

Irene deutete auf ihre Kleider.

»Zieh eins von meinen an«, sagte Simone lächelnd. »Ich denke, sie werden dir besser stehen als mir.«

Irene errötete leicht.

»Dass du immer übertreiben musst«, warf sie ihrer Mutter vor.

»Warten wir’s ab.«

 

Der Blick, mit dem Dorian seine Schwester bedachte, als diese in einem Kleid von Simone am Fuß der Treppe erschien, war preiswürdig. Irene heftete ihre grünen Augen auf Dorian und gab ihm mit drohend erhobenem Zeigefinger einen gutgemeinten Rat:

»Sag nichts.«

Dorian nickte stumm, unfähig, seinen Blick von dieser Unbekannten zu wenden, die mit derselben Stimme sprach wie seine Schwester Irene und ihr aufs Haar glich. Simone bemerkte seine Miene und verkniff sich ein Lächeln. Dann legte sie mit feierlichem Ernst ihre Hand auf die Schulter des Jungen und ging vor ihm in die Hocke, um seine dunkle Haartolle glattzustreichen, ein Erbe seines Vaters.

»Du bist von Frauen umzingelt, mein Junge. Gewöhn dich daran.«

Dorian nickte erneut, halb resigniert, halb erstaunt. Als die Wanduhr acht schlug, waren alle bereit für die große Begegnung und in ihre besten Kleider gewandet. Und außerdem halbtot vor Angst.

 

Eine sanfte Brise wehte von See und strich durch den dichten Wald rund um Cravenmoore. Das verborgene Wispern der Blätter begleitete die Schritte von Simone und ihren Kindern auf dem Pfad, der durch den Wald führte, ein regelrechter Tunnel, der in das dunkle, unergründliche Dickicht geschlagen war. Das bleiche Antlitz des Mondes lugte hinter dem Leichentuch aus dunklen Schatten hervor, das über dem Wald lag. Die Rufe der Vögel, die in den Kronen der gewaltigen, hundertjährigen Bäume nisteten, vereinten sich zu einer beunruhigenden Litanei.

»Dieser Ort macht mir Gänsehaut«, bemerkte Irene.

»Ach was«, fiel ihre Mutter ihr ins Wort. »Es ist einfach nur ein Wald. Vorwärts.«

Dorian, der die Nachhut bildete, betrachtete schweigend die Schatten des Waldes. Die Dunkelheit formte bedrohliche Schemen und befeuerte seine Phantasie, die in ihnen Dutzende von teuflischen, auf der Lauer liegenden Kreaturen sah.

»Bei Tageslicht ist hier nichts weiter als Gestrüpp und Bäume«, wiegelte Simone Sauvelle ab und pulverisierte den flüchtigen Zauber, dem Dorian nachhing.

Einige Minuten später, nach einer nächtlichen Wanderung, die Irene endlos vorkam, standen sie vor der eindrucksvollen, verwinkelten Silhouette von Cravenmoore, das wie ein Märchenschloss aus dem Nebel auftauchte. Die Fenster des riesigen Anwesens von Lazarus Jann waren von goldenem Licht erleuchtet. Das Heer von Wasserspeiern zeichnete sich vor dem Himmel ab. Etwas abseits war die Spielzeugfabrik zu erkennen, ein Seitentrakt der Villa.

Simone und ihre Kinder blieben am Waldrand stehen, um die überwältigende Größe der Residenz des Spielzeugfabrikanten auf sich wirken zu lassen. In diesem Augenblick flatterte ein Vogel – ein Rabe, wie es schien – aus dem Gebüsch und flog eine neugierige Runde über dem Park, der Cravenmoore umgab. Der Vogel kreiste über einem der steinernen Brunnen und ließ sich schließlich zu Dorians Füßen nieder. Nachdem er aufgehört hatte, mit den Flügeln zu schlagen, wiegte er sich langsam hin und her, bis er schließlich reglos sitzen blieb. Der Junge ging in die Hocke und streckte langsam seine rechte Hand nach dem Tier aus.

»Sei vorsichtig«, warnte ihn Irene.

Dorian hörte nicht auf ihren Rat und strich dem Raben übers Gefieder. Der Vogel rührte sich nicht. Der Junge nahm ihn in die Hände und breitete seine Flügel aus. Ein Ausdruck der Verblüffung überschattete sein Gesicht. Nach einigen Sekunden wandte er sich zu Irene und Simone um.

»Er ist aus Holz«, murmelte er. »Es ist eine Maschine.«

Die drei warfen sich schweigende Blicke zu. Simone seufzte und sagte dann zu ihren Kindern:

»Wir wollen einen guten Eindruck hinterlassen, ja?«

Diese nickten. Dorian stellte den Holzvogel wieder auf den Boden. Simone Sauvelle lächelte, und auf ihr Nicken hin stiegen die drei die geschwungene Freitreppe aus weißem Marmor hinauf, die zu dem mächtigen Bronzeportal führte, hinter dem sich die geheime Welt des Lazarus Jann verbarg.

Die Türen von Cravenmoore öffneten sich vor ihnen, ohne dass sie den eigentümlichen bronzenen Türklopfer in Gestalt eines Engelsgesichts betätigen mussten. Ein intensiver goldener Lichtschein drang aus dem Inneren des Hauses. In der Helligkeit zeichnete sich eine reglose Silhouette ab. Plötzlich erwachte die Gestalt zum Leben und neigte den Kopf, während gleichzeitig ein mechanisches Rattern zu hören war. Leblose Augen starrten sie an, hohle Glaskugeln, eingelassen in eine Maske, deren einziger Ausdruck ein schauriges Grinsen war.

Dorian schluckte. Irene und ihre Mutter, die leichter zu beeindrucken waren, wichen einen Schritt zurück. Die Gestalt streckte ihnen eine Hand entgegen und erstarrte dann wieder.

»Ich hoffe, Christian hat Sie nicht erschreckt. Er ist eine frühe, plumpe Schöpfung.«

Die Sauvelles wandten sich zu der Stimme um, die vom Fuß der Treppe aus zu ihnen sprach. Ein freundliches Gesicht, dem ein glückliches Alter beschieden schien, lächelte ihnen mit einer gewissen Verschmitztheit zu. Die Augen des Mannes waren blau und blitzten unter einem dichten, sorgfältig gescheitelten Haarschopf hervor. Der Mann, formvollendet gekleidet und mit einem Gehstock aus bemaltem Ebenholz in der Hand, trat näher und bedachte sie mit einer respektvollen Verbeugung.

»Mein Name ist Lazarus Jann, und ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen«, sagte er.

Seine Stimme klang warm und gütig, eine Stimme, in der etwas Beruhigendes und merkwürdig Gelassenes lag. Seine großen blauen Augen betrachteten aufmerksam jedes einzelne Familienmitglied und blieben schließlich auf Simones Gesicht ruhen.

»Ich habe meinen gewohnten Abendspaziergang durch den Wald unternommen und mich verspätet. Madame Sauvelle, wenn ich nicht irre …«

»Sehr erfreut, Monsieur.«

»Bitte nennen Sie mich Lazarus.«

Simone nickte.

»Das ist meine Tochter Irene. Und das ist Dorian, das Nesthäkchen der Familie.«

Lazarus Jann reichte beiden freundlich die Hand. Sein Händedruck war fest und angenehm, sein Lächeln ansteckend.

»Nun, was Christian betrifft, vor dem brauchen Sie wirklich keine Angst zu haben. Ich behalte ihn als Erinnerung an meine Anfangszeit. Er ist plump und sieht alles andere als freundlich aus, ich weiß.«

»Ist er eine Maschine?«, fragte Dorian fasziniert.

Simones tadelnder Blick kam zu spät. Lazarus lächelte dem Jungen zu.

»So könnte man es nennen. Technisch gesehen ist Christian das, was wir einen Automaten nennen.«

»Haben Sie ihn gebaut, Monsieur?«

»Dorian!«, schalt seine Mutter.

Lazarus lächelte erneut. Offensichtlich störte ihn die Neugier des Jungen nicht im Geringsten.

»Ja. Ihn und viele andere. Das ist oder vielmehr war mein Beruf. Aber das Abendessen wartet. Was halten Sie davon, wenn wir das alles bei einem guten Happen besprechen und uns so besser kennenlernen?«

Köstlicher Bratenduft stieg ihnen in die Nase wie ein Zauberelixier. Selbst ein Stein hätte ihre Gedanken lesen können.

 

Doch der überraschende Empfang durch den Automaten und die überwältigende Außenansicht von Cravenmoore waren nur ein Vorgeschmack darauf, was die Sauvelles im Inneren von Lazarus Janns Villa erwartete. Kaum waren sie über die Schwelle getreten, als die drei in eine phantastische Welt eintauchten, die weit über ihre kühnsten Vorstellungen hinausging.

Eine prunkvolle Treppe schien sich spiralförmig ins Endlose hinaufzuwinden. Wenn sie den Blick nach oben richteten, sahen die Sauvelles einen hohen Raum, der bis in die zentrale Kuppel von Cravenmoore hinaufreichte. Eine Laterna magica tauchte das Innere des Hauses in ein diffuses, gebrochenes Licht. Von diesem gespenstischen Schimmern übergossen, war eine schier endlose Galerie mechanischer Geschöpfe zu erkennen. Eine große Standuhr mit Augen und einer karikaturenhaften Grimasse grinste den Besuchern entgegen. Eine Ballerina im luftigen Schleier drehte sich in der Mitte eines ovalen Raumes, in dem jeder Gegenstand, jedes Detail Teil einer von Lazarus Jann geschaffenen Welt war.

Die Türknäufe zierten fröhlich lachende Gesichter, die mit den Augen zwinkerten, wenn man daran drehte. Ein großer Uhu mit prächtigem Gefieder zeigte seine gläsernen Pupillen und schlug im Dämmerlicht langsam mit den Flügeln. Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Miniaturen und Spielzeugen füllten endlose Wände und Vitrinen, für deren Erkundung man ein ganzes Leben gebraucht hätte. Ein niedliches mechanisches Hündchen wedelte mit dem Schwanz und kläffte einer vorbeihuschenden Blechmaus hinterher. Von der unsichtbaren Decke hing ein Mobile aus Feen, Drachen und Sternen herab und tanzte um ein Schloss, das zum fernen Klang einer Spieluhr inmitten von Wattewolken schwebte …

Wohin sie auch sahen, entdeckten die Sauvelles immer neue Wunder, immer neue unglaubliche Schöpfungen, die alles je Gesehene übertrafen. Unter Lazarus’ amüsiertem Blick blieben die drei minutenlang stehen, in einem Zustand völliger Verzauberung gefangen.

»Es ist … es ist wunderbar!«, sagte Irene, die ihren Augen nicht traute.

»Nun, das ist erst die Eingangshalle. Aber es freut mich sehr, dass sie Ihnen gefällt«, erklärte Lazarus, während er sie zu dem großen Speisesaal von Cravenmoore führte.

Dorian, dem es die Sprache verschlagen hatte, betrachtete alles mit tellergroßen Augen. Simone und Irene, die nicht minder beeindruckt waren, gaben sich alle Mühe, nicht völlig in jenen hypnotischen Traumzustand zu verfallen, den das Haus hervorrief.

Der Saal, in dem das Abendessen aufgetragen wurde, stand der Eingangshalle in nichts nach. Von den Gläsern bis zum Besteck, von den Tellern bis zu den kostbaren Teppichen, die den Boden bedeckten, trug alles den Stempel von Lazarus Jann. Nicht ein einziger Gegenstand im Haus schien der grauen, so schrecklich normalen wirklichen Welt anzugehören, die sie mit dem Betreten dieses Hauses hinter sich gelassen hatten. Dabei entging Irene nicht das riesige Porträt, das über dem Kamin hing, dessen Flammen aus den Mäulern mehrerer Drachen flackerten. Es zeigte eine betörend schöne Dame im weißen Kleid. Ihr Blick war von solcher Eindringlichkeit, dass die Grenze zwischen der Wirklichkeit und dem Pinselstrich des Künstlers verschwamm. Irene versank sekundenlang in diesem magischen, bezaubernden Blick.

»Meine Frau Alexandra … als sie noch bei guter Gesundheit war. Es waren wunderbare Zeiten«, sagte Lazarus hinter ihr mit einer Stimme, die von Melancholie und Resignation umhüllt war.

 

Das Essen bei Kerzenschein verlief angenehm. Lazarus Jann entpuppte sich als exzellenter Gastgeber, der rasch mit Scherzen und allerlei Schnurren die Sympathie von Dorian und Irene gewann. Im Verlauf des Abends erzählte er ihnen, dass die köstlichen Gerichte, die sie genossen, von Hannah zubereitet worden seien, einem Mädchen in Irenes Alter, das als Köchin und Zimmermädchen für ihn arbeite. Nach wenigen Minuten verschwand die anfängliche Anspannung, und alle beteiligten sich an der lockeren Unterhaltung, die der Spielzeugfabrikant mit unaufdringlicher Geschicklichkeit entspann.

Als sie zum zweiten Gang kamen, einem Truthahnbraten, Hannahs Spezialität, hatten die Sauvelles das Gefühl, es mit einem alten Bekannten zu tun zu haben. Zu ihrer Beruhigung stellte Simone fest, dass die Sympathie zwischen ihren Kindern und Lazarus auf Gegenseitigkeit beruhte und auch sie sich seinem Charme nicht entziehen konnte.

Zwischen zahlreichen Anekdoten gab Lazarus ihnen hilfreiche Erläuterungen zum Haus und zu den Aufgaben, die mit der neuen Stelle verbunden waren. Freitags hatte Hannah ihren freien Abend, den sie bei ihrer Familie, einfachen Leuten, in Baie Bleue verbrachte. Lazarus kündigte jedoch an, dass sie Gelegenheit haben würden, sie kennenzulernen, sobald sie wieder zur Arbeit kam. Hannah war neben Lazarus und seiner Frau die einzige Person, die auf Cravenmoore lebte. Sie würde ihnen dabei helfen, sich einzuleben, und ihnen bei allen Fragen bezüglich des Hauses zur Verfügung stehen.

Beim Nachtisch, einer unwiderstehlichen Himbeertorte, begann Lazarus zu erklären, was er von ihnen erwartete. Obwohl im Ruhestand, arbeite er nach wie vor gelegentlich in der Spielzeugwerkstatt. Sowohl zur Fabrik als auch zu den Zimmern der oberen Stockwerke sei ihnen der Zugang verboten. Sie dürften sie unter keinen Umständen betreten. Dies gelte insbesondere für den Westflügel des Hauses, in dem sich die Räumlichkeiten seiner Frau befänden.

Alexandra Jann litt seit mehr als zwanzig Jahren an einer seltsamen, unheilbaren Krankheit, die sie zwang, absolute Bettruhe zu halten. Sie lebte zurückgezogen in ihrem Zimmer im zweiten Stock des Westflügels, das nur ihr Mann betrat, um sich um sie zu kümmern und ihr alle Pflege angedeihen zu lassen, die sie in ihrem Zustand benötigte. Der Spielzeugfabrikant erzählte ihnen, wie sich seine Frau, damals eine lebensfrohe, jugendliche Schönheit, die mysteriöse Krankheit auf einer Reise durch Mitteleuropa zugezogen habe.

Der Virus, gegen den es offenbar kein Heilmittel gab, hatte zusehends von ihr Besitz ergriffen. Bald konnte sie kaum noch gehen oder einen Gegenstand festhalten. Binnen sechs Monaten verschlechterte sich ihr Zustand derart, dass sie zur Invalidin wurde, ein trauriges Abbild der Person, die er nur wenige Jahre zuvor geheiratet hatte. Ein Jahr nach dem Ausbruch der Krankheit begann das Gedächtnis der Erkrankten nachzulassen, und nach wenigen Wochen war sie kaum noch imstande, ihren eigenen Ehemann zu erkennen. Dann hörte sie auf zu sprechen, und ihr Blick starrte ins Leere. Alexandra Jann war zu diesem Zeitpunkt sechsundzwanzig Jahre alt. Seit jenem Tag hatte sie Cravenmoore nicht mehr verlassen.

Die Sauvelles lauschten Lazarus’ trauriger Erzählung mit respektvollem Schweigen. Der Fabrikant, den die Erinnerung und die zwei Jahrzehnte voller Einsamkeit und Leid sichtlich aufwühlten, versuchte dem Ganzen die Schwere zu nehmen, indem er das Gespräch auf Hannahs köstliche Torte lenkte. Doch die traurige Bitternis in seinem Blick blieb Irene nicht verborgen.

Es fiel ihr nicht schwer, sich Lazarus Janns Rückzug ins Nirgendwo vorzustellen. Nachdem ihm das genommen worden war, was er am meisten liebte, hatte sich Lazarus in seine Phantasiewelt zurückgezogen und Hunderte von Wesen und Objekten geschaffen, um mit ihnen die tiefe Einsamkeit auszufüllen, die ihn umgab.

Nachdem sie die Geschichte des Spielzeugfabrikanten gehört hatte, war Irene klar, dass sie diesen einer überbordenden Einbildungskraft entsprungenen Kosmos von Cravenmoore nicht länger als die spektakuläre, beeindruckende Laune seines Schöpfers sehen konnte. Für sie, die die Leere des Verlusts am eigenen Leib erfahren hatte, war Cravenmoore nichts anderes als der dunkle Widerhall des Labyrinths aus Einsamkeit, in dem Lazarus Jann in den letzten zwanzig Jahren gelebt hatte. Jeder Bewohner dieser wundersamen Welt, jedes Geschöpf war nichts anderes als eine stumm vergossene Träne.

Nach dem Essen wusste Simone Sauvelle genau über ihre Pflichten und Zuständigkeiten im Haus Bescheid. Ihre Aufgaben entsprachen denen einer Haushälterin, eine Arbeit, die wenig mit ihrem ursprünglichen Beruf als Lehrerin zu tun hatte, aber für eine gute Zukunft ihrer Kinder war sie gewillt, ihr Möglichstes zu tun. Simone sollte Hannahs Arbeit und jene der Aushilfsbediensteten überwachen, sie würde sich um die Verwaltung und Instandhaltung von Lazarus Janns Anwesen kümmern, die Geschäfte mit den Lieferanten und den Händlern im Dorf abwickeln, die Korrespondenz führen, Bestellungen aufgeben und dafür sorgen, dass nichts und niemand den Fabrikanten in seinem selbstgewählten Rückzug von der Außenwelt störte.

Im Gegenzug konnte Simone mit ihren Kindern im Haus am Kap wohnen und erhielt ein mehr als anständiges Gehalt. Lazarus würde überdies Irenes und Dorians Schulgeld für das kommende Schuljahr übernehmen. Außerdem verpflichtete er sich, beiden das Studium zu bezahlen, wenn die jungen Leute die Befähigung und den Willen dazu zeigten. Irene und Dorian wiederum konnten ihrer Mutter bei den Aufgaben zur Hand gehen, die diese ihnen im Haus zuwies, solange sie sich an die goldene Regel hielten und niemals die von seinem Besitzer abgesteckten Grenzen überschritten.

In Anbetracht der letzten Monate in Schulden und Elend erschien Lazarus’ Angebot Simone Sauvelle wie ein Geschenk des Himmels. Die Blaue Bucht war eine paradiesische Umgebung, um mit ihren Kindern ein neues Leben anzufangen. Die Stelle war attraktiv, und es sah ganz so aus, als ob Lazarus ein großzügiger, gütiger Arbeitgeber wäre. Früher oder später musste ihnen das Glück wieder hold sein. Das Schicksal hatte sie an diesen abgelegenen Ort geführt, und zum ersten Mal seit langem war Simone gerne bereit, dem Schicksal Folge zu leisten. Mehr noch, wenn ihr Gefühl sie nicht trog – und das tat es selten –, spürte sie, dass ihr und ihrer Familie aufrichtige Sympathie entgegengebracht wurde. Sie konnte sich durchaus vorstellen, dass ihre Gesellschaft und ihre Anwesenheit auf Cravenmoore Balsam für die unendliche Einsamkeit sein mochte, die seinen Besitzer zu umfangen schien.

Das Abendessen endete mit einer Tasse Kaffee und Lazarus’ Versprechen, den zutiefst faszinierten Dorian irgendwann in die Geheimnisse der Herstellung von Automaten einzuweihen. Bei diesem Angebot begannen die Augen des Jungen zu leuchten, und für einen kurzen Moment trafen sich Lazarus’ und Simones Blicke im Kerzenschein. Simone entdeckte in ihnen die Spur jahrelangen Alleinseins, einen Schatten, den sie nur zu gut kannte. Ziellos dahintreibende Schiffe, deren Wege sich in der Nacht kreuzen. Der Spielzeugfabrikant wandte den Blick ab und stand schweigend auf, um die Tafel aufzuheben.

Dann begleitete er sie zum Haupteingang, wobei er hin und wieder kurz stehen blieb, um ihnen eines der Wunderwerke zu erklären, die ihren Weg säumten. Dorian und Irene lauschten seinen Erläuterungen mit offenem Mund. Cravenmoore beherbergte so viele wundersame Dinge, dass es für hundert Jahre Staunen gereicht hätte. Kurz bevor sie die Eingangshalle erreichten, blieb Lazarus vor einer komplizierten Apparatur aus Spiegeln und Linsen stehen und warf Dorian einen rätselhaften Blick zu. Wortlos steckte er den Arm in einen Spiegelschacht. Das Abbild seiner Hand löste sich langsam auf, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen war. Lazarus lächelte.

»Du darfst nicht alles glauben, was du siehst. Das Abbild der Wirklichkeit, das unsere Augen wiedergeben, ist nur eine Illusion, ein optischer Effekt«, sagte er. »Das Licht ist eine große Lügnerin. Gib mir deine Hand.«

Dorian folgte den Anweisungen des Spielzeugfabrikanten und ließ zu, dass dieser seine Hand ebenfalls in den Spiegelschacht schob, wo seine Hand vor seinen Augen verschwand. Dorian wandte sich mit einer stummen Frage im Blick zu Lazarus.

»Kennst du dich mit den Gesetzen der Optik und des Lichts aus?«, fragte der.

Dorian schüttelte den Kopf. In diesem Moment wusste er nicht einmal, wo seine rechte Hand war.

»Die Magie ist nur eine Erweiterung der Physik. Wie steht es mit der Mathematik?«

»Mit Ausnahme der Trigonometrie, so lala …«

Lazarus lächelte.

»Damit werden wir beginnen. Die Phantasie besteht aus Zahlen, Dorian. Das ist der ganze Trick.«

Der Junge nickte, ohne genau zu wissen, wovon Lazarus sprach. Schließlich wies dieser zur Tür und begleitete sie bis auf die Schwelle. In diesem Augenblick glaubte Dorian etwas zu sehen, das unmöglich war. Als sie an einer der flackernden Laternen vorbeikamen, zeichneten sich die Schatten ihrer Körper an den Wänden ab. Alle bis auf einen: der von Lazarus hinterließ keine Spur an der Wand, als sei seine Gegenwart nur eine Illusion.

Als er sich umdrehte, beobachtete Lazarus ihn aufmerksam. Der Junge schluckte. Der Spielzeugfabrikant kniff ihm zärtlich in die Wange, scherzhaft.

»Glaub nicht alles, was deine Augen sehen …«

Und Dorian folgte seiner Mutter und seiner Schwester nach draußen.

»Danke für alles, und gute Nacht«, sagte Simone zum Abschluss.

»Es war mir ein Vergnügen. Und das sage ich nicht aus Höflichkeit«, erklärte Lazarus herzlich. Er lächelte freundlich und hob zum Abschied die Hand.

 

Kurz vor Mitternacht machten sich die Sauvelles auf den Rückweg durch den Wald zum Haus am Kap.

Dorian war ganz still. Er stand noch unter dem Eindruck von Lazarus Janns wundersamem Anwesen. Irene war weit weg, in ihre eigenen Gedanken vertieft. Simone wiederum atmete beruhigt auf und dankte Gott für das Glück, das er ihnen gesandt hatte.

Kurz bevor die Umrisse von Cravenmoore hinter ihnen verschwanden, drehte sich Simone noch einmal um, um es ein letztes Mal zu betrachten. Ein einziges Fenster im zweiten Stock des Westflügels war noch erleuchtet. Eine Gestalt stand reglos hinter den Vorhängen. Genau in diesem Moment verlosch das Licht, und das hohe Fenster versank in Dunkelheit.

 

Zurück in ihrem Zimmer, zog Irene das Kleid aus, das ihre Mutter ihr geliehen hatte, und legte es sorgfältig über den Stuhl. Im Nachbarzimmer waren Simones und Dorians Stimmen zu hören. Das Mädchen löschte das Licht und legte sich aufs Bett. Blaue Schatten huschten über den klaren Himmel wie tanzende Gespenster im Nordlicht. Das Murmeln der Wellen, die sich an den Klippen brachen, liebkoste die Stille. Irene schloss die Augen und versuchte vergeblich zu schlafen.

Es war kaum zu glauben, dass sie von dieser Nacht an ihr altes Zimmer in Paris nie mehr wiedersehen würde und auch nicht mehr in das Tanzlokal gehen musste, um sich die paar Münzen zu verdienen, die die Soldaten dabeihatten. Sie wusste, dass die Schatten der großen Stadt sie hier nicht erreichen konnten, doch die Erinnerungen ließen sich nicht aufhalten. Sie stand wieder auf und trat ans Fenster.

Der Leuchtturm ragte in der Dunkelheit auf. Sie betrachtete die Insel im weißen Nebel. Ein flüchtiger Lichtreflex schien aufzuleuchten, wie das Aufblitzen eines Spiegels in der Ferne. Sekunden später erschien der Lichtstrahl erneut, um dann endgültig zu verschwinden. Irene runzelte die Stirn und bemerkte, dass ihre Mutter unten auf der Veranda stand. In einen dicken Pullover gehüllt, betrachtete sie schweigend das Meer. Irene brauchte ihr Gesicht in der Dunkelheit nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie weinte und dass sie beide lange brauchen würden, um einzuschlafen. In dieser ersten Nacht im Haus am Kap, nach diesem ersten Schritt, der sie dem Horizont des Glücks näher zu bringen schien, machte sich Armand Sauvelles Fehlen schmerzlicher bemerkbar als je zuvor.

3.Die Blaue Bucht