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Carol Shields, die für diesen Roman den Pulitzerpreis erhielt, erzählt raffiniert und lebensnah von einem Frauenleben im 20. Jahrhundert. An einem allzu heißen Nachmittag des Jahres 1905 kommt Daisy Goodwill in einer Sturzgeburt auf die Welt. Die Mutter stirbt, Grund für die lebenslange Trauer ihres verträumten Vaters. Daisy wächst bei der Nachbarin Clarentine und deren Sohn Barker auf, der später Daisys große Liebe werden wird. Doch bis dahin muss sie eine schwierige Jugend und eine unglückliche erste Ehe durchleben. Zufriedenheit erfährt Daisy erst mit Barker und den gemeinsamen Kindern. Im hohen Alter vom Leben gebeutelt, macht Daisy noch eine große Reise, ehe sie in einem Altersheim die Vergänglichkeit erleidet und stirbt. »In ihrem Roman beschreibt Carol Shields auf einfühlsame Weise und mit enormem Sprachvermögen die Geschichte einer einfachen Frau, für die das Leben alles andere als eine Romanze ist.« Berliner Morgenpost
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover & Impressum
Widmung
Dank
Zitat
Geburt, 1905
Kindheit, 1916
Heirat, 1927
Liebe, 1936
Mutterschaft, 1947
Arbeit 1955–1964
Schmerz, 1965
Seelenfrieden, 1977
Krankheit und Verfall, 1985
Tod
Der Name meiner Mutter war Mercy Stone Goodwill. Sie war erst dreißig Jahre alt, als sie an einem glühendheißen Tag erkrankte, während sie in ihrer nach hinten gelegenen Küche stand und für ihren Mann einen Malvernpudding zum Abendessen bereitete. Ein Kochbuch lag aufgeschlagen auf dem Tisch: »Man nehme einige Scheiben altbackenes Brot«, lautete das Rezept, »zwei Tassen Johannisbeeren, eine Tasse Himbeeren, 100 g Zucker, etwas Süßrahm, falls vorhanden.« Natürlich hat sie das Rezept halbiert, sind sie doch nur zu zweit, zumal Johannisbeeren knapp sind und Cuyler (mein Vater) ein schlechter Esser ist. Stocherpicker nennt sie ihn, den Mann, der imstande ist, zu essen oder es bleibenzulassen.
Es beschämt sie, wie wenig der Mann ißt, wie er mit seinem Löffel in dem Gericht herumstochert, vielleicht ein-, zweimal die Augen hebt, um ihr über den Tisch einen scheuen, anerkennenden Blick zuzuwerfen, aber sich nie eine zweite Portion nimmt, es ihr überläßt, alles aufzuessen – er fährt mit der Hand durch die Luft, eine verträumte Gebärde, mit der er sie nötigt. Und die ganze Zeit lächelt er, mit seiner einfältigen, zärtlichen Miene. Was bedeutete Essen für einen Arbeiter wie ihn? Eine Last, eine Störung, vielleicht gar eine Art Preis, der zu entrichten war, um sich aufrecht zu halten und weiter zu atmen. Nun, bei ihr, meiner Mutter, war das eine andere Sache.
Essen war dem Himmel so nahe, wie meine Mutter ihm jemals gekommen ist. (Heutzutage haben wir einen Namen für eine Leidenschaft, die so krankhaft ist wie die ihre.)
Und fast so himmlisch wie das Essen war das Zubereiten – mit welcher Hingabe sie darin aufging! Ein jeder Mensch auf Erden hat seine eigene Vorstellung vom Paradies, und dies war ihre, in der mörderisch heißen Küche ihres Hauses stehen, zusammenrühren und -brauen, vornübergebeugt auf den schönen Druck des Kochbuchs hinabblinzeln, einen sauberen Holzlöffel in der Hand.
Es ist schon ein Anblick, wie sie sich konzentriert – ihr heißes, eifriges Gesicht –, wie es sie entzückt, das Gericht Gestalt annehmen zu sehen, wenn sie die gedünsteten Früchte in die kunstvolle Form gießt, das dick geschnittene Brot in den sickernden Saft drückt, fühlt, wie es aufweicht und sich nach und nach voll Himbeerrot saugt. Malvernpudding, sie liebt auch das Wort und läßt die Silben auf der Zunge zergehen wie eine süße Waffel, ja ihre Zunge selbst ist waffelartig und süß geworden. Wie eine Künstlerin – Jahre später ist mir diese Art Kunstfertigkeit vollkommen klar – rührt und schichtet sie und zieht grübelnd die Unterlippe ein. Das wird ein Gericht! Ein warmer Schwamm, der Farbe annimmt. (Mrs. Flett von nebenan hat ihr ein paar Johannisbeeren von ihrem Strauch überlassen; die Himbeeren hat sie selbst am Straßenrand im Süden des Dorfes gefunden, auch wenn es sie halb umbringt, eine Frau von ihrem Umfang, in der Hitze des Tages draußen herumzulaufen.)
Sie streut eine Extraportion Zucker darüber, einen Löffel voll, dann noch einen, dann nimmt sie den Löffel in den Mund, die groben Kristalle, die sie munter halten. Es ist drei Uhr – ein heißer Julinachmittag mitten in Manitoba, mitten im Dominion Kanada. Die Wohnzimmeruhr (gediegener Firnis, vergoldete Füße, ein Hochzeitsgeschenk von der Familie ihres Mannes, den Goodwills aus Stonewall) hat gerade die Stunde geschlagen. Cuyler wird um Punkt fünf aus dem Steinbruch nach Hause kommen; gut gelaunt wird er sich am Spülbecken gründlich waschen, und um halb sechs werden sie sich beide an den Tisch setzen – an ebendiesen Tisch, nur mit einem sauberen Tuch bedeckt, jeden zweiten Tag ein frisches Tuch – und ihr Abendessen einnehmen. Es wird zum größten Teil ein stummes Mahl sein; denn meine Eltern sind beide schüchtern von Natur, und beide wurden in dem Glauben erzogen, daß Reden und Essen verschiedene Tätigkeiten sind, die man zu getrennten Zeiten auszuüben hat. Heute abend werden sie kaltes Corned beef mit einem Löffel selbstgemachter Würzsoße zu sich nehmen, ein paar Kartoffeln in der Schale als Beilage, gesüßten Tee und danach diesen köstlichen Pudding. Er wird große Augen machen: Mein Vater, Cuyler Goodwill, achtundzwanzig Jahre alt, seit zwei Jahren verheiratet, hat in seinem Leben noch keinen Malvernpudding gekostet. (Hierfür bereitet sie alles vor – seine erstaunte, leicht verwirrte Miene, den zärtlichen, anmutigen Männermund, der überrascht aufklappt. Das ist das mindeste, was sie tun kann, ihn auf solche Weise überraschen.) Sie stellt vorsichtig einen Teller mit Blumenmuster auf den Pudding und beschwert ihn mit einem Stein.
An einen kühlen Ort, heißt es im Rezept: »Man stelle die Form an einen kühlen Ort.« (Es ist ein altes Buch, vor mehr als dreißig Jahren in England erschienen, die Seiten sind schlaff, der Ton der Verfasserin aber ist energisch und scharf.) Doch wo soll Mercy Goodwill an einem Tag wie heute einen kühlen Ort finden? Sogar der dunkle Steinverschlag unter der Kellertreppe, wo sie ihre Milch, ihre Butter und ihr Schmalz lagert, hat sich erwärmt und die letzten vierzehn Tage einen eigenartigen sauren Geruch verströmt. Die Familie Flett von nebenan hat vor kurzem einen Labrador-Eisschrank gekauft, mit Zink verblendet, und Mrs. Flett hat Mercy schüchtern von dieser Erwerbung erzählt, hat die Eigenschaften erwähnt, die Entlüftungsvorrichtung, die Vorratsroste aus glänzendem Blech und daß ein Eisblock zwei oder mehr warme Tage überdauern kann.
Ein jäher Gedanke – die Sorge, wie der Pudding kühl zu halten sei, oder vielleicht Neid auf den neuen Eisschrank der Fletts – löst bei meiner Mutter den ersten krampfhaften Schmerz aus. Sie gibt einen leisen Schrei von sich. Ihre Augenwinkel ziehen sich zusammen, als hätte jemand sie an den Haaren gepackt und hochgezerrt, so daß ihre Kopfhaut brennt. Ein Zeuge, wäre in der kleinen Küche ein Zeuge zugegen gewesen, hätte vielleicht eine nahende Ohnmacht befürchtet, obwohl meine Mutter nicht sehr zu Schwächeanfällen neigt. Was sie fühlt, ist mehr wie ein Umwälzen im unteren Brustkorb, zuerst ein Heben, dann ein abruptes Senken, ein Quetschen wie bei einer seitwärts gehaltenen Ziehharmonika.
Sie blickt nach unten und beobachtet verwundert, wie die blauen und weißen Streifen ihrer Kittelschürze zu bunten Flocken zerstieben. Ihre Hände flattern vorwärts in die Luft, ein Reflex, um den zermalmenden Druck aufzuhalten, und sie stützt sich, indem sie die Schultern strafft und die Hände flach auf den Tisch legt, beugt sich vor und stößt ein langes, leises Wimmern aus. Der Laut, der von ihren Lippen kommt, ist formlos, fahrig, eine wirre Wellenlinie. (Später werden sich diese Worte, mehr als alle anderen, mit meinem Bild von meiner Mutter verbinden: Fahrigkeit, Wirrnis.) Für eine gewichtige Frau schwitzt sie wenig, selbst im Hochsommer, und sie hegt heimlich einen scheuen Stolz auf ihre Körpertrockenheit – nur jetzt breitet sich unter ihrem Kittel, ihre Rückenfurehe hinab, ein breiter feuchter Streifen aus. Sie atmet schnell, blinzelt, als der Schmerz sich in massiven Ringen um ihren Bauch legt. Da unten, in den überlappenden Falten ihres Fleisches vergraben, fühlt sie sich überschwemmt. Eine Flutwelle, eine Sintflut.
Den ganzen Frühling hatte sie Verdauungsbeschwerden. Oft ist sie am Morgen und dann noch einmal am Abend, wenn ihr junger Ehemann eingeschlafen war, aus dem Bett gestiegen und hat sich eine Dosis Bishop’s Magnesiumzitrat verabreicht. Wenn sie gewöhnliche Milch oder gesüßten Tee oder süße Limonade trinkt, schluckt sie gierig, aber Bishop’s kalten kreidigen Trank gießt sie in eine Porzellantasse und trinkt ihn langsam, in tiefer Konzentration, mit Würde. Sie weiß nicht, was sie denken soll. An einem Tag ist sie überzeugt, daß ihre Leber nicht in Ordnung ist, und am nächsten Tag sind es die Nieren – sie ist erst dreißig Jahre alt, aber Nierenleiden können früh im Leben auftreten, zumal bei einer Frau von dem außergewöhnlichen Umfang meiner Mutter. Oder vielleicht rühren die Beschwerden von Verstopfung her. Mrs. Flett nebenan hat auf diese Möglichkeit hingewiesen und Rhabarbertabletten empfohlen oder auch, im Vertrauen, ein Frauenleiden vermutet. Übermäßiger Blutverlust, erklärt sie Mercy, sei Ursache für die Klagen vieler junger Damen hat Mercy mit Dr. Spears gesprochen? Dr. Spears ist bekannt für sein Feingefühl, wenn es um Frauenbeschwerden geht; er hat so eine Art, die Augen zusammenzukneifen, wenn er seine heiklen Fragen stellt, und nahezu poetisch von den Zyklen und Balancen der Natur zu sprechen, von den Gezeiten der Fruchtbarkeit oder den Tröstungen der Fruchtsalze.
Nein, Mercy hat sich nicht an Dr. Spears gewandt, sie würde niemals mit Dr. Spears über so etwas sprechen, sie würde mit niemandem sprechen, nicht einmal mit ihrem Mann – schon gar nicht mit ihrem Mann. Ihre Monatsblutung ist nur zweimal in ihrem Leben aufgetreten, aus den weichen Fleischkissen ihres Unterleibs sprudelnd, ihre Unterwäsche mit abstoßendem Glanz befleckend und der kleinen Annehmlichkeiten und Pflichten spottend, aus denen ihr Leben besteht: ihre Handarbeiten, ihr Geschick mit dem Plätteisen, ihr Eingemachtes und Eingelegtes und frisches Leinen und die Lampenzylinder, die sie jeden Morgen aufs neue poliert.
Das Magnesiumzitrat hilft kaum. Fruchtsalze verschlimmern ihr Leiden nur. Ihre Magenwände haben sich weiterhin verkrampft und gehoben, den ganzen Frühling hindurch, und sie hat sich zeitweilig gefragt, ob ihre inneren Membranen unter dem Druck platzen könnten. Oft steigt ihr Galle in die Kehle. Ihre Haut juckt am ganzen Körper. Sie erleidet Anfälle von Blähungen, bei denen ihr siedend heiß wird, vor allem nachts, wenn sie neben meinem Vater liegt, der, aus Liebe, aus Zartgefühl, sich tief schlafend stellt – sie merkt es daran, wie er zusammengerollt respektvoll auf seiner Seite des Bettes bleibt.
Nur Brot scheint ihr Unwohlsein zu lindern, mit Butter bestrichenes Brot, enorme Schnitten, die sie die Leute in diesem Dorf Türstufen hat nennen hören. Sie ißt es frisch aus dem Ofen, Schnitte für Schnitte, müht sich manchmal nicht erst mit dem Messer, sondern reißt eine ganze Handvoll ab. Eines Tages, sie war allein in der Küche, hat sie zwischen Mittag und Abendbrot einen kompletten Laib vertilgt. (Ein Laib sei verbrannt, erklärte sie ihrem Mann, darauf bedacht, Rechenschaft abzulegen über das fehlende Brot – als ob ein Mann mit dem verträumten Wesen meines Vaters eine solche Kleinigkeit bemerken würde, als ob irgendein Mann dergleichen bemerken würde.) Oft streut sie Zucker auf das Butterbrot. Die Oberfläche blinkt und glänzt, die Kristalle, zwischen ihren Zähnen zermalmt, geben ihr Kraft. Sie stellt sich vor, wie die weiche Masse in ihren Magenspeicher eintritt und das bittere, geblähte Gefäß mit wattiger Wärme auskleidet, die die Gifte ihres Körpers absorbiert und neutralisiert.
Ihre Unfähigkeit, Liebe zu empfinden – heruntergeschluckt wie die Erniedrigung, die es bedeutet, Zucker, Hefe, Schmalz und Mehl so zugetan zu sein –, hat sie vergiftet, das weiß sie ganz sicher. Sie bemüht sich, sie täuscht Lust vor, wie es den Frauen nahegelegt wird, aber ihre Anstrengungen werden bestraft mit einem Hunger, der sie überfällt, wenn sie allein ist, so wie an diesem heißen Julitag, abgeschirmt in einem staubigen, von Feldern umgebenen Dorf in Manitoba (ein halbes Dutzend ungepflasterte Straßen, ein Laden, ein Hotel, eine Methodistenkirche, der Bahnhof der Canadian Pacific Eisenbahn und an der Ecke der Bishop Road ein Wohnheim für ledige Männer). Sie scheint immer darauf zu warten, daß sich etwas Neues ereignet, aber ihre Vorstellung von diesem »Etwas« ist getrübt von Unwissenheit und der Aufgedunsenheit ihres Körpergewebes. Am Abend rafft sie verlegen ihr Nachthemd um sich. Wenn sie die Lampe ausbläst, weiß sie nie, was sie erwarten oder wie sie die Schreie ihres Mannes deuten soll, die gottlob gedämpft werden durch die Wände des firmeneigenen Holzhauses, wo sie und mein Vater leben. Zwei Zimmer oben, zwei unten, ein Abtritt hinter dem Haus. Sie weiß nur, daß sie ohne jede Verbindung zur Vergangenheit steht, abgetrennt von den üblichen Tröstungen der Blutsbande und in den letzten beiden Jahren wieder und wieder eingedeckt von Cuyler Goodwills unermeßlicher, unergründlicher Glut. An den Niagara in seiner ganzen Gewalt muß sie denken, wenn Cuyler jeden Abend auf sie steigt, ein Donnerwetter, das gegen die gefalteten Innenwände ihres Körpers anstürmt. Dann fühlt sie sich am tiefsten begraben, als sei sie, Mercy Goodwill, nichts weiter als ein Pulsieren von Blut in der Gruft ihres Fleisches, dem breiten Gesicht, dem dikken, teigigen Hals, den großen, wabbeligen Brüsten und dem massigen Kloß von einem Bauch.
Meine Mutter steht in ihrer Küche, und ihre Schenkel reiben sich wie weiches weißes Fleisch (Kalb oder Huhn oder fettiges Schweinefleisch kommen einem in den Sinn) unter ihrer Baumwollunterhose aneinander – die Hose ist naß, merkt sie plötzlich, vollkommen durchnäßt. Doppelte und dreifache Rüschen aus Fett umringen ihre Fußund Handgelenke, und diese gefurchten Extremitäten sind glitschig von Schweiß. Ihre dicken, geschwollenen Finger drücken sich gegen die Bretter des Küchentisches, und in ihrer linken Hand – der Ehering ist im weichen Fleisch vergraben – verursacht das Gift einen pochenden Schmerz. Sie vermeint ein mattes grünes Licht zu sehen, das sich vor ihren Augen wie ein Fächer entfaltet. Diesmal ist es schlimmer, viel schlimmer als jemals zuvor. Sie fragt sich, ob ihr Körper bersten wird, die Knochen unter dem Fleisch herausgezogen werden, Blut auf Fußboden und Wände spritzt. Sie stellt sich ihr Blut eher gelb als rot vor: ein dicker honigfarbener Schleim, der sie hemmt und daran hindert, nach Mrs. Flett von nebenan zu rufen.
Mrs. Flett ist zufällig in Hörweite, nur gut zehn Meter entfernt hängt sie ihre groben Bettlaken und Kissenbezüge auf eine Wäscheleine. Sie würde herbeilaufen, wüßte sie nur von Mercy Goodwills Not; sie würde im Handumdrehen zur Stelle sein, würde die arme gute Seele ermahnen, ruhig zu bleiben, sie bitten, sich auf das Küchensofa zu legen, ihr das breite, feuchte, ausdruckslose Gesicht mit einem kühlen Lappen waschen, ihr die Kleider lösen, die enggeschnürten Schuhe und die dicken Strümpfe abstreifen. Sie liebt Mercy, liebt ihre Art, ihre gespannte Konzentration, wenngleich ihre Liebe im großen und ganzen (das muß eingestanden werden) von Faszination gespeist ist und auch von Mitleid – Mitleid mit dem massigen, weichen, schwerfälligen Körper, dem an den Seiten von Mercys jungem Gesicht ausufernden Fleisch und einer aufblitzenden Hübschheit, die sich bei bestimmtem Licht zeigt, in der Rundung ihrer Oberlippe oder in ihren haselnußbraunen Augen, die überquellen von leiser Panik. Wenn sie in Mercys Kalbsaugen blickt, denkt sie nicht:
»kindlich«, sondern: »Kind«. Armes Ding, armes verlorenes Ding. Hat nie eine Mutter ihr eigen nennen können und jetzt, wie es aussieht – aber wer kann so etwas schon sagen, wer kann die Zukunft lesen? –, keine eigenen Kinderchen, um sie zu wiegen und ihnen vorzusingen.
Mrs. Flett – ihr Vorname lautet Clarentine – hat drei erwachsene Söhne – Simon, Andrew und Barker –, aber keine Tochter. Der älteste Sohn, Barker, ist nach Winnipeg gegangen, um am College zu studieren, die anderen beiden arbeiten im Steinbruch Seite an Seite mit Mrs. Fletts Mann Magnus, einem Steinmetzmeister – ein kalter, hagerer Mann von den Orkneyinseln, der als Neunzehnjähriger nach Kanada ausgewandert ist. Seine Orkneyart hat er behalten. Er liebt das Einfache. Ein schlicht möbliertes Haus. Einen sorgsam gehegten Garten. Bodenständiges Essen auf dem Tisch, zum Abendessen Haferschleim oder Räucherfisch oder auch einen Teller Butterbrote, mit Tee hinuntergespült. Der Anblick eines gestürzten und mit Rahm überzogenen Malvernpuddings auf einer Glasplatte würde ihn tief betrüben, insbesondere eines Puddings, aufgetischt an einem ganz gewöhnlichen Montagabend im Hochsommer des Jahres 1905 (dem Jahr meiner Geburt, am Tage meiner Geburt).
Mrs. Flett, Clarentine, eine propere Frau, deren Haut die Farbe von Pilzen hat und deren Erinnerung an die Kindheit ihrer Söhne aus Enttäuschung verklärt ist, träumt davon, Mercys große, trockene Hände zu nehmen und zu sagen: »Das Leben einer Frau ist keinen Pfifferling wert, wenn sie nicht gefühlt hat, wie sich neues Leben unter ihrem Herzen regt. Einen kleinen Jungen stillen, ihn zum Mann heranwachsen sehen, das ist Liebe. Wir sagen, wir lieben unsere Männer, wir erheben uns in der Kirche und sagen, daß wir sie immer und ewig lieben werden, bis daß der Tod uns scheidet, aber unser eigenes Fleisch und Blut, das ist es, was wir wirklich lieben.«
Es bereitet ihr Freude, Mercy Geschenke zu machen. Erst im vergangenen Frühjahr ist sie beim Hausputz auf eine alte Aspikform aus Zinn gestoßen, und dies ist das Gefäß, das Mercy heute benutzt, um ihrem Malvernpudding Gestalt zu verleihen. Sie schenkt Mercy Blumen aus ihrem Garten, Wicken, Ziertabak, Nelken, Schleifenblumen, Löwenmäulchen. Auch Kopfsalat, wenn er schön knackig ist, junge Rettiche, Mohrrüben, Saubohnen. Auch Gläser mit Beerenmarmelade oder Rhabarberkompott. Einmal eine Garnitur Küchentücher mit bestickten Ecken, ein andermal einen applizierten Paradekissenbezug mit durchbrochenem Mittelteil. Ja, sie hat Mercy sogar das Kochbuch geschenkt, in das das Mädel so unendlich vernarrt ist, daß sie es vom vielen Gebrauch schon ganz abgenutzt hat. Zu Weihnachten hat sie ihr ein Stück Heliotropseife im Originaleinwickelpapier geschenkt und einmal, aus heiterem Himmel, ein Glas mit Haarnadeln, mit einem Band verziert. Diese Gegenstände scheinen, von ihren Händen in Mercys übergehend, kurzzeitig von Licht umkränzt, wenngleich die Sätze, mit denen sie ihre Gaben begleitet, dazu gedacht sind, ihre Großzügigkeit abzuschwächen. »Ich habe selbst überhaupt keine Verwendung dafür.« Oder: »Ich habe so viel davon, daß ich eine ganze Armee damit ernähren könnte.« Oder: »Zu ausgefallen für uns, aber zu Ihnen paßt es.« Oder: »Mr. Flett verträgt das süßriechende Zeug nicht, und mir ist es zuwider, etwas wegzuwerfen, das vollkommen heil und nützlich ist.«
Mercys sanfte Dankbarkeit, ihr langsam sich formendes Lächeln mit diesem Anflug von Verwirrung, ihr weltfremder Unschuldsblick, dies alles weckt in Mrs. Flett ein Verlangen, sie in die Arme zu schließen. Sie kann sich vorstellen, wie Mercys gedrungene Fülle sich an ihr adrettes Kleid schmiegt, wie sie vor Gefühl und Hingabe bebt.
»Meine Liebe«, möchte sie in die bleiche Masse von Mercys Hals murmeln, in Mercys weiche Schultern und braunes Ringelhaar.
Der Augenblick liegt in der Zukunft, er wird kommen. Dies denkt sie, als sie in der sengenden Sonne steht und ihre saubere Wäsche an die Leine klammert – zuerst die Leintücher, dann ihre Kittel und Hemdblusen, dann die Sommerarbeitsanzüge der Männer. Es geht kaum ein Wind, so daß die Sachen steif und hart trocknen werden – in zwei Stunden werden sie trocken sein, so heiß ist es. Sie ist heute spät dran mit der Wäsche, und der Garten muß noch gejätet, Erbsen fürs Abendessen müssen gepflückt werden. Sie ist immer spät dran, und immer dudelt eine hämische Melodie in ihrem Kopf: jetzt den Herd polieren, jetzt die Flickarbeit, als nächstes die Gardinen stärken. Die scheltende Stimme ist ihre eigene, schroff und hurtig, aber zu machtlos, um sie anzutreiben. Die Männer, ihr Ehemann und ihre Söhne, gehen um Punkt sieben in den Steinbruch und kommen um fünf zurück. Was stellen sie sich vor, was sie den ganzen Tag tut? Es macht sie schaudern, wenn sie daran denkt, daß kein Augenpaar durch das Dach und die Mauern ihres Hauses blicken und zusehen kann, wie sie durch ihre traumhaften Tage wandelt, von Minute zu Minute feilschend mit der Trägheit, dieser Verführerin.
Gott sieht sie natürlich. Er muß sie sehen. Gott beobachtet sie, wie sie am Fenster unentwegt auf die Schatten der Erbsensträucher starrt oder wie sie auf einem Küchenstuhl wie gelähmt über ihrem Nähkorb sitzt und eine Fliege beobachtet, die über den Tisch krabbelt. Die Minuten vergehen, werden eine Stunde, manchmal zwei. Diese Zeitabschnitte sind gelöst von jeder anderen Zeit, die sie kennt. Sie kommen immer häufiger, diese Stunden der Lähmung, beinahe jeden Tag, seit das Sommerwetter eingesetzt hat. Sie wacht ganz frisch auf, aber während die Zeiger der Uhr vorwärts schreiten, spürt sie eine winkende, lockende Kraft, die aufreizende Verführung der Bequemlichkeit und Heimlichkeit, und dann, mit dem nächsten Atemzug, hat sie den Kampf verloren.
Was immer es ist, das sie einkapselt, es besteht aus Zärtlichkeit. Es steigt rings um sie auf wie eine Duftwolke. Es hat weder Gesicht noch Stimme, ist nur ein sanfter, steter, durchdringender Wohlgeruch, eine Art Verzückungswelle, die in ihre Kehle eintritt, sich dann abwärts durch ihren Körper bewegt, ihren Geschlechtsteilen und den Muskeln ihrer weichen Schenkel Straffheit verleiht. Die Stille ist vollkommen und dennoch eine Qual, und immer zerrt ein kleiner, herber Gedanke an ihr – daß Gott ihre Fehltritte gleichgültig sind. Er hat in keiner Weise zu ihr gesprochen, hat ihr kein Zeichen gegeben, sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich von ihr abzuwenden, obgleich sie ihn mit einem Fetzen bestickten Leinens an ihrer Küchenwand herausgefordert hat:
Christus ist der Herr des Hauses, der unsichtbare Gast
bei jedem Mahl,
der stumme Zuhörer bei jedem Gespräch.
Sie ist erschreckend und auch erheiternd, ihre Fähigkeit, die Menschen ringsum zu täuschen; dies ist etwas Neues, ihre vergeudeten Stunden, ihre lebhaften Träume und Sprachfetzen, als wären ihr zwei Leben gegeben statt eines, und das andere Leben wäre in Heimlichkeit gehüllt. Oder täuscht sie sich selbst? Als sie Dr. Spears zufällig auf der Quarry Road begegnete, hat er doch ihre Hand genommen und auf höchst sonderbare, freimütige Weise zu ihr gesprochen. »Frauen brauchen die Gesellschaft anderer Frauen«, hatte er nach ein paar höflichen Worten über das Wetter geäußert. »Ein bißchen Lachen, ein bißchen harmloser Klatsch ist ein großer Trost. Die Handarbeitsgruppe oder der Mütterverein – und ich glaube, Mrs. Flett, daß Sie einmal Mitglied des Damenclubs für Rhythmus und Bewegung waren, daß Sie Freude an einem Nachmittag in fröhlicher Gesellschaft fanden. Meine Frau sagt mir, der Vortrag neulich über die Missionsarbeit in China sei ebenso zerstreuend wie erbaulich gewesen.«
»Ich habe zu Hause sehr viel zu tun«, sagte Clarentine Flett zu Dr. Spears.
»Natürlich, natürlich«, erwiderte er und nickte kurz.
»Oder vielleicht fassen Sie einen mehrtägigen Aufenthalt in Winnipeg ins Auge. Ich glaube, Sie verbringen dort alljährlich einige Tage bei Ihrem Sohn Barker. Er ist noch dort, nicht wahr, zum Studium? Botanik, erinnere ich mich, ist sein Fach.«
»Ja«, erwiderte sie, »Blumen. Pflanzen.«
»Ich bin sicher, er macht Ihnen Ehre. Ein braver junger Mann. Wenn Sie sich erinnern, ich gehörte zu denen, die ihn für das Epworth-Stipendium vorgeschlagen haben.«
»Ich erinnere mich, aber ja, und … «
»Warum ihn dann nicht mit einem Besuch überraschen? Wir alle brauchen dann und wann einen Tapetenwechsel, insbesondere nach einem langen, harten Winter. Ich könnte Ihren Mann darauf ansprechen, wenn es Ihnen recht ist – indirekt natürlich. Ich könnte die heilsame Wohltat eines kleinen Urlaubs erwähnen.«
»Bitte«, hatte sie gesagt. Sie dachte an das Oval der Stille mit seinem glatten Perlenglanz, in das sie eintreten würde, sobald sie sich aus Dr. Spears’ Nähe begäbe. »Das ist nicht nötig. Ich kann selbst mit ihm sprechen.«
Der Mütterverein. Ein paar Tage in Winnipeg. Noch vor wenigen Monaten wären derlei Ablenkungen verlokkend gewesen. Sie hätte vielleicht tatsächlich mit Magnus, ihrem Mann, über eine Woche in der Stadt gesprochen. Die Worte wären herausgekommen, während sie mit einer gewöhnlichen Arbeit beschäftigt gewesen wäre, das Abendbrotgeschirr abgetrocknet oder die welken Blätter der Fuchsie abgezupft hätte, die am Fenster hing. Ihr Mann war kein Mensch von vielen Worten, aber sie hatten im Lauf der Jahre zu jener ehelichen Verständigung gefunden, die vonnöten ist, um drei Söhne großzuziehen, Bestellungen des täglichen Bedarfs aufzugeben, sich über das Wetter, über Krankheiten und darüber auszutauschen, welche Gemüsesorten im Garten gepflanzt werden sollten. Und sie vermutete – doch wie sollte sie so etwas wissen? Wer auf dieser Welt würde es ihr sagen? –, sie vermutete, daß ihr Mann in seiner Art nicht grobschlächtiger war als andere Ehemänner. »Wenn du bereit bist, Mutter«, sagt er im Dunkeln des nach hinten gelegenen Schlafzimmers, während er mit einer Hand ihr Nachthemd hochschiebt. Tausendmal, fünftausendmal – »Wenn du bereit bist, Mutter«. Die Worte haben eine Furche in ihr Bewußtsein gegraben, sie nimmt sie kaum noch wahr. Und hinterher Stille, als fiele sie in ein Loch, oder eine Art Grunzen, das sie als Zufriedenheit deutet.
»Dann sollen wir wohl heiraten?« Das waren die Worte seines Heiratsantrags vor fünfundzwanzig Jahren gewesen, und die Art und Weise, wie er den Satz hebend betonte, hatte sie entwaffnend gefunden. Damals war er noch kein Jahr in Kanada gewesen, seit acht Monaten arbeitete er in dem alten Granitsteinbruch am Lac du Bonnet nahe dem Hof, den ihr Vater bewirtschaftete; sein Orkneyakzent war ausgeprägt und äußerst schroff, aber sie vermeinte dahinter etwas Sanfteres zu vernehmen. Er hatte sie nach einer Gebetsversammlung in Milner’s Crossing nach Hause begleitet. Es war ein warmer Aprilabend mit dichtbestirntem Himmel. Sie hatte das Gefühl, sie könnte die reine Luft verschlingen wie Nahrung. Dies war das dritte Mal, daß er sie nach Hause begleitete, und sie wußte – und er wußte –, daßer das Recht hatte, um einen Kuß zu bitten. Aus Neugierde willigte sie ein. Seine Oberlippe, die sich schnell bewegte, zu schnell, kratzte auf ihrem Mund und ihrer Wange. Und dann erklärte er sich:
»Dann sollen wir wohl heiraten?«
Seine Vermessenheit hatte sie gerührt, sie war so kindlich. Sie verspürte den Drang zu lachen, ihn zu necken – damals verstand sie fröhlich zu sein –, aber sein Gesicht war zu nahe.
»Nun, was sagen Sie?« bedrängte er sie. Seine Gesichtszüge waren von der Dunkelheit verdeckt, aber sie fühlte seinen warmen Atem an ihrem Hals, und ihr wurde schrecklich schwach zumute. Sie machte sich auf zärtliche Worte gefaßt.
»Mein Lohn ist ausreichend«, sagte er, »und ich arbeite regelmäßig.«
Das stimmte. Sie konnte ihm nicht widersprechen. Sie lernte nie, ihm zu widersprechen. Er hatte eine bestimmte Art, etwas darzulegen, die keinen Widerspruch duldete. Der neue Eisschrank zum Beispiel. Er hatte ihn schriftlich angefordert, hatte ihn heimlich beim Versandhaus Eaton bestellt, und jetzt stand er in einer Ecke in der Küche. Plötzlich war er da. Monate früher hatte ihr Mann sich aus Gründen der Sparsamkeit geweigert, Dr. Spears wegen eines Knotens hinter dem Ohr zu konsultieren, und dann mußte er hingehen und elf Dollar für einen Eisschrank verschwenden, elf Dollar plus Versandkosten. Auf dem schmucken Metallschild an der Eisschranktür stand zu lesen: »Der neue, verbesserte Labrador-Eisschrank.« Sie hatte nie um so ein Ding gebeten. Sie beobachtete ihren Mann am ersten Tag, wie er mit den Fingern über das glatte Holz und die glänzenden Scharniere fuhr, und sie dachte unwillkürlich: Dieselben Finger haben mich berührt, meinen nackten Körper.
Solche Gedanken überkommen sie mehr und mehr. Ihr Denken ist in den letzten Monaten außer Kontrolle geraten. Sie ist eine Frau, deren Begierden wartend am Grunde eines gesprungenen Kruges stehen.
Auch jetzt, beim Wäscheaufhängen, ist sie matt vor Sehnsucht, aber wonach? Umarmt mich, sagt sie zu den tropfenden Laken und Kissenbezügen, haltet mich. Aber sie sagt es teilnahmslos, ohne Hoffnung. Ihre Waschwanne ist jetzt leer, ein alter Holzbottich, der da auf einem herausragenden Stein steht. Der Himmel über ihr ist weiß und blau; ihr schwindelt, wenn sie hinaufsieht. Sie spürt ein Jucken in der Nase und greift in ihre Schürzentasche, nach ihrem Taschentuch. Der Geruch von Bleichsoda bringt sie zum Niesen. »Ich bin nicht bereit«, sagt sie zu sich. »Ich bin nicht mehr bereit.«
Es ist schon drei Uhr, schätzt sie. Sie wird heute darauf verzichten, den Garten zu jäten. Wenn jemand fragt, ihr Mann oder einer der Söhne, wird sie es auf die Hitze schieben. Warum in dieser heißen Sonne ihre Gesundheit gefährden? Sie wird lieber das kühle Vorderzimmer aufsuchen, den Polsterstuhl in der abgedunkelten Ecke, wie immer, wenn es ihr nicht mehr gelingen will, ihrem Kummer standzuhalten. Ihr Stern von Bethlehem, ihr ganzer Stolz, steht da in seinen Porzellantopf gepflanzt; sie liebt es, in seinen graugrünen Blättern nach Geheimnissen zu suchen. Auch die Tapete fesselt sie, mit ihren Blumenreihen, den sich abwechselnden und wiederholenden Braunund Rosatönen. Der kleine facettierte Spiegel in seinem Eichenrahmen gibt ihr Bild wieder, ihre angeklatschten Haare und ihre Augen, wie heiße Steine in ihrem Kopf.
»Ich liebe dich«, hörte sie den jungen Cuyler Goodwill zu seiner kolossalen, aufgedunsenen Frau Mercy sagen, »oh, wie ich dich liebe, und von ganzem Herzen.«
Es war an einem frühen Abend gewesen, als sie diese Erklärung hörte, an einem Montag wie heute. Sie hatte neben der Küchentür der Goodwills gestanden, einen Korb mit frühem Flieder auf den Armen, eine nachbarliche Gabe. (In Wahrheit fällt es ihr schwer, sich fernzuhalten; die Häuser von jungverheirateten, spürt sie, stehen unter einem Zauber, die Atmosphäre ist zärtlicher als in anderen Häusern, die Stimmen sind sanfter, die provisorischen Gardinen und billigen Teppiche strahlen tapfer in ihrer Vorläufigkeit.) Das Küchenfenster der Goodwills stand weit offen, um die frische Frühlingsbrise hereinzulassen. Sie saßen am Tisch (sie konnte sie ganz deutlich sehen) – Mercy auf der einen Seite und Cuyler auf der anderen, das weiße Tischtuch und das Abendbrotgeschirr waren noch nicht abgedeckt.
Von der Türöffnung fiel Licht auf das breite Gesicht meiner Mutter und verlieh ihm Glanz. Mein Vater beugte sich zu ihr hinüber, seine Hand lag auf der ihren. Die beiden, dachte Clarentine Flett, hätten Motiv eines Salonbildes sein können, eines Aquarells in sanften Blau- und Grautönen.
Meine Mutter war, wie ich bereits sagte, eine außerordentlich fettleibige Frau, und mit ihren schwabbeligen Zügen war sie leider ziemlich unansehnlich. Es ist wahr, daß ihre Nachbarin, Mrs. Flett, hinter ihren eingequetschten Augen und dem feisten Kinn eine gewisse Hübschheit erspäht, aber das einzige Photo, das ich besitze, ihr Hochzeitsporträt, sagt mir etwas anderes. Meine Mutter war von korpulenter Statur, fettfleischig. Mein Vater dagegen war von kleinem Wuchs, zartknochig und zierlich, und ein Ausdruck von leichter Verständnislosigkeit überzog sein Gesicht. Es läßt sich denken, daß unter den Männern der Gemeinde derbe Witze auf seine Kosten gemacht wurden. Von ganzem Herzen, hörte Mrs. Flett ihn zu meiner Mutter sagen. Offenbar von der Äußerung erschöpft, lehnte er sich jetzt auf seinem Stuhl zurück. Von ganzem Herzen. Das war genau die Art Phrase, die sich Liebende in Büchern einfallen lassen. Liebesgerede, Verliebtengerede. Die Poesie der Verzückung. Gelegentlich hat Clarentine Flett Kitschromane gelesen – die sie vor ihrem Mann versteckte, der das für Zeitverschwendung gehalten hätte –, in denen die Menschen zärtlich miteinander sprechen, aber nie hatte sie vermutet, daß solche Äußerungen in den Häusern gewöhnlicher Steinbrucharbeiter getan wurden, in einem Dorf wie Tyndall, Manitoba. Auch hatte sie sich nicht vorgestellt, welchen Reichtum eine solche Äußerung Stimme oder Tonfall verleihen konnte. »Oh, wie ich dich liebe«, sagte Cuyler Goodwill zu seiner Frau Mercy, rief es ihr zu mit einem Flehen im Ton, das Clarentine Flett nicht aus ihrem Gedächtnis tilgen konnte. Es ist den ganzen Frühling mit ihr gewesen, es regnete herab auf das trockene Gespinst ihres täglichen Einerleis. Es ist jetzt mit ihr, als sie neben der Wäscheleine steht, niesend und blinzelnd im strahlenden Sonnenschein, und gegen die Versuchung ankämpft, sich für den Nachmittag zurückzuziehen.
Und dann hat sie eine Idee. Sie wird eine Kanne Tee kochen und Mercy einladen, herüberzukommen und ihn mit ihr zu trinken.
Ja, eine schöne Kanne Tee, beschließt Clarentine Flett. Und sie wird die besten rosa Teetassen hervorholen, Royal Albert, die ihrer Mutter gehörten, und wenn sie schon dabei ist, wird sie einen Teller mit Marmeladenbiskuits auftischen. Frauen brauchen Gesellschaft – genau das war es, weswegen Dr. Spears ihr so zugeredet hat. Vielleicht war all das, was sie so niedergeschlagen machte, nichts als Einsamkeit, nicht das Unglück des Lebens an sich, sondern nur ein jahreszeitlich bedingter Anfall von Einsamkeit. Und Mercy Goodwill, die arme liebe junge Seele, war ebenfalls einsam – Mrs. Flett weiß plötzlich, daß dies wahr ist. Sie erahnt es. Trotz Mercys Geheimvorrat an Zärtlichkeit und der leisen Worte, die ihr junger Ehemann ihr ins Ohr träufelt, trotz alledem. Sie und Mercy sind allein auf der Welt, zwei einsame Seelen, Seite an Seite in ihren getrennten Häusern, eingeschlossen in demselben Kreislauf bangen Sehnens. Warum hat sie das nicht schon früher erkannt? Das ist es, was Clarentine Flett in den letzten Wochen zu Hause gehalten hat, fern von Mütterverein und Handarbeitsgruppe, fern von der Möglichkeit, ein paar Tage in Winnipeg zu verbringen; sie kann es nicht ertragen, den Ring des Unvermögens zu verlassen, der sie beide umgibt, sie und Mercy Goodwill – zwei einzigartig verbundene Christenschwestern.
Etwas muß endlich getan werden, und sie wird es tun; sie wird auf der Stelle an Mercys Tür klopfen und sie herüberbitten. Sie wird den Tee mild und süß machen, wie Mercy ihn liebt. Und sie könnte – sie fühlt sich plötzlich ganz verwegen beim Gedanken an eine nachmittägliche Teegesellschaft, eine Teegesellschaft von der Art, wie sie Dr. Spears’ Gattin vielleicht für Mrs. Hopspein gibt, die Frau des Steinbruchvorstehers –, sie könnte, nach ein, zwei Tassen, Mercy bitten, sie beim Vornamen zu nennen.
»Sagen Sie doch Clarentine zu mir«, würde sie sagen. »Ich hätte überhaupt nichts dagegen, es wäre mir sogar sehr recht. Wir sind jetzt seit zwei Jahren Nachbarinnen. Sie sind mir wie eine Tochter, so empfinde ich es, und wenn Sie sich dazu durchringen könnten … «
Doch in diesem Moment wird ihr Tagtraum unterbrochen. Sie hört eine Stimme, die hohe Fistelstimme eines Mannes, und als sie aufblickt, sieht sie den alten Juden durch den Garten auf sich zustolpern.
Es ist heutzutage schwierig, von dem alten Juden zu erzählen. Es ist eine heikle Angelegenheit. Der Verstand muß sich zurückspulen bis in jene Zeit, als die Worte »alter Jude« unverfänglich ausgesprochen werden konnten; alter Jude; da kommt der alte Jude.
Und da ist er mit seinen schmutzigen schwarzen Kleidern, die in der Hitze flattern, die Haare liegen ihm wirr und seltsam um den Kopf. Er trägt irgendeine Art Hut, zerfetzt und verdreckt, auf den Hinterkopf geschoben. Seine Wangen, hoch unter den Augen sitzend, sind braun und runzlig wie Walnüsse. Die länglichen Furchen in seinem Gesicht sind entweder von Schmutz gerändert, oder aber es ist die eigenartige fremdländische Färbung seiner Haut.
Sein Pferd, das arme Geschöpf, steht am Straßenrand, an die kleine gebeugte Zitterpappel seitlich von Mercy Goodwills Tür gebunden. Das sieht ihm ähnlich, es so sorglos anzubinden, wenn er ebensogut den Zaunpfosten hätte nehmen können. Und der Wagen: völlig lädiert und schäbig, so daß er die Bezeichnung Wagen kaum verdient; er rattert und quietscht, während er seinen Weg entlangzuckelt, daß sogar die Krähen auf den Feldern davonstieben.
Sein Kommen ist überall gefürchtet, denn fast unabdingbar bittet er um eine Erfrischung, sei es Kaffee oder ein Schluck kaltes Wasser, und anschließend müssen die Tassen und Gläser ausgekocht werden. Ist er im Winter unterwegs, in dem fernen Landstrich um Arborg, wo sich die Isländer angesiedelt haben, erdreistet er sich oft, um Obdach für die Nacht zu bitten. Bettzeug muß dann herbeigeschafft und am nächsten Tag gekocht, die Fenster müssen weit geöffnet werden zum Lüften. Er trägt den Geruch nach Knoblauch, Zwiebeln, Semmeln und ungewaschener Haut in die reinlichen, bescheidenen Haushalte. Die Knöpfe, Schnürsenkel und Nadeln, die er verkauft, sind, obwohl schwer zu bekommen, eine dürftige Entschädigung für die Gefahr, sich Wanzen und tückische namenlose Krankheiten einzuhandeln. Seine Zunge ist dick und übelriechend, sein Blick verwirrt. Er beschwatzt die Leute. Er spricht alle Frauen in der Gegend mit »Meesus«, ihre Männer mit »Meester« an. Den jungen Männern in den Wohnheimen verkauft er Schweinkram. Er mag vierzig Jahre alt sein oder auch sechzig. Er führt ein Sammelsurium an Pillen und Wässerchen mit sich, Taschenmessern und Spielsächelchen, Tabak und Bonbons, billigem Fusel. Er sieht keinem Menschen in die Augen. Es heißt, er stibitzt frische Eier aus den Hühnerställen, pflückt Tomaten in Gärten, schiebt Teelöffel unter seinen Mantel und läßt sie mitgehen. Er streckt seine schwarze Hand aus und tätschelt kleinen Kindern den Kopf, ergreift sie, ehe sie fortlaufen können, bringt ihre Mütter und Väter in Verlegenheit.
Man kann ihn auf Landstraßen seinem armen Klepper die Peitsche geben sehen. Er schlurft zu Hauseingängen und klopft auf eine Weise an, die unterwürfig und doch fordernd ist. Man hört das Klopfen und weiß, wer es ist. Sein Gang ist gebrechlich, ein langsames, ungleichmäßiges Schlurfen, das Erinnerungen an Seuchen der Alten Welt wachruft. Aber hier ist er, an einem Julinachmittag, und läuft humpelnd zu Mrs. Clarentine Flett, die neben ihrer Wäscheleine steht – ihrem Banner aus Bettlaken und Handtüchern –, gleich einer in eine Holztafel eingebrannten Figur.
Er greift zuerst nach dem Ärmel ihres Kleides. Instinktiv fährt sie zurück, keuchend, protestierend, aber natürlich greift er abermals, packt sie diesmal unsanft am Handgelenk. Sein Gesicht ist zerknittert von Kummer, und er schluchzt, wimmert, »Meesus, Meesus«, sein Gesicht ist so nahe an ihrem, daß sie den scharfen Geruch seines Atems und seines Körpers wahrnehmen kann.
»Mitkommen, Meesus; Meesus, mitkommen.«
Die Stimme ist irre, ein angsterfülltes Quieken, zu hoch für eine Männerstimme, und die Worte sind nichts als Geschnatter. Er hat nicht mehr als drei Zähne im Mund – sie stellt es beinahe ergriffen fest. Eine Entzündung schwärzt seine Oberlippe. Clarentine Flett, die vor ihm zurückschreckt, die sich schwach fühlt vor Ekel, ist außerstande, den Blick von dem trockenen Schorf zu wenden, möchte unerklärlicherweise die Hand danach ausstrekken, ihn berühren.
Der Mann will nicht loslassen. »Mitkommen, Meesus.« Seine rauhe Hand an ihrem Handgelenk bereitet ihr Unbehagen, doch der Anblick seines fadenscheinigen Rockärmels, aus dem sein bleicher Arm herausfährt, gibt ihr zu denken.
Es ist ein gewöhnlicher Männerarm, stellt Mrs. Flett fest, und nur ein klein wenig lächerlich, eigentlich kaum anders als der Arm ihres Mannes Magnus, wenn er sich samstags abends aus der Unterwäsche schält und in das schaumige Seifenwasser taucht – entblößt, zernarbt, knotig von Adern, straff von der Schufterei, dennoch überraschenderweise, rührenderweise frauenhaft.
Sie fragt sich – und all diese Phantasien strömen in einem Zeitraum von wenigen Sekunden zusammen –, fragt sich, ob der alte Jude möglicherweise irgendwo in der Nachbarschaft Verwandte hat, ein Dach, einen warmen Herd, ein eigenes Bett, um dorthin heimzukehren. Wenn ja, hätte er vielleicht auch einen Frauenkörper neben sich unter der Bettdecke und einen Sack aus schlaffem blauen Fleisch zwischen seinen Beinen wie jeder andere Mann. Diese Gedanken sind abstoßend, sie muß ihren Blick auf etwas lenken, was wohltuend und gesund ist. Und einen Namen, natürlich muß er einen Namen haben, man kann nicht hierherkommen und Bürger dieses Landes werden ohne einen Namen. Zwei oder drei Namen vielleicht. Unaussprechlich. Nicht zu buchstabieren. Jemand wird ihm diese Namen gegeben haben, aber wer? Die Fragen stürmen auf sie ein, nehmen ihr die Luft.
Gleichzeitig kommt ihr – die Gedanken wirbeln wie in einem Süßwasserstrudel – ihr abgedunkeltes Vorderzimmer in den Sinn, der Lehnstuhl mit seinem kühlen Filzsitzkissen, und wie der grüne Polsterstoff an einer Ecke abgewetzt ist, und wie sorgsam sie immer darauf bedacht ist, diese Ecke aus dem Blickfeld zu rücken.
Der alte Jude hält sie fest, und mit der anderen Hand gestikuliert er wild in die Richtung von Mercy Goodwills Küchentür. »Meesus krank«, bringt er hervor, »krank, krank«, und endlich versteht sie.
Der Boden zwischen den beiden Häusern ist uneben, durchsetzt mit Steinen, Wurzeln und Grasbüscheln. Sie laufen gemeinsam, unbeholfen, zu der offenen Tür, rempeln aneinander, und die Finger des alten Juden lassen das Handgelenk der Frau nicht ein einziges Mal los.
Es ist eine Verlockung, zu dem blutigen Bündel hinzueilen, das sich zwischen den Beinen meiner Mutter hervorschiebt, und meine Hand auf mein eigenes schlagendes Herz zu legen, meinen abgeflachten Kopf und die Babyärmchen inmitten der glänzenden breiigen Masse. Da liegt meine Mutter, Mercy Stone Goodwill, keuchend auf dem Küchensofa mit dem billigen, adretten geblümten Bezug; sie liegt auf der Seite, als hätte jemand sie umgekippt, die großen, weichen, stämmigen Knie hochgezogen und ihr Geschlecht entblößt. Wie Muscheln oder eine zermatschte Frucht.
Ihre blutbeschmierte Unterhose liegt, wo sie sie hingeworfen hat, vermutlich auf dem Fußboden, dem Blick entzogen.
Es ist nichts Häßliches an dieser Szene, was auch immer Sie denken mögen, das heißt nichts Unnatürliches, aber warum bin ich dann außerstande, sie in Ruhe zu betrachten? Weil es mich verlangt, Symmetrie in die verschiedenen unzusammenhängenden Elemente zu bringen, wenngleich ich, bevor ich damit anfange, schon weiß, daß meine Bemühungen den Anschein einer Art von Flehen haben werden. Blut und Unwissenheit, was kann sich aus Blut und Unwissenheit gestalten lassen? – und aus der pulsierenden, achtlosen, leckenden Gallerte, meinem soeben geschlüpften Fleisch, das ich mich genötigt fühle, in etwas Sauberes, Heiles zu verwandeln, mit einem Bibelvers darunter oder womöglich einem lateinischen Wahlspruch.
Und nun gilt es sich meinem Vater zuzuwenden, denn da kommt er die Quarry Road entlang, auf dem Weg nach Hause. Er pfeift, schlägt nach den Sandfliegen, wirbelt Staub auf mit seinen Arbeitsstiefeln. Er ist erschöpft. Wer wäre nicht erschöpft nach neun Stunden Einhacken auf die Felsplatte, für vierzehn Cents die Stunde, was weniger ist als der Preis für die Vestizzakorinthen, die seine Frau Mercy letzten Winter als Zutat für ihren Weihnachtspudding verwendet hat. Doch er pfeift eine lustige Melodie, »Little Cotton Dolly« vielleicht oder »Zizzy, Zum Zum«. An der Pike Road, die zum Friedhof führt, bleibt er stehen und entleert seine Blase.
Die Entfernung zwischen Garson und Tyndall beträgt zwei Meilen. Die anderen Steinbrucharbeiter fahren nach einem Tag in den Kalköfen oder der Arbeit mit ihren Spitzhacken an der Steinwand in den Firmenwagen heim nach Tyndall und lassen ihre Stiefel seitwärts herunterbaumeln. Robuste Pferdegespanne – jene schönen, muskulösen, der Arche Noah würdigen Tiere, die man heute kaum noch sieht – ziehen sie heimwärts. Aber nicht meinen Vater. Er geht lieber zu Fuß. Ein Eigenbrötler ist er, sagt man von ihm in dieser Gegend. Ein Einzelgänger. Trottelhaft sieht er aus. Geht seiner eigenen Wege. Eine halbe Portion. Aber ein flinker Arbeiter, ohne Fehl und Tadel. Geschickt mit Maschinen. Hat ein Gefühl dafür. Still, nüchtern, kommt aus der Gemeinde Stonewall, er und auch seine Frau. Was seine Frau angeht (dies wird mit einem Zwinkern, einem Stoß mit dem Ellenbogen geäußert), da ist genug Weib dran, um zwei, drei Kerle die ganze Nacht auf Trab zu halten.
Er vertritt sich gern die Beine, nachdem er sich einen Tag lang über die Kalksteinwand gebückt oder in das Innere der unwilligen alten dampfbetriebenen Furchmaschine gespäht hat. Der Steinbruch ist erst wenige Jahre alt, 1896 wurde er von einem Bauern beim Graben eines Brunnens hinter seinem Haus entdeckt und vier Jahre später (ein Diebstahl, ein ausgemachter Betrug, sagen manche) an einen gewissen William Garson, Haus- und Grundbesitzer, verkauft. 100 000 Tonnen Gestein sind bereits gebrochen und abtransportiert, und schon ist die Landschaft dergestalt verändert, daß die Erde abgestuft ist wie die Ränge einer Freiluftarena; die Höhe der einzelnen Stufen beträgt gut 12 bis 36 Zoll. Es herrscht Uneinigkeit, wieviel Gestein tatsächlich unter der Erde liegt. Die einen sagen, wenn es so weitergeht, wird das Vorkommen in fünf bis zehn Jahren abgebaut sein; andere, die optimistischer sind und mehr davon verstehen, schätzen, daß die Nutzschicht eine halbe Meile breit ist und bis nach Winnipeg und darüber hinaus verläuft.
Das Gestein selbst, ein Dolomitkalkstein, ist schöner und leichter zu bearbeiten als das, was mein Vater kannte, als er in Stonewall, Manitoba, heranwuchs. Natürliche chemische Veränderungen verleihen ihm sein einzigartiges durchbrochenes Aussehen. Es kommt in zwei Farben vor, einem hellen Braun, mit Dunkelbraun vermischt, und (meine Lieblingsfarbe) einem hellen Grau mit dunkleren grauen Sprenkeln. Manche Leute nennen es Tapisseriegestein, und sie schätzen insbesondere seine gelegentlich vorkommenden Fossilien: Gastropoden, Brachiopoden, Trilobiten und Korallen. Als das Fleisch dieser einstmals lebendigen Geschöpfe verweste, füllte ein kalkartiger Schlamm die Gehäuse und erhärtete zu Stein. Mein Vater hat nur eine beschränkte Schulbildung gehabt, aber er ist mit der Neugierde eines Naturforschers gesegnet, und vor kurzem hat er einige von den interessanteren Fossilienstücken herausgebrochen und mit nach Hause genommen, um sie seiner Frau Mercy zu zeigen. (Der Stein, mit dem sie ihren Malvernpudding am Tag meiner Geburt beschwerte, enthielt drei eingeschlossene Fossilien einer äußerst seltenen Art, so selten, daß sie bis zum heutigen Tag nicht eindeutig klassifiziert worden sind.)
Was ist es, das Cuyler Goodwill am Tagesende, wenn die Sonne noch heiß und gelb ist, zu Fuß nach Hause gehen läßt, was läßt ihn derart pfeifen? Ich sagte schon, er vertritt sich die Beine mit den verkrampften Muskeln nach der stundenlangen Plackerei, und ich male mir aus – dies ist meine ureigene Phantasievorstellung –, daß er es mag, all seine Gliedmaßen zu dehnen, sich größer, gewichtiger, stärker werden zu fühlen, während er sich seinem Heim nähert, sich dem Mann nähert, der er gleich sein wird. Ein Ehemann. Ein Liebhaber. Er wird erwartet. Dies ist ein unverhofftes Glücksgeschenk – erwartet werden. Er hat ein Dach über dem Kopf (gemietet, sicher, aber nichtsdestoweniger ein Dach) und einen Abendbrottisch, schon gedeckt, und eine Frau, die er anbetet. Mit Leib und Seele betet er sie an.
Nichts in seinem Leben hat ihn auf die Liebe vorbereitet. Eine frühe Schädigung – ein Vater mit Säufervisage, eine schlampige Bohnenstange von einer Mutter, keine Geschwister – hat ihm die Überzeugung eingegeben, er würde sein Leben lang ein Kind bleiben, mit einem verkümmerten Kinderappetit.
Seine Familie, die Goodwills, war anscheinend im Sog des strengen, alten, ungeordneten Jahrhunderts verblieben, das sie empfangen hatte, und sie verströmten alle drei – Vater, Mutter, Kind – einen Geruch nach Unvermögen, dürrem Geist und schwächlichem Körper. Das Haus, das sie bewohnten, lag genau gegenüber den Kalköfen von Stonewall. Es stand am Ende einer schmutzigen Straße, seine Veranda hing schief. Die Fenster, fleckig von der gelben Asche aus den Öfen, gingen ungeputzt von einem Jahr ins nächste, und das Dach über der Küche leckte; es hatte immer geleckt. Bei Regenwetter qualmte der Kamin. Das in diesem Haus gebackene Brot war schwer, ungleichmäßig, knapp. Der Lohn, der für Reparaturen oder bescheidene Luxusgegenstände hätte verwendet werden können, wurde in einem alten Marmeladenglas verwahrt, worin sich die Dollarscheine häuften wie zerknitterte Blätter, mit Schmutz behaftet, mit Geruch. Im Sommer versammelten sich die Männer der Stadt wohl an der Ecke Jackson und Maria Road zu einer Partie Hufeisenwerfen, aber die Goodwills, Vater und Sohn, wurden selten zum Mitspielen aufgefordert. Die Gründe für ihren Ausschluß sind nicht klar. Vielleicht nahm man an, daß Zerstreuungen ihnen gleichgültig waren oder daß es ihnen an dem notwendigen Geschick mangelte oder daß sie die anderen womöglich mit ihrer eigenartigen Freudlosigkeit anstecken würden. Die scharfsichtige Mrs. Goodwill hingegen setzte sich, aus einer abgenutzten christlichen Überzeugung heraus, jeden Sonntag einen Filzhut auf den Kopf, befestigte ihn mit einer Nadel und besuchte den Gottesdienst in der presbyterianischen Kirche, aber niemand kam auf die Idee, Cuyler mitzunehmen.
Tatsächlich wurde er niemals auf seine geistige oder körperliche Gesundheit untersucht. Zu keinem Thema wurde er nach seiner Meinung gefragt. Sein zunehmendes Geschick als Steinbrucharbeiter wurde selten erwähnt. Bis zum Tage seiner Heirat war kein Mensch auf den Gedanken gekommen, ein Foto von ihm zu machen. Nie wurde sein Geburtstag (26. November) beachtet – es gab keine Geschenke, keinen Kuchen, keine festliche Geschäftigkeit; nur als er vierzehn wurde, sah sein Vater von einem Teller mit Schweinebraten und Kartoffeln auf und murmelte, daß die Zeit gekommen sei, von der Schule abzugehen und mit der Arbeit bei Stonewall Quarries zu beginnen, wo er selbst beschäftigt war. Von da an kam auch Cuylers Lohn in das Marmeladenglas. So ging das zwölf Jahre.
Es ist mir nie leichtgefallen, die zerstörerische Wirkung der Zeit zu verstehen, wie es andere anscheinend können, das Auf und Ab der Jahreszeiten hinzunehmen oder mich bewußt damit abzufinden, daß ein Jahr zu Ende gegangen ist und ein anderes begonnen hat. Etwas hierbei kündet von unserer fundamentalen Hilflosigkeit, davon, daß der größere Teil unseres Lebens mit Verschwendung und Verständnislosigkeit einhergeht. Sogar die Satzteile bemächtigen sich der Zunge, so daß die Aussage »Zwölf Jahre sind vergangen« die biographische Logik in Abrede stellt. Wie kann so viel Zeit so wenig enthalten, wie kann sie uns genommen werden? Monate, Wochen, Tage, Stunden vertan – und auch die kostbarste Zeit unseres Lebens, wenn unser Körper am kräftigsten ist und offen, wie er es nie wieder sein wird, für den Ansturm von Empfindungen. Zwölf Jahre, von seinem vierzehnten bis zu seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr, stand mein Vater, der junge Cuyler Goodwill, früh auf, aß eine Schüssel Haferschleim, ging über die Straße zum Steinbruch, wo er arbeitete – einen Neuneinhalbstundentag lang –, kehrte dann in sein kaltes, karges Elternhaus zurück und legte sich zeitig schlafen.
Der Bericht eines Lebens ist natürlich Betrug, das gebe ich zu; selbst unsere eigene Geschichte ist obszön verzerrt; es ist ein wahres Wunder, daß wir den Glauben an unsere schlichte Existenz bewahren. Es ist wahrscheinlich, daß die Morgengrütze meines Vaters in diesen zwölf Jahren manchmal dünn und manchmal dick war. Es ist auch wahrscheinlich, daß er mit den näheren Einzelheiten der Leidenschaft in Berührung kam, durch die Zwänge der Pubertät oder aufgeschnappt bei mit angehörten Gesprächen seiner Arbeitskollegen oder auch zwischen den Texten vielgesungener Lieder oder bei dem seltenen Konsum harter Getränke. Wohl nahm er an dem alljährlichen Junggesellenball teil, wohl gab er Lord Stanley die Hand, als der alte Herr 1899 mit der Eisenbahn durchdampfte.
Mein Vater war nicht blind, ungeachtet der Passivität seiner jungen Jahre, und er war nicht dumm. Er muß sich von Zeit zu Zeit umgesehen und bemerkt haben, daß sogar in seinem herzlosen Elternhaus geringfügige Stimmungsschwankungen und unterschiedlich nuancierte Gefühle existierten. Wie dem auch sei, zwölf arbeitsreiche Jahre vergingen von dem Tag, als er die Schule verließ, bis zu dem Tag, als er Mercy Stone kennen- und liebenlernte und sein Leben von Grund auf verändert sah. Wundersam verändert.
Stonewall war in jenen Tagen eine Gemeinde von nur zweitausend Seelen, aber eine Laune der Geschichte oder des Wahrnehmungsvermögens hatte die beiden voneinander getrennt gehalten, und er hatte Mercy nie, als Kind nicht und später nicht als Mann, in der Stadt erblickt, hatte nie ihren Namen nennen hören. Sie wuchs, zurückgezogen wie eine Nonne, im Waisenhaus von Stonewall auf, einer strengen, wenn auch keineswegs herzlosen Anstalt am östlichen Stadtrand. In diesem Heim wurden, aus Ordnungssinn vielleicht oder der Demokratisierung halber, alle Schutzbefohlenen, die keinen eigenen Familiennamen hatten, also jene, die als Säuglinge von ihren ledigen Müttern in die Obhut des Heimes gegeben wurden, Stone genannt – so verzeichnete das Register Namen wie Bertha Stone, Caroline Stone, Gareth Stone, Hyram Stone, Lamartine Stone und so weiter, bis hin zu meiner Mutter, Mercy, deren Herkunft wie die der anderen gänzlich unbekannt war, wenngleich ihr Teint, ihr feines Haar und die haselnußbraunen Augen eine ukrainische oder vielleicht isländische Abstammung vermuten ließen. Sie wurde, als sie erst wenige Tage alt war, in eine Flanelldecke gewickelt – die Juninächte konnten kalt sein – in dem alten Mehlfaß ausgesetzt, das gleich am Hintereingang der Anstalt aufgestellt war. Diese Mehlfaßbabys, wie man sie alsbald nannte, wurden von der Gemeinde unterhalten, sie bekamen Volksschulbildung, erlernten ein Handwerk und wurden mit vierzehn oder fünfzehn in Stellung geschickt – mit Ausnahme meiner Mutter, die auf Grund ihrer Tüchtigkeit in der Haushaltsführung zu wertvoll war, um sich von ihr zu trennen. Mit sechzehn ging sie der Wirtschafterin regelmäßig zur Hand; vier Jahre später, als die alte Wirtschafterin starb, übernahm sie vollends das Regiment.
Ihr Körperspiegelte die Kosta us Brot und Grütze wider, doch trotz ihres Umfangs – mit zehn Jahren war sie »stark«, mit zwanzig war sie ein Koloß –, trotz alledem fand sie Gefallen daran, sich auf Hände und Knie niederzulassen und einen Fußboden zu wienern, bis er glänzte. Manchmal, wenn sie sich vorbeugte, um ein Blech mit Törtchen aus dem warmen Ofen zu nehmen, wurde ihr schwindlig vor Stolz – die goldene Farbe des knusprigen Teigs, das Blubbern der süßen Früchte, die Vollkommenheit von Farbe und Konsistenz. Sie zeigte nur ein flüchtiges Interesse für die etwa ein Dutzend Jungen und Mädchen, die in dem Heim lebten – »Mercy Stone ist kugelrund, wiegt bestimmt zweihundert Pfund«, sangen die Findelmädchen beim Seilspringen –, dafür liebte sie es, einen Tisch zu decken, eine Soße anzudicken, einen Ärmel einzusetzen, einen Stapel saubere Laken zu stärken, zu plätten und zu falten. Sie war begabt. Und ihre Begabungen wurden genutzt. Man könnte sich ein schlimmeres Leben vorstellen. Wenn sie einen Raum betrat, den Mädchenschlafsaal zum Beispiel, ließ sie den Blick in die Runde schweifen, um zu erfassen, was unordentlich oder zerbrochen war oder gründlich aufgeschüttelt gehörte, und dann krempelte sie die Ärmel hoch und machte sich unverzüglich ans Werk. An einem Frühlingstag in ihrem achtundzwanzigsten Lebensjahr, einem Tag mit strahlendem Sonnenschein und kaltem Wind, fiel ihr auf, daß die Türschwelle am Haupteingang des Heimes sich gehoben hatte, zweifellos verzogen durch den strengen Frost, so daß die Tür sich nur schwer öffnen ließ und dabei erbärmlich knarzte. Ein Steinmetz wurde gerufen, um den Stein zu richten. Es ergab sich, daß es mein Vater war, Cuyler Goodwill.
Er war sofort eingenommen von der Sanftheit meiner Mutter, einer gewissen Anmut in ihrem Gesicht und von der Art, wie sie die Hände fahrig bewegte, die eine in der anderen kreisen ließ, als sie neben ihm stand, angetrieben vielleicht von einer unklaren Vorstellung von gesellschaftlicher Verpflichtung – aber er war über die Maßen gerührt von ihrer schieren Körperlichkeit. Als sie auf die Unebenheit an der Türschwelle deutete, bewegten ihn ihre fleischliche Üppigkeit und die mehlige Reinheit ihrer Arme zutiefst, ebenso ihr plustriger kleiner Haarknoten, ihr Plustergesicht, ihr plustriger Hals und die plustrigen Schultern – aus alledem sprach eine Unschuld, die nach Schutz zu schreien schien. Er sehnte sich danach, seinen Mund an ihre schattige Armbeuge zu legen oder mit seinen Fingerspitzen die seidige Haut der feingewölbten Halbkugeln unter ihren Augen zu berühren.
Während er arbeitete, stand sie dabei, leistete ihm Gesellschaft, sprach auf ihre stockende Art von dem harten Winter, dem schlimmsten seit Jahren, den bitterkalten Winden, starken Frösten, und nun scheine es auf den Feldern südlich von Tyndall eine Überschwemmung zu geben.
Ja, erwiderte mein Vater und betrachtete, zu ihr hochsehend, ihren ernsten Mund, er habe von der Überschwemmung gehört, die Lage sei sehr ernst, aber schließlich – er hob die schmalen Schultern – gebe es alle Jahre um diese Zeit Überschwemmungen.
Er bemerkte, daß die Korpulenz meiner Mutter viel von ihrem Gesicht verschlungen, aber ihre klaren, sanft umschatteten Augen ausgespart hatte.
Er wollte sich nicht für die Arbeit bezahlen lassen, sagte, er habe weniger als eine Stunde gebraucht, um den Stein zu richten, die Arbeit sei ihm ein Vergnügen gewesen, eine Abwechslung von der Eintönigkeit im Steinbruch, und überdies – er nickte unbestimmt in Richtung Tür, Dach, Fassade des Heimes, des Schwarmes lärmender Kinder, die bei der Straße spielten –, sagte er, fühle er sich bewogen zu geben, was er könne. Sie beharrte dann darauf, daß er in die große warme Küche komme, wo sie ihm Kaffee und eine ihrer braunen Zuckerschnitten, frisch aus dem Ofen, servierte. Diese Schnitten waren ein Wunder an Süße, an Knusprigkeit, die Teigschicht akkurat und hübsch, die Füllung reichlich sättigend.
Er hielt Tasse und Untertasse auf seinem Knie. Später erinnerte er sich, daß er auf seine Daumennägel hinabgeblickt hatte und auf den dunklen Schmutzrand, der sie umgab. Seine Hände zitterten, aber es gelang ihm zu sagen: »Darf ich wiederkommen?«
Sie starrte angestrengt vor sich hin, während sie sich seinen knochigen Brustkasten unter seinem Hemd vorstellte, dann rückte sie von ihm weg und machte sich ans Abräumen des Geschirrs. Aus diesem bittenden Mann wurde sie nicht schlau. Worte entflogen seinem Mund und verschmolzen mit der warmen Küchenluft. Sie mochte ihn jedoch eher wegen seiner zitternden Hände und des schwachen Zwiebelgeruchs seines Schweißes. Unwillkürlich drehte sie sich um und bedachte ihn mit einem gezwungenen Lächeln.
