Die Geschichte der Reta Winters - Carol Shields - E-Book

Die Geschichte der Reta Winters E-Book

Carol Shields

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Beschreibung

Einfühlsam und elegant erzählt Pulitzer-Preisträgerin Carol Shields die Geschichte einer Mutter, die gezwungen wird, alles Selbstverständliche hinter sich zu lassen und neue Wege einzuschlagen. Ihr Leben scheint perfekt und sie selbst unverwundbar. Reta Winters ist eine verwöhnte Frau, die alles hat: gute Freunde, eine liebevolle Familie und beruflichen Erfolg. Als ihre Tochter Norah eines Tages ihre vielversprechende Universitätslaufbahn abbricht, um an einer Straßenecke zu sitzen, das Wort »Güte« auf einem Schild um den Hals, bricht für Reta eine Welt zusammen. Warum tut Norah so etwas? Was hatte sie, Reta, falsch gemacht? Zum ersten Mal empfindet sie das Gefühl von Verlust und beginnt unbeirrt nach dem wahren Grund für Norahs Entscheidung zu suchen. »Die Geschichte der Reta Winters« erzählt von Menschlichkeit, Mut und Liebe und von der Kostbarkeit des Lebens.  

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Übersetzung aus dem Amerikanischen von Margarete LängsfeldDie Übersetzerin dankt Peter Bierl aus Ismaning, ohne den sie in Sachen Posaune die falschen Töne getroffen hätte.Das Motto von George Eliot stammt aus dem Roman »Middlemarch«, übersetzt von Rainer Zerbst, Reclam Verlag, Stuttgart 1985

 

© für diese Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2018© Carol Shields 2002© Carol Shields Literary TrustDie Originalausgabe erschien unter dem Titel »Unless «, bei Forth Estate/HarperCollins, New York 2002Deutschsprachige Ausgabe:© Piper Verlag GmbH, München 2005

 

Covergestaltung: zero-media.net, MünchenCovermotiv: FinePic®, München

 

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Inhalt

Cover & Impressum

Widmung

Zitat

Bislang

Annähernd

Einstmals

Worin

Dennoch

So

Andernfalls

Anstatt

Somit

Noch

Insofern als

Daher

Alle

Betreffend

Infolgedessen

Sodann

Nichtsdestoweniger

Demzufolge

Trotz allem

Durchweg

Alsdann

Kaum

Seither

Nur

Sofern

Demnächst

Was auch immer

Jedwede

Ob

Jemals

Woher

Umgehend

So wie

Beginnend mit

Schon

Bisher

Noch nicht

Dank

 

Für Ezra und Jay

 

Würden wir das ganze gewöhnliche Menschenleben klarer sehen und fühlen, wäre es, als würden wir das Gras wachsen und das Herz des Eichhörnchens schlagen hören, und wir würden an diesem Getöse sterben, das auf der anderen Seite des Schweigens liegt.

George Eliot

Bislang

Der Zufall will es, daß ich eine Zeit großen Unglücks und Verlustes durchmache. Mein Leben lang habe ich Leute sagen hören, daß sie sich in einem Zustand abgrundtiefen Schmerzes befinden, zerbrochen an Leib und Seele, aber ich habe nie verstanden, was sie meinten. Verlieren. Verloren haben. Ich hatte geglaubt, derlei düstere Heimsuchungen würden nur wenige Minuten oder Stunden anhalten, und zwischen den Anfällen würden sich diese betrübten Menschen, wie wir alle, mit der sinnvollen Eintönigkeit des Glückes befassen. Aber Glück ist nicht das, was ich mir vorstellte. Glück, das ist die glückverheißende Glasscheibe, die man im Kopf bewahrt. Sämtliche Listen und Tricks sind vonnöten, um sie festzuhalten, und ist sie einmal zerbrochen, muß man sich in eine andere Lebensform begeben.

In meinem neuen Leben – im Sommer des Jahres 2000 – bin ich bemüht, dankbar zu sein für das, was mir beschieden ist. Alle meine Bekannten raten mir zu dieser verdrießlichen Strategie, als glaubten sie wirklich, ein dramatischer Verlust ließe sich ausgleichen durch neuerliche Wertschätzung all dessen, was einem beschieden ist. Ich habe einen Ehemann, Tom, der mich liebt und mir treu ist, der auch sehr gut aussieht – ziemlich groß, schlank – und auf ansehnliche Weise die Haare verliert.

Wir bewohnen ein Haus, auf dem keine Hypothek mehr lastet, und unser Heim ist eingebettet in die fruchtbaren wogenden Hügel Ontarios, nur eine Autostunde nördlich von Toronto. Zwei von unseren drei Töchtern – Natalie, fünfzehn, und Christine, sechzehn – wohnen zu Hause. Sie sind intelligent, lebhaft, hübsch und liebenswert, doch auch sie haben teil an dem Verlust, ebenso wie Tom.

Und ich habe meine Schriftstellerei.

»Und du hast deine Schriftstellerei«, sagen die Freundinnen. Ein murmelnder Chor: Aber du hast deine Schriftstellerei, Reta. Keine ist so ungehobelt, darauf hinzuweisen, daß mein Kummer sich am Ende in Stoff für meine Schriftstellerei verwandeln wird, aber sie denken es vermutlich.

Und es ist wahr. Es ist wirklich ein eigenartiger und etwas anstößiger Trost, im Alter von dreiundvierzig Jahren – vierundvierzig im September – zu überblicken, was mir in den unglaublich kindlichen und sonnigen Tagen, bevor ich die Bedeutung von Gram erfuhr, zu schreiben und zu veröffentlichen gelang. »Meine Schriftstellerei«: eine sehr kleine Kompresse, um sie meinem beschädigten Ich aufzulegen, aber besser, so wurde mir eingeredet, als gar kein Trost.

Es ist Juni, im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts, und hier folgt, was ich bislang in meinem Leben geschrieben habe. Meine Schulmädchen-Sonette aus den siebziger Jahren – Satinbeschuhter April, du durchschlüpfest die Zeit / Und gleitende Frühlingstage, didum, didum – rechne ich nicht dazu, auch nicht die vielleicht zwölf schmeichlerischen Buchrezensionen aus den frühen achtziger Jahren. Ich vertraue diese Liste nicht dem Bildschirm an, sondern meinem Bewußtsein, einem weitaus sichereren und leichter zugänglichen Computerprogramm:

Eine Übersetzung von und Einführung in Danielle Westermans Gedichtband

Isolation

, April 1981, einen Monat bevor unsere Tochter Norah geboren wurde, eine Hausgeburt natürlich; eine Hebamme; man konnte beinahe die Gitarren im Hintergrund klimpern hören, nur bereiteten wir kein Festmahl aus der Plazenta, wie es einige von unseren Freunden damals zu tun pflegten. Mein Französisch stammte von meiner Quebecer Mutter und meine Bekanntschaft mit Danielle von der Universität von Toronto, wo sie zu meiner Studienzeit französische Zivilisation unterrichtete. Sie war eine miserable Lehrerin, unschlüssig und, glaube ich, voller Scheu vor den sonnengebräunten, gesunden Studierenden, die vor ihr im Hörsaal saßen, sich andächtig Notizen machten und ihren beschränkten Vorstadtbegriff von dem erweiterten, was das Wort Zivilisation bedeuten mochte. Sie war bereits eine anerkannte Verfasserin von kinetischer, straff gestrickter Prosa, betörend und gefährlich. Sie hatte eine ganz eigene Art, die Leser zu überraschen. Mitten in einer platten, palavernden Passage stieß man, von warmen nachdenklichen Dehnungen getäuscht, auf harte Knorpelmasse.Mir ist ein bißchen unwohl, wenn ich

Isolation

als mein Werk bezeichne, doch Dr. Westerman erklärte mit der ihr eigenen fahrigen Gestik, das Übersetzen, zumal von Gedichten, sei ein kreativer Akt. Schreiben und übersetzen seien einträchtig, sagte sie, nicht gegensätzlich, und keinesfalls hierarchisch. Das

mußte

sie natürlich sagen. Meine Einführung in

Isolation

war jedoch mit Sicherheit kreativ, hatte ich doch keine Ahnung, wovon ich schrieb.Ich habe sie vor kurzem hervorgekramt, und beim Lesen erlebte ich »das Verkriechen des fühlbaren Wurms der Scham«, wie meine Freundin Lynn Kelly das nennt. Als Vermessenheit sehe ich es heute. Die Stelle über die Kunst, welche die Verzweiflung am Leben in etwas »lediglich Brüchiges« umwandelt, und das Bemühen der Poesie, »die Kluft zwischen nichts und nichtig aufzuheben« – was um Himmels willen habe ich damit gemeint? Zuviel Derrida gelesen, das könnte das Problem sein. In den frühen achtziger Jahren habe ich mich intensiv mit alledem beschäftigt.

Danach kam »Das Strahlen eines Sterns«, eine Kurzgeschichte, die in

An

Anthology

of

Young

Ontario

Voices

erschien (Pink Onion Press, 1985). Es ist kaum zu glauben, daß ich 1985 als »junge Stimme« galt, aber ich war tatsächlich erst neunundzwanzig, Mutter von Norah, vier Jahre alt, ihrer Schwester Christine, zwei Jahre, und stand kurz vor der Entbindung von Natalie – diesmal im Krankenhaus. Drei Töchter und noch keine dreißig. »Woher hast du bloß die Zeit genommen?« fragten die Leute im Chor, und in dieser Frage entdeckte ich oft einen leisen Vorwurf: Vernachlässigte ich meine süßen Kleinen zugunsten meiner Schriftstellerkarriere? Aber nein. Der Ausdruck Karriere kam mir nie in den Sinn. Das Schreiben war ein Steckenpferd. Es war mein Makramee, mein Strickzeug. Wenig später jedoch machte ich ernst damit und besuchte einen hiesigen »writers’ workshop« für Frauen, die sich alle zwei Wochen für zwei Stunden trafen; wir tranken Kaffee, ließen es uns gutgehen, genossen die gegenseitige Gesellschaft, und dies führte zu:

»Ikone«, eine Kurzgeschichte, starkan Henry James orientiert, 1986. Gwen Reidman, die einzige Autorin der Werkstattgruppe, die schon etwas veröffentlicht hatte, war unsere Leiterin. Wir nannten uns Glenmar-Kollektiv (ein Akronym aus unseren Vornamen – nicht sehr originell). Eines Tages sagte Gwen, während sie ein Muffin zum Mund führte, sie sei bewegt von der »Strenge« meiner Kurzgeschichte – die, aber nur oberflächlich, auf meiner Reaktion auf die russische Ikonenausstellung in der Kunstgalerie von Ontario beruhte. Mein Prosastück sei ein Fall von Kunst, »umarmende/zurückweisende Kunst«, wie Gwen es ausdrückte, und dann erinnerte sie uns an das berühmte: »Als er zum ersten Mal in Chapmans Homer las« und die ganze Ästhetik der Kunst erzeugenden Kunst, der Kunst verehrenden Kunst, an die ich übrigens nicht mehr glaube. Man glaubt daran, oder man läßt es bleiben. Wir sieben, Gwen, Lorna, Emma Allen, Nan, Marcella, Annette und ich (ich heiße Reta Winters – Rita ausgesprochen), brachten unsere Arbeiten in einem Band mit dem Titel

Incursions

and

Interruptions

(Einfälle und Unterbrechungen) im Selbstverlag heraus; jede steuerte fünfzig Dollar für die Druckkosten bei. Die fünfhundert Exemplare waren in den hiesigen Buchhandlungen schnell verkauft, vorwiegend an unsere Freunde und Verwandten. Bücher herauszugeben war preiswert, stellten wir fest. Erstaunlich. Wir nannten uns die Sprungbrettpresse, und mit diesem Namen drückten wir unsere milde Verlegenheit wegen der Idee mit dem Selbstverlag aus, aber auch die Hoffnung, daß wir in naher Zukunft in einen richtigen Verlag »springen« würden. Ausgenommen natürlich Gwen, die dort schon war. Und Emma, die angefangen hatte, Artikel auf der Meinungsseite von

Globe and Mail

zu veröffentlichen.

Alive

(Random House, 1987), eine Übersetzung von

Pour Vivre

, dem ersten Band von Danielle Westermans Memoiren. Es mag so aussehen, als wollte ich behaupten, das Übersetzen sei ein schöpferischer Akt, aber wie ich schon sagte, es war Danielle in ihrer gütigen Art, die, ihre wirre Stirn in Falten gelegt, mir eingeredet hatte, der Vorgang, elegantes Französisch in lesbares, solides Englisch zu bringen, sei eine ästhetische Leistung. Das Buch wurde von der Kritik wohlwollend aufgenommen und verkaufte sich sogar einigermaßen gut, ein dichtes, aber verständliches Buch, unbefangen und ohne eine einzige Fußnote. Die Übersetzung wurde im

Toronto

Star

von einem gewissen Stanley Harold Howard verrissen (»unbeholfen«), doch Danielle Westerman sagte, machen Sie sich nichts draus, der Mann ist

un maquereau

, was grob übersetzt ein Mittelding zwischen Macker und Macho bedeutet.

Danach schrieb ich als Auftragsarbeit einen Essay für eine Serie, die von einem Blatt mit dem Titel

Encyclopédie

de

l’art

herausgebracht wurde. Winzige, handliche Broschüren, jede einem einzigen Kunstwerk gewidmet, die alles abdeckten, von Braque bis Calder, von Klee bis Mondrian und Villon. Der Verleger in New York, der, wie mir schien, sein Unternehmen von einer Telefonzelle aus leitete und nichts von meiner Unwissenheit ahnte, war zufällig auf meine Kurzgeschichte »Ikone« gestoßen und hielt mich für eine Kennerin des Sujets. Er bat um dreitausend Wörter für einen Band (vielmehr ein Bändchen), der

Russische

Ikonen

heißen sollte und schließlich 1989 herauskam. Ich brauchte ein ganzes Jahr dafür, wie denn auch nicht, mit Tom und den drei Mädchen, mit Haus und Garten, Mahlzeiten und Wäsche und zuviel Innerlichkeit. Sie veröffentlichten meinen »Text« – so ein kaltes, knappes Wort – nebst einer Reihe Farbtafeln auf englisch und französisch (ich schrieb auch den französischen Text) und zahlten vierhundert Dollar. Ich lernte alles über die Schulen von Susdal und Wladimir und was in Nowgorod los war (eine Menge) und daß Bildnisse von Heiligen die Menschen im Mittelalter vor Angst zittern ließen. Soviel ich weiß, wurde das Buch nie besprochen, aber ich kann es heute ohne Scham lesen. Es ist nahezu unmöglich, etwas Falsches über unschuldige Bilder zu schreiben, die keine Regeln der Perspektive beachten und auf gewöhnliche Holztafeln gemalt sind.

Danach habe ich ein Jahr verloren, was ich nicht verstehe, da alle drei Mädchen schon in der Schule waren, das heißt, Natalie ging noch vormittags in den Kindergarten. Ich glaube, ich war zu sehr beschäftigt mit Nachdenken darüber, eine Autorin zu sein, mich schriftstellerisch zu betätigen, mit der Sorge, ob Toms Ego gefährdet war und in Danielles Schatten stand, ganz abgesehen von Derrida, und daß ich meinen eigenen Freiraum zum Schreiben brauchte und fünfunddreißig wurde und mich älter fühlte, als ich mich seither jemals gefühlt habe. Mein Alter – fünfunddreißig – schrie mich die ganze Zeit an, stand groß und breit in meinem Kopf und versperrte den Zugang zu dem, was mein Leben bot. Fünfunddreißig setzte sich nie mit gefalteten Händen hin. Fünfunddreißig war nicht gefaßt. Es summte immerzu gemeine, markige Melodien auf einem zusammengefalteten Stück Cellophan. (»Ich bin gefaßt«, sagte John Quincy Adams auf dem Sterbebett. Wie bewundernswert und beneidenswert und unglaublich; ich liebte ihn dafür.)Diese meine Qual war unnötig; meine schmalen Publikationen wurden Toms Ego nicht gefährlich. Er entpuppte sich als einer jener Männer, um die wir uns in den siebziger und achtziger Jahren sorgten, einer, der in Anerkennung seiner eigenen Bedeutungslosigkeit schrumpfen mochte. Normal sein, das war es, was er wollte, ein normaler Mann, eingebettet in eine Familie, die er liebte. Wir installierten in der Abstellkammer ein Oberlicht, kauften einen gebrauchten Büroschreibtisch, schlossen ein Faxgerät und einen Computer an, und ich setzte mich auf meinen Freedom-Stuhl aus dem Versandhaus und übertrug Danielle Westermans umfangreiches Werk

Les

femmes

et

le

pouvoir

; die englische Fassung erschien 1992, der zweite Band ihrer Memoiren. Der englische Titel wurde in

Women Waiting

(Frauen im Wartestand) geändert, was sich einem erst erschließt, wenn man das Buch gelesen hat. (Frauen besitzen Macht, aber es ist eine Macht, die erst noch ergriffen, gezündet, freigelassen werden muß und so weiter.) Diesmal äußerte sich niemand abfällig über meine Übersetzung. »Glänzend und voll Leichtigkeit«, schrieb der

Globe

, und die

New

York

Times

ging noch weiter und nannte sie »eine große Leistung«.»Sie sind meine wahre Schwester«, sagte Danielle Westerman, als das Buch erschien.

Ma

vraie

sœur

. Ich erwiderte ihre Umarmung. Ihr Verlangen nach körperlicher Berührung hat nicht nachgelassen, obschon sie über achtzig ist, allerdings ist es heutzutage meistens ihr Arzt, der sie berührt, oder ich mit meiner wöchentlichen Umarmung, oder die Maniküre. Dr. Danielle Westerman ist die einzige Person, die ich kenne, die sich zweimal wöchentlich die Nägel maniküren läßt, dienstags und samstags (nur eine Auffrischung), schöne längliche Nagelbetten, die zu ihren länglichen fragenden Augen passen.

Mir schwindelte. Mit einemmal trafen Übersetzungsangebote mit der Post ein, ich aber dachte, ich könnte vielleicht Kurzgeschichten schreiben, wenngleich unsere Glenmar-Gruppe schrumpfte, wie denn auch nicht, da Emma eine Stelle in Neufundland antrat, Annette die Scheidung durchbekam und Gwen in die Vereinigten Staaten zog. Zu dumm nur, daß ich meine Kurzgeschichten haßte. Ich wollte über beiläufig Gehörtes und Gesehenes schreiben, aber diese Form der Flüchtigkeit brachte mich in eine launenhafte Stimmung, und obwohl ich Launenhaftigkeit für einen Zug der menschlichen Persönlichkeit hielt, war es mir peinlich, was ich in meinen neuen Apple-Computer hämmerte, als ich unter dem klaren, hellen Oberlicht saß. Boshaft, kostbar, meine Augenblicke der Erkenntnis.

Aaah!

und

dann

begriff

sie;

ich war so fesselnd mit »Ellen deckte den Tisch, und sie wußte, daß der heutige Abend anders sein würde«. In meinem Ohr saß ein kleines Insekt und surrte: Wen interessiert denn Ellen mit ihren gewebten Platzdeckchen und ihren Hoffnungen für die Zukunft?Mich bestimmt nicht.Weil ich drei Kinder hatte, sagten alle, ich solle Kinderbücher schreiben, aber ich konnte den Ton nicht treffen. Kinderbücher, kreischte es in meinem Gehirn. Sprechende Enten und kichernde Frösche. Ich wünschte mir eine ernstere und gemessenere Aufgabe, und so kam es, daß ich

Shakespeare

und

Blüten

schrieb (Cyclone Press, San Francisco 1994). Der Vertrag war perfekt, bevor ich ein einziges Wort geschrieben hatte. Ich erhielt ein kleines Bündel Bares für den Anfang, der Rest war bei Erscheinen fällig. Ich hatte mir eine streng wissenschaftliche Abhandlung vorgestellt, aber heraus kam ein winziges »Geschenk«-Bändchen. Man konnte dieses Büchlein allen schenken, die jungfräulich oder halbakademisch waren oder die man nicht sehr gut kannte.

Shakespeare und

Blüten

wurde in Läden verkauft, die Grußkarten und Stoffbären feilbieten. Ich hatte einfach die Konkordanz durchsucht und Verweise auf, sagen wir, den Jasmin

(Ein Sommernachtstraum)

oder die Heidelbeere

(Troilus und Cressida)

herausgepickt, mir dann eine kurze Beschreibung der Blüte abgerungen und mich am Telefon (zweimal) mit der Illustratorin in Berkeley abgesprochen und eine Menge Shakespeare-Zitate eingestreut. Ein entzükkendes Büchlein, edles Hochglanzpapier, US $ 12,95. Mit seinen sechsundachtzig Seiten paßt es in einen kleinen Umschlag. Auflage zweihunderttausend, und es verkauft sich nach wie vor, aber der Gewinnanteil ist ein Skandal. Sie möchten, daß ich etwas mit Shakespeare und Tieren mache, und es kann gut sein, daß ich’s tu.

Eros:

Essays

, von Danielle Westerman, Übersetzung von Reta Winters, hastig übertragen – alles war hastig damals, ist es heute noch – und 1995 erschienen. Ungeheuer erfolgreich, nach einem winzigen Vorschuß. Wir gaben den Hund in eine Hundepension, und von dem ersten Übersetzungshonorar machten Tom, ich und die Mädchen uns auf nach Frankreich, für einen Monat im Süden von Burgund, ein Dorf namens La Roche-Vineuse, wo Danielle aufgewachsen war, auf halbem Weg zwischen Cluny und Mâcon, rote Ziegeldächer inmitten wogender Weingärten, glühende Luft. Unser gemietetes Haus war um einen kopfsteingepflasterten Hof voller uralter Rosen und Hortensien herumgebaut. »Wie alt ist das Haus?« fragten wir die Nachbarn, die uns zum Apéritif gebeten hatten. »Sehr alt«, war alles, was wir herausbekamen. Die Steinmauern waren über einen halben Meter dick. Die drei Mädchen nahmen an der

l’école d’été

Tennisunterricht. Tom, glücklich unter der französischen Sonne, grub Überreste von Trilobiten aus, und ich saß in einem Korbsessel in dem Innenhof voller Blumen, in Shorts und rückenfreiem Oberteil, barfuß, einen schlappen Strohhut auf dem Kopf, las Tag um Tag Romane und dachte dabei: Ich möchte einen Roman schreiben. Über ein Geschehen. Über Figuren, die sich auf ein »Dort« zubewegen. Das war es, was ich wirklich wollte.Im Rückblick kann ich solche Naivität kaum fassen. Ich kam nicht auf den Gedanken, daß unsere Mädchen älter werden, unser Haus verlassen und sich von uns abkehren würden. Norah war ein braves, fügsames Baby gewesen und wurde dann ein braves, fügsames kleines Mädchen. Heute, mit neunzehn, fließt sie dermaßen über vor Güte, daß sie in Toronto an einer Straßenecke sitzt, die eine literarische Geschichte hat, von der Norah aber vermutlich nichts weiß. Sie sitzt unter dem Laternenpfahl, an dem der Dichter Ed Lewinski sich 1955 erhängt hat, an dem U-Bahn-Ausgang, wo Margherita Tolles einst in den Sonnenschein ihrer Wahlheimat trat und beschloß, ein großartiges Stück zu schreiben. Norah hockt im Schneidersitz mit einer Bettelschale im Schoß und verlangt nichts von der Welt. Neun Zehntel von dem, was man ihr gibt, verteilt sie am Ende des Tages an andere Straßenmenschen. Sie trägt ein Pappschild auf der Brust, ein einziges Wort, mit schwarzem Markierstift in Druckschrift – GÜTE.Ich weiß nicht, was das Wort wirklich bedeutet, obwohl Wörter mein Metier sind. Das altenglische Wort

wearth

, habe ich neulich im Internet entdeckt, bedeutet ausgestoßen; das andere englische Wort, sein Zwilling, sein Gegenpart, ist

worth

. Was das heißt, wissen wir, und wissen ihm zu mißtrauen. Das Wort

wearth

ist es, das Norah geschluckt hat. Dies ist der Ort, den sie in Anspruch genommen hat, eine ganze Welt, auf Stille errichtet. Ein einfacher Posten, sagt die mißbilligende, betrübte Mutter, einfach einzunehmen und einzuhalten, sofern man genug Übung hat. Ein schärferes Bild ließe sich durch Einwerfen einer adstringierenden Flüssigkeit erzielen, eine pfeffrige Sauce, Ironie, Aufsässigkeit, Tattoos, gepiercte Zunge und lila Stachelhaare, aber nein. Norah verkörpert Unsichtbarkeit und Güte, zumindest ist sie auf dem Weg – das sagte sie bei unserem letzten Gespräch vor acht Wochen, am elften April. Sie trug an jenem Tag zerrissene Jeans und einen kratzigen karierten Schal, höchstwahrscheinlich eine Autodecke. Ihre langen fahlen Haare waren verfilzt. Sie weigerte sich, uns in die Augen zu sehen, aber sie blinzelte anerkennend – davon bin ich überzeugt –, als ich ihr einen Beutel mit Käsebroten gab und Tom ein Bündel Zwanzigdollarscheine in ihren Schoß fallen ließ. Dann sprach sie, mit ihrer Stimme, aber ohne jeden persönlichen Bezug. Sie könne nicht nach Hause kommen. Sie sei auf dem Weg zur Güte. In diesem Augenblick war ich, ihre Mutter, mehr außerhalb meiner selbst als sie; ich fühlte es. Sie war nicht zu erschüttern. Sie ließ sich nicht ablenken. Sie konnte nicht bei uns »sein«.Wie ist es zu diesem Teil der Erzählung gekommen?Wir wissen, daß er nichtaus der normalen Handlung einer Lebensgeschichte hervorging. Ein intelligentes schönes Mädchen aus einer liebevollen Familie wächst in Orangetown, Ontario, auf, die Mutter ist Schriftstellerin, der Vater ist Arzt, und dann weicht sie vom Wege ab. Nichts Natürliches ist an ihrer schwellenden Güte. Sie ist abrupt und brutal. Sie bringt uns um. Was uns aber wirklich umbringen wird, ist der Tag, an dem wir sie nicht an ihrer erwählten Ecke auf dem Pflaster sitzend antreffen werden.Doch von alledem wußte ich nichts, als ich in Burgund im Garten saß und davon träumte, einen Roman zu schreiben. Ich war der Meinung, etwas vom Aufbau eines Romans zu verstehen: das sanfte Gefälle der Aussage, die Ranken oberflächlicher Details, die berechnete Aufwärtskurve hin zum Unvermeidlichen, die dennoch Abschnitte des Unverbesserlichen zuläßt, und dann der Schluß, eine Korrumpierung von Ursache und Wirkung und die Versammlung aller Charaktere in einem gerahmten opernhaften Zirkel aus Trost und Ekstase, mit einer Hintergrundbeleuchtung in Faseroptik-Gold, nur für einen Augenblick auf der vorletzten Seite, nur für ein winziges Teilchen der Zeit.Ich hatte eine Idee für meinen Roman, ein Samenkorn, mehr nicht. Zwei einnehmende Figuren hatten sich aufgedrängt, eine Frau und ein Mann, Alicia und Roman, aus Wychwood, einer Stadt so groß wie Toronto, sie toben und tollen und klammern sich an die Insel, die die Misere ihres Lebens ist – sie sehnen sich nach Liebe, streben aber eigensüchtig nach Selbsterhaltung. Roman ist stolz auf sein cholerisches Temperament. Alicia hält sich für nachdenklich, aber ihr Job als stellvertretende Direktorin eines Modemagazins hält sie zu sehr auf Trab, um nachzudenken.

Und ich hatte einen Titel,

My Thyme Is Up

(Mein Thymian ist aufgegangen). Das war ein alter Familienwitz, der auf dem Gleichklang von »thyme« und »time« (My Time Is Up – meine Zeit ist um) beruht, denn ich wollte einen witzigen Roman schreiben. Einen leichten Roman. Einen Roman für den Sommer, in einem Ikea-Korbsessel zu lesen, während die Sonne auf die Seiten fällt, so zart und still wie der menschliche Atem. Der Roman würde natürlich gut ausgehen. Ich zweifelte nie daran, diesen Roman schreiben zu können, und ich tat es dann, 1997 – in einem Rutsch, allein, in den drei dunklen Wintermonaten, als die Mädchen den ganzen Tag in der Schule waren.

Die mittleren Jahre

, die Übersetzung des dritten Bandes von Danielle Westermans Memoiren, erscheint diesen Herbst. Band drei handelt von Westermans zahlreichen Liebesaffären mit Männern und Frauen, und nichts wird ihre Leser schockieren oder auch nur überraschen. Neu sind die Geschmeidigkeit und die Kraft ihrer Sätze. Stets eine Könnerin in Prägnanz und Selbstlosigkeit, ist sie im hohen Alter zu einer wunderbaren Flüssigkeit und Entfaltung des Ausdrucks gelangt. Meine Übersetzung gibt nicht ansatzweise wieder, was sie geleistet hat. Das Buch ist sachlich; es ist auch sentimental; das eine gleicht eigentümlicherweise das andere aus und rettet es. Ich kann nur vermuten, daß die ewigen Kalziumtabletten, die Danielle jeden Morgen schluckt, das Vitamin E und die Emu-Öl-Kapseln direkt in ihre Sprachader eingeflossen sind, so daß, was aufs Papier gelangt, größer, verzückter, selbstvergessener ist als alles, was sie vorher geschrieben hat, und daß alledem kurze, rasche Abschweifungen entsprießen, die vorgeben, nur achtlose Nebenbemerkungen zu sein, kleine Anfälle von Kapitulation, die uns, ihre Leser, auffordern, an die Vollständigkeit ihres Verzichts zu glauben.Entweder ist es das, oder sie wird endgültig senil, eine großzügige Lockerung der Sprache im hohen Alter. Dieser Gedanke ist mir mehr als einmal gekommen.Ein weiterer Gedanke ist vorübergeschwebt, seidig wie eine Brise, die ein Gitter streift. Etwas fehlt in diesen Memoiren, zumindest denke ich das aus meiner ich-bezogenen Sicht. Danielle Westerman leidet, sie fühlt die Stiche der existentiellen Einsamkeit, das Fehlen sexueller Liebe, den Verrat ihres weiblichen Körpers. Sie hat keinen Partner, niemanden, für den sie der erste Mensch in der Weltordnung ist, niemanden, auf den sie sich verlassen kann wie ich mich auf Tom. Sie hat kein Kind, ja, es leben überhaupt keine Verwandten mehr, und vielleicht ist es das, was die Memoiren kindlich macht. Man schluckt die Sätze wie frische Milch, die im Glas schäumt.

Ich sollte Buch Nummer elf nicht erwähnen, da es kein Fait accompli ist, ich tu’s trotzdem. Ich werde einen zweiten Roman schreiben, eine Fortsetzung von

My Thyme

Is

Up

. Heute ist der Tag, an dem ich anfange. Den ersten Satz habe ich schon in meinen Computer getippt:»Alicia war nicht so glücklich, wie sie es verdiente.«Ich habe keine Ahnung, was in diesem Buch passieren wird. Es ist eine reine Abstraktion des Augenblicks, aus dem Boden geschossen wie der runde Kelch eines Krokus auf einem kalten Rasen. Ungeschickt, wie es meine Art ist, bin ich über diese Idee gestolpert, und jetzt will der Schreibdrang nicht weichen. Dies wird ein Buch über verlorene Kinder, über Güte und Nach-Hause-Gehen und Glücklichsein und das Bemühen, das Gift der gedruckten Seite im richtigen Verhältnis zu wahren. Ich bin furchtbar neugierig, wie sich die Geschichte entfalten wird.

Annähernd

Wir haben mehr als die Hälfte des Jahres 2000 hinter uns. Anfang August kam Toms alter Freund Colin Glass aus Toronto zum Abendessen herüber. Beim Kaffee versuchte er, mir die Relativitätstheorie zu erklären.

Ich war es, die ihn veranlaßte, das Thema anzuschneiden. Relativität ist ein Stück Wissen, das ich schon immer verstehen wollte, ein starkes Stück, aber die Erklärenden neigen dazu, zu schnell vorzugehen oder aber einen Schritt zu überspringen, weil sie annehmen, daß ihre Zuhörer ihn schon verinnerlicht haben. Offensichtlich gab es eine Zeit, als ein einziger Mensch auf der Welt die Relativität verstand (Einstein), dann waren es zwei Menschen, dann drei oder vier, und heute haben die meisten Highschool-Schüler, die Physik wählen, zumindest eine Ahnung, heißt es. Wie schwierig kann die Relativitätstheorie sein? Laut Colin ist sie von einer irrwitzigen Spekulation zu einer bestätigten Tatsache geworden, weswegen es noch wichtiger ist, sie zu verstehen. Ich habe es versucht, aber mein Begriffsvermögen erscheint mir dürftig. Die Lichtgeschwindigkeit ist also konstant. Ist das alles?

Für gewöhnlich liebe ich die langen Augustabende, die Sprenkel bernsteinfarbenen Lichts, die auf die weißen Wände des Speisezimmers fallen, unmittelbar bevor die separaten Zwielichtschatten sie ablösen. Medaillonblätter, die zitternd ihre runden Geisterschatten werfen. Den ganzen Tag hatte ich den Ammerfinken im Wald hinter unserem Haus zugehört; ihr Gesang ähnelt der kanadischen Nationalhymne, jedenfalls die ersten Takte. Der Sommer erstarb, aber stückweise. Wir hätten im Freien gegessen, wenn die Wespen nicht gewesen wären. Gutes Essen, die Gesellschaft eines guten Freundes, was will man mehr? Aber ich mußte immer wieder an Norah denken, die unter ihrem Laternenpfahl saß und das Pappschild mit dem Wort GÜTE auf der Brust trägt, und dann verpaßte ich, was Colin sagte.

Unterdessen hatte ich vollkommen vergessen, was die Kirsche (über vier Dollar das Pfund) verkörperte und was die kleine Delle darstellen sollte. Colin redete und redete, und Tom, der als praktischer Arzt über breitgefächerte wissenschaftliche Kenntnisse verfügt, schien ihm zu folgen; zumindest nickte er beifällig. Lois, meine Schwiegermutter, hatte sich höflich entschuldigt und war nach nebenan in ihr Haus zurückgekehrt; nie verpaßt sie die Zehn-Uhr-Nachrichten; indem sie die Zehn-Uhr-Nachrichten sieht, dient sie dem Fortschritt des Landes Kanada. Christine und Natalie waren längst vom Tisch verschwunden, und ich konnte das Laut und Leise von TV-Geräuschen im Fernsehzimmer hören.

Pet, unser Golden Retriever, parkte sein zottiges Gestell unter dem Tisch, sein ganzer Hundeleib brummte an meinem Fuß. Manchmal stöhnt er im Traum, und manchmal gluckst er vor Glück. Ich mußte an Marietta denken, Colins Frau, die vor ein paar Monaten die Koffer gepackt hatte und nach Calgary gezogen war, um mit einem anderen Mann zusammenzuleben. Sie hatte erklärt, Colin sei zu sehr in seine Forschung und Lehre verstrickt, um ein richtiger Partner zu sein. Die schöne Frau mit einem Hals wie ein Pflanzenstengel ließ durchblicken, daß die Leidenschaft in ihrer Ehe einen Kollaps erlitten habe. Sie war plötzlich gegangen, kalt; er war aus allen Wolken gefallen; er habe keine Ahnung gehabt, sagte er uns in den Tagen danach, daß sie all die Jahre unglücklich gewesen sei, aber er hatte in einer Kommodenschublade ihre Tagebücher gefunden und sie gelesen, und ihm war übel geworden von der Erkenntnis, daß eine Kluft aus Mißverständnissen sie trennte.

Warum ließ eine Frau derart persönliche Tagebücher zurück? Natürlich um zu strafen, zu verletzen. Colin, durchaus ein anständiger, herzensguter Mensch, pflegte auf trockene, ermahnende Art mit ihr zu sprechen, als wäre sie eine Studentin und nicht seine Frau. »Willst du mir etwa weismachen, daß das hier Schmelzkäse ist?« fragte er sie einmal, als wir zum Abendessen bei ihnen zu Hause waren. Ein andermal: »Dieser Kaffee ist ungenießbar.« Er liebte den Genuß – er gehörte zu dieser Sorte Menschen –, nahm ihn für selbstverständlich und konnte sich kleine Wutschreie nicht versagen, wenn der Genuß ausblieb. Man könnte ihn als arglos in seinen Erwartungen bezeichnen, geradezu naiv an diesem speziellen Augustabend. Es war, als wäre er allein in einem Gewölbe, das von Ungeheuerlichkeiten widerhallte, während Tom und ich direkt vor dem Eingang Wache standen und gelegentlich einen Blick auf seine überbordende, verdrehte, aber ruhige Brillanz erhaschten. Sogar die kleinen Säcke unter seinen Augen waren phlegmatisch. Er war nicht oberflächlich, aber vielleicht argwöhnte er, daß wir es waren. Ich mußte mich bremsen, um ihn nicht mit einem Witz zu unterbrechen. Das tue ich leider oft: um eine Erklärung bitten und dann auf meinen eigenen Gedanken dahintreiben.

Wie konnte er jetzt so seelenruhig an unserem Tisch sitzen, mit Kirsche und Kaffeetasse spielen, den Rand seines Strohplatzdeckchens aufrollen und uns diese gewaltige Information aufdrücken? Es war kurz vor Mitternacht; er hatte eine einstündige Fahrt vor sich. Was bedeutete die Relativitätstheorie fürseinen Lebenslauf? Colin mit seiner kleinen Brille und dem gestutzten Schnurrbart stand mit großen Ideen auf vertrautem Fuß. Als Theorie funktionierte die Relativität; mit ihrer Präzision und Eleganz hielt sie die unterschiedlichsten »Begriffe« zusammen. Denkt an dick aufgetragenen Klebstoff, sagte er hilfreich über die Relativität; denkt an die Kraft der scharfsinnigen Mutmaßung. Eine derart überwältigende Perspektive, zu Beginn visionär, sei dann gewürdigt und bestärkt worden, und darüber hinaus sei sie nützlich, behauptete Colin jetzt. Angesichts der Ungewißheiten des Lebens konnte das Gewicht der Relativität angenommen und dann als Teileinheit des Bewußtseins beiseite gelegt werden.

Er endete unbeholfen, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, streckte die langen Arme aus. »So!« Das war’s, schien er zu sagen, oder das ist alles, was ich tun kann, um eine so brillante Idee zu vereinfachen und zu vermitteln. Er sah auf seine Uhr, lehnte sich dann wieder zurück, erschöpft, mit sich zufrieden. Er trug ein sorgfältig geplättetes Baumwollhemd mit blauen und gelben Streifen, adrett in den Bund seiner schwarzen Jeans gesteckt. Kleidung interessiert ihn nicht. Dieses Hemd muß noch aus den Tagen seiner Ehe stammen, für ihn ausgesucht, von Marietta persönlich geplättet und auf einen Bügel gehängt, vielleicht letzten Sommer.

Die Relativitätstheorie würde Colins Frau nicht flugs in das alte Steinhaus am Oriole Parkway zurückbringen. Sie würde meine Tochter nicht von der Ecke Bathurst und Bloor nach Hause bringen oder aus dem Promise Hostel, dem Heim, wo sie nächtigt. Tom und ich sind ihr eines Tages gefolgt; wir mußten wissen, wie sie zurechtkam, ob sie in Sicherheit war. Es wird bald kalt werden. Wie erträgt sie das? Kalter Beton. Schmutz. Ungekämmte Haare.

»Würdest du sagen«, fragte ich Colin – ich hatte mehrere Minuten nicht gesprochen –, »daß die Relativitätstheorie das Gewicht von Güte und Lasterhaftigkeit in der Welt verringert hat?«

Er sah mich an. »Relativität kennt keinen moralischen Standpunkt. Nicht den geringsten.« (»Dieser Kaffee ist ungenießbar.«)

Ich sah Tom hilfesuchend an, aber er blickte mit seinen sanften Augen zur Decke und lächelte. Ich kannte dieses Lächeln.

»Aber ist es nicht denkbar«, fragte ich weiter, »daß Güte, oder Tugend, wenn du willst, eine Welle oder ein Teilchen der Energie sein könnte?«

»Nein«, sagte er. »Nein, das ist nicht denkbar.«

Ich machte mich abrupt daran, den Tisch abzuräumen. Ich war plötzlich vollkommen erledigt.

Dennoch bin ich dankbar für die Freundschaft und intellektuelle Leidenschaft eines so integren Menschen wie Colin Glass, der ungeachtet seines Leids und seiner Demütigung aufrichtig wünschte, daß ich einen Schlüsselbegriff des zwanzigsten Jahrhunderts verstand. Oder hatte er sich lediglich für eine Stunde abgelenkt? Das ist es, was ich lernen muß: die Kunst des Ablenkens. Er hatte den ganzen Abend nicht ein Wort über Marietta gesagt. Tom und mir ist klar, daß er sein Leben ohne sie neu aufbaut. Aber eine Tochter ist etwas anderes. Eine Tochter von neunzehn Jahren kann man nicht auslöschen.

Einstmals

Es war klar, daß ich die Öffentlichkeitsarbeit für den dritten Band von Danielle Westermans Memoiren übernahm. Mit fünfundachtzig war sie zu alt und zu distinguiert, um einen Tag mit Interviews in Toronto zu bewältigen, obwohl sie dort lebt. Als Übersetzerin konnte ich Fragen der Presse problemlos meistern. Der Verlag hat einen maßvollen Zeitplan erstellt, da Dr. Westerman bereits über eine langjährige treue Leserschaft verfügt.

Anfang September fuhr ich nach Orangetown, durch die stille altmodische Hauptstraße und wieder hinaus aufs Land. Toronto, imposant und abgeschieden, lag strahlend vor mir. Die Peripherie der Stadt ist ausgefranst, wiewohl die vielen Ausfahrten eine gewisse Ordnung vortäuschen. Es herrschte nur mäßiger Verkehr. Ich fuhr langsam an der Ecke Bloor und Bathurst vorbei, um einen Blick auf Norah zu werfen. Da saß sie, wie immer, an der nordöstlichen Ecke auf dem Boden neben dem U-Bahn-Eingang, mit ihrer Schale und ihrem Pappschild, dabei war es noch nicht mal neun Uhr. Hatte sie gefrühstückt? Hatte sie Nissen im Haar? Was denkt sie, oder hat sie eine große Leere im Kopf?

Ich parkte und ging zu ihr hinüber. »Hallo Norah, Liebling«, sagte ich und stellte eine Plastiktüte mit Lebensmitteln hin: Brot und Käse, Obst und rohes Gemüse. Und in einem Umschlag ein neues Foto von Pet mit seiner geraden stolzen Schnauze und der wuscheligen Halskrause. Von den Mädchen hing ausgerechnet Norah am meisten an Pet, und jetzt bestach ich sie schamlos. Es war ein kühler Tag, und es ließ mein Herz erstarren, sie in ihrer unergründlichen Reglosigkeit zu sehen, aber ich stellte erfreut fest, daß sie warme Fäustlinge trug. Erfreut? Ich und erfreut? Das allerkleinste Zeichen erfreut in diesen Tagen mein Herz. Heute sah sie mich halbwegs an und nickte. Wieder überkam mich eine Welle der Freude. Ich gestatte mir nur einen solchen Blick pro Woche, nachdem sie klar zu erkennen gegeben hatte, daß sie uns nicht sehen will.

Es ist, als würde ich sie durch eine Glasscheibe beobachten. Die ganze Woche über werde ich von diesem kostbaren voyeuristischen Augenblick zehren und ihn zugleich zu tilgen suchen mit Bildern von Norah auf ihrem Fahrrad, Norah, die am Küchentisch für eine Prüfung büffelt, Norah, die nach ihrem grünen Regenmantel greift, Norah, die neue Schulschuhe anprobiert, Norah im Schlaf, in Sicherheit.