Das Teufelshaus - Stefan Friedmann - E-Book

Das Teufelshaus E-Book

Stefan Friedmann

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Beschreibung

Eine tote Ehefrau, ein toter Sohn: Bilanz einer schrecklichen Nacht, die für Mickey niemals zu enden scheint. Fünfzehn Jahre hat er wegen Mordes im Gefängnis verbracht. Nun kehrt Mickey zurück nach Haus Seeblick, einen dunklen Ort, an dem er sich den Geistern und Dämonen seiner Vergangenheit stellen muss. Ein erbarmungsloser Kampf um die Seelen seiner Liebsten beginnt. Ein Kampf auch um seine eigene Seele.

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Seitenzahl: 656

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Stefan Friedmann

Das Teufelshaus

© 2017 Stefan Friedmann

Umschlag, Illustration: Marion Böttcher

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-5533-6

Hardcover:

978-3-7345-5534-3

e-Book:

978-3-7345-5535-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Ganz herzlich bedanken möchte ich mich bei Katja, Kathrin und Ivonne für ihre tolle Unterstützung, ohne die dieses Buch so nicht möglich gewesen wäre. Ihr habt durchgehalten und es bis zum Ende gelesen. Ich baue auf euch für mein nächstes Projekt. Danke auch an alle weiteren Probeleser. Der klasse Buchumschlag wurde von “mb Design” entworfen. Danke Marion.

Besucht mich auf meiner Homepage:

www.stefanfriedmann.de

oder schreibt mir unter:

[email protected]

Für Maike, die ich sehr liebe und die Horrorgeschichten hasst

Prolog

Die Liebe endet nicht mit dem Tod

Dunkelheit umgab Mickey. Sie hüllte ihn vollständig ein und gab doch genug preis, um sich mühelos zu orientieren. Mit kleinen, tastenden Schritten bewegte er sich in ihr vorwärts. Gefrorener Schnee knirschte unter seinen Sohlen. Dünne Flocken schwebten blind durch die Schwärze zu Boden. Einige blieben an seinem Gesicht hängen und er entfernte sie mit einer beiläufigen Handbewegung. Kälte kroch unter seine Jacke, doch Mickey spürte sie nicht. Es schien, als steckte er nicht in seinem Körper, sondern steuerte ihn von weit weg. Regungslos verharrte er, auf das leiseste Geräusch lauernd. Aber da war nichts. Es herrschte Totenstille, in der sein Atem kondensierte.

Wo er sich befand und wie er hier her gekommen war, konnte er sich nicht erklären. Das Letzte, an das Mickey sich erinnerte, war die unvollkommene Dunkelheit und ein eigenartiges Gefühl in seinen Eingeweiden. Als würden Millionen von Bienen einen Tanz aufführen. Und doch kam ihm alles so verdammt vertraut vor. Er war sich sogar sicher, schon einmal hier gewesen zu sein … mindestens einmal.

Mickey fühlte sich wie ein Beobachter der durch die Augen eines Fremden schaute, obwohl er wusste, dass es seine eigenen waren, durch die er alles sah. Trotzdem schienen Geist und Körper zwei eigenständige, getrennte Einheiten zu sein.

Langsam, als regelte jemand mit einem Dimmer eine Lichtquelle, wurde die Umgebung von irgendwo hinter ihm erhellt. Seine Augen passten sich schnell den veränderten Verhältnissen an. Wände wuchsen aus der Dunkelheit und ihm wurde zu seinem Erstaunen bewusst, dass er sich in einem Raum befand in dem es schneite, was völlig verrückt war.

Knöchelhoch bedeckte der Schnee den Boden. Mickey schaute sich unruhig um. Die hohen Schränke und Regale in seiner Nähe erschienen ihm undeutlich, als würde ein dünner Schleier sie vor neugierigen Blicken schützen.

Vorsichtig ging er weiter, immer tiefer in den Raum hinein. Schritt für Schritt bewegte er sich durch die langsam heller werdende Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die mehr preisgab, als das sie verbarg. Alles wirkte nicht real … und irgendwie doch.

Die Maße des Raumes konnte man schlecht abschätzen; er wirkte gewaltig. Mickey hatte das Gefühl, das er sich ständig veränderte, wie etwas Lebendiges. Ein riesiges Herz, das sich ausdehnte und zusammenzog. Ein krankes, aus dem Takt gekommenes Herz.

Nach einer schier endlosen Zeitspanne, bemerkte er vor sich eine Bewegung. Eigentlich spürte er sie erst, bevor er sie sah. Ein schwarzer Umriss schälte sich, einige Schritte entfernt, aus der Schwärze. Seine Atmung beschleunigte sich. Wie eine Lokomotive erzeugte sie kleine Wölkchen vor seinem Mund.

Der Schneefall wurde dichter.

Durch die herabfallenden Flocken schob sich ein Gesicht. Zuerst erkannte er sehr wenig, eine verschwommene Kontur, dann eine Nase, Augen die sich unter einer glatten Stirn hervorhoben und blondes Haar.

Das Gesicht gehörte Susan. Seiner Frau.

Es schwebte wie ein weißer Mond in der Finsternis. Ihre Augen lagen weit und kraftlos in den Höhlen. Dunkle Ringe unter ihnen deuteten auf chronische Schlaflosigkeit hin. Ihre fahlen Lippen bebten, formten Worte, doch kein Laut drang an sein Ohr. Noch immer herrschte diese unheimliche Stille.

Ihre Gesichtszüge veränderten sich, während der Schnee sich sanft, aber beständig auf ihren verfilzten Haaren niederließ und langsam eine dünne, weiße Schicht bildete. Sie begann zu schreien. Die Ader an ihrem Hals schwoll vor Anstrengung auf die Dicke eines Fingers an. Ihr Kopf wippte auf und ab, wobei Schnee von ihren Haaren rieselte. Sein Herz schlug bei dem Anblick seiner Frau, die nun immer panischer wurde, schneller.

Was war hier los? Warum konnte er sie nicht verstehen, obwohl sie sich die Seele aus dem Leib brüllte und er sich nur eine Armlänge von ihr entfernt befand?

Dann stand sie einfach nur noch da und wartete auf eine Reaktion. Doch wie sollte er reagieren? Er wusste es nicht und spürte wie Panik in ihm aufstieg. Sie begriff, dass er sie nicht verstand. Susan fasste schräg hinter sich und zog einen kleinen Jungen hervor, der sich bis eben hinter ihr versteckt gehalten hatte. Sie schob ihn vor sich und hockte sich neben ihn.

Der Junge weinte. Dustin.

Mickey erkannte das mit Tränen und Rotz verschmierte Gesicht seines Sohnes. Dustin zitterte am ganzen Körper. Stumpfe Tränen kullerten ihm über die Wangen, tropften herunter und verschwanden in der Dunkelheit. Immer wieder blickten sie sich um, als würde dort hinten, in der endlosen Schwärze, etwas lauern.

Irgendwas, vor dem sie sich unsagbar fürchteten.

Er begriff, dass Susan ihm eine Nachricht vermitteln wollte. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er verstand kein Wort. Sie befand sich nur noch zwei Handbreit vor ihm und er erkannte den kleinen Leberfleck in Herzform auf ihrer linken Wange. Er wollte sie berühren, sie in den Arm nehmen und beruhigen. Er wollte ihr Gesicht streicheln und seine Finger über ihre graue Wange gleiten lassen. Doch als er seine Hand ausstreckte, traf er auf Widerstand, als würde eine unsichtbare Wand zwischen ihnen bestehen. Ein Gefühl als berührte man kaltes, durchsichtiges Eis ohne seine typischen, durch Luftbläschen entstandenen Unregelmäßigkeiten. Doch da war noch etwas anderes. Etwas, dass man nicht in Worte packen konnte. Eine fremde, bösartige Präsenz.

Wieder diese hastigen, ängstlichen Blicke tief in die Dunkelheit hinein, die sich hinter ihnen endlos auszudehnen schien. Er fühlte den Schmerz, schmeckte ihre Angst. Das Andere schien sich zu nähern, weit hinten aus der Finsternis zu ihnen zu kriechen. Was auch immer es war, wollte nicht, dass sie miteinander kommunizierten.

Susan begann hektisch mit den Armen zu gestikulieren und formte mit den Händen eine Figur. Es schien ihr wichtig. Tränen quollen wie kleine Eisklumpen aus ihren Augen und rannen in dünnen Rinnsalen die Wangen herab. Sie drückte den kleinen Dustin eng an sich und strich behutsam über seine braunen Haare.

Susan wurde panisch, fing erneut an zu schreien und schlug mit der Faust geräuschlos an das unsichtbare Eis. Ihr Atem kondensierte und blieb an der Trennwand hängen, wo er einen milchigen Fleck erzeugte. Dann schaute sie zurück und wurde ruhiger. Ihre Gesichtszüge entspannten sich.

Ihre Handfläche blieb auf der unsichtbaren Barriere liegen. Er verstand die Geste und legte seine auf die andere Seite, so dass beide deckungsgleich lagen.

Sie lächelte und schien sich mit dem Kommenden abzufinden. Ihre spröden Lippen formten drei Worte. Worte, die er auch ohne Laut verstand.

ICH LIEBE DICH

Er wiederholte sie und während er ihr Lächeln erwiderte, bildeten sich Risse in der Eiswand; zogen sich kreuz und quer von ihren Händen ausgehend in alle Richtungen. Die Trennschicht wurde spröde und dadurch immer undurchsichtiger. Für einen kurzen Augenblick erkannte er, durch Millionen feinster Risse, wie Spinnenweben, eine dunkle Aura, die sich hinter seiner Frau und seinem Sohn aufbaute. Dann schlossen die nächsten Spinnenweben die letzten Lücken und als er seine Hand zurückzog, durchfuhr ihn ein unsagbarer Schmerz. Als würde er in siedendes Wasser getaucht, dass ihm das Fleisch von den Knochen kochte.

Er schrie.

Und als der Schrei anfing in seinen Ohren zu klingeln, wurde er wie an einem unsichtbaren Gummiband zurückgezogen. Fort von der Wand.

Die Schneeflocken rasten mit ungeheurer Geschwindigkeit an ihm vorbei. Sein Schreien wurde lauter, steigerte sich zu einem schrillen Gekreische und als er dachte, er müsste verbrennen, wurde er wach.

Schweißgebadet saß Mickey in seinem Bett. Sein Herz raste so heftig, dass er froh war, mit vierundvierzig noch einigermaßen fit zu sein, sonst wäre die Pumpe sicherlich stehen geblieben. Sein Puls beruhigte sich und er fand sich langsam wieder zurecht. Mickey sortierte seine Gedanken, wusste nun, wo er sich befand und dass Susan und Dustin seit fünfzehn Jahren tot waren.

Durchgeschwitzt und schwer atmend legte er sich aufs Bett zurück. Seine Hand tastete durch die Dunkelheit, fand die Nachtischlampe und schaltete sie an. Kaltes Licht flutete den Raum und legte ein schäbiges Hotelzimmer frei.

Sein Blick blieb an der schlecht gestrichenen Decke kleben. Er dachte über den Traum nach, der ihn beinahe jede Nacht quälte. Aber irgendetwas war diesmal anders. Schlaftrunken wischte er sich das verschwitzte Haar aus der Stirn und dann fiel es ihm ein: Ihre Hände hatten eine Figur geformt. Das kam in den anderen Träumen nicht vor, dazu kam sie nie, da die Spinnenweben ihr immer zuvor gekommen waren. Mickey wusste, was sie mit ihren Händen geformt hatte. Und er wusste auch warum.

„Haus Seeblick, du hast mir unser Ferienhaus gezeigt“, flüsterte er und ihm schauderte. Dann schaltete Mickey das Licht aus. Als er sich wieder auf die Seite drehte, zeigten die leuchtend roten Ziffern seines Digitalweckers 3:07 Uhr an.

Teil 1: Der Anfang

 

Eins

13. Oktober; Gegenwart

Schwere, dunkle Wolken hingen tief vom Himmel herunter, als wollten sie die Erde zermalmen. Schwacher Dunst, bestehend aus unzähligen winzigen Tröpfchen, schwebte auf dem Asphalt. Die Wolken waren Vorboten des Regens, der sich an diesem trüben Oktobervormittag ankündigte.

Mickey fuhr die vereinsamte Straße entlang und hing seinen Gedanken nach. Mit buntem Laub behängte Bäume zogen wie ein Spalier an ihm vorüber. Er hatte es nicht eilig. Bis zu seinem Termin besaß er noch genügend Zeit und überall konnte ein Reh aus dem Gebüsch springen und seine Fahrt abrupt beenden. Dieses Risiko wollte er auf keinen Fall eingehen.

Die gesamte Straße gehörte ihm. Das letzte Fahrzeug, hatte ihn schon vor fünfzehn Minuten überholt. Der Fahrer hatte gehupt und wild mit seinen Armen gestikuliert. Mickey war ihm wohl zu langsam gewesen.

Mickey (eigentlich Michael Kahn, aber so nannte ihn kaum jemand), drehte das Seitenfenster ein Stück herunter, um den Zigarettenqualm entweichen zu lassen. Mittlerweile drohte er, das gesamte Wageninnere zu erdrücken.

Gekonnt schnippte Mickey den heruntergebrannten Stummel durch den Schlitz, wo er funkensprühend auf der Fahrbahn aufschlug. Dann steckte er sich die Nächste an. Eine beschissene Angewohnheit.

Im Wagen sah es schlimm aus: Müll im Fußraum, eine leergetrunkene Dose Cola, die auf dem Beifahrersitz hin und her kullerte und einen Fleck auf dem Bezug hinterlassen hatte, ein angebissener Snickers und eine zerknitterte Schachtel Marlboro in der Mittelkonsole.

Mickey betrachtete die Zigaretten und Wut stieg in ihm auf. Vielleicht hätte er nie mit dem Rauchen angefangen, wenn ihn sein Schulfreund David nicht unter dem Vorwand, er habe ein verspätetes Geburtstagsgeschenk, in die Scheune vom alten Mohrmann gelockt hätte. Mickey hatte ihn gefragt, was er denn für ein Geschenk für ihn habe. Daraufhin hatte David, feierlich grinsend, eine zerknitterte Schachtel aus der Hosentasche gezogen. Mickey erinnerte sich nicht mehr an die Marke, doch an ihren Geschmack erinnerte er sich noch sehr gut. Sie hatte fürchterlich geschmeckt. Grundgütiger, sie hatte wie Asche geschmeckt. Damals hatte er gedacht (nachdem er zu Hause ins Klo gebrochen hatte), dass er niemals wieder so ein widerliches Ding anrühren würde.

Damals war er zwölf.

Damals.

Das alles war lange her und seitdem war viel passiert.

Sehr viel.

Das Radio dudelte leise vor sich hin, aber das nahm er kaum wahr, genauso wenig den Flecken Vogelscheiße auf seiner Windschutzscheibe. Früher hätte er angehalten, wäre ausgestiegen und hätte ihn wütend abgewischt. Früher war er penibel gewesen. Nun interessierte ihn der Fleck nicht einmal. Seine Gedanken kreisten um ganz andere Dinge.

Sicher, er hätte umdrehen können, den ganzen Weg zurückfahren, den er gekommen war und so tun als wäre nichts geschehen. Er hätte sich einreden können, dass alles gut sei. Aber nichts war gut. Seit fünfzehn Jahren war nichts mehr gut. Kein einziger Tag, keine einzige Sekunde. Sein Leben war nur noch ein Geisterhaus und genau das machte es ihm nun leicht.

Wenn man nichts mehr zu verlieren hatte, brauchte man sich vor nichts zu fürchten.

So war das halt.

Vor drei Stunden war er im Herzen Berlins aufgebrochen, hatte sich durch das morgendliche Verkehrschaos gezwängt und war dann Richtung Norden gefahren, um in einem Schnellimbiss ausgiebig zu frühstücken.

Nach bitterem, schwarzen Kaffee und labberigen Brötchen mit Kirschmarmelade hatte er seine Fahrt fortgesetzt. Immer weiter aus der Stadt heraus und war schließlich auf der B96 Richtung Streelitzer Seenplatte unterwegs.

Der Großstadtverkehr, der ihn mitten in Berlin noch beinahe erdrückt hatte, dünnte sich mit jedem Kilometer, den er sich von ihrem Kern entfernte, aus. Die Enge der Stadt brach auf, das bedrückende Grau verschwand und gab den Blick über braune Felder, blaue Seen und bunte Wälder frei.

Die Erinnerungen, die er ständig mit sich herumschleppte, schmerzten und hatten ihn in den kalten Nächten, die er in seiner Zelle verbracht hatte, beinahe in den Wahnsinn getrieben; gefangen in einer einzigen Nacht, die mittlerweile schon fünfzehn Jahre andauerte und bis jetzt keinen Morgen gefunden hatte. Verfolgt von Erlebnissen, für die es keine Erklärung gab und die so grausam waren, dass sie einfach nicht wahr sein konnten. Doch das Schlimmste daran waren die Schuldgefühle, die sich wie Parasiten in seine Seele gefressen hatten und als nicht enden wollender Schmerz seine ständigen Begleiter waren.

Wie Mickey immer zu seinem Zimmerkollegen Viktor gesagte hatte: Schuldgefühle sind die besten Freunde, die du hast, denn beste Freunde erinnern einen ständig und überall an etwas Wichtiges. Etwas, das man nie vergessen darf.

Bis jetzt hatte er mit keiner Seele über die schreckliche Nacht vom 16. auf den 17. Oktober gesprochen.

Mickey drosselte die Geschwindigkeit. Irgendwo zwischen den riesigen Laubbäumen, die sich bis in die gefühlte Endlosigkeit erstreckten, musste es eine Einfahrt geben, da war er sich sicher. Mickey war zwar schon fünfzehn Jahre nicht mehr hier gewesen, trotzdem kam es ihm vor, als wäre er nur mal kurz Zigaretten holen gewesen.

Die Einfahrt tauchte wie ein dunkler Schlund auf der rechten Seite vor ihm auf. Der Wald öffnete sich an einer Stelle und obwohl Äste und Sträucher sich bemühten, ihn wieder zu schließen, war die Lücke gut zu erkennen.

Wie ein Tor in eine andere Welt, dachte Mickey und er wusste nur zu gut, dass man es nicht passender beschreiben konnte.

Mickey setzte den Blinker, der in einem unangenehmen Takt klackerte und bog in den Schlund, der sich zwischen zwei alten, knorrigen Eichen auftat. Das dichte Blätterdach hielt das gröbste Tageslicht zurück, bevor es den Waldboden erreichte. Riesige Bäume griffen von beiden Seiten über den Weg, um sich in der Mitte zu vereinen. Es entstand unweigerlich der Eindruck, man betrete eine Höhle, die, desto weiter man in sie vordrang, immer dunkler wurde.

Buntes Laub schwebte lautlos zur Erde. Wo es niederfiel, bedeckten braune, gelbe, rote und orangene Tupfer in einem chaotischen Durcheinander den Boden. Zwischen diesem Flickenteppich ragten grüne Grasbüschel wie kleine Inseln hervor und streichelten sanft unter das Bodenblech. Vertrocknete Äste lagen auf dem Weg, die beim Überfahren mit einem Knacken in Stücke brachen. Am Innenspiegel schaukelte ein Duftbaum, dessen Zitronenaroma es nicht gelang, den kalten Zigarettengestank vollständig zu überdecken.

Unaufhaltsam rollte der Wagen über den holprigen Weg seinem Ziel entgegen.

Mickey dachte an einen fahrenden Sarg und lächelte.

Nach einer Weile erblickte er eine Gruppe Rehe, die durch das Unterholz brachen und gleich darauf wie braune Waldgeister im dichten Gestrüpp verschwanden.

Mickey stellte die Scheibenwischer an, um die Wassertropfen und Blätter, die von den Bäumen fielen, von der Windschutzscheibe zu entfernen. Nachdem sie sich zum wiederholten Male in ihre Ausgangsposition gelegt hatten, tauchte im Abblendlicht, eine rot – weiß gegliederte Kette auf, die quer über den Weg gespannt war. Mickey stoppte. Einen Augenblick lang betrachtete er sie. Er ließ den Motor laufen und während die Wischer träge weiter summten, stieg er aus und ging zu dem Hindernis.

Dort studierte er das Schild, das mit schwarzen Kabelbindern mittig an der Kette aufgehängt war.

Der Wind spielte mit ihm.

„Pri atbesitz, Un efugten st das Bet eten verbot n!“, war noch schwach, zweizeilig darauf zu erkennen. Einige Buchstaben waren mittlerweile verblasst, so dass man einige Worte nur noch erahnen konnte. Die Witterung hatte ihre Spuren hinterlassen.

Mickey blieb an der Absperrung stehen, die er selbst mal hier angebracht hatte. Er zog seine Zigaretten aus der Jacke, klopfte eine Kippe aus der Schachtel, steckte sie an und begutachtete qualmend den Bereich auf der anderen Seite der Kette. Hier begann sein Grundstück. Nachdenklich folgte er dem Weg mit seinem Blick, bis er sich ihm in einer langgezogenen Rechtskurve entzog. Ein starker Windstoß fuhr durch seine braunen Haare und zerzauste sie.

Mickey fröstelte. Er wusste, dass daran nicht das Wetter schuld war. Dieses Frösteln hatte einen anderen Ursprung. Einen weitaus unsympathischeren. Etwas lauerte hinter der Absperrung, griff über die Kette hinweg nach seinem Geist und lockte ihn.

Er schüttelte sich, bemerkte, dass seine Zigarette bis auf den Filter heruntergebrannt war und fragte sich, wie lange er hier wohl gestanden hatte.

Irritiert zerdrückte er die Glut mit den Fingern (Zeige und Ringfinger wiesen jeweils schon gelbe Nikotinflecken auf…daran erkennt man einen geübten Raucher, auch einer von Davids bescheuerten Sprüchen), und schnippte den Rest ins Laub. Dann löste er die Kette auf der einen Seite der Halterung und ließ sie ins Laub fallen. Seufzend setzte sich Mickey zurück in den klapprigen, weißen Toyota, der aussah, als hätte er seine besten Jahre im letzten Jahrtausend gehabt und atmete tief durch. Als er die Tür mit einem lauten Knall schloss, zerplatzten die ersten Tropfen auf der Scheibe. Es begann zu regnen.

Mickey gab sanft Gas. Der Wagen holperte über einen immer unebener werdenden Boden; vorbei an Buchen, Eichen, Lärchen und Kastanien, die wie gigantische Soldaten, nebeneinander aufgereiht, seinen Weg begleiteten. Mickey dachte, dass sie ihn warnen wollten; winkend mit ihren mächtigen Ästen und ihm zurufend, er solle wieder umkehren und nicht weiter in diese Richtung fahren. Unter gar keinen Umständen.

Sei kein Narr, kehr um… kehrrrr um…

Genervt wischte Mickey den Gedanken aus seinem Schädel.

Was konnten Bäume schon wissen. Sie wussten einen Scheiß.

Einige hundert Meter weiter traf er auf gepflasterten Untergrund und das Auto rollte nun, ruhiger dahin. Er fuhr unter einem Schild hindurch, auf dem in Großbuchstaben „WILLKOMMEN IM HAUS SEEBLICK“ stand und das zwischen zwei hohen Holzpfosten angebracht war. Dahinter verbreiterte sich der Weg und aus der Straße wuchs ein großer, im Fischgrätmuster gepflasterter Hof. In seiner Mitte stoppte Mickey den Wagen und stellte den Motor ab.

Schwer atmend blieb er sitzen und betrachtete das Gebäude, das vor ihm emporwuchs. Sein Herz raste, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn: Hier würde das enden, was vor einer Ewigkeit seinen schrecklichen Anfang nahm.

Mickey versuchte seine Atmung, die wie ein galoppierendes Pferd dahinraste, unter Kontrolle zu bekommen. Aber er war vorbereitet. Der Griff in die Innentasche seiner Jacke, der in den letzten Jahren zur traurigen Gewohnheit geworden war, brachte eine kleine silberne Dose zum Vorschein, auf der die Initialen M.K.eingraviert waren. Mickey entnahm ihr eine gelbe Pille und schluckte sie trocken. Entspannt lehnte er sich im Fahrersitz zurück, schloss die Augen und wartete.

Wie einfach doch alles war.

Das hatte früher schon geholfen. Kurz entspannen und sich eine kleine Auszeit nehmen. Nur brauchte er damals keine Pillen dafür. Zur der Zeit, als er noch ein erfolgreicher Unternehmer war, hatte er sich durch einen kleinen Trick in kürzester Zeit wieder in die Spur gebracht. Die Augen schließen und in einem langsamen Rhythmus, mit einer vorgegebenen Frequenz, atmen. Dabei wurden die Hände in einer bestimmten Art gefaltet. Drei, vielleicht fünf Minuten, nie länger.

Tatsächlich hatte es oft geholfen. Nun halfen die Pillen.

Einige Minuten blieb er mit geschlossenen Augen sitzen, bis er sich wieder unter Kontrolle bekam. Dann öffnete er sie und als sein Blick auf das dunkle Gebäude vor ihm traf, waren alle Vorsätze über Bord geworfen. Es war einfach nur naiv gewesen zu glauben, diesem hier ohne Angst begegnen zu können.

Er hätte die Augen am liebsten wieder geschlossen und losgeschrien. Vor Angst und vor Wut. Auf sich, die Welt, das, was passiert war und das, was ihn noch erwartete. Ein dicker Kloß, der wie ein Golfball in seinem Hals steckte, hinderte ihn jedoch daran. Mickey würgte ihn runter, dann schaltete er das Radio ab.

Natürlich wusste er vorher schon, dass es nicht einfach sein würde, hierher zurückzukehren. Gefühle konnte man nicht einfach wegsperren. Aber die Wucht, mit der sie ihn überrollten, überraschte ihn. Sein Unterkiefer bebte und nur mit größter Mühe gelang es ihm die Tränen, die sich schon in seinen Augenwinkeln sammelten, zurückzuhalten. Wenn er überhaupt eine Chance haben wollte, konnte Mickey sich keine Schwächen erlauben.

Er musste stark bleiben. Für sie.

Mit wackeligen Knien stieg er aus, drückte die Tür ins Schloss und blieb neben dem Toyota stehen. Die Luft roch herrlich würzig nach Herbst. Der Regen versiegte langsam und an einigen Stellen stieß die Sonne durch eine porös werdende Wolkendecke.

Mickey wartete. Hinter ihm stritten sich einige Vögel lauthals zwischen den Bäumen. Eine Krähe, die sich auf einem Ast in der Nähe aufhielt, flatterte aufgeregt krächzend davon und der schwache Wind wehte buntes Laub über den Hof. Ansonsten passierte gar nichts. Mickey war überrascht und erleichtert zugleich.

Damit hatte er nicht gerechnet.

Langsam wanderte sein Blick an der dunklen Fassade entlang und streifte über die verwitterte Veranda. Das Holz, aus dem das Haus bestand, starrte tot zurück. Als würde es sich nicht für ihn interessieren. Doch Mickey wusste es besser.

Allmählich gewöhnte er sich an die gespenstische Atmosphäre und entspannte sich. Vor dem Auto stehend drehte er sich einmal um die eigene Achse und versuchte dabei sich so viele Einzelheiten wie möglich einzuprägen, um sie mit den Bildern in seiner Erinnerung abzugleichen. Was nicht leicht war, denn aus irgendeinem Grund, den er nicht kannte, waren die meisten von ihnen verblasst.

Rechts von ihm stand immer noch die große Scheune, das stabile Schiebetor war geschlossen, das Dach, mit roten Pfannen gedeckt, von denen an mehreren Stellen welche fehlten, war teilweise mit Grünspan (bedingt durch große Eichenbäume, die um sie herum den größten Teil der Helligkeit abfingen) überzogen. Die fehlenden Pfannen hatte der Wind heruntergeholt.

In der Scheune stand damals ein kleiner Traktor mit Gummiwagen, den Dustin besonders geliebt hatte. Mit ihm hatten sie Holz aus dem Wald geholt, um es in der Scheune trocken zu lagern. Mickey wollte gerne nachschauen, ob er sich dort noch befand. Aber das musste warten, es gab anderes zu tun.

Der Vorplatz auf dem er stand, maß achtzig Meter in der Breite und sechzig Meter in der Länge, wobei zwei Drittel davon gepflastert waren. Er endete am Haupthaus, an dessen Nordseite ein Schuppen grenzte. Beides aus dunkel gestrichenem Holz, das dringend nachbessert werden musste. Die Scheune war aus rotem Klinker gefertigt. Trotz der Löcher im Dach machte sie einen stabilen Eindruck. Das Wohnhaus jedoch befand sich in einem erbärmlichen Zustand; zwei der unteren Fensterläden hingen traurig in ihren Scharnieren und drohten komplett herunterzufallen. Einige Bohlen auf der Veranda waren durchgegammelt und dienten allenfalls noch als Fallgrube. Ein Stück Dachrinne lag vor dem Aufgang.

Mickey vergrub seine Hände in den Hosentaschen und begann über den Hof zu schlendern. Obwohl es recht mild war, fröstelte ihm. Die Wolkendecke löste sich weiter auf und machte Platz für den blauen Himmel. Die Sonne nutze diese Gelegenheiten, um die Umgebung in ein schillerndes Farbenmeer zu tauchen. Wind hatte Laub unter die Veranda gedrückt, wo es sich zu einem kleinen Haufen auftürmte. Das Geweih eines ehemals mächtigen Hirsches, hing wie ein skurriler Wächter über der Haustür. Vielleicht sollte es Fremde abschrecken und darauf achten, dass niemand Unbefugtes das Haus betrat. Aber wer würde es schon freiwillig betreten? Wer würde so dumm sein?

Ich, dachte Mickey und grinste.

Mickey strich sich durch sein schütteres Haar und schritt gemächlich die Fassade ab. An ihren Scharnieren herabhängende Fensterläden wirkten wie die gebrochenen Flügel eines Vogels oder eines Engels. Irgendwie bezeichnend für den gesamten Zustand des Hofes.

Blätter, die sich auf die Veranda verirrten, raschelten im Takt des Windes. Mickey bekam eine Gänsehaut. Einige Meter weiter machte er einen Bogen um einen großen Ast, der vertrocknet auf dem Pflaster lag. Er ging ein Stück und betrachtete den Schuppen an der Nordseite. Die langen Bretter, die senkrecht angenagelt waren, wirkten müde und perspektivlos. Das Holz war an vielen Stellen gerissen und die Farbe, die man zum Schutz vor Wind und Wetter aufgetragen hatte, blätterte ab.

Irgendwo schrie eine Krähe.

Mickey lehnte sich an die Tür, zog eine Schachtel Marlboro aus der Jackentasche, steckte sich eine an und ließ seinen Blick über das Gelände streifen.

 

Zwei

11. Oktober; fünfzehn Jahre zuvor

„Hey, du sollst doch die Augen zulassen. Und nicht mogeln, wehe du blinzelst.“

„Du bist gemein, spann mich doch nicht so lange auf die Folter.“

„Nein nein, das musst du schon aushalten. Sonst ist die Überraschung futsch“, sagte Mickey und hatte sichtlich Mühe ernst zu bleiben.

Mickey stieg aus, schlug seine Tür zu, rannte um den Wagen und öffnete die Beifahrertür, um Susan, die immer noch ihre Augen geschlossen hielt, herauszuhelfen. Dann führte er sie einige Schritte vor das Auto und blieb dort mit ihr stehen. Die Kinder, die noch auf der Rückbank in ihren Sitzschalen warteten, wurden langsam ungeduldig.

„OK. Ich zähle jetzt bis drei, dann kannst du sie öffnen.“

„Das wird aber auch Zeit, ich kann nämlich nicht mehr“, sagte Susan und versuchte dabei zu lächeln. Susan riss sich zusammen und machte gute Miene zum bösen Spiel.

Mickey nahm ihre Hand, legte seinen Arm sanft um ihre Hüfte und zog sie zu sich heran.

„So ist es gut. Ich bin echt gespannt, was du dazu sagst.“

„Mick, mach hin, ich bekomme schon Gesichtslähmung.“

„Ok, ok. Also gut …eins…zwei…drei“, zählte Mickey. Susan öffnete die Augen und musste blinzeln, die helle Oktobersonne blendete sie. Dann klappte ihre Kinnlade herunter. Sie stand mit offenem Mund vor der vierstufigen Holztreppe, die zur Veranda hinaufführte und bestaunte das Haus.

„Oh mein Gott, …“, stammelte Susan. Ihre Hände lagen dabei auf ihrem Gesicht.

„Das ist wundervoll … und so groß. Mein Gott … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

Die Worte drangen gedämpft durch ihre schlanken, manikürten Finger.

„Das Ferienhaus hat sogar einen Namen. Willst du ihn hören?“, fragte Mickey. Susan konnte ihn nicht kennen, als sie unter dem Schild an der Hofeinfahrt hindurchgefahren waren, hatte sie ihre Augen schon geschlossen.

„Es heißt Haus Seeblick und du wirst schon sehen warum. Mann, du wirst echt begeistert sein. Und übrigens, dieses Haus gehört uns, nicht Gott.“

Susans Mundwinkel zuckten.

„Sag so etwas nicht. Du weißt, dass ich das nicht mag. Das ist nichtrichtig.“

„Ich weiß, tut mir leid. Es sollte nur ein Spaß sein … wirklich. Verzeih mir“, sagte Mickey und schmunzelte innerlich.

Susan nickte. Sie kannte Mickey mittlerweile seit neun Jahren und glaubte zu wissen, wie er tickte.

„Das ist unser Ferienhaus? Das hast du hinter meinem Rücken gekauft?“, fragte sie ohne verärgert zu klingen. Mickey hielt sie weiter fest und nickte.

„Ich kann das gar nicht glauben“, sagte Susan und legte die Stirn in Falten. Eine Krähe flog heran und setzte sich auf den Dachfirst, direkt neben den Wetterhahn.

„Können wir uns das überhaupt leisten?“

„Natürlich. Das hier …“, er breitete die Arme aus, „… war ein Schnäppchen.“

„Ein Schnäppchen?“

„Alles ist in Ordnung, mach dir darüber keine Sorgen. Vertrau mir bitte.“

Susan dachte darüber nach. Bisher konnte sie ihm immer blind vertrauen. Er hatte sie in all den Jahren noch nie enttäuscht. Also würde sie ihm auch jetzt vertrauen, obwohl das hier schon eine andere Hausnummer war.

Susans Gesichtszüge entspannten sich und ein feuchter Schimmer legte sich in ihre Augen. Mickey war überzeugt die schwierigste Hürde erfolgreich genommen zu haben. Er strich sanft über ihr Haar, roch ihr süßliches Schampoo und drückte sie noch enger an sich. Das Quängeln auf dem Rücksitz wurde lauter und bevor Susan sich aus seinen Armen winden konnte, um nach den Kindern zu sehen, sagte er, mit sichtlichen Stolz: „Warte, das ist ja längst nicht alles. Hinter dem Haus befindet sich ein kleiner See, der und einiges vom Wald um uns herum, gehört ebenfalls dazu. Alles in Allem sind es ungefähr zwölftausend Quadratmeter. Und weißt du, was das Beste ist? Auf dem Dach haben wir einen Wetterhahn. Ist das nicht genial? Ein echter Wetterhahn. Was will man mehr.“

Mickey grinste.

„Ich kann kaum glauben, dass wir uns so etwas leisten können“, sagte Susan. Ihr Blick wanderte zu den unruhiger werdenden Kindern.

„Wir sollten sie rauslassen.“

„Gleich … wie gesagt der Preis war wirklich fair. Ich habe das alles von meinem Anwalt prüfen lassen. Es gibt keinen Haken. Alles ist korrekt abgelaufen. Ich würde mal sagen, wir haben einfach großes Glück gehabt. Das Ding hier Baby, ist ein Hauptgewinn. Und der geniale Wetterhahn!“

„Über Details sprechen wir noch, mein Lieber“, sagte Susan. Sie lächelte, gab Mickey einen flüchtigen Kuss, entzog sich seinem Griff und ging zum Auto. Mickey schaute ihr nach und dutzende Schmetterlinge erwachten in seinem Bauch und begannen wild herumzuflattern. Er dachte, dass sie sich nicht wie jede Frau bewegte. Nein, ihr schlanker Körper glitt, ja schwebte beinahe elegant über das Pflaster. Ihr Hintern bewegte sich in der engen Jeans auf und ab.Eine von Tausend, dachte Mickey.Eine von Tausend kann sich so bewegen.

Die blonden Locken lagen auf ihren schmalen Schultern und das Sonnenlicht ließ sie wie Gold glänzen. Sie trug polierte, schwarze Lederstiefel, die ihre schlanken Beine wunderbar betonten. Und trotz ihrer nur hundertsechzig Zentimeter war Susan eine Frau, die sofort Aufmerksamkeit erregte, wenn sie einen Raum betrat. Man konnte unmöglich an ihr vorbeischauen. Das nur an ihrem engelhaften Aussehen festzumachen wäre aber zu kurz gegriffen, denn das, was sie tatsächlich ausmachte, war ihre Ausstrahlung.

Ihr inneres Leuchten, wie Mickey es nannte.

Susans Liebenswürdigkeit war einfach umwerfend. Jeder, der sie kennenlernte, erlag sofort ihrem Charme. Schaute man in ihre hellblauen Augen, glaubte man in einem Kristallsee zu versinken.

So war es auch bei Mickey gewesen, als er Susan auf der Party eines Bekannten kennen gelernt hatte. Sie war mit einer Freundin gekommen, einer ebenfalls sehr schönen, aber verbitterten Frau. Susan hatte alle in den Schatten gestellt. Es war nicht leicht gewesen sie aus dem Pulk anderer Männer zu entführen. Vor allem ihre weibliche Begleitung hatte sich damals als sehr hartnäckig und lästig erwiesen. Doch Susan hatte Mickey auf Anhieb gemocht. Sie hatte kurzerhand die Initiative ergriffen und ihre Freundin mit einem anderen Mann bekannt gemacht. Der Trick funktionierte, die beiden verstanden sich auf Anhieb und Mickey hatte freie Bahn.

Noch heute fragte er sich, wie es gerade ihm gelungen war, dieses wunderbare Wesen zu erobern. Er fühlte sich zu klein und nicht besonders schön: Die Nase zu platt, die Augen zu eng bei einander, das Kinn zu spitz. Geld konnte damals ebenfalls keine Rolle gespielt haben, denn als sie sich kennen lernten, besaß er nicht viel. Er war nicht arm gewesen, aber das Architekturstudium hatte den größten Teil seiner Ersparnisse aufgezehrt. Auch wenn er nebenher mehreren Jobs nachgegangen war; für große Sprünge hatte es nie gereicht.

Einmal hatte er den Mut aufgebracht und Susan gefragt, warum sie gerade ihn ausgewählt habe, bei all den anderen Verehrern. Ihre Antwort hatte ihn damals aus den Socken gehauen. So etwas hatte vorher noch nie eine Frau zu ihm gesagt: Susan hatte sich dicht vor ihn gestellt, so dicht, dass ihre Nase beinahe seine Lippen berührte. Dann hatte sie den Kopf leicht schief gelegt und ihm gestanden, dass er ihr Herz berühre, mit seiner witzigen, liebevollen Art. Und er würde Augen besitzen, ehrliche Augen, die direkt in seine Seele führten. Eine Seele, die weich und voller Liebe sei. Mickey war hin und weg gewesen und mit der Antwort mehr als zufrieden. Er hatte nie wieder gefragt.

Sie befreiten die Kinder aus ihren Sitzen. Die Siebenjährige und ihr vierjähriger Bruder schauten sich kurz um und rannten dann johlend über den Hof.

„Janina und Dustin, lauft nicht zu weit weg. Ihr bleibt bitte in unserer Nähe, damit wir euch sehen können“, rief Susan ihnen nach, dann wendete sie sich wieder an Mickey.

„Was schaust du mich so an?“

„Nichts, alles ist gut“, sagte Mickey und unterdrückte ein Grinsen.

„Das mit dem See hinter dem Haus ist ja gut und schön. Wir müssen nur aufpassen, dass die Kinder nicht alleine in seine Nähe gehen.“

Mickey nickte und Susan machte eine kurze Pause, in der sich eine Falte auf ihre ansonsten glatte Stirn legte.

„Ist der denn eingezäunt?“, fragte sie unsicher und pustete eine blonde Locke aus ihrem Gesicht, die an ihrer Wange kitzelte. Mickey lachte laut los. Er wollte es nicht, konnte aber nicht anders. Ein kurzer, heftiger Anfall, den Susan ignorierte.

„Nein. Das ist auch schwierig. Der See ist wirklich sehr groß. Du wirst schon sehen.“

„Oh … “, antwortete sie und ihre Wangen liefen rot an, als hätte sie etwas Unanständiges gesagt. Ebenfalls eine Kleinigkeit, die Mickey an ihr liebte.

Nachdem sie die Kinder gemeinsam eingefangen hatten, schleppten sie die schweren Koffer aus dem Auto auf die Veranda und stellten sie nebeneinander vor die Haustür. Susan betrachtete das Hirschgeweih über der Tür und schürzte die Lippen, als wollte sie jemanden küssen.

„Über Geschmack kann man sich ja bekanntlich streiten“, sagte sie, ohne den Blick vom Geweih zu nehmen.

„Das ist ein Überbleibsel vom Vorbesitzer.“

„Ich hoffe, dass du das geschmacklose Teil schnellstens verschwinden lässt.“

„Wie du befiehlst, mein Schatz“, sagte Mickey und legte seine Hand, wie bei einem Soldatengruß an die Stirn.

„Verarsch mich nicht“, gab sie lachend zurück und schlug mit ihrer Faust schwach gegen seine Schulter.

„Ok, ok. Ich schreibe es mir auf meine To-do-list. Versprochen. Ich dachte er würde uns vielleicht Glück bringen … aber wenn du willst, dann …“, sagte Mickey und zog mit der Hand vor seinem Hals entlang. Susan verzog das Gesicht.

„Pass auf, es geht los“, sagte Mickey.

Er wühlte in seiner Hosentasche und kramte einen Schlüssel heraus, an dem eine rote Schleife baumelte. Den Schlüssel legte er in Susans Hand.

„Ich mache den Trommelwirbel und du schließt auf.“

Als der Trommelwirbel ertönte, erhob sich die Krähe träge vom First und verschwand.

Gemeinsam betraten sie den Flur, in dem es nach frischer Farbe roch. Das gesamte Holz im Innenbereich war in einem hellen Braunton gestrichen.

Sie stellten die Koffer auf die dunklen Eichendielen. Das Licht der Oktobersonne fiel durch die Fenster, spiegelte sich im Garderobenspiegel und ließ alles heller erscheinen als es war. Die weißen Vorhänge leuchteten im gleißenden Licht. Rechts von ihnen zog sich eine stabile Holztreppe mit einem kunstvoll geschnitzten Geländer an der Wand empor, wo es den Zugang zu einer Galerie bildete, verlief weiter vor der gesamten oberen Wand entlang, die mit einer weißen Strukturtapete versehen war und verhinderte, dass jemand von dem zwei Meter breiten Gang stürzen konnte. Mehrere Türen führten vom Flur in angrenzende Räume. In den Ecken standen riesige blaue Übertöpfe mit Grünpflanzen, die noch ihr Wachstum vor sich hatten. Auf den Fensterbänken standen weiße und purpurne Orchideen. Die Bilder an den Wänden vollendeten den Gesamteindruck und ließen das Ganze bewohnt erscheinen.

Haus Seeblick ähnelte einer großen Jagdhütte, nur wesentlich luxuriöser.

Susan war sprachlos und als sie Mickeys Blick begegnete, sah sie, dass seine Augen strahlten wie die eines Kindes an Weihnachten.

„Willkommen in unserem Traum. Jetzt ist es nur noch an uns, ihn mit Leben zu füllen“, sagte er, mit sichtlich belegter Stimme.

 

Drei

13. Oktober; Gegenwart

Mickey hatte die Zigarette bis auf den Filter heruntergeraucht und warf den Rest auf den Boden, wo er ihn zertrat. Er ging zurück zum Wagen, öffnete den Kofferraum, zerrte eine große Tasche heraus und stieß sich den Hinterkopf an der Heckklappe. Er schlug sie zu und schleppte die Tasche auf die Veranda, wo er sie fluchend abstellte.

Als Mickey das Schloss der Haustür betrachtete, überraschte ihn nicht, dass man es, nachdem es vor fünfzehn Jahren zerstört wurde, repariert hatte. Der Schlüssel glitt mühelos in den Zylinder. Doch dann zögerte Mickey. Erneut überkam ihn das Gefühl, irgendetwas müsse passieren. Er schaute sich um, doch nichts geschah. Einzig einige Krähen quittierten ihren Unmut über den Störenfried, mit lautem Gekrächze, während sie mit wenigen Flügelschlägen über das Dach hinwegschwebten. Ein einsames Blatt rollte über die Veranda.

Es gab ein leises, metallisches Klicken, als er den Schlüssel drehte, dann schwang sie wie von Geisterhand knarzend nach Innen. Ekliger, fauliger Gestank strömte ihm wie eine unsichtbare Wand entgegen und kitzelte in seiner Nase. Automatisch wich er zurück und hielt sich die Hand vor das Gesicht. Ein Schauder rann über seinen Rücken.

Nach kurzem Zögern betrat er den Flur. Das erste Mal seit fünfzehn Jahren. Ihm war, als würde er eine fremde Welt betreten. Eine Welt, die nur ein dünner Vorhang verbarg. Ein Vorhang, der wie durch eine beständige Brise sanft hin und her schwang und dadurch unberechenbar blieb. Etwas Hässliches befand sich dahinter. Hässlich und gefährlich. Das hatte er schmerzlich feststellen müssen.

Die Vergangenheit bekam ihn wieder.

Wie ein Schlund nahm sie ihn auf und sog ihn tief ein. Hinein in einen fauligen Abgrund; hinunter in sein stinkendes Herz. Sein eigenes schlug nun schneller und das Blut pulsierte in den Adern. Hinter seinen Schläfen pochte es. Die Atmosphäre im Haus drückte auf sein Gemüt; ihm blieb die Luft weg und er glaubte zu ersticken. Millionen Eindrücke wirbelten durcheinander und überschwemmten seinen Verstand. Alles drehte sich, der Boden unter seinen Füßen begann zu schwanken. Würgend stürmte Mickey ins Freie und übergab sich über das Geländer auf den Hof. Erbrochenes rann über sein Kinn, tropfte auf seine Hose. Dann sank er erschöpft auf die Knie, schlug seine Hände vors Gesicht und fing erst an zu schreien, später zu weinen.

Von seinem Vater hätte es dafür Schläge gesetzt. Weinen war für ihn, egal aus welchem Grund, immer ein Zeichen von Schwäche gewesen. Schwäche duldete er nicht in seinem Leben.

Aber das Gefühl, dass ihn hier überwältigte und wie ein Güterzug über ihn hinwegraste, war einfach zu stark. Ihm blieb nichts anderes übrig, als es über sich ergehen zu lassen, nur um innerlich nicht zu verbrennen.

Nach einiger Zeit wurde Mickey wieder klar und lehnte sich sitzend an die Hauswand. Die Sonne legte sich auf seine ausgestreckten Beine, während er über den Hof ins Leere starrte. Er nahm trockene Blätter auf, die um ihn herum verstreut auf den Brettern lagen, betrachtete sie und zerbröselte sie dann in der Faust. Es gab ein Geräusch, wie knisterndes Papier. Die Reste rieselten durch seine Finger und ein Begriff meißelte sich in seine Gedanken:Sanduhr.

Die Zeit lief ab.

Mit einer raschen Bewegung, die in den letzten Jahren schon zur Routine geworden war, fasste er in die Innentasche seiner Jacke, nahm die Blechdose heraus, klappte sie auf und schluckte hastig eine Pille.

Dann wartete er auf die Wirkung.

Mickey wollte nur noch die Augen schließen. Er fühlte sich, als hätte er seit Jahren nicht mehr richtig geschlafen und ein schwerer Mantel legte sich um seine Schulter. Müdigkeit zerrte an seinen Lidern. Aber genau das konnte er sich nicht leisten. Große Aufgaben warteten auf ihn. Ausruhen konnte Mickey noch lange genug.

Er drückte sich an der Wand nach oben und blieb auf wackligen Beinen stehen. Die Welt begann sich kurz zu drehen. Nachdem er die Kontrolle über seine Körperfunktionen zurückgewonnen hatte, ging er zum Auto, um das letzte Gepäckstück unter dem Beifahrersitz hervorzuholen. Nachdenklich, fast schon ehrfurchtsvoll, betrachtete Mickey den Aktenkoffer. Die goldenen Scharniere glänzten in der Sonne. Mickey streichelte über das stumpfe Leder und lächelte. Dann trug er ihn vorsichtig ins Haus.

Der erste emotionale Sturm schien überstanden. Mickey fühlte sich viel besser. Er öffnete beide Fenster im Flur (wobei sich eines als sehr widerspenstig entpuppte), klare Oktoberluft strömte ins Gebäude und mit ihr das Geschrei der Krähen.

Er atmete tief durch, nahm seinen Kram, machte einen Bogen um den dunklen Flecken auf den Bohlen und trug alles nach oben. Dort stellte er es vor einem der Zimmer ab. Während er die geschlossene Tür betrachtete, setzte ein leichtes Kribbeln als wären Ameisen auf seiner Haut unterwegs bei ihm ein. Dann öffnete er sie. Die Luftfeuchtigkeit im Raum hatte einen Teil der Tapeten von den Wänden gezerrt, grauer Schimmel wucherte unter ihnen.

Unter der Schräge stand ein Ehebett. Der weiß lackierte Holzrahmen war stumpf und fleckig. Bettdecke und Kopfkissen lagen auf dem Fußboden, das Laken war blutverkrustet. Ratten und andere Tiere, hatten auf ihm ihre Notdurft verrichtet und sich an der Blutkruste gelabt.

Rechts neben der Tür stand ein wuchtiger Kleiderschrank aus geöltem Eichenholz. Er war mit kunstvollen Schnitzereien verziert. In seiner Mitte befand sich ein breiter Spiegel, der bis zum Boden reichte. Mickey blieb einen Augenblick vor ihm stehen. Langsam, als hätte er Angst eine falsche Bewegung zu machen, hob er seine Hand und klopfte vorsichtig an das Glas. Es war schmutzig, mit Fliegenkot übersät.

Unruhig huschten seine Augen über die Oberfläche, als suchten sie etwas. Dann zog er die Schranktür mit dem Spiegel auf und schaute hinein. Er war leer.

Mickey schnitt eine Grimasse, dann wandte er sich ab, öffnete das Fenster auf der anderen Seite und lehnte sich weit hinaus.

Der Blick über den See war atemberaubend. Die Sonne glitzerte auf seiner Oberfläche und modellierte schimmernde Diamanten. Eine Entenfamilie paddelte quakend zwischen Schilffahnen am Ufer entlang. Das Ruderboot, das mit einem Tau am Steg befestigt war und dem ein Paddel fehlte, schaukelte im Takt der winzigen Wellen, die der Wind gemächlich über das Wasser schob.

Mickey schloss die Augen, füllte seine Lungen mit frischer Luft und fühlte sich sofort besser. Dann lehnte er sich zurück und der Gestank des Zimmers fing ihn wieder ein. Er stellte die Tasche neben das Bett und stapfte nach unten. Saubermachen, um dort drinnen zu schlafen, würde er später.

Mickey verstaute den Aktenkoffer in einer braunen Holztruhe, die im Flur unter einer Fensterbank stand und einmal als Lager für Schuhe diente, klopfte dreimal auf den Deckel und setzte seinen Rundgang fort. Seine Neugierde war größer als seine Furcht.

Mickey lächelte, als er sah, dass es noch weitere Mitbewohner gab. Einige Bereiche waren nicht nur durch Staub und Spinnenweben bedeckt, sondern auch von kleinen, hin und her wuselnden Tierchen.

In der Küchentür stehend sah er, über eine weiße Scheibengardine hinweg, seinen Toyota. Der Anblick beruhigte ihn. Er vermittelte den Eindruck, jederzeit in das Auto steigen und mit dem halbvollen Tank verschwinden zu können. Aber Mickey wusste auch: War man erstmal hier, würde Haus Seeblick einen nicht mehr hergeben.

Nach dem Öffnen des Küchenfensters ging er zum Kühlschrank. Für viele der Lebensmittelpunkt in einem Haushalt. Doch als er die Hand austreckte, um ihn zu öffnen, überlegte er es sich spontan anders. Den Anblick, der ihn dort drinnen erwartete, wollte sich Mickey dann doch ersparen.

Er konnte viel ertragen und in den letzten Jahren hatte er gelernt hart zu sein; um morgens aufzuwachen und abends wieder gesund ins Bett zu schlüpfen. Aber ein Kühlschrank, in dem sich Lebensmittel befanden und der seit Jahren nicht mehr gekühlt wurde, war dann doch zu viel des Guten. Trotz der ganzen Situation in der er sich befand, rang sich Mickey ein Lächeln ab.

Er brauchte den Kühlschrank nicht, die Nahrungsmittel, die er mitgebracht hatte, bestanden hauptsächlich aus Konserven, Kaffee in Pulverform, Trockenwurst, zwei Pfund Brot und Mineralwasser in 1,5 Liter Mehrwegflaschen. Die Dinge benötigten keinerlei Kühlung und würden für die Zeit hier ausreichen.

Auf der linken Seite befand sich eine einfache Küchenzeile in verblasstem Braun mit einer gesprenkelten, grauen Arbeitsplatte. Auf ihr schwiegen sich ein rostender Toaster und eine weiße Mikrowelle an. Auf der anderen Seite hingen Bilder auf denen Kaffeetassen abgebildet waren und ein veralteter Kalender, der den Monat Oktober präsentierte. Die alberne Obsttapete hatte sich an manchen Stellen gelöst und hing schlaff herunter. Auf dem verblassten PVC stand eine niedliche Sitzgarnitur, die aus drei orangenen Stühlen, einem umgekippten Kindersitz aus Buche und einem Tisch bestand. Auf ihm lag eine weiße Decke mit gesticktem Blümchenmuster und dunklen Kaffeeflecken. Die Anwesenheit des Hochstuhls konnte Mickey nicht ertragen. Kopfschüttelnd ging er hinaus.

Die Tür zum WC stand so weit offen, dass er die Ratte auf der Klobrille sitzen sah. Der ungebetene Gast, mit dem glänzenden, dunkelgrauen Fell und den schwarzen Knopfaugen ließ ihn zusammenzucken. Sie starrte zu ihm herüber, putzte sich die Schnauze und schien sich nicht an seiner Anwesenheit zu stören. Kurz spiegelte sich das eintretende Sonnenlicht in den polierten Knöpfen, dann verschwand sie seelenruhig in der Schüssel.

Blödes Mistvieh.

Eine Ratte, die ihn erschreckte, und das bei dem, was ihm hier noch blühen würde. Grummelnd leckte er sich über die trockenen Lippen und ließ seinen Blick durch den Flur streifen, bis er auf der Galerie an der Tür vom Kinderzimmer kleben blieb. Erschöpft schleppte er sich zurück nach oben. Seine Beine fühlten sich von Stufe zu Stufe schwerer an. Als würde er durch frischen Beton waten, der in seiner Konsistenz immer fester wurde. Oben angekommen war er so ausgelaugt, als wäre es der Mount Everest gewesen und nicht die sechzehn Stufen einer Holztreppe. Das, was damals in diesem Zimmer passiert war, konnte man nicht einfach vergessen. Eine Erinnerung, wie eine Narbe nach einem schweren Unfall.

Er legte die Hand auf die Klinke und würgte einen dicken Kloss herunter, der in seinem Hals steckte. Als er die Tür öffnete, ging irgendetwas vor sich. Er glaubte Stimmen und leises Gelächter zu hören. Aber es blieb nur bei einem vagen Gefühl, das gleich mit Betreten des Raumes verschwand.

Im Zimmer selbst sah es wüst aus. Viel chaotischer als im Rest des Hauses. Spielzeuge lagen auf dem Fußboden verstreut, als hätte ein Orkan getobt. Spinnenweben spannten sich wie Geister durch den Raum und versperrten ihm den Weg. Ein unwirklicher Anblick. Eine besonders fleißige Spinne hatte ein riesiges Netz zwischen einem umgekippten Drehstuhl und der dahinter liegenden Wand gesponnen. Als Mickey den Raum betrat flüchtete der Architekt dieses eindrucksvollen Kunstwerks blitzschnell hinter einen Schrank.

Ausgeblichene blaue Vorhänge hingen schlaff von einer silbernen Gardinenstange. Vor dem Fenster, auf dem hellen Kinderschreibtisch und auf dem Teppich, lagen Buntstifte, Wachsmaler, Bücher und Dutzende von Blättern quer durcheinander. Ein Raumteiler aus lackiertem Kiefernholz, der einmal rechts neben dem Schreibtisch stand, lag umgekippt halb auf dem Bett, halb auf dem Boden. Bücher und andere Gegenstände lagen auf der Matratze und rund um den Raumteiler. Daneben ein CD-Player, der auf dem Kopf lag, inmitten von CD´s und Kinderkassetten.

In diesem Zimmer zu sein erfüllte ihn mit Sehnsüchten und Schwermut. Er konnte förmlich spüren wie sich noch weitere Stücke seines Herzens in graues, totes Fleisch verwandelten.

Mickey trat auf ein rotes Plastikauto, das mit einem unangenehmen Knirschen unter seiner Sohle zerbarst. Mickey schaute sich verlegen um, als ob ihn dafür jemand tadeln würde. Auf den gelben Tapeten, die teilweise abgerissen waren, prangten die lachenden Gesichter von Comicfiguren, wie Mickey Mouse und Donald Duck. Eine penetrante Fröhlichkeit, die gar nicht zu der Tristesse dieses Raumes passte. Es wirkte einfach nur lächerlich. Mickey war zum Heulen zumute.

Die Matratze mit dem roten Bezug lag eingerissen vor dem Bettkasten. Stahlfedern ragten aus ihr heraus. Mickey sah etwas unter dem leeren Lattenrost liegen. Erst auf den zweiten Blick erkannte er, um was es sich handelte: Dustins alten Teddy.

Der Anblick des Stoffteddys wühlte ihn auf. Er ging vor dem Bett auf die Knie und zog ihn hervor. Sanft befreite er das Plüschtier vom Staub.

Alter Freund

Ein brauner Bär mit roter Fliege, der ihn einäugig anglotzte. Der Teddy schien ihn anzuschreien; ihn schuldig sprechen, für das, was hier in dieser schrecklichen Nacht geschehen war. Das glotzende Auge durchbohrte ihn.

Ein Gefühl von Schuld breitete sich aus, wie brennendes Öl und ohne sich dagegen wehren zu können, schweifte er ab und öffnete kurz eine Tür, tief in seiner Seele, die eigentlich für immer geschlossen sein sollte.

Er hörte Schreie, sah eine Frau in einem blutverschmierten Nachthemd, die verzweifelt an eine Tür klopfte. Hinter dieser Tür schrien Kinder. Es polterte und rumpelte in dem Zimmer, als würde …

Mickey schreckte auf und brüllte, er hatte den Eindruck aus einem Traum erwacht zu sein. Aus einem bösen Traum. Sein Herz raste. Schweiß stand auf seiner Stirn und Tränen in seinen Augen. Wieder beruhigt, schaute er sich um und streichelte dem Teddy liebevoll über den Kopf. Der anklagende Blick war verschwunden, hinterließ aber ein Schuldgefühl wie ein Brandmal auf seiner Seele.

„Dustin“, flüsterte Mickey, drückte den Bären fest an sich und als eine Träne an seiner Wange herablief und auf den verdreckten Teppich fiel, stand er auf und verließ das Zimmer.

 

Vier

13. Oktober; Gegenwart

Mittlerweile war es früher Nachmittag. Der Wind hatte zugenommen und rüttelte energisch an einem losen Stück Dachrinne. Wind pfiff geräuschvoll durch den verzogenen Holzrahmen eines Fensters im Erdgeschoss.

Nachdem Mickey einige Stunden damit zugebracht hatte, Haus Seeblick zu säubern, stand er nun oben an der Treppe und studierte seine To-Do-List.

Punkt eins: Rattenscheiße entfernen

Punkt zwei: Generator für die Stromversorgung kontrollieren

Also der Generator.

Er faltete den Zettel zweimal, schob ihn in seine Gesäßtasche und schlenderte die Treppe hinunter. Das angenehme Gefühl, das er verspürt hatte, nachdem er alle Fenster im Haus geöffnet hatte, verschwand mit jedem Schritt, wie ein Parfüm, das sich allmählich auf der Haut verflüchtigte und die schwere Bleiweste legte sich wieder um seine Brust.

Die Luft im Haus schien dünner geworden zu sein. Mickey atmete tief durch, aber es gab keine Pause; die Achterbahnfahrt seiner Gefühle ging weiter. Schlagartig fühlte er sich unbehaglich und beobachtet. Er dachte, dass Arme aus den Wänden wachsen würden. Mächtige Arme, deren Hände sich zu Fäusten ballten, um ihn wie Ungeziefer zu erschlagen. Er duckte sich, kam sich aber schon im selben Moment unglaublich dämlich vor.

Mickey fühlte sich wie ein Bauarbeiter auf einer gigantischen Großbaustelle. Er war der einzige Arbeiter weit und breit. Ein winziger Punkt inmitten riesiger Materialberge und Maschinen, die in den Himmel wuchsen. Ein Bauarbeiter, dem schmerzhaft ins Bewusstsein drang, dass er vor einer aussichtslosen Lage stand und diese Aufgabe niemals alleine bewerkstelligen konnte. Niemals.

Als er kurz darauf auf die Veranda trat, liebkoste die Sonne seine blasse Haut (fünfzehn Jahre Knast waren kein Geschenk), und er fühlte sich deutlich besser. Mickey fand, dass es manchmal die einfachen Dinge waren, auf die es ankam.

Er überquerte den Hof nach links, blieb vor dem verwitterten Schuppen an der Nordseite stehen und zog die Tür auf. Drinnen sah alles noch aus wie damals. Trotzdem fühlte er sich fremd als er eintrat.

Die Spinnenweben, die die Werkstatt eingenommen hatten, zeugten davon, dass sich hier seit einer Ewigkeit niemand mehr aufgehalten hatte. Zangen, Schraubendreher, Spachtel und weitere Werkzeuge, hingen akkurat auf der linken Seite über der schweren Werkbank, die an der Außenseite des Hauses angebracht war. Nägel lagen verstreut herum, als hätte sie jemand achtlos dorthin geworfen.

Einige Bretter an der gegenüberliegenden Seitenwand waren zerbrochen, sodass Tageslicht durch die Lücken in den Schuppen fiel und helle, dreckige Inseln auf den Betonboden warf. Staubpartikel, die durch seine Anwesenheit aufgewirbelt wurden, tanzten in dessen Strahlen, wie Mücken in der Abendsonne.

In einer Ecke des Raumes lehnten eine Schaufel, ein Spaten, zwei Besen mit schmutzigen roten Borsten und eine blaue Harke an der eine Zacke fehlte. Die alte, verrostete Sense, die schräg an dem Stützbalken in der Mitte des Raumes aufgehängt war, wirkte wie ein Relikt aus einer Zeit, in der noch Muskelkraft nötig war, um viele alltägliche Dinge zu erledigen.

Dünner Dieselgeruch kratzte in seiner Nase. Auf der rechten Seite, des etwa sechs Mal acht Meter großen Schuppens, stand der alte Generator, der für die Stromerzeugung von Haus Seeblick zuständig war. Der zugehörige Tank befand sich außerhalb, direkt neben dem Schuppen, auf einem erhöhten Betonsockel.

Das Haus selbst besaß keinen Anschluss an das öffentliche Stromnetz, genauso wenig eine öffentliche Wasserversorgung. Die erreichte man, indem der See in Kombination mit einer hauseigenen Filteranlage genutzt wurde. Das Abwasser floss in eine Hauskläranlage, die der örtliche Entsorger regelmäßig abpumpte. Zumindest früher. Nun hatte schon lange niemand mehr etwas abgepumpt. Mickey wollte sich gar nicht ausmalen, was mittlerweile in der Klärgrube los sein musste.

Das Aggregat strotzte nicht gerade vor Gesundheit. Als Mickey die Seitenklappe des Polyma öffnete, bestätigte sich seine Befürchtung. Das Vogelnest neben den Akkus, die für die Versorgung der Steuerungselektronik zuständig waren, störte ihn nicht wirklich. Es war der Anblick der Steuerelektronik, der ihm Klarheit verschaffte: Dieses Aggregat würde keinen Strom mehr zu erzeugen. Trotzdem nahm er einen Schraubendreher von der Wand und stocherte an den Leitungsverbindungen herum. Wie vermutet hatten sich Mäuse daran zu schaffen gemacht und die Leitungen durchgeknabbert. Zusätzlich waren Schaltkontakte an den Schützen vergammelt.

Die Akkus, die Mickey als Ersatz mitgebracht hatte, konnte er im Kofferraum lassen. Obwohl er damit gerechnet hatte, war er enttäuscht. Frustriert ließ er die Klappe nach unten knallen. Was hatte er denn geglaubt: Dass er hier nach so langer Zeit aufkreuzte und alles in einem tadellosen Zustand vorfand? Natürlich nicht. Mickey war jemand, der, selbst wenn es kurz vor Spielende noch null zu eins stand, immer noch an den Sieg glaubte, jemand, der niemals aufgab, egal wie aussichtslos es schien. Susan liebte diese überaus wertvolle Eigenschaft an ihm. Solche Eigenschaften hatten ihn in seinem Job als Architekt ganz nach vorn gebracht. Die steile Karriere des Jungen aus einem zerrütteten Elternhaus, der sich vorwärts kämpfte, um seine Träume zu erfüllen. Ein Selfmade – Mann, wie er sich selbst gern nannte. Einer, der es geschafft hatte.

Nun fragte er sich, wie viel davon noch übrig sein mochte.

Wie viel selbst war er noch?

Vielleicht würde er hier Klarheit bekommen.

Die Sache mit dem Polyma war aussichtslos, das wusste Mickey nun. Er bedachte das grüne Monstrum mit einem verachtenden Blick, warf den Schraubendreher auf die Werkbank und verließ den Schuppen.

Mickey marschierte die zwanzig Meter zur großen Scheune, die etwas abseits unter riesigen Eichen stand und wollte das große Tor aufschieben, als ihm das alte, verrostete Schloss auffiel. Sein energisches Rütteln imponierte dem stabilen Stahl nicht im Geringsten.

Das habe ich wohl vergessen,dachte Mickey und ein müdes Lächeln huschte über sein ausgemergeltes Gesicht. Gemächlich schlenderte er erneut zur Werkstatt und kehrte mit einem schweren Vorschlaghammer zurück. Der fünfte Hieb gab dem Schloss schließlich den Rest. Es plumpste ins Laub, wo es verschwand.

Mickey stellte den Hammer zur Seite und schob das Tor auf. Er musste eine Menge Kraft aufbringen, um es so weit aufzuschieben, dass er bequem hindurch passte. In seiner momentanen Verfassung glich es einer Bergetappe bei der Tour de France. Die Räder in der Metallschiene ächzten und stöhnten.

Fluchend zwängte er sich hinein.

Innen herrschte modrige Dunkelheit. Mickey blieb stehen, zündete sich eine Zigarette an und während er zielsicher ein Regal auf der linken Seite ansteuerte, verschwand etwas hektisch trippelnd in die schützende Dunkelheit, im hinteren Teil der Scheune.

Vor ihm lag ein großer Berg von geschnittenen Holzstämmen in hackfertigen Längen. Wärme für mehrere Winter.

Vor einem selbst gezimmerten, von Holzwürmern zerfressenen Regal blieb er stehen, nahm aus dem obersten Fach eine große Axt und legte sie in eine Schubkarre, die neben dem Haufen stand. Mickey prüfte mit seinem Daumen den Druck des Reifens, befand die Luft darin für ausreichend und legte einige der Hölzer hinein. Dann schob er die Karre über den kargen Betonboden hinaus in die Oktobersonne. Neben der Scheune stand ein wuchtiger Hackklotz. Gras und Unkraut wucherte ungehindert um ihn herum. Dort stellte er sie ab.

Mickey spuckte in seine Handflächen, so wie er es immer getan hatte, rieb sie aneinander und begann mit der Arbeit. Scheit für Scheit teilte er aus den Zylindern heraus und stapelte sie in die Schubkarre. Jedes Mal wenn die Karre voll war, schob er sie zum Haus, nahm sich den Arm voll und packte die Scheite in der Stube neben dem Kamin auf. Nach der dritten Ladung zog er seine Jacke aus. Schweiß ran seinen Rücken hinab und klebte sein T-Shirt an die Haut. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so hart gearbeitet hatte. Doch Mickey fühlte sich gut. Er fühlte sich seit langem wieder wertvoll und lebendig.

Der Wind frischte weiter auf und Mickey zog seine Jacke wieder an. Eine Erkältung konnte er sich nicht erlauben. Er würde all seine Kräfte noch brauchen.

Als der Wind böig wurde, hörte er hinter sich ein rasselndes Geräusch. Er zog seinen Reißverschluss zu, der kurz klemmte und drehte sich um. Obwohl er wusste, was sich dort befand, war sie ihm bis eben nicht aufgefallen. Wahrscheinlicher aber war, dass er es bewusst ignorierte.

Zwischen zwei mächtigen Bäumen, die ihr schillerndes Laub stolz zur Schau trugen, stand vom Gestrüpp gut verborgen, eine Schaukel. Das Gerüst bestand aus kräftigen Holzstämmen, die von tiefen Rissen durchzogen waren und an dessen Querbalken zwei Sitzflächen an verrosteten Eisenketten herabbaumelten. Der Wind spielte mit ihnen, sodass die Karabinerhaken, an denen die Ketten befestigt waren, bei jeder Bewegung ein helles Knarzen von sich gaben. Eisen rieb auf Eisen.

Ein Hauch von Vergangenheit erschien so plötzlich wie ein Geist, der sanft, mit unsichtbarer Hand sein Herz berührte und in seinem Gehirn eine chemische Reaktion auslöste: Erinnerungen.

 

Fünf

13. Oktober; fünfzehn Jahre zuvor

„Darf ich auch mal?“, fragte Dustin. In seinen Augen leuchtete ein winziges, freudiges Feuerwerk.

„Du? Du bist doch viel zu klein. Du kleiner Hosenscheißer … Pippifurz.“

Dustins wütender Blick störte Janina nicht. Sie grinste wie ein Honigkuchenpferd.

„Papa…“, sagte Dustin.

„Ich fürchte deine Schwester hat Recht. Auch wenn ihre Ausdrucksweise vielleicht nicht ganz passend ist. Aber mit einer Axt arbeiten, dürfen wirklich nur Leute, die groß genug sind, nicht mehr vom Nachbarshund umgerannt zu werden.“

„Das ist gemein. Janina…“

„Janina darf auch kein Holz hacken“, fiel Mickey ihm grinsend ins Wort. Er schlug die Axt in den Klotz und ging zur Schaukel, auf der Dustin ungeschickt vor und zurück pendelte. Mickey hatte zwei Stunden lang gearbeitet und die Scheite zwischendurch immer wieder ins Haus getragen. Nun war er völlig durchgeschwitzt und erschöpft.

Mickey stellte sich hinter Dustin und gab ihm Schwung.

„Mich hat der Nachbarshund noch nie umgerannt“, sagte Janina. „Trotzdem darf ich nicht helfen. Das ist echt blöd.“

„Ist da etwa jemand eingeschnappt?“.

„Nein. Aber wenn du sagst, dass man mit der Axt arbeiten darf, wenn man nicht vom Nachbarshund umgelaufen wird, dann … ich bin noch nicht umgelaufen worden.“

„So? Daran kannst du dich nur nicht mehr erinnern. Da warst du noch … na, so klein.“

Mickey hielt eine Hand an die Kniekehle.

„Das stimmt doch nicht.“

„Doch das stimmt. Er kam so auf dich zu“, sagte Mickey, kniete sich hin und begann auf allen vieren zu krabbeln. Seine nassen Haare klebten ihm in der Stirn und er bellte und knurrte wie ein Hund. Die Kinder lachten, sprangen von der Schaukel und fielen über ihren Vater her.

Susan stand in der Küche und bereitete das Abendbrot vor. Sie trug einen dunklen Rollkragenpullover, eine verwaschene Jeans und hatte die Arme um den Oberkörper geschlungen. Im Radio sang Alicia KeysDiamonds. Während sie ihrer Familie zusah, wie sie sich im trockenen Laub wälzte, wurde ihr bewusst, dass Mickey Recht hatte, als er sagte, sie müssten das ganze hier nur noch mit Leben füllen. Mit Leben füllen, um sich ihr privates Paradies zu schaffen.

Ihre Schwester, die gleichzeitig auch ihre beste Freundin war, würde vor Neid platzen, wenn sie ihr davon erzählte. Aber das musste noch warten, hier würde sie ihr Handy nicht benutzen. Keinen Stress, das hatte sie sich fest vorgenommen. Kein Fernseher, kein Handy, kein Computer. In diesem Augenblick kam es Susan kein einziges Mal in den Sinn, dass etwas nicht stimmen könnte.

Das Leben war großartig und das war es nicht immer gewesen. Vielleicht schwirrte der Gedanke an nahendes Unheil irgendwo herum, nur eingesperrt, verbannt. An einem Ort, wo er zappeln und schreien konnte, wie er wollte. Niemand würde ihn hören. Niemand wollte ihn hören. Nicht jetzt.