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Das ewige Licht Das Tor Der Weltenglobus Die Roman Trilogie erzählt von Liebe, Begegnung und dem sich selbst und einander Finden. Alles beginnt in einer Art Traumwelt. Glühwürmchen treffen bei Neumond einer Mittsommernacht auf Kinder. Doch alsbald betreten auch Erwachsene die Bühne. Und es zeigt sich, dass was aus Kinderperspektive so leicht und klar erscheint, es aus erwachsener plötzlich nicht mehr ist - oder doch? Der dreiteilige Roman spielt in einer Welt voller Überraschungen, changierend zwischen Wachsein und Träumen. Zugleich ist es eine kleine Abenteuergeschichte, voller Erlebnisse der Protagonisten, die mit Kunst, Literatur und manchem mehr in Berührung kommen. Die ganze Erzählung über alle Bände hinweg ist lebhaft, eben als würde sie tatsächlich gerade erzählt, voller Sprachbilder, Dialoge, innerer Monologe und Gedichte.
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2020
Lea Baerens, 1977 in West-Berlin geboren, wuchs zwischen Leinwand und Farben inmitten der damaligen Kreuzberger Künstlerszene, einer modernen Arztpraxis im Rheinland und freier Natur an der deutsch-luxemburgischen Grenze auf. Ihre ersten Buch-Illustrationen mit Bild und Schrift verfasste sie im Alter von gut vier Jahren, wenig später erste längere Briefe in Lautschrift. Heute umfasst ihr privates Werk Gedichte, Kurzgeschichten, einen mehrteiligen Roman, autobiografische Notizen, sowie Bilder, Skizzen, Fotografien und Mode-Design.
Als promovierte Kunstwissenschaftlerin und mit einem Master of Business Administration (MBA) publiziert Lea Baerens parallel zu ihrem privaten Werk im Geisteswissenschaftlichen und als Ko-Autorin einer medizinischen Universitäts-Forschungsgruppe. Längere USA-Aufenthalte seit der Jugend, darunter als Post-Graduate Fellow an der Harvard University, Cambridge, legten den Grundstein für ihr bilinguales – deutsch-englisches – Werk.
Lea Baerens lebt aktuell mit ihrem Partner in der Nähe von Frankfurt am Main. Ihr Sohn ist erwachsen. Partner und Sohn widmet Lea Baerens ihr gesamtes privates Werk in Wort & Schrift, Bild, Foto und Design.
Website der Autorin: www.privateeditionbyleab.com
Kontakt zur Autorin: [email protected]
Von Lea Baerens liegen bei BoD vor:
THE SHIRT # elements to go (9783751929912)
DAS EWIGE LICHT (9783751902717) – Teil 1 Roman
DAS TOR (9783751902724) – Teil 2 Roman (Teil 3 folgt)
RAUM & FIGUR bei BECKMANN & MIES VAN DER ROHE (9783751901000)
GENESIS # Der Schaffensmoment eines Gedichts (9783751904513)
POEMS # Liebe.01 & Liebe.02 (9783751900416)
POEMS # Familie&Familiäres * kurz gedacht * last supper (9783751900430)
POEMS # aufgeschrieben * dialog(e) * der.die.da * gesagt_getan (9783751900447)
NOTIZEN # Erotik (9783751900386)
NOTIZEN # Du * Notizen (9783751900409)
KLEINE TEXTE # Die besten Geschichten schreibt das Leben (9783750495074)
Das Tor
Dornröschenschlaf
Nah und nah
Der Stein der Weisen
Wundersam
Drachenherz
Blau wie der Himmel
Ohnmacht
Erwachen
Ein Klang nicht von dieser Welt
Schwerelos
Von Gottes Gnade
Flieg’
Fallen
Am Rande des Sonnensystems
Stadtflug
Lichtermeer
Momentum
Letzter Wille
To be
Ist, was war?
Mondschein
Alleingang
Taktung
Waking up
Inside out
Vater Tochter
Die Ordnung der Dinge
Die Letzten werden die Ersten sein
Vom Tropfen der Zeit
Himmelsleiter
Du zuerst
Das Tor
Zeit
wie gewöhnt man sich eine Liebe ab
wie entliebt man sich
verdränge ich dich
aus meinen Gedanken und Gefühlen
so verdränge ich mich
denn ich liebe dich
und so bleibt mir nur
dich ganz für mich zu lieben
dich in mir von dir in der Welt zu entkoppeln
dich ganz zu mir zu holen
und hinter dir das Tor zu schließen
mit einem lauten Knarren
wie es große alte hölzerne Türflügel so an sich haben
ich lausche dem Zuschnappen des Metallschlags
und frage mich
ob ich den Riegel von innen wohl vorschieben sollte
ich bin wütend
auf dich und auf mich
warum die Stille
nur das leise Aufschlagen meiner Tränen
nein
wenn du den Weg bis zum Tor doch wiederfindest
und die große alte Türklinke nach unten drückst
solltest du es öffnen können
du musst dich nur richtig gegenlehnen
Ihre Worte verschwimmen vor Lilys Augen. Mit sanftem Druck fährt ihre Daumenkuppe über das Metall ihres Stiftes. Als sei es die alte Klinke. Nichts bewegt sich. Weder in ihr, noch um sie herum. Es ist wie es ist. Auch weil Liebe ist was sie ist. Und wie sie ist. Immer Engelchen und Teufelchen zugleich. Bezaubernd licht und warm, und verwirrend dunkel und heiß. Verstehen wird sie es alles vielleicht einmal in weiter Ferne. Nach langer Zeit. Wenn die Ereignisse sich im ewigen Raum verflüchtigen. Dann ist er wirklich nur noch in ihr. Weit weg ganz nah.
Unsicher fährt Joel zärtlich über Lilys Haar. Sie scheint ihn nicht bemerkt zu haben. Manchmal entschwindet sie fast unerreichbar in ihre Welt. Nur für Augenblicke. Und blickt dann auf, als erwache sie aus einem tiefen Schlaf mitten am Tag. Doch etwas wirkt plötzlich anders. Unbeabsichtigt folgt Joel mit seinem Blick ihren Worten. Wieder und wieder. Ehe sie zu ihm durchdringen. Ehe er sie begreift. Ehe er sie spürt. Er ist da. Die ganze Zeit. Ihm können sie nicht gelten. Und doch...
Vor Schreck holt er tief Luft und schließt Lily intuitiv fest in seine Arme. Auch um selbst Halt zu finden. Wem gelten diese Zeilen? Was ist ihm entgangen? War sie die ganze Zeit bei ihm und doch nicht bei ihm?
Lilys vertraute Geste, ihre Finger ganz in seine zu haken, holt Joel zurück. Nein, sie war und ist bei ihm. Liebevoll streichelt sie über seine Wange. Wie sie es immer tut, wenn sie seine Verwunderung über ihre Liebe zu ihm wegwischen möchte. Ihre Augen ruhen in seinen. Völlig verweint und doch so klar und nah wie selten zuvor.
Joel setzt an etwas zu sagen, wieder und wieder. Ohne Worte in sich. Bis Lily ihren Finger auf seine Lippen legt. Jetzt schießen ihm die Tränen in die Augen. Er hatte Angst. Die ganze Zeit. Dass sie gehen würde. Jetzt ist sie da. Bei ihm. Und als blicke sie in ihn hinein, beginnt sie langsam zu erzählen.
„Es waren Momente, Augenblicke. Mal am Telefon. Mal direkt. Aber immer zwischen den Welten. Und immer ganz nah und ganz weit weg zugleich. Ich habe ihn gebraucht, um jetzt bei dir sein zu können."
Joel spürt Lilys leichtes Zittern. Ihre Angst. Ihn zu verlieren? Ganz loszulassen und wirklich bei ihm zu sein?
„Ich hatte eine unglaubliche Angst du würdest gehen. Einfach so. Du warst manchmal so unerreichbar. Das tat weh. Und gelegentlich wusste ich dann nicht wohin mit meinen Gefühlen. Dann bin ich aus unserer Nähe abgehauen."
„Das wenn ich dich am meisten gebraucht hätte, weil ich noch nicht so weit war, aus eigener Kraft ganz bei dir zu sein."
„Wenn du mit ihm Kontakt hattest?!”
„Oder ihn besonders vermisst habe... ich weiß, das war nicht richtig. Ich wollte dich dann einfach spüren. Nachts deine Wärme. Damit er aus meinen Träumen verschwindet. ... er hat mich nie wirklich berührt. Nur im Arm vor langer Zeit einige Male gehalten."
Unfähig etwas zu sagen, wischt Joel zärtlich Lily die Tränen von der Wange. Eine halbe Ewigkeit blickt er sie einfach an.
Sequenzen der letzten Monate ziehen vor seinem inneren Auge an ihm vorbei.
„Ich liebe dich. Manchmal am meisten, wenn ich ganz weit weg bin.”
„Und jetzt?!”
Joel muss lächeln. Lilys ruhige, pragmatische Fragen in den verrücktesten Momenten holen ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.
„Was ist denn mit meiner Elfenprinzessin? Reif für ein Königreich?”
Lily lacht.
„Nur mit König.”
Und zuckt vor Schreck über ihre Worte zusammen. Joel schafft es immer wieder, sie aus der Reserve zu locken. Commitments zu machen, wo sie gewöhnlich ausbüchst.
Sein Blick ruht tief in ihrem. Als wolle er ihr einen Moment Zeit und Raum geben – und selbst ihre Gewissheit spüren.
„Schließ' deine Augen.”
Joel legt seine Hand über ihre geschlossenen Lider.
„Lass' sie zu, okay?!”
Nicken. Lily spürt seine Nähe. Wie seine Lippen sanft auf ihre treffen.
Ihr ein Lächeln entlocken.
„Ich liebe dich.”
Ganz leise und vorsichtig.
Joel traut seinen Ohren nicht. Wie sehr er diese Worte aus Lilys Mund herbeigesehnt hat. Unfähig, sich ihren Klang auszumalen. Zu erahnen, wie sie sich anfühlen würden.
„Sag' das noch mal!”
„Ich liebe dich.”
Geflüstert und doch so ruhig und gewiss wie für Joel nur Lily etwas sagen kann, wenn sie es meint.
„Seit wann weißt du das?”
„Seit einer Weile...”
„Und mal etwas sagen?!”
„Du bist der Mann...”
„Willst du mir damit sagen, du hast gewartet bis ich es dir zuerst sage?”
„Ja.”
Joel sitzt regungslos vor Lily. Nur mit seinen Fingern spielt er zärtlich mit ihrer Daumenkuppe. Eigensinnig und gelegentlich ein kleiner Dickkopf und doch so ganz Frau, geduldig aber nie wartend, allenfalls abwartend. Und jetzt sitzt sie mit geschlossenen Augen mit eben dieser Engelsgeduld vor ihm. Lässt ihn gewähren. Und vertraut.
Jetzt ist er es der sie spüren möchte. Sie lässt sich führen. Sich vorsichtig in seine Arme schmiegen.
Zögerlich, fast ein wenig unsicher, als seien es die ersten zarten Berührungen überhaupt, fährt Joel Lilys Konturen nach. Übers Gesicht, den Hals, die Arme und Hände, ihre Seite... er sollte ihren Körper kennen.
Und tut es doch nicht. Wie es ihr mit ihm wohl geht?
„Warum sollte ich da sein – nachts?”
„Weil ich mich in deinen Armen geborgen, zuhause fühle.”
Zuhause...
„Warum das alles hier und jetzt?”
Joel wandert mit seinem Blick durch den großen Raum, in dessen Mitte sie auf einem zu beiden Seiten offenen Sofa liegen. Wie aus einer anderen Welt. Mehr wohl inmitten einer anderen Welt. Mit eigentümlich wunderbar arrangierten Gegenständen des alltäglichen und doch wieder nicht gewöhnlichen Lebens verschiedener Jahrhunderte. Und alles irgendwie in Gebrauch, oder um dem Raum seine Harmonie zu geben.
Er hatte nicht mitgewollt, Lily aber auch nicht alleine fahren lassen wollen.
„Es ist ein Ort nicht von dieser Welt. Alles hier. Auch draußen mit dem kleinen Meteoritenteich. Es fühlt sich an, als seien Zeit und Raum hier anders. Und damit ist dann plötzlich alles anders. Auch ich. Klarer, definitiver, ruhiger.”
„Wolltest du, dass ich mitkomme?”
Lily nickt.
„Aber ich hatte auch Angst davor.”
„Ich habe mich in den letzten Tagen so verloren inmitten dieser wunderschönen Welt gefühlt...”
Mitten in seinem laut ausgesprochenen Gedanken stockt Joel.
„Schau' mich an!”
Das Tageslicht blendet Lily ein wenig. Ganz als erwache sie gerade erst in den Tag.
Da ist er wieder, dieser Blick von Lily, den Joel nicht zu lesen weiß. Der ihn verunsichert. Der sie scheinbar unerreichbar macht. Inmitten dieser totalen Stille von ihr. Als sei sie abwesend aus ihrem Selbst – und dabei so sehr bei sich, dass sie um sich herum nichts mehr wahrnehme.
Sein erster Impuls ist wie sonst aktiv zu werden, wie ein Gegenpol.
Doch nichts rührt sich in ihm. Joels Augen ruhen auf Lilys. Mehr in. Und je länger er sie einfach anschaut, desto näher wirkt sie zu seinem Erstaunen.
Immer wieder setzt er an etwas zu sagen.
Aber was? Warum?
Jeder Gedanke, den Joel versucht zu fassen, löst sich einfach in den nächsten auf. Keinen zu Ende gedacht.
Irgendwann lässt er es. Nun sind es Bilder, Sequenzen, Eindrücke. Erinnerungen, gelegentlich gemischt mit seinen entsprechenden Empfindungen.
Lily und Momo schweigend – so wie sie jetzt hier – miteinander im Kinderzimmer inmitten einer anderen wundersamen Welt. Beide ganz bei sich. Und doch als verbinde sie ein unsichtbares Band, aus dem Joel sich ausgeschlossen fühlte.
Lilys und auch Momos Einladungen, sich selbst einen Platz zu suchen, hatte er immer ausgeschlagen. Warum?
„Ich habe ein eigenes Tor bei dir, oder?”
Lily lächelt. Nickt ganz leicht.
„Darf ich noch durch?”
Es kommt Joel wie eine halbe Ewigkeit vor, bis Lily sich rührt.
„Ja, aber du musst es selbst aufmachen.”
Joel fällt ein Riesenstein vom Herzen. Auch wenn er noch nicht weiß, was „selbst aufmachen” heißt. Geschweige denn wie...
Der große Nussknacker. Lily hat das Radelement aus der großen, alten Holzpresse so getauft. Mitten im Fenstersims. Die Sonnenstrahlen treten hindurch. Werfen fantastische Licht- und Schattenspiele in den Raum. Als tanze jemand. Im Licht. Durchs Licht. Mit dem Licht. Licht...
Joel blickt zu Lily zurück, die ihn die ganze Zeit schweigend beobachtet hat.
„Was hat es mit der Geschichte vom Licht wirklich auf sich?”
„Ah, dann doch?! Woher der Sinneswandel?”
Liebevoll neckend drückt Lily Joels Hand fester auf ihre Wange.
„Ich dachte, es sei eure Geschichte.”
Lily schüttelt den Kopf und nickt gleichzeitig.
„Jeder hat eine eigene Geschichte. Und manche Protagonisten kommen und gehen. Andere bleiben ein wenig länger. Für immer sind Momente. Die manchmal ein ganzes Leben ab einem bestimmten Augenblick sind.”
„Habt ihr noch Kontakt?”
„Seit einer ganzen Weile nicht mehr.”
„Warum?”
„Irgendwann begannen meine Zeilen an ihn, im Raum einfach zu verhallen. Es war noch nicht einmal mehr ein Echo zu hören... und dann begriff ich, dass unsere Zeit des nah Seins aus der Ferne vorbei ist.”
„Deswegen hast du das Tor geschlossen, den Raum getrennt?” Nicken.
„Ich musste ganz auf mich zurück fallen. Erstmal mich finden. Um nicht alle, die nah sind, immer ein wenig fern zu halten.”
Lily stehen Tränen in den Augen.
„Und dann hau' ich ab, kaum dass du dich anschmiegst...?!”
Schulterzucken und Nicken.
Lily war die ganze Zeit sein Spiegel. Sein Gegenpendel zur Angst vor und dem Wunsch nach totaler Nähe.
„Was, wenn er die Klinke runter drückt und sich gegen das Tor lehnt?”
„Kommt drauf an, was dann dahinter frei ist...”
Lily fährt mit ihren Fingerkuppen sanft über Joels Kinn.
Jetzt ist er es, der sie einfach anschaut. Eine halbe Ewigkeit. Sie wird nur ganz bei ihm sein, wenn er den Schritt zuerst geht.
„Ich liebe dich und ich habe oft eine sagenhafte Angst, du könntest gehen...”
„Was glaubst du sind die zwei elementarsten Gefühle, die uns leiten?”
Joel schaut sie fragend an. Lily hilft nach.
„Warum bist du hierher mitgekommen?”
„Weil ich dich liebe und Angst habe dich zu verlieren.”
„Was hat gewonnen?”
Joel lächelt.
„Dass ich dich liebe. Und warum hast du mich mitgenommen?”
„Weil ich dich liebe.”
„Was sind die Zeilen von vorhin in all' dem?”
„Ich musste es alles loswerden. Ich möchte ganz frei, ganz bei dir sein.”
„Was passiert mit dem Gedicht?”
„Ich schicke es als Flaschenpost aufs Weltenmeer von Zeit und Raum.”
„Liest du mir den ersten Teil deiner Geschichte vor?”
Lily zuckt zusammen. Sie zögert. Jetzt hilft Joel ihr weiter.
„Hab' keine Angst. Ich weiß nun, es war. Und dass es deine Geschichte
ist. Der zweite Teil, mindestens, ist meiner.”
Lily lächelt etwas verlegen.
„Stimmt, ist er. Und schon im Entstehen.”
„Dann erzähl' mir, wie du zu mir gefunden hast, okay?!”
„Ja.”
Kaum hörbar, aber deutlich.
Joel hat sich seitlich auf den Bauch neben Lily gedreht. Ihre Hand liegt ruhig an seinem Nacken. Ihre Fingerspitzen in seinem Haar. Sie spielt gerne damit, streichelt durch. Doch irgendwann hat sie damit aufgehört. Joel wollte es nicht. Jetzt vermisst er ihre Geste. Erstmals fähig das Gefühl zuzulassen. Wirkliche Zärtlichkeit zu empfinden.
Unsicher wandert seine Hand in Lilys Nacken, sucht mit den Fingern nach ihrer Lieblingsstelle bei ihm. Sein Herz pocht. Mit seiner anderen Hand drückt er ihre Finger leicht in seinen Nacken.
„Eigentlich ist das meine Lieblingsstelle...”
Lily knufft Joel in den Bauch.
„So, Lieblingsstelle. Und deswegen durfte ich nicht dran.”
Vorsichtig testet Lily an, ob sie Joel ab hier wohl wirklich streicheln darf.
Er holt sie eng zu sich. Ihre Augen so nah, dass sie sich kaum noch klar erkennen.
„Lies’ mir vor.”
„Einfach so, ganz von vorne?”
„Ganz von vorne...”
Eng eingekuschelt schlägt Lily den Probedruck vor sich auf.
„Die Entdeckung des Lichts...”
„Heißt das, wir sehen Leon und Mimi nie wieder?”
Lulu bringt ihre Worte kaum hervor, fest in Freds Arm eingehakt. Ohne ihn würde sie wohl aus der Luft fallen. Sprachloses Schulterzucken. Was sich wünschen? Mimi und Leon herbei – oder Lilys und wohl auch Momos Glück? Lulu im Schlepptau, landet Fred in sicherer Entfernung zu Joels Hand, die langsam auf Lilys Rücken von oben nach unten und wieder zurück wandert. Als gleite sie über die Wellen von Lilys Stimme.
Und je länger Lily liest, ihrem Jetzt und Hier näher kommt, desto weiter erscheint es ihr weg. Als sei es wirklich nur eine Geschichte. Ein Buch, das sie zuschlagen und den nächsten Band beginnen kann. Sich des Alten gewiss und doch frei für das Neue. Sie lächelt und hält kurz inne. Deswegen liebt sie wohl leere Notizbücher... Und beginnt manchmal mitten drinnen ein neues.
Wie auf Katzenpfoten ist Momo irgendwann mitten zwischen Lilys und Joels verknotete Beine geklettert. Seinen Eisbär sicher im Arm, mit dessen Pfote er sich selbst unterm Kinn kitzelt. Das liebt er. Verträumt beobachtet er Joel. Was ihn wohl bewegt, sich plötzlich wieder vorlesen zu lassen? Eigentlich kann er doch schon selbst lesen? ... besser nicht jetzt fragen, sonst tut er das womöglich noch.
Und während die Sonne über Stunden von Fenster zu Fenster wandert, Lily, Joel und Momo immer neue Positionen auf dem Sofa finden, zwischendrin Kaffee, Kakao und Kekse her müssen, scheint die Welt draußen immer weiter weg zu rücken – oder anders, die drei, unbemerkt begleitet von Lulu und Fred, immer näher zueinander.
„‚... und warum ein antiker Tempel?’
‚Weil es die Zeit von Schillers Götterfunke ist. Und so klingt dieser bei Beethoven dann auch – göttlich...’”
Lily schlägt sanft das Buch zu und streichelt Momo über den Kopf.
Gespannt blickt er sie an.
„Fertig?”
„Ja” – etwas verwundert. Keine Fragen nach Niki und Noah?
Aber Momo ist längst um die Ecke im Nachbarraum. Es rumpelt und poltert.
„Alles gut, ich schaffe das alleine! ... Augen zu, ganz feste – und nicht aufmachen bis ich es sage, ja?!”
„Okay.”
Joel und Lily wie aus einem Mund. Dass auch Lulu und Fred intuitiv geantwortet haben, hat keiner gehört.
Taps, taps, taps und aufs Sofa zurück. Eine Hand von Lily, eine von Joel. Etwas Weiches darauf. Da ist also Momos vermisstes Kopfkissen. Winken vor ihren Augen. Sie haben Wort gehalten, die sind zu.
„Auf drei dürft ihr sie aufmachen. Eins, zwei – auf!”
Lily schüttelt ihren Kopf, Augen zu, wieder auf, wieder zu, wieder auf.
Da ist er wirklich. Der Weltenglobus.
„Ganz einfach – Niki und ich haben die beiden Welten aufgeteilt, dann müssen wir uns wiederfinden. So wie du und Noah!”
Momo steht mit ausgestreckten Armen und Händen stolz über der Weltenkugel.
„Ihr wart ja Kinder. Und seid euch als Kinder des Lichts wiederbegegnet.”
Lily blickt Joel entgegen, völlig überrumpelt von der Leichtigkeit ihres Sohns. Klar, so einfach kann es sein... und Joel greift den Ball auf, stupst Lily sanft auf die Nase.
„Na, dann ist es wohl Zeit für das Erwachsenwerden... Kinder des Lichts...”
Und als brauche er selbst einen kleinen Stupser, drückt Momo beiden einen dicken, lauten Kuss auf die Wange. Na los, Lily küssen...
„Ein Königreich, ja?!”
„Ein ganzes...”
„Ganz für uns.”
„Und darin lassen wir die Burgen und Schlösser wieder in altem Glanz erscheinen, die Tempel und Theater wieder erklingen, die Drachen aus ihrem Jahrtausendschlaf erwachen, die Wälder wieder flüstern, die Flüsse und Seen wieder erzählen, die Gnome und Trolle unter Donnergrollen die Steine über ihren Höhleneingängen öffnen, die Zauberer unter uns ihre funkelnden Gewänder anlegen, wir unsere Elfenseelen frei, und werden wieder mit den Tieren sprechen können..."
„Du bist der König, ganz nach deinen Wünschen. Ich komponiere nur die Melodie dazu...”
„Und ich schließe das Tor hinter mir, es ist meins.”
„Ganz deins...”
Momo blickt Lily und Joel an. Merkwürdig sind die Erwachsenen schon manchmal. Aber gefühlt ist jetzt alles im Lot. Wenn sie sich also verstehen... ein Königreich. Dann ist er wohl der Prinz, auch gut.
