Das unbekannte Schicksal - Sâr Joséphin Péladan - E-Book

Das unbekannte Schicksal E-Book

Sâr Joséphin Péladan

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Beschreibung

Überirdische Liebe belebt auch diesen Péladan-Roman. Ein junger angehender Jurist begegnet durch Zufall oder eine mystische Verkettung dem tragischen Schicksal einer besonderen Frau. Durch ihr Treueversprechen fühlt sie sich, obwohl bereits geschieden, an ihren verbrecherischen Mann innerlich für immer bedingungslos gebunden. Eine Loslösung könne nur der Tod selbst bewirken. Nun nimmt das Schicksal seinen verhängnisvollen Lauf. Muss der junge Mann zum Mörder werden, um diese Frau zu befreien? Dem skeptischen Realismus der Zeit stellt Péladan seinen Symbolismus entgegen. Meisterhaft entwickelt er den seelischen Leidensgang eines Menschen mithilfe einer Sprache, die rhythmisch und kraftvoll ist und gleichzeitig voll von visionärer Schönheit. Das lässt den Leser an den geheimsten Regungen der menschlichen Seele intensiv teilhaben. Schauplatz der Handlung ist die Bretagne. Jene Landschaft, der Péladan persönlich nahestand: angeblich war er selbst ein Abkömmling bretonischer Könige. Durch Leben und Menschen suchen wir nur uns selber und, wenn wir uns gefunden haben, nennen wir diese Begegnung das Glück; aber wir lassen uns von glänzenden Vorwänden anführen und unsere Handlungen nennen sich mit großartigen Namen, während sie nur einen einzigen Grund hatten: die Expansion. (Péladan, Das unbekannte Schicksal)

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2021

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INHALT

Prolog

Abend am Strande

Das Geheimnis des Täschchens

Erstes Buch

Worte von Auguren

Weise Zärtlichkeit

Seelenkonzert

Gefühlvoller Morgen

Gespräche

Über die Vergangenheit

Über die Liebe

Vertrauliche Mitteilungen

Zweites Buch

Geschichte eines Verbrechens

Das Gewissen

Der Tag nach dem Alp

Hochherzigkeit

Der Leichnam

Nähere Umstände

Weiblichkeit

Lösung

Das Wesen der Ergänzung

Drittes Buch

Zu Hause

Zu der Unbekannten

Ausgleich

Beruf

Der Erfolg

Harmonien

Folgen

Zwei Generationen

Epilog

Morgen am Strande

PROLOG

I. ABEND AM STRANDE

Wenn die Natur zu uns spricht,

ist sie beredter als der Mensch

und ebenso trügerisch.

”Mit Gold und mit Blut, und mit dem einen im anderen“, erklärte der herbstliche Himmel die alte Mythe vom Tage, der unter den Geschossen des Typhon stirbt. Ein Trauerspiel in Farben spielte sich am Horizont ab. Unter den Pfeilen eines unsichtbaren siegreichen Bogens blutete das Gestirn. Aus seinen offenen Adern flossen Ströme von Purpur, diese Katastrophen des Aeschylus heraufbeschwörend, wo die Götter für die Menschen Partei nehmen und in ihre Handlungen eingreifen. Schein des brennenden Troja oder der Walhalla in Flammen, fließende Wunde des Prometheus oder der Niobiden: der Strahl des heldischen Blutes mischte sich glorreich dem flüssigen Gold des Abends.

Der Westen strahlte mit der feierlichen Pracht eines Hallelujas von Händel.

Dieses optische Oratorium sah sich ein junger Mann an. Er saß da, bestaubt, die Hose am Knöchel geschnürt, den Filzhut eingedrückt, ungezwungen, aber nicht malerisch gekleidet. Unter dem üblichen Anzug, den unsere Zeit trägt, verriet er seine Eigenheit nur durch die Kraft, mit der er beobachtete.

Von den Schönheiten des Abends bezaubert, bewunderte er unbefangen, und sein Gedanke wurde ernst.

Er hatte schon manchen Sonnenuntergang gesehen: aber diesen beobachtete er.

Wir achten selten auf die Schauspiele der Natur, die regelmäßig wiederkehren; die Gewohnheit schläfert die Erregbarkeit ein. Zuweilen jedoch öffnet die große Isis ihren ungeheuren Schleier; dann erleuchtet ein Strahl unser Herz bis in seine geheimsten Falten und enthüllt uns unsere eigenen Geheimnisse. Schöne Augenblicke, wenn die Seele noch rein ist; unser Streben nach dem Zustande der Blumen atmet da seinen Duft aus.

Der junge Torigny war vom Schulunterricht zum Studium der Rechte übergegangen, von Examen zu Examen, hatte seine Jugend mit einer seltenen Unsträflichkeit verlebt, nur darauf bedacht, sich seine Zeugnisse zu erwerben. Er wusste nichts, in der bürgerlichen Gesellschaft aber konnte er auf alles Anspruch machen, da er die Vorschriften der materiellen Interessen kannte. Außer seinen Klassikern hatte er wenig gelesen; sein wahrhaft jungfräuliches Gemütsleben enthielt nur etwas fromme Liebe.

Wie kam der zauberhafte Anblick einer Abenddämmerung dazu, so neue Eindrücke auf ihn zu machen? Ohne eine Gedankenverbindung, plötzlich erschienen ihm seine vernünftige, praktische, nützliche Vergangenheit und seine bisher ebenso aufgefasste Zukunft zugleich mittelmäßig wie hässlich.

Wie eitel sein Dasein, so wie man es ihm gezeigt hatte, kam ihm auf einmal zum Bewusstsein.

Leben, das war also nicht irgendeinen Beruf ausüben, ehrlich und anständig, um sich schließlich in ein öffentliches Amt zurückzuziehen, nachdem man nichts anderes als sein Gedächtnis entwickelt hatte?

Leben, das war also vielmehr auf sein Herz hören, seine Eindrücke vervielfältigen, sein Bewusstsein ausbauen, mit dem Wesen der Dinge, dem Geist der Menschen verkehren?

Er suchte eine Beziehung zwischen der Schönheit des Abends und seinem Dasein, er verglich seine letzten Studien mit dem, was er sah. Die Erhabenheit der Landschaft entwertete sein Schicksal. Er wurde traurig. In seinem Innern erhob sich der Zweifel an der Lehre, die er empfangen hatte, an den Mustern, denen er bisher gefolgt war. Dieses Netz der Konventionen, mit dem die Gesellschaft den jungen Mann umgibt, fiel; er ahnte etwas von dem Individualismus, dieser furchtbaren Regung, durch die der Mensch seinen Mittelpunkt in sich selber entdeckt. Zum ersten Male fing er an, seinen Vater zu beurteilen: bisher hatte er den alten Notar nur verehrt. Der Gedanke, dass Leonardo da Vinci von einem Gerichtsschreiber abstammte, zerstörte das väterliche Ansehen. Der Übermensch wirft einen lächerlich machenden Schatten auf alles, was ihn umgibt. Seine Professoren kamen ihm jetzt albern vor oder geistig entartet.

Ein solcher Reichtum an Vorstellungen und Urteilen setzte ihn in Erstaunen; auch dass sie auf einmal so selbständig waren.

Auf seinem Bildungswege war er rastlos vorwärts gegangen, um die Zeugnisse zu erwerben, wie ein Jäger, der eine Spur verfolgt. Als er am Ziel ankam, fand er nur die Leere vor. Noch mehr Prüfungen, noch mehr Anstrengungen; von Scheuklappen und Geschirr befreit, entdeckte er plötzlich den ungeheuren Horizont der Persönlichkeit.

Die wirkliche Erziehung besteht weder in Manieren noch in Programmen; sie stählt den Charakter, wie man das Eisen stählt, um ihm eine Festigkeit zu geben, tauglich zur Anstrengung und ausdauernd bei der Probe. Der junge Mann, der am Strande von Perros-Guirec die Herrlichkeit der untergehenden Sonne betrachtete, gehörte zu dieser Art, die zwischen Wert und Mittelmäßigkeit liegt; die von ihren Meistern oder den nächsten Mustern abhängt.

Gewohnt, zu hören, wie sein Vater die Fragen auf die etwas verdächtigen Fähigkeiten des juristischen Scharfsinns reduzierte; schon geübt, die Rechtsbeugungen zu rechtfertigen und das Verbrechen zu entschuldigen, erlebte er seinen ersten poetischen Eindruck durch eine Abenddämmerung.

Lebhaft arbeiteten die Gedanken in seinem Kopfe, solange das Feuer der Farben glänzte.

Als aber das himmlische Gold erbleichte und das mythische Blut sich in violette Streifen schwärzte, fiel der Schatten, der den Himmel überzog und die leuchtende Zone umschloss, in die Seele des jungen Mannes und ertränkte die lebhaften Ideen, die ihm einen Augenblick gekommen waren.

An einem äußersten Ende des Strandes betrachtete auch eine Frau das abendliche Drama. Ihre Silhouette hob sich grau vom Himmel ab.

Er konnte ihre Züge nicht sehen: ein Schleier, der von der Kopfbedeckung herabfiel, rollte sich am Hals zusammen, und der Staubmantel in neutralem Ton vergrößerte ihren Wuchs.

Er betrachtete sie mechanisch als den Kegel der Landschaft. War sie jung, hübsch? Jungfrau oder Witwe? War sie reich oder musste sie ums Leben kämpfen? Er stellte sich keine dieser Fragen, die sogar der Nachbar im Omnibus oder in der Bahn veranlasst. Sie kam ihm sehr groß vor und, wahrhaftig, etwas unwirklich. Er hätte sich nähern können. Seine Neugier war nicht entschieden genug, um ihn zum Aufstehen zu bewegen. Als aber die Unbekannte den Felsen, der ihr zum Piedestal diente, verließ und den Fußsteig der Zollwächter einschlug, folgte er ihr von weitem, weil er nichts anderes zu tun hatte. An der Stelle, wo sie sich einige Minuten vorher erhoben, stieß sein Fuß an etwas Weiches und Graues: es war ein Beutel aus Sammet. Er hob ihn auf und ging gerade schnell genug, um die hohe Silhouette der Frau unter dem Schutzdach einer Villa verschwinden zu sehen.

Außer Atem, machte er Halt, das Täschchen an seinen langen Bändern schaukelnd. Wie eine schwarze Flut stieg der Schatten von der Erde in dunklen Dünsten. Im Gasthaus des kleinen Badeortes läutete die Glocke zum Diner. Er kehrte plötzlich um, entschlossen, seinen glücklichen Fund zu benutzen, um in die Nähe dieser unbekannten Frau zu dringen, der nachdenklichen Betrachterin derselben Abenddämmerung, die einen solchen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Nach dem Essen würde er in dem feinen Landhäuschen empfangen werden; indem er sich einen Augenblick ein Leben ansah, das von seinem eigenen verschieden war, würde er manche Eigentümlichkeit beobachten. Das war jedenfalls ein besserer Zeitvertreib als eine der Familienzeitschriften zu durchblättern, die im Lesezimmer auslagen. Diese Dame, deren Silhouette so ungewöhnlich war, musste seltsam sein; sie würde es sicherlich für ihn sein, da er unschuldig war und aus der Provinz kam.

II. DAS GEHEIMNIS DES TÄSCHCHENS

Die Leidenschaften sind Besessenheiten,

welche die Zeit allein austreibt.

Auf dem grellen Weiß des schon aufgedeckten Bettes lag das graue Sammettäschchen und verbreitete einen feinen Duft. Der junge Mann wusch sich die Hände, bürstete seinen Hut, nahm die Zwicken von seiner Hose. Er wollte die Kerze, die knisterte, ausblasen, als ein Zug von Wohlgeruch, wie ihn die Tuberose ausstrahlt, seine Nasenflügel traf.

Von einer plötzlichen Neugier erfasst, öffnete er das Täschchen und kehrte es um. Eine Börse, ein ziseliertes Fläschchen, ein kleiner Spiegel und ein Album fielen aufs Bett. Er nahm das Album, das in weißes, verblichenes Leder gebunden war, und öffnete das silberne Schloss. Mit einer feinen und gedrängten Handschrift bedeckt, trug es auf der ersten Seite den Titel:

„Vita vecchia“.

Er kannte nicht die „Vita nuova“, das geheimnisvolle Gedicht des geheimnisvollsten der neueren Dichter, und begriff nicht die besondere Beziehung der Titel. Das alte Leben, das frühere Leben bezeichnete ein Gedenkbuch, ein Tagebuch; und er, der seine Augen nicht zu der Unbekannten erhoben, wenn er sie in einer intimen Lage überrascht hätte, verletzte ohne Bedenken die Geheimnisse ihrer Seele.

Noch einmal abgeschrieben, um in tragbarem Format besser aufgehoben zu werden, schienen diese Bekenntnisse ausgewählte Seiten eines umfangreicheren Originals zu sein. Die Einzelheiten, die Umstände waren unterdrückt worden, um nur die gefühlvollen Stunden und die Etappen einer Leidenschaft zu bewahren.

Den der Zufall augenblicklich zum Besitzer dieses intimen Tagebuches machte, war kein romantischer Geist. Über die Liebe hatte er nur vage Gedanken: seine aus Mangel an Beschäftigung entstandene Neugier zeigte ihm nicht, dass diese Lektüre ein Leckerbissen sei. Er war noch nicht soweit im Leben gekommen, dass er sich für das Studium der Seele interessierte, besonders der leidenschaftlich bewegten Seele.

Mit Bedächtigkeit also und ohne einen anderen Eindruck als den des Parfüms, das von dem Täschchen ausströmte, überflog er diese Sammlung weiblicher Empfindungen, in der ein anderer, mit größerer Erfahrung, das tiefe Interesse gefunden hätte, das von jedem aufrichtigen Bekenntnis ausgeht.

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„Vita vecchia“

Ich wusste nicht, dass ich schön bin. Mein erster Ball hat es mir enthüllt. Wie wären die schweren langen Stunden von Jedlesee erleichtert, verkürzt worden, wenn ich meine Schönheit gekannt hätte!

Aus dem Kloster bin ich in die Wälder gegangen, Schlossherrin aber Einsiedlerin, monatelang der Krankheit gegenüber, selbander mit dem Tode lebend, neben dem Bett, auf dem mein Vater seufzte.

Nachdem ich ihn verloren hatte, musste ich die Zeit der Trauer mannigfachen, verwickelten, ermüdenden Interessen widmen. Als die strengen Pflichten erfüllt waren, ist meine Tante gekommen, hat mich dem schläfrigen Dämmern, in dem ich lebte, entrissen und mich in die Welt eingeführt, wie man ein Kind ins Wasser wirft, um ihm das Schwimmen beizubringen. Zwischen meiner Abreise von Jedlesee und meinem ersten Ball ist ein Monat vergangen, ein Monat, in dem ich nur Lieferanten, Schneider, Näherinnen gesehen habe.

Als ich am Arm des alten Ministers, der meinem Vater befreundet gewesen, erschien, wurde ich einen Augenblick von dem Glanz der Kronleuchter und dem Feuerwerk der Blicke geblendet. Auf einmal überkam mich eine sonderbare Sicherheit, als ob ich die Natur wechselte. Ich hörte auf, geblendet zu werden; ich blendete. Mein Glanz wurde von allen Augen zurückgeworfen.

Das Leben in frischer Luft, die Gewohnheit zu reiten und zu jagen, das frühe Aufstehen und das zeitige Schlafengehen, das alles hat die rosige Weiße meines Teints und die geschmeidige Bestimmtheit meiner Bewegungen geschaffen. Ich habe die Gewohnheit, mit Anmut zu befehlen, und man gehorcht mir: die Grazie des jungen Mädchens vereinigt sich in mir mit dem Charakter der Frau.

Kurz, ich bin schön, sehr schön: und tief glücklich!

Jugend und Schönheit verachten, weil sie vorübergehen, scheint mir ein trauriger und falscher Gedanke. Verachtet man die Blumen, die doch so vergänglich sind! Warum beim Menschen nicht den Zustand der Blüte und dann den Zustand der Frucht bewundern?

Meine Tante macht dieser Triumph bange um mich. Sie hat alle Predigten, die sie in ihrem Leben gehört hat, wiederholt, um mir vorzureden, was durchaus nicht angebracht ist: „Ich würde nicht immer zwanzig Jahre alt sein, noch einen so frischen Teint besitzen, noch … Das weiß ich wohl. Aber dann wird es süß sein, mich an meine schöne Zeit zu erinnern; mir zu sagen, dass ich schön gewesen bin, wenn ich es nicht mehr bin. Augenblicklich bin ich schön und ich freue mich darüber.

Ich freute mich so naiv, dass ich solche Strahlen warf! Man hat einen ehrwürdigen Geistlichen kommen lassen, damit er mich vor den Hinterhalten der Welt warne. Er hat besser gesprochen als meine Tante, und ich habe ihn ebenso wenig begriffen. Ich bin schön und ich bin glücklich darüber: alle Auseinandersetzungen werden das nicht ändern.

Man behauptet, dass dieses Glück nicht unschuldig sei. Ich lächle allen zu, ich sage nur liebenswürdige Dinge. Die alten Leute sind sehr empfänglich für meine Artigkeiten. Ich gebe Freude, ich empfange Freude, ist das nicht köstlich? Eine Freundin hat mich gefragt, ob ich noch keinen Kavalier bemerkt habe. Ich habe gelacht.

Es wird einige Zeit vergehen, bevor ich jemand anders als mich im Auge des andern sehe. Ich liebe mich zu sehr, um mich mit irgendeinem zu beschäftigen, wer es auch sei.

In der Einsamkeit groß geworden sein, muss einen Menschen anders machen. Ich begreife die Empfindungen meiner Freundinnen nicht, und sie halten sich auf, wenn ich meine ausspreche. Als ich gefragt wurde, welchen von meinen Tänzern ich vorziehe, habe ich geantwortet: den besten.

Die alten Herren gefallen mir besser als die glänzenden Offiziere; die ersten sind dankbar für die geringste Kleinigkeit; die letzten sehen wie Menschenfresser aus, die mit einer Brotkrume fürlieb nehmen und sich zu guter Laune zwingen. Die Geckenhaftigkeit des Mannes ist hässlich und dumm oder tückisch und beunruhigend.

Ich habe mir die Koketterie erklären lassen, und ich frage mich, ob ich kokett bin. Ich will gefallen, und zwar allen, aber ich tue nichts anderes dazu, als dass ich ich selbst bin: ich bin die gleiche wie in Jedlesee, nur mit etwas mehr Toilette.

Erster Dorn an der Rose: die jungen Mädchen, die jungen Frauen, selbst andere, die nicht mehr jung sind, verabscheuen mich, oder vielmehr verabscheuen meine Erfolge. Sie leiden so sehr darunter, dass sie boshaft werden. Man hat mir unglaubliche Äußerungen, unanständige Äußerungen, wirkliche Verleumdungen hinterbracht.

Ich entdecke bei meinen besten Freundinnen einen Neid, der sich nicht immer verbergen kann. Das Glück eines Weibes bildet ein wirkliches Unglück für alle Frauen, die dessen Zeugen sind. Sicher wünschen mir mehrere die Blattern oder einen Unfall, der mich entstellt. Man kann also kein Vergnügen haben, das nicht eine Pein für eine andere wäre, selbst wenn man sich nur über sich freut. Die Koketterie kommt viel weniger aus dem Wunsch, einem Manne zu gefallen, als aus der immer wachen Lust, ihn den andern fortzunehmen.

Ich habe gesehen, wie X einem jungen Manne ihren Handschuh gab, ohne ihn ausgezeichnet zu haben, zu dem einzigen Zweck, ihn von einer Freundin zu befreien. Die Frauen wollen den Mann eher einer andern fort- als für sich nehmen.

Ich habe einen sehr begehrten ungarischen Edelmann, der viele Siege errungen haben soll und für einen Don Juan gilt, gefragt, wie er mit seinem Schnurrbart, den ich sehr lächerlich finde, so viele Frauen habe verführen können. Er hat mir geantwortet: „Ein Mann gefällt allen, sobald es sich darum handelt, ihn der Freundin zu entführen.“ Niemals werde ich so empfinden. Zwei können sich auf demselben Wege treffen, aber ihn einschlagen, weil er schon gewählt ist, wie niedrig!

Ich möchte gefallen unter dem Beifall der andern: deren Verdruss verdirbt mir meine Freude.

Empfinden, dass man für alle, die uns sehen, den kostbarsten Gegenstand dieser Welt vorstellt, welch wundervolles Gefühl!

Erster Heiratsantrag, der mir wie ein abscheulicher Scherz vorgekommen ist! Ein Mann, sehr reich, von großem Einfluss, aber ein Mann, der nicht zu gut wäre für die Geschäfte eines Verwalters von Jedlesee. Ich habe ihn abfahren lassen wie einen schmutzigen Hund, der an ein neues Kleid springt.

Unter vier Augen sind die jungen Leute langweilig. Sie sehen aus wie Verschwörer, die bei jedem Wort ihr Geheimnis verschlucken: ihre gerührten Augen werden dumm, und sie sprechen nur von sich, von dem, was sie fühlen, von dem, was sie denken, von dem, was sie träumen. Und sie streichen sich heraus, sie stellen sich selber ein Zeugnis aus mit einer Überzeugung, die im Handel wertvoll sein würde: kein Käufer könnte ihr widerstehen.

Zu Jedlesee habe ich in alten Büchern geblättert, da ich niemand hatte, mit dem ich sprechen konnte. Ich habe meinem Vater die französischen Autoren, die er leidenschaftlich liebte, vorgelesen; und ich glaube eine bessere Bildung zu besitzen als die Mädchen, die in Wien erzogen sind und die Romane auf Romane verschlungen haben. Diesem Umstand schreibe ich es zu, dass ich an den Duos des Salons wenig Geschmack finden kann.

Neulich Abend hatte ich den Vorhang eines Fensters beiseite geschoben und sah den Schnee in Flocken auf die verlassene Allee fallen. Während das Brausen des Festes mein Ohr liebkoste, hielt ein schöner Dummkopf den Augenblick für günstig, mir zu sagen, was er leide, was er wünsche. Wahrhaftig, die Männer sind unverschämt, sich für interessant zu halten und immer vom Zustande ihres Herzens zu erzählen. Was bedeutet es für mich, dass ein Herrchen etwas später als gewöhnlich eingeschlafen ist, weil er an mich gedacht hat, oder dass er durch diesen selben Gedanken eine Gewohnheit oder ein Geschäft versäumt hat? Was bedeutet das für mich?

Die Künstler wissen zu schmeicheln. Ein Maler hat mir meine ganze „plastische Familie“, wie er sich ausdrückte, angegeben: ich habe eine Schwester in Amiens, Kusinen in Chartres, eine Tante in Basel, und meine Verwandten sind alle heilige Personen, in Stein gehauen und Portale bewohnend. Er nennt mich „Trecenta“, um zu sagen, dass meine Schönheit den Charakter des vierzehnten Jahrhunderts hat; dass sie priesterlich, engelhaft, architektonisch und besonders magisch ist!

Der Polizeipräsident, der meiner Tante verpflichtet ist, hat uns als Zerstreuung vorgeschlagen, zu einer Zigeunerin zu gehen, die eben wegen Diebstahls ein Jahr abgesessen hat. Diese Frau, die herrliche Augen hat, mager ist und schmutzig aussieht, hat mich mit tiefer Aufmerksamkeit betrachtet. Sie hat mir geweissagt, ich würde unglücklich in der Ehe sein, es würde jemand meinetwegen sterben, ich würde ein Leben des Umherirrens führen. Ich habe über ihre Weissagung gelacht, und alle haben mit mir gelacht.

Meine Tante hat sich in den Kopf gesetzt, mich mit einem jungen Offizier von großem Namen und einer schönen Zukunft zu verheiraten; ich habe die Dinge eine Weile gehen lassen, und auf einmal habe ich erklärt, ich wünsche nicht, dass man für mich wählt, noch dass man mir eine Partie vorschlägt; die Rolle der Familie beginne nach meiner Ansicht erst, wenn das junge Mädchen eine Neigung gestanden hat. Für mich ist dieser Tag noch sehr fern; ich will mich an meiner Schönheit freuen, ohne mich gegen Heiratsanträge verteidigen zu müssen.

Es ist jetzt der zweite Winter, in dem ich in den Wiener Salons tanze, und wenn ich auch ebenso schön bin – oder noch schöner, wie die Leute sagen – so bin ich doch weniger glücklich. Sehr tief empfinde ich die Bosheit der Frauen und die Albernheit der Männer; zwischen denen, die mich beneiden, und denen, die mich langweilen, finde ich oft die Nacht lang und die Rückkehr düster.

Meine Jugendlichkeit, die durch meine Aufgabe als Krankenpflegerin zurückgehalten war, hat sich zuerst frei getummelt. Jetzt glaube ich ins Theater zu gehen, um dasselbe Stück zu sehen. Trotzdem ich immer, wie man sagt, die Königin des Balles bin, sehe ich an jedem Abend den Augenblick voraus, wo ich mich langweilen werde, falls ich nicht, wie meine guten Freundinnen, Intrigen anzetteln und Bosheiten aushecken will.

Ein Triumfeminat ist von mir und zwei Freundinnen gebildet worden. Wir sind beinahe vom selben Alter, vom selben Vermögen, ich möchte fast sagen, von derselben Schönheit, wenn ich mich nicht vorzöge, und wenn man mich nicht vorzöge.

Ohne etwas anderes darin zu suchen als ein Vergnügen, fühle ich bei meinen Freundinnen einen Wetteifer, der wahrhaft erstaunlich ist, weil er keinen Grund hat. Wenn unvermutet ein Mann dazwischen käme, ich weiß nicht, wessen jede fähig wäre aus Neid. Warum bildet fremdes Glück das Unglück für die meisten? Ohne diese Vergleiche würden sich alle bescheiden.

Graf Wilhelm ist der schönste Offizier von Wien, ein Herzenbrecher, ein Verschwender. Er kommt von einer kleinen Garnison zurück, wohin man ihn zur Strafe geschickt hatte, weil er etwas zu tolle Streiche machte. Man erzählt von ihm abscheuliche Dinge; doch stellt er die andern Männer so in Schatten, dass die Geschichten vielleicht zum Teil Verleumdungen sind.

Nachdem er uns einige Minuten betrachtet und beurteilt hat, ist er gekommen, um sich vorzustellen, und hat mir die schmeichelhafteste Huldigung gewidmet. Meine beiden Freundinnen bissen sich die Lippen vor Ärger, und ihre Blicke hatten einen so bösen Glanz, dass ich traurig wurde.

Graf Wilhelm findet sich überall ein, wohin ich gehe, und legt sich mir zu Füssen, wie man sagt, indem er eine Demut vorgibt, die von der ungezwungenen Haltung absticht, wie er sie den andern Damen gegenüber zeigt. Er ist der erste, der mir zu schmeicheln und mich für die Wahl eines Einzigen empfänglich zu machen weiß.

Meine beiden Freundinnen werden die Gelbsucht haben, bevor ein Monat vergeht, wenn sie sich nicht dem Grafen an den Hals werfen, um mir ihn abspenstig zu machen.

Meine Tante hat mir sehr hässliche Dinge über Wilhelm erzählt. Wenn das wahr ist, so ist er ein Wüstling, ein Spieler, ein Trinker …

Wilhelm hat mit mir gesprochen, in den kurzen Pausen zwischen zwei Tänzen. Er ist nicht gebildet, aber er hat einen reizenden Takt und findet angenehme Worte. Er macht sich schüchtern, fast kindlich, und niemals spricht er von sich oder von seinen Liebesleiden; er beklagt sich nicht über meine Kälte, erstaunt nicht über meine Zurückhaltung wie die andern. Kurz, es ist der vollendetste Kavalier, den ich noch getroffen habe.

Wilhelm ist ganz ungebildet. Er versteht nur die Kunst, gut zu sagen, was für jeden passt; das muss die Kunst von Versailles sein. Welch vollkommener Schmeichler! Aber er ist nicht fade. In seinen Bewegungen, in seinen klaren Augen, auf seinen dünnen und gebieterischen Lippen ist etwas Wildes und fast Beunruhigendes: er ist eine große Katze.

Ich habe ihm gesagt, in welchem abscheulichen Ruf er steht. Er hat mir nur geantwortet: „Ich gehöre zu denen, die nichts taugen, und die, sich selber überlassen, zum Teufel gehen; wenn aber ein Engel geruhte, mir ein Zeichen zu geben, würde ich zu Gott gehen.“ Ich habe nichts gefunden, was ich ihm hätte antworten können, und unsere Unterhaltung über diesen Punkt ist dabei stehen geblieben.

Wilhelm weist die Koketterien meiner beiden Freundinnen, die wirkliche Feindinnen geworden sind, mit Verachtung zurück. Die eine hat mich gefragt, ob ich Wilhelm heiraten wolle; als ich lebhaft verneinte, sagte sie: „Nun, ich werde mich nicht bedenken, in deine Fußstapfen zu treten, denn ich bin bereit, ihm meine Hand zu geben.“

Ihre Familie würde sich dagegen auflehnen, aber ich muss ihr dankbar sein für ihre Absicht, die gut ist wie Frauenfreundschaft.

Man hat auf meine Tante eingewirkt. Sie grollt mir etwas, weil ich ihren Freier trocken und entschieden abgelehnt habe, und sie hat mir ebenso trocken angekündigt, die häufigen Besuche des Grafen Wilhelm kompromittierten mich; ich müsse ihm ein so saures Gesicht machen, dass er nicht wiederkäme. Um ihr Gebot zu unterstützen, hat sie einen glaubwürdigen Verwandten zu Hilfe gerufen; und wahrhaftig, ich müsste närrisch sein, wenn ich solche Enthüllungen übersehen wollte. Närrisch oder verliebt? Und Gott weiß, wenn ich mich selber auch nicht mehr so wie früher liebe: ich liebe niemanden. Wilhelm nicht mehr als einen andern.

Warum fühlt sich eine schamhafte Seele gegen ihren Willen zu einer ganz anders gearteten Seele hingezogen? Kann ein junges Mädchen, das wirklich rein ist, von einem lasterhaften Manne träumen? Allerdings ist die Liebe so mächtig, dass sie reinigt, was sie berührt, wie die heiligen Frauen den Drachen Halfter aus ihrem Gürtel machen und sie so am Zügel führen.

Ich bin sehr würdevoll gewesen, glaube ich. Ich habe ungefähr so gesprochen:

„Ihr Ruf ist von der Art, dass ein junges Mädchen Ihre Aufmerksamkeiten nicht annehmen kann, ohne sich zu schaden: aus unzweifelhaften Zeugnissen geht hervor, dass keine Familie Sie aufnehmen würde. Man sagt sogar, dass Ihre Seufzer um mich davon veranlasst werden, dass ich Waise bin, dass ich Vermögen besitze, dass Sie mich zu einem unüberlegten Streich verleiten wollen.“

Er ist bleich geworden und hat die Augen niedergeschlagen.

„Mein Fräulein, wenn Sie mich angeklagt haben, so habe ich mich nie verteidigt. Was bedeutet es, ob meine Unwürdigkeit etwas größer oder geringer ist. Ich bin Ihrer unwürdig, das weiß ich. Aber der größte Ungläubige hat das Recht, von Besserung, von Bekehrung zu träumen. Ich habe den Traum gehabt, mich durch Sie, für Sie umzuschaffen: der Teufel oder der Verdammte hat gewagt, das Auge zu dem Engel zu erheben, und der Engel hat seinem reinen Wesen gehorcht und den Verwünschten in die alte Sünde zurückgestoßen.“

Er hat mich verlassen. Ich dachte, er würde sich über sein Missgeschick trösten bei meinen Freundinnen, die bereit sind, ihn aufzunehmen. Er ist fortgegangen, und ich habe bald meinen Wagen verlangt.

Ein Freund von Wilhelm ist gekommen, um mir mit traurigem Gesicht über gleichgültige Dinge zu sprechen, ohne auf Wilhelm anzuspielen. Ich, ich habe gesagt:

„Ich bin wirklich beleidigt, ein Vorwand für schlechten Wandel zu sein. Graf Wilhelm sagt allen, dass er ein abscheuliches Leben führe, um mich zu vergessen, und ich werde von der öffentlichen Meinung für seine Verfehlungen verantwortlich gemacht.

Ist das ein Anschlag? Sollte er aufrichtig sein? Was soll ich glauben? Wen soll ich um Rat fragen? Und dann, zu welchem Zweck? Mein Herz sagt eines, meine Vernunft sagt etwas anderes.“

Ich komme ganz verwirrt aus einer Vorstellung des „Tannhäuser“: ich habe mich unter den Zügen der Elisabeth wiedererkannt, ich habe Wilhelm unter denen des Helden gesehen. Als der Minnesänger ausruft: „Ich such’ den Weg zum Venusberg“, hat mir das Herz in der Brust geschlagen. Hätte ich Wilhelm am Ausgang getroffen, ich hätte ihm die Hand gereicht. In der Tat rettet Elisabeth nicht Tannhäuser, sondern seine Seele: und ich sollte mich für die Rettung Wilhelms opfern? Elisabeth ist eine Heilige, und ich bin eine Frau! Ein Weib! Ich will mir das unaufhörlich wiederholen, um nicht mehr zu versuchen, als ich kann.

Ich treffe den Grafen Wilhelm nicht mehr. Die einen behaupten, ich habe ihn zur Verzweiflung gebracht; die anderen, er verbringe seine Zeit in den Abgründen von Wien. Wer sagt die Wahrheit?

Seine Abwesenheit wirkt anders auf mich als seine Gegenwart: er beschäftigt meine Gedanken mehr, als ich wünsche, und macht mir Gewissensbisse, ja, Gewissensbisse. Für diesen Mann, der jung, schön und tapfer ist, war ich vielleicht wirklich der leuchtende Stern, der leitet und der rettet.

Ein Wort, im Augenblick seiner größten Bedeutung gesagt, wirkt ebenso sehr wie eine tolle Handlung: ein Wort rettet oder tötet, ein Wort entscheidet über ein Leben, ein Wort kettet oder löst zwei Schicksale.

Wilhelm verbringt seine Zeit in den schlimmsten Spelunken Wiens mit den schlechtesten Offizieren. Jemand hat mir gesagt: „Einst führte ein Liebeskummer ins Kloster, jetzt führt er in die Kneipe.“ Ich wäre also verhängnisvoll für diesen Unglücklichen gewesen. Er hat den Engel getroffen, und der Engel hat ihn zurückgestoßen. Was hätte ein wirklicher Engel getan? Der Engel ist das Wesen, das rettet, und nicht, das sich rettet. Doch der Engel kann durch den Sünder nicht verdorben werden, wohl aber das Weib …

Der, den ich Wolfram nenne, obwohl er nichts von der Milde des Minnesängers besitzt, hat mir gesagt:

„Wilhelm ist in Verzweiflung, wenn er denkt, dass er durch sein Betragen Ihre gute Meinung einbüßt. Geben Sie ihm den Befehl, sich zu bessern, und die Erlaubnis, wieder in der Gesellschaft zu erscheinen, und er wird Ihnen gehorchen.“

Ich habe nicht geantwortet. Dadurch hätte ich mich etwas gebunden, und ich fühle, dass künftig alles von Bedeutung sein wird zwischen diesem Tannhäuser und mir.

Man müsste sich von seinesgleichen angezogen fühlen. Das würde logisch sein! Wie kommt es, dass die frömmsten Frauen, im guten Sinne gemeint, Wilhelm ein besonderes Wohlwollen bezeigen? Sie haben eine Art zu sagen, „er ist ein schrecklicher Mensch“, die das gerade Gegenteil bedeutet.

Während ich erschrecke, empfinde ich Sympathie für diesen abscheulichen Menschen; und ich muss es mir immer wieder sagen, dass er abscheulich ist, um mir nicht zu gestehen, dass er sehr liebenswürdig sein kann.

Von allen, die ich gesehen habe, den berühmten Komponisten nicht ausgenommen, hat mir niemand so gefallen wie dieser abscheuliche Lebemann; und wenn ich mich genau prüfe, muss ich mir gestehen: ohne seinen schlechten Ruf, den er leider nur zu sehr verdient, hätte ich ihn gewählt.

Aber wie mir schmeicheln, dass ich seine Natur ändern, einen so lasterhaften Menschen in einen treuen Gatten verwandeln kann? Es hieße Gott versuchen, mir eine solche Macht zuzutrauen!

Ich möchte in der Geschichte Beispiele aufsuchen, wie Wüstlinge durch ihre Frauen bekehrt worden sind. In welchem Buch würde ich die finden? Man hat die Bekehrungen des Glaubens erzählt, aber nicht die der Liebe. Gegeben hat es doch solche.

Bin ich schön genug, so schön, wie nötig ist, um einen Mann, der die verkörperte Untreue und das Muster des Lasters ist, treu und musterhaft zu machen? Trotz der guten Meinung, die ich von mir habe, zögere ich, ja zu antworten.

Ich habe ihn wiedergesehen; seine Blässe bewegte mich sehr. Wilhelm schien eine Verzeihung zu erbitten, die meine zu aufrichtigen Augen ihm nicht versagten. Wir haben nur einige kurze Worte gewechselt, die an sich gewöhnlich waren und doch vor Erregung zitterten.

Bin ich verwirrt gewesen? Ich glaube, in seinen Augen mehr Hoffnung leuchten gesehen zu haben, als ihm zukam.

Da ich mich nicht mehr an meine Haltung erinnere, kann ich seine nicht beurteilen.

O wie furchtbar ist das Gefühl, sobald es sich belebt! Man kann nichts mehr unterscheiden, weil in der Seele zu viel vorgeht, das alles für sich in Anspruch nimmt.

Ich will diesen Handel ohne Ende, in dem mein Wille von Tag zu Tag schwächer wird, abbrechen. Ich werde nach Jedlesee gehen. Auch sind es fast zwei Jahre her, dass ich nicht dort gewesen bin, und ich muss dorthin, um nach meinen Gütern zu sehen.

Dort werde ich den Frieden wiederfinden und aufhören, an diesen unverbesserlichen Don Juan zu denken, der nicht das Herz eines jungen Mädchens verdient.

Wie habe ich bis zum zwanzigsten Jahre in Jedlesee leben können? Jetzt, wo ich die Welt kenne, würde ich mich für eine Verbannte, Verdammte halten. Und doch würde diese Einsamkeit mit einem lieben Menschen das Paradies sein.

Mit verhängten Zügeln durch den Wald reiten, ist meine große Lust: aber mir folgt ein Gespenst … Ach, die Hexe von Wien hatte vielleicht recht: ich werde unglücklich in der Liebe sein.

Es ist eine furchtbare Bestürmung, die zugleich unsere Schwäche wie unsere Tugenden belagert.

Wilhelm gefällt mir, Wilhelm verdient, dass man ihn rette. Ich muss sowohl meiner Neigung wie der Stimme der Barmherzigkeit widerstehen: ich werde zu gleicher Zeit durch den Teufel wie durch die Engel versucht. Denn schließlich würde es ein schönes Schicksal sein: zu reinigen, zu retten; aber wenn ich in meinem Wunsch scheitere, wenn ich meinen Eifer vergebens verschwende, in welchen Abgrund von Leiden werde ich fallen? Niemand habe ich, dem ich mich anvertrauen könnte.

Diese unfruchtbare, niederdrückende Träumerei werde ich nur durch eine entscheidende Handlung los werden. Ich muss mich verheiraten. Aber jedesmal, wenn ich an jemanden denke, der jede wünschenswerte Würde besitzt, die Wilhelm fehlt, entdecke ich, dass ihm alles fehlt, was Wilhelm besitzt; ich möchte es „Liebenswürdigkeit“ nennen, indem ich das Wort erhöhe; es ist diese unbestimmte Eigenschaft, die zwischen den Tugenden und den Lastern liegt und sich aus gewissen Tugenden und gewissen Fehlern zusammensetzt.

Tannhäuser ist weder tapferer noch mehr Dichter als die anderen ritterlichen Sänger — warum ist er allein imstande, Elisabeth zu entzücken? Warum? Scheint nicht Wolfram, der milde, weise Wolfram, der ideale Gatte zu sein, besonders für eine heilige Seele? Wie kann ich von Wilhelm angezogen werden, wenn nicht durch ein dunkles Bewusstsein, dass meine Reinheit der Erlösung eines Sünders dienen muss? Sollte es die Vorsehung sein, die will, dass das Mitleid des reinen Wesens dem unreinen gegenüber erwacht, und dass die Liebe eine Erlösung wird?

Während ich gegen meinen Willen an ihn denke, die Frage meines Schicksals hin und her wende, ohne sie beantworten zu können, was macht er, mein Tannhäuser? Dieser dreiste Galan, von dem ich Züge der Keckheit kenne, versucht nicht einmal mir zu schreiben. Er muss wissen, dass ich allein in Jedlesee bin. Ist das Respekt oder hat er vergessen? Was soll man für Vermutungen hegen über einen Mann, dem es in den Spelunken gefällt? Und gegen welche niedrigen Gewohnheiten müsste seine Gattin ankämpfen?

Nein, eine törichte Hoffnung, diesen Teufel aus seiner Hölle befreien zu können! Möge er darin lästern und darin untergehen!

Ich würde mich verderben, ohne ihn zu retten.

Eine Illusion des Stolzes hat mir das Urteil gefälscht: ich bin nur ein liebendes Mädchen und keine Heldin, keine Heilige!

Ich werde nicht mehr an Wilhelm denken, und ich werde mich umsehen, den weisen und milden Wolfram zu entdecken, meinen wahren Gatten.

Wäre eine Kugel mir am Ohr vorbeigepfiffen, hätte sich eine Viper unter meinem Schritt erhoben, ich hätte nicht den Schauder empfunden, den mir dieser kurze Brief verursacht hat:

Meine liebe Margarethe, ich schreibe Dir nur wenig Worte, so wichtig ist die Neuigkeit: das Mitglied unseres Triumfeminats, die sanfte Josepha, wird Wilhelm heiraten, den berüchtigten Wilhelm, Deinen Wilhelm. Sie hat — ich kann mir nicht erklären, wie — die Einwilligung ihrer Familie erhalten. Ich weiß nicht, was Du in der Einöde machen kannst, während dieses unbestimmten Frühlings, der das gesellschaftliche Leben noch fluten lässt. Komm lieber zurück. Deine Freundin und Kameradin.

Warum kann ich diesen Brief kaum für mein Tagebuch abschreiben? Leider sehe ich klarer, als mir lieb ist, in meinem Herzen. Der Gedanke, dass eine andere Wilhelms Frau werden soll, verursacht mir einen so unerträglichen Schmerz, dass er körperlich wird! Warum mich mit Worten, Redensarten, Fragen, Ausrufen abspeisen! Ich liebe den Grafen Wilhelm. Mein Leben als junges Mädchen ist mit diesem Augenblick zu Ende. Kann eine Frau sagen, dass sie ihre Adler fliegen lässt, oder müsste man besser schreiben: ihre Tauben?

Meine Jugend, meine Schönheit, meine Freiheit, mein Vermögen will ich in unreine Hände legen, in liederliche Hände, in schuldige Hände; und wenn diese Hände sich nicht durch meine Jugend, meine Schönheit, meine Freiheit, mein Vermögen reinigen lassen, werde ich auf einmal alt, hässlich, Sklavin, arm sein.

Mein Entschluss erstarrt: ich glaube mich in ein spitzes Messer zu stürzen, in einen Abgrund zu werfen, einer Woge auszuliefern, die mich ins Unbekannte und in die Gefahr zieht. Ich habe Furcht vor meiner Entscheidung und gebe einer unwiderstehlichen Bezauberung nach.

Ich berausche mich an meiner Unvernunft, und dieses Wagnis scheint mir der einzige Weg, auf dem ich mich selbst finden muss.

Ich habe gut überlegt: der Gedanke, dass er der Gatte einer andern geworden, würde mich vor Schmerz aufschreien lassen. Ich bin nicht mehr Herrin meines Schicksals. Wenn ich nur an ihn denke, habe ich ihn in meinen Adern. Wären wir im Mittelalter, glaubte ich, ich hätten einen Liebestrank getrunken, oder man habe mich verzaubert.

Meine Ahnungen sind düster: ich sehe einen Abgrund und gehe darauf zu: am Rande werde ich nicht zurückweichen. Gott wird Mitleid mit mir haben!

Ich Unglückliche, ich werde den Trost haben, eine Heldin gewesen zu sein, alles für meinen Traum hingegeben zu haben.

Gott sei mir gnädig: ich werde Wilhelm heiraten. Es stand geschrieben.

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Der junge Mann schloss das Album. Er war über diese, für ihn so neue Art zu empfinden, so erstaunt, dass er die Aufrichtigkeit nicht bewunderte.

Diese Folge der Gefühle: Leichtfertigkeit, Träumerei, Eifersucht, erregte ihn nicht.

Das Parfüm des Täschchens, das jetzt das Zimmer erfüllte, und die Erinnerung an die ungewöhnliche Silhouette beschäftigten ihn mehr als diese seltsamen Aufzeichnungen.

Er suchte sich eine Ansicht über die Weiblichkeit zu bilden, gab es aber auf, sie zu formulieren. Er kannte die Frau der Pflicht, wie das Herkommen und der Druck der Provinz sie formen; er vermutete, dass es andere gibt, die gemein und albern sind, Geschöpfe des Auswurfs, furchtbar vielleicht, wie die Zeitungen sie zeigen, aber ohne Reiz für einen jungen Mann seiner Art, der zugleich unschuldig wie gut erzogen war.

Er fasste die Frau als Familienwesen auf: Mutter, Schwester, Gattin, als Gegenstand eines zärtlichen und vertraulichen Kultes; außerdem als Verkörperung der Sünde, in einer vagen Form, ähnlich dem Spiel, dem Rausch. Der erste beinahe heilige Typus verband sich mit allen Formen der Verehrung, und der zweite hob sich vom Hintergrund der Kneipe ab, mit deren Flaschen und Karten.

Ein schönes Ergebnis der Erziehung, dass er die Liebelei als eine Täuschung verachtete. Welcher Trug, dass das Glück in schlechter Gesellschaft zu finden sei, unter allen möglichen Gefahren und bei Frauen, die doppelt gemein sind, durch ihren Ursprung wie ihre Lebensart! Das junge Mädchen wieder erschien ihm als eine Gelegenheit, sein ganzes Leben zu verpfuschen; die Verantwortung, welche die Verführung mit sich bringt, und ihre pekuniären oder tragischen Folgen genügten, um ihm von Fabrik- oder Ladenmädchen abzuraten. Und den Ehebruch, der Evangelium, Gesetz und Zartgefühl verletzt, hielt er für ein Attentat auf den Besitz, für eine Form des Diebstahls.