Una cum uno - Sâr Joséphin Péladan - E-Book

Una cum uno E-Book

Sâr Joséphin Péladan

0,0

Beschreibung

Péladans Sympathie gehört der Jugend, ihrer Leidenschaft und ihrem Irrtum. Seine Gestalten sind deshalb immer mit intensivem Erleben ausgestattet. Leiden ist dabei unvermeidbar, doch vermag der Dichter auch darüber noch jenen Schimmer von berührender Schönheit zu legen. Seine Romane sind ein Tribut an eine Traurigkeit, die es zu überwinden gilt, die es zu erhöhen und mitunter auch zu verklären gilt oder die durchlitten werden muss. Mit geistreicher Sprache und Gleichnissen voller Lebensweisheit treibt Péladan die Entwicklung des begabten Malers Eragny voran. Die Auftraggeberin seines ersten großen Werkes ist ihm nicht nur Modell, sondern offenbart sich bald auch als kunstversierte Lehrerin und Muse. Nach und nach überschreiten Gefühle ihre klaren Grenzen und die beiden jungen Menschen gestehen einander ihre Liebe, wobei die Einzige sich dem Einzigen auf ewig verbunden sieht. In reinster Absicht werden gemeinsame Pläne geschmiedet, doch auch solche prüft das Schicksal mit seinen Hürden und Missverständnissen. Ein Künstlerroman aus dem Milieu, das Péladan bestens kannte, immerhin hat sein Pariser Salon de la Rose-Croix der 1890er-Jahre Hunderte von Künstlern, Schriftstellern und Musikern betreut. Péladan spricht sich gegen den Materialismus und Atheismus seiner Zeit aus und begründet es mit dem Glauben an ein Menschsein, das veredelt werden kann. Alle seine Romane treten aus der Sphäre der Konfrontation aus und sind dennoch rational und analytisch. Schuld und Unschuld gepaart mit Freiheit und Notwendigkeit werden dabei nicht zum Verhängnis, sondern zum Moment von Befreiung. Versehen mit einem Nachwort von Wolfram Frietsch: "Joséphin Péladan ein Grenzüberschreiter"

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



INHALT

Eine Familie

Heilige und weltliche Gespräche

Eine Jungfrau

Ein Jüngling

Verwandtschaften

Vor der Staffelei

Die empfindsame Schönheit

Kunst und Liebe

Erste Trunkenheit

Scham und Klugheit

Über das Verlangen

Liebeserklärungen

Die Liebe in den Ruinen

Die Maske

Entwicklung

Abendkuss

Die Kapelle

Genießen und Verzichten

Der andere Morgen

Die sieben Nächte

Vereinsamung

Eifer

Jähzorn

La Pia

Das Feuer der Kapelle

Frau Becherel

Die Macht der Vergangenheit

Die zweite Kapelle

In Meudon

Die Zeitungsnachricht

Genesung

Die Amerikanerin

Das Ende der Pflichten

Der Tod

Gouvenel

Sühne

Nachwort von Wolfram Frietsch:

Freiheit und Weite – Joséphin Péladan ein Grenzüberschreiter

UNA CUM UNO

EINE FAMILIE

Das Bedenken hat fromme Seelen

zur Verzweiflung gebracht;

es lähmt den besten Willen;

und doch welch anderes Zeichen

offenbart uns so die Köstlichkeit der Seele?

Wo ist Colette?“, fragte Herr La Fresnais, in den Speisesaal tretend, wo seine Frau frisch geschnittene Blumen über die „Tafel verteilte.

„Wo soll sie sein, wenn nicht in ihrer Kapelle!“

Der bittere Ton deutete auf ein oft erörtertes Thema.

Sehr groß, trotz seinen achtundsechzig Jahren schlank, das Auge offen und klar, den gewichsten Schnurrbart in waagerechte Spitzen ausgezogen, verkörperte der Oberst La Fresnais den militärischen Typus des zweiten Kaiserreiches, auch in seinem Anzuge aus weißem Leinen, unter dem eingedrückten Panama.

Dünn, hager, sehr vornehm, aber etwas steif, hatte Frau La Fresnais, die ein kokettes Weltkind gewesen, als ihr Mann ein tapferer Mädchenjäger war, nach 1871, als der Oberst seinen Abschied nahm, um auf dem Schlosse Trigolay in der Bretagne zu leben, eine beschränkte Frömmigkeit angenommen.

La Fresnais, ein einfacher Geist, gerade und bestimmt, ließ in gewissen Punkten nicht mit sich reden, während ihm alle andern ziemlich gleichgültig waren. Er liebte seine Tochter mit einer Zärtlichkeit, die liebreich, ja verliebt war. Diese Liebe brachte aber die Mutter auf: die wollte das Richteramt der Familie mit Strenge üben. Gegen den fröhlichen und lebhaften Mann jedoch wagte sie selten aufzutreten; er war gewöhnlich recht milde, aber auch im Stande, Braten, Tisch und Tischgenossen zum Fenster hinauszuwerfen.

„Du würdest es nicht wagen, unsere Tochter in ihrer geheimnisvollen Einsamkeit zu stören?“, fing sie wieder an.

Der alte Offizier begann das Mützensignal zu pfeifen: ein Zeichen, dass sich seine Stimmung änderte.

„Ich höre, sagte sie, und ich würde am liebsten schweigen; doch es handelt sich um das Glück unseres Kindes. Ich kann meine Angst nicht verbergen. Höre mich drei Minuten an!“

Er verließ das Fenster, an das er trommelte, und pflanzte sich vor seiner Frau auf, einem Hahne gleich, der sich auf seinen Sporen aufrichtet.

„Gut! Ich werde dich drei Minuten anhören, und ich werde dir dann in derselben Zeit antworten.“

Frau La Fresnais setzte sich, richtete den Oberkörper auf und begann, als habe sie ihre Rede vorbereitet.

„Colette ist fünfundzwanzig; sie müsste verheiratet sein. Sie weist die Freier ab, ohne dass man entdecken könnte, warum. Wenn sie zu den ruhigen Mädchen, die wenig Phantasie haben, gehörte, würden meine Besorgnisse geringer sein. Sie dagegen nährt sich von Gedichten und Romanen; ihr Leben teilt sich in Monate der Zerstreuung, die sie zu Paris bei deiner Schwester in zu großer Freiheit verbringt, und in schweigsame, geheimnisvolle Zeiten, die sie mehr in ihrer sogenannten „Kapelle“ verlebt als bei uns. Diese Verhältnisse sind nicht dazu angetan, ein junges Mädchen zu erziehen, und erinnern mich an meine Pflicht als Mutter. Du weißt es ebenso wenig wie ich, was sie in ihrem Turm verbirgt. Was tut sie während der Zeit, die sie dort verbringt? Du kennst den Seelenzustand deiner Tochter gar nicht, und das ist unklug. Man muss dieses Geheimnis durchdringen, zu ihrem Besten, für unsere Frieden.“

Das rötliche Gesicht des Obersten färbte sich dunkler; einen Augenblick schwieg er, dann sagte er mit kräftiger und beherrschter Stimme:

„Meine liebe Eugenie, ich habe zu lange gelebt, um wie ein Einfaltspinsel meine Tochter zu fragen, warum sie einen Mann ablehnt. Ob es die Form seiner Nase ist oder die Natur seines Geistes, bedeutet wenig! Sie liest, was ihr gefällt, weil ich sie auf diesem Gebiete nicht beraten kann, und weil du ihr langweilige Bücher aufdrängen würdest. Als ich meinen Abschied nahm, habe ich nicht gedacht, gleichzeitig ein junges Mädchen zu verabschieden, das sein Leben noch zu leben und zu gestalten hat. Nicht die Leute aus der Umgegend, unsere gewöhnlichen Gäste, werden Colette gefallen: die passen zu uns, zu dir und mir, aber nicht zu ihr. Du willst durchaus nicht sehen, dass Colette uns überlegen ist, wirklich überlegen, weil sie denkt und sich begeistert. Nur in Paris wird sie Schuhwerk für ihren Fuß finden. Deshalb muss sie alle Jahre dorthin gehen, falls sie nicht auf die Ehe verzichten will; und auch um nicht zu verdummen, wie auf dem Lande jeder tut. Was diesen Turm angeht, zu dem sie allein den Schlüssel hat und in den niemand eindringen darf, so weißt du, unter welchen Umständen ich ihrer Bitte nachgegeben habe. Sie war sehr krank: ich hätte ihr Mond und Sterne versprochen. Ich habe ihr mein Ehrenwort als Offizier geben müssen, dass ihr dieser Winkel der Einsamkeit niemals streitig gemacht wird; und um mein Wort zu halten, würde ich, ohne zu zögern, dieses Schloss, dich und mich in die Luft sprengen.“

Er machte auf den Hacken kehrt und fiel in einen taktmäßigen schweren Schritt, der auf dem alten eichenen Parkett widerhallte, als habe er Reitstiefel mit klingenden Sporen an.

„Du bist ein verliebter Vater, hast aber nicht das wirkliche Interesse deines Kindes im Auge.“

Mit schroffer und harter Stimme rief er:

„Dein Abbé Crespierres ist nur ein Gehilfe, ein Hund der Nachbarschaft, ein kleiner Tyrann der Sakristei. In Coulageon herrschte er über die Fräulein von Kérouan, und er bemüht sich jetzt, hier festen Fuß zu fassen. Er hat dich für seine Albernheiten gewonnen; er treibt dich gegen mich, er hetzt dich gegen Colette; er soll sich hüten! Ich habe in Algier Marabuts durchgeprügelt, die mehr wert waren als er. Warne ihn: er soll mir die Sorge für meine Tochter überlassen, sonst werde ich ihn durchhauen, so wahr ich dein Gatte bin.“

„Mein Gott! Wenn dich die Dienstboten hören!“, rief sie.

„Warum nicht! Sie denken doch nicht, dass der Herr Pfarrer hier Einfluss hat?“

„Er hat den ganzen, über den ich verfüge!“, erwiderte sie.

„Du verfügst nur über dich selbst. Sei fromm; nimm Crespierres zum Führer, wenn es dir gefällt. Beobachte den Freitag, ja den Sonnabend, faste an den Vorabenden der Feste. Colette aber braucht nicht einmal zu wissen, dass ein Crespierres auf der Welt ist.“

Und er machte eine Gebärde, die man mit „Zurück!“ übersetzen konnte.

Gewöhnlich milde und lächelnd, wurde La Fresnais wieder Soldat, sobald man ihn reizte.

„Hätte ich deinen heftigen Zorn vorausgesehen, würde ich diesen armen Pfarrer nicht eingeladen haben.“

„Im Gegenteil, er hat sich dir gegenüber aufgespielt, er hat dir versprochen, dieses aufzuklären, jenes zu ergründen; ich freue mich, dass dieser Muckerhirt meiner Tochter gegenübertritt; wenn er nicht dümmer ist als sein Beffchen, wird er selbst bemerken, dass ihm wirklich viel fehlt, um ihr die Stirn bieten zu können.“

Frau La Fresnais wurde unwillig:

„Du willst erlauben, dass ein junges Mädchen ihrem Pfarrer die Stirn bietet, du, der Mann der Disziplin!“

„Es ist seine Sache, Colette die Stirn zu bieten, sie zu überzeugen. Die Disziplin der Seele beschränkt sich nicht auf die einfachen Formeln der Bataillonsschule. Man kann nicht vorschreiben, den kleinen Finger auf die Naht des Kleides zu legen, noch die Augen fünfzehn Schritte voraus zu schicken. Es gibt Regeln, wie man die Menschen in den Tod führt; es gibt keine, wie man die Seelen zum Glück führt! Die Anmaßung eines Priesters, eine innere Vorschrift aufdrängen, dem Gewissen befehlen zu wollen, scheint mir vermessen. Wer Gehorsam verlangt, muss dazu befugt sein: diese Befugnis fehlt uns beiden Colette gegenüber. Wenn ich wüsste, wie ich ihr ein glückliches Leben sichern könnte, selbst wenn ich sie dazu zwingen müsste, würde ich bestimmter auftreten als selbst du. So aber suche ich meine Pflicht zu tun, und ich finde richtig, was ich getan habe. Sie liebt die Lektüre, die Einsamkeit; ich lasse sie in ihrem Turm allein sein, in den niemand eindringen darf. Ich wünsche, dass sie sich verheiratet, und ich schicke sie zu meiner Schwester, damit sie einige Monate in der einzigen Umgebung verbringt, in der sie einen Mann finden kann. Würde sie einen besseren Weg zum Glück einschlagen, wenn sie an deiner Seite stickte und nähte, wenn ihr die groben Männer der benachbarten Güter gefielen?“

Frau La Fresnais machte sich die Ruhe, die ihr Gatte zeigte, zu Nutzen, um auf ihre Idee zurückzukommen.

„Ich gebe zu, dass wir beide Colette nicht zu leiten wissen, und dass wir sie ihrem natürlichen Hang folgen lassen; beobachten wir aber mit Aufmerksamkeit, wie sie sich entwickelt, und bemühen wir uns, sie zu begreifen. Sie lehnt sowohl die Werbung des Dr. Lardier, eines jungen Gelehrten, ab wie die des Marquis d’Andillac, eines schönen jungen Mannes; was will sie denn?

Lieben will sie, Frau! Das ist leicht zu begreifen; und da man nicht aus einem bestimmten Grunde liebt, sondern wegen hundert kleiner Züge, die mit Worten nicht wiederzugeben sind, werden wir nicht wissen, warum sie einen Freier ablehnt, bis sie einen annimmt.“

„Wenn man sagt, dass die Liebe blind ist, drückt man schlecht die Torheit aus, die in den leidenschaftlichen Ehen vorherrscht. Zur Blindheit muss man einen Wahnsinn fügen! Ein Blinder tastet sich mit Klugheit vorwärts, die Liebe stürzt sich ins Leere.“

„Ich sage nicht, dass ich meinen Segen zu jeder Verbindung geben werde, die Colette wünscht; aber ich werde mein Urteil nicht ihrem unterlegen, weil mein Urteil nicht sicher ist und weil man sehr wohl ihr gefallen kann, ohne mir zu gefallen.“

„Ihr Männer besitzt nicht unser sicheres Gefühl. In diesen Dingen ahnen wir.“

„Ich habe Misstrauen zu einer Wahl, die eine Frau, selbst eine Mutter, für eine andere Frau trifft, und sei es ihre Tochter.“

„Kurz, du fürchtest die Verantwortung: gib es nur zu!“

„Ich fürchte vor allem deine vermessene Art, mit der du die Verantwortung auf dich nimmst. Früher gab es Grundsätze für die Erziehung, die man mit Zuversicht anwandte; heute zweifelt der Vater wie der Richter an seiner Würde und Befugnis. Er ist schwach, sobald er zärtlich ist; die Verantwortung macht ihm Furcht, er glaubt nicht mehr an sein Recht, das aus dem mosaischen Gesetze stammt, und an die von den Beduinen angeregten Lehren, die man uns als die Sitten eines von Gott auserwählten Volkes gibt. Abraham ist ein Ungeheuer für das christliche Herz, und Jehova erscheint als eine lästerliche Abart der Göttlichkeit. Jene Aufträge, die der Ewige den Königen und den Vätern erteilte, sind, so geschickt sie auch von den Theologen erläutert werden, dem modernen Gewissen zuwider. Ist man besser geworden? Ist dieses Mitleid, das die Würde entwaffnet, zu bewundern als eine Blüte der Barmherzigkeit, oder kommt es von einer geistigen Erschlaffung? Je mehr sich ein gewisser Wohlstand ausbreitet, desto weniger ist das Leiden zu ertragen. Die Physiologen schreiben diese Erscheinung dem Vorherrschen und der Verschlimmerung des Nervensystems zu: das ist nur eine Seite des Determinismus. Unser schwungloser Gedanke erhebt sich nicht mehr bis zum Ideal der Entsagung, er breitet sich mehr aus unter der Form der Gemeinden oder Parteien, er beschränkt sich auf uns selbst und unsere unmittelbaren Interessen … Um in einem Fall der Seele zu entscheiden, muss man Gewissheit haben: die des Glaubens macht keinen Eindruck mehr; die der Wissenschaft bedeutet nichts, denn für sie heißt die Moral Hygiene, und die einzige Tugend eines Positivisten wird die Mäßigkeit sein … Seit der Mensch die Idee der Vollkommenheit begreift, hat er sie nur durch Übertreibung verwirklichen können; und die Heiligen sind nicht Muster, weil die meisten Ausnahmen waren, sozusagen Spezialisten in der Heiligkeit: sie fordern mehr heraus, als dass sie zur Nachahmung anregen. Liest man ihr Leben, so wird man ebenso verzagt, wie wenn man die Sixtina betrachtet. Das Schauspiel der Titanen bedeutet den Heutigen nichts: entweder bedrückt sie ihre Kleinheit oder sie verlieren sich in unverhältnismäßige Anstrengungen.“

La Fresnais liebte seine Tochter tief, er fand sie schön, ungewöhnlich begabt: er gefiel sich darin, ihr zu gefallen, sie mit Zärtlichkeit, mit Ritterlichkeit zu überhäufen.

Der frühere Lebemann stattete den Vater mit Liebenswürdigkeit aus; und die übte er zu Ehren Colettes ebenso echt, wie Frau La Fresnais ihre Anmut verloren hatte, seit sie auf dem Lande lebte. Wie viele Kokette, deren Lächeln künstlich ist, war sie herbe und hart geworden; seit sie aufhörte sich zu beherrschen, ließ sie der wahren Art ihres Wesens freien Lauf.

2. HEILIGE UND WELTLICHE GESPRÄCHE

In früheren Zeiten beruhte das Ansehen auf dem Amt;

später hängt es von der Person ab.

Denn das Amt ist eine Rolle;

und die Gesellschaft wird kritischer,

je mehr die Schauspieler ihre Kunst vergessen.

Welches entzückende Bild einer keuschen Wollust ist ein junges Mädchen, das im Hainbuchengang träumt. Auf dem dunkeln Grün hebt sich das weiße Kleid wie eine wunderbare Blume ab; Gesicht, Hals und Hände erscheinen purpurn in dem Halbschatten, in dem der luftige Rundtanz der Insekten summt.

Um dieses Träumen, das sanft von Erinnerung zum Wunsch, oder vom Vermissen zur Hoffnung schwingt, formt das Pflanzenleben einen lebendigen und lächelnden Rahmen.

Fräulein La Fresnais ist eher schön als hübsch, mehr vornehm als reizend.

Ihre Haltung, im Ausdruck lässig, in den Linien bestimmt, gleicht der Stellung der Sappho von Pradier. Die Hände auf dem etwas gehobenen Knie faltend, vergisst sie das offene Buch, das neben ihr auf der alten Steinbank liegt, und ihr Blick dringt kaum durch die gesenkten Lider, während ihr sinnlicher und ernster Mund sich mit dem erstarrten Lächeln einer griechischen Maske über glänzenden Zähnen öffnet.

Ihre Züge, von denen jeder schön ist, harmonieren nicht ganz miteinander. Die Stirn, die für eine Frau etwas hoch ist und die das gescheitelte, in breiten glatten Streifen herabfallende Haar nicht niedriger macht, erinnert an jene Prinzessinnen der Renaissance, deren Haartracht auffällt; und ihre gebogene Nase gibt dem Gesicht einen Akzent von allzu stolzem Willen.

Trotzdem die Taille fein ist und die Formen schlank sind, macht sie den Eindruck einer Frau, nicht eines jungen Mädchens.

Das warme Weiß ihres matten, aber nicht bleichen Teints – es ist das tiefe Weiß des Fleisches der Camelia – sieht zuerst wie eine Verheißung von Wollust aus; ihre ganze Person hat das Wesen einer schönen Frucht, und die Begierde würde sie beim Vorübergehen grüßen, wenn nicht die hohe Stirn, die gebieterische Nase, das eigensinnige Kinn, der geschlossene Mund ein starkes inneres Leben verrieten.

Am Ende des Ganges hebt sich ein plumper, dunkler Schatten ab. Das kann nur der neue Pfarrer von Trigolay sein, der Abbé Crespierres; ihm ist warm und er fächelt sich mit seinem großen Taschentuche Luft zu.

Das junge Mädchen scheint ihn nicht zu bemerken und lässt ihn herankommen. Etwas verlegen, wirft sich der Pfarrer in die Brust, hüstelt und wartet. Augenscheinlich hoffte er die Unterhaltung leichter beginnen zu können, und die Gleichgültigkeit des Fräuleins macht ihn irre.

„Ein Roman? Ich wette, das ist ein Roman!“

In freundlicher Drohung streckt er seinen dicken Finger aus und zeigt auf den broschierten Band, der neben dem jungen Mädchen liegt. Sie erhebt sich und blickt den Pfarrer lange an.

„Ein Roman in den Händen eines jungen Mädchens, ein Brevier unter dem Arm eines Priesters, ist das nicht natürlich?“

„Es gibt gute und schlechte Romane, mein Fräulein.“

„Nein, es gibt dumme Romane und andere!“

„Jules Verne, Fenimore Cooper“, sagt der Pfarrer.

Colette lächelt nur.

„Sie haben also meine Mutter nicht gefunden, dass Sie sich bis hierher verirrt haben?“

Da er mit seiner freundlichen Art nichts erreicht hat, rümpft der Pfarrer die Nase, schlägt seine schweren Augenlider nieder, fährt mit beiden Händen in seinen weiten Gürtel und sagt mit Salbung:

„Ich habe mich nicht verirrt, mein Fräulein; ich bin zu Ihnen gekommen, um ein heiliges Amt zu erfüllen.“

„Welches Amt, ich bitte Sie?“

„Das Amt des Rates, der Ermahnung … Ich bin Ihr Pfarrer, Ihr Seelsorger.“

„Sie sind der Pfarrer des Kirchspiels von Trigolay, ich aber gehöre zu einem andern Kirchspiel; und ich fürchte, Sie haben etwas unbesonnen einen recht delikaten Auftrag übernommen. Man hat Sie gebeten, mir die Beichte abzunehmen …“

„Ohne die Erlaubnis Ihrer Frau Mutter hätte ich es nicht gewagt …“

„Sie würden sicher nicht die Erlaubnis meines Vaters erhalten.“

„Ich weiß, dass der Oberst die christlichen Gefühle seiner edlen Gattin nicht teilt.“

„Sie irren sich, Herr Pfarrer! Er gibt denen, die um ihn sind, den Frieden; er verwirklicht, was die Engel der Menschheit wünschen.“

„Das heißt, er verzieht Sie!“

„Ich liebe die Engel, und ich stelle mir vor, sie würden, wenn sie dürften, für uns das sein, was wir für die Tiere sind, die wir lieben.“

„Ihre Kapelle ist nicht den Engeln geweiht, soviel ich weiß!“

„Bekümmern Sie sich um Ihre Kirche, Herr Abt!“

„Sie verachten einen Dorfgeistlichen.“

„Ich stoße den Anwalt einer weiblichen Neugier zurück. Meine Mutter will sich nicht bescheiden, dass sie nicht weiß, was ich in meinem Türmchen verberge; indem sie ihre weibliche Neugier als Fürsorge ausgibt, setzt sie meinem Vater zu, hetzt sie den Pfarrer auf mich; ja, sie wird eines Tages vielleicht die Familie ins Unglück bringen.“

„Fräulein Blaubart verbietet ihren Eltern, in ein gewisses Zimmer einzudringen.“

„Fräulein La Fresnais verbietet dem Abt, den guten Ton zu vergessen.“

„Ich habe das Recht, als geistiger Vater zu sprechen, ich habe immer so gesprochen … ich vertrete Jesus Christus.“

Fräulein La Fresnais begann leise, aber aufrichtig zu lachen. Dieser törichte und gefräßige Pfarrer kam ihr lächerlich vor.

„Jetzt vergessen Sie den guten Ton, mein Fräulein.“

„Ein schwarzes Gewand hat neben einem weißen nicht das Ansehen, das Sie glauben.“

„Das ist die schlechte Lektüre!“, sagte der Abt mit Überzeugung.

„Sie lesen nur das Brevier und die Zeitung?“

„Sie sind eine überspannte Person!“

„Sie sind ein Leckermaul, Herr Pfarrer, das ist schlimmer.“

„Das Schlimmste, mein Fräulein, ist das, von dem Sie besessen sind: die Liebe!“

Er erhob die Arme und sprach das grobe Wort aus, das ihm auf den Lippen zitterte:

„Die Liebe – diese – Zote!“

Die Achseln zuckend, drehte Colette dem Geistlichen den Rücken und entfernte sich, elastischen und rhythmischen Schrittes.

Der Abt Crespierres war weder ein schlechter Mensch noch ein schlechter Priester, da er seiner Eingebung folgte, statt wie eine Viper zu zischen und verschlagen zu handeln; aber gewohnt, nicht mehr zwischen dem Esel und dem Heiligtum zu unterscheiden, sondern die Ehrerbietung, die seinem Amt gezollt wurde, für sich in Anspruch zu nehmen, empfand er einen der größten Kummer seines Lebens. Niemals hatte man ihm ins Gesicht gesagt, wie wenig er wert war. Er ließ sich auf die Bank fallen, die das junge Mädchen verlassen hatte. Nichts ist so bitter wie an sich zweifeln, nachdem man lange an sich geglaubt hat. Ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, dass das System, dieselbe Sprache mit ganz verschiedenen Personen zu sprechen, einer Verspottung des Apostolats gleichkommt; dass das einzige Mittel des Überzeugens ist, sich mit dem andern zu identifizieren; ohne im geringsten daran zu zweifeln, dass das, was er gesagt hatte, ausgezeichnet war, litt er darunter, lächerlich gewesen zu sein. Der Steinwurf eines Straßenjungen, die Beleidigung eines Anarchisten wäre eher zu ertragen gewesen als dieses Gelächter eines jungen Mädchens von Welt. Der alte Pakt zwischen Priesterschaft und Bürgertum schien ihm in seiner Person verletzt. Ein weniger edles Motiv vermehrte seine Pein; indem er sich Frau La Fresnais nützlich machen wollte, hatte er sich Vater und Tochter entfremdet, vielleicht dieses Haus, das eine bischöfliche Tafel führen sollte, verschlossen. Denn die Schwelgerei (wahrlich, die Fresserei erscheint vergebens unter den sieben Pforten der Hölle) gibt man zu, und niemand nimmt daran Anstoß, nach einer Entstellung des berühmten Wortes: „Was den Menschen beschmutzt, ist nicht, was in ihn hineingeht, sondern was aus ihm herauskommt.“ Für einen Landpfarrer bedeutet das Schloss, außer den guten Mahlzeiten, die gewählte Gesellschaft, die Unterstützungen, ist eine Frage der Eitelkeit. Wieviel Bauernsöhne treten ins Seminar mit dem Gedanken, als Ebenbürtige in dieses selbe Schloss einzudringen, in das sie in ihrer Jugend das Heu gebracht haben; sich an die Seite der Schlossherrin zu setzen, deren Gänse sie gehütet haben. Für den Abt Crespierres bedeutete diese Pfarre den Höhepunkt seiner Laufbahn: und er sollte auf gespanntem Fuße mit dem Schlosse leben? Seine niedrige und kahle Stirn legte sich in tragische Falten, als er Frau La Fresnais kommen sah. Er sammelte sich und stand auf.

„Nun, Herr Pfarrer?“, fragte die Mutter fast fieberhaft.

„Nun, gnädige Frau, ich kann Ihnen nichts weiter sagen, als dass man das Fräulein in Frieden lassen muss. Das ist eine von diesen Seelen, die sich von ihrem eigenen Licht führen lassen.“

„Was?“, sagte die Mutter, die ihren Ohren nicht traute, ebenso bestürzt wie enttäuscht.

„Ich werde Ihnen das näher auseinandersetzen“, fügte er hinzu.

„Haben Sie wenigstens erfahren, was die Kapelle enthält?“

„Die Kapelle? … Oh, nichts … Kleinigkeiten, Bilder, Nippsachen …“

„Was sagen Sie, Herr Pfarrer … Ich habe darin Kisten von ein Meter fünfzig verschwinden sehen. Nun, wir werden noch davon sprechen … Ich muss Sie darüber unterrichten, dass mein Mann seine Tochter fanatisch liebt: wenn er ahnte, dass Sie zu sehr auf meiner Seite stehen, könnte er …“

„Mich versetzen lassen?“

„Es könnte noch schlimmer kommen, Herr Pfarrer!“

Der Abt Crespierres blickte Frau La Fresnais mit einem unsagbaren Erstaunen an. Was! Die Tochter lachte ihm ins Gesicht und der Vater würde fähig sein, einen heiligen Mann anzurühren? Er ließ traurig den Kopf sinken; die Soutane bedeutete also nichts mehr bei dem neuen Schlossherrn? Er hätte gern Abschied genommen, wenn er einen guten Vorwand gehabt hätte; doch den fand er nicht. So betrat er vorsichtig und misstrauisch den Speisesaal.

Der offene, herzliche Empfang durch den Obersten, die anmutige Verbeugung Colettes schienen ihm erheuchelt; und er wich zuerst den geringsten Äußerungen aus, die er für Herausforderungen hielt. Aber die Kost war fein, und Herr La Fresnais, der wie ein Burgunder trank, füllte freigebig die Gläser, die vor dem Abt standen.

„Ich bin an solche Weine nicht gewöhnt und ich fürchte, Herr …“

„Ach was! sagte der Gastgeber. Haben Sie einen guten Magen? Ja? Dann machen Sie sich das zu Nutze! Ein Priester kann Wärme gebrauchen; er nimmt sie, wie er kann. Es ist am besten, Sie trinken, wenn die Gelegenheit sich bietet; ebenso wie Sie sich in der Winternacht erheben müssen, ohne zu zaudern, um den Sterbenden Trost zu bringen! … Ich begreife nichts von dem Kriege, den die Frommen dem Körper erklärt haben. Der Arme! Er ist nicht schuldig zu machen für unsere Sünden. Wenn die Heiligen Alpdrücken hatten, schlugen sie sich die Lenden; sie hätten besser getan, die Wäsche der Armen zu waschen oder die Last der Greise zu tragen. Der Körper ist ein Pferd …“

„Ein lasterhaftes Pferd!“, wagte der Abt zu sagen.

„Körperlich lasterhaft heißt krank“, antwortete der Oberst, und das Gespräch wurde fallen gelassen.

Als Frau La Fresnais eine Neuigkeit erzählte, fing der Oberst wieder an:

„Der Hauptpunkt unserer Sitten ist die Herabsetzung der sozialen Würden, Als ich ein junger Mann war, hielt ich einen Obersten für einen Helden: jetzt als Oberst besitze ich kein Ansehen. Der Oberst La Fresnais bedeutet der öffentlichen Meinung nichts, oder nur Intrige und verdächtige Dienste, einer Regierung geleistet. Ebenso ist es der Geistlichkeit ergangen: früher war der Herr Pfarrer eine Persönlichkeit; jetzt, soviel der Mann wert ist, soviel das Amt. Woher kommt das? Sind die Menschen weniger wert, oder hat die öffentliche Meinung den Respekt verloren und sich neidisch auf die Kritik geworfen? Gilt dies auch bei der Vernachlässigung der äußeren Formen, dem allgemeinen Sich-gehen-Lassen?“

„Für die gläubigen Seelen wird ein Geistlicher immer ein Geistlicher sein“, sagte der Abt.

Fräulein La Fresnais blickte den an, der eben so kläglich Schiffbruch erlitten hatte, als er sich an ihr versuchte.

„Ich kenne einen Menschen, der in die Malerei vernarrt ist; er liest nichts, was nicht Beziehung zu dieser Kunst hat; auf Reisen besucht er nur die Museen; seine Unterhaltung verlässt nicht die heiligen Hohlleisten, und seine Bibliothek setzt sich aus Photographien zusammen. Stellen Sie ihm einen Maler vor, so sträubt er sich, wird grob, höhnisch. Er verachtet die Maler, weil er die Malerei verehrt; er verachtet sie als Pfuscher, als Lästerer. Dasselbe Gefühl ist bei den Gläubigen zu beobachten. Sie haben eine so hohe Auffassung vom Priester, dass sie die Karikatur oder die Mittelmäßigkeit nicht ertragen können.“

„Wenn die Geistlichkeit nur Genies und Heilige zählte, mein Fräulein, wäre es natürlich besser. Aber das ist zu viel verlangt.“

„Die Genie vom Priester verlangen, sind naiv“, sagte das junge Mädchen, denn das Genie ist selbst ein Priestertum, göttlicher als das andere.“

„Oh! Oh!“, widersprach der empörte Pfarrer.

„Bedenken Sie, Herr Pfarrer, dass nur der Heilige Geist die Genies macht, während ein Bischof genügt, um einen Priester zu machen.“

„Die priesterliche Weihe bereichert den Ärmsten mit übernatürlichen Fähigkeiten. Der Mann, der alle Tage das Geheimnis der Transsubstantiation vollzieht, steht dadurch über den anderen Menschen.“

„Dadurch, und während der Zeit, in der er es tut; seine Würde ist dann groß, aber ein Werkzeug, wie eine Geige nur dazu dient, um einen erhabenen Satz von Beethoven auszudrücken. Der Laie hat in den Augen des Priesters denselben Rang wie der Zivilist für den Offizier. Es herrscht bei ihnen ein Kastengeist, der Indiens würdig ist; wie auch die Religion sein mag, die Priesterschaft macht brahmanische Ansprüche, und heute erlauben das die Gläubigen nicht mehr. Darf ich Ihnen ein Beispiel geben? Ich bin überzeugt, dass ich besser als Sie, Herr Pfarrer, die Seele des heiligen Franz von Assisi kenne, weil ich ihn stärker liebe, als Sie ihn lieben können; weil er ein Mann der Liebe, und nicht ein Mann der Kirche war, und weil sein Herz allein seinen Heiligenschein formt.“

„Sie lieben den heiligen Franz, weil Sie annehmen, dass er die heilige Clara geliebt hat.“

„Ich liebe ihn, weil er seine Geliebte dem Heil und dem Werk gesellt hat, wie ich den ‚Polyeukt‘ des Corneille verabscheue, weil er sich entschließt, Pauline im Irrtum zu lassen. Die Liebe will geben oder vielmehr sich geben, und wenn ein Herz vom Himmel erfüllt ist, so gießt es ihn ins Herz der Geliebten … Ich liebe den Franz, weil er am wenigsten Priester unter den Heiligen ist, am wenigsten Schulmeister. Er liebt, er liebt Jesus, die Menschen, die Vögel, die Pflanzen. Er nennt die Elemente seine Brüder und die Sterne seine Schwestern; und die Liebe, Herr Pfarrer, was auch ihr Gegenstand sein mag, die Liebe ist das Höchste.“

„Was auch ihr Gegenstand sein mag?“, widersprach der Abt.

„Colette hat recht“, sagte der Oberst; „selbst wenn man sich über den Gegenstand täuscht, die Regung der Seele, die uns alles für ein Wesen oder eine Idee opfern lässt, ist die einzig große“.

„Welche Moral für ein junges Mädchen!“, rief Frau La Fresnais.

„Was ist das für ein junges Mädchen, das von dem abhängig ist, was man um sie herum sagt“, erwiderte Colette. „Man handelt nach seinen Eindrücken: die Grundsätze entscheiden nichts; die wendet man an, wenn man seine Erinnerungen schreibt.“

In diesem Augenblick brachte der Diener auf einer silbernen Schale einen Brief für den Abt Crespierres.

Nach einem schnellen: „Erlauben Sie?“ überflog der Abt das Billett mit einem Blick und sagte, es wieder zusammenfaltend:

„Ein alter Schüler von mir erinnert sich meiner und macht mir die Freude, mich zu besuchen; ein reizender Bursche; schon früh hatte er wahre Lust zum Zeichnen; trotz allen Verweisen zeichnete er seine Schulhefte voll. Ich glaube, er hat sich Reisegeld verdient …“

„Er ist gekommen, um Sie zum Frühstück abzuholen“, sagte La Fresnais. „Soll ich ihn bitten lassen?“

„Herr Oberst, Sie sind die Gastfreundschaft selbst, aber ich wage nicht, für ihn anzunehmen.“

„Es ist jedenfalls besser, dass er zu uns kommt, als dass Sie uns zu früh verlassen. – Andreas, sagen Sie Herrn …“

„Eragny, Georg Eragny“, sagte der Pfarrer.

„Sagen Sie Herrn Eragny, der Abt Crespierres bitte, ihn bei Herrn La Fresnais, wo er frühstückt, aufzusuchen; und Herr La Fresnais lade ihn ein, an der Seite seines alten Lehrers dieses Frühstück zu beenden.“

Völlig beruhigt durch dieses Zeichen der Gutmütigkeit, entwaffnete der Pfarrer und entschloss sich, in Frieden mit den Herrschaften zu leben, indem er zu jedem „Ja“ in dessen Sprache sagte. Er schwor sich, die Mutter zu beruhigen, sich nicht mit der Tochter zu beschäftigen, sondern sich mit dem Obersten zu vertragen: so würde er der geliebte Gast sein, den man immer gern an seinem Tische sah. Er wünschte sich Glück, dass er in seinem Eifer nicht zu weit gegangen war, als Georg Eragny eintrat. Der sah beinahe arm aus, aber sauber, ein Künstler, aber ohne Seltsamkeit. Sein grauer Anzug saß schlecht und verriet das Geschäft „la Belle Jardinière“, aber er trug ihn ungezwungen. Seine am Rande ausgefaserte Manschette fiel auf eine Hand, deren Nägel gepflegt waren, und nichts in seinem Äußeren verriet den Maler; allerdings zeigte auch nichts das Genie. Er hatte schöne schwarze Haare, matten Teint, regelmäßige Züge und besonders eine Haltung von großer Vornehmheit: Selbstvertrauen und Bescheidenheit mischten sich in glücklichem Verhältnis. Er musste gefallen, und zwar den verschiedensten Leuten.

Eine Frau, seine Mutter jedenfalls, hatte aus ihm gemacht, was man einen vollendeten jungen Mann nennt; das heißt, ihm diese Gewohnheiten der Haltung und des guten Tons beigebracht, die früher in der Monarchie die Hauptbedingung für eine Laufbahn waren. Der junge Maler machte einen guten Eindruck, und seine etwas ärmliche Tracht wurde von seinen Manieren ausgeglichen. Dem Zigeuner gegenüber empfindet der Bürger ein Unbehagen; er fühlt sich beleidigt durch die langen Haare, wie die Bourbonen von Neapel den Menschen nach den langen Bärten einschätzten; und da er den Langhaarigen nicht zwischen zwei Schutzleuten zum Barbier führen kann, wie es diese schlimmen Schattenkönige mit dem Bärtigen machten, so wird er böse.

Fräulein La Fresnais fand den Kömmling etwas alltäglich. Kein Sternenlicht glänzte auf seiner etwas niedrigen Stirn: nur seine schönen und sehr sauberen Hände fielen ihr auf.

„Mein lieber Abt, ich bin gekommen, um Sie zu sehen, bevor ich nach Italien reise …“

„Das ist nett von Ihnen, mein lieber Georg.“

Und er stellte ihn vor.

„Setzen Sie sich dorthin; man wird Sie bedienen“, sagte der Oberst.

„Vielen Dank … Da der Herr Pfarrer im Schloss frühstückte, bin ich ins Gasthaus gegangen.“

„Ein Frühstück im Gasthause zählt nicht!“, bestand der Schlossherr. Eragny lehnte ab; ihn beschäftigte die Art, mit der das junge Mädchen ihn prüfte. Man könnte sagen, dachte er, eine Spinne, die zögert, eine Fliege in ihr Netz zu nehmen. Eine seltsame junge Person!

„Der Monat August ist schlecht für Italien … meinte der Pfarrer.“

„Besonders für Rom, wo ich bleiben will; deshalb ist mir der Gedanke gekommen, einige Wochen auf dem Lande zu verbringen, um kleine Landschaften zu machen, die sich leicht verkaufen. Ich habe gedacht, mein lieber Abt, dass Sie ein Zimmer für mich finden könnten, auf zwanzig Tage; das Land ist malerisch.“

„Ich werde Ihnen ein Zimmer im Pfarrhaus geben, mein lieber Georg, und die Kost …“

„Das Zimmer nehme ich mit Dank an; über die Kost habe ich schon mit dem Gastwirt gesprochen: der Preis ist mir nicht zu hoch.“

„Mit zwanzig Jahren fügt man sich in alles“, sagte Frau La Fresnais, gut gestimmt für den neuen Gast.

Nachdem man einige unbedeutende Worte gewechselt hatte, antwortete Eragny auf eine Frage in bescheidenem Ton:

„Die Malerei ist ein Beruf geworden, der weniger ermüdet als die andern, leicht geehrt und gut bezahlt wird, sobald man Erfolg gehabt hat. Kein Meister der Renaissance hat für das größte Fresko den Preis eines Meissonier bekommen. Auch hat sich der Ge