Das verborgene Tal - Ingeborg Menge - E-Book

Das verborgene Tal E-Book

Ingeborg Menge

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Beschreibung

König Philipp versteht die Welt nicht mehr. Eben noch herrschte er über sein Reich, nun findet er sich nach einem Attentat schwer verletzt im Kerker wieder. Doch das Schlimmste ist, dass ihm niemand glauben will, wer er ist. Nur durch Glück kann er dem Tod am Galgen entrinnen. Aber er ist jetzt der Gefangene einer berüchtigten Räuberbande, die sich in ein schwer zugängliches Tal zurückgezogen hat.

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Geschichten gehören seit meiner Kindheit zu meinem Leben wie die Luft zum Atmen. Oft denke ich mir welche aus und vergesse sie bald wieder. Doch manche Geschichten verdienen mehr. Deswegen habe ich vor über 25 Jahren angefangen sie aufzuschreiben.

Mein Leben drehte sich jedoch nicht hauptsächlich ums Geschichtenerzählen, sondern ich arbeitete mit Freude zwischen Bits und Bytes.

Ermutigt durch Freunde und Kollegen liegt nun die zweite Geschichte als Buch vor und verzaubert hoffentlich auch Ihren Alltag.

Für Oliver

Bisher erschienen:

Der Ring des HerzogsISBN: 978-3-7526-0829-8

Inhalt

Ein folgenreicher Tag

Der sechste Fürst

Die Turnacherin

Im Kerker

Die Hinrichtung

Die Flucht

Ein neues Leben

Franz lernt dazu

Freund und Feind

Räubergesetze

Ein Handstreich auf Burg Lungst

Erinnerungen

Ein wagemutiger Plan

Die Festung Gerresberg

Graf Reifensteins Rückkehr

Der Fuchs

Die Brandels erzählen

Winter im verborgenen Tal

Ein Besuch auf Burg Reifenstein

Die kopflose Schlange

Auf nach Cyni

Das gelbe Schlösslein

Zurück im Königsschloss

Abschied von einem Freund

Ein Hof entsteht neu

Der König tritt in Erscheinung

Audienzen und ein Fest

Wer waren die Verschwörer?

Die Familie Brandel kehrt zurück

Eine langersehnte Hochzeit

Besuch bei den Brandels

Soldatenleben

Neues Ungemach

Endlich Klarheit

Das Ende der Verschwörer

Epilog

1. Ein folgenreicher Tag

Der Sonnenschein in seinem Zimmer weckte Philipp. Er fühlte sich gut an diesem Morgen. Es würde ein schöner Tag werden und mit einem Fest enden. Frohgemut klingelte er nach seinem Leibdiener und freute sich auf das üppige Frühstück, das ihn erwartete.

Den Vormittag verbrachte er anschließend mit seinen Beratern, es gab einiges zu besprechen, denn es war Philipp wichtig zu verstehen, was passierte. Er war der König und es sollte den Menschen gut gehen. Natürlich konnte er nicht alle glücklich machen, aber er wollte dafür sorgen, dass es jedem möglich war, glücklich zu sein. Dazu gehörten für ihn Frieden und Rechtssicherheit. Das klang jedoch einfacher, als es in Wirklichkeit war.

Das immer wieder aufflackernde Räuberunwesen war ein Problem, das den König beschäftigte. Die Raubüberfälle entsprachen überhaupt nicht dem, was er für sein Reich wollte, und sie war schlimmer geworden. Die Räuber schienen gut organisiert und viel gewandter als seine Soldaten. Es mussten neue Methoden her, um das Problem anzugehen, aber dazu kamen keine brauchbaren Ideen von seinen Beratern. Vielleicht sollte er das mit den Fürsten besprechen.

Die Fürsten, außer dem Grafen von dem Berge der damals seiner Einladung nicht folgen konnte, hatte er bisher nur am Tag seiner Krönung gesehen. Der Herzog von Premlau war der mächtigste unter ihnen und schien ihm gewogen. Bei den anderen vieren war er sich nicht so sicher. Doch um die Fürsten an den Hof zu rufen, bedurfte es immer gewichtiger Gründe.

Seit Philipp König geworden war, lebte er ohne Angehörige in dem Königsschloss bei Cyni, der Hauptstadt seines Reiches. Er hatte viele Diener um sich, aber nur einen Vertrauten, mit dem er auf Augenhöhe sprechen konnte. Dieser Vertraute war Leopold von Traub, ein alter Freund seines Vaters, der zwar keinen Titel inne hatte, aber Philipps Stütze war. Ohne dass es ihm selbst bewusst war, war Leopold für Philipp ein väterlicher Freund geworden. Derjenige, der ihm seine Familie ersetzte, eine Familie, der er misstraute.

Heute aber reisten seine eingeladenen Gäste an, um mit ihm seinen 23. Geburtstag zu feiern. Es würde diesmal nicht nur um Politik gehen. Er hatte viel Sorgfalt in die Planung des Festes und die Auswahl der Gäste gelegt. Ein klein wenig spielte jedoch die Politik mit, denn er hatte alle Grafen, die er noch nicht persönlich kannte, mit ihren Familien eingeladen. Dazu auch zwei der Fürsten, die er näher kennen-lernen wollte, und er kam nicht umhin, auch seine Familie einzuladen.

„Willkommen, Frau Mutter“, begrüßte Philipp seine Stiefmutter. Die, wie früher, stolz aufgerichtet an der Seite ihres Sohnes den Saal betrat. Sie war vollständig in Schwarz gekleidet. Eine Farbe, die sie seit dem Tod ihres Mannes, Philipps Vater, nicht mehr abgelegt hatte. Auch Richard, größer und schlanker als seine Mutter, trug nur schwarz.

„Mein lieber Sohn, es kommt mir so vor, als wärest du noch dicker als früher“, antwortete sie mit spitzem Ton.

Aber Philipp hatte sich fest vorgenommen, sich den Abend nicht verderben zu lassen, und ignorierte die Spitze.

Er wandte sich Richard zu: „Willkommen, Richard, es freut mich, dass ihr mich auf meinem Schloss besucht.“

„Es ist unsere Heimat, das weißt du genau“, entgegnete Richards Mutter Sophie scharf anstelle ihres Sohnes.

„Es war eure Heimat, ja, ich weiß, aber nun ist es die meine“, antwortete Philipp ein wenig überheblich. „Verzeiht, aber gerade kommen die nächsten Gäste“, entschuldigte sich Philipp knapp bei Sophie, denn er wollte sich nicht weiter mit ihr auseinandersetzten.

„Bitte geleitet Prinz Richard und seine Mutter zu ihren Plätzen“, wandte er sich an einen der Lakaien. Philipp entkam der unangenehmen Situation, indem er auf die Neuankömmlinge, die gerade den Saal betraten, zuging.

Die Familie von Reifenstein wunderte sich ein wenig, dass der König auf sie zukam und sie herzlich begrüßte. Die Grafschaft Reifenstein war nicht bedeutend und sie waren dem König nie persönlich begegnet. Sie freuten sich aber über Philipps Aufmerksamkeit, besonders die Tochter Agnes. Sie kamen aus der Provinz und kannten niemanden bei Hofe, deswegen hatte Agnes befürchtet, dass es für sie ein langweiliger und ernüchternder Abend werden würde. Nun war es aber der König selbst, der sie so freundlich begrüßte. Agnes strahlte ihn an, was nun wiederum Philipp erfreute. Da er durch sein Übergewicht auch bei körperlicher Betätigung nicht besonders glänzte, waren freundliche Aufmerksamkeiten von Frauen in seinem bisherigen Erwachsenenleben eher selten. Und nun als König fürchtete er zudem, dass eher seine Stellung als er selbst gemeint sein könnte. Aber Agnes wirkte nicht wie eine Frau, die es auf seine Stellung abgesehen haben könnte. Ihr Lächeln war herzlich und ihr Wesen einnehmend.

So wollte es also der Zufall, dass die von Reifensteins nach Philipps Familie eintraten, Philipp mit Agnes ins Gespräch kam und sich gut mit ihr unterhielt. Es fiel ihm schwer, genügend Zeit für die anderen Gäste aufzubringen, wie es die Höflichkeit verlangte. Ihm war bewusst, wie wichtig es war, die Adligen seines Landes besser kennenzulernen, und er hatte sich gefreut, dass der Herzog von Permlau und der Graf von Lyenne zugesagt hatten. Doch nun wechselte er kaum ein Wort mit ihnen.

Nach dem Mahl wurde der Tanz eröffnet und auch jetzt bevorzugte der König Agnes‘ Gesellschaft, was von den anderen Anwesenden natürlich registriert wurde. Besonders Richards Mutter ließ Philipp nicht aus den Augen und ihre Miene wurde immer finsterer.

Philipp hatte Gefühl für Takt und Rhythmus, so tanzte er ganz manierlich, doch er musste sich zwischen seinen Tänzen länger ausruhen. Dennoch kam er mehr ins Schwitzen, als es nach der Etikette angebracht war. So nett sich die Comtesse von Lyenne für den Tanz mit Philipp bedankte, so hatte er doch das Gefühl, dass sie auf eine Wiederholung keinen großen Wert legte. Anders war es mit Agnes.

Als sich das Fest dem Ende neigte, verschwand Philipp kurz und kam mit einer Rose zurück. Er überreichte sie Agnes zum Abschied und bedankte sich für den schönen Abend.

„Man sagt, der Rosenstock wurde von meiner Mutter gepflanzt“, erklärte er ihr.

„Dann wird diese Rose für mich immer etwas Besonderes sein“, antwortete Agnes und lächelte ihn so lieblich an, dass Philipp sie am liebsten gar nicht gehen lassen wollte.

2. Der sechste Fürst

Am nächsten Tag hatte Philipp nur einen Gedanken im Kopf: Agnes. Was für ein schöner Name. Egal, was er tat, ihr Bild war immer vor seinen Augen. Er kannte diese Empfindung gar nicht, aber er fühlte sich wohl, obwohl sie eine Fremde für ihn war – oder doch nicht? Er spürte immer noch ihre Hand in der seinen beim Abschied. Unter welchem Vorwand konnte er sie nur wiedersehen? Wie konnte er nur verhindern, dass sie wegfuhr?

Philipp ließ sich von Leopold erklären, wo genau die Grafschaft Reifenstein lag. Es war so ziemlich der entlegenste Winkel.

Philipp hatte, nachdem er so plötzlich König geworden war, alle wichtigen Festungen und Burgen in seinem Reich besucht, um sich ein Bild von der Verteidigungsfähigkeit seines Reiches zu machen. Er würde jedoch kaum einen der Orte allein wiederfinden, aber er wusste noch, wie lange er bis Burg Lungst unterwegs gewesen war, und diese gehörte, wie er jetzt erfuhr, zur Grafschaft Reifenstein.

„Wer ist denn der nächstgelegene Fürst?“, fragte er Leopold.

„Das wäre das Fürstentum Hergen, aber nah ist das nicht. Die Gegend ist arm und es gibt nur wenige Dörfer, keine bedeutende Stadt. Nur für unsere Verteidigung ist sie wichtig.“

„Aber wenn sie für die Verteidigung wichtig ist, so könnten wir auch dort ein Fürstentum gebrauchen. Wir laden den Grafen von Reifenstein mit seiner Familie auf das Schloss ein. Vielleicht ist er ein geeigneter Kandidat.“

„Es gibt fünf Fürsten, findet Ihr nicht, das ist genug?“

Davon wollte Philipp aber nichts wissen. Er brauchte einen Grund, damit Agnes in seiner Nähe blieb.

„Das mag schon sein, aber man kann doch nicht den Westen des Landes so gänzlich ignorieren, auch wenn er nicht dicht besiedelt ist. Soviel ich weiß, gab es früher auch sechs Fürsten.“

„Ja, es waren mal sechs, aber der sechste hatte kein Land, er war ein Berater Eures Großvaters. Als er starb, wurde der Titel nicht neu vergeben.“

„Also, warum sollte ich den sechsten Titel nicht wieder vergeben?“

„Er war damals eine besondere Ehre für einen besonders verdienstvollen Mann.“

Da Philipp andere Pläne hatte, fiel ihm die Bemerkung Leopolds nicht weiter auf. Er war in Gedanken schon dabei, die Einladung aufzusetzen.

„Danke, Leopold, Ihr habt mir wie immer sehr geholfen.“

Leopold von Traub zog sich zurück.

Die Familie von Reifenstein nahm die Einladung des Königs an und blieb auf dem Schloss. Philipp gab sich alle Mühe, Maximilian von Reifenstein kennenzulernen, und er stellte erfreut fest, dass sie in vielen grundsätzlichen Dingen übereinstimmten. Beide wollten ihre Entscheidungen gut begründet wissen. Beiden war das Wohlergehen der Menschen wichtig.

Ja, es stimmte, Reifenstein war keine reiche Grafschaft, es gab viel Land, doch hauptsächlich Wälder und Berge. Kleine Weiler mit Landwirtschaft. Einen bedeutenden Pass gab es allerdings, und dort lag Burg Lungst und erwirtschaftete Zolleinnahmen, die sich die Grafschaft und das Reich teilten.

Die bedeutendste Ansiedlung in der Gegend war die Festung auf dem Gerresberg, doch die gehörte zum Reich und nicht zur Grafschaft. Die Festung hatte Philipp natürlich auch besucht und war sehr beeindruckt gewesen. Hohnstätten, der größte Ort, war im Vergleich mit anderen Städten des Reiches allerdings eher bescheiden.

Je mehr Zeit er mit Maximilian von Reifenstein verbrachte, umso mehr hielt Philipp an seinem Plan fest, ihn zum Fürsten zu machen. Das hatte nicht nur mit Agnes zu tun, ihn überzeugte die Idee immer mehr.

So legte er den Tag der Ernennung fest. Da er die fünf Fürsten erneut einladen wollte, sollte sie in einem Monat stattfinden. Dadurch hatten alle die Möglichkeit zu erscheinen.

Philipps Mutter Adelheid war früh verstorben. Sie war für Philipp mehr ein Gefühl von Wärme, Liebe und Zuneigung als eine Person, an die er sich erinnern konnte. Doch da gab es noch die Ölbilder. Eines zeigte sie auf einem galoppierenden Pferd und manchmal stellte er sich vor, wie sie vor Vergnügen aufjauchzte und seinen Vater anlachte. Er liebte dieses Bild, mehr jedenfalls als das strenge Portrait aus der Ahnengalerie.

Sein Vater hatte bald neu geheiratet und damit trat Königin Sophie in sein Leben. Sie schien ihm eine Mutter sein zu wollen. Jedoch sollte der Kronprinz alles lernen, was er benötigte, und die neue Frau bestärkte Philipps Vater Alexander von Aldenaar darin, dass Philipp es am besten in der Fremde lernen würde anstatt bei seinen Eltern.

Der Graf von Eichenstein hatte immer wieder edle Zöglinge bei sich aufgenommen und zu ihm wurde Philipp schon mit vier Jahren gebracht. So wuchs er in einem Nachbarland fern der Heimat auf. Philipp fühlte sich fremd dort, es gab zunächst keine Gleichaltrigen auf Schloss Eichenstein. Sein einziger Trost war das Essen und das sah man ihm bald an. Ein dickes Kind fand aber noch schwerer Freunde. Auch sein Vater war davon wenig begeistert, er spürte es bei den wenigen Besuchen.

So fühlte er sich nirgendwo heimisch und auch zu seinem Halbbruder Richard, der einige Monate nach seinem Weggang geboren worden war, entwickelte er nur ein distanziertes Verhältnis. Richard durfte bei seinen Eltern aufwachsen, was ihm selbst verwehrt worden war. Richard hing sehr an seiner Mutter. Philipp hingegen hatte seiner Stiefmutter immer misstraut und konnte seine Vorsicht doch nicht begründen.

Sophie und Richard waren ebenfalls auf dem Schloss geblieben. Da es seine Pläne unterstützte, Agnes zu sehen, hatte Philipp es stillschweigend akzeptiert. Denn Sophie konnte sich viel unverfänglicher mit Agnes und ihrer Mutter verabreden als Philipp, aber er konnte sich den dreien anschließen. Er war von Tag zu Tag mehr in Agnes verliebt. Sie erwies sich als klug und geschickt. Im Gegensatz zu ihm ritt sie jedoch gern und hatte auch schon Ausritte mit Sophie unternommen.

Philipp hatte zwar gewollt, dass Sophie blieb, aber nun konnte er Agnes ohne sie nie sehen. In seiner Verzweiflung lud er Agnes zu einem gemeinsamen Ausritt ein und sie sagte zu. Nun waren sie also zu dritt, mit einem Diener als Begleiter, unterwegs. Agnes war begeistert und galoppierte munter darauf los. Er folgte ihr. Es geschah aber, was in Philipps Augen passieren musste: Er verlor die Kontrolle über sein Pferd und landete im sprichwörtlichen Graben, das Pferd galoppierte einfach weiter. Was für ein Desaster. Dem Diener, der sie begleitete, blieb nichts anderes übrig, als das entlaufene Pferd wieder einzufangen, und so galoppierte er ihm hinterher. Agnes zog es vor, abzusteigen und bei ihm zu bleiben. Philipp schämte sich und schwieg. Agnes war eine so wunderbare Reiterin.

Nachdem sie so schon eine ganze Weile stumm nebeneinander her gegangen waren, rief Agnes aus: „Eure Hoheit, seht her, was für wunderbare Blumen.“

Agnes zeigte auf eine hübsche Mischung aus Astern verschiedener Arten.

„Ach, das sind keine besonderen Blumen, die findet man doch überall“, antwortete Philipp mürrisch.

„Ja, natürlich, aber sie schauen so zusammen wirklich reizvoll aus. Es braucht selten das Besondere, man muss nur hinsehen.“

Agnes blickte aber gar nicht zu den Blumen, sondern zu Philipp. Zu diesem großen, dicken, schlammbeschmierten jungen Mann neben ihr. Der schon mehrfach gezeigt hatte, dass er ein großes Herz für die Menschen hatte. Der klug, freundlich und sehr gebildet war, auch wenn er es selbst manchmal nicht wusste. Der so wunderbar lachen konnte, dass er sie mitriss. Aber er war auch der König und sie nur eine Grafentochter.

Philipp spürte ihren Blick. Machte sie sich jetzt auch lustig über ihn, wie es ihm schon so oft ergangen war? Er schaute auf, doch was er sah, war Sympathie.

„Ja“, scheu lächelte Agnes ihn an. „Manchmal findet man das Besondere, wenn man es nicht erwartet.“

Auf einmal lief ihm sein Herz über: „Agnes, ach Agnes, ich liebe Euch. Auch wenn alle sagen, das geht zu schnell, das kann nicht wahr sein. Ich weiß, was ich fühle. Ich liebe Euch!“, brach es aus ihm heraus und es tat ihm schon im gleichen Moment leid, es gesagt zu haben.

Außerdem hatte er sie bisher nur in Gedanken Agnes genannt und jetzt, nach diesem peinlichen Sturz, ausgerechnet jetzt, ihr seine Liebe zu gestehen, war wohl so ziemlich der ungünstigste Moment, den es gab.

„Ich fand Eure Hoheit vom ersten Augenblick an sympathisch“, antwortete Agnes nach einer kurzen Pause.

Philipp wappnete sich innerlich für das zu erwartende ABER.

„Jetzt weiß ich aber, dass ich Euch auch liebe. Ich konnte mir jedoch nicht vorstellen, dass sich der König in eine Grafentochter vom Lande verlieben kann.“

Philipp musste erst begreifen, was er da gerade gehört hatte. Er blickte sie an und sah das Strahlen in ihren Augen.

„Agnes, du liebst mich?“

„Aber ja.“

Nun strahlte er auch.

„Liebste Agnes, du machst mich unendlich glücklich.“

Er fasste ihre Hände, schmutzig wie er war, konnte er ihr keinen Kuss geben. Agnes hätte es nicht gestört, aber das wusste er nicht.

„Philipp.“ Zum erstem Mal nannte sie ihn bei seinem Vornamen. Es klang so lieblich in seinen Ohren. Jedoch kam in diesem Moment der Diener mit dem Pferd zurück.

„Eure Majestät, das Pferd ist bis zum Stall gerannt. Ich konnte es nicht vorher einholen“, entschuldigte er sich für seine späte Rückkehr.

Das Pferd sah jetzt ruhiger und müder aus. Philipp seufzte leise und ließ sich vom Diener auf das Pferd helfen. Agnes war inzwischen auch aufgesessen und sie ritten sehr gemächlich zurück. Die Blicke zwischen Agnes und Philipp und das Lächeln, das ihre Münder umspielte, sprachen eine eindeutige Sprache.

Die Blicke der Stallknechte sprachen auch eine eindeutige Sprache. Ein König, der mehr schlecht als recht reiten konnte, hatte nicht ihren vollen Respekt verdient. Aber heute war es Philipp egal. Er schwebte im siebten Himmel. Die Frau, die er liebte, liebte ihn auch. Nichts anderes zählte.

Gundula von Reifenstein erkannte sofort, dass sich etwas geändert hatte. Ihre Tochter war unaufmerksam und seufzte oft. Sie wollte wissen, was los war. Als Agnes ihr gestanden hatte, dass der König sie liebte, war sie ebenfalls sehr überrascht.

Dass die beiden einander zugetan waren, hatte die Gräfin schon am Abend der Geburtstagsfestlichkeiten bemerkt. Wie viele andere auch. Aber Liebe, war das vernünftig? Da musste sie lächeln. Liebe war halt nicht vernünftig. Es gab für das Reich sicher bessere und unproblematischere Verbindungen und ihre Tochter würde als Königin viele Freiheiten verlieren. Aber zwei Menschen, die sich wahrhaft liebten, konnten all diese Nachteile in Vorteile verwandeln.

Gundula und Maximilian von Reifenstein waren also nicht wirklich überrascht, als Philipp zwei Tage später um die Hand ihrer Tochter anhielt. Sie hatten beschlossen, dieser Verbindung nicht im Wege zu stehen. Es war natürlich auch eine große Ehre und zudem mochten sie Philipp. Maximilian hatte auch erkannt, wie ähnlich seine und Philipps Einstellungen oft waren, und er hielt ihn für einen edlen Charakter. Das Grafenpaar wussten aber auch, dass der Hof um Philipp nicht unbedingt eine Grafentochter akzeptieren würde und dass die Regeln am Hof für eine Frau streng waren.

Philipp war überglücklich. Da jedoch die Ernennung Maximilians von Reifenstein zum Fürsten des Landes bevorstand und er nicht wollte, dass beide Ereignisse miteinander in direkte Verbindung gebracht wurden, wurde beschlossen, die Verlobung erst einmal nicht offiziell verlautbaren zu lassen. So mussten Agnes und Philipp in der Öffentlichkeit Vorsicht walten lassen. Privat jedoch verstanden sie sich prächtig.

Agnes liebte Philipp, er spürte es bei jeder Begegnung. So glücklich hatte er sich noch nie in seinem Leben gefühlt. Er liebte und wurde geliebt. Manchmal zweifelte er noch immer, ob das wirklich wahr sein konnte. Aber ein Wort, ein Blick von Agnes genügte, um seine Zweifel zu beseitigen.

Sophie, die Zuneigung ihres Stiefsohnes zu Agnes natürlich auch schon längst bemerkt hatte, versuchte Phillip zu überzeugen, dass eine Königstochter dem Hause Aldenaar besser anstehen würde. Sie erinnerte Philipp daran, dass seine Mutter von höchst edlen Vorfahren abstammte und Kaiser und Könige in der Ahnenreihe hatte. Aber sie kam zu spät. Wäre Philipp nicht so verliebt gewesen, hätte er vielleicht die Bedenken seiner Stiefmutter berücksichtigt, so aber waren sie für ihn bedeutungslos geworden.

Dann kam der Tag, an dem Maximilian von Reifenstein nun also der sechste Fürst des Reiches wurde. Der König konnte die Fürsten zu Beratungen hinzuziehen und sie hatten ein gewichtiges Wort bei der Entscheidung über Krieg und Frieden. Sie waren sozusagen sein Kronrat. Teil davon zu sein, war eine große Ehre.

Sophie und Richard waren an diesem großen Tag ebenfalls anwesend. Philipp hatte sie in der ganzen Zeit auf dem Schloss in ihren alten Gemächern wohnen lassen. Glücklicherweise hatte sich Leopold ihrer angenommen. Philipp hatte sich dafür bei Leopold mehrfach bedankt. Dieser lächelte Philipp an und meinte nur, dass er seine Probleme mit seinem Bruder und dessen Mutter verstehen würde und es für ihn ein Freundschaftsdienst sei.

Philipp überlegte, wie er sich bei Leopold für dessen Dienste und Hilfe bedanken konnte. Sollte er ihm den höchsten Orden des Landes verleihen oder ihn zum Kanzler machen? Doch ein Kanzler musste sich mehr um die administrativen Dinge im Reich kümmern. Er brauchte Leopold aber als seinen Berater. Und Orden waren mehr für auf Anerkennung erpichte Personen wichtig. Er glaubte nicht, dass Leopold auf so etwas Wert legte. Aber er wollte weiter darüber nachdenken, wie er Leopold auszeichnen konnte.

Philipp hielt Richard für hochnäsig und sehr von sich eingenommen. Obwohl er mit 18 noch sehr jung war, sah er in Philipps Augen sehr gut und männlich aus. Er war natürlich ein hervorragender Reiter und konnte auch perfekt mit den verschiedensten Waffen umgehen. Dafür wurde er insgeheim von Philipp beneidet. Doch sein arrogantes Auftreten stieß Philipp ab. Außerdem hatte er das Gefühl, dass sich Richard über ihn auch jetzt noch lustig machte. Denn Richard hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Philipp verachtete. Sein dicker, ungeschickter Bruder, der ihm im Wettkampf immer unterlegen war. Auch deshalb hatte Philipp, als er König wurde, dafür gesorgt, dass Richard und seine Mutter das Schloss verlassen mussten. Das hatte ihm besonders Sophie übel genommen. Das Schloss Halfeld, in dem sie jetzt lebten, war zwar nicht weniger komfortabel als sein Schloss, aber es war eben nicht das Königsschloss.

In der Anwesenheit von vier der fünf Fürsten, seiner Familie und Leopold überreichte Philipp Maximilian von Reifenstein die Urkunden zur Ernennung zum Fürsten. Agnes strahlte ihn an und Philipp lächelte zurück. Sein Bruder blickte wie erwartet finster. Der Herzog von Premlau, der mächtigste der Fürsten, gratulierte dem Grafen von Reifenstein als erster. Er war mit Philipps Entscheidung nicht unzufrieden. Er kannte den Grafen schon lange und schätzte ihn ebenfalls. Der Herzog wusste, wie wenig man dem jungen König, den niemand richtig gekannt hatte, zugetraut hatte, und er fand, dass er seine Sache gut machte. Das Volk hatte er für sich gewonnen und das war ein hohes Gut.

Der Herzog von Elblingen war verwundert, dass der König einen weiteren Fürsten berufen hatte. Er konnte auch den meisten Ideen des jungen Königs wenig abgewinnen, aber er respektiert den König, der offensichtlich die Führung des Reiches sehr ernst nahm.

Sehr zurückhalten war auch der Graf von Lyenne. Doch auch er schloss sich den Gratulanten an.

Der Graf von dem Berge hatte den neuen König noch nie gesehen, denn er war bei der Krönung verhindert gewesen, so beobachtete er König Philipp nun genau. Ja, er war dick und manchmal etwas ungeschickt, aber er schien einen wachen Verstand zu haben und war offensichtlich an den Belangen seines Landes interessiert. Was den Grafen aber für seinen König einnahm war, dass diesem das Wohl der Menschen am Herzen zu liegen schien.

Gundula und Agnes von Reifenstein und Sophie von Aldenaar zogen sich zurück, nachdem der eigentliche Festakt beendet war. Philipp fand, dass sich Agnes wunderbar verhalten hatte. Sie hatte mit jedem der Fürsten ein Wort gewechselt im Gegensatz zu seiner missmutigen Mutter.

Der König und die Fürsten wollten die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, um miteinander zu reden. Leopold wollte ebenfalls gehen, doch Philipp hielt ihn zurück. Leopold war zwar kein Fürst, aber der wichtigste Berater des Königs und das sollten die Fürsten ruhig wissen. Richard blieb ungebeten ebenfalls. Philipp ließ es geschehen, denn er wollte ihn nicht beschämen, indem er ihn hinauswies.

Es standen nicht viele Themen an, aber es genügte, um sich etwas besser kennenzulernen. Die Wegelagerei und Überfälle konnten bisher nicht zurückgedrängt werden. Irgendwie waren die Räuber den Soldaten immer einen Schritt voraus. So wurde über Straßen, Handel und den Schutz derselben gesprochen.

Der nächste Tag war der große Abreisetag. Philipp und Agnes mussten sich vorläufig trennen. Die Fürsten kehrten in ihre Ländereien zurück.

Die ersten, die schon früh abreisen wollten, waren Richard und seine Mutter. Philipp würde die beiden nicht vermissen. Auch wenn er keinen konkreten Grund dafür hatte und er Sophie dankbar für ihre Gastgeberrolle gegenüber den Damen von Reifenstein war, fühlte er sich in ihrer Nähe nicht sonderlich wohl. Daran hatte ihr Aufenthalt hier nichts geändert.

Die Kutsche seiner Stiefmutter stand schon unten im Hof und so ging er hinunter.

„Mein lieber Junge“, begrüßte ihn Sophie, „wir hatten ja gestern kaum Zeit zu reden. Lass uns doch ein paar Schritte gemeinsam gehen.“

Sie legte sich ein Kopftuch um und ging los. Philipp folgte ihr und hatte sie schnell eingeholt.

„Ist dies nicht alles ein wenig viel für dich? Richard und ich würden dich unterstützen, wenn du uns nur ließest. Wir sind doch deine Familie.“

„Ich danke Euch für dieses Angebot, aber nein, ich komme gut zurecht. Leopold von Traub unterstützt mich.“

„Berater sind aber keine Familie.“

„Nein, das stimmt, aber ich wurde ausgebildet, um als König zu regieren. Du selbst hast immer betont, wie notwendig es war, dass ich im Ausland erzogen worden bin. Nun bin ich bereit.“

„Ja, wir mussten alle große Opfer bringen. Ich hätte dir gerne ein Heim geschaffen.“

Das wiederum glaubte Philipp nicht.

Wie Philipp bemerkte, hatten sie zu zweit den Schlosshof verlassen. Sophie lief stur weiter und redete auf Philipp ein. Um nicht unhöflich zu erscheinen, folgte er ihr.

Da stürzte plötzlich ein Mann aus einem nahen Gebüsch und stach mit einem kurzen Dolch auf Philipps Brust ein. Philipp hörte Sophie aufschreien, spürte den Schmerz und sah das Blut an seiner Hand, das aus der Wunde quoll, bevor er das Bewusstsein verlor.

3. Die Turnacherin

Wilde Träume bewegten Philipp. Heftige Kämpfe und dazwischen immer wieder Agnes‘ freundliches Gesicht. Es waren nur kurze Phasen von Bewusstsein und dann verschwand alles wieder in einem Strudel. Er sah Gestalten, die er nicht kannte, die aber immer wieder in seinen Träumen auftauchten. Es gelang ihm nicht, Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Philipp spürte etwas Kaltes auf der Haut und öffnete die Augen. Es blieb aber dämmrig. Die Kälte war nicht unangenehm. Irgendjemand murmelte unverständliche Worte. Er versuchte, sich zu bewegen, aber es fiel ihm sehr schwer. Das Liegen schmerzte, aber auch jede Bewegung.

„Wasser“, krächzte er mit einer Stimme, die ihm fremd war.

Jemand gab ihm aus einer rauen Schale zu trinken. Dann fiel er in die Bewusstlosigkeit zurück.

Er wachte erneut aus einem wilden Traum auf. „Agnes?“, flüsterte er, dem letzten Traumbild nach.

„Ich bin ja da“, antwortete eine zittrige alte Stimmen, „ich bin ja da, die Turnacher Agnes ist ja da. Komm, mein Söhnchen, ich helfe dir.“

Knochige, sehnige Arme halfen ihm, sich aufzurichten. Aber wer war sie und wo war er? Es war ein einfaches Lager. Nur ein winziges Fenster ließ etwas Licht auf den dreckigen Boden fallen. Das grob zusammengefügte Mauerwerk war unverputzt.

Die Alte goss Wasser aus einem Krug in eine Schale und gab sie ihm. Durstig trank er das Wasser aus. Schon wieder umfing ihn eine große Schwäche, aber er wollte nicht wieder das Bewusstsein verlieren. Als er die Schale wegstellen wollte, spürte er den Schmerz in der Brust. Schnell nahm sie ihm das Gefäß ab.

„Aufpassen, aufpassen, damit nicht alles wieder aufreißt“, murmelte die Alte vor sich hin.

„Was ist denn geschehen?“

„Was weiß ich“, die Alte wackelte mit ihrem Kopf, „du hast nach Agnes verlangt und da haben sie dich hierher gebracht. Die Lärmer, die Lärmer haben dich gebracht, ja, das haben sie.“

Sie drehte sich weg und redete mehr mit sich selbst als mit ihm.

„Jeder weiß, dass die Turnacher Agnes was von Kräutern versteht. Deshalb habe ich auch hier immer Kräuter. Ja, die Kräuter, die Kräuter.“

Sie schlurfte zu einem Regal, auf dem es irdenes Geschirr und anscheinend auch Kräuterbündel gab. Hatten seine Diener ihn zu ihr gebracht, damit sie ihn heilen konnte? Aber warum sollte sie nicht zu ihm kommen?

„Ist hier noch jemand?“, rief er so laut er konnte. „Leopold?“

„Aber Söhnchen, wer soll hier denn sein? Niemand aus dieser Welt, nur du und die Turnacherin.“

Philipp kam nicht mehr gegen die Schwäche an und schlief wieder ein. Aber es war keine tiefe Bewusstlosigkeit mehr, sondern erholsamer Schlaf.

Als Philipp wieder erwachte, versuchte er, sich selbst aufzurichten, aber es ging nicht. Er hatte keine Kraft und alles drehte sich.

„Vorsicht“, rief die Alte, „Söhnchen, ganz langsam. Das Leben kommt nur langsam zurück.“

Philipp merkte, dass sie recht hatte, denn er konnte sich kaum bewegen, geschweige denn aufstehen. Aber er verstand nicht warum.

Vom Liegen war er unendlich schwach. Sein Körper war wund und voller Schwären. Er wusste nicht wie er liegen sollte, immer tat etwas weh.

Als er seine Hand zum ersten Mal sah, konnte er nicht glauben, dass es die seine war. Seine Arme und seine Beine waren dürr, dazu die eitrigen Wunden an Ellenbogen, Schulter, Hüfte und Knie, die Agnes mit ihren Kräutern behandelte. Er war völlig abgemagert. Wie konnte das sein? Die Stichwunden waren kaum verheilt, also konnten doch nur wenige Wochen vergangen sein. Doch er hatte einen Bart, längeres ungepflegtes Haar und dreckige Nägel. Es passte nicht zusammen.

„Wie lange bin ich schon hier?“, fragte er Agnes.

Die Alte wackelte mit dem Kopf und murmelte Unverständliches.

„Agnes, bitte!“, flehte er.

Sie kam zu ihm und sah ihn mit einem klaren Blick an.

„Söhnchen, sie haben dich halb tot zu mir gebracht. Der Tod stand hinter dir, ich habe ihn gesehen und die Lärmer auch. Deshalb haben sie dich gebracht, der Tod, der Tod ist ein kalter Gesell.“

„Ja, ich glaube dir. Doch wie lange ist das her?“

„Zweimal Fegen. – Ja, das ist die Zeit, zweimal Fegen. Zweimal Fegen.“

„Agnes, wie lange?“, fragte Philipp verzweifelt.

„Zweimal Fegen.“

Mehr war von Agnes nicht zu erfahren. Er verstand sie einfach nicht.

So vergingen ungezählte Tage zwischen Wachen und Schlafen. Er sah niemanden als diese halbverrückte Alte. Doch sie kümmerte sich gut um ihn und es ging ihm von Tag zu Tag besser.

Was war nur geschehen? Sie hatten ihn hier eingesperrt. Seine Kleider, seine Ringe, alles war weg. Er trug nur ein einfaches Hemd und eine einfache Hose aus grobem Stoff. Nicht einmal Schuhe gab es. Aber er war doch der König, Philipp von Aldenaar. Rufen hatte ihn nicht weitergebracht. Die Tür war verschlossen. Von Zeit zu Zeit gab es Wasser und Brot und einen Eimer für die Notdurft durch eine Klappe an der Tür. Agnes kümmerte sich darum. Die Männer, die alles brachten, nannte sie ‚die Lärmer‘, denn sonst war es meist still. Agnes redete mit ihm und mit sich selbst, aber oft ergab es für ihn keinen Sinn. Sie fühlte sich am wohlsten, wenn niemand kam. Sie hatte wohl zu viel Böses erfahren.

Philipp wusste, nur durch Übung konnte er wieder zu Kräften kommen. So nutzte er das Wenige, was er hatte, um sich zu ertüchtigen. Aber sehr weit kam er damit nicht, denn er hatte ständig Hunger. Selbst das Wasser war knapp.

Es half Philipp, mit Agnes zu sprechen, denn die Situation machte ihn halb wahnsinnig. Agnes konnte sich an ihr Leben vor ihrer Gefangenschaft kaum erinnern. Er verstand mit der Zeit, dass sie der Hexerei angeklagt worden war und dass sein Vater sie weggesperrt hatte, wohl um sie vor dem Tod zu bewahren. Das war, selbst für einen König, ein mutiger Schritt gewesen.

Aber war das Dahinvegetieren besser? Es gab wohl Menschen, die ihre Fähigkeiten auch jetzt noch schätzten, ihr Kräuter brachten und sich Tinkturen und Rat bei ihr holten. So hatte sie eine Aufgabe und kümmerte sich um die Kräuter. Es gab ein paar Frauen, die das Sammeln von Kräutern verstanden und Agnes versorgten. Agnes vermisste ihre Besucherinnen, denn seit er bei ihr war, war niemand mehr gekommen. Agnes besaß einen schönen wärmenden Schal, den sie nie ablegte, Philipp war sich sicher, dass sie ihn einst für ihre Hilfe bekommen hatte. Sie zeigte Philipp die Kräuter, die sie für seine Stichwunden gebraucht hatte. Philipp kannte sie sogar, aber er hätte nie gedacht, wie wirksam sie sein konnten.

Ohne Agnes‘ Hilfe würde es ihm viel schlechter gehen. Ihre Kräuter nahmen ihm die meisten Schmerzen und halfen bei der Heilung. Sie kümmerte sich um ihn und das tat seiner Seele gut. Ihr gefiel seine Anwesenheit anscheinend ebenfalls. Als er das erste Mal wieder auf seinen Beinen stand, jubelte auch Agnes und lachte mit ihrem fast zahnlosen Mund.

Inzwischen hatte er auch Agnes Zeitangabe verstanden. Man hörte die Lärmer fegen. Anscheinend wurde der Gang regelmäßig gereinigt. Philipp zählte die Tage und es geschah wohl alle zwei Wochen. Aber ein Monat war viel zu kurz, um seine Verwandlung zu erklären. Doch er glaubte Agnes, sie hatte wohl drei bis vier Wochen um sein Leben gekämpft, bis er endlich erwachte.

4. Im Kerker

Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Agnes und Philipp blickten auf. Agnes verängstigt und Philipp mit Hoffnung. Zwei vierschrötige Männer ergriffen Philipp und zogen ihn mehr, als das er gehen konnte.

„He, was soll das!“, empörte sich Philipp. Doch sie hörten ihm nicht zu, sondern brachten ihn in einen Hof. „Lasst mich gehen, ich bin der König!“

Die Männer ignorierten ihn. Trotz des wolkenverhangenen Himmels war Philipp geblendet. In der Ecke arbeitete ein Schmied.

„Hier ist der Nächste“, sprach der eine.

Sie zerrten seine Arme nach vorn und der Schmied legte ihm Eisen an.

„Nein“, schrie Philipp, „was soll das? Was wagt ihr!“

Er versuchte, sich zu befreien, aber das war nicht möglich. Sie hatten seine Handgelenke mit Eisenbändern umschlossen, zwischen denen eine Kette befestigt war. Der Schmied zeigte auf die Füße.

„Die auch?“

„Nein, der Kerl kann eh kaum laufen.“

Sie brachten ihn wieder zurück, aber diesmal in eine andere Zelle. Dort war er allein mit seiner Verzweiflung. Nun wusste er zwar, wo er war, aber das machte es nicht besser. Es war der Innenhof des Gefängnisses von Cyni, der Hauptstadt seines Reiches, gewesen. Er musste als Kind hier einmal einer Hinrichtung beiwohnen und hatte es nie vergessen. Aber wie kam er hierher und warum hielt man ihn gefangen? War das Reich während seiner Krankheit überfallen worden? Aber er hatte doch Soldaten, die es schützten. Sollte er hier nun zugrunde gehen? Die Hilflosigkeit ließ ihn verzweifeln. Er zerrte an der Kette. Der Schmerz brachte ihn wieder ein wenig zu sich.

Zwei Tage vergingen. Nun gab es keinen Menschen mehr, nur Dämmerung und kalte Steine. Er vermisste Agnes Turnacher. Philipp musste sich sehr zusammenreißen, um in seiner Zelle zu laufen, aber ohne Übung würde er wieder schwächer werden. So zog er eine deprimierende Runde nach der anderen, bis er vor Schwäche nicht weiterkonnte. Rufen hatte er aufgegeben.

Wenige Tage später öffnete sich die Tür erneut. Es waren die beiden Wachen vom letzten Mal. Sie zerrten ihn hoch und hinaus. Diesmal ging es in ein anderes Gebäude. Sie führten ihn in einen Saal und ketteten ihn an einen Platz. Anscheinend war die Kette genau dafür vorgesehen. Trotzdem blieben die beiden rechts und links von ihm stehen. Der Saal füllte sich. Er sah die hasserfüllten Blicke der meisten Zuschauer. Was war nur geschehen? Als letztes kam der Richter. Seine Wächter zerrten ihn hoch.

„Schreiber, verlesen Sie die Anklage.“

„Nach den vorliegenden Zeugenaussagen ist dieser Mann angeklagt, König Philipp von Aldenaar erstochen zu haben.“

Philipp wurde es schwindlig. „Was?“

„Wie ist dein Name?“, wollte der Richter von Philipp wissen.

„Ich bin Philipp von Aldenaar!“, antwortet Philipp energisch, „und verbitte mir diese Anrede.“

Es folgte ein Tumult und vereinzeltes Lachen.

„Ruhe!“, rief der Richter und die Zuschauer schwiegen wieder.

„Was willst du mit der Komödie beweisen? Nimmst du diesen Ort nicht ernst?“, fragte der Richter und ignorierte Philipps Einwand. Er würde diesen schäbigen Kerl nicht wie einen ehrenwerten Bürger behandeln.

„Doch, das tue ich. Das alles muss eine fürchterliche Verwechslung sein. Ich bin euer König!“

„König Philipp ist tot und begraben. Lass‘ ihn in Frieden ruhen und verschlimmere deine Lage nicht. Du bist des Mordes an König Philipp angeklagt. Also nenne wenigstens deinen Namen.“

„Lasst doch Zeugen zu wie Leopold von Traub, meinen Berater, oder Königin Sophie und meinen Bruder Prinz Richard.“

„König Richard, meinst du! Nein, König Richard und Leopold von Traub ist dein Anblick nicht zuzumuten. Der Schmerz, den die Ermordung für sie bedeutet, sitzt zu tief. Sie haben ihre Zeugenaussagen schon gemacht.“

Plötzlich verstand Philipp.

„König Richard, darum geht es, König Richard!“, rief er. Wieso hielten ihn alle für tot? Was für eine Intrige!

„Es kann keinen König Richard geben, denn ich bin König Philipp und ich lebe!“ Philipp hatte sich ganz aufgerichtet und funkelte den Richter böse an.

„Ist dies dein Motiv? Du lebst ja wirklich in dem Wahn, Philipp von Aldenaar zu sein“, der Richter schüttelte den Kopf. „Was für eine Tragik. Hieltest du den Mann, den du erstochen hast, für einen Hochstapler?“

„Ich habe niemanden erstochen, ich wurde überfallen. Die Narben sind noch sichtbar“, versuchte Philipp erneut, sich zu erklären.

„Du wurdest bei der Gefangennahme verletzt, deswegen hat es so lange gedauert, bis wir dich vor Gericht stellen konnten. Du kannst den Spieß jetzt nicht umdrehen. Es gibt eine Zeugin des Geschehens – Gerichtsdiener, bittet Ihre königliche Hoheit, Sophie von Aldenaar herein.“

Sophie, endlich jemand, der ihn kannte. Nun konnte sich alles aufklären. Philipp wusste ja selbst nicht, was geschehen war. Das Letzte, an das er sich sicher erinnern konnte, war, dass er in die Eingangshalle trat, um sich von Sophie und Richard zu verabschieden.

Sophie kam hochaufgerichtet und stolz herein, vollständig in Schwarz gekleidet, genau wie Philipp sie kannte. Ihr Blick streifte ihn nur.

„Mutter, Gott sei Dank, Ihr könnt den schrecklichen Irrtum aufklären“, rief ihr Philipp zu.

„Schweig!“, donnerte der Richter. „Du sprichst nur, wenn es dir gestattet wird.“

„Eure königliche Hoheit“, wandte er sich Sophie zu und seine Stimme wurde sanft, „wir sind sehr froh, dass Ihr Euch der Mühe unterzogen habt, hierher zu kommen.“

„Das ist doch selbstverständlich.“

„Bitte berichtet von der Ermordung Eures Sohnes.“

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht.

„Mutter, bitte“, flehte Philipp.

„Noch ein Wort und ich lasse dich knebeln“, warnte der Richter.

„Richard und ich wollten an diesem Tag abreisen. Philipp fiel es schwer, sich von uns zu trennen, und so spazierten Philipp und ich zum Abschied ein wenig vor das Schloss. Ich habe ihn noch gewarnt, dass wir nicht ohne Begleitung gehen sollten, aber er winkte nur ab. Mit so etwas konnte ja auch keiner ernsthaft rechnen. Kurz außerhalb des Schlosshofes stürzte ein Mann auf Philipp zu. Stach auf ihn ein und verschwand. Ich schrie vor Schreck. Vielleicht hat ihn mein Schrei vertrieben, sonst hätte er mir auch noch etwas angetan.“

„Und dieser Mann ist hier im Saal?“

„Ja, es ist der Angeklagte. Er stand mir ja direkt gegenüber und das Bild hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Mein armer Junge lag in seinem Blut. Sein Gesicht war wächsern und bleich.“ Sophie kullerten die Tränen, die sie mit einem feinen Spitzentaschentuch wegtupfte.

Philipp stand erstarrt da, Sophie bezichtigte ihn des Mordes? Das war der Plan?

„Eure Hoheit erkennt ihn ganz sicher?“, fragte der Richter nach.

„Aber ja, durch meine Beschreibung konnte er ja überhaupt nur gefasst werden Er hat sich vor seiner Verhaftung seiner Tat gerühmt, auch wenn er jetzt nichts mehr davon wissen will. Bei seiner Gefangennahme hat er sich heftig gewehrt und wurde schwer verletzt. Warum sollte das ein Unschuldiger tun?“

„Aber Eure Hoheit kennen ihn nicht? Ihr kennt seinen Namen nicht?“

„Nein, ich bin ihm vorher nie bewusst begegnet.“

„Er behauptet, Philipp von Aldenaar zu sein.“

„Was für eine Frechheit“, brüskierte sich Sophie. „Philipp ist tot. Durch seine Hand gestorben.“ Erneut kullerten Tränen. „Er muss wahnsinnig sein. Natürlich, es war ja auch die Tat eines Wahnsinnigen. Philipp hat niemandem etwas getan. Dazu war er gar nicht in der Lage. Schaut euch doch diese Vogelscheuche an. Er hat ja nicht einmal Ähnlichkeit mit Philipp.“

Zustimmendes Gemurmel wurde im Saal laut.

„Angeklagter, wer bist du?“

„Ich bin Philipp von Aldenaar.“ Philipp betonte jedes Wort.

„Du willst gegen jede Vernunft an dieser Lüge festhalten? Wieso hast du den König angegriffen und ermordet?“

„Ich habe niemanden ermordet.“

Die Zuhörer murrten und schüttelten die Köpfe. Der Richter stand auf und alle im Saal folgten seinem Beispiel.

„Du bist der Mörder unseres geliebten Königs und dafür wirst du hängen.“

„Nein! Das könnt Ihr nicht tun!“

„Nein? Oh doch. Die Zeugenaussagen zu deinem heimtückischen Mord liegen mir vor. Du hast einen unbewaffneten Mann erstochen und bist geflohen. Doch du wurdest von den königlichen Wachen gefangen gesetzt und Ihre königliche Hoheit Sophie von Aldenaar hat dich wiedererkannt. Nun wirst du hängen. Draußen vor der Stadt, damit alle sehen, wie wir mit Königsmördern verfahren. Von einer weiteren Bestrafung sehe ich wegen deines Wahnes ab. Was dich zu dieser Tat führte, werden wir wohl nicht ergründen. Aber dieser Wahn hat unserem König das Leben gekostet.“

„Euer Urteil kostet eurem König das Leben!“

Der Richter aber schaute nur verzweifelt auf Philipp.

„Führt ihn ab, ich kann ihn nicht mehr sehen.“

Philipp schaute noch verzweifelter auf seinen Richter.

„Holt doch nur eine Person, die mich kennt! Leopold von Traub oder Maximilian von Reifenstein.“

„Warum? Wer kann Philipp von Aldenaar besser kennen als seine Mutter? Aber auch ich selbst habe König Philipp gekannt, und du hast nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihm.“

Niemand im Saal stand auf seiner Seite, die Gesichter sahen grimmig oder zufrieden aus. Keiner schien Mitleid oder Zweifel zu haben. Seine Wachen ketteten ihn los. Er konnte vor Schwäche kaum laufen. Aber es war nicht nur die körperliche Entkräftung, es war auch die Verzweiflung. Also schleppten sie ihn wortlos wieder in seine Zelle zurück. Auf seinem Lager brach er zusammen und gab sich seiner Verzweiflung hin.

5. Die Hinrichtung

Philipp war nun wirklich dem Wahnsinn nahe. Er saß im Kerker und musste auf seine Hinrichtung warten, weil man ihn als seinen Mörder verurteilt hatte. Oder bildete er sich wirklich nur ein, Philipp von Aldenaar zu sein? Nein, er wusste, wer er war. Vielleicht hatte seine ausgezehrte Gestalt wirklich nicht viel Ähnlichkeit mit dem dicken König von einst. In einfacher Kleidung, ohne Schuhe, ungewaschen und unrasiert wie er war. Seine Handgelenke waren wund von den Ketten. Aber all das bedeutete nichts gegen seine seelische Pein. Er wollte nicht sterben. Aber was konnte er tun?

Die Tage verrannen und niemand kümmerte sich um ihn. Der einzige Kontakt zur Außenwelt war die Klappe, durch die er Brot und Wasser bekam. Trotzdem war er ständig hungrig, es reichte nie. Kein Wunder, dass Agnes Turnacher halb verrückt geworden war, ihm ging es nun nicht besser. Er zermarterte sein Hirn nach einer Lösung, nach irgendeinem Ausweg.

Er konnte rufen und schreien, aber niemand kam. Dann übermannte ihn wieder die Verzweiflung und er lag einfach nur da. Doch er wollte nicht aufgeben und übte sich aus Trotz weiterhin im Gehen. Es war feucht, kalt und dunkel. Er vermisste Agnes und ihre Kräuter. Weit oben gab es eine kleine vergitterte Öffnung, durch die manchmal etwas Licht drang, wenn die Sonne schien, aber das tat sie selten genug. Er wusste nie, wann es Brot gab, aber er lauerte an der Tür, um den Moment zu erhaschen, damit er mit den Wärtern sprechen konnte. Doch diese schlugen die Klappe zu, ohne ihm zuzuhören, und außer einer verstauchten Hand brachte es Philipp daher nichts ein.

Im Halbschlaf träumte er von seiner Agnes. Glaubte sie auch, dass er tot sei? Vielleicht war es sogar gut so, denn wenn sie wüsste, was er erleben musste, würde auch sie leiden. Wie gerne würde er sie wenigstens für einen kurzen Augenblick wiedersehen.

Er hatte im Spätsommer seinen Geburtstag gefeiert und nun schien es Frühjahr oder Frühsommer zu sein. Es fehlten ihm auf jeden Fall mehrere Monate seiner Erinnerung.

Philipp erwachte durch das Geräusch der sich öffnenden Tür. Er war noch nicht ganz wach, als sie ihn schon packten und nach draußen brachten. Diesmal schien die Sonne und blendete ihn, sodass er erst einmal komplett blind war. Er sah den Karren erst, als sie ihn reinhoben und anketteten.

Es war vielmehr ein Käfig aus groben, aber starken Ästen gezimmert. Philipp ertastete die Äste und richtete sich auf, sehen konnte er immer noch nicht richtig, seine Augen tränten. Eine alte Mähre zog den Karren aus dem Hof. Bewaffnete Männer begleiteten ihn. Als der Wagen anzog, stürzte Philipp und richtete sich mühsam wieder auf.

Direkt hinter dem Gefängnistor standen die ersten Menschen. Sie schrien ihn an und bewarfen ihn mit Unrat. Er spürte ihren Hass und ihre Wut. Hier würde er keine Hilfe finden. So ging es den ganzen langen Weg durch die Stadt. Langsam erholten sich seine Augen, doch was er sah, ließ ihn noch mehr verzweifeln. Die Menge tobte und Philipp sah ihren Zorn. Er suchte nach irgendeinem Gesicht, das Rettung versprach, aber er fand keines. Immer wieder flogen Gegenstände in seine Richtung. Es war schwer, in dem rumpligen Wagen auf den Beinen zu bleiben, seine Hände und Füße bluteten bald, aber er wollte nicht auf Knien aus der Stadt gefahren werden.

Draußen am Galgen war speziell für die Hinrichtung eine Tribüne aufgebaut worden. Als sie den Platz vor dem Galgen erreichten, sah er Richard auf der Tribüne. Er wollte wohl dem Schauspiel beiwohnen. Philipp schrie seinen Namen, da blickte Richard ihn voller Verachtung an. Das ‚Hilf mir‘ blieb Philipp in der Kehle stecken. Unterstützung hatte er von seinem Bruder nicht zu erwarten. Denn er wollte ihn ebenso wie Sophie von Aldenaar tot sehen. So unverhohlen hatte er seinen Hass auf den älteren Bruder nie gezeigt. Mit seinem Tod wurde Richard der König und niemand konnte ihm den Thron streitig machen.

Die Wachleute holten ihn aus dem Karren und stellten ihn an den Galgen. Philipp konnte seinen Blick nicht von Richard abwenden. Nur ein Wort seines Bruders konnte ihn retten. Die Menschen um ihn herum blickten ihn mit Hass und Verachtung an, Richard hingegen mit Genugtuung und Triumph. Es war kein Versehen, dass er hier stand, es war Absicht. Nun wusste er es ganz genau, aber was nutzte es? Die Sonne stand schon so tief, dass sie die ganze Tribüne anstrahlte. So war sein Bruder prächtig anzusehen in seiner Uniform und die Knöpfe der Jacke funkelten im Sonnenlicht. Dieser Anblick brannte sich in Philipps Hirn, als wenn es nichts Wichtigeres geben würde. Dann spürte er die Wärme der Sonne auf seiner Haut und wie köstlich jeder Atemzug war.

Es wurde ernst, der Henker kam, mit einer Kapuze und dem Strick, auf Philipp zu. Philipps Herz setzte aus, das war sein Ende. Die Wachen wichen vor dem Henker zurück. Auch sie fühlten sich bei dessen Anblick unwohl.

Plötzlich war Pferdegetrappel zu vernehmen, ein Reiter preschte durch die Menge, riss Philipp vom Boden empor und warf ihn über seinen Sattel. Das Pferd nahm sofort wieder Tempo auf, sodass niemand sie aufhalten konnte.

„Neeeeeeein!“, hörte Philipp seinen Bruder schreien, aber es änderte nichts.

Der Sattelknauf drückte bei jedem Galoppsprung in seinen Magen, aber für Philipp bedeutete es nur, dass er leben würde. Es war eine wilde Jagd, der Reiter trieb sein Pferd zu äußerster Geschwindigkeit an.

Berittene Wachen hatten sich wohl nicht auf dem Richtplatz befunden, denn es gab keine direkten Verfolger. Erst viel später, und weit entfernt hörte man Rufe und Pferdegetrappel, Soldaten des Königs, die schon viel Zeit auf die Gejagten verloren hatten. Die Dämmerung setzte ein und der Reiter lenkte sein Pferd auf einen schmalen Pfad in einen Wald.

6. Die Flucht

Der Brandel Franz war als Zeuge zu der Hinrichtung geschickt worden. Man hatte ihn ausgewählt, weil man Franz hier nicht kannte. Unter den Städtern würde er nicht auffallen. Erst am Morgen des Hinrichtungstages war er in Cyni angekommen. Die Hinrichtung sollte aber erst nachmittags stattfinden, so hatte er etwas Zeit, sich umzusehen und etwas zu essen.

In der Gaststube gab es nur ein Thema. Die Städter wollten den Mörder ihres Königs hängen sehen. Manche hätten gewünscht, dass er zuerst gefoltert wird, und fanden, dass es ein zu einfacher Tod wäre. Aber so besagte es nun mal das Urteil. Franz bedeutete der Mörder nichts. Er mochte keine Folter und er mochte auch keine Hinrichtungen. Aber König Richard hatte sein Leben zerstört und nun war er also hier.

Als sich die Menschen zum Richtplatz aufmachten, lief er mit. Allerdings hatte er sein Pferd dabei, da er danach sofort aufbrechen wollte. Er blieb, auch wegen des Pferdes, hinter der Menge stehen. Mehrere prächtige Kutschen kamen an und die Menschen, die ihnen entstiegen, nahmen auf der Tribüne Platz. Darunter ein jungen Mann in Uniform, dessen Kutsche das königliche Wappen trug. Franz Brandel vermutete, dass dies König Richard war. Wie sehr hasste er diesen Mann. Dann hörte man Schreie und Rufe, der Karren mit dem Mörder näherte sich dem Richtplatz. Franz stieg auf sein Pferd, um besser sehen zu können.

Die Gestalt, die sie aus dem Käfig holten, sah trostlos und verzweifelt aus. Sie blickte wie gebannt auf die Tribüne und der Mann in der prächtigen Uniform blickte zurück.

„Richard“, schallte es über den Platz. Kannte der Verurteilte den König etwa?

Franz sah den Triumph in den Augen dieses Mannes auf der Tribüne, die Genugtuung. Das war also König Richard, der König wollte den Tod des Mörders seines Bruders, aber da war noch mehr. Franz gönnte ihm diesen Triumph allerdings nicht. Er wurde immer aufgeregter. Als die Wachen vor dem Henker zurückwichen, war es eine Entscheidung des Augenblicks. Er schlug seinem Pferd die Hacken in die Seiten und spornte es an, preschte vor, beugte sich runter und zog den Mörder auf sein Pferd. Das ging leichter als gedacht.

Ein „Neeeeeeein!“ gellte über den Platz und er hoffte, dass es vom König kam. Schnell hatten sie den Menschenring durchbrochen. Sein Pferd war großartig, es lief wie der Teufel.

Franz ließ sein Pferd laufen, auch wenn keine Verfolger zu sehen waren, sie würden bald kommen. Zum Glück hatte wohl niemand auf einem Pferd gesessen und bis sich die Verfolger formiert hatten, war der Vorsprung schon groß. Mit der Doppellast konnte er nicht auf Dauer entkommen, aber er musste auch nur den Wald erreichen. Dort konnte er sich verstecken. Er ritt noch ein ganzes Stück in den Wald hinein, bis es zu dämmrig wurde, und stieg ab. Der Delinquent hing leblos über dem Pferd. Da konnte er ruhig bleiben. Franz verließ den Pfad, folgte einem Bach und kam zu einer kleinen Lichtung. Dort gab es Gras für sein müdes Pferd.

Er zog den Mörder runter, der konnte sich kaum auf seinen Beinen halten und sank wie ein Häuflein Elend in sich zusammen und weinte bitterlich. Franz setzte sich ins Gras und sah voll Ekel zu dem schmutzigen, stinkenden, ausgemergelten Mann. Sollte er ihn hier zurücklassen? Aber nein, dann würden sie ihn sicherlich fangen und alles, was er, Franz, getan hatte, wäre umsonst gewesen. Aber was hatte er eigentlich getan? Er hatte den meistgehassten Mann des Landes vor dem Tod bewahrt. Den Mörder des geliebten König Philipps und alles nur wegen des Ausdrucks im Gesicht von König Richard oder des Mannes, den Franz für König Richard hielt. Sie würden ihn jagen und sein Hauptmann würde auch alles andere als begeistert sein.

Philipp blickte zu seinem Retter, Tränen der Erleichterung liefen immer noch über seine dreckigen Wangen in seinen Bart.

„Danke. Ich danke Euch“, schluchzte Philipp.

Die ganze Anspannung dieses schrecklichen Tages hatte sich gelöst. Sein Gegenüber blickte ihn jedoch verächtlich an. Ohne etwas zu sagen, stand er auf und ging zu seinem Pferd. Philipp versuchte auch aufzustehen, aber es ging nicht. Sein ganzer Körper war ein einziger Schmerz. Die Schürfwunden vom Karren und sein Bauch malträtiert vom Sattelknauf. Doch Schmerzen bedeuteten Leben und er genoss jeden Atemzug.