18,99 €
Das große Haus am Fluss verspricht Marta einen Neuanfang. Sie verliebt sich in das alte Gebäude, das Zeuge zahlloser Leben, Träume und Verluste geworden ist. Nur wenige sind noch hier: neben Marta nur Herr Yi, die Dichterin und Lu. Als Marta kurz nach ihrem Einzug erfährt, dass das Haus abgerissen werden soll, will sie kämpfen, aber findet in den anderen keine Verbündeten. Also stemmt sie sich allein gegen das Verschwinden der Geschichten, Erinnerungen und einer ganzen Welt. Ein leuchtender, kluger Roman, der voller Schönheit davon erzählt, was uns im Angesicht großer Umbrüche bleibt. »So groß wie die Themen ist die Erzählkunst der Autorin« myself
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.de/literatur
© Lin Hierse 2024
© Piper Verlag GmbH, München 2024
Covergestaltung: Zero Media GmbH, München
Coverabbildung: Erkin »Stilleven met vijgen« 2018
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.
Cover & Impressum
Zitate
–
1
2
Sun
3
4
Victor
5
6
7
Yuri
8
9
10
Nai
11
12
13
14
–
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
I worried a lot. Will the garden grow, will the rivers
flow in the right direction, will the earth turn
as it was taught, and if not how shall
I correct it?
– Mary Oliver
Ich weiß sofort, ob wir uns lieben werden. Also, wirklich lieben. Früher war das anders. Es genügte ein Kompliment, ein Blick von mehr als drei Sekunden, eine beiläufige Berührung, ein Lachen, das in mich hineinfiel. Jemand, der sagte, dass ich schön bin. Jemand, der mich für etwas Besonderes hielt. So wenig, und ich verwechselte Bewunderung mit Liebe. Aber mit zunehmendem Alter habe ich gelernt, den Unterschied zu erkennen zwischen jemandem, der mich anschaut, und jemandem, der mich wirklich sieht.
Ich weiß, dass ich schön bin. Vielleicht nicht mehr so offensichtlich wie früher, aber immer noch schön. Und am schönsten bin ich in der späten Nachmittagssonne, wenn die Schatten der Platanenblätter auf mir tanzen und das Licht mich vor seinem Verschwinden noch einmal weich und golden zeichnet. Das ist ein guter Moment für eine erste Begegnung. Meistens konnte ich spüren, wie ihr Herzschlag sich verlangsamte und ihre Sinne sich schärften. Sie nahmen mich zum ersten Mal wahr, und es dauerte keine zwei Atemzüge, dann sahen sie uns schon als Einheit, sie in mir und ich um sie herum. Jeder Weg führte sie zu mir. Sie waren ruhig und trotzdem aufgeregt. Sie wollten die tanzenden Schatten auch auf ihren Gesichtern. Sie vergaßen die Eile und Dringlichkeit ihres Lebens, hielten inne, und dann bewegten sie sich bedacht, als ließen sie mit jedem Schritt zu mir einen Teil von sich zurück.
Sie alle hatten eine solche Sehnsucht nach Veränderung. Deshalb musste auch ich mich verwandeln. Die meisten trugen zuerst mein Äußerstes ab. Manche waren dabei vorsichtig, andere gierig, aber sie alle wollten die Spuren ihrer Vorgänger beseitigen. Sie wollten mein Anfang sein, meine Hauptfigur. Nichts sollte sichtbar bleiben von denen, die mich vor ihnen berührt haben, und zugleich wollten sie tiefer vordringen, tiefer in mich hinein, näher an den Kern, den sie für mein echtes Wesen hielten.
»Die menschliche Haut hat sieben Schichten«, sagte Victor am Tag seines Abschieds, und stieß seinen Fingernagel wie einen stumpfen Spachtel unter meine oberste. Dann strich er mit seinen warmen Händen über die Wunde. Er war der Erste, der mich liebte. Wie er liebte mich lange Zeit niemand mehr.
Ich habe mich lieben lassen von: dem Mädchen, das sich zusammenrollte und in die Nacht flüsterte, ich hätte sein Leben gerettet. Dem Schneider mit den roten Wangen. Dem Fensterbauer. Der Gärtnerin. Sie alle brauchten einen Platz für ihr Tiefstes, und mir war es genug, dieser Platz für sie zu sein. Ich war ihre Zuflucht, ihre Höhle, ihr Tresor und ihr Musikzimmer. Es dauerte nie lange, bis sie mir ihre Geheimnisse erzählten und ihre Bilder an meine Wände hängten. Sie waren alle auf verschiedene Art ihres Zuhauses beraubt worden, also kamen sie zu mir, weil ich ihnen bereitwillig ein neues war. Mir reichte die Gewissheit, dass ich nach all den Jahren noch immer etwas zu geben hatte. Ich musste nur da sein. Sie lieferten sich mir aus, ohne Angst, denn von mir hatten sie nichts zu befürchten. So war es gut, so hätte es bleiben können bis zum Ende. Dann kam Marta.
Gemessen an meinem Leben war unsere gemeinsame Zeit kurz. So kurz, dass ich kaum von ihr erzählen kann. Ein paar Monate sind nicht genug, um wirklich zu begreifen, wer jemand ist. Die Geschichten der anderen haben sich über die Jahre in mir ausgebreitet, ich habe gelernt, wie ein Mensch sich nach und nach zusammensetzt, Bewegung, Sprache, Gewohnheit, Besitz. Aber Marta blieb ein Flimmern, flüchtig und doch so gewaltig. Am Anfang war ich froh, dass sie nicht rausgegangen ist. Das klingt schlimm, als hätte ich sie einsperren wollen und ganz für mich behalten, dabei ging es gar nicht um mich. Es lag an ihrem Gang, an ihrer Haltung. Sie bewegte sich wie eine, die zum ersten Mal auf einem Seil balanciert und dabei unbedingt ihre Angst verbergen will. Dabei war die Angst offensichtlich, sie lag in jedem ihrer Schritte. Ich glaube, sie war müde, und deshalb war sie langsam – viel zu langsam für draußen. Ohne den Schutz meiner Wände wäre sie davongeweht worden. Als ich Marta zum ersten Mal sah, beherrschte der Ostwind die Stadt. Er sammelte über dem Meer seine Kräfte und drückte sich dann durch die Häuserschluchten, im September und Oktober war er am stärksten, er wollte den Sommer wegfegen, der noch am Asphalt klebte. Es war also gut, dass sie nicht rausging.
Auch sie hat gesagt, dass ich schön bin, wie so viele vor ihr, und doch wusste ich sofort, dass sie etwas anderes meinte. Ihre Finger suchten ganz selbstverständlich die Wände ab, als gäbe es keinen Zweifel, dass darin etwas lebendig sein musste. Selbst Victor hatte mich nie mit solcher Zärtlichkeit berührt.
Marta. Manchmal sprach sie laut in den Raum hinein, obwohl kein Mensch in der Nähe war. Sie redete dann nur mit mir. Sie wollte wissen, ob Menschen, die sich noch niemals getrennt haben, glücklich sind, und sie sah dabei aus, als sehnte sie sich nach einem Nein. Am liebsten hätte ich geantwortet: Ich habe so viele unglückliche Menschen gesehen, das Unglück schert sich nicht um ihr Verhalten. Es lässt sich nieder, und dann baut es sich ein Nest, wo man es wohnen lässt. Ich kann darüber viele Geschichten erzählen. Zum Beispiel von Frau Song, die am Tag ihrer Hochzeit in Apartment 273 einzog und dort lebte, bis sie starb. Herr Song war ihr erster und einziger Mann. Er war ein Choleriker, sie war eine siebzehnjährige Braut mit der ganz bescheidenen Vorstellung, sich mit ihrem Mann zu arrangieren und einander ab und zu die Hand zu halten im Angesicht all der Härte, die das Menschsein mit sich bringt. Aber Frau Song bekam nichts davon. Herr Song brüllte ihr ganzes Leben lang, jeden einzelnen Tag, und die Wucht seines Geschreis ließ sie immer mehr schrumpfen. An dem Abend, an dem sie sich zum allerletzten Mal in ihr Bett legte, war sie klein wie ein Kind.
Das wollte ich Marta sagen, aber ich dachte, es wäre zu früh, sie hätte mich noch nicht hören können. Womöglich war das eine närrische Einschätzung. Ich hätte sofort alle Fragen stellen sollen: Warum bist du hier? Wann ist deine Ausgelassenheit verloren gegangen? Was tust du, wenn du so konzentriert Papier in Aktenordner heftest? Woran denkst du, wenn du stundenlang aus dem Fenster guckst? Wovor fürchtest du dich, Marta? Und hast du auch diese Vorahnung, leise und durchsichtig, dass das mit uns etwas Großes sein wird?
Eigentlich ist Marta sich schon sicher, bevor sie das Treppenhaus betritt. Sie ist diese Straße oft entlanggelaufen, besonders während der vielen Spaziergänge, die sie unternommen hat, als sie gerade neu ins Viertel gezogen war. Mittlerweile ist das Monate her, die Spaziergänge sind seltener geworden und ihr Blick unaufmerksamer, aber sie hat nicht vergessen, wie schön sie dieses Haus findet. Wahrscheinlich liegt es am Licht. Das Licht ist hier immer außergewöhnlich. Selbst wenn ein paar Blöcke weiter schwere Wolken zwischen den Dächern der Hochhäuser hängen, der Fluss und die Fassaden das Grau des Himmels vervielfachen, bleibt es hier hell. Marta betrachtet den grünen Lack, der sich wie Schuppen von den Briefkästen löst. Sie fährt mit einer Hand über die Klappe mit der Nummer 551, und sie denkt, dass es vielleicht doch etwas Gutes hatte – der Stress der letzten Wochen, die Wut, die Trauer, die Abschiede. Das Gefühl, ihren eigenen Körper verlassen zu haben und von außen zu beobachten, wie er geht, sitzt, sich hinlegt, wie er Essen zubereitet und es im Anschluss verschlingt, wie er sich krümmt, seine Farbe verliert und wankt, wie er weint, als gehörte er nach Jahrzehnten der Verirrung endlich wieder einem Kind. Ihre Verwandlung in eine Schaulustige, die nicht den Blick von sich selbst abwenden kann. Der Verdacht, dass ihr fortan nichts übrig bleiben wird, als sich selbst beim Leben zuzusehen. All das war anstrengend, ist es noch immer, aber es wird besser. Es ist, als richtete jemand eine alte Kamera auf sie in dem Versuch, das Bild wieder scharf zu stellen. Als rückte ein verschobener Teil von ihr langsam zurück in seine Form.
Ohne den Verlust ihrer Mutter wäre sie nicht hier, im Foyer dieses alten Gebäudes mit den halbrunden Balkonen, den holzvertäfelten Wänden und dem längst verwaisten Empfangshäuschen. Sie würde nicht das Rauschen der trockenen Blätter durch die halb offene Eingangstür hören und auch nicht die warme Luft spüren, die in die Ärmel ihres Mantels zieht.
Vielleicht ist das hier doch kein Fehler. Vielleicht besteht eine Chance, dass es diesmal anders wird, denkt Marta.
Sie atmet tief ein und hält die Luft ein paar Sekunden hinter geschlossenen Lippen fest. Das hier ist ein anderes Haus mit einem anderen Briefkasten. Und sie ist auch nicht mehr dieselbe. Nur eines hat sich nicht verändert: Marta ist weiterhin eine Frau, die mit neuen Dingen wenig anfangen kann. Sie mag Jacken, die schon von anderen getragen wurden, Möbel, deren Oberflächen Geschichten erzählen, und Gebäude, die seit Generationen bewohnt worden sind. Sie war nie religiös, sie glaubt an die Wissenschaft und an die Menschheit, wobei ihr das mit der Menschheit seit ein paar Jahren deutlich schwerer fällt. Und dennoch ist sie davon überzeugt, dass manche Dinge sind, wie sie sind, weil es so für sie vorgesehen ist. Und für Marta ist vorgesehen, dass sie in alten Häusern wohnen muss.
Sie greift nach dem kleinen Schlüssel in ihrer linken Manteltasche und öffnet den Briefkasten. Darin liegt, wie erwartet, ein größerer Schlüssel, an dessen Kopf jemand ein rotes Stück Garn geknotet hat. Sie nimmt ihn heraus, klappt den Briefkasten zu und steigt die ersten Stufen nach oben. Marta geht langsam. Der Boden: interessant. Zunächst gelbliches Linoleum, mittig darauf ein roter Teppich, der ihre Schritte verschluckt, etwas in die Jahre gekommen, verblasst, aber nicht dreckig. Hier und da franst er aus oder wirft Falten. Marta denkt: wie ich. Im Treppenhaus dann Beton. Sie geht vorbei an zwei verschlossenen Aufzugschächten. Die Decken: hoch, als hätte jemand beim Bau bedacht, dass Platz bleiben muss für all die Gedanken, die sich im Laufe eines Tages über ihrem Kopf sammeln, weil es darin zu eng geworden ist. Natürlich war Marta noch lange nicht geboren, als dieses Haus errichtet wurde, und sowieso hätte niemand beim Bau eines Hauses an die Bedürfnisse ihres Kopfes gedacht. Aber trotzdem. Die Wände: alt, fast überall bröckelt der Putz und hinterlässt seichte Vertiefungen in unterschiedlichen Formen, da hilft es auch nicht, dass alles im gleichen Gelbton übermalt worden ist. Marta erkennt den Umriss von Australien, einen Pferdekopf und das Profil einer Frau mit Zylinder. Wenn sie mit der flachen Hand über die Wände streicht, entsteht ein Flüstern, raue Fingerkuppen auf Klaviertasten.
Im zweiten Stock riecht es nach Terpentin und Sesamöl. Im dritten Stock hört sie aufgeregte Stimmen, vielleicht ein Fernseher oder eine Diskussion beim frühen Abendessen. In der vierten Etage lehnt ein Deckenlicht an der Wand, zwei gläserne Dreiecke sind herausgebrochen.
Fast alle Flure sind dunkel. Marta begegnet niemandem, vermutlich stehen die meisten Wohnungen leer. Die Bewohner müssen schon vor Jahren ausgezogen sein. Marta fällt niemand ein, der in ein so altes Haus ziehen würde. Außer ihr. Sie denkt an Kopfschütteln und besorgte Blicke, an Münder, die erst bitten und sie dann anflehen: Tu das nicht.
Sie erreicht den Flur, auf dem ihr Apartment liegt. Die Sonne schafft es kaum bis hierher, weiter hinten verbraucht eine Notausganglampe ihr Grün. Auf dem Treppenabsatz steht ein schmutziger, mit blassblauen Seerosen bemalter Keramiktopf, darin wächst eine Wasserlilie. Die Erde riecht, als wäre sie erst heute gegossen worden. Martas Hände kribbeln. Sie steckt den Schlüssel ins Schloss, öffnet die Wohnungstür und betritt ein leeres Zimmer. Es ist staubig, zwischen den Blättern des Deckenventilators haben Spinnen Netze gewebt, und sie kann den Fluss und Dutzende Bürotürme am gegenüberliegenden Ufer sehen. Durch ein geöffnetes Fenster ist das Rascheln der Platanen auch hier oben zu hören, und obwohl der Film auf den Scheiben das Tageslicht trübt, ist es auch hier außergewöhnlich. So schön, dass man es malen müsste. Vielleicht versucht sie das irgendwann, denkt Marta und geht ein paar Schritte in den Raum hinein. Neben dem Durchgang zum kleineren Zimmer ist Platz für ihre Bücher und Aktenordner. Sie denkt an ihren Schreibtisch und weiß sofort, dass er vor den Fenstern stehen wird, aber so, dass sie die Welt draußen nur sieht, wenn sie den Kopf zur Seite dreht. Später irgendwann wird sie sich vielleicht direkt vors Fenster setzen, als Mutprobe. Aber bis dahin wird sie auf die Wand mit dem Durchbruch zu der schmalen Küche blicken, von der sich die Tapete löst. Marta legt zwei Finger auf das Blumenmuster, als suchte sie einen Puls. In der Küche tropft der Wasserhahn, und direkt vor dem Herd sind zwei Fliesen aus dem Boden gebrochen.
»Diesmal wird es gut gehen«, sagt sie in den Raum hinein, trotz allem.
An ihrem zweiten Morgen wird sie von einem Klopfen geweckt. Es ist ein vorsichtiges Klopfen, leise, als wollte jemand eigentlich nicht stören, trotzdem ist es konsequent und hält über eine Minute an. Marta wischt sich die Krümel der Nacht aus den Augen. Sie setzt sich auf, rutscht auf die Bettkante und lauscht noch einmal, um sich zu vergewissern, dass das Geräusch wirklich von ihrer Wohnungstür kommt. Dass es sich um Reparaturen im Hausflur oder in einer der Wohnungen nebenan handelt, schließt Marta aus. Hier wird sicher nichts mehr instand gehalten, und soweit sie weiß, stehen auf ihrer Etage alle weiteren Einheiten leer.
Sie wirft sich den Mantel über, der am Kragen noch nach Sommer riecht, und geht zur Tür. »Hallo?«, fragt Marta, und das Klopfen verstummt. Sie wartet einen Moment, glaubt, Schritte im Treppenhaus zu hören, dann öffnet sie die Tür einen Spalt. Auf der Schwelle vor ihren Füßen steht eine Porzellanschale, darin liegen drei Pfirsiche. Sie duften so stark, dass Marta sich wundert, sie nicht schon vorher gerochen zu haben. Sie tritt in den Flur hinaus, aber es ist niemand zu sehen oder zu hören, also hebt sie die Schale vom Boden auf, geht zurück in die Wohnung und schließt die Tür. Einer der Pfirsiche ist überreif. Marta hält ihn in der Küche unter fließendes Wasser, bis der weiße Flaum verschwunden ist. Dann beißt sie hinein, der Saft läuft ihr über die Finger und tropft in die Spüle. So gute Früchte hat sie seit Jahren nicht gegessen. Sie kommt sich gierig vor, maßlos, dabei hat sie überhaupt keinen Hunger, aber sie kann nicht aufhören und stopft die anderen zwei Pfirsiche auch noch in sich hinein, sie sind weniger saftig, aber dennoch süß. Ihr Geruch hängt in der Küche wie ein hartnäckiges Parfum und verschwindet auch nicht, nachdem Marta das Fenster aufreißt. Den ganzen Tag fährt sie sich über die Lippen, um zu überprüfen, ob der klebrige Fruchtzucker dort Spuren hinterlassen hat.
Eine Woche später klopft es erneut, und wieder sieht Marta niemanden, als sie die Tür öffnet. Dafür findet sie einen Teller mit goldgelben Mangowürfeln unter Frischhaltefolie. Marta geht diesmal bis ins Treppenhaus, läuft ein paar Stufen nach oben und unten, bleibt stehen und lauscht, aber wieder gibt sich niemand zu erkennen. Also nimmt sie den Teller und geht zurück in ihre Wohnung. Normalerweise würde sie jetzt ihre Mutter anrufen.
»Vielleicht hast du einen Verehrer«, würde die sagen und dabei die Kamera zu nah vors Gesicht halten.
»Quatsch«, flüstert Marta. Sie schiebt den Teller auf dem Schreibtisch hin und her. Irgendwie kommt ihr das alles komisch vor, besonders die Gier, mit der sie beim letzten Mal die Pfirsiche verschlungen hat. War sie unvorsichtig? Wären normale Leute misstrauisch? Sie schämt sich ein bisschen.
»Hast du überhaupt schon irgendwen kennengelernt? Es wäre ganz gut, wenn du dich mit jemandem anfreunden könntest«, würde ihre Mutter sagen.
»Wieso?«
»Man sollte die Leute kennen, mit denen man in einem Haus wohnt.«
»Falls mir mal der Reis ausgeht?«
»Falls du mal Hilfe brauchst.«
»Im letzten Haus kannte ich auch niemanden.«
»Da warst du aber nicht alleine.«
»Na ja«, sagt Marta laut und denkt, dass sie eigentlich doch allein war in den letzten Monaten mit Cem, obwohl sie sich eine Wohnung teilten und obwohl sie sich ab und zu gegenseitig die Hände in den Nacken, auf die Schultern oder auf die Unterarme legten, um sich zu vergewissern, dass sie einander noch berühren konnten.
Erst jetzt fällt ihr auf, dass es wirklich immer sie ist, die geht. Vermutlich, weil sie eine Vorauseilende ist. Oder weil sie in allen anderen Lebensbereichen so viel Geduld aufbringt, dass für ihre Beziehungen nichts übrig bleibt. Vor zehn Monaten jedenfalls hörte Marta auf, Cem zu lieben, und vor acht Monaten bemerkte Cem das. Er sagte nichts und tat auch nichts dagegen. Was hätte er auch tun sollen, außer traurig zu sein und darauf zu warten, dass jemand von ihnen den Mut finden würde zu gehen. Cem fand keinen Mut, also ging Marta.
Sie ist gut in Trennungen, und sie führt Buch über jede einzelne, wobei das etwas übertrieben ist, eigentlich handelt es sich nur um eine Liste. Martas erste Trennung war die ihrer Eltern, sie war laut und hinterließ einen großen Kaffeefleck an der Wand über dem Herd. Dann folgte die Trennung von dem Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte. Sie verließ es zusammen mit ihrer Mutter. Ihr Vater blieb zurück. Er liebte das Haus zu sehr, als dass er es hätte aufgeben können. Es handelte sich um ein hübsches, verwinkeltes Gebäude mit sehr schiefen Fußböden, auf denen Marta ihre Murmeln um die Wette rollen ließ. Ihr Vater hatte jedes Zimmer in einer anderen Farbe gestrichen. Marta schwamm durch den blauen Flur, der ein Ozean war, und nannte die dottergelbe Küche Sonnenplanet, was sich gut traf, denn die Küchenfenster gingen nach Süden raus. Auf dem Sonnenplanet briet ihr Vater jeden Morgen drei Spiegeleier, deren Dotteraugen Marta aus der Pfanne anglotzten, und Marta glotzte zufrieden zurück, bis der glibberige Film auf den Eiern verschwunden war. Die Wände im Badezimmer trugen ein dunkles Lila, das nach Sonnenuntergang auch als Schwarz durchgehen konnte, und wenn sie abends in der Wanne saß, stellte Marta sich manchmal vor, die klitzekleine Bewohnerin einer Brombeere zu sein. Sie stellte sich auch vor, wie der grimmige Nachbar in der Brombeerkugel nebenan ebenfalls in seiner Badewanne sitzt, obwohl sie nicht wirklich daran glaubte, dass nur eine einzige seiner Wände bunt angestrichen war. Nur das Zimmer, in dem sie gemeinsam mit ihren Eltern schlief, war weiß. Dort lag Marta nachts oft wach und dachte darüber nach, ob Weiß auch eine Farbe ist. Sie fand darauf nie eine eindeutige Antwort, aber sie erinnert das weiße Schlafzimmer bis heute als den traurigsten aller Räume, irgendwie wehrlos und ohne Rückzugsmöglichkeit. Als ihre Mutter beschloss, dass sie gehen würden, verabschiedete sich Marta vom ganzen Haus, nur um das Schlafzimmer trauerte sie nicht. Ihr Vater lehnte auf dem Sonnenplaneten am Herd und lächelte, obwohl er weinte.
»Adieu, meine Raumfahrerin«, sagte er mit fester Stimme und hob dazu die Hand an die Schläfe wie zum Salut. Marta tat es ihm nach und weinte und lächelte auch.
Auf diese zwei Trennungen folgten viele weitere, von ihrer ehemals besten Freundin Mai aus der achten Klasse, mit der Marta im Supermarkt durch schwere glänzende Magazine blätterte, bis Mais Eltern beschlossen, ins Ausland zu ziehen. Und von geliebten Gegenständen, zum Beispiel von dem durchsichtigen Regenschirm, den sie im Urlaub in der Straßenbahn liegen gelassen hatte. Später kamen ein paar Wohnungen dazu, ihr erster und zweiter Freund, eine Handvoll Affären. Die Trennung von Cem verbuchte Marta als Nummer 26.
»Es gibt Menschen, die haben sich in ihrem ganzen Leben noch nie getrennt.« Marta starrt auf die Mangowürfel. »Denkst du, die sind glücklich?« Sie versucht mehrere Minuten, sich vorzustellen, was ihre Mutter geantwortet hätte. Es gelingt ihr nicht. Manchmal hat sie Angst, dass ihr der Klang ihrer Stimme entgleitet, genau wie der Geruch ihrer Kleidung und die Art, wie sie sich bewegte. All die Dinge, die sich nicht auf Fotos festhalten lassen. »Denkst du, die sind glücklich?« Wahrscheinlich würde ihre Mutter sagen, dass das eine komische Frage ist. Stimmt ja auch, Marta stellt oft komische Fragen. Sie zieht die Folie zur Hälfte vom Teller, wartet auf den Duft und schaut aus dem Fenster.
Der Ausblick ist bemerkenswert. Wenn sie hier am Schreibtisch sitzt, guckt sie meistens in ihren Laptop, in ein Buch oder auf die Tapete gegenüber. Manchmal taucht sie schon morgens so tief in ihre Recherchen ein, dass sie erst am frühen Nachmittag wieder an die Oberfläche zurückkehrt. Die Welt vor Martas Fenstern besteht aus: dem schlammigen Fluss, auf dem schmale Containerschiffe fahren. Aus Bäumen, die das Ufer säumen. Einem vertikalen Riegel aus hohen Häusern mit quecksilbrigen Fassaden, voller Büros und Wohnungen, die sich kaum von den Büros unterscheiden – mit bodentiefen Fensterfronten, grauen Jalousien, großflächigen Gemälden an Sichtbetonwänden. Marta denkt, dass es dort bestimmt riesige Kücheninseln aus Marmor geben muss, auf denen Obstschalen mit Apfelpyramiden stehen, die ausgetauscht werden, sobald sie nicht mehr glänzen, und fast deckenhohe Geigenpalmen in beigen Übertöpfen, und Vitrinen, in denen unter blauem Licht Küchenkräuter wachsen. Vor den Bürogebäuden sind noch ein paar niedrige Wohnhäuser geblieben, Marta zählt die Fenster, die meisten dieser Häuser haben nicht mehr als drei Etagen, ihre Dächer sind flach, auf manchen trocknet Wäsche in der Sonne. Nur Menschen sieht sie nicht. Über allem reißen Flugzeuge weiße Linien in den Himmel.
Anfangs fallen Marta die Veränderungen nicht auf. Aber dann, an einem Mittag im späten September, nur wenige Wochen nach ihrem Einzug, ist es plötzlich nicht mehr zu übersehen. Gerade erst hat sie ihren Stuhl aus der Sonne gerückt, um besser lesen zu können, als sie beobachtet, wie vier stattliche Bäume aus der Ufererde gerissen werden. Eine Prozession von Kränen und Baggern gleitet die Promenade entlang, strebt auf Höhe der Bäume auseinander und nähert sich ihnen wie ein Raubtierrudel seiner Beute. Ihre stählernen Krallen versenken sich im Geäst und zerren die Bäume aus dem Boden. Die Wurzelwerke, denkt Marta, sind sogar noch größer als ihre Kronen. Und zwischen den Wurzelarmen hängen riesige Erdklumpen, so trocken, dass sie unter dem Angriff der Bagger zerplatzen und die dahinterliegenden Häuser in riesige Staubwolken hüllen. Marta dokumentiert alle Vorgänge in ihrem Notizbuch. Nach weniger als einer Stunde ziehen die Fahrzeuge wieder ab. Zurück bleibt ein aufgewühltes Stück Uferland. Marta fragt sich, wohin sie die Bäume bringen und wie tief die Krater, die von den Wurzeln hinterlassen wurden, wohl in die Erde hineinreichen. Sie denkt an Cem und seine Sammlung von Sukkulentenablegern, die zweieinhalb Jahre ordentlich aufgereiht in ausgespülten Marmeladengläsern auf der Fensterbank im Wohnzimmer standen. Er hat sie niemals eingepflanzt. Absurd, dass sie Cems Ziellosigkeit immer genervt hat, eigentlich fand sie es schön, die dünnen Pflanzenwurzeln in den Gläsern wachsen zu sehen.
Wenig später fällt Marta auf, dass sich der Pegel des Flusses verändert. Die Wellen klatschen an deutlich niedrigerer Stelle gegen die Hafenmauern als sonst, Marta öffnet das Fenster und macht ein Foto, damit sie am nächsten Tag den Wasserstand vergleichen kann. Lauwarme Luft drückt sich an ihr vorbei und trägt den Geruch von Zuckermais mit gesalzener Butter in die Wohnung.
Es ist später Abend, als Marta beobachtet, wie eines der alten Wohngebäude verschwindet. Oder stimmt etwas mit ihren Augen nicht? Diesmal fallen ihr weder Bagger noch Kräne auf. Vielleicht liegt es an der Entfernung, es ist schwer in Worte zu fassen, aber es kommt Marta vor, als dünnte die oberste Etage des Hauses aus. Das kräftige Orange seiner Fassade wird bleich, Konturen verschwimmen und immer mehr Löcher klaffen in den Ziegeln. Sie breiten sich aus wie Tinte auf Löschpapier, treffen aufeinander und vereinigen sich zu noch größeren Löchern. Das Glas der dahinterstehenden Bürotürme blitzt durch sie hindurch. Plötzlich tanzen Flecken vor Martas Augen, so als hätte sie zu lange in die Sonne gestarrt, sie reibt sich immer wieder die Lider, bis die vierte Etage irgendwann vollkommen verschwunden ist. Das Bemerkenswerteste an diesem Vorgang ist, dass nichts zurückbleibt. Gar nichts. Kein Schutt, keine Möbel. Als hätte ein Bakterium das Haus von innen aufgefressen. Natürlich weiß sie, dass das nicht wahr sein kann, dass es sich womöglich um eine Halluzination gehandelt haben muss, eine optische Täuschung, oder dass sie vielleicht auch einfach übersehen hat, wie die Lastwagen beladen wurden und davongefahren sind. Aber von ihrem Fenster aus betrachtet sieht es genauso aus – nicht nach einem brutalen Überfall mit schwerem Gerät, sondern nach einem minimalinvasivem Eingriff. »Du hast ausreichend Fantasie«, würde ihre Mutter sagen.
Marta hält alles fest, so gut sie kann. Sie notiert die Vorkommnisse in Stichpunkten, und wenn ihr spätabends im Bett oder beim Zähneputzen ein guter Gedanke kommt, macht sie eine Sprachaufnahme mit ihrem Telefon, die sie später transkribiert. Hat sie Zweifel an ihrer eigenen Wahrnehmung, markiert sie diese mit dicken Fragezeichen. Sie heftet ihre Notizen in dem dafür vorgesehenen Aktenordner ab und macht Querverweise auf bereits dokumentierte Fälle von abgerissenen und verschwundenen Häusern. Sie versucht, sich an die Abläufe zu halten, die sie bei ihrer Mutter beobachtet hat. Das ständige Festhalten ist zu ihrer Aufgabe geworden, so wie ein Sohn vom Vater früher ganz selbstverständlich das Familienunternehmen übernahm, denkt Marta, so hat sie eben die Tätigkeit der Frau übernommen, die vor ihr war. Aufschreiben, markieren, abheften.
