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Nur eins kann ich mir nicht aussuchen: Tochter sein Eine junge Frau steht auf einem Berg in Shaoxing. Sie ist gekommen, um ihre Großmutter zu beerdigen. Die Frage, wo sie selbst hingehört, möchte sie am liebsten beiseiteschieben. Hierhin oder nach Deutschland, wo sie geboren wurde. Ihre Mutter hat China vor Jahren verlassen, sie wollte ein anderes Leben. Die Träume der jungen Frau ähneln denen ihrer Ma. Und doch träumt man anders, wenn hier nicht hier ist und dort nicht dort – und die eigene Geschichte untrennbar verbunden mit den Frauen der eigenen Familie. Vom Tochtersein in unserer Gegenwart. Subtil, mutig und zutiefst berührend.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Cover & Impressum
widmung
gedicht
abschied
jade (一)
träume
abstand
alleinsein
freiheit
jade (二)
schönheit
–
namen
zugehörigkeit
reisen
geschichte
nähe
jade (三)
das gute leben
anfang
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
für maund für alle, die träumen
有一天你告诉我你梦想里见的是我我呢我见的都是你白天黑夜眼睛开了眼睛闭了那有什么区别?
du hast mir mal erzählt, dassdu mich in deinen träumen siehstund ichich sehe nur dichtagsnachtsmit offenen augenmit geschlossenen augenwas ist der unterschied?
Der Tag, an dem wir A’bu nach Hause bringen, ist sehr gewöhnlich. Es ist frühmorgens an irgendeinem Dienstag im April, der Himmel über Shanghai ist weder grau noch blau, es regnet nicht und es scheint auch nicht die Sonne. Es ist einfach, wie es ist.
Da Jiujiu, mein ältester Onkel, steht auf dem Bürgersteig und hält ein großes gerahmtes Portraitfoto von A’bu in den Händen. Es ist in dicken schwarzen Stoff eingewickelt, nur oben links, wo das Tuch verrutscht ist, schaut ihre ordentliche Frisur hervor. Da Jiujiu sieht müde aus und sanft. Er war immer schon der sanfteste und leiseste der Brüder. »Eigentlich ist das nicht gut für einen Erstgeborenen«, sagt die Familie. »Eigentlich müsste er die Dinge doch in die Hand nehmen, die Familienfeste organisieren und Reden halten mit lauter, fester Stimme.«
Aber Da Jiujiu nimmt wenig in die Hand, wenn man es ihm nicht aufträgt.
An diesem Morgen steht er ganz aufrecht. Sein Anzug ist an den Schultern etwas zu weit, er wirkt viel zerbrechlicher, als er ist. Er ist eigentlich wirklich kräftig, jeden Abend macht er hundert Kniebeugen. Sein Körper ist drahtig, nur sein Gesicht ist weich, er sieht seiner Mutter sehr ähnlich. Ein Schritt hinter ihm steht sein Sohn und hält die Urne im Arm. A’bu trank bis zu ihrem Tod aus der Tasse mit dem London-Schriftzug, die er ihr vor Jahren mitgebracht hat. Er, der älteste von uns Enkeln, der viel zu selten zu Besuch kommt, noch seltener als ich. Früher kam er aus Singapur, dann aus der Schweiz und seit einer Weile aus Großbritannien.
Neben den beiden steht der Nachbar, dessen Namen ich nicht kenne, der mir aber immer freundlich zunickt, wenn ich an seinem Wohnhaus vorbeigehe. Er hat einen großen Regenschirm über ihnen aufgespannt, damit A’bus Geist nicht schon auf der Reise in ihr Heimatdorf davonfliegt und sich verirrt. Ich würde mich sicher auch verirren, ich kenne den Weg nicht. Raus aus Shanghai bis nach Shaoxing, keine Ahnung, wo lang, aber zum Glück muss ich nur mit dreiundzwanzig anderen Menschen und einem Geist in diesen Bus steigen und dabei zusehen, wie die große Stadt langsam ausdünnt.
Da Ayi reicht mir zwei dünne rote Papierschnipsel und weist mich an, sie mir in die Schuhe zu stecken. Als älteste Tante kennt sie alle Regeln. »Am besten mit der roten Seite nach außen, damit du später keine Flecken an den Socken hast.«
Eigentlich würde ich gern ein paar Flecken behalten von diesem Tag, aber ich will nichts falsch machen, und deswegen tue ich, was sie sagt.
»Warum das Papier im Schuh?«, frage ich, und ihre Antwort ist »Zur Sicherheit«.
Ich will weiterfragen, zu welcher Sicherheit, aber da ist Da Ayi schon zwischen den anderen Füßen verschwunden, also nehme ich die Antwort, die fast immer passt: zum Schutz vor bösen Geistern.
Es gibt unendlich viel, was vor bösen Geistern schützt. Ein Spiegel gegenüber einer Tür, um sie hinauszureflektieren. Eine im Zickzack gebaute Brücke, weil böse Geister nur geradeaus gehen können. Warum also nicht auch rotes Papier in den Schuhen.
Wir steigen in den Bus, ich bin beinahe die Letzte. A’bus Geist und die Männer sitzen vorne, Mas Brüder mit ihren Söhnen, außerdem mein Cousin, der wohl für immer diese schweren Tränensäcke tragen wird, seit er vor vier Jahren einen Nagel in den Sarg seines Vaters schlagen musste. Auf den Plätzen dahinter haben sich meine Tanten niedergelassen, und die Frauen meiner Cousins, als gäbe es eine stille Ordnung. Ich gehe zwischen den Reihen hindurch nach hinten und lasse mich neben Ma auf einen Sitz fallen. Zwischen uns liegt der Gang, ich habe zwei Plätze für mich allein. Meine Cousine dreht sich zu mir um und reicht mir eine Plastiktüte mit zwei Mantou und kaum gesüßter Sojamilch, beides ist unangenehm warm auf meinem Schoß.
»Iss was, das wird dir guttun«, sagt sie und schaut mich dabei mit wachen Augen an. Sie ist immer ganz im Moment, sie hängt keinen Gedanken nach.
Der Fahrer startet den Bus, und ich schaue aus dem Fenster. Der Ausblick auf Shanghai ist einer der besten, besonders aus einem Auto heraus. Ich rutsche auf den Fensterplatz und lege die Tüte neben mir ab. Draußen werden Hochhäuser von einer Schnellzugtrasse abgelöst, drinnen raschelt das Plastik. Ich drehe den Verschluss meiner Sojamilch auf, es ist die gute mit dem schlichten roten Aufdruck, und sauge einen großen Schluck in mich hinein. Es fühlt sich an, als würde mein Magen von innen umarmt. Um mich herum beißen hungrige Münder in weißes Reismehlgebäck.
A’bu tunkte ihre Mantou jeden Morgen widerwillig in eine Mischung aus gemahlenem schwarzen Sesam und Zucker und sehnte sich dabei nach einem Schälchen Reissuppe mit eingelegtem Gemüse. Je älter sie wurde, desto stärker vermisste sie den Geschmack ihrer Kindheit – salzig, sauer, bitter – und desto sturer verlangte sie danach, dass man sich um sie kümmert wie um ein Kind. »Alles ist ein Kreis«, hat Ma einmal zu mir gesagt. »Wir fangen ganz hilflos an und hören hilflos wieder auf.«
Die Stimmung im Bus ist gut, ganz anders als damals, als wir Mas Bruder beerdigen mussten. Auf den Tod der Ältesten ist man immer irgendwie vorbereitet, und doch weiß niemand, wohin sich die Familie ausrichten soll, wenn sie verschwunden sind. Meine Cousins reden und lachen, Ma zeigt ihrer Schwester auf dem Handy Fotos aus ihrem Garten, Da Jiujiu hat den Kopf zur Seite geneigt, vermutlich schläft er nicht, bei jeder Unebenheit im Asphalt stößt er mit der Schläfe gegen das Fenster. Nur Da Ayi sitzt ganz aufrecht, sie hat die Hände in den Schoß gelegt und betrachtet nervös den Himmel. »Hoffentlich regnet es nicht, wenn wir auf den Berg steigen. Hoffentlich.«
Ich habe eine Einwegkamera dabei, aus der Drogerie bei mir in Berlin um die Ecke. Ich will A’bus letzte Reise festhalten, auch diesen Moment, also drehe ich das Rädchen bis zum Anschlag und schaue durch den Sucher. Die Szene ist schwer einzufangen, von meinem Platz aus sehe ich vor allem Hinterköpfe. Ich könnte aufstehen und das Bild von vorne machen, aber das erscheint mir unpassend. Heute ist mehr Aufgabe als Ausflug. Also halte ich die Kamera, so still es geht, und drücke auf den wackeligen Auslöser. Es gibt keine Fotos von A’bu als junger Frau, und es kann kein Foto geben von A’bu als Geist. Aber es gibt jetzt das Bild dieser Busfahrt.
Ich weiß nicht genau, wie lange wir fahren, vielleicht drei Stunden, Shaoxing ist von Shanghai etwas mehr als zweihundert Kilometer entfernt. Wir haben es nicht eilig, aber wir machen auch keine Pause. Irgendwann lenkt der Fahrer den Bus vorbei an grünen Hügeln und hinein in die nächste Stadt. Als A’bu 1923 geboren wurde, war Shaoxing ein Dorf, heute leben hier über fünf Millionen Menschen. Ich war noch ein Kind, als ich das letzte Mal hier war. Ma erzählt mir, dass wir damals in schmale Boote umsteigen mussten, um uns in die Nähe des Berges bringen zu lassen, auf dem mein Großvater begraben liegt.
»Und danach mussten wir wandern, über so wackelige Stege und auf Trampelpfaden, dann viele Stufen steigen, den Berg hinauf. Weißt du das noch?«
Ich nicke.
Es war eine lange Reise, und sie war genau richtig beschwerlich. Es ist nie leicht, die Toten zu besuchen. An die Boote erinnere ich mich nicht, nur an Bambuswälder und Tümpel, in denen meine Cousins und ich kleine Frösche fingen, um sie einen Moment lang in den Händen zu spüren und dann wieder freizulassen.
»Es gibt doch dieses Foto von mir«, sage ich, »zwischen dicken Bambusstämmen. Die waren ganz glatt und kühl. Wenn ich das Ohr an sie gepresst hab, konnte ich das Wasser in ihnen rauschen hören.«
»Ja«, sagt Ma und sieht zufrieden aus.
Heute brauchen wir kein Boot mehr, und ich bin ein bisschen enttäuscht, als der Bus direkt am Fuße des Berges hält, wo ein steiler Weg in wucherndem Grün verschwindet. Auf den letzten Kilometern haben uns Autos und Rikschas begleitet, darin mittelalte Männer, die ich noch nie gesehen habe. Sie blasen in fanfarenartige Instrumente, schlagen kleine Becken aus Bronze aneinander und tragen riesengroße Papiergestecke in neonbunten Farben. Es ist eine schöne Begrüßung, so laut, so schrill, fast pompös. A’bu war keine Berühmtheit, ihr Leben war klein und bescheiden. Niemand weiß genau, wann sie geboren ist, »Irgendwann im Januar«, schätzen wir in der Familie. Aber wo ihr Leben begann, ist klar. Dass nun so viele Menschen ein Fest feiern, um sie am Ort ihrer Geburt willkommen zu heißen, macht mich glücklich.
Als ich aussteige, pustet ein kugelbäuchiger Mann noch immer leidenschaftlich in sein Instrument, heraus kommt ein hemmungsloses Klagen. Überall haben sich Grüppchen gebildet, es werden ein paar Hände geschüttelt, die Männer aus der Stadt stecken den Männern vom Land teure Zigaretten an, die sie zwischen Daumen und Zeigefinger halten, während sie gierig an ihnen ziehen. Die Frauen rauchen nicht. Mich beachtet niemand wirklich. Ab und zu trifft mein Blick einen anderen, manchmal starrt mich jemand ein paar Sekunden lang an, mit leicht geöffnetem Mund. Wir werden hier nicht lange bleiben. Nur der Busfahrer hat sich seine Kappe tief ins Gesicht gezogen und die Beine auf das Armaturenbrett gelegt.
»Der ruht sich aus, bis wir zurückkommen«, sagt Da Ayi, hakt sich bei mir unter und zieht mich in Richtung des Trampelpfads.
Wir haben es nach wie vor nicht eilig, der Zug aus nun über dreißig Menschen setzt sich langsam in Bewegung. Der Himmel ist mittlerweile blau, Da Ayi ist erleichtert. Es heißt, wir bräuchten eine halbe Stunde, um die Grabstelle zu erreichen, doch sie muss zwischendurch immer wieder anhalten. Abwechselnd gehen wir neben ihr, erst ich, dann ihr Sohn, dann Ma, wir stützen sie beim Stufensteigen. Ich weiß, dass ihre Füße schmerzen. Wir bezwingen einen Berg. Wir kommen nur an, wenn wir gemeinsam ankommen.
Als ich die letzten Schritte auf das Grab zugehe, ist der größte Teil des Trupps bereits da und ruht sich auf Baumstämmen und niedrigen Mäuerchen aus. Einer der Männer, die die schweren Papiergestecke getragen haben, wischt sich mit einem kleinen Handtuch erst den Schweiß von der Glatze, rollt dann sein T-Shirt bis unter die Brust nach oben und tupft sich den Bauch. Nur ein paar Meter entfernt beginnt ein anderer, mit einem Meißel die Fugen in der Wand hinter dem Altar aufzubrechen. Neben mir fängt eine Frau plötzlich an, laut und ungehalten zu jaulen. Ich kenne sie nicht, und doch schreit sie ihren Schmerz über den Tod meiner A’bu hinaus in die Welt, einfach so, ohne Fanfare. Ich kann das nicht. Wie unfair, dass sie so laut leidet, während mir in diesem Moment nichts wehtut.
Ich war noch nie bei einer Beerdigung wie dieser. Als ich ein Kind war, sind wir nur zweimal hier oben gewesen, zu Besuch, um meinem A’gong Obst vorbeizubringen und uns im Anschluss vor seinem Grab zu verbeugen. Andererseits war keine Beerdigung, auf der ich war, wie eine andere. Als vor zwei Jahren meine Oma starb, standen wir zwischen Winter und Frühling in einer dem Anlass angemessenen Kälte auf einem niedersächsischen Friedhof, hielten uns still an den Händen und blickten dem schweren Sarg hinterher, der in ein tiefes Loch gelassen wurde. Vielleicht blühten schon ein paar Krokusse. Manche von uns weinten ein bisschen, aber niemand jaulte, und nichts war auch nur ansatzweise neonfarben. Nach der Zeremonie machten wir uns auf den Weg zum gemeinsamen Kuchenessen. Ich ging mit meinem jüngsten Cousin zwischen den Grabsteinen hindurch und fragte ihn, wie er es fand. Er zuckte mit den Schultern. Dann strich er sich eine Strähne aus dem Gesicht und fragte mich, ob ich auch ein Kaugummi will. Es war ganz anders, und trotzdem ist alles richtig, wie es ist. Oma gehört auf einen Friedhof in Niedersachsen, neben eine Kapelle. Und A’bu gehört auf diesen Berg in Shaoxing, inmitten wilder Bambuswälder. Zum Glück ist jetzt nicht der richtige Moment, mich zu fragen, wo ich selbst hingehöre. Es ist der Moment, langsam Kreise um die Grabstelle zu ziehen.
Dreimal gehen wir an dem steinernen Altar vorbei, wir alle halten eine rote Nelke in den Händen. Auf einmal wird es unübersichtlich, nackte Schultern schieben sich an verschwitzten Hemden vorbei, Sätze und Wörter und Klagen in mindestens zwei verschiedenen Dialekten fliegen durcheinander, ich verstehe »Vorsicht!«, »Das brauchen wir nicht«, »Ich mach das«. Dann platzieren viele Männerhände die Urne in der kleinen Öffnung zwischen den Steinen, A’bus Portrait lehnt neben der offenen Grabstelle. Wieder hält jemand einen Regenschirm über das Bild und die Urne, ein anderer bedeckt sie mit einem roten Tuch aus Polyester. Der Mann, der das Grab mit seinem Meißel geöffnet hat, tritt nach vorne. Er trägt einen kleinen, dreckigen Eimer voll Mörtel in der Hand. Irgendwie mag ich ihn nicht. Das Grab wird geschlossen, die Urne verschwindet.
Ich warte, bis ich dran bin. Mit dem Beten habe ich Routine, die Choreografie kenne ich mein Leben lang. Ich stelle mich vor den Altar und senke meinen Blick. Ich lege die Handflächen vor der Brust aneinander und verbeuge mich, dreimal. Anschließend das Gleiche auf den Knien, eins, zwei, drei, jemand hat ein Kissen auf den sandigen Boden gelegt. Zuletzt beuge ich mich tief über die Erde, in meinen Handflächen bleiben ein paar Kieselsteine kleben, und meine Stirn berührt den Sand. Sand ist gar nicht so anders als Asche, denke ich, bloß weniger fein, eher körnig. Eins, zwei, drei. Dreißig Augenpaare beobachten mich. Mein Blick bleibt an den Fugen hängen, in denen der Mörtel trocknet. Es tut doch ein bisschen weh – die Vorstellung von A’bu ohne einen Körper, den ich anfassen, festhalten oder einfach nur ansehen kann. Trotzdem ist mein Schmerz nicht bereit für Publikum. Ich würde gern weinen und allen zeigen, dass auch mir so viel wehtut, aber ich kann nicht weinen während einer Choreografie. Ich stehe auf und mache Platz für den Nächsten.
Ma weint auch nicht, das macht die Sache leichter. Seit ich ein kleines Mädchen war, habe ich versucht, ihr alles nachzumachen, jedenfalls in China: das Beten, das Essen, den Shanghai-Dialekt. Sie war wie mein Kompass in dieser Welt – wenn ich die Dinge gemacht habe wie Ma, dann habe ich sie richtig gemacht. Und nun weint Ma nicht. Sowieso sieht sie nicht sehr traurig aus. Ein wenig erschöpft und ernst, ja, aber Ma wird schon immer nachgesagt, dass sie von Natur aus einen sehr ernsten Ausdruck habe. Daran muss ich jedes Mal denken, wenn sie mich darauf hinweist, ein sehr ernstes Kind gewesen zu sein. Ich weiß nicht, ob sie sich für mich und die anderen Mühe gibt, nicht zu traurig auszusehen, oder ob ihre Trauer auch einfach keinen Platz hat in diesem Moment.
»Sie war alt. Das hier ist der leichte Tod, der richtige«, hat sie zu mir gesagt, als sie mir vor zwei Wochen mitteilte, dass A’bu gestorben ist, und ich habe ihr mit allem, was ich hatte, zugestimmt, indem ich »Hm« sagte.
Ma hat die meiste Zeit der vergangenen dreißig Jahre 8.569 Kilometer entfernt von ihrer Mutter verbracht, Luftlinie. Wenn wir alle paar Jahre das Geld für die Flugtickets zusammenhatten, saß sie viele Sommernachmittage dicht neben A’bu auf dem Sofa und ließ sich von ihr den Arm kneten. Ich bin mir sicher, dass sie nie über das Warum geredet haben, das Warum-bist-du-gegangen. Es gibt darauf keine einfache Antwort, auch das klassische In-der-Hoffnung-auf-ein-besseres-Leben passt nicht so recht. Die meisten Menschen haben Hoffnung auf ein Leben, das besser ist als das ihrer Eltern. Ma hätte in China ein besseres Leben haben können, aber sie wollte vor allem ein anderes.
Wenn ich sie frage, warum sie etwas tut, sagt Ma oft, »Ich bin eben ein komischer Mensch«, und dann lacht sie. Einmal habe ich A’bu gefragt, was Ma für ein Kind war, und sie sagte, »Sie hat immer Fisch gegessen, wie eine Katze.«
Ich weiß nicht, was Ma für ein Mensch war, bevor sie meine Mutter wurde, aber ich denke, dass sie irgendwie nicht hineingepasst hat in die Wege, die man ihr vorgab. Sie wollte nicht aussehen wie alle anderen, und sie wollte nicht tun, wozu man ihr riet. Das sind keine idealen Voraussetzungen für das Leben in einem Staat, der dich nicht in Ruhe lässt. Während ich Stufe für Stufe den Berg hinuntersteige, male ich mir aus, welcher Mensch Ma nicht geworden ist. Da sind bestenfalls verschwommene Bilder: Ma als Lehrerin. Ma, ausgelassen, mit ihren Freundinnen beim Drachensteigen an einem Sonntag im Zhongshan-Park. Ma ohne die deutsche Sprache. Ma als Ehefrau eines chinesischen Professors, der sich beim Zeitunglesen mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken reibt. Ma als Mutter einer anderen Tochter. Und Ma, die jeden Morgen um halb sieben mit A’bu Gymnastik auf dem kleinen Trainingsplatz ihres Wohnblocks in Changning macht. Ich male aus und male über den Rand. Es gibt mehr Fotos von Ma, auf denen sie in einem deutschen Schrebergarten sitzt, als Fotos von ihr in Shanghai neben ihrer Mutter.
Als wir wieder im Tal ankommen, ist es Mittag. Auf einem großen Parkplatz haben Leute aus der Nachbarschaft zwei weiße Pavillons aufgespannt und ziehen dünne Plastikfolien über die Tische. Dahinter brodelt es aus großen Töpfen, ein Mann mit einer weißen Schürze hebt ab und zu ein paar Deckel an und hält seine Nase in den Dampf, ein anderer verteilt in Plastik eingeschweißte Geschirrsets aus Porzellan auf den Tischen. Das Arrangement ist einfach, aber auch hier ist alles genau richtig. Ich habe keine Lust mehr auf die immer gleichen Restaurants mit den schweren Vorhängen und dem goldverzierten Dekor, in denen wir an runden Tischen sitzen und gläserne Platten hin und her drehen. Ich will genau hier sein, wo es keine Wände gibt, wo wir Bier und ekelhaften Schnaps trinken und lachen und Garnelenschalen neben unsere Schälchen spucken. Manchmal streift mir jemand im Vorbeigehen kurz mit der Hand über die Schultern, und ich kenne kaum eine liebevollere Berührung.
Wir gehen in kleinen Grüppchen von Tisch zu Tisch, Da Jiujiu mit seiner Frau und ihrem Sohn, Da Ayi mit ihrem Mann, meine Cousine mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn, und so weiter. Alle stoßen miteinander an, sie wünschen sich ein langes Leben und Gesundheit. Ich gehe auch, gemeinsam mit Ma, wir bewegen uns als Einheit, wir heben oft unsere Gläser, und ich bin froh, dass das Bier so leicht ist.
Irgendwann sehe ich meinen Cousin neben einem Elektroroller stehen, rauchend, inspizierend. Er winkt mich zu sich, ich gehe dankbar zu ihm hinüber.
»Können wir den kurz ausleihen?«, fragt er, und ein junger Mann mit blondierten Strähnchen nickt.
Ich springe hinten auf, und wir fahren in Richtung Altstadt. Mit einer Hand halte ich mich am Roller fest, mit der anderen an meinem Cousin. Er trägt ein Armband mit dicken, hölzernen Perlen, wie ein Mönch, und in der feuchten Luft wellen sich seine Haare wie meine. Er war schon immer mein Lieblingscousin und seit er seinen Vater verloren hat, will ich ständig in seiner Nähe sein. Früher, wenn ich in den Sommerferien zu Besuch war, hat er mich zum Basketballspielen mitgenommen. Unsere wenigen Versuche, miteinander Englisch zu sprechen, sind damals schnell gescheitert. Er hat dann einfach Chinesisch mit mir geredet, und ich habe mich bemüht, ihn zu verstehen, ohne die Vokabeln zu kennen. Meistens mussten wir aber gar nicht reden. Wir saßen nebeneinander auf Parkbänken oder an Esstischen oder schlenderten durch Einkaufszentren, wo er uns Softdrinks kaufte und eine Schale voller dampfender Huntun. Seit er ein eigenes Auto hat, holt er mich vom Flughafen ab oder bringt mich hin, wenn ich nach Deutschland zurückfliege. Ich erkenne den Wagen sofort, weil er metallic-blau ist und weiße Flammen über den Kotflügeln kleben. Ich habe nie darüber nachgedacht, wie viel wir uns bedeuten, bis er mir bei seiner Hochzeit vor vier Jahren in den Armen lag, in mein Seidenkleid weinte und ihm dabei dicke Tränensäcke wuchsen. Wir standen auf einer bunt beleuchteten Bühne, von den vielen Tischen starrten uns glänzende Gesichter an, und im Hintergrund lief irgendwas von Céline Dion. Jetzt fahren wir zusammen auf dem Roller durch Shaoxing, und ich fände es schön, in seine Lederjacke hineinzuweinen.
Mit den vielen Brücken, Kanälen und verwinkelten Gassen erinnert dieser Stadtteil an früher. A’bu muss hier als kleines Mädchen entlanggerannt sein, in Schwarz-Weiß, denn es gibt keine Farben vor 1930. Ich weiß so wenig über ihr Leben, wir haben lange keine gemeinsame Sprache gesprochen, und als ich Chinesisch lernte, half das nicht viel, weil A’bu da bereits schwerhörig war und ohnehin nur Shaoxing-Dialekt sprach. Was ich über ihr Leben weiß, haben mir andere erzählt, die weiteren Umstände kenne ich aus Geschichtsbüchern, Jahreszahlen reihen sich dort aneinander, als wäre nichts dabei.
Von 1927 bis 1949 war in China Bürgerkrieg. Von 1937 bis 1945 wurde dieser Krieg durch die Invasion japanischer Truppen unterbrochen. Die japanischen Soldaten begingen schwere Kriegsverbrechen. Sie mordeten, plünderten, brannten Dörfer nieder, vergewaltigten. Chinesische Kriegsgefangene und Zivilisten wurden für Menschenversuche missbraucht. Von 1958 bis 1961 herrschte die Große Chinesische Hungersnot. Schätzungen über die Opferzahlen variieren stark, die Angaben reichen von 15 bis 76 Millionen Toten. Von 1966 bis 1976 proklamierte Mao Zedong die Große Proletarische Kulturrevolution. Während dieser politischen Kampagne ließen mindestens 400.000 Menschen ihr Leben, Millionen wurden Opfer von Folter, wurden in Gefängnisse und Arbeitslager deportiert. In diese Zeit fiel auch die Landverschickung von Hunderttausenden jungen Menschen, die ihre Familien verlassen und aus den Städten in abgelegene Dörfer ziehen mussten, um dort jahrelang zu arbeiten.
Das alles geschah, während A’bu am Leben war. Ansehen konnte ich ihr das kaum. Für mich war ihr Körper einfach ein alter Körper, faltig und robust, mit blau schimmernden Adern unter einer Haut wie Seidenpapier. Ich kann mich noch gut erinnern. An ihre kräftigen grauen Haare und die gespaltenen Ohrläppchen, an den kleinen Buckel über ihrem rechten Schulterblatt, an die Oberlippe, die sich über den Tassenrand zum heißen Wasser schob, und besonders an ihre Hände.
Viele Stunden habe ich neben A’bu gesessen und sie meinen Arm kneten lassen. »Dick«, sagte sie dann meistens, oder »dünn«, und es klang wie eine Diagnose. In der Regel war ich zu Beginn eines jeden Besuchs zu dünn und gegen Ende endlich etwas dicker. Im Sommer, wenn ich meine Arme nicht in Wollpulloverärmeln verstecken musste, strich A’bus Jadearmreif über meine Haut, kühl, glatt und schwer, und ich bildete mir ein, der Stein könnte meinen aufgeheizten Körper wieder auf Normaltemperatur senken. Nichts fühlt sich an wie Jade im Sommer.
Einmal fragte ich Ma, warum A’bus Ohrläppchen gespalten sind. »Sie haben ihr die Ohrringe rausgerissen«, sagte sie. Damals war ich sehr jung, und mir fehlte der Mut, nach den Details zu fragen. Heute läuft ein Soldat durch meine Gedanken, er nähert sich einer jungen Frau, im Hintergrund tanzen rote Flammen. Dann schalte ich den Gedanken aus. Vielleicht ist es gut, dass es von manchen Geschichten keine Bilder gibt.
»Wir sind da.« Mein Cousin stoppt den Roller vor einer niedrigen Mauer. Wir haben nicht darüber gesprochen, wohin wir fahren, trotzdem bin ich nicht überrascht von unserem Ziel. Ich steige ab und schaue auf die Hütte, in der A’bu früher lebte. Hier wohnt schon lange niemand mehr. Wo mal das Dach war, klaffen jetzt viele Löcher, Schieferziegel liegen lose nebeneinander. Auf den Grundstücken nebenan sind die Häuser höher, besser erhalten und bewohnt. Links ragen lange Bambusstangen aus einem geöffneten Fenster, daran weht ein rotes Hemd zwischen Unterhosen im Wind. Auf einer Außentreppe ohne Geländer wachsen Zwiebeln in Emailleschalen.
Wir gehen auf den kleinen Hof und bleiben vor einem Brunnen stehen. Jemand hat den massiven Deckel aus Stein etwas beiseitegeschoben, ich beuge mich über das Loch, aber sehe nur Schwarz. Ich erinnere mich an einen Eimer und an meinen Ekel vor Bettpfannen.
»Hier haben wir doch früher manchmal Wasser fürs Klo geholt«, sage ich, nachdem ich mir den Satz zurechtgelegt habe, und mein Cousin nickt.
Er hebt einen kleinen Stein vom Boden auf und wirft ihn in das schwarze Loch, in Brunnen muss man immer Steine werfen. Dann zückt er sein Smartphone. Ich gehe ein paar Schritte auf die Hütte zu und schaue durch ein Fenster ohne Scheibe. Als Kind fand ich das Haus gruselig. Es war sehr dunkel, und in der Mitte des einzigen Raumes stand ein Tisch, an dem ich unter den aufmerksamen Blicken der erweiterten Verwandtschaft weißen Reis aus einem schönen Schälchen aß. Andere Gerichte lehnte ich ab, Ma war das unangenehm. Manchmal versuchte sie, mir etwas Fisch unterzujubeln, sie legte ein grätenloses Stück auf den Reis. Ich fand es entsetzlich, wie sich die Reiskörner langsam mit der dunklen Sojasoße vollsogen, und führte meine Stäbchen vorsichtig am Fisch vorbei, um nach ein paar schrumpeligen Bohnen zu greifen. »Das Kind isst wie eine buddhistische Nonne«, sagte jemand mit einem Kopfschütteln, und die Tischgesellschaft lachte.
Geblieben ist von diesem Ort fast nur Schutt, neben mir lehnt ein Wischmopp an der Wand, als könnte er hier noch irgendwas ausrichten. Die breiten Streifen aus blauem Stoff fransen an den Enden aus. Jemand könnte alte Mao-Uniformen zerrissen haben oder die Anzüge, die Reinigungskräfte beim Säubern der Straßen tragen, um daraus den Mopp zu basteln, wer weiß.
»Es ist viel kleiner, als ich es in Erinnerung hatte«, sagt mein Cousin leise, ohne den Blick von seinem Smartphone abzuwenden. Ich fahre mit den Fingerspitzen über die bröckeligen Dachziegel.
»Ich will eine mitnehmen«, sage ich.
