Das Waldkind - Friedrich Schnack - E-Book

Das Waldkind E-Book

Friedrich Schnack

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Beschreibung

Diese Geschichte des elternlosen Knaben Juppi, der am heiligen Abend eine neue Heimat findet, hat man die schönste deutsche Weihnachtsgeschichte genannt. Sie beginnt auch an einem Weihnachtstag, im Bayerischen Wald, an dem das Kind geboren wird und seinen Namen erhält »zur Erinnerung an einen Waldfinken, den die Mutter in ihrer Mädchenzeit drüben im Böhmischen gehegt hatte«. Doch der Roman ist mehr als eine Weihnachtsgeschichte. Sein Geschehen steht sinnbildhaft für das Schicksal des Menschen, der aus einem kindhaft paradiesischen Morgen in das grausame Leben stürzt, aber am Ende doch seine Erlösung findet. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Friedrich Schnack

Das Waldkind

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

Die Geburt im WaldeFrühe PrüfungenAbschiedDas BündelAuf der HöheDie WetterfichteBaumfreundeDie Spielzeug-GretSiebenellenJuppi ohne HeimatDer LandarztHausierer mit SternenDie WeihnachtsbudeDie SägemühleDer SeelenbaumWaldwirrnisDas KompaniegeschäftDie SchreinerwerkstattDer ApothekerNeue Heimat

Die Geburt im Walde

Als das Kind des Waldarbeiters Hofschaffer zur Welt kam, war es ein Knabe. Mann und Frau waren glücklich über die Geburt ihres Erstlings. Sie nannten den Kleinen Juppi, zur Erinnerung an einen Waldfinken, den die Mutter in ihrer Mädchenzeit drüben im Böhmischen gehegt hatte. Der Name klang fröhlich, das Neugeborene sollte auch ein fröhliches Kind werden.

Heute morgen in der fünften Stunde, als es noch tiefdunkel und still ringsum war, hatte sich die kleine Menschenseele unter dem ärmsten Dach weit und breit, in der engen Schlafstube aus dem Himmel der Ungeborenen niedergelassen und blinkende Augen aufgetan. Erblüht war der neue Trieb am Baum des Lebens, und nun war man zu dritt: Vater, Mutter, Kind.

An einem auserwählten Tag war das Kind gekommen, doch bei Frost und hohem Schnee, der die Wälder des Bayernwaldes begrub und die Berge bedeckte; an einem von Liebe strahlenden, geheim klingenden Tag hatte sich die neue Seele eingefunden: am Weihnachtstag, in der geheiligten Zeit, am Tag des schönsten Abends im Jahr. Wie sieht das Kind aus?

Der Vater beugt sich über das Bett seiner Frau Stasi, die matt in den weißen Kissen liegt. Ihr Gesicht leuchtet von Glück, die Stirn glänzt, wachsbleich zeichnet sie sich vom Ansatz des böhmischen Weizenhaares ab.

»Ja, es war nicht leicht, Stasi!« meint er.

Es war nicht leicht gewesen. Aber Juppi war auf der Welt. Wie lange hatten sie beide auf ihn gewartet! Der Mann, ein wenig linkisch in seiner Zärtlichkeit, drückt seiner Frau einen Kuß auf die Stirn. Er ist darin ungeübt, er arbeitet Tag um Tag im Wald. Früh geht er fort, abends kommt er heim. Nur in sehr schweren Wintern, wenn die Schneisen verweht und die Wege verloren sind, gibt es im Hochwald nichts zu roden, nichts zu fällen und zu hacken, dann bleibt der Hofschaffer daheim und schneidet Skihölzer, büttnert Wasserschaffe und Kornmetzen. So bringt er sich durch. Wie sieht es aus, das Kind?

Ein paar Glücksworte drängen sich dem Vater über das Herz, doch sind sie lautlos, die Lippen bleiben geschlossen. Die Spitzen seines dunkelblonden Zwirbelschnurrbarts hängen zu beiden Seiten des Kinns, in seinen Augen lacht blaue Freude. Die magern Knochenwangen glühn.

‚Das kleine Würmchen‘, denkt sich Hofschaffer.

‚Endlich ist es da. Fünf Jahre hat es gebraucht, um herzukommen.‘ Er hatte schon im stillen seine kinderlose Ehe beklagt. Wie groß ist nun sein Glück! Er betrachtet das Kind. Wie ein Eichkätzchen ist das Kind, so fein. Ein solches Bübchen gibt’s nicht ein zweites Mal im Wald. Da liegt’s, eingekuschelt in sein Steckkissen; wie ein junger Baumkauz schläft es, wie ein ganz winziger Kuckuck, dem noch keine Federn angeflogen sind. ‚Kuckuck!‘ lockt der Vater insgeheim.

Er schläft, atmet, der Juppi. Was für ein Gesicht er hat: verdrießlich und befriedigt wie einer, der eine lange Reise zurückgelegt und sein Ziel erreicht hat. Er wird froh sein, daß er da ist.

‚Schlaf dich aus, hier kannst du lang und gut schlafen! denkt der Vater. ‚Im Bett bei der Mutter ist’s warm, die Stube ist geheizt …‘ Bläulich schimmern die Adern unter der Milchhaut des Gesichts. Die Unschuldsfäustchen liegen in den Falten der Zudecke. Hofschaffers grober Finger berührt behutsam die Kindeshand: weich wie Moos ist die Hand, wie das Fell einer Rehkitze. Die Anemonen haben eine so zarte weiße Blütenhaut. Es gibt nichts Rührenderes auf der ganzen Welt als die Hand seines Kindes. Gott sei Dank, daß es geboren ist!

Schritte in der Wohnstube. Hofschaffer richtet sich auf, seine Frau war eingeschlafen; vor dem Tisch stand die Spielzeug-Gret, eine Frau in den Dreißigern.

»Eine Unmenge Schnee hat es heut nacht geworfen«, sagte sie mißbilligend. »Man könnte meinen, unser Herrgott möcht’ vor dem Kleinen die böse Welt verstecken. Droben in Finsterau steigen die Bauern durchs Bodenfenster. Der Schnee reicht bis zum Dach.«

»Der Doktor hat ’n schweren Heimweg gehabt«, bedauerte Hofschaffer.

»Schläft die Stasi?«

»Sie schläft.«

»Das Kind?«

Zufriedenheit verklärt die scharfen Waldarbeiterzüge. Hofschaffer nickt. »Hast dich ausgeruht, Spielzeug-Gret?« erkundigt er sich nach dem Befinden seiner Helferin.

Sie hatte sich ausgeruht. Das bißchen Nachtwache. Dem Doktor war sie zur Hand gegangen, als das Kind kam; sie hatte getan, was nicht Männersache war. Nun hatte sie Eßwaren eingeholt: ein Stückchen Butter, ein paar Eier, eine Taube für die Wöchnerin.

Eigentlich wäre zur Stunde ihr Platz in Passau auf dem Weihnachtsmarkt gewesen, in der Spielzeugbude, von der sie ihren Volksnamen hatte. Dort waren, wie alljährlich, bemalte Holzpferde, geschirrt und mit Glöckchen behängt, zu verkaufen. Puppen mit Schlafaugen und blondem Kräuselhaar, Automobile mit Federantrieb, Kreisel, Spieldosen, Hanswurste, die mit den Beinen schlotterten, Zelluloid-Fischchen und Holzschiffe mit Fahnen, Bälle, Reifen, Sparbüchsen. Feine Kleiderstoffe und bedruckte Schürzen hielt sie da feil, Lebkuchenherzen für die Bauernmädchen, Sprüche darauf und lustige Geständnisse, Christbaumschmuck, Engelshaar, Kerzen … All dies hätte sie heute in Passau verkaufen müssen. Aber wie? Sie konnte doch nicht die Stasi in ihrer schweren Stunde mitten im ärgsten Winter allein lassen mit dem guten, aber ungeschickten Mann und dem alten Doktor. So hatte sie ihrer in Passau lebenden Schwester geschrieben, sie möchte für sie einspringen und die Pferde verkaufen, die feinen Puppen, die Blechautomobile, die Lastwagen und die Herzen mit den Sprüchen. Hoffentlich war der Markt gut besucht! Einen besorgten Blick warf sie durchs Fenster auf den hohen Schnee und die Silbertannen. Dann machte sie sich am Herd zu schaffen; es ging auf zwölf.

Am Nachmittag schnallte der Mann die Skibretter fest und glitt in den Winter. Am Wald schwang er sich hin in die Einöde, durchschnitt das Spurengeläufe der Rehe und Hirsche, die auf der Suche nach Futter von Wald zu Wald gezogen waren, und rutschte in ein verschneites Dickicht. Hier wußte er ein Fichtenbäumchen; das hatte er sich schon im Sommer ausgesucht. Unter einer Schneewoge hielt es den Winterschlaf. Seine Hand durchgrub den Schnee und erweckte den jungen Fichtling. Von den Zweigen stäubte der Winterflor, grün wurde das kniehohe Bäumchen und zeigte sich zierlich geästet, so wie es den Sommer lang schön im Wald geleuchtet hatte. Hofschaffer beugte sich in den Schnee und nahm es heim mit sich.

Als er in das Zimmer trat, glänzte ihm der weiche Blick seiner Frau entgegen. Er hielt die Fichte in die Luft: das Weihnachtsbäumchen. Ein Wald- und Harzgeruch begann milde zu duften. In den vergangenen Wintern hatten sie nur einen schlichten Fichtenwedel zum Zeichen des Festes über der Tür befestigt. Drei rote Äpfel hingen dran, drei rote Kerzen standen auf dem Zweig. Heute war das anders. Ein Kind lebte im Haus, und zu ihm gehörte ein richtiges Weihnachtsbäumchen.

Die Spielzeug-Gret versah es mit Schmuck. Eishaar aus der Passauer Bude legte sie auf die Zweige, goldene und silberne Strähnen. Bunte Glaskugelketten hängte sie von Zweig zu Zweig. Wie ein Bäumchen aus einem gläsernen Wald sah da die Fichte aus. Hofschaffer bestaunte das Wunderwerk. Rote Äpfel waren an die Äste gebunden: eine Fichte mit Himbeeräpfeln. Kerzen darauf, rote, weiße, blaue, gelbe Kerzen. Auf der grünen Spitze, wo die braungelben Knospen saßen, schwebte ein goldener Bote. Vogelgleich hatte er sich niedergelassen. Sein Mund war zum Singen geöffnet. Er sang in seine holde Weihnachtswelt hinein.

Der Mann und die Frau sahen auf das Bäumchen. Sie fühlten sich mit einemmal kinderjung, kaum angeschnaubt vom Lebenssturm, Kinder waren sie wieder: sie ein kleines, fünfjähriges Mädchen im Böhmerwald, wo die Eltern eine kärgliche Landwirtschaft betrieben; er ein Junge im Bayernwald droben, hinter den Wäldern, wo sein Vater in der Glashütte Gläser blies. »Fertig!« rief die Spielzeug-Gret und legte noch ein paar Fichtensprossen kreuzweis auf das weiße Tischtuch unter dem Baum. Die Erwachsenen schüttelten den Traum ab und dachten vergnügt an ihr Kind.

»Wunderschön, Spielzeug-Gret!« lobte Hofschaffer. Vor den Fenstern ragten die Waldbäume in den Winterhimmel. Die Sonne verging in kalter Röte. Schneeblau flimmerte der Wald, Schneelasten trugen die dunkeln Bäume, Hüte und Mäntel von Schnee. Dann wurde es dunkel. Aber das Bäumchen leuchtete. Alle Kerzen brannten. Hell war es in der Stube und still. Es war, als leuchte die Stille. Stärker veratmete das Bäumchen seinen Waldodem. Es lebte im Licht.

Auch die Gesichter der Menschen lebten im Licht. Durch die Kammertür fiel der Schein in die Wöchnerinnenstube und überflimmerte die braun lackierte Bettlade. Die Mutter hielt ihr Kind. Andächtig lehnte Hofschaffer unter der Tür und schaute bald auf das Bäumchen, bald auf das Bübchen. Die Spielzeug-Gret stand daneben. Im Ofen brauste das Feuer, die tannenen Scheite knatterten und opferten ihren Harzschatz hinter der Ofentür. Wärme hüllte die vier Menschen ein, die Erwachsenen und das Kind. Sie waren geborgen. Diamantenklar funkelten die Sterne über den Baumspitzen durch die Fensterscheiben.

»Ehre sei Gott in der Höhe …« begann die Spielwarenfrau aufzusagen.

»Und Friede den Menschen auf Erden …« antwortete die harte Stimme des Mannes.

Die Kerzen flackten, manchmal sirrte und sott eine angeröstete Fichtennadel.

Nachts ging der Mann zur Weihnachtsfeier ins nächste Dorf. Auf seinen Skibrettern, die Laterne vor der Brust, zog er sternschnuppenhaft flink an den Fenstern vorbei. Einen Augenblick sahen ihn die Frauen dahinsausen. Die Spielzeug-Gret hatte den Lehnstuhl an das Bett gerückt: Anfangs schwätzten sie ein wenig miteinander im dunkeln Zimmer, dann fielen der Gret die Augen zu. Das Bäumchen stand ungewiß dort, angestäubt und beglitzert vom Mondstrahl.

Stasi lag wach und lauschte dem Atem der Freundin und dem Hauch des Kindes. Auch das Feuer atmete im Ofen. Aber die Nacht über der Erde atmete nicht; der Wind war eingeschlafen. Das Mondlicht goß unwirklichen Glanz über die Schneehänge, ein bläuliches Feuer wie von Gestirnen. Es war der Schein hohen Lichtes: Weihnachtsschimmer, der die Herzen durchdringt. Schon lange mochten die Bäume vernommen haben, was jetzt erst an das Ohr der Wöchnerin drang: fernes Glockenläuten. Hinter den Bergen erhoben sich die metallischen Stimmen, die unter den Sternen wohnen. Der Frost hatte den Mund der Glocken nicht verschließen können; mitten in der Nacht, in der Heilsnacht, waren sie wach und sprachen. Was klingen und sagen sie? Die Mutter lauscht: Sie grüßen das Kind …

Kleine und große Glocken aus den Dörfern in der Runde führen ihr feierliches Christnachtgespräch, und der ganze tiefe, unheimliche Hochwald, wo die Steine frieren und die Hirsche bis ins Mark erschauern, hört ihnen zu, samt den Bergen, den Tälern und den verstreut wohnenden Menschen darin.

Die Mutter lauscht: Die Glocken grüßen das Kind … Ihre Augen verschleiern sich; die Sterne blitzen ihr auf einmal nicht mehr so klar. Doch die Glocken läuten. Fernher summt der Klang. Sie erkennt sie alle; die weite Landschaft des Waldes tönt aus den Glockenstimmen. Neue Rufer melden sich, sie mögen nicht fehlen im Weihnachtschor. Nun sind alle versammelt, alle schwingen in ihren Glockenstühlen.

Der Schall von vielen Seiten weckte die Spielzeug-Gret.

»Es läutet …« sagte sie, schlaftrunken auffahrend.

»Zur Christmette …« setzte Stasi leis hinzu.

»Mitternacht …« Und sie lauschten zu zweit. In der Wohnstube duftete das Bäumchen wie Rosenholz. – Das war Juppis, des Waldkindes, erster Weihnachtsabend, der erste Tag seines Lebens.

Frühe Prüfungen

Andere Weihnachten folgten. Weihnacht kam, wo kein Frieden auf Erden war und der Vater des Kindes in den Krieg ziehen mußte. – Weihnacht kam, wo die Mutter des Kindes an den fernen Vater dachte und sich mit der Schürze über die Augen wischte. – Weihnacht kam, wo der Vater auf Urlaub bei den Seinen weilte, eine Wurst mitbrachte, Schokolade für Juppi und Seife für die Mutter, die damit lange sparte. – Weihnacht kam, wo sie die Nachricht erhielten, daß der Bruder des Vaters in Rußland gefallen und der Vater, durch einen Lungenschuß verwundet, im Lazarett fast gestorben sei. – Weihnacht kam, wo sie nichts zu essen hatten. – Weihnacht kam, wo die Mutter schon unter der Erde lag und die Blumen auf ihrem Grab erfroren. – Weihnacht kam, wo der Vater krank war und die Spielzeug-Gret für sie beide sorgte und kochte. – Weihnacht kam, wo der Vater und Juppi allein waren. – Und es kam Juppis letzter Weihnachtsabend im Elternhaus.

Der Junge und der Vater saßen am gedeckten Tisch. Sie hatten sich ein Fichtenbäumchen aus dem Wald geholt, es war beinahe größer als Juppi. Aus der Spitze des Fichtlings schwebte wie immer der Weihnachtsbote, in alle Ewigkeit sein unausdeutbares Weihnachtslied anstimmend. Sein Lobgesang hatte nicht gelitten, aber die Flügel waren nicht mehr so fein und schneeweiß wie einst: Schon viele Jahre zierte er den Weihnachtsbaum und war oft heruntergeholt worden von seinem Hochsitz. Auch manche Glaskugel war angebrochen oder mit buntem Wachs betropft. Zusammengestückt war die allerschönste Kette, die mit den goldenen und silbernen Kugeln. Lebensrot wie immer hingen die Äpfel. Und eine neue Kostbarkeit hatte sich dazugefunden: Auf dem Zweig vor Juppis Gesicht saß in einem schneeglitzernden Flaumnest ein Waldfink von Watte und Federn. Seine Glasaugen lugten auf den Beschauer; in das Kerzengeleucht des Winterabends schien der kurze Schnabel einen dreisten Sommergedanken zu schmettern.

Juppis Gesicht blühte und leuchtete. Sein Haar, blond wie Fichtenholz, glich in seinem Seidenschimmer dem Haar des Engels. Der Kamm hatte es zur linken Schläfe hingestrichen, rechts trug Juppi einen kleinen Scheitelversuch. In seinen Augen, klar wie die Seen in den Eiszeitwannen des Hochwaldes, spiegelte sich fromm verzückt der Schein der Lichter, die von den unteren, breiten Ästen aufwärtsstiegen zu den oberen, schmalen, gleich brennenden Seelen, die ihre Sphären gefunden hatten. Und auf der Spitze melodeite der Engel.

Juppi hatte nicht den besten Rock an, wiewohl Weihnachten war. Er besaß keinen besten. Die Ärmel waren geflickt, der Kragen war aus Vaters abgelegter brauner Arbeitsjoppe geschneidert. Die Hosen, an den Knien durch Ledereinsätze verstärkt, reichten knapp bis zu den Waden, die in schafwollenen Socken staken; Holzschuhe, die der Vater gefertigt hatte, baumelten an den Füßen.

So saß Juppi da, mit seinen Geschenken beschäftigt, und der Vater schaute ihm zu.

Unter dem Weihnachtsbaum blitzte eine Mundharmonika, das Geschenk des Vaters, in rot ausgeklebter Klappschachtel. Für Stunden der Unterhaltung war sie bestimmt, für die Sonntage. Herrlich tönte das Zungenwerk. Die hohen Stimmen klangen wie Weihnachtsmusik, die tiefen wie Kirchweihspiel. In den Händen hielt Juppi einen Werkzeugkasten, das Geschenk der Spielzeug-Gret. Ein wahrer Wunderkasten, ausgestattet mit einem Hammer an einem gelben Stiel, einer gelenken Zange, einer scharfen Säge, einem spitzen Bohrer und einem kleinen Amboß zum Anschrauben an die Tischkante; hämmerte man darauf, schallte es päng, päng, päng … genau wie beim Schmied drunten im Dorf.

Juppi liebkoste den Hammer, ließ den Finger glücklich über die Sägezähne gleiten, behauchte den Amboß, um ihn sogleich mit dem Rockärmel zu putzen – spiegelhell blinkte das Gerät.

Auf dem Tisch, abseits vom Christbaum, lag ein zweites Geschenkhäufchen: Socken, ein Binder für die Sonntage, ein Teller voll Nüsse. Zwar war dieses Häufchen nicht so reich wie die Dinge unter dem Baum, dennoch wohl zu gebrauchen – das war für den Geburtstag, wie alljährlich zum Heiligen Abend. Mit geheimem Stolz erfüllte es Juppi, daß er nun schon zehn Jahre zählte. In einigen Jahren kommt er aus der Grundschule.

Juppi hatte dem Vater einen Stiefelzieher geschenkt, damit der Vater seine Stiefel nicht mehr an der Schwellenkante der Tür auszuziehen brauchte, wenn er abends von der Holzarbeit im Wald heimkam. Lieber hätte er ihm ja eine Tabakspfeife einbeschert, aber die Spielzeug-Gret, bei der er gegen kleine Dienstleistungen den Stiefelzieher erstand, wußte ihn von der Tabakspfeife abzubringen, der Vater vertrage das Rauchen nicht.

Der Stiefelzieher war braun gebeizt. Da stand er unter dem Christbaum, vom Weihnachtsglanz beschienen wie die Harmonika, der Werkzeugkasten und die ganze Stube.

Im Ofen summte das Feuer wie alle Jahre zur Winterzeit. Vor den Fenstern knisterte die Schneenacht, und die mächtigen Fichten am Hang, die mit den Kronen die Sterne berührten, waren wie aus Eis gegossen.

»Als die Mutter noch lebte«, sagte der Vater, »hatten wir ein kleineres Christbäumchen. Das erste kam bei deiner Geburt ins Haus …«

Sie gedachten der Verstorbenen.

»Vorher nahmen wir nur einen Zweig …«

Juppi nickte. Im nächsten Jahr wolle er eine noch höhere Fichte im Wald aussuchen, sagte er gewichtig.

Um elf ging der Vater, der wieder einmal stark hustete, zu Bett. Es war ihm kalt geworden. Juppi stellte seine Knaben-Skibretter zurecht, und als es drei Viertel zwölf schlug, machte er sich mit der Laterne vor der Brust auf den Weg. Der Schnee knarrte, indes ringsum die Glocken riefen. Der Knabe stob zu Tal.

Es war der letzte Weihnachtsabend, den Juppi im Vaterhaus erlebte. Vier Monate später – das Eis zerkrachte in den Schlünden, und schwärzliche Erdflecken traten aus dem Schnee – war der Vater gestorben.

Abschied

Juppi stand nun allein in der Welt. Wäre nicht die Spielzeug-Gret gewesen, er hätte in seiner Verlassenheit nach keiner Hand, außer seiner eigenen, greifen können. Die Dorfleute machten sich keine Sorgen um das Schicksal der Waise. Jeder hatte mit sich zu tun; alle waren arm wie Kirchenmäuse.

Schulden hatte der Vater hinterlassen, das einzige Erbe. Nacheinander kamen die Rechnungen vom Arzt, vom Apotheker und für die Begräbniskosten. Der Dorfkrämer forderte Geld für unbezahltes Mehl, für Nudeln, Grütze, Petroleum.

Die Spielzeug-Gret schlug die Hände zusammen, starrte auf den Waisenknaben und zerdrückte eine Träne. Du liebes Elend! Aber auch sie hatte nur das Allernötigste.

Der Gemeindediener Fenn trat durch die kalte Tür, musterte den geringen Hausrat, befühlte die Betten, drehte Vaters Kleider um und um, hob die Schaftstiefel und ließ sie zu Boden fallen, zählte nicht lange, schaute in den Kasten und in die Kommode, langte auf den Ofen in der Stube, als läge da oben ein versteckter Schatz, und verkündete die Versteigerung der Hinterlassenschaft zur Befriedigung der Gläubiger für den nächsten Samstag um drei. Heute war Montag. Dann ging er und läutete im Dorf seine Verkündigung aus.

Frierend stand Juppi am Fenster mit einem Gesicht von Stein. Er rührte sich nicht. Dann rief er nach seinem Vater …

Der Gemeindevorsteher wurde der Vormund des Knaben. Der halblahme Gemeindediener versiegelte die Tür des Hauses, des Armenhauses. Juppi hatte in seiner Betäubung nicht daran gedacht, den Werkzeugkasten und die Mundharmonika mitzunehmen, als die Spielzeug-Gret seine Kleider und die paar Wäschestücke aufpackte und ihn fortführte in ihre zwei Stuben hinten am Hainbuchenweg. Nur der kleine Waldfink von Watte und Federn, der auf der Weihnachtsfichte geschmettert hatte, zog mit. Auf dem schneebeglitzerten Nest kauerte er in Juppis Tasche. Verloren war der Engel.

Die Spielzeug-Gret bereitete ihrem Hausgenossen ein Nachtlager auf der Ofenbank, die lang genug für solch kleines Bürschchen war. Bevor Juppi einschlief, weinte er vor Traurigkeit. Die Welt finsterte ringsum. Den Wattefinken, alles Verlorene vertretend: den Vater und die heimatliche Stube, die Mundharmonika und den Werkzeugkasten, drückte er fest an seine Brust. Kleines Vöglein! Herzbrechend schluchzte Juppi in seine Kissen. Daß nur die Spielzeug-Gret nichts davon hörte! Er sagte sich, er dürfe nicht weinen, und er weinte auch nicht länger.

Der Samstagnachmittag ließ nicht lange auf sich warten. Juppi verschwand. Am Weg vor der eingebüßten Wohnstätte wuchs ein kleiner Tann, durch den er in glücklichen Tagen den Eichhörnchen und Hasen nachgeschlüpft war. Hier versteckte er sich. Seine finkenscharfen Augen lugten nach der Haustür. Der Gemeindediener schloß sie auf; Leute kamen, Weiber, ein paar Bauern, Dorfkinder, Gaffer. Durch den Tännicht rauchten Nebelschleifen; hier entdeckte ihn niemand. Überdies sprühte ein Wolkenwisch feinen Regen in den Wald. Horch! Juppi hielt den Atem an. Jetzt schallte im Hause eine laute Stimme. Was wollte sie? Es war die Stimme des Gemeindedieners, eine kratzige Montagsstimme. Der alte Fenn trank Schnaps. Die Leute riefen ihm zu: »Zwei … drei … drei fünfzig …« Juppi verstand nicht, was sie meinten. Angestrengt dachte er nach; aber da wurde der Tisch herausgetragen.

‚Der Tisch geht fort, der Tisch geht fort. Unser Tisch!‘ Mit seinem Vater und früher mit der Mutter, mit der Spielzeug-Gret und den Schulbüchern hatte Juppi an dem schonen Tisch gesessen. Er hatte davor gebetet, wenn die Schüsseln aufgetragen wurden: Vater unser … ach! … Unser täglich Brot … Das Brot lag immer im Schubkasten, aber der Kasten hing nun leer aus dem Schub. Ein Bauer schleppte den Tisch auf dem Rücken davon. Die vier hölzernen Beine starrten in die Luft. Dann tauchte der Tisch hinter die Bodenwelle, als versänke er. Dem Tisch folgte der Schrank. Juppi reckte den Hals. Zwei alte Weiber hoben das Möbel über die Schwelle. Sie ließen es krachend auf einen Handwagen niederfallen und fuhren schnatternd los. Dumpf rumpelnd klagte der Schrank.

Der schöne Schrank, Vaters Stolz! Juppi wußte, daß der Vater ihn sich vom Mund abgespart hatte. Groß und mächtig stand der braungebeizte Kasten in der Schlafstube an der Wand. Unverrückbar. Öffnete man ihn, dann sang die Tür einen feinen Ton, und es roch nach Kienspan. Gegen die Motten. Links am Haken hatten Vaters Kleider gehangen; die brauchten viel Platz; rechts hatten Juppis Hosen und Joppen gebaumelt, zwei im ganzen. Unten auf dem Boden des Schranks hatte der schwarze Hut des Vaters auf den Sonntag gewartet, und ein Bündel Wäsche von der Mutter war noch da gewesen.

Juppi kroch in sich, in seine Trauer. Im Haus brüllte der Gemeindediener.

Die Betten! Oh, die Betten! Die Laden und die Bretter, die Strohsäcke – Stück für Stück verschwand. Fort gingen mit ihnen der gute Schlaf von einst, die Träume und die Ruhe, als die Sterne durch die Fenster schienen und der Mond vom Himmel heruntersah; alle verwehten Atemzüge, die Worte des Vaters, die blasse Hand, die auf der Tuchent lag – all dies schwand mit den Betten ins Nimmerwieder.

Nun wanderten die Stühle aus dem Haus. Die Ofenbank verließ ihre Ecke, Töpfe zogen aus der Küche. Die Schaftstiefel des Vaters und der Stiefelzieher machten sich auf den Weg, und Juppi wußte nicht, wohin sie zogen. Auch das Tellerbrett hatte seine Stelle an der Wand verlassen.

Nun auch die Uhr! In seinem Herzen hörte Juppi das Werk traumticken, und er erinnerte sich, wie das Pendel an der Wand neben dem kleinen Spiegel hin und her ging. Nie machte es eine Pause. Und er sah sich unter der Uhr stehen und zählte die Schläge, schnell und laut. Und er sah den Vater zum Zifferblatt aufblicken, wenn es Zeit war zur Arbeit.

Sein Herz krampfte sich zusammen. Fest biß er die Zähne aufeinander. Nur nicht weinen! Stumm ertrug er den Abschiedsschmerz. Die Uhr klapperte, die Ketten mit den Gewichten schlotterten, ihr Schlagwerk klirrte wirr, als jammere sie auf. Lustig aber klang die Stimme des Ausrufers. Zuweilen schallten Gelächter und Weibergeschrei.