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Friedrich Schnack führt uns in den alten schönen Schloßgarten auf dem Amselberg am Main, dessen Hüter, der erfahrene Gärtner Borngart, zugleich auch ein Philosoph des Gartenglücks ist. Zwischen seiner grünen, gesunden Erdenwelt und dem Sternenreich des Herrn von Heckenast, dem Vater der reizenden Dorine, wandeln das liebliche Mädchen und ihr Freund, der Maler und Zeichner Adventer, durch ein zärtlich blühendes Liebesjahr. Ein gütiger, geistreicher Humor durchwaltet diesen bezaubernden Roman, und wie immer erweist sich Friedrich Schnack als ein Meister in der Kunst, eine romantische Handlung mit Naturkenntnissen und anmutigen Lebenslehren zu verbinden. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2016
Friedrich Schnack
Dorine vom Amselberg oder Der glückselige Gärtner
Roman
FISCHER E-Books
Als ich den Gärtner Borngart in seinem grünen Reich zum ersten Mal besuchte, merkte ich bald, was einzig ihn bewegte. Mochte die Weltzeit erschüttert sein, Unruhe den Planeten schütteln: den Gärtner erfüllten kühne Pflanzengesichte. Er dachte an Blätter und Pflanzenfleisch. Das grüne Licht der Gewächse durchleuchtete seine Welt. Aus seinem bürgerlich anmutenden Stoff, den die Sonne speiste und der Regen tränkte, erschuf er sich das Heil der Menschen. Seinen Gestalten, den Stauden, Wurzeln und Köpfen, wies er im Geiste und durch seine tägliche Arbeit Verfeinerungskräfte zu, von denen wir uns, ahnungslose Verbraucher und Verzehrer, nichts träumen ließen. Wir befänden uns mit unsern Ansprüchen, aber auch mit den gärtnerischen Leistungen, meinte er, erst im Vorfeld einer unüberschaubaren Entwicklung. Die künftige Wirklichkeit sei die Vollendung der Gemüsenahrung. Von ihr verspräche er sich nicht nur eine gesundheitliche, auch eine sittliche und geistige Steigerung der Menschenart. Der essende Mensch der Gegenwart, fügte er bedauernd hinzu, stehe gleichsam draußen im Acker oder drinnen im Stall – der Herr der Zukunft aber werde mit seinen Eßbedürfnissen mehr im Garten und weniger beim Vieh zu finden sein. Mit solchen Worten das anbrechende Zeitalter der Gemüse einleitend, verabschiedete er mit einer Handbewegung, in der Richtung seines Komposthaufens, sämtliche Fleischesser, denen das Gemüse eine überflüssige Beilage sei, und die unbegabten, das Gemüse auslaugenden und verschludernden Köchinnen in das Abseits. Dabei richtete er einen Seitenblick auf das Wohngebäude hinter dem Garten, als wollte er eine bestimmte Person vernichtend treffen.
Ich lauschte ihm auf merksam. Während er sprach, schweifte sein Gärtnergeistesblick über die Gemüsepflanzungen und Eßtische kommender Jahrhunderte. Er gemahnte an einen Urvater des Gemüses, an einen freundlichen, glückschaffenden Erdgeist. Seine braunen, lebhaften Augen blitzten, und mit der freien Hand durchkämmte er seinen weißen Bart, der an die Farbe der Baumwolle erinnerte. Die andere Hand umfaßte herrisch den Eschenstiel seines Gartenrechens – würdig sah er aus. Auf dem Kopf saß ihm der sommerlich breitrandige Strohhut. Von Gestalt war Borngart rundlich, und wenn ich sein Bild mit dem guten Aussehen seiner Gemüse in Verbindung brachte, mußte ich jenem Mann recht geben, von dem der Satz stammt: »Rundliche Menschen fördern das Pflanzenwachstum, eckige, trübselige schädigen es.« Borngarts rundlich-ebenmäßiges Wesen, seine gütige Art strahlten Leute und Pflanzen an. Kein Zweifel: seine Gartenpfleglinge gaben ihm durch Wuchs und Ertrag ebensoviel Liebe zurück, wie er ihnen zuteil werden ließ.
Wie man sich nun zu der Frage nach den rechten Grundsätzen des Essens stellen mochte, ob man dem Gemüse oder dem Fleisch den Vorzug gab oder beide Stoffe in der Kost zu verbinden liebte, wie man es von Eltern und Voreltern her gewohnt war: der Gärtner Borngart und seine Lehre machten Eindruck, und ich ging nie von ihm weg, ohne etwas Wesentliches von ihm gehört zu haben. Zudem traf ich bei ihm manchmal ein schönes junges Mädchen, meine Jugendfreundin Dorine.
Man konnte sich kaum einen schöneren Garten vorstellen. Damit hatte Borngart großes Glück. Es war ein alter Schloßgarten, von ihm in Zucht und Pacht genommen. Zins und eine bestimmte Gemüseabgabe entrichtete er dem Herrn von Heckenast, dem Besitzer des reizvoll verwahrlosten Schlößchens. Herr von Heckenast bewohnte es mit seiner einzigen Tochter Dorine und mit seiner Wirtschafterin und Köchin Jute, einer dicken Person, die man hin und wieder im Garten herumwalzen sehen konnte, wo sie die Gemüseabgabe in Empfang nahm. Da war man auch gelegentlich Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen Borngart und ihr über die beste, gesündeste Art der Gemüsezubereitung.
Der Garten lag in der glücklichen Luft und Sonne Mainfrankens, auf einem Hügel mit dem Gesicht zum Fluß, der mit seinem prangenden Wasserschein den Waldgründen des Spessarts entgegenzieht. Ehe er sich aber zu den kühlen Sagenwäldern hinfindet, funkelt er landfroh, blumengesäumt und wiesenumbrandet am Amselberg vorüber. Auf ihm befand sich Borngarts Garten. Eine hohe Mauer umgab ihn, in dem unteren Mauereck erhob sich ein kleiner, abgeflachter Turm, der als Aufbewahrungsort für die Gartengeräte diente. Borngart nannte ihn seine Waffenkammer. Als ich einmal einen Blick in das fensterlose, runde Gemach tat, sah ich an den Wänden die Gartengeräte hängen, auch Baststränge, lang wie chinesische Zöpfe, sowie eine zerschlissene grüne Fahne, ein Krummschwert und einen Schild, friedliche Werkzeuge und kriegerische Geräte nebeneinander. Nach diesen Museumsstücken befragt, antwortete der Gärtner: »Geschenke meiner türkischen Freunde! Sie müssen wissen, ich war einst Obergärtner beim türkischen Sultan in seinem Traubenblättergarten zu Konstantinopel. Damals habe ich in einem türkischen Feldzug mitgefochten. Das Schwert ist aber stumpf, der Schild fleckig und die Fahne mürb geworden. Heute führe ich andere Truppen an: Spinat, Rapunzel, Schwarzwurzel und Tomate und wie sie alle heißen, lange Verpflegungskolonnen – wenn Sie so wollen.« Und er streckte die Hand aus, wie um seine grünen, friedlichen Heere in den Beeten, die langen Scharen und Züge zu grüßen.
Auf die Zinne des Turmes, wo man sitzen und auf den Fluß hinuntersehen konnte, führte eine schmale, von Mauerpfeffer und grünen Polstern bewachsene Steintreppe.
Auf der Aussichtsplatte hatte ich mich schon im vergangenen Frühling mit meinen Farben und dem Malblatt aufgehalten. Dorine leistete mir zuweilen Gesellschaft. Ursprünglich meinte ich ein Landschaftsmaler zu werden, aber ich merkte bald, daß mir dafür die Gabe fehlte. Mein Blick verlor sich zu leicht in Raum und Weite. »Zeichne doch lieber mich«, riet Dorine, »ich bin auch eine Landschaft.«
»Und was für eine schöne!« antwortete ich ihr und fühlte mit einem Male, daß ich einen großen und luftigen Umweg über die Landschaft zu ihr genommen hatte. Ich zeichnete sie, erforschte die Form ihrer Wangen, die Feinheit ihres Mundes, das Licht ihrer blauen Augen, die liebliche Bildung ihres Ohres. Ich hätte nicht in die Ferne zu schweifen brauchen, die Nähe bot mir mehr, als ich auf einmal verstehen und festhalten konnte. Große Mühe gab ich mir, unverdrossen rang ich mit meiner Unfertigkeit und der Schwierigkeit des Vorbildes – immer wieder entschlüpfte sie mir, gleich einer Nixe des Mainflusses, und mochte nicht in das Bild gebannt sein. »Versuch es noch einmal, Adventer!« bat sie sanft. Sie war sehr tapfer in ihrer Ausdauer, während ich ebenso ausdauernd in meiner Mutlosigkeit und Schwäche war. Nie traf ich sie genau. An ihr war etwas Geheimnisvolles, was ich noch nicht fassen konnte, etwas Unergründbares, wofür mein Blick noch nicht geschärft und erfahren genug war. »Wenn es heute nicht gelingt, glückt es morgen!« tröstete sie mich. »Wenn nicht morgen, so in einem Jahr! Ich denke mir, mit Gewalt und Ungeduld kann man in der Malerei nichts ausrichten.« – Sie war klüger als ich. Wahrscheinlich aber liebte ich sie damals schon, ohne es mir einzugestehen, und ich wollte mir im Sturm ihr Gesicht erobern. Im Hinstürmen aber wich der Hauch ihres Wesens vor mir zurück. »Du mußt langsam tun, Adventer«, sagte sie, »du sollst es nicht erzwingen!«
Ich erzwang ihr Bild nicht. Ein elender Stümper war ich, der besser Gartenarbeit hätte verrichten sollen, als den Zeichenstift in die Hand zu nehmen! Wenige Zeit danach war Dorine auch nicht mehr da: sie mußte ein Jahr in einer auswärtigen Schule durchmachen.
Ich hatte nun nicht mehr ihr Antlitz zum Vorbild. So übte ich mich am Bronzeschädel des Gärtnergehilfen Ull, der an einen aztekischen Medizinmann erinnerte: seine Nase glich einem Vogelschnabel. Auch versuchte ich Borngarts altväterlichen Kopf wiederzugeben. Standen die beiden nicht zur Verfügung, begnügte ich mich mit den Pflanzen in Borngarts Beeten. Ich entdeckte dabei den Reiz ihrer Gestalt und freute mich an dem fruchtbaren Garten.
An seine Mauer waren Spaliere geheftet und Wein. Ein schmales, langes Warmhaus war auch da. Dem alten Borngart bedeutete sein Reich die Mitte der Welt. Darin lebte und herrschte er, ein weiser Pflanzenfürst. Sein einziger Helfer und Gefolgsmann aber war Ull, ein schnurriger und abergläubischer Mann.
Heute glänzte das Licht lebendig und jung, ein neues Gärtnerjahr begann, aber auch ein neues Jahr für mich; es war Februar, ein sonniger, wenn auch kalter Morgen. Borngart trug einen verschossenen Filzhut und eine dicke braune Jacke. Auf den Hügeln und Bergen lag Schnee. Im Garten jedoch webte die Luft schon etwas mild und tat mit den Beeten zärtlich. Im Windschatten der Mauer schmeichelte die Sonne dem Winterspinat, der in schnurgeraden Reihen auf lockerem Boden daherkam, während sich der nachbarliche Feldsalat gleich einem unruhigen Volksschwarm, der einen grünen Aufzug ansieht, durcheinandertummelte. Da beide gedeckt herangewachsen waren, hatten sie, die Borngart im vergangenen August oder September miteinander ausgesät, den Winter gut überstanden. Sie verkündeten vorösterliche Wachstumsgedanken. Man freute sich bei ihrem gesunden Anblick auf das Frühjahr; hatte doch die Erde im Winter nicht vergessen, grüne Blätter zu treiben. Wo heute der Feldsalat nistete, sollten später Tomaten prangen. Eines würde auf das andere folgen. Im Winter schätzt man die Rapünzchen, im Sommer gelten sie nichts. Andere Salate haben dann ihre Herrschaft angetreten, andere Gemüse bieten sich an. Borngart stach die kleinen, munteren Pflänzchen ab, dunkelgrüne, löffelblätterige Büschelchen, und tat sie in den Weidenkorb. Damit fertig, schnitt er Winterspinat in eine Schüssel.
Warum hat das kleine, genügsame Salatvolk den Namen des Märchenmädchens Rapunzel? Borngart wird es nicht wissen, und ich weiß es auch nicht. Die Pflanze ist ein Baldriangewächs. Man kennt sie auch unter dem Namen Ackersalat, weil sie wild auf dem Acker gedeiht; Schafmäulchen heißt sie, weil sie zart ist wie das Maul des Osterlamms, und Rebkresse, da sie zuweilen im Weinberg wächst. Der Saft der Pflanze ist kieselsäurehaltig, weshalb sie das Wachstum der Knochen und Zähne fördert, aber auch des Haares. Dem Mädchen Rapunzel wuchs das Haar so lang, daß dieser glänzende Schmuck vom Turm zur Erde hinunterfloß und der Königssohn an dem goldenen Strang emporklimmen konnte. Sicherlich hatte Rapunzel eifrig Rapunzelsalat gegessen. Schmalzsalat heißt er auch im Volksmund: seine Blättchen schimmern wie gefettet und schmecken nußhaft ölig.
Rapünzchen und Spinat entstammen nicht der gleichen Pflanzenart: der Spinat ist ein Gänsefuß-, ein Meldengewächs, das speerblattähnliche Blätter treibt. Seine Urheimat ist Asien. Araber und Kreuzfahrer mochten ihn nach Europa verpflanzt haben. Das ist zu loben: er ist das gesündeste aller Gemüse, und er ist eine Heilpflanze, blutbildend, da Eisen führend, blutreinigend, da Natrium enthaltend, einen Feind der Säure, von der soviel Ungemach herrührt. Wer oft Spinat ißt, verschönert seine Haut, er enthält den Zaubersaft der Jugend. Von seinem sattgrünen Blatt, chlorophyllgefüllt und gespannt, mag man gern glauben, daß es die Bleichsucht vertreibe. In den grünen Gefäßen werden reichlich Vitamine bereitet und hochwertiges Eiweiß. Die finstere Galle in ihrem Körperwinkel wird durch den Spinat herausgelockt, und die Leber freut sich darüber, so wie es in jenem alten Verschen heißt:
Der Lunge dient der Spinat,
Kühlt Leber und Magen.
Ich geb dir den Rat:
Du sollst ihm nicht entsagen!
Dem wollen wir folgen: der Nachwinter und spähende Vorfrühling, der in den Garten blickte, lächelte verheißungsvoll. Aus dem Boden sprudelte der Spinat. Wer ihn verspeiste, müßte selber übersprudeln, grün und jugendlich werden.
Borngart schätzte eine besonders reiche Art, den Riesenkorbfüller. Auf den Gärtner durfte man sich verlassen, er hatte alle Zuchtformen ausgeprobt. Dieser Füller hat dicke, fleischige Blätter und ein kraftvolles, üppiges Herz, ein Heilherz. Ich erinnerte mich eines Malers, dessen rechtes Auge so sehr erkrankt war, daß es ihm der Arzt herausnehmen wollte. Ein berühmter Augenheilkundiger aber, den er in seiner großen Not um einen letzten Rat fragte, verordnete ihm rohen Spinatsaft, und der Maler unterwarf sich dieser Kur. Sein Auge konnte erhalten bleiben, und er malt nun wieder seine schönen, zarten Landschaften.
Borngart hatte den Schnitt beendet. Die Schüssel war gefüllt, ein Blattberg aufgehügelt. Das war ein Küchenschatz, der würde auch dem kränklichen Herrn von Heckenast seinen grünen Saft in das alte Winterblut gießen.
Die Hände in den Taschen, meine Zeichenmappe unter den Arm geklemmt, ging ich den winterlichen Amselberg hinauf. Die Luft strich mir kalt um die Ohren, doch die Sonne wärmte mir die Wange. Unten floß der Main; in dem starren, vergilbten Schilfrohr riefen winterliche Wasservögel.
Dorine war, wie ich gehört hatte, nach Hause gekommen, ihr Schuljahr war zu Ende. Ich wollte sie wiedersehen und ihr zur Begrüßung ein paar kleine Arbeiten schenken. Würde sie sich sehr verändert haben? Sicherlich war ihr die Zeit gut bekommen. Schon zu Hause war es für sie eine Selbstverständlichkeit gewesen, in Küche und Haus fleißig zu helfen; manchmal hatte sie es auch in Borngarts Garten getan. Darin war sie ein Frankenmädchen von echter Art: sie mochte nie untätig sein. Und ich? Meine Mappen waren mit Arbeiten gefüllt. In der Zwischenzeit war auch ich nicht müßig gewesen und hatte viele Gesichter, Köpfe und Gestalten zum Zeichnen gefunden. Nun hatte ich neulich ein paar winterliche Zweige auf einige Blätter geworfen, kleine Dornenstücke, von Schlehe und Brombeere, Sinnbilder des Winters, dessen Zeit bald um war. Diese wollte ich Dorine schenken. Ich hielt sie für besonders geglückt: sie waren sparsam in den Linien und Strichen und verschwiegen mehr, als sie ausdrückten, so wie der kahle Zweig den künftigen Frühling verbirgt.
In Borngarts Garten ging die Luft über, die Sonne wärmte: in den Gartenecken hauchte es vorfrühlingshaft lind. Man konnte schon arbeiten, und Borngart und Ull taten es.
»Freue mich, Sie zu sehen, Adventer!« rief mir der Gärtner zu, als ich bei ihm eingetreten war. »Sie finden uns bei einer wichtigen Arbeit: Wir machen Erde!«
Mit seinem Gehilfen befand er sich bei den riesigen Komposthaufen, wo sich Laub, Stroh, Stallmist, Ruß und Abfall türmten und dunkle Massen gleich Hünengräbern schwollen. »Unser Schöpfungsruf lautet: Erde werde!«
Munter schwang er zu diesem Ausruf seine Schaufel und streute, das Grobe vom Feinen sondernd, einen Hub durch ein drahtgeflochtenes Wurfgitter.
»In der Bereitung der Erde«, meinte er, »haben wir Gärtner eine gewisse Ähnlichkeit mit den Göttern, die auch Erde machten, ehe sie die Welt mit Grünzeug bepflanzten. Zum mindesten stehen wir ihnen deshalb nahe. Götter und Gärtner gehören zusammen.« Ein kurzer, dicker, alter und ein langer, magerer, jüngerer Gott, fand ich. Zweifellos war der Alte stärker von der Mythe angehaucht als der andere. Hat man je von langen, spindeldürren Göttern gehört? Götter sind entweder schlank oder beleibt.
»Wir wollen jedoch nicht zu hoch hinaus«, schränkte Borngart ein. »Erschaffen wir auch nichts aus dem Nichts, so verfeinern und verbessern wir doch die vorhandene Krume. Wir versetzen sie in einen höheren Rang!«
»Wir machen Göttererde!« behauptete Ull trocken. »Und wie bringen Sie das zuwege?« erkundigte ich mich, während meine Augen über die Hügel schweiften, von denen mancher ein recht irdisches Aussehen hatte.
»Wir durchwirken, mischen, schaufeln, lockern, zerbröseln, krümeln und durchfeuchten sie. Wir mengen Stalldünger, Holzasche, Ruß, Staub, Federn, Laub, Ätzkalk, Knochen- und Steinmehl hinein. Wir richten sie her und bereiten sie vor für ihre mannigfaltigen Aufgaben. Wir scheuen keine Mühe, sie umzusetzen und jahrelang zu erziehen, damit sie eines Tages reif sei für das Gartenleben. Eine Art von Weltverbesserung, Herr Adventer, die brauchbar ist. Und gibt der Himmel noch seinen Segen hinzu, kann uns nichts widerfahren. Ull meint allerdings«, und er deutete mit dem rechten Daumen über die Schulter auf seinen Gehilfen, »auch die Erd- und Luftgeister müßten uns wohlgewogen sein, sonst fräßen die Raupen unsern künftigen Kohl, und der Hagel zerschlage die Salatköpfe. Aber Ull ist ein abergläubischer Bursche und ein Zauberer dazu.«
»So soll er mir etwas vorzaubern!« sagte ich und ließ meinen Blick suchend durch den Garten wandern; nichts wäre mir jetzt erwünschter gewesen, als Dorine zu sehen. Die Maulwurfsarbeit der Gärtner, wie sie die beiden mit Eifer verrichteten, konnte mich nicht so sehr fesseln. So stark aber auch mein Wunsch war, nichts Zaubergleiches zeigte sich.
Der Gehilfe, fertig mit dem Sieben, stellte das Wurfgitter auf die Seite und wandte sich einem aus grobem Abfall bestehenden Haufen zu. Er bestieg den Hügel und stieß mit einem gespitzten Rundholz sechs tiefe, gleichmäßig verteilte Löcher in den Berg.
»Zum Zauberwerk sind Sie gerade zurecht gekommen«, sagte der Gärtner zu mir, »eine Zauberei, bei der alles natürlich zugeht. Was dabei herauskommt, unser künftiges Gemüse, ist nicht weniger wunderbar. Ull hat die geheimnisvollen Päckchen in der Tasche.«
Ull zog aus der Rocktasche einen Papiersack, dem er mehrere farbige Papierbeutelchen entnahm, und ein kleines Fläschchen mit brauner Flüssigkeit, die ich für Tabaksaft gegen Ungeziefer hielt. Ich wurde aber sogleich belehrt, daß es Baldriantinktur sei und in den Beutelchen sich kleine Mengen der Heilpflanzen Schafgarbe, Kamille, Brennessel, Löwenzahn und gepulverte Eichenrinde befänden, zubereitet nach besonderem Verfahren.
»Wozu Heilkräuter?«
»Der Garten ist kein totes Grundstück, sondern ein lebendiges Wesen«, antwortete Borngart. »Die Erde ist ein Leib. Für alle Leiber sind Heilkräuter gewachsen. Mit den Drogen erhalten wir den Garten heil und erfüllen das Gebot des Meisters Paracelsus von Hohenheim, der forderte, daß auch die Nahrungspflanzen Heilpflanzen seien.«
Der Gehilfe streute nun in jedes der Löcher den Inhalt eines Beutels, filziges und pulveriges Zeug, füllte Erde in die Öffnungen und stampfte diese wieder zu. Dann holte er aus dem Warmhaus einen Holzkübel mit lauwarmem Regenwasser und löste, langsam rührend, die Tinktur darin auf.
»Wohl ein Beruhigungsmittel für aufgeregte Pflanzenkinder?« meinte ich scherzhaft.
Borngart schüttelte den Kopf. Der Baldrian, bedeutete er, sei eine besonders lichtliebende Pflanze, die sich mit Wärme und Feuer vollsauge. Sie bereite in ihrem Saft ein natürliches Phosphorsalz, und der Phosphor sei, wie man wisse, ein Lichtträger. Impfe man die Komposterde mit der Lösung, übertrage man auf sie die Licht- und Feuerkräfte des Phosphors.
»Mit der Feinerde kommt dann die Lichtkraft des Baldrians«, fuhr er fort, »in den Erdboden. Der Baldrian durchwirkt die Krume lichtspendend und arbeitet durch seine Wärmewirkung dem schädlichen Einfluß zu großer Feuchtigkeit entgegen. In der Krume verbessert er somit gleichsam das Klima.«
Bei dieser kühnen Folgerung sah ich den Gärtner prüfend an. Dieser mochte meinen nachdenklich-zweifelnden Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn er meinte, alles Natürliche verberge in sich Geheimnisse, und diese wären nichts anderes als noch nicht offenbar gewordene Wahrheiten.
Die Gewächse, deutete er an, brauchen zu ihrer Gestaltung verschiedene mineralische Stoffe. Da ist einmal der Kalk, der Vermehrer der Pflanze und Bauherr der Blätter. Ihm gesellt sich das Kali, das auf das Wachstum der Wurzel einwirkt und den Stengeln bei ihrem Fortkommen hilft. Eisen und Magnesium weben am Blattgrün. Die Kieselsäure gibt der Pflanze Kraft und verbindet sie zugleich mit ihrer Umgebung, dem Weltall, damit sie für Strahlung und Wärme empfänglich sei. Der Stickstoff dient der allgemeinen Ernährung. Andere geheime Helfer treten zu diesem schaffenden Bund der Stoffe.
›Was hat das mit seinen Komposthaufen zu tun?‹ dachte ich und schickte einen Seitenblick über die Hügel zum Gartentörchen.
»Ich möchte Sie nicht ermüden, Adventer!« sagte Borngart, beinahe bekümmert, weil er meinen abschweifenden Blick bemerkt hatte. »Aber da Fräulein Dorine vor einer Stunde weggegangen ist – mit Jute!« setzte er bedeutsam hinzu, »haben Sie sicherlich einen Augenblick Zeit für mich. Meine Gemüse werden Ihnen im Sommer noch einmal so gut schmecken, wenn Sie erst wissen, was ich ihnen an Kräften zuführe und welche Stoffe ich von ihnen fernhalte. Das Glück des Essens beginnt bereits mit der Aufzucht der Nahrungspflanzen.«
»Erzählen Sie mir davon!« bat ich und machte ihm klar, daß er und ich nicht gar zu sehr voneinander unterschieden seien: er verfolgte, wie ich verstände, einen Weg, der mitten in das Leben hineinführe, zum Menschenheil, und ich bemühte mich, mit meinem Auge die Rätselschrift der Schöpfung zu entziffern und vielen verständlich zu machen, auch zur eigenen Heilsamkeit. »Was hat es also mit Ihren Heilpflanzen auf sich?« So ermunterte ich ihn, ohne mir anmerken zu lassen, wie sehr mich seine Mitteilung über Dorines Abwesenheit betrübte.
»Die Natur«, gestand er, »ist für uns Gärtner Vorbild und Lehrmeisterin. Wie sie in ihren Hecken, Wäldern und Wildwiesen keine künstlichen und unreinen Erzeugnisse anwendet, so auch wir nicht in unserem Garten. Die zur Bereitung von Düngererde benutzten Heilkräuter besitzen – außer anderen Tugenden – die Gabe, Kräftewirkungen in Kompost und Erde zu erregen, wie sie ihnen selber zu eigen sind. Gleiches ruft Gleiches, und kleine Mengen üben große Reizungen und Spannungen aus. Ein leiser Wink genügt, und die mächtigen Kräfte: Kalk, Eisen, Kali, Schwefel, Kiesel, Phosphor und Stickstoff, befohlen von ihresgleichen, kommen gehorsam herbei und beginnen ihre Arbeiten. Ein wundersames Spiel hebt an. Wie der Baldrian den Boden phosphorisch impft, so wirkt die kalkhaltige Eichenrinde kalkanlockend. Ähnlich machen es Kamille und Schafgarbe, sie gebieten aber auch dem Kali und manch anderen Verbindungen. Stark an Eisen und Schwefel ist die hitzige Brennessel: Eisen und Schwefel, wacht auf! Der Löwenzahn, die strahlende Lichtblume, wurde von der Natur mit Kiesel, dem Lichtvermittler, ausgestattet. Dieser ganze in den Drogen versammelte Stab der Mineralien, im Verein mit den Kleinlebewesen des Bodens, setzt Ströme natürlicher Salze in Bewegung, stampft sie gleichsam aus der Erde, zieht sie aus Regen und Lüften, schöpft sie aus dem unerschöpflichen Born der Welt. Durch unsere Art der Erdpflege, die mehr auf Kräfte als auf Ersatzstoffe sinnt, erhalten wir den Humus des Bodens gesund und seine Fruchtbarkeit heil. Die Strahlungen des Weltalls sind in unsern Gartenboden eingegangen – in jeder Krume ein Fünkchen des ewigen Lebens, dem wir das eigene Dasein und die Kraft unserer Nahrung verdanken.«
Damit verließen wir die Komposte und den langen Erdzauberer Ull in seiner Hügellandschaft.
»Sie kommen mir wie ein halber Arzt vor«, sagte ich, verwundert über den merkwürdigen Mann und seine vom Herkömmlichen abweichende Gärtnerei. An ihr mußte jedoch etwas Stichhaltiges sein, Güte und Geschmack seiner Pflanzen wurden gerühmt, und meine Mutter lobte sie als das feinste Tafelgemüse in ganz Franken, was etwas heißen will, denn die fränkischen Gärtner in Ochsenfurt, Gochsheim und Bamberg sind weltbekannt.
»Sie denken, wie es scheint, weniger an den Ertrag und die Wirtschaftlichkeit Ihres Pachtgartens«, meinte ich, »als an die Bekömmlichkeit Ihrer Pflanzen und die Gesundheit Ihrer Abnehmer.«
»Ich denke an beides, Adventer!« antwortete er. »Lohnte denn sonst meine Mühe? Wer wie ich ein Menschenalter lang Gärtner ist, muß wissen, worauf es bei seiner Sache außer dem Umsatz noch ankommt. Gärtnerwerk ist heiliges Tun und nicht weniger segensreich als Arztwerk. Schafft unverfälschtes, kraftvolles, wirklich nahrhaftes und nicht nur aufgeblasenes Gemüse, und ihr vermeidet mancherlei Krankheiten und helft den Menschen! Wer seinen Gemüsepflanzen reine und natürliche Düngekräfte zuführt, gibt ihnen zu der einen Bestimmung, edle Speise zu bilden, noch eine andere mit: heilkräftig zu sein. Somit erfüllt er das Wort eines alten Weisen. Wer aber die Pflanzen nur mästet und mit allerlei Mittelchen aufpeitscht, damit sie im Kraut protzen und als Blender in die Augen stechen, treibt faulen Zauber.«
»Ich verstehe«, schloß ich; »demnach gibt es auch unter dem Gemüse aufgeblähtes und leeres Zeug, rechte Windbeutel.«
»Mehr Windbeutel als Wertpflanzen!« schmetterte Borngart, als ich mich am Gartentörchen von ihm verabschiedete, um unverrichteter Sache, doch nicht ohne eine neue Erfahrung in mein Dorf zurückzukehren.
Einige Tage nach meinem erfolglosen Gartenbesuch sah ich Dorine flüchtig in unserm Ort. Sie kam mit ihrem Vater vom Gemeindehaus. Ich begrüßte sie beide und beglückwünschte Dorine zu ihrer Rückkehr und ihrem guten Aussehen. Sie schien reifer und noch ruhiger geworden zu sein. Die Frische ihres Wesens einte sich mit lieblichem Ernst. Sie gefiel mir, wie immer, und bezauberte mich.
Zarte Röte überhuschte ihre Wangen, ich sah sogleich von ihr weg und erkundigte mich bei ihrem Vater nach seinem Ergehen; er war im Winter krank gewesen. Er winkte aber einer solchen Kleinigkeit wegen ab und redete von den Welthändeln. Mir behagte seine freundliche Art und der Weitblick seines Geistes. Auf diese Weise erfuhr ich zwar nicht viel von Dorine, ich mußte mich mit ihrem Anblick begnügen – doch das war nichts Geringes.
Sie verabschiedeten sich bald, und im Weggehen lud mich Herr von Heckenast ein, ihn gelegentlich in seiner Sternenstube zu besuchen. Er war aus Liebhaberei Astronom und hatte in einem erkerartigen Anbau seines Hauses ein langes Fernrohr aufgestellt, das gleich einem Geschützlauf schräg zum Fenster hinausragte.
Am nächsten sternenhellen Abend fand ich mich bei ihm auch ein und schickte meinen Blick durch das Rohr in das nächtliche All hinaus. Dorine half ihrem Vater bei seinen Geräten und versah das Feuer in dem kleinen Eisenofen, damit dem Sternengucker, der bei geöffnetem Fenster in die Februarnacht hinausspähte, nicht kalt würde.
Ich hatte noch nie durch ein so großes Fernrohr in die Sternenwelt geblickt. Der Mars, wie ein Feuerklumpen groß oder gleich einer glühenden Scheibe, war merkwürdig rötlich anzusehen. Sein Licht hatte einen zornigen Schein. Er war von feinen Kanälen durchschattet und trug an den Polen seine fahlen Eiskappen. Dorine war mir bei der Einstellung der Bildschärfe behilflich gewesen, und dabei hatte mich ihre Wange sacht berührt. Und als ich schon dem Gestirn meinen Augenbesuch abstattete, fühlte ich noch immer die hauchzarte Berührung, so wie man einen empfangenen Kuß noch lange auf den Lippen spürt. In der Eiseskälte des Weltraumbildes hatte ich die Wärme der Erde bei mir.
