8,99 €
Abschied von Zeiten, Menschen und Lebensereignissen. Eine Kurzgeschichtensammlung, die zeigen soll, dass der Abschied zu unserem Leben gehört und immer zwei Seiten für uns bereithält.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 35
Veröffentlichungsjahr: 2022
Madeline Calvelage, geboren 1988, wuchs in einer Kleinstadt in Brandenburg auf und zog im Jahr 2011 nach Berlin. Seit mehreren Jahren ist sie ausgelernte Gesundheitsund Krankenpflegerin und hat im Laufe der Zeit in mehreren Krankenhäusern auf verschiedenen Abteilungen gearbeitet.
Ihre dort gesammelten Berufserfahrungen hat sie im Jahr 2020 in ihrem ersten Buch "Unser Beruf ist nicht das Problem - Es sind die Umstände" veröffentlicht, um auf die Rolle der Pflegekräfte in unserem Gesundheitssystem aufmerksam zu machen.
Nun folgt die erste Kurzgeschichtensammlung, die zeigen soll, dass der Abschied zu unserem Leben gehört und immer zwei Seiten für uns bereithält.
Für meinen Sohn.
Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.
Søren Kierkegaard
Madeline Calvelage
Das wäre schön
© 2021 Madeline Calvelage
Umschlag, Illustration: Madeline Calvelage
Lektorat, Korrektorat: Jenny K., Sandra W., Pierre C.
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
Madeline Calvelage
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN
Paperback
978-3-347-74981-8
Hardcover
978-3-347-74983-2
e-Book
978-3-347-74984-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Inhaltsverzeichnis
Lady
Endlich
Dreizehn Jahre
Zurück zu Hause
Irgendwann
Einst so nah
Nie wieder
Nur noch raus
Einer nach dem anderen
Im Astronautenviertel
Und die Uhr macht Tick
Wie es weitergeht
Schon bald
Bis zum letzten Atemzug
Lady
Sanft streichle ich ihren Kopf. Immer und immer wieder. Ich kann einfach nicht aufhören.
Die müden Augen öffnen sich hin und wieder, allerdings scheint es ihr zunehmend schwerer zu fallen. Ganz langsam hebt und senkt sich der Brustkorb. Die vier Pfoten liegen erschöpft vor mir.
Nun ist es an der Zeit und ich soll zur Seite treten – die Ärztin holt die Spritze aus ihrer Tasche. Aber ich kann nicht – ich kann und will nicht loslassen.
Es war doch erst gestern, als ich Lady zum ersten Mal in den Händen hielt – ganz klein und nicht mal fünf Wochen alt. Ein unglaublich kleines Wollknäuel, welches mich in den letzten acht Jahren begleitet hat. Den Namen habe ich damals ausgesucht. Ich fand ihn sehr passend. Sie war so schön und anmutend.
Die Ärztin zieht sich Handschuhe über und entfernt die Schutzkappe der Kanüle. Tränen schießen mir in die Augen. Es ist jetzt wirklich so weit. Wie aus der Ferne höre ich meine Eltern schluchzen. Mein Vater hat bereits ein Loch im Garten ausgehoben.
Eine Hand berührt meine Schulter und zieht mich behutsam zur Seite. Ich kann nicht sagen, ob es einer meiner Eltern oder meine Oma ist. Zum allerletzten Mal schaue ich in diese dunkelbraunen Augen und ich habe das Gefühl, nicht mehr atmen zu können.
Die Ärztin nickt uns kurz zu und setzt dann die Spritze. Der Schwanz geht kurz in die Höhe und senkt sich wieder. Es dauert nicht lange und die Atemabstände werden immer größer.
Plötzlich ist es vollkommen still. Mitten in der Bewegung verharrt der Körper und regt sich nicht mehr. Die Ärztin geht wenige Minuten später. Wortlos holt mein Vater eine Decke hervor und wickelt Lady darin ein. Ganz behutsam trägt er sie hinaus in den Garten, vorbei an der Tulpenwiese bis zum Gebüsch neben der alten Eiche.
Für einen Augenblick drückt er Lady ganz nah an sich heran und flüstert ein paar Worte, ehe er den Körper in die Grube gleiten lässt. Obwohl ich kein einziges Wort hören kann, läuft mir ein eiskalter Schauer über den Rücken.
Nie zuvor habe ich meinen Vater so sehr mit sich kämpfen sehen. Die Decke verrutscht dabei plötzlich und die Schnauze liegt kurzerhand frei. Meine Mutter atmet laut auf. Rasch bücke ich mich und bedecke sie wieder.
Noch lange stehen wir schweigend vor dem Grab. Ich schaue hinauf in den strahlend blauen Himmel, in dem sich der weiße Kondensstreifen eines Flugzeuges verliert. Um uns herum ist alles ruhig. Die Luft ist mild und warm, und nun vom Duft frischer Erde erfüllt.
Endlich
Die Tür fällt ins Schloss. Noch ein kurzes Rascheln und Räuspern, ehe sich die Schritte im Treppenhaus verlieren.
