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In ihrem ersten Buch „Unser Beruf ist nicht das Problem. Es sind die Umstände“ erzählt Autorin Madeline Calvelage in Form eines autobiografischen Romans von ihrem Werdegang als Gesundheits- und Krankenpflegerin und wie sie den stetig wachsenden Personalmangel immer mehr zu spüren bekommt. Jahr um Jahr wird ihr bewusster, wieviel Platz der Beruf in ihrem Leben einnimmt und welche Bedeutung er zunehmend für sie spielt. Die Leser werden hierbei in den Arbeitsalltag der Protagonistin geworfen und lernen sie zum allerersten Mal als Auszubildende kennen. Im Zeitraffer wird auf einer eindringlichen Art und Weise gezeigt, was es heutzutage bedeutet, Pflegekraft zu sein und die Verantwortung für eine Überzahl an Patienten zu tragen. Was am Ende bleibt, ist die Frage, wohin das alles noch führen soll.
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2020
Madeline Calvelage, geboren 1988, wuchs in einer Kleinstadt in Brandenburg auf und zog im Jahr 2011 nach Berlin. Seit mehreren Jahren ist sie ausgelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und hat im Laufe der Zeit in vielen Krankenhäusern in verschiedenen Abteilungen gearbeitet.
Ihre dort gesammelten Berufserfahrungen veröffentlicht sie nun in ihrem ersten Buch, um auf den stetig wachsenden Pflegenotstand aufmerksam zu machen. Trotz der sich immer weiter zuspitzenden Umstände empfindet sie ihren Beruf als erfüllend und schätzt die Begegnungen, die sie tagtäglich durch ihre Arbeit hat.
Madeline Calvelage
Unser Beruf ist nicht das Problem
Es sind die Umstände
© 2023 Madeline Calvelage
Website:
https://unser-beruf-ist-nicht-das-problem.webnode.page/
Satz & Layout von: C. Retzlaff
Covergrafik von: Michael Willöfer
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
ISBN
Paperback
978-3-347-15612-8
Hardcover
978-3-347-15613-5
E-Book
978-3-347-15614-2
Wo haben wir …?
Ich suche die Akte von …
Ich komme gleich.
Es ist mir egal, was Sie …
Kann jemand mal …?
Das interessiert mich nicht.
Haben Sie Schmerzen?
Wer klingelt denn da?
Gut geschlafen?
Wo liegt der Patient …?
Ich gehe jetzt!
Suchen Sie was?
Scheißessen!
Wenn was ist, dann …
Das muss ins Labor.
Ich bin Privatpatient!
Wann kommt denn die Visite?
Ich brauche noch eine Unterschrift.
Das letzte Mal Stuhlgang?
Ein Irrenhaus.
Ich kann das nicht mehr.
Mir geht’s nicht gut.
Augen zu.
Reanimation!!!
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Nachwort
Danksagung
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Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort
Danksagung
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Vorwort
Gibt es einen besonderen Grund, warum Sie sich ausgerechnet für Ihren Beruf entschieden haben?
Waren es vielleicht Ihre Eltern, die Sie dort hingetrieben haben? Oder waren Sie es selbst, die ihren Weg in diese Richtung eingeschlagen hat?
Immerhin muss dieser Beruf doch eine Bedeutung für Sie haben, Sie ansprechen, vielleicht sogar auch erfüllen? Andererseits, warum sollten Sie sonst so viel Zeit in ihn investieren?
Doch viel wichtiger ist die Frage, warum Sie ihn immer noch machen und nicht längst etwas anderes tun?
Ich denke, es ist menschlich, wenn man sich im Laufe der Zeit hin und wieder diese Fragen stellt. Jeder hat seine eigene Antwort darauf. Ob man dabei ehrlich zu sich ist, hängt von jedem Einzelnen selbst ab.
Es ist nicht einfach, seinen eigenen Beruf objektiv und facettenreich darzustellen, weil persönliche Erfahrungen und die Nähe zum Geschehen die Sichtweise beeinflussen. Jeder von uns erlebt seinen Beruf anders. Jeder von uns hat andere Erfahrungen gemacht. Und jeder von uns misst seiner Arbeit eine andere Bedeutung bei.
Was also erzählt man und was lässt man lieber außen vor? Doch vor allem, was wollen Sie hören?
Falls Sie erwarten, dass ich Ihnen erzähle, warum ich mich für diesen Beruf entschieden habe, was ihn so besonders macht und weshalb ich keinen anderen Job der Welt machen würde, dann muss ich Sie enttäuschen. Das ist nicht mein Ziel.
Tatsächlich möchte ich Ihnen einfach nur einen Einblick in unsere Arbeitswelt geben. Ich möchte Ihnen zeigen, welche Patienten1, Probleme und Herausforderungen uns begleiten. Ich möchte Sie spüren lassen, was in uns vorgeht, wenn sich ein Dienst immer weiter zuspitzt und man gezwungen ist, Sachen beiseitezuschieben, obwohl es einem selbst nicht gefällt. Und ich möchte Ihnen verdeutlichen, wie eine andauernde Unterbesetzung unser Verhalten und auch die Sicht auf unseren Beruf beeinflussen kann.
Nichts von dem Erzählten ist eine Übertreibung oder eine Seltenheit. Viele Dinge passieren uns tagtäglich. Denken Sie beim Lesen immer daran: Meine Geschichte ist nur eine von vielen.
Wir stecken seit Langem in einer Situation, in der wir einerseits auf unsere brisante Lage aufmerksam machen, aber andererseits mit unseren Schilderungen auch keine neuen Kollegen verschrecken wollen. Doch wie soll uns das gelingen?
Die Verantwortung für andere Menschen zu tragen, der ständige Wechsel zwischen drei Arbeitsschichten und die körperlichen Anstrengungen: All diese Aspekte begegnen uns in der Pflege, auch wenn kein Personalnotstand existieren würde. Sie also kleinzureden oder losgelöst davon zu betrachten, ist wenig hilfreich.
Wie aus den Medienberichten bekannt ist, existiert der Pflegenotstand nicht erst seit gestern. Er begleitet uns schon seit Jahren. Allerdings ist der Zeitpunkt, an dem sich alles immer weiter verschärft und einer nach dem anderen diesen Beruf verlässt, schon längst gekommen. Immer mehr Kollegen flüchten in die Teilzeit oder wechseln zu Leiharbeitsfirmen. Immer öfter hörte ich den Satz: Ich kann das nicht mehr.
Genau aus diesem Grund habe ich vor einigen Jahren angefangen, dieses Buch zu schreiben. Es war zu einer Zeit, in der ich selbst den stetig wachsenden Personalmangel immer mehr zu spüren bekam. Jahr um Jahr wurde mir bewusster, wie viel Raum der Beruf in meinem Leben einnimmt und welche Rolle er zunehmend für mich spielt.
Ich hatte es satt, dass man in der Presse immer wieder die gleichen Schlagzeilen las, ohne dass dabei wirklich darauf eingegangen wurde, was sich hinter ihnen verbirgt. Was heißt denn schon eine hohe Arbeitsbelastung oder ein zu niedriger Personalschlüssel?
Für die meisten mögen dies nur Fakten und Zahlen sein, doch für uns Pflegekräfte sind sie viel mehr als das. Für uns bedeuten sie Dienste, die so nicht mehr zu schaffen sind.
Jeden Tag stehen wir einer Überzahl von Aufgaben und Patienten gegenüber, die uns oft an unsere Grenzen bringt. Niemand kann und will anscheinend verstehen, wie schwierig es ist, alle Patienten so zu versorgen, wie es die medizinische Notwendigkeit verlangt, doch vor allem, wie wir es mit unserem Gewissen vereinbaren können.
Dass wir die Patienten meist nur noch abarbeiten können, anstatt uns die nötige Zeit für sie zu nehmen, die sie brauchen, ist niemandem so richtig bewusst. Erst wenn man selbst oder ein naher Angehöriger betroffen ist, wird laut aufgestöhnt: „Das ist doch unglaublich! Wie kann das sein?“ Genau: Wie kann das nur sein? Für viele Kollegen ist dieser Zustand unerträglich und nicht mehr auszuhalten.
Ich selbst bin seit 2011 ausgelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und habe viele von ihnen kommen und gehen sehen. Bei fast allen war die Suche nach besseren Arbeitsbedingungen der Grund für die Kündigung. Aber wie will man etwas finden, das kaum noch existiert? Besonders frustrierend ist die Tatsache, dass einige nicht einfach nur den Arbeitgeber wechseln, sondern etwas ganz anderes anfangen und komplett aus dem Pflegesektor verschwinden.
Dabei ist unser Beruf doch so viel mehr als dieser Pflegenotstand. In meinen Augen bietet er wahnsinnig viel Abwechslung und Möglichkeiten. Allerdings sehen wir das kaum noch. Das Einzige, was wir sehen, ist, dass wir immer weniger und die Anforderungen immer mehr werden.
Es wird allerhöchste Zeit, dass endlich alle begreifen, wie wichtig unsere Arbeit ist und welchen Stellenwert sie in unserer Gesellschaft einnimmt. Aber vor allem müssen wir Pflegekräfte uns selbst wieder daran erinnern, weshalb dieser Beruf zu uns gehört und kein anderer.
Auch wenn schon vor vielen Jahren etwas hätte unternommen werden müssen, können wir es uns nicht leisten, die Welle der Aufmerksamkeit, die immer wieder durch Politik und Presse rollt, zu verpassen. Stattdessen sollten wir sie nutzen, um neue Kollegen zu gewinnen und sie für diesen Beruf zu begeistern – ganz egal, aus welchem Land sie kommen und welcher Religion sie angehören.
Bei all den Herausforderungen und Schwierigkeiten, die die Tätigkeit als Pflegekraft mit sich bringt, dürfen wir eines nicht vergessen:
Der Beruf ist nicht das Problem – es sind die Umstände.
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird ausschließlich die männliche Form verwendet. Sie bezieht sich auf Personen aller Geschlechter.
Kapitel 1
Dezember 2008
Ein grelles Licht brach durch die Glasfront und strömte in alle Richtungen aus. Jede noch so kleine Nische wurde von den Scheinwerfern geflutet. Jeder Stein strahlte beißend hell.
Schon immer war die Leuchtreklame des Klinikums gut zu sehen gewesen. Bereits in den 50er Jahren war dieser Bereich des Gebäudekomplexes als Haupteingang genutzt worden, an dem sich unmittelbar der Glaskasten mit dem Pförtner anschloss. Alles wirkte sehr alt, beinah marode. Ein Ungetüm längst vergangener Zeiten.
Von der Szenerie ein wenig eingeschüchtert, passierte ich die Drehtür und folgte eine ganze Weile dem Hauptflur. Eine unheimliche Stille kam mir entgegen. Alles schien noch sehr ruhig und friedlich zu sein, ganz egal, was sich womöglich hinter den Mauern abspielte.
Vor sechs Wochen hatte ich meine Ausbildung begonnen. Eine Zeit. die so unglaublich schnell vergangen war, dass ich nicht glauben konnte, heute schon meinen ersten Tag auf einer Station zu verbringen. Ich war angespannt, nervös, ein Beben in meinem Bauch.
Während ich darüber nachdachte, bog ich ins Treppenhaus. Das Trippeln meiner Füße hallte von den Wänden. Auf jeder Stufe war das Rascheln meiner Tasche deutlich zu hören. Umso näher ich dem Kellergeschoss kam, umso eindringlicher wurde der Geruch eines steinernen Gemäuers.
Nach dem letzten Absatz stand ich in einer beklemmenden Dunkelheit. Ein pechschwarzer Gang lag vor mir. Rechts und links führten dicke Rohre an den Wänden entlang. Große Stahltüren reihten sich in wenigen Abständen aneinander.
Ich zögerte, weiterzugehen.
Nach und nach trat ich vorwärts. Mit einem leichten Krachen in der Stromleitung füllte sich der Flur Abschnitt für Abschnitt mit fahlem Licht. Fast am Ende befanden sich die Umkleiden. Ein heftiges Knarren ertönte, als ich die schwere Eingangstür bewegte. Mit einem Mal stand ich in einem riesigen Raum. Die Spinde standen dicht an dicht. Jeder Winkel war zugestellt. Alles wirkte wie ein enges Korsett.
Bei der ersten Sitzbank legte ich meine Tasche ab und zog als Erstes meine dicke Jacke aus. Sofort stieß ich mit den Ellbogen gegen den Spind hinter mir.
Verdammt!
Während ich meine Jacke auf den einzig vorhandenen Kleiderbügel hing, konnte ich eine irgendwo vor sich hin tropfende Wasserleitung hören. Nach und nach zog ich mir die restliche Kleidung aus, was in Anbetracht der heißen stickigen Luft dort unten eine Wohltat war. Zum ersten Mal schlüpfte ich in die mir ungewohnte Arbeitskleidung hinein und betrachtete mich minutenlang im Spiegel.
Die Wangen waren von der Wärme ein wenig gerötet. Ein paar Locken hingen in mein Gesicht. Mit der Bürste kämmte ich mir alle Haare nach hinten und band einen Knoten. Erst beim dritten Versuch war ich zufrieden und machte mich auf den Weg zur Station 7c, die Abteilung der Hämatologie und Onkologie2.
Ich wusste nicht recht, was ich erwarten sollte. Das einzige Bild, das ich vor Augen hatte, war ein ausgezehrter Krebspatient, der in seinem Bett gedankenverloren durch ein Fenster starrt und neben sich eine Chemotherapie zu laufen hat. Die Vorstellung, bald solchen Patienten zu begegnen, war befremdlich. Ich würde diese Menschen in der wohl schlimmsten Zeit ihres Lebens kennenlernen.
Mit einem dumpfen Geräusch schlossen sich die Fahrstuhltüren und der graue Betonklotz begann, langsam nach oben zu fahren. Nach nur wenigen Minuten erreichte ich das vierte Stockwerk und betrat nach dem Durchqueren einer Automatiktür die Station.
Ein über die Jahre ausgeblichener beiger Linoleumboden führte an den wenigen Patientenzimmern vorbei und brachte meine Schuhe gelegentlich zum Quietschen. Anfangs merkte ich nicht, wie langsam meine Schritte wurden. Doch dann geriet ich immer mehr ins Stocken, je näher ich dem Stationszimmer kam.
Auf einmal konnte ich das Klirren aufeinandertreffender Tassen hören. Abrupt blieb ich stehen. Erst jetzt wurde mir klar, wie aufgeregt ich war. Minutenlang zögerte ich hineinzugehen. Wie angewurzelt verharrte ich auf der Stelle und lauschte dem Rauschen des Wasserkochers.
Nachdem ich bis drei gezählt hatte, atmete ich tief durch und setzte mich langsam in Bewegung. Das Zimmer war ausgesprochen klein. Der Duft von Kaffee lag in der Luft. Die Vorhänge waren tiefrot und mit einem hässlichen Blumenmuster bestickt. Ein kleines Dimmlicht brannte in der Ecke.
Eine Schwester stand mit dem Rücken zu mir gewandt an der Spüle und wusch einen Teller ab. Als ich eintrat, knirschte der alte Fußboden so laut, dass die Schwester augenblicklich zusammenzuckte und sich dabei ruckartig umdrehte.
„Oh mein Gott, müssen Sie sich so anschleichen?“, fragte sie mich empört.
Sie drückte sich mit der einen Hand in die Mitte ihrer Brüste und sah mich erschrocken an. Soweit ich es erkennen konnte, schien sie schon ein wenig älter zu sein. Zumindest ließen mich das die tiefen Falten im Gesicht und am Hals glauben. Ihre kurzen blonden Haare waren zu einem kleinen Zopf zusammengebunden, wodurch ihre markanten Wangenknochen noch mehr zur Geltung kamen.
Stotternd presste ich eine Entschuldigung raus und stellte mich als die neue Schülerin vor. Die Schwester hingegen schien immer noch wie vom Blitz getroffen zu sein. Weder rührte sie sich, noch verriet sie mir ihren Namen. Sie schaute mich lediglich missmutig an, bis sie Sekunden später ihre Stimme wiederfand.
„Aha, na dann setzen Sie sich mal. Ihre Tasche können sie hier in diesem Schrank ablegen.“
Sie deutete mit einer kurzen Handbewegung auf das noch freie Fach im Wandschrank und drehte sich im nächsten Augenblick auch schon wieder zum Waschbecken, wo sie hastig den Abwasch fortführte.
Nachdem ich meine Tasche verstaut hatte, setzte ich mich auf einen der wenigen Stühle, der ein langatmiges Knarren von sich gab und genauso alt zu sein schien, wie die verstaubten Vorhänge an der Fensterfront. Außer dem Plätschern des Wassers war jetzt nichts mehr zu hören.
Die Schwester schrubbte weiter an den Tellern, ohne dabei ein einziges Wort mit mir zu wechseln. Vielleicht war sie einfach nur müde, aber plötzlich fühlte ich mich sehr deplatziert.
Doch wenige Minuten später ertönte auch schon ein schrillendes Läuten, das mir bei der noch überall herrschenden Ruhe viel lauter erschien, als es wahrscheinlich tatsächlich war. Ich vermutete, dass es die Notfallklingel eines Patienten war und wusste nicht, ob ich jetzt dort hingehen sollte oder nicht. Immerhin ist es mein erster Tag und ich habe null Ahnung von nichts.
Verhalten saß ich auf meinem Stuhl und rutschte nervös hin und her. Eine ganze Ewigkeit passierte rein gar nichts, bis sich die Schwester plötzlich entnervt zu mir umdrehte.
„Wollen Sie nicht mal zur Klingel gehen?“, fragte sie mich in einem fordernden Ton.
Also doch hingehen.
Ohne zu zögern erhob ich mich vom Stuhl und trat in den Flur hinaus. Sofort schoss mir das grelle Licht in die Augen, wodurch ich nicht wirklich erkennen konnte, woher der Notruf überhaupt kam. Aber dann entdeckte ich das rot aufleuchtende Signal an einem der Patientenzimmer und ging zügig hin. Leise klopfte ich an die Zimmertür und drückte die Klinke hinunter.
Mit einem Mal stand ich in einem kleinen schmalen Vorraum, der, wie ich später erfuhr, als Schleuse diente. Auf dem dort seitlich angebrachten Regal standen Handschuhe und Desinfektionsmittel bereit. Die Tür zum eigentlichen Zimmer war nur angelehnt, sodass ich sie zum Öffnen nur leicht anschubsen musste.
Es war sehr finster und irgendwie roch es auch sehr komisch. Ich hörte ein leises Wimmern, das sofort verstummte, als ich näher zu den Betten trat. Meine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt und ich konnte eine ältere Frau in dem ersten Bett erkennen. Die Decke hatte sie fast über ihr gesamtes Gesicht gezogen, als wollte sie sich vor mir verstecken.
„Hallo, ich mache mal kurz das Licht an, in Ordnung?“, begann ich und drückte den Knopf der Nachttischlampe. „Dann kann ich besser sehen“, fügte ich noch hinzu.
Zögernd und mit einem knisternden Geräusch schaltete sich das Licht an, das den Raum aber nur minimal beleuchtete. Sofort fielen mir bei der Frau ihre feucht glänzenden Augen auf. Das schrumpelige Gesicht war rot und fleckig. Ich legte meine rechte Hand auf ihre Schulter und begrüßte sie noch einmal.
„Hallo, Sie haben geklingelt. Ist alles in Ordnung?“, fragte ich sie.
Doch ich wusste bereits, was los war.
Ich kann es riechen.
„Ich hab es nicht mehr halten können, Schwester“, schluchzte sie, „es tut mir sehr leid“, und zeigte gleichzeitig auf den großen nassen Fleck unter sich.
„Das macht nichts. Ich hole nur …“, begann ich.
„Wenn Sie zur Klingel gehen, müssen sie die auch ausschalten!“, ertönte es hinter mir.
Die Nachtschwester stand plötzlich in der Tür und rümpfte die Nase, als sie näher zum Bett trat.
„Oh, das kann nicht wahr sein“, sagte sie mit erboster Stimme, „echt, immer dieselbe Scheiße! Können Sie nicht klingeln, wenn Sie auf Toilette müssen?! Ist das so schwer?!“
Während die Schwester diese Worte aussprach, legte sie ihre Hände an Hüfte und Schulter der Patientin, wobei sie mir ein Zeichen gab, dass ich doch bitte mit anzufassen hatte.
Schon im nächsten Moment wurde die alte Dame zur Seite gewuchtet, woraufhin sie noch mehr wimmerte, was jetzt aber offenbar vom ruppigen Handgriff der Schwester herrührte. Während ich sie auf der anderen Seite behutsam festhielt, fing die Schwester lauthals an zu schimpfen.
„Ich begreife es nicht! Ich begreife es einfach nicht! Immer kurz vor der Übergabe. Immer vor dem Feierabend. Oh, und wie das wieder stinkt!“
Inzwischen hatte sie sich einen nassen Lappen geschnappt und wusch damit den Po der Patientin. Dann gab sie ihn mir.
„So, dann kommen Sie mal zu mir“, forderte sie die alte Dame auf, die aber sofort ihre Hand wegzog, als die Schwester sie zu sich rüber holen wollte.
„Na, jetzt hören Sie mal! Machen Sie gefälligst mit!“
Ich konnte gar nicht so schnell gucken, da griff sie erneut nach der haltsuchenden Hand der Frau. Mit einem groben Ruck glitt die Patientin auf die andere Seite, wobei ihre Beine von der Wucht der Bewegung mit einem Mal aus dem Bett hingen. Ich erschrak augenblicklich und die Schwester glotzte mich daraufhin entnervt an.
„Na los, fangen Sie schon an“, forderte sie mich auf.
Aber ich war wie betäubt von dieser Szene und starrte sie mit offenem Mund an. Sekunden verstrichen, bis sie mir schließlich den Lappen aus der Hand riss und mich erneut anblaffte.
„Geben Sie schon her!“
Und schon rubbelte sie mit dem urindurchtränkten Lappen den ganzen Po der alten Dame ab. Es roch jetzt wesentlich intensiver nach Ammoniak als vorher und das Laken war so pitschnass, dass wir ein neues einziehen mussten. Jetzt konnte ich die alte Frau kaum noch hören und glaubte in ihren abwesenden Augen die blanke Scham zu sehen.
„Ich müsste auch langsam auf die Toilette, Schwester“, kam es auf einmal und ganz schüchtern aus dem anderen Bett.
Ich habe ganz vergessen, dass das ein Zweibettzimmer ist.
Zudem staunte ich über die Patientin, die nach alldem, was sie in den letzten Minuten mit angehört haben musste, von uns auf Toilette gebracht werden wollte.
„Also nein! Kaum muss der eine auf Toilette, muss der andere auch. Nein! Sie können jetzt warten! Ich hab jetzt keine Zeit, jeden Einzelnen hier aufs Klo zu setzen!“, verkündete die Schwester, bevor sie aus dem Zimmer verschwand.
Völlig sprachlos stand ich zwischen den beiden Betten und fragte mich, wo ich hier gelandet war. Ich fühlte mich, als wäre ich gerade selbst diejenige gewesen, die die Frau so rabiat behandelt hatte. Da ich noch immer wie angewurzelt dastand, sprach mich die andere Dame flehend an.
„Bitte, Schwester, ich kann es nicht mehr lange halten. Wenn ich jetzt nicht …“
„Kommen Sie jetzt endlich? Wir wollen Übergabe machen!“, kam es ungeduldig von der Nachtschwester, die jetzt plötzlich wieder in der Tür stand.
Ich sah die Frau, die kurz davor stand, sich einzunässen, von der Seite an. Sie schien zu ahnen, dass ich gehen musste, da sie sich langsam wieder ins Bett legte, wobei ihr lautes Stöhnen nicht mehr zu überhören war. Ich wusste nicht genau, wie ich mich verhalten sollte und folgte hilflos der Anweisung der Schwester.
Als ich die Zimmertür hinter mir geschlossen hatte, kreisten meine Gedanken um die Frau und dass ich sie dort doch nicht so liegen lassen konnte. Ich stellte mir vor, wie sie in ihrem Bett lag, unfähig, allein auf die Toilette zu gehen, mit prallgefüllter Blase, einem schmerzhaften Drücken und Ziehen im Unterbauch. Und jeden Moment könnte es passieren …
Als ich dann Sekunden später ins Stationszimmer trat, saßen drei weitere Schwestern und zwei Schüler am Tisch. Jeder hielt seine Tasse fest umschlossen und schaute auf. Ich begrüßte alle ganz freundlich und stellte mich anschließend vor. Eine Schwester mit extrem lockigem Haar und knallroter Farbe auf den Lippen fragte mich, welches Semester ich denn sei. Ich sagte, es wäre mein allererster Einsatz auf Station, woraufhin sie überrascht die Augenbrauen hob.
„Ach ja stimmt, das war ja heute. Na, dann herzlich willkommen und viel Erfolg“, sagte sie kurzerhand und lächelte mich an.
„Na, dann fangen wir mal an“, sagte die Nachtschwester und begann mit der Übergabe.
Abkürzungen, Krankheitsbilder, Laborparameter – mit den meisten Begriffen konnte ich nichts anfangen. Völlig eingenommen von dieser Situation saß ich am Tisch und lauschte den Worten der Nachtschwester.
Plötzlich wurde einer der Schüler gefragt, wofür die eben genannte Abkürzung stand. Es war dieselbe Schwester, die mich gerade eben noch begrüßt hatte und von der ich später erfuhr, dass sie die Stationsleitung war. Während der Junge angestrengt nachdachte, ertönte die Notfallklingel und ich setzte mich sofort in Bewegung.
„Und, wo wollen Sie jetzt hin?“, fragte sie mich.
Ich hatte erst zwei, drei Worte vor mich hin gestottert, da wurde ich bereits von ihr unterbrochen.
„Wir müssen nicht immer gleich aufspringen, wenn die klingeln. Wer ist es denn?“, fragte sie, während ihre Augen zur Notrufanlage wanderten. „Ach nee, die kann warten. Die klingelt immer zur Übergabezeit.“
Und schon war sie mit mir fertig und ich setzte mich wieder hin. Dann widmete sie sich wieder dem Schüler.
„Also?“, fragte sie ihn erneut.
Sie schaute ihn mit einem durchbohrenden Blick an und wartete auf eine Antwort. Es war totenstill im Raum, abgesehen von der Klingel, die unaufhörlich weiter dröhnte. Ich wusste genau, welches Zimmer es war, und ich wusste, dass es die Dame sein musste, die mich noch vor Kurzem halb angefleht hatte, zur Toilette begleitet zu werden.
Jetzt ist es wohl passiert.
Die Schwester wartete immer noch auf eine Antwort, aber der Junge bekam keinen einzigen Ton heraus und starrte auf die abgewetzte Tischdecke. Ich fragte mich, wie lange das noch so weitergehen sollte, bis sich die Schwester mit einem tiefen Seufzer von ihm abwandte.
Ein paar Minuten später war die Übergabe vorbei und die Stationsschwester verschwand augenblicklich mit den beiden Schülern ins Nebenzimmer, das als kleines Aufnahmebüro diente. Unterdessen nahmen sich die beiden anderen Schwestern jeweils einen Wäschewagen und tauschten ein paar Worte miteinander aus.
Ein wenig verloren stand ich im Türrahmen und wusste nicht recht, was ich nun tun sollte, bis mir die eine Schwester, die ältere von beiden, zunickte. Wortlos zog sie in die eine Richtung des Korridors, wohin ich ihr unvermittelt folgte.
Dann blieb sie abrupt ein paar Schritte vor dem letzten Zimmer stehen, packte ein paar Dinge wie Handtücher und Waschlappen zusammen und drückte sie mir in die Hände. Tonlos ging sie ins erste Zimmer hinein. Nachdem sie die Großraumbeleuchtung angeschaltet und bei den Patientinnen kurz unter den Bettdecken nachgesehen hatte, verließ sie mich mit den Worten, dass ich nun anfangen konnte, zu waschen.
Sie war so schnell aus dem Zimmer gegangen, dass ich ihr nicht einmal sagen konnte, dass ich noch nie zuvor jemanden gewaschen hatte.
Soll ich lieber nochmal hinausgehen und ihr das sagen?
Immerhin wusste ich theoretisch, wie es geht.
Natürlich oben anfangen. Fragen, ob die Wassertemperatur stimmt. Zuerst das Gesicht, Hals, Ohren, Augen auswischen. Dann die Arme, Hände, Brust, Bauch …
Noch ein wenig geschockt von der auf mich jetzt zukommenden Situation räumte ich all meine benötigten Materialien zusammen. Das erste Bett war leer. Auf der Toilette brannte Licht. Ich rieb mir die Hände und spürte wieder die Nervosität. Ganz leise klopfte ich an der Badtür und öffnete diese dann einen Spalt.
Am Waschbecken stand eine alte Frau nackt vor dem Spiegel und zitterte vor sich hin. Ihr Körper war so abgemagert, dass jeder einzelne Knochen zur Geltung kam. Die Haut wirkte unter dem grellen Licht der Neonröhre ganz fahl und jede Falte schien tiefer zu sein als die andere. Ihre verschrumpelten Hände klammerten sich am Waschbecken fest.
„Hallo, guten Morgen. Haben Sie gut geschlafen?“, fragte ich sie.
Doch die alte Frau schaute mich nur verwirrt an und drehte sich dann langsam wieder zum Spiegel. Während sie mit einem leeren Blick ins Waschbecken starrte, wippte sie mit ihrem Körper auf und ab.
„Ich würde Ihnen gerne beim Waschen helfen“, sagte ich vorsichtig und trat zögernd an sie heran.
Ich machte den Lappen, der bereits vor ihr lag, nass und wollte anfangen, aber stattdessen nahm sie ihn mir wieder aus der Hand und legte ihn zurück ins Waschbecken. Gelegentlich schaute sie in den Spiegel hinein. Weiterhin sagte sie kein einziges Wort, obwohl sich ihre Lippen ununterbrochen bewegten.
Anfangs wusste ich nicht, was genau das zu bedeuten hatte. Ich versuchte ein wenig auf sie einzureden und begann anschließend von Neuem. Es half alles nichts. Sie nahm mir noch mehrmals den Lappen aus der Hand und legte ihn zurück ins Waschbecken, bis sie mich nach einem erneuten Versuch mit feindseligen Augen beäugte.
„Ich kann das selbst!“, raunte sie mich plötzlich an und entriss mir den bereits halb getrockneten Lappen.
Überrumpelt wich ich einen Schritt zurück, während sich die Frau zurück zum Spiegel drehte und mit dem Auf- und Abwippen fortfuhr. Ein paar Sekunden blieb ich noch stehen und beobachtete sie dabei. Da ich aber nicht wusste, was ich hätte sagen können, verließ ich das Bad und atmete tief durch. Allzu viel brachte das allerdings nicht. Die Luft war von der Nacht verbraucht und stickig und ein streng süßliches Parfum tat sein Übriges.
Nun ging ich zum nächsten Bett und weckte die andere Dame, die bisher laut vor sich hin geschnarcht hatte. Ich legte meine Hand behutsam auf ihre Schulter und begrüßte sie.
„Guten Morgen, haben Sie gut geschlafen?“
„Waaas?!“, war das Erste, was ich von ihr hörte.
„Schreien Sie doch nicht so! Ich bin nicht taub. Gott, wie spät ist es denn?“
Sie setzte sich eine überdimensional große Brille auf und schaute schnell auf ihren Wecker. Als sie dafür ihre Decke hastig beiseiteschob, trat der typisch morgendliche Geruch von verschwitzter Haut und ungeputzten Zähnen deutlich hervor.
„Oh je, das kann nicht wahr sein. Ihr kommt ja immer früher“, beschwerte sie sich.
Verständnislos schüttelte sie den Kopf und sah mich dabei verschlafen an.
„Und wer sind Sie?“, wollte sie dann wissen. Während sie versuchte, mein Namensschild zu lesen, stellte ich mich vor.
„Guten Morgen, ich bin Frau Dahms. Und Sie wollen mich jetzt waschen, oder was?“
Als sie merkte, dass ich mit dieser simplen Frage schon überfordert war, redete sie unverzüglich weiter.
„Na ja gut, wenn es unbedingt sein muss. Aber dann will ich heute meine eigenen Handtücher benutzen. Eure sind immer so kratzig. Und Duschgel hab ich auch mein eigenes.“ Stumm vernahm ich ihre Wünsche und wartete darauf, dass sie aufstand. Obwohl … Die andere Frau ist ja noch im Bad. Wie soll ich …?
„Worauf warten Sie denn?“, fragte sie mich, „die Waschschüssel steht im Bad, wenn ich mich nicht täusche.“
Ohne mir anmerken zu lassen, worüber ich gerade noch wild hin- und herüberlegt hatte, ging ich ins Badezimmer und füllte die Schüssel mit warmem Wasser. Die andere Frau stand immer noch wippend vor dem Spiegel und beachtete mich nicht weiter.
Nachdem ich die Schüssel sicher zum Nachtschrank balanciert hatte, tauchte Frau Dahms ihren Waschlappen hinein und begann, sich von oben an abzuseifen. Als sie den Oberkörper fertig hatte, blickte sie entschuldigend zu mir auf.
„Mehr kann ich leider nicht. Den Rest müssen Sie machen.“
Nach und nach begann ich, die Beine und den Rücken zu waschen, wobei ich froh war, die ganze Zeit nicht nur danebenzustehen und ihr bei allem zuzugucken. Es war in den kommenden Wochen umso besser, wenn ich jemanden beim Waschen helfen konnte, da gegen Ende des Einsatzes eine Waschprüfung anstand, bei der mir ein Lehrer und meine Praxisanleiterin bei der Körperpflege zuschauen würden.
Nachdem ich das Wasser gewechselt und den Intimbereich von Frau Dahms gereinigt hatte, ging die Tür plötzlich auf und einer der anderen Schüler kam herein. „Na, wie weit seid ihr?“, fragte er neugierig, wobei er näher zum Bett trat.
Sofort tauchte ein großes breites Lächeln auf dem Gesicht der Patientin auf, während sie schnell ihre Schlüpfer hochzog.
„Na ja, die Kleine versucht, mich hier zu waschen, aber sie macht das auch ganz gut“, antwortete Frau Dahms, wobei sie mir neckisch zuzwinkerte.
„Gut, dann machen wir mal weiter“, sagte er und nickte mir zu.
Während ich Frau Dahms zu Ende half und wir das Bett zusammen neu bezogen, erklärte er mir die wichtigsten Sachen über die Station. Zum einen erfuhr ich, wer in dem Team die zuständige Schwester für die Auszubildenden und somit in den kommenden Monaten meine Praxisanleiterin war.
Mit ihr würde ich dann die ganzen geforderten Gespräche führen, um meinen aktuellen Stand und mögliche Probleme zu klären. So gut wie jede Abteilung hatte mindestens einen Mitarbeiter, der sich um die Ausbildung und Belange der Schüler während ihres praktischen Einsatzes kümmerte. Ich war gespannt, wie sie war und vor allem, was sie mir die nächsten sechs Monate zeigen würde.
Sechs Monate – etwas, was ich mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht vorstellen konnte. Immerhin hatte ich das Gefühl, mich wie der erste Mensch zu verhalten, obwohl das wahrscheinlich auch normal war.
Aber sechs Monate?Ich weiß nicht mal, ob ich nach dem heutigen Tag eine ganze Woche aushalten würde.
Doch ich schaffte die erste Woche. Und dann die zweite. Immer mehr tauchte ich in den Alltag der Station und den doch sehr rauen Ton untereinander ein. Nach einer Weile dachte ich sogar, das müsste so sein. Jedoch war mir damals schon klar, dass ich später nie in so einem Team arbeiten wollen würde. Allerdings sind manchmal Dinge so, wie sie sind und bleiben auch so, wie sie sind, egal wie sehr man versucht, daran etwas zu ändern.
Leider wusste ich das damals noch nicht.
2 Teilgebiete der Medizin, die sich mit Tumor- und Bluterkrankungen beschäftigen.
Kapitel 2
April 2009
Der Funkwecker zeigte 4.20 Uhr und machte sich in Form eines lauten Piepens bemerkbar. Mittlerweile hatte ich mich an das frühe Aufstehen gewöhnt, sodass ich bereits ein paar Minuten vor dem Klingeln von selbst aufwachte.
Nachdem ich dieses unangenehme Geräusch ausgeschaltet hatte, setzte ich mich anschließend an die Bettkante, wo ich mir den restlichen Schlaf aus den Augen rieb. Langsam strich ich mir meinen Morgenmantel um meine Schultern und öffnete das Fenster. Eine eisig kalte Luft strömte augenblicklich in den angeheizten Raum. Die Nacht hüllte die Gegend noch in ein dunkles Schwarz und nur vereinzelt war ein Licht im gegenüberliegenden Hochhaus zu sehen.
Langsam schlurfte ich in die Küche und machte mir einen starken Kaffee. Die immer wieder aufflackernde Deckenlampe warf ihr grelles Licht ins Badezimmer und ließ es noch kälter und grauer wirken. Die Glühbirne hatte ich schon vor Ewigkeiten auswechseln wollen, aber bisher war ich noch nicht dazu gekommen.
Nachdem ich das Radio eingeschaltet hatte, begann ich, meine Zähne zu putzen und das Gesicht zu waschen. Während der Moderator das Wetter für den heutigen Tag ankündigte, zog ich mir meine am Vorabend bereitgelegten Sachen an. Für eine Weile setzte ich mich noch in die Küche und trank meinen Kaffee, der inzwischen abgekühlt war.
Gut zwanzig Minuten später ließ ich die Haustür ins Schloss fallen und machte mich auf den Weg zum Krankenhaus. Als ich den U-Bahnhof erreicht hatte, hörte ich bereits den Zug näherkommen. Ein zu Anfang noch leises Rauschen wurde nun zunehmend lauter, wobei der Windzug immer intensiver und die Station regelrecht durchflutet wurde.
Sekunden später fuhr die U-Bahn ein und die Türen öffneten sich lautstark. Eine Handvoll Menschen trat heraus. Die meisten davon waren junge Leute und schienen betrunken oder zumindest angeheitert zu sein. Ich war gerade erst eingestiegen, da dröhnten bereits die Alarmzeichen.
Die Türen knallten zu und die Bahn setzte sich wieder in Bewegung. In dem Waggon roch es sehr nach verbranntem Gummi, aber auch ein Hauch von Schweiß und billigem Parfüm lag in der Luft. Irgendwo rollte eine Flasche hin und her und durchbrach die Stille.
Ich starrte durch das zerkratzte Seitenfenster. Abgesehen von der Dunkelheit und den ab und zu schwach aufleuchtenden Lampen in den vorbeiziehenden U-Bahnschächten sah ich aber nicht viel. Im Sekundentakt zogen sie an mir vorbei – plötzlich auftauchend, um dann wieder in der Finsternis zu verschwinden.
Für einen kleinen Moment sah ich mein Spiegelbild in der Scheibe und betrachtete kurz mein Gesicht. Ich schloss die Augen und lehnte mich zur Seite. Während ich meinen Gedanken nachhing, konnte ich immer wieder das Ein- und Aussteigen der Leute um mich herum hören. Nach einer Weile wurde dann die Endstation angekündigt und alle wurden aufgefordert auszusteigen.
Als ich die Treppen des Ausganges emporstieg, waren die lauten Sirenen eines Krankenwagens zu hören. Das Blaulicht warf sich bedrohlich auf die umliegenden Hausfassaden und erhellte für einen kurzen Augenblick den ganzen Straßenzug. Sofort trat wieder Ruhe ein, nachdem er über die Kreuzung gerauscht und in eine der unzähligen Seitenstraßen abgebogen war. Ein eisiger Wind schlug mir plötzlich entgegen und ich beeilte mich, ins Krankenhaus zu kommen.
Meine Zeit auf der Onkologie neigte sich nun dem Ende entgegen. Nur noch drei Tage hatte ich vor mir, bis es im Mai mit dem nächsten Einsatz auf der Urologie3 weitergehen würde. Doch davor würden mich wieder ein paar Wochen Theorieunterricht erwarten, die im fliegenden Wechsel und in unterschiedlicher Anzahl zu unseren Praxiseinsätzen stattfanden.
Obwohl ich mir zu Beginn nicht vorstellen konnte, eine ganze Woche durchzuhalten, war ich nun froh, meine erste Ausbildungszeit auf der Onkologie verbracht zu haben. Warum ich so dachte, wusste ich selbst nicht genau. Ich wusste nur, dass ich dort war, wo ich sein wollte, und genau das tat, was ich tun wollte.
Während ich darüber nachdachte, ging ich in die Stationsküche und bereitete das Frühstück vor. Nach und nach stellte ich alles für das Buffet aus dem Kühlschrank. Die Stationsleitung mit dem voluminösen Lockenkopf kam in die Küche gelaufen und verkündete, dass sie mir heute helfen würde. Eigentlich war ich fast fertig und benötigte keine Unterstützung, aber ich behielt diesen Gedanken lieber für mich.
Zu oft war ich in den vergangenen Wochen mit ihr zusammengestoßen, wobei es in den meisten Fällen immer nur um Nichtigkeiten gegangen war. Nun hatte ich wenig Lust, mich in den letzten Zügen mit ihr anzulegen.
Während ich den Kaffee kochte und die Kannen mit heißem Wasser für den Tee befüllte, fing sie an, alle Sachen aus dem Kühlschrank im angrenzenden Aufenthaltsraum aufzustellen. Wenig später stellte ich, wie gewohnt, alle Kannen nahe den Tassen und Tellern, die sich in einem Wagen stapelten, und veränderte dabei ein wenig die Anordnung der Brötchen, Marmeladen und Aufstriche. Ich hörte das Wasser kochen und brühte nun auch die letzte Kanne Tee.
Plötzlich kam der Lockenkopf lautstark in die Küche gestapft und blieb abrupt hinter mir stehen. Langsam drehte ich mich zu ihr um, um zu fragen, was los sei, aber so weit kam ich nicht.
„Haben Sie etwa da draußen alles anders hingestellt?“, wollte sie von mir wissen.
Ich wusste zuerst gar nicht, was sie meinte, doch dann, wie aus einem bösen Traum erwachend, fiel mir auf, wie dumm ich gewesen war. Ich hatte da nicht einfach nur ein paar Sachen umgestellt. Du hast ihr Universum durcheinandergebracht!
Als ich nicht sofort antwortete, fragte sie nochmals nach.
Aber dieses Mal in einem derart eisigen Ton, den ich bei ihr zuvor noch niemals gehört hatte. Ich stammelte ein hoffentlich noch selbstbewusst klingendes „Ja“ hervor, doch ich wusste, dass das nicht viel bringen würde.
Sie hat mich endlich da, wo sie mich schon die ganze Zeit haben wollte … „Was würden Sie denn sagen, wenn ich hier so reinkommen und alles anders platzieren würde? Das würde Ihnen doch bestimmt auch nicht gefallen, oder?“
Wieder ließ sie zwei, drei Sekunden verstreichen. Ich fragte mich, wie oft sie mir noch die im Prinzip selbe Frage stellen wollte und versuchte zu antworten. Doch es schien, als wenn sie in mir den Eindruck erwecken wollte, dass ich auf ihre Frage antworten sollte, nur um mich dann wieder von ihr unterbrechen zu lassen.
„Nein, aber ich wollte doch nur …“, begann ich.
„Nein! Sie müssen gar nichts!“, rief sie.
In manchen Momenten muss man einfach nur die Klappe halten und so tun, als wäre man der Meinung des anderen.
Hier kam mir dieser Gedanke eindeutig zu spät.
„Ich habe Ihnen gesagt, dass ich heute beim Frühstück helfe und Sie machen mehr als deutlich, dass Sie das alles besser können!“
„Nein, ich wollte doch nur …“, versuchte ich es erneut.
„Sprechen Sie mir nicht ständig dazwischen! Das machen Sie sowieso schon die ganze Zeit! Das kann es echt nicht sein!“, ermahnte sie mich, wobei ihre Stimme immer schriller wurde und sie unbemerkt ein paar Schritte zur Tür trat, um diese lautstark ins Schloss knallen zu lassen.
Als sie wieder auf mich zukam, merkte ich, wie mich mein Selbstbewusstsein immer mehr und schließlich beim ersten Feuchtwerden meiner Augen komplett verließ. Ein ausgiebiger Vortrag über meine andauernde Unfähigkeit, Aufgaben richtig und vor allem schnell zu erledigen, begann. Vieles davon, und das wusste ich mit Sicherheit, war praktisch nicht wahr. Alles, aber auch alles, was sie sagte, sollte mich verunsichern und mich einknicken lassen.
„Sie können sich die Zimmernummern immer noch nicht merken …“
Doch trotz all dieser falschen Anschuldigungen und Lügen, weit ab von dem kleinen Disput, um den es im Grunde eigentlich ging, schaffte sie es tatsächlich …
„Sie vergessen immer die Hauben beim Essenaufwärmen …“
Ich knickte ein. Nach und nach liefen mir die ersten Tränen aus den Augen, wobei ich anfangs noch versuchte, es zu verbergen. Meine Kehle schnürte sich daraufhin immer weiter zu und ich verlor vollends die Kontrolle über meinen Gefühlszustand.
Ich wusste nicht warum, aber plötzlich verstummte sie und nahm mich kurz in den Arm. Die Situation war so eigenartig, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Sie schaute mich eindringlich an und machte dabei ein besorgtes Gesicht. Sie wollte mir doch nur etwas beibringen und Ratschläge für die nächsten Stationen geben, erklärte sie mir. Und mit diesen Worten verschwand sie dann plötzlich und ließ mich verheult in der Küche stehen.
Schnell wischte ich mir die Tränen aus den Augen, als ich merkte, wie sich der Tagesraum mit Patienten füllte. Ich ärgerte mich zutiefst, dass ich so reagiert hatte. Aber vor allem wurmte es mich, dass ich deswegen in Tränen ausgebrochen war und ihr damit das Gefühl gegeben hatte, im Recht zu sein.
Ich hoffte inständig, dass ich beim nächsten Einsatz nicht wieder so jemandem begegnen würde, obwohl ich bereits jetzt wusste, dass das unmöglich war. Es war ziemlich wahrscheinlich, solche Kollegen immer mal wieder anzutreffen. Die Frage war nur, wie ich dann mit solchen Situationen umgehen würde.
Ich war so unendlich froh, als dieser Dienst endlich zu Ende ging und mich graulte regelrecht vor den letzten drei Tagen. Doch als ich am nächsten Tag zum Dienst erschien, war sie nicht da. Sie hatte sich am Abend zuvor krankgemeldet, was mein Herz vor lauter Freude hochspringen ließ. Von allen anderen Schwestern war es mir egal, wer an ihrer Stelle kommen würde. Hauptsache, sie ist nicht da!
Stattdessen schmulte das freundliche Gesicht von Hannah, meiner Praxisanleiterin, durch die Tür und begrüßte mich herzlich. Sie fragte mich, ob alles in Ordnung sei und schaute sich beiläufig den Dienstplan an. Ich überlegte kurz, ob ich ihr von dem Zwischenfall mit dem Lockenkopf erzählen sollte, doch die Entscheidung wurde mir schnell abgenommen, als sich der Raum mit den zwei weiteren Schülern füllte.
„Du hast ja bestimmt gesehen, dass ich die nächsten Tage jetzt in den Frühdienst gerutscht bin …“
Während sie das sagte, studierte sie weiterhin den Dienstplan, bis sie sich schließlich nach einer kurzen Pause vom Plan losriss und mich anschaute.
„Ich sehe gerade, dass das deine letzten drei Tage sind. Mensch, die Zeit vergeht. Dann würde ich vorschlagen, dass wir nochmal zusammen eine Seite machen. Du kennst die Patienten momentan wahrscheinlich besser als ich.“
Minuten später starteten wir unsere Morgenrunde und gingen durch die Zimmer. Bevor wir fast die Hälfte hinter uns hatten, klingelte das Telefon und Hannah verschwand kurz im Dienstzimmer. Indessen ging ich weiter und öffnete die Tür zu Frau Tischlers Zimmer.
Vom Korridor fiel ein grelles Licht in den Raum und warf bedrohlich dunkle Schatten in alle Ecken. Sofort erblickte ich die Patientin und blieb daraufhin ruckartig stehen. Minutenlang stand ich regungslos da und betrachtete sie von oben bis unten. Der Mund, das Hemd, die Hände … Alles war blutverschmiert.
Das bereits geronnene Blut hatte sich mit einer Unmenge von Schleim und Bronchialsekret zu einer klebrig festen Masse vermengt und hing nun aus dem kläglich geöffneten Rachenraum. Die Haut hatte einen eigenartigen blassgrauen Farbton angenommen. Dunkle Flecken begannen sich bereits langsam an ihr abzuzeichnen. Durch das leicht angezogene Kopfteil saß sie in einer fast aufrechten Position, sodass ihre Arme den Anschein hatten, als wenn sie sich noch immer abstützen würden. Der Kopf war dabei erschöpft nach vorne gebeugt.
Als ich mich langsam aus meiner Erstarrung gelöst hatte, war ich ein paar Schritte nähergetreten. Die Stille in dem Raum war überaus beklemmend. Zudem wirkte in diesem Zwielicht alles noch unheimlicher. Inzwischen hatte auch Hannah das Zimmer betreten. Als sie die Leiche im Bett entdeckte, blieb sie unvermittelt hinter mir stehen. Ich konnte hören, wie sie laut einatmete und dabei sekundenlang die Luft in ihren Lungen hielt, um diese dann in einem endlos langen Zug entweichen zu lassen.
„Geh du schon mal weiter. Ich mache das hier“, sagte sie.
Doch als ich nicht reagierte, schaute sie mich besorgt an und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich konnte nicht behaupten, dass es mir schlecht ging. Obwohl ich zum ersten Mal einen toten Menschen sah, hatte ich das Gefühl, schon öfter in dieser Situation gewesen zu sein. Die anfängliche Unsicherheit war nun dem Impuls der Neugierde gewichen und ließ diesen Moment absolut normal erscheinen.
„Darf ich hierbleiben, Hannah?“, fragte ich vorsichtig.
Sie musterte mich für einen kurzen Augenblick, willigte aber letztendlich ein.
„Gut, dann hole mal bitte eine Schüssel Wasser, Handtücher und Waschlappen.“
Als ich mich umdrehte, um die Sachen zu holen, fügte sie noch hinzu, dass ich bitte die Tür hinter mir schließen sollte. Nachdem ich das Zimmer verlassen hatte, überkam mich das Gefühl, als wäre ich jetzt wieder in einer anderen Welt. Einer Welt, in der das Telefon klingelte, Patienten nach der Schwester riefen und der ganz normale Alltag weiterlief. Es war wie eine Luftblase, die ich für den Bruchteil einer Sekunde hinter mir gelassen hatte, um sie aber letztendlich wieder zu betreten.
Als ich erneut in das Zimmer kam, sah ich, wie Hannah die Flexüle4 aus der Hand der Patientin zog und die Stelle noch für einen Augenblick mit einer Kompresse komprimierte. Schweigsam verschwand ich hinter der Waschnische und füllte die Schüssel mit warmem Wasser. Nachdem ich alles auf dem Nachtschrank bereitgelegt hatte, sah mich Hannah an und erklärte mir ein paar Dinge.
„Also, wir waschen sie jetzt ganz normal, von oben bis unten. Sie wird garantiert was in der Schutzhose haben. Fast alle führen, während sie sterben oder nachdem sie gestorben sind, ab. Wir ziehen ihr dann auch vorsichtshalber eine neue an, falls auf dem Weg zum Kühlraum noch einmal Stuhlgang oder Urin kommt.“
Für einen Moment war es ruhig im Zimmer und die Luftblase um mich herum wurde immer größer. Ich nickte
