Das Wasser und das Böse - Gernot Scholz - E-Book

Das Wasser und das Böse E-Book

Gernot Scholz

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Beschreibung

Ein weltweit operierende Organisation sucht nach einem neuen Geschäftsfeld und findet es im Handel mit Wasser. Es gibt schließlich genug Wasser auf der Welt, nur ist es nicht da, wo es gebraucht wird. Da gibt es nur noch ein kleines Problem: Wer kein Wasser hat, wer am Verdursten ist, kann meist auch den Preis für das nötige Wasser nicht bezahlen. Sehen wir doch einmal genau hin, wie das funktionieren könnte und wer am Ende daran ganz gut verdienen wird.

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Gernot Scholz

Das Wasser und das Böse

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Der Wunsch nach Wasser ist nicht böse.

Ein Riesenprojekt weckt böse Erinnerungen.

Keiner kann das Böse mehr erkennen.

Das neue Geschäftsfeld heißt Wasser!

Personen im Roman Das Wasser und das Böse.

Leseprobe aus dem Roman Der Wasserkäufer

Impressum neobooks

Vorwort

Einige von uns können sich heute nicht vorstellen, dass wir die nächsten 1000 Jahre auf der Erde überstehen werden. Denen sei gesagt, ganz sicher schaffen wir es, noch 500 Jahre zu überleben. Und nach diesen 500 Jahren haben wir neue Ideen, wie wir auch noch weitere 500 Jahren überleben können. Und auch dann finden die Menschen bestimmt geeignete Techniken, um das Überleben auf der Erde in einer noch ferneren Zeit zu ermöglichen.

Der Wunsch nach Wasser ist nicht böse.

Die Organisation, der der geheimnisumwitterte Oberst Nedbal vorsteht, sieht neue Probleme heraufziehen: Wie sollte es auch anders sein, es geht wie immer um Geschäfte! Inzwischen sind es natürlich weltweite Geschäfte! Seine engsten Mitarbeiter, es ist nur eine Handvoll, sitzen im Kreise. Alle kennen sich aus Kindertagen. Haben dann gemeinsam gekämpft und sich nach dem Krieg gemeinsam geschworen, stillschweigen über alle diese furchtbaren Vorfälle zu wahren. Das Leben geht eben weiter …

„Also, was haben wir an Fakten? Mohnanbau. Der wird zunehmend schwieriger, seit die Herkunft genmanipulierter Pflanzen in allen Stationen des Handelsweges nachgewiesen werden kann. Auch wenn alle anderen Einnahmefelder gut laufen, brauchen wir eine neue zusätzliche Einnahmequelle!“ „Es sollte etwas Zukunftssicheres sein. Öl, Gas, Banken, Ferienquartiere, Kommunikation, alles dies haben wir im Angebot. Nur eines fehlt uns. Wir handeln noch nicht mit Wasser!“

„Verspricht denn Wasser auch Gewinn?“ „Ich denke schon. Alle brauchen es und dort wo es im Überfluss vorhanden ist, will man soviel Wasser nicht mehr haben. Also Wasser erscheint mir das Richtige zu sein.“ „Und das könnte ein neues Standbein für auch künftigen Gewinn werden?“ „Ja, das brauchen wir! Aber könnte Wasser das schaffen?“ „Denken wir doch einmal genau nach: Der Mohnanbau war so ein Geldbringer. Mit dem haben wir bisher alle Beteiligungen finanziert. Wir könnten davon auch künftig leben. Aber es wird wie gesagt, zunehmend schwieriger! Nein, wir brauchen eine neue Idee! Etwas Zukunftsfestes! Noch denken alle Menschen in der Welt, Energie sei das Wichtigste. Gut und schön, aber was wird morgen in solchen Massen gebraucht und kann dann nicht in ausreichendem Maße beschafft werden? Menschen sind es ganz sicher nicht! Ich werde es Dir sagen, Wasser wird bald in gewaltigen Mengen gebraucht! Und wir müssen uns darauf einstellen, es überallhin leiten zu können.“ „Wie soll das gehen? Wir haben doch noch nicht einmal eine Vorstellung davon, wer es hat und wer es braucht.“

„Richtig! Das ist unsere neue Aufgabe! Wer hat Wasser und wer wird Wasser brauchen? Wir werden dafür sorgen, dass alle bekommen was sie wollen. Natürlich gegen Geld!“ „Und die übrigen Geschäftsfelder?“ „Die behalten wir vorerst bei. Die gehen zwar alle gut, besonders der Datenhandel und dessen Vermarktung ist genauso einträglich, wie der Mohnanbau einmal war. Aber wir müssen weiter denken. In die Zukunft planen.“

Die wenigen Vertrauten um Oberst Nedals besprechen noch viele Details aber das Wesentliche haben wir gehört. Und wir werden versuchen, immer wieder einmal in die Gespräche und Beschlüsse hineinzuhorchen. Aber eines kann man jetzt schon sagen: Wir werden dieser Handelsorganisation um Oberst Nedal, die hier gerade einen weitreichenden Beschuss fasste, noch viele Male begegnen. Heraus zubekommen, wer Oberst Nedal ist, wird uns genau sowenig gelingen wie auch einer ganzen Reihe von Kopfgeldjägern, die gerne die auf ihn gesetzte Millionenprämie kassieren würden ...

Und dann ist da noch Hano. Er ist ein Sohn aus dem Hause Sud. Dort wird Bildung als das Wichtigste angesehen und die nachwachsende Generation wird entsprechend erzogen. Als der große Krieg um Öl, Macht und Ideologien ausbrach, wurde er zurück gerufen von Oxford, wohin ihn seine Uni Kairo kurz zuvor und nach Abschluss des Staatsexamens zur Weiterbildung in Wirtschaftswissenschaften und Informatik gesandt hatte.

Im Krieg führte Hano, da hieß er noch anders, seine kleine Schar Königstreuer mit Gerissenheit und Begeisterung ebenso brutal wie erfolgreich. Das Nachdenken begann, als er mit Ene, einem Freund aus Kindertagen, auf einem Felsvorsprung über einem Wadi lag und das Lager der Islamisten auskundschaftete. Sie wurden entdeckt, überwältigt und verhört ...

... danach war nichts mehr wie vorher. Aber das Andere, das Neue, begann mit Fragen, mit Nachdenken und mit Großzügigkeit der Frager. Sie kannten sich ja, waren sie doch aus dem gleichen Ort, in dem auch Hano aufgewachsen war. Sie gingen sogar auf die gleiche Schule. Seitdem gilt der Mann, der nun Hano heißt, als verschollen. Nur wenige wissen, wer er wirklich ist. Die meisten haben den Krieg ohnehin nicht überlebt. Manchmal, nachts in einem Albtraum, sieht er Menschen sterben. Das möchte er in der Wirklichkeit nie wieder sehen müssen. Inzwischen hat Hano ein Handelshaus gegründet und pflegt über das Internet Beziehungen zu Menschen und Gesellschaften in der ganzen Welt. Es gehört zu seinen Leistungen, aus dem internationalen Datengewirr die Informationen herauszufiltern, die ihm nützlich sind.

Seine Wohnung liegt in dem neuen Staat, der aus dem Zusammenschluss dreier Kleinstaaten hervor ging. Sheikh Al Mood, der frühere Herrscher von Bruun, bekam von Hano Zuwendungen. Sie sicherten die freie Existenz der Firma. Das war der Anfang, die Basis. In einem Rechtsstaat moderner Prägung würde man dazu Korruption sagen. Seit die Forderungen des Sheikhs maßlos, die Dreistigkeit kaum noch zu überbieten war, und die Dummheit des Potentaten eine bessere Regierungsform nicht mehr erwarten ließ, prüften Hano und seine Frau Schar eine erneute Änderung in ihrem Leben. Und so entstand aus dem Zwang der Notlage heraus aus dem kleinen Handelshaus ein weltweit tätiger Konzern. Das erklärte Ziel des Hanos Handelshauses ist es, die Finanzkraft zu mehren. Nach außen hin tritt Hano als Konzernsprecher auf. Die Konzernleitung scheint aber gespalten zu sein. Irgendwo in den diversen Geschäftsfeldern steht eine Organisation, die von Oberst Nedal geführt wird. Nun ja, wenigstens Hano scheint Oberst Nedal zu kennen. Nur, zu Gesicht bekommen hat den außer Hano noch niemand. Wenn Probleme auftreten, wenn Hilfe gebraucht wird, wenden sich alle an Hano. Und der kann sich auf seine Freunde verlassen. Hano pflegt Beziehungen zu Nomadenstämmen im Norden Afrikas, Warlords in Afghanistan und Universitätsprofessoren diverser Universitäten genauso wie zur ersten Führungsriege der Vereinten Nationen (UN). Zurzeit bemühen sich Hano und seine Frau Schar, das Geschäftsfeld ihres Handelshauses noch einmal zu erweitern. Zu erweitern um den Wasserhandel! Und damit liegt die Handelsorganisation von Hano und Schar genau im Trend. Denn die Weltwirtschaft hat es begriffen: Wasser ist das weltweit angesagte Handelsgut. Aber um mit Wasser handeln zu können, muss zunächst ein Angebot verfügbar gemacht werden. Und wie sieht es mit dem Bedarf aus? Der ist einigermaßen bekannt, nur bezahlen kann kaum einer der armen Staaten das Wasser. Denn wo Wasser fehlt, herrscht die Armut! Daran muss gearbeitet werden! Das neue Geschäftsmodell muss dies alles berücksichtigen und darf nicht zu früh bekannt werden. Zu viele Kapitalgesellschaften auf der ganzen Welt suchen nach neuen Geschäftsfeldern ... Ob bei der gedanklichen Abrundung des neuen Betätigungsfeldes Oberst Nedal ebenfalls eingebunden ist, entzieht sich unserem Wissen. Allerdings, wir vermuten da so etwas …

Wir sollten uns auch noch einmal um diese Organisation, die von Oberst Nedal geführt wird, kümmern. Schön wäre es, wenn wir darüber etwas mehr in Erfahrung bringen könnten. Es bleibt schwierig! Nichts dringt nach außen! Keiner spricht. Es grenzt schon an ein Wunder, dass wir der Beschlussversammlung der wenigen Getreuen um Oberst Nedal so nahe kommen konnten ... Die meisten seiner Aktivitäten laufen im Verborgenen. Nur ganz Weniges wissen wir. Von seinen Gefährten aus vergangenen Kriegstagen weiß keiner so richtig, womit Oberst Nedal seinen Unterhalt verdient. Nur, dass er gut verdient, das ist bekannt! Und keiner weiß, wo er sich gerade aufhält. Er unterstütze und berate die Regierung des neuen Staates Kurdapotanien, sagt man. Aber wen er berät, wie er das macht? Keiner kann darauf eine Antwort geben. Früher haben sie alle zusammen vom Mohnanbau gut gelebt. Eines Tages hat Oberst Nedal alle seine Freunde wissen lassen, er stehe für den Transport und die Vermarktung nicht mehr zu Verfügung. Es sei zu gefährlich! Er hatte auch allen geraten, die Opiumproduktion einzustellen und stattdessen Korn anzubauen. Einen Rat, den natürlich nur wenige ernsthaft in Erwägung zogen. Und seitdem hat ihn keiner seiner früheren Freunde je wieder gesehen. Man könnte glauben, er sei tot. Aber nein, gelegentlich hört man von ihm. Kameraden aus alten Tagen berichten sich manchmal, er habe über eine Satellitenfrequenz angerufen, sich kurz beraten oder zu einem aktuellen Ereignis gratuliert und dann ohne Rückverfolgungsmöglichkeit wieder abgeschaltet. Er weiß scheinbar immer genau, wem ein Sohn geboren wird oder wer Ärger mit welchem Nachbarn hat. Wenn einer seiner Freunde in Not gerät, unterstützt er den dann. Oberst Nedal fragt selten nach dem Grund irgendeiner persönlichen Not. Unheimlich für die Betroffenen, den Grund scheint er immer zu kennen. Er ist eben auf unheimliche Weise präsent und doch nicht wirklich da! „Ich muss vorsichtig sein“, sagt er bei den wenigen Gesprächen, „ich werde ja noch immer gesucht.“ Dann wird die Frequenz abgeschaltet und es ist nichts mehr zu machen. Oberst Nedal bleibt unerreichbar.

Natürlich würden auch wir gern mehr über ihn wissen. Es bleiben uns nämlich immer nur und dazu lückenhafte Erkenntnisse darüber, womit er sein Geld im Moment nicht mehr verdient. Nichts ist zu erfahren darüber, womit er es jetzt verdient. Ich jedenfalls, ich würde es gerne wissen. Meine Neugier ist zu groß! Zum Beispiel war es einmal das Öl, das ihm großen Reichtum brachte. Ein geschätztes Handelsgut! Das Öl ist nun alle! Über den Mohnanbau sprachen wir schon. Was bleibt denn noch übrig? Menschen? Beteiligungen vielleicht, oder etwas, was die Bedürfnisse der Menschen sicherstellt? Menschen brauchen Infrastruktur, Wohnungen, Nahrung, Wasser. Wo könnten Oberst Nedals Aktivitäten liegen? Wir werden wohl auf einen Zufallstreffer hoffen müssen, wenn wir darüber etwas erfahren wollen.

Ganz anders Hano. Hano unterstützt seit Langem die UN-Universität Beirut. Dort hatte ja sein Stiefsohn Geno studieren können. Der ist heute ein angesehener wissenschaftlicher Mitarbeiter der UN mit Aussicht auf höchste Ämter. Noch heute begleitet er viele Forschungsprojekte seiner Uni-Beirut und es bleibt natürlich nicht aus, dass sich beide, Vater und Sohn, über das eine oder andere Vorhaben austauschen. Eines dieser Vorhaben, an dem Geno und dessen Studienfreund Ben Hagir schon zur Studienzeit geforscht haben ist das Projekt Aralsee. Es sind eigentlich zwei getrennte Teile. Zum einen die Verbesserung der Lebenssituation der Menschen rund um den Aralsee als Sofortmaßnahme. Und zum Anderen, die längerfristige Vorgabe, Wasser zum Aralsee zu leiten. Ben Hagir, Genos Freund, kommt von dort und ist deshalb für diese Arbeit besonders motiviert. Der erste Teil, die Verbesserung der Lebenssituation um den austrocknenden Aralsee wurde im Finanzausschuss der UN genehmigt und zur Ausführung freigegeben. Der Finanzrahmen soll 100 Millionen Dollar nicht überschreiten. Allerdings ist noch eine Eigenhilfe der dortigen Bevölkerung von ca. 20 Millionen Dollar zu erwarten. Zurzeit laufen die Ausschreibungen für die Ausrüstung und die Anwerbung des Personals. Inzwischen ist der leitende UN-Mitarbeiter Ben Hagir als Haupt-verantwortlicher für das Projekt benannt worden. Zunächst für den kleineren Teil, die UN-Sofortmaßnahmen. Er ist nicht allein. Seine Frau Fathma unterstützt ihn. Und Fathma ist die Zwillingsschwester von Fatima, und die ist Genos Frau.

Es ist ein Holzhauscamp in den Bergen. Es steht hoch über einer weiten Ebene, die langsam in die große Salzwüste übergeht. Dort sitzen zwei Männer zwischen ihren Computern und surfen im Internet. In diesem Monat ist dieses Camp hier die Kommandozentrale der Organisation, die sich mit der Bereitstellung von Wissen befasst. Es gibt noch fünf andere identische Einrichtungen auf der Welt, jede kann jederzeit die Gesamtführung übernehmen. Das Außenstehenden erklärbare Ziel der Organisation ist, der islamischen Welt die ihr zustehende Weltvormacht durch Geschäfte mit Firmenwissen zu sichern. Dies und die zunehmende Liberalisierung der ‚Islamischen Welt‘ soll eine Angleichung an westliche Normen sichern und sie konkurrenzfähig machen. Das interne Ziel der Organisation ist die Machtmaximierung und das Kapitalsammeln. Wie auch immer ...

Der geistige Kopf der Organisation, der sich Oberst Nedal nennen lässt, ist ein hochgebildeter Mann. Kein Mensch auf der Welt hätte jemals Kenntnis von ihm genommen, wären nicht einige spektakuläre Terrorakte verzweifelter Islamisten von ihm ausgewertet und über Internetseiten und unter seinem Namen an eine Reihe von Print- und Showmedien verkauft worden. Wegen der ungeklärten Urheberschaft der zum Teil grausigen Detailaufnahmen weigern sich inzwischen zwar eine Reihe von Sendern in der westlichen Welt seine Berichte zu veröffentlichen, aber alles zusammen führte nur dazu, Oberst Nedal weltweit zu suchen. Er soll für fast jeden Terrorismus zur Verantwortung gezogen werden. Die auf seinen Kopf ausgelobten Ergreifungsprämien sind hoch! Sein Einkommen aufgrund der Internetarbeit dieses und der anderen vier Camps sind aber um ein Vielfaches höher! Datenhandel eben! Seine Fachleute in der besagten Holzhaushütte, auf die er natürlich nicht verzichten kann und will, werden für ihre Datenarbeit blendend bezahlt ...

Die Hauptaufgabe der Camps besteht in der Ausforschung der über das Internet aus der ganzen Welt ausgetauschten Wirtschaftsdaten. Der Handel mit diesen Daten sichert die wirtschaftliche Basis der Organisation. Abnehmer der Daten sind hauptsächlich Firmen der westlichen Welt. Gehört, gesehen, verglichen, gespeichert, mit Wahrscheinlichkeitstheorien gefiltert, handlich präsentiert und verkauft. Ein schwunghafter Handel! Ein weltweites, ein gutes Geschäft. Zurzeit arbeiten die Computer im Camp 3 an einem Problem: Die Verschlüsselungstechnik einiger Globalplayer im Markt bereitet Verzögerungen. Es ist noch nicht gelungen, den neuesten Datensalat zu entwirren. Der Rechner arbeitet seit Stunden und liefert immer noch kein Ergebnis.

Indes wird die Organisation in keiner Weise mit dem Datenhandel in Verbindung gebracht. Von einigen Geheimdiensten allerdings wird sie als islamitisch-terroristisch eingestuft. Na, wenn die das meinen ... Kleine Killerkommandos und auch einige Einzelkämpfer wollen sich das von den Amerikanern auf Oberst Nedal ausgesetzte Kopfgeld in Höhe von zurzeit fünfzehn Millionen Dollar verdienen. Mit jeder neuen der Organisation anlastbaren Aktion, egal ob zu Recht oder Unrecht, erhöht sich die ausgesetzte Summe. Und entsprechend viele zwielichtige Abenteurer suchen in den Bergen nach seiner Spur. Bis jetzt hat ihn keiner gefunden. Und auch uns bleibt Oberst Nedal weitgehend unbekannt! Da trifft es sich gut, dass wir gelernt haben, einige seiner Aktionen richtig zu deuten.

Von den internen Problemen, dem Entschlüsseln des Datensalates, an dem sich die beiden Mitarbeiter dort oben im Gebirge seit Tagen versuchen, weiß natürlich kein Außenstehender. Genauso wenig wie Außenstehende über das Datensammeln überhaupt etwas wissen. Eine leise effiziente Arbeit von hoch motivierten und wie schon gesagt, hoch bezahlten Spezialisten. Keiner der beiden indischen Mathematiker hier oben macht sich echte Sorgen, ob das Datengewirr rechtzeitig zu lösen sein wird. Ob es überhaupt zu lösen sein wird? Es wird gelöst! Es dauert eben nur etwas länger!

Der Gedanke, hier würden die Killerkommandos der terroristischen Islamisten gesteuert, erscheint abwegig. Wenn man den Betrieb hier oben beobachten könnte, käme man auf diesen Gedanken zuletzt. Aber es muss wohl etwas dran sein an der Vermutung. Hier jedenfalls regiert vor allem die Vorsicht! Zu jeder Zeit, zu jeder Stunde kann das Camp 3 aufgegeben werden. Die Rechner sind vermascht! Dann setzt dieselbe Arbeit eben Camp 5 am Rande der Arabischen Wüste fort. Wo das nun genau liegt, habe ich bisher nicht in Erfahrung bringen können. Nur durch einen Zufall erfahren wir soeben, dass Camp 3 im Grenzland von Pakistan zu Afghanistan gesucht werden muss.

Um der Neugierde der Welt etwas anzubieten, ließ Oberst Nedal kürzlich ein Video von sich drehen. Darin zu sehen ist, wie er über das Gebirge spaziert und seine Anhänger besucht. Die bedrohlichste Sequenz darin ist die, wo er mit seinem Stock in einem Mauseloch stochert. Wirklich bedrohlich daran ist nur, dass er darauf mit einiger Fantasie als Oberst Nedal erkannt werden könnte und dann gibt es noch die unterstellte Aussage, der er nicht widerspricht, dass er weitere Attentate der unfreien Islamisten nicht ausschließen will. Alle Welt ist gespannt, hinter welcher Internetseite sich sein nächstes Bekenntnis verbirgt. Es ist ein Spiel! Ein makabres Spiel! Oberst Nedal beherrscht und bestimmt die Spielregeln. Das kürzlich in einem Handelsblatt gemachte Eingeständnis, der beschriebene Datenhandel mit den amerikanischen Medien liege in arabischen Händen und der sei von allen bekannten Geschäften am einträglichsten, hat die Welt zu gleichen Teilen lachen und vor Zorn spucken lassen.

Oberst Nedals dagegen hat gegenwärtig ein anderes Problem: Er braucht dringend noch einen verlässlichen sehr guten Mathematiker. In der islamischen Welt ist der Bildungsstand nicht ausreichend hoch, einem Menschen aus der westlichen Welt, dem Kreis seiner Datenabnehmer, misstraut er wegen der offenen Denkweise und den Skrupeln der guten Leute. Sie wären nicht frei in ihrer Arbeit. Er wird doch noch einmal über das Internet versuchen, einen Inder oder Pakistani zu engagieren. Die Zeit drängt! Oberst Nadel geht derweil gänzlich unerkannt seinen ganz normalen Geschäften, seinen sozialen Engagements und Familienpflichten nach.

Grenzland zwischen Pakistan und Afghanistan: Mustafa hat keinen guten Tag. Sein Maisfeld grenzt an das des Nachbarn Ali. Genau so, wie auch unten im Dorf sein Haus an das des Nachbarn angelehnt zu sein scheint. Nicht nur, dass ihre Frauen Schwestern sind, nein, das ist bekannt, aber ihre Felder sind heuer gleichermaßen vertrocknet. In diesem Jahr gibt es noch eine weitere Gemeinsamkeit. Bisher konnten sich die Familien immer gegenseitig unterstützen. Wurde die Ernte des Einen vernichtet, gab es also keine Einnahmen für seinen Nachbarn, half das Korn von Mustafa den Verlust zu überbrücken. Das geschah so alle zwei bis drei Jahre und betraf nie das Kornfeld von Mustafa, baute er doch stets und immer nur ‚erlaubte Feldfrüchte‘ an. Er ist ein vorsichtiger und umsichtiger Mann und er ist Oberst Nedal sehr verbunden.

Natürlich war auch er viele Male von seinem Sheikh und dessen Oberst, der die kleine Miliztruppe unter den Augen des Militärs führt und ihm bei den Bauern Gehör verschafft, ermahnt worden. Er solle gefälligst genau wie die anderen auch Mohn anbauen, bisher waren den Drohungen aber keine Taten gefolgt. Im Gegenteil, seine Bohnen und Tomaten wurden von allen gern genommen. So hätte es ewig weiter gehen können.

In diesem Jahr wurde das Nachbarfeld nicht von den Soldaten verwüstet. Sie hatten eine andere, eine neue Strategie entwickelt und angewandt. Wirkungsvoller und viel weniger aufwendig als das Zerstören einzelner Feldern voller üppiger Mohnpflanzen. Oben am Taleingang war der kleine Bach, der hier bisher das Leben im Tal möglich machte, abgegraben worden. Sein Wasser fließt nun in das unbewohnte Nachbartal und wird dort in der Hochebene bald einen kleinen See bilden.

„Ich habe versucht, von unten her bis zum Damm zu kommen. Ich wollte ihn durchstechen. Ich fürchte aber, man kann mich von oben sehen und dann wird sicher sofort scharf geschossen. Wir müssten es vom Bergrücken her versuchen. Wir brauchen doch das Wasser. Die Soldaten können ja auch nicht ewig da oben ausharren. Und wir brauchen Sprengstoff, damit es schnell geht!“

Krisensitzungen im New Yorker UN-Hauptquartier: Der Unterausschuss Welternährungssituation nimmt von den Delegierten die Wasserberichte zur Kenntnis. Generalsekretär Hage Smith ist als Gast anwesend. Die Gesprächssituation ist angespannt. Einzelne Delegierte drohen mit Krieg, wenn ihrem Land nicht mehr Wasser zugestanden wird. Andere Delegierte drohen mit dem Zurückbehalten ihrer UN-Mitgliedsbeiträge, wenn ihnen nicht Baumaßnahmen gegen das Wasser zugestanden werden, das soll heißen, von den UN bezahlt werden.

Den Vorsitz führt Mr. Gatti, Kommissar für Welternährungsfragen. Vor der Sitzung hatte er sich mit Mr. Smith darüber verständigt, keiner Forderung direkt nachzugeben. Zu weit auseinander liegen die Meinungen darüber, was die UN zur Bewältigung der Wassernöte leisten können. Unbestritten ist, dass die Klimaerwärmung der letzten Jahrzehnte einigen Staaten ihre Existenz genommen hat. Andere Staaten erleben plötzlich Regenmengen, mit denen sie seit hundert Jahren nicht mehr rechnen konnten. Vieh und Ernten ertrinken im Wasser der überquellenden Flüsse. Der Meeresspiegel ist inzwischen so hoch angestiegen, dass tief liegende Landflächen eingedeicht oder aufgegeben werden müssen. Nicht alle Staaten können sich eindeichen leisten! Das ist das Szenario, vor dem die Sitzung abläuft. Jetzt sind wir mitten in den Wortmeldungen: Soeben beschreibt der Delegierte Russlands die Situation in der sibirischen Tiefebene: „... und, wenn die Herbststürme eher kommen als der Frost, eher kommen, als sich die Eisbarrieren der Flüsse gegen das Nordmeer bilden konnten, strömt über die Flussmündungen von Ob und Tas Salzwasser ein und vergiftet die tief liegenden Landstriche. Stürme im Sommer sind auch zu befürchten, bringen aber nicht ganz so hohes Wasser. Wir benötigen ein Sperrwerk, das den natürlichen ungehinderten Abfluss des Wassers aus den Flüssen in das Nordmeer zulässt, gegen Hochwasser aber schützt. Die von der Wasserbauversuchsanstalt in Moskau überschlagenen Kosten dieses Projektes sind mit mindestens vier Milliarden Dollar ermittelt worden. Dieses Vorhaben bitte ich, bittet die Russische Republik, in die Liste des weltweit dringendsten Bedarfes aufzunehmen.“ „Danke, Mr. Lugowoj, darf ich um die nächste Wortmeldung bitten?“

„Mr. Isla Turku, Republik Karsarsien, sie haben das Wort.“ „... seit wir im Jahre 2006 den Zufluss (1) für den kleinen Aral wieder hergerichtet haben, scheint auf einer kleinen Fläche von ca. 3600 qkm der See wieder lebensfähig zu sein. Das gilt aber nicht für den größeren Teil des Sees, der auch unser Territorium berührt. Immerhin war der ganze Aralsee einmal 60 000 qkm groß! Dort, wo heute das Wasser fehlt, breitet sich die Salzwüste ungehemmt aus. Stürme treiben das Salz über das Land. Nichts kann mehr in der umliegenden Steppe wachsen. Wir brauchen eine Entscheidung, den schon fertigen Plan der Uni Beirut zur Bewässerung des Landes um den Aralsee ausführen zu können! Es ist auch nicht damit getan, zu fordern, den Aralsee in Gänze wieder zu füllen, dazu fehlt den historischen Zuflüssen ohnehin das Wasser. Entscheidend muss sein, für den See wieder Wasser aus neuen Zuströmen zu finden. Der Wasserhaushalt der gesamten Region muss also stabilisiert werden.“

„Hört, hört! Wasser wird am Aralsee gebraucht!“ „Danke für den Zwischenruf! Aber so abwegig ist das gar nicht. Der Plan ist noch in Arbeit. Allerdings könnte dabei hilfreich sein, dass in der russischen Republik Wasser im Übermaße vorhanden ist. Warum könnte es nicht in die Aralregion geleitet werden?“ „Wie soll das denn gehen? Das sind doch mindestens zweitausend Kilometer!“ „Richtig! Was uns fehlt, ist ein Wasserausgleich zwischen dem Norden und dem Süden Asiens. Wir brauchen dafür noch die Kosten-Nutzen-Analyse, ob sich ein solcher Wasserausgleich wirtschaftlich machen ließe. Die ist wiederum von dem Trassenverlauf eines möglichen Kanals abhängig. Aber wie gesagt: Daran wird noch gearbeitet. Ich folge bei diesem Gedanken aber der Forderung meines Vorredners. Er sagte ja, dass Sibirien zu viel Wasser habe.“

Dazu ist es vielleicht nützlich, sich ins Bewusstsein zu rufen, wie der Bau eines solchen Kanals (4) in den dreißiger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts viel Leid über die Menschen gebracht hatte. An diesem lange zurückliegenden Projekt war nur der Grundgedanke richtig. Der Kanal! Alles andere, alles das, was damit zusammenhing, war dann ja zu einer Katastrophe geworden. Richtig scheint mir der Gedanke aber immer noch zu sein. Über einen Kanal Wasser vom Norden in den Süden zu bringen. Mit heute möglicher Planungskompetenz und unbelastet von Ideologien ist ein solches Bauwerk sicher möglich! Wie gesagt, die Uni Beirut arbeitet noch daran.“ „Fahren sie fort, Mr. Isla Turku!“ „Sollte uns der Bau eines neuen Kanals gelingen, würden wir damit Lebensraum für mehrere Hundert Millionen Menschen schaffen!“

Wir werden hier an dieser Stelle unsere Aufmerksamkeit für diese Konferenz etwas reduzieren. Und außerdem, was ist schon ein Kanal angesichts der Tatsache, dass es auf der Welt an hundert und mehr Stellen zu wenig Wasser gibt! 9 Milliarden Menschen brauchen sauberes Trinkwasser, 2 Milliarden davon haben es nicht!

Die Liste der Redner ist noch lang, die Sorgen der Völker um sauberes Trinkwasser ist fast grenzenlos, aber es nützt nichts, sich hier zu verzetteln, wir wollen die Arbeit der UN verfolgen und sehen, wie sie versucht, sich aus dem gewaltigen Aufgabenstau herauszuarbeiten. Wir erkennen, die UN sehen die Probleme und arbeiten daran.

Der Unterausschuss Welternährungssituation hat als einen der letzten Punkte die Sofortmaßnahmen für die Anrainer des Aralsee-Gebietes auf der Tagesordnung: „… 100 Millionen? Dafür könnten wir die paar Leute dort jahrelang ernähren.“ „Das widerspricht allerdings unseren Vorgaben. Die lautet eindeutig: Wir dürfen nur Hilfe zur Selbsthilfe gewähren! Wir sollten deshalb die Hilfe geben. Die Bevölkerung will einen sehr hohen Eigenanteil an Selbsthilfe erbringen. Die in dem Hilfsantrag gemachte Vorgabe lautet: 20 Millionen Dollar werden selber aufgebracht.“ „So viel? Das ist ja ungewöhnlich viel!“ „Ja, die Prüf- und Planungszahlen kommen auf das gleiche Ergebnis. 20 Millionen Dollar für das Abtragen des salzigen Flugsandes von den Kulturflächen.“ „Dann komme ich nun zur Abstimmung.“ – „Danke! Das ist die Mehrheit. Der Antrag ist angenommen.“

Endlich sind Mustafa und Ali oben! Das Maultier wäre zu auffällig gewesen. Keuchend und schwitzend wirft Ali den Rucksack auf einen Felsvorsprung. „Na, na, sei etwas vorsichtiger, das Zeug soll doch nicht jetzt schon hochgehen.“ „Das fehlt uns gerade noch. Es war schließlich schwierig genug, daran zu kommen.“ „Und teuer war es außerdem!“ „So, nun lass uns doch mal sehen, wie wir es anstellen können.“ „Von hier aus habe ich einen guten Blick. He! Ali komme mal rüber!“ „Ja, gleich, aber von hier kann ich auch ganz gut sehen. Ich habe fünf Männer im Blickfeld! Siehst Du von dort noch mehr?“ „Ich sehe nur drei Soldaten, die sich sonnen.“ „Rechts ist noch einer hinter dem Stein. Der pinkelt. Und einer scheint zu kochen.“ „Was gibt es denn?“ „Ich gehe mal nachsehen.“ „Lasse den Blödsinn! Wenn Du Dich noch weiter vorbeugst, bist Du eher unten als Dir lieb ist.“ „Kennst Du die Uniformen? Wo kommen die her?“ „Ich habe keine Ahnung! Wie mögen diese Männer hier heraufgekommen sein? Mit einem Hubschrauber?“ „Ganz bestimmt! Die haben doch viel mehr Möglichkeiten als unsereins. Irgendwie machen die mir Angst.“ „Mir ist auch nicht wohl dabei. Müssen wir die etwa alle umbringen, wenn wir wieder an unser Wasser kommen wollen?“ „Oh, Allah, gib mir einen guten Gedanken!“

Die kühle frische Luft, die Quälerei beim Aufstieg vorhin, aber vor allem die Ratlosigkeit über das weitere Vorgehen lässt die beiden Männer sich erst einmal über ihren Proviant hermachen. „Esse nicht gleich alles auf. Wir wissen gar nicht, wie lange wir hier oben bleiben müssen.“ „Du verdirbst mir aber jeden Spaß. Ich werde doch wohl noch ein Stückchen Wurst essen dürfen.“ „Natürlich darfst Du das. Vor allem, weil Du unten im Dorf ja noch den ganzen Boden voller Schinken hängen hast. Oder etwa nicht?“ „Erinnere mich nur nicht daran, was wir morgen essen werden. Das weiß ich nämlich genau so wenig, wie eine Antwort auf die Frage, wie wir den Schutthaufen dort unten im Bachbett wegbekommen.“

Dass im Boden bei keinem von ihnen Schinken hängen, braucht hier nicht gesagt zu werden. Früher, ja, da hatten sie alle noch einige Tiere. Die Miliz hat sie mitgenommen. Mustafa argwöhnt, damit sich eine größere Bereitschaft zum Mohnanbau entwickelt. Jetzt ist fast jeder im Dorf davon abhängig. Alle gemeinsam besitzen ein einziges Maultier, ein schon sehr altes Viech. Es war ihnen vor Jahren verletzt zugelaufen. Es lahmt noch immer etwas. Wenn das Tier stirbt ... Ach, daran wollen wir jetzt noch nicht denken.

Nichts kann die Klimaerwärmung noch rückgängig machen. Es ist zu spät! Der Meeresspiegel ist fast einen Meter gestiegen. Der Kilimandscharo hat keine weiße Polkappe mehr. Alpengletscher laden im Sommer nicht mehr zum Skilaufen ein. Jetzt kommt ein neues Phänomen auf die Menschen zu: Das abschmelzende Polkappeneis der Arktis verdünnt das Meereswasser des Nordmeeres so stark, dass die Wassermassen des Golfstromes nicht mehr salzhaltig genug sind, um in die Tiefe sinken zu können, damit es zur Saragossa-Tiefsee zurückfließen kann. In Folge droht nun der Golfstrom zum Halten zu kommen. Die Warmwasserheizung Europas wird versiegen. Europa wird merklich kälter. Trotz des Klimawandels zur Warmzeit hin. Man weiß noch nicht, ob die Abkühlung ausreicht, das Abschmelzen des Nordpols zu verhindern. Das Süßwasser würde ja wieder gefrieren und der Golfstrom könnte sich abermals in Bewegung setzen. Wissenschaftler rechnen jedenfalls damit. Für die Landwirtschaft ist das dann aber zu spät. Auf Jahrzehnte ist es in Europa für Feldfrüchte zu kalt – mitten in der Klimaerwärmung. Nun hat es auch der letzte Ignorant gegriffen: Es wird ernst! Die landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen Nordeuropas fehlen für die Ernährung der Menschen. Die fehlenden Ernteerträge müssen die Industriestaaten nun in der ganzen Welt einkaufen. Dafür liefern sie Technik, die früher als Umwelttechnik bezeichnet wurde, Windräder, Solaranlagen, Wärmepumpen und Wasser sparende Beregnungsanlagen. Das sichert als Exportschlager in alle Welt noch ein einigermaßen sicheres Überleben.

Einzelne Staaten sind den auf sie zukommenden Problemen alleine nicht mehr gewachsen. Aber, um Hilfe rufen eigentlich alle Staaten. Welchem Staat geht es eigentlich noch so gut, dass er allen anderen helfen könnte? Die Rufe werden wohl vergeblich bleiben. Oder? Tatsache ist doch: Hier fehlt Wasser, dort ist es im Überfluss! Die Erderwärmung um ca. 3 Grad und das Ansteigen der Weltbevölkerung auf 9 Milliarden Menschen kann man dabei getrost als zwei Weltkatastrophen gleichzeitig begreifen! Das zwingt zu enormen ökonomischen und ökologischen Anstrengungen.

Friedlicher sind die Menschen in der Welt dadurch auch nicht geworden! Es ist eigentlich alles so, wie es immer schon war. Staaten mit vergleichsweise geringeren Problemen sind nicht bereit, stärker betroffene Staaten zu unterstützen! „Staatsegoismus!“, knurrt Mr. Smith, der UN-Generalsekretär, und sieht vielsagend zu Mr. Gatti, dem Welternährungskommissar hinüber. „Nun haben wir die eigene UN-Planungsgruppe einsatzfähig und die Probleme werden nicht weniger! Und warum ist das so? Weil immer noch die von den einzelnen Ländern delegierten Experten eben nur in Interesse ihrer eigenen Staaten arbeiten. Wir müssen wohl den Druck auf sie erhöhen. Sonst gibt es keine Kompromisse! Und gleichzeitig als Druckmittel, die Kompetenzen auf unsere eigenen Fachleute verlagern.“ „Das Team Geno Ben Tut und Ben Hagir arbeitet doch schon ganz hervorragend.“ „Ja, das stimmt. Und alle unsere anderen neuen jungen Mitarbeiter, die wir nach deren Studium an der UN-Uni in Beirut anwerben konnten, werden eine genau so hervorragende Arbeit leisten.“

Mustafa und Ali äugen nun schon eine ganze Weile in das Tal hinunter und auf ihren kleinen trockenen Bach, der nur noch ein trockenes Bachbett ist. Eine Lösung für ihr Problem ist ihnen dabei noch nicht in den Kopf gekommen ...

„Wie haben die das denn gemacht? Meinst Du, die mühten sich damit ab, einen Felsen ins Bachbett zu rollen, um ihn dann mit Schutt zu bedecken?“ „Glaube ich nicht. Die Kerle werden einfach eine Handgranate in der Böschung vor der Engstelle gezündet haben. Das reichte für die Verstopfung.“ „Dann hätte das ja jeden Tag auch ohne die Soldaten passieren können.“ „Ja, sehe ich auch so!“ „Und nun?“ „Nun muss der Schutt wieder weg. Leider bewachen die Soldaten den Haufen.“ „Viel Wasser hat sich ja noch nicht vor der Sperre gesammelt. Es scheint irgendwo anders hinzufließen.“ „... und gräbt sich dort eine neue Rinne.“ „Du hast recht, wir müssen uns beeilen sonst kommt nie mehr etwas zu uns.“ „Hoffentlich schlafen die Männer heute Nacht. Dann könnten wir in den Schuttberg oben eine kleine Rinne kratzen. Den Rest macht das Wasser dann selber.“ „Ja, das müsste klappen ...“

„Deckung! Der Hubschrauber kommt!“ – „Verfluchtes Pack, hoffentlich steigen sie alle ein und es bleibt keiner von den Halunken zurück.“ Und schon startet die Maschine wieder. „Sind jetzt wirklich alle weg?“ „Komm mit, wir gehen nachsehen. Nimm den Rucksack auf. Hierher werden wir wohl nicht mehr zurück müssen.“ „Passe doch besser auf! Du trittst ja Steine los. Wenn da unten wirklich noch jemand ist, wird er uns hören.“

Beide machen sich an den Abstieg zu der Hütte unten im Tal. Ständig auf der Suche nach Deckungsmöglichkeiten für den Fall, dass der Hubschrauber wiederkommt. „Kannst Du schon was sehen? Ist noch eine Wache zurückgeblieben?“ „Stopp! Was funkelt denn dort in der Sonne?“ „Ein Draht? Ja, da ist ein Draht gespannt.“ „Was soll der denn dort?“ „Kannst Du Dir das denn nicht denken? Warst Du nicht im Krieg? Das ist eine Sprengfalle.“ „Das ist ja furchtbar. Stell Dir vor, wir wären von unten gekommen. Was machen wir jetzt?“ „Na, ganz einfach. Ich entschärfe das Ding. Den Sprengstoff nehmen wir mit.“ „Kannst Du das denn?“ „Du nicht? Was hast Du denn im Krieg gemacht?“ „Ich habe die Maultiere versorgt.“ „Ist ja gut, lege den Rucksack ab und bleibe hier in Deckung, ich bin gleich wieder zurück. Wenn es nicht gelingt, grüße meine Frau.“

Derweil lässt sich keiner der Soldaten sehen. „So, geschafft! Das Zeug nehmen wir mit. Wer weiß, was wir noch alles in die Luft jagen müssen.“ „Ob wir auch in der Hütte nachsehen sollten?“ „Das werden wir wohl müssen, um sicher zu gehen.“ „Das ist aber gefährlich!“ „Ja, das ist gefährlich, deshalb bleibst Du besser hier! Ich gehe jetzt nachsehen.“ „Ich habe Angst!“ „Ich habe auch Angst, aber es muss sein ... Bis gleich!“

Mustafa schlängelt sich zwischen den Felsen hindurch, bis er die Rückseite der kleinen Hirtenhütte erreicht hat. Er kennt die Hütte. Als Junge war er oft hier oben und auch allein über Nacht geblieben. Es gibt vorne nur ein Fensterloch ohne Glas hoch unter dem flachen Dach und daneben die Tür, um hineinzukommen. Der Fensterkloben liegt auf dem Boden unter dem Loch. Das hatte er schon von Weitem gesehen. Heißt das nun, jemand ist noch in der Hütte? Oder heißt das, die Kerle waren zu faul, das Lichtloch wieder zu verschließen, als sie gingen? Egal, hier hinten war immer schon ein Brett lose. Mal sehen, wie es drinnen aussieht ...

Vorsichtig biegt Mustafa das lose Brett zur Seite und erstarrt! Vor ihm stehen ein paar Stiefel und bewegen sich wippend in irgendeinem unhörbaren Musiktakt. Nichts ist zu hören! Langsam beruhigt sich sein Pulsschlag wieder. Ob da noch mehr Männer im Raum sind? Es ist wohl doch nur einer. Aber warum steht der denn so dicht an der Wand? Das könnte auch meine Chance sein. Gehe ich zur Tür und versuche von dort in die Hütte zu kommen, stehe ich im Licht und er ist im Dunkel. Das ist mir zu gefährlich. Aber was macht sich der Kerl an der Wand zu schaffen? Was hing denn da immer? Mustafa zergrübelt sich den Kopf. Steht da ein Schrank, hängt da ein Bord? Reinigt er sein Gewehr? Oder noch schlimmer, steht er etwa mit der Hubschrauberbesatzung in Funkkontakt und das Gerät hängt an der Wand? Was macht der da? Kratz, kratz? Der rasiert sich, glaube ich! Ja, das könnte es sein! Es ist aber auch egal, ich muss handeln! Ich muss etwas tun, ich muss den Kerl loswerden! Es kann nur einer sein. Wehe mir, wenn es mehrere sind!

Leise nimmt Mustafa sein Seil von der Schulter, schlingt sich das eine Ende in loser Schlinge um den Leib, legt das andere Ende um einen runden Felsen zum Umlenken genau gegenüber dem losen Brett und zieht das Seilende bis hin zu den Stiefeln, immer bemüht, nicht den geringsten Laut zu geben. Nun knotet er eine Schlinge und sucht sich einen stabilen Knüppel. Jetzt kommt es darauf an! Ich muss schnell sein! Leise und behutsam zieht Mustafa mit der einen Hand das Brett etwas nach außen und legt mit der anderen Hand das Seil um den Stiefel und dann wieder nach draußen. Jetzt schnell noch die Seilschlinge in die eben geknotete Endschlinge und den Knüppel hinein in die sich bildende Seilschlinge! Fertig! Ein gewaltiger Ruck mit dem Körper. Und nun ragt der Stiefel mitsamt dem Bein aus dem Loch. Poltern! Fluchen! Ein Stich in den Oberschenkel! Das Blut des soldatischen Wächters verströmt in pulsendem Strahl ...

„Wo warst Du denn so lange? Ich wäre fast gestorben vor Angst. Oh, das Seil ist ja ganz blutig, hast Du Dich verletzt?“ „Ich bin unversehrt. Aber beinahe wären wir beide gestorben. Nun lass uns rasch den Bachlauf öffnen. Komm jetzt!“ Es war wirklich nur eine Rinne zu kratzen. Das Wasser bahnt sich seinen gewohnten Weg. Rinnt erst in dünnem, schmutzigem Strahl, dann stärker und schließlich als Bach wie schon immer. Noch etwas trübe, aber er fließt!

Haben wie schon Geno Ben Tut vorgestellt? Ich glaube nicht. Er war es, der noch als Student der Uni Beirut den Auftrag bekam, den Aralsee zu sanieren und der Bevölkerung dort wieder eine Lebensperspektive zu geben. Geno ist der Stiefsohn von Hano und seiner Frau Schar. Der von Geno gemachte Vorschlag enthielt zwei Zeithorizonte: Erstens sollten Sofortmaßnahmen ergriffen werden. Zweitens sollte der etwas größere Sanierungsteil in einer Hinleitung von Wasser bestehen. Wasser im Überfluss gibt es in Sibirien. Eintausend bis zweitausend Kilometer Kanal wären dafür nötig. Je nachdem, wo der Zugriff auf das Wasser erfolgen könnte. Geno hat die Uni längst verlassen. Die Planung des ganzen Projektes liegt aber nach wie vor bei ihm. Er arbeitet nun für die UN, und er verfolgt auftragsgemäß den Plan, einen großen Kanal in das Aralsee-Gebiet zu bauen, nach wie vor mit angespanntem Interesse.

Nun stehen Geno und Ben an dem großen Zeichentisch im Arbeitsraum neben der Bibliothek. Sie bereiten sich auf eine erneute Exkursion in die Steppen und Senken des Kaspischen Meeres und des Aralsees vor. Jetzt, nach dem UN-Beschluss, die Planungen für Sofortmaßnahmen am Aral zu finanzieren, ist dies und die Planung des großen Kanals ihre Hauptaufgabe.

Geno brummelt zu Ben Hagir rüber: „Mir macht die Vorstellung Probleme, dass diese beiden Seen, der Aral und das Kaspische Meer, einmal miteinander verbunden waren. Wo ist denn das Wasser geblieben? War dieses Land hier wirklich vor langer Zeit vom Wasser bedeckt?“ „Ja, natürlich, darüber gibt es keine Zweifel, das ist ein vorliegendes früheres Forschungsergebnis.“ „Aber ist das Wasser verdunstet oder hat sich der Erdboden gehoben?“ „Fest steht jedenfalls, in den letzten sechzig Jahren sind die Wasserspiegel der beiden Seen besonders schnell abgesunkenen. Ihre Zuströme wurden woanders übermäßig genutzt. Das gilt sowohl für das Kaspische Meer wie auch für den Aralsee.“ „Und nun? Warum bringen die verbliebenen Zuflüsse nicht wenigstens so viel Wasser, um den Bedarf der Menschen zu decken? Das muss doch ein Planungsfehler gewesen sein, den müsste man korrigieren! Sahen das denn die Verantwortlichen bei der Planung des ersten Kanals (4) nicht auch?“ „Aber nun haben wir ja von den UN genau diesen Auftrag bekommen, und genau diesen Umstand werden wir untersuchen.“ „Den Wasserhaushalt der beiden Seen konnten die Zuflüsse aber bestimmt schon seit tausend Jahren nicht mehr auszugleichen. Sonst läge das ganze Gebiet nicht so tief.“ „Ja, das könnte stimmt! Aber dann darf man doch erst recht nicht die Zuflüsse unterwegs für die Bewässerung so riesiger Baumwollflächen verwenden.“ „So ist es! Das war damals aber sicher gar nicht als Lösung gedacht. Die frühere Sowjetunion wollte Baumwolle für den Weltmarkt erzeugen. Koste es, was es wolle! Und so ist die Situation noch heute, also 70 Jahre danach!“ „Wird für die Baumwollplantagen wirklich so viel Wasser verbraucht? Wieso überhaupt: ‘Verbraucht‘, wo bleibt es denn? Vielleicht sollte man sparsamer damit umgehen. Jetzt verdunstet oder versickert es vielleicht und ist dann einfach weg.“ „Man müsste hingehen, um sich das anzusehen. Vielleicht werden die Baumwollkulturen wirklich falsch bewässert?“ „Ja, und vielleicht will aber auch keiner etwas an dem gegenwärtigen Zustand ändern. Da wo die Baumwolle wächst, gibt es doch noch genug Wasser.“ „Du wirst recht haben, das müssen wir genauer untersuchen ...“

Eine Weile wird still gearbeitet. Höhenkoordinaten werden verglichen, Wasserangebote notiert, der Salzgehalt der Bodenproben ausgewertet.

„Man kann rechnen so viel man will, es fehlt eine riesige Menge Wasser.“ „Wenn alles nichts nützt, werden wir das Wasser doch von Norden holen müssen.“ „Sicher, das müsste ganz leicht sein. Nach meiner Erkenntnis ist es bis zu einem ausreichenden Wasserangebot nur knapp zweitausend Kilometer weit. Also, wirklich, das ist doch wieder so ein neuer Flitzgedanke von Dir! Mensch Geno, hast Du noch mehr solche Vorschläge? Sehe Dir doch erst einmal diese Entfernung an.“ „Die Idee, über einen Kanal Wasser heran zu holen, ist nicht so ganz neu, es gibt schon Kanäle, siehst Du den hier, der ist über sechshundert Kilometer lang. Aber leider, es wird zehnmal so viel Wasser gebraucht, als alle diese bestehenden alten Kanäle zusammen heranschaffen können.“ „Meinst Du wirklich, dann, wenn ein neuer Kanal ausreichend bemessen wäre, könnte das funktionieren?“ „Ich weiß es noch nicht. Immerhin, das sind keine ganz neuen Gedanken. Man sollte da schon noch genauer nachsehen.“

„Du könntest richtig liegen. Der Ob führt ja sehr viel Wasser, und es wird nur wenig genutzt. Auch der Jenissei ist kraftvoll.“ „Es gab aber immer Gegner, die ein solches Großprojekt nicht wollten.“ „Nein, nein, waren das nicht die Nutzerstaaten der ehemaligen Aralseezuflüsse weiter oben im Norden! Die wollten kein Wasser mehr hergeben. Die haben natürlich emotional argumentiert und sich gegen eine vernünftige Wasseraufteilung der Flüsse gewehrt. Ihre Baumwollfelder würden vertrocknen, meinten sie. Damit konnte jede andere Argumentation erstickt werden!“ „Wurden die nicht früher Bruderstaaten genannt? Schöne Brudervölker sind das ... Vielleicht hätte ein Besuch an den trockenen Aralsee sie besser überzeugt. – Am besten bei einem richtigen Sandsalzsturm ...“

„Nein, nein, die Baumwollvölker nördlich des Aralsees waren das nicht. So dumm, noch mehr Wasser angeboten zu bekommen und es nicht zu nehmen, so dumm ist wohl keiner. Die Situation war etwas anders: Das war wohl eher die damalige Sowjetunion. Die Verantwortlichen wussten, dass das Wasser nicht reicht und sie wollten einen Kanal bauen. Aber Ökologen warnten eindringlich vor unabsehbaren Folgen. Recht hatten sie! Es konnte ja noch keine Forschungsanstalt das Gegenteil beweisen. Heute können wir das, wir arbeiten schließlich nach neuen Vorgaben und mit neuen Computer-Programmen. Außerdem, die Situation hat sich seitdem vollständig geändert. Heute sehen doch alle gebannt auf den Klimawandel und den damit verbundenen stetig steigenden Meeresspiegel. Dies kalkulieren wir in unsere Vorschläge mit ein." „Sehen wir uns doch noch einmal Deinen Vorschlag, diesen langen Kanal genauer an.“ „Gut, auf den ersten Blick scheint das wirklich ganz einfach zu sein. Vor allem, beide Flüsse, die man anzapfen könnte, strömen heute in die sibirische Tiefebene. Und da sehen wir schon, was dort mit dem Flusswasser passiert!“ „Natürlich, das sieht jeder. Es vermischt sich mit dem vom Meere her eindringenden Salzwasser und aus ist der Traum. Aus und vorbei! Das Wasser wird wertlos.“ „Ja, so ist es leider. Seit dem beschleunigten Abtauen der Polkappen dringt das Salzwasser immer weiter in die Ebene ein. Da und dort gehen schon die Bäume zugrunde.“ „Ich habe neulich ein paar Infrarotaufnahmen von diesen weiten Flächen gesehen, auf denen kann man es gut erkennen. Warte, ich hole sie.“ – „Siehst Du es auch?“ „Ja, natürlich, an der braunen Farbe.“ „Das Süßwasser vermischt sich mit dem Salzwasser aus dem Nordmeer, damit ist es zum Bewässern von Kulturen verloren.“

„Das hätte doch dort, so hoch im Norden, auch nicht viel Sinn, da wachsen ja nur Nadelbäume, für etwas anderes ist es viel zu kalt.“

Und so geht es stundenlang weiter. Seit sechs Stunden arbeiten unsere beiden nun schon ohne Pause, angetrieben von ihren Visionen. Jetzt verschnaufen sie ein wenig und überlegen die nächsten Schritte ...

„Was meinst Du, sollten wir einen ersten Rechnerdurchlauf starten? Daten haben wir meines Erachtens genug.“ „Kann nicht schaden. Dann sehen wir gleich, an welchen Stellen noch Daten fehlen.“ „Na bestimmt bleibt er vorher stehen, weil wir irgendetwas falsch eingegeben haben, bisher war es jedenfalls immer so.“

Später, der Rechner kommt wider Erwarten zu einem ersten Ergebnis ... „Das sieht ja alles ganz einfach aus. Wenn das klappt, wäre es wunderbar! Im Süden könnte man das Süßwasser gut gebrauchen.“ „Natürlich! Und nun die Frage: Wie bringen wir das Flusswasser dazu, statt in die sibirische Tiefebene bis in den Süden zum Aralsee zu fließen? Ich meine, ganz abgesehen vom Widerstand emotional geladener Bürgerbewegungen und von den Kosten ...“ „Ja, wie könnten wir es machen?“ „Am besten ist es immer, wenn es von selber fließt!“ „Geno, Du lieferst heute wieder unglaublich weise Beiträge. Das ist ja nicht auszuhalten.“ Geno grinsend: „So arbeite ich doch immer! Du bist doch aber auch nicht anders! Also, wir haben doch beide schon erkannt, wie es von selber fließen kann, allein mit dem Blick auf die Karte. Wir starren doch schon lange genug darauf. Warum wäre uns sonst diese riesige Entfernung aufgefallen. Hier ist das Wasser und kann nicht genutzt werden, dort fehlt das Wasser! Jeder braucht es dort im Süden!“ – „Ich habe übrigens eben nachgemessen, es sind bis zu den beiden Flüssen nur tausendeinhundert Kilometer.“ „Damit bleibt es aber trotzdem eine gewaltige Strecke.“ „Du hast ja recht, das sehen wir beide. Was uns Angst macht, hat wohl auch schon andere davon abgehalten, das Wesentliche zu tun. Die Entfernung ist sehr groß und sie zu überwinden, also, so ein langer großer Kanal ist nicht umsonst zu bekommen. Die Kosten werden unglaublich hoch sein. Aber das Wasser wird von selber fließen!“ „Ja, es wird fließen, aber nur, wenn sich die Staatengemeinschaft dazu bereitfindet, dieses Wasserbauwerk auch zu finanzieren. Machst Du Dir überhaupt eine Vorstellung, wie viel das alles kosten wird?“ „Und welchen Nutzen die Sache hat ...“ „Fragen wir doch die Computer.“ „Na gut, sehen wir uns einmal an, wie wir weiter vorgehen müssen.“ „Welche Maßnahmen schlägst Du vor, und in welcher Reihenfolge?“ „Ich weiß auch noch nichts Vernünftiges.“ „Ich denke, wir können hier alles so lange liegen lassen.“ „Ja, komm jetzt, heute lösen wir sowieso keine Jahrhundertprobleme mehr. Wir werden zur Entspannung ein paar Runden laufen. Gute Idee!“ „Dann komm jetzt!“

Das Abendrot gibt letztes Licht. Drei Stunden Arbeit liegen hinter ihnen. Nun machen sich Ali und Mustafa Gedanken über den Abstieg. Der wird um zwei Rollen Draht und fünf Kilo Sprengpatronen schwerer als beim Aufstieg. Neben ihnen fließt jetzt trübe vom Schutt ihr Bach.

„Wir werden den gleichen Weg zurückgehen, so wie wir gekommen sind. Das ist ungefährlicher.“ „Gut! Suchen wir uns einen Platz für die Nacht.“

Rückkehr vom Berg: Die Nacht war kalt. Mit dem ersten Licht des Tages machen sich Mustafa und Ali an den Abstieg. Jetzt wollen sie schnell zurück. Zwei Stunden Bergarbeit werden sie für den Abstieg brauchen.

Später, kurz vor ihrem Dorf … „Jetzt könnte uns mein Hund aber schon hören.“ „Bilde Dir doch nichts ein, der schläft noch genau so wie alle anderen.“ „Da unten ist es wirklich ausgesprochen leise ...“ „Finde ich jetzt auch ...“ „Was ist hier passiert?“ „Bei Allah, der Esel ist tot! Wer hat den denn abgestochen?“ „Wer macht denn so etwas? Der Hund kommt auch nicht!“ „Was ist hier los?“ Mustafa wirft den Rucksack in den Staub, rennt los zu seinem Haus. Wirft sich gegen die Tür. Die geht nur einen Spalt auf. Etwas drückt von innen dagegen. Mit der Hand fasst er nach innen, eine furchtbare Angst, eine unaussprechliche Ahnung drückt ihm die Kehle zu! Fühlt klebrigen Stoff. Blut! Drückt mit aller Gewalt gegen die Tür, dass sie fast bricht. Schafft es, sie Millimeter für Millimeter aufzubekommen. Röchelnd liegt seine Aynur dagegen. Kann nur noch sagen: „Die Milizen wollen nicht, dass wir Korn anbauen. Schnell, geh weg! Die bringen Dich auch um! Alle anderen sind tot. Geh! Schnell! Geh, lass mich hier, für mich ist es zu spät.“

Vorsichtig schneidet Mustafa das Tuch auseinander. Die Wunde im Bauch ist riesig! Sie ist tief, blutet stark. Wie soll er ihr nur helfen? Er will nicht allein bleiben. Will nicht ohne sie leben! Er weiß sich keinen Rat. Er ist kein Arzt.

Da, ein Schuss! Wer hat geschossen? Auf wen? Mustafa hat nur noch Angst. Er zittert am ganzen Körper! Aynur flüstert mit letzter Kraft: „Sie sind noch da. Geh weg! Schnell, geh weg!“ „Ich komme gleich wieder. Ich bringe sie um.“ „Nein, geh weg, die bringen Dich sonst auch noch um!“

Er weiß nicht; wie er es machen soll, aber sein Schmerz und Zorn ist riesig. Vorsichtig lugt er um die Hausecke auf die Dorfstraße, dorthin woher der Schuss kam. Nichts! Nur sein Hund liegt da und rührt sich nicht mehr. Ein leises Knacken hinter ihm lässt ihn zusammenzucken. Ein Zischen. Das ist Ali! Mustafa kratzt zur Antwort zweimal am Holz, zieht sich zurück. Und versinkt schon wieder fast im Boden, als sich eine Hand auf seine Schulter legt. „Alle sind tot!“ „Aynur lebt noch! Sie braucht Hilfe.“ „Leise, die Soldaten wollen gerade abfahren. Uns haben sie nicht bemerkt. Ich glaube, die sind betrunken. Es sind fünf, zu viele um es mit ihnen aufzunehmen.“ „Ich bringe sie um, die haben meiner Aynur in den Bauch gestochen.“ „Wir könnten versuchen, ihr zu helfen. Komm schnell! Die Milizen entkommen uns nicht. Aynur braucht jetzt Hilfe! Komm, schnell, wir müssen versuchen wenigstens sie zu retten! Ich verbinde sie und Du wirst mit dem Brennspiegel versuchen, auf uns aufmerksam zu machen. Immer gleichmäßig, blinken! Ohne aufzuhören! Ich zeige Dir die Stelle, von wo Hilfe kommen könnte. – Dort oben ist ein Posten von Oberst Nedal. Vielleicht sehen die das Blinken.“ „Meinst Du, das klappt?“ „Ich weiß es nicht, aber wenn zurück geblinkt wird, rufe mich, ich morse dann Hilfe herbei.“ „Aynur bleibe ruhig liegen. Bewege Dich nicht. Ich drücke die Wunde jetzt zusammen.“ Sie hört es nicht mehr, sie ist ohnmächtig geworden. Nun braucht Mustafa ihr auch nicht mehr zu sagen, dass ihre Schwester tot ist.

Mustafa schnell, dort oben sind wirklich Leute. Die blinken zurück. Die blinken genau so, wie Du es mir gesagt hast, immer nur einmal.

Mustafa rennt nach draußen, nimmt den Spiegel und morst sein Unglück nach oben zum Berg. Er morst mit atemberaubendem Tempo. Kurze Unterbrechung für eine Antwort. Es kommt nur ein: Verstanden, bitte warten! Warten? Wie soll ich warten? Dann, nach unendlichen 10 Minuten: „Der Heli kommt um 5 Uhr. Wie viele Personen müssen aufgenommen werden? Zum Landeanflug bitte ein Signal setzen! Der Leitstrahl wird von der Organisation programmiert!“ „Allah sei Dank, wir sind außer der Kranken noch zwei Mann. Wir werden warten!“