Der Wasserkäufer - Gernot Scholz - E-Book

Der Wasserkäufer E-Book

Gernot Scholz

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Beschreibung

Katastrophen zwingen Menschen, neue Lebensräume zu suchen. Nur sind aber schon alle diese Räume besetzt, besetzt von Menschen, die zuvor auch irgendwo vertrieben wurden. Man wird also nach Anderem greifen müssen, da Kriege als Lösung ausscheiden. Die Vereinten Nationen (UN) arbeiten nun daran und sie brauchen für diese Aufgaben gut ausgebildetes Personal. Nur, das steht nicht zur Verfügung. Und nun erkennen die Verantwortlichen in der UN-Führung den Ausweg: Die UN werden sich diesen Nachwuchs selber ausbilden. Der Roman der Wasserkäufer begleitet die Ausbildung und die ersten Erfolge bis zu dem Zeitpunkt, zu dem diese ganze Aktion zu einem Selbstläufer geworden und also scheinbar nicht mehr umkehrbar ist. Die gegen Zweifler und Gegner nötigen Maßnahmen, die Art, wie etwas durchgesetzt wird, und nicht zuletzt, wie groß der Misserfolg sein könnte, geben dem Roman die nötige Spannung und fördern das Interesse.

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Seitenzahl: 640

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Gernot Scholz

Der Wasserkäufer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Die Katastrophe und der Aufbruch vom Rande der Wüste

Ein Neuanfang ist nötig!

Was tut sich da? Was bleibt uns da verborgen?

Der Handel mit Wasser beginnt!

Personen und Daten

Leseprobe aus dem Folgeroman Das Wasser und das Böse

Impressum

Vorwort

Es waren Katastrophen, die zu einem neuen Gedankenbild führten. Aber für das Lösen der Probleme braucht man Kraft und Macht! Und die muss man sich zuvor erwerben! Das ist die knallharte Wirklichkeit! Der Weg dahin wird kein Kinderspiel! Sehen wir uns an, wie dies aussehen könnte. Nur, alle Interessierten, die sich dazu entschließen ihn zu gehen, sollten vorsichtig sein! Es ist ein weiter Weg – aber er lohnt sich!

Die Katastrophe und der Aufbruch vom Rande der Wüste

Geno zieht nun auch die andere Hand unter den braunen Umhang und träumt den Worten seines Großvaters nach. Der Wind war derweil immer stärker geworden und treibt nun rötlichen scharfen Sand aus der nahen Senke herauf. Aber die Farbe der aufschlagenden Körner ist bei diesem immer schwächer werdenden Licht nicht mehr auszumachen. Leise rieselt der Sand aus der Ellenbogenfalte auf den Boden. Durch eine kleine Bewegung seines linken Armes zeichnet Geno eine Karawane auf den Boden. Immer ein Häufchen für jedes Kamel. Um ein neues Tier rieseln zu können, neigt er sich immer noch ein wenig weiter nach vorn. Er will damit jedem Häufchen einen eigenen Lebensraum auf dem Boden geben und er beugt sich auch deshalb immer weiter vor, um seine eigene kleine Karawane in dem schummriger werdenden, diffusen Licht noch erkennen zu können. Großvater sagt schon lange nichts mehr. Er weiß, Geno braucht Zeit, das Gehörte mit seiner eigenen kindlichen Fantasie erfassen und verbinden zu können. Großvaters Bericht über eine Zeit, in der das grüne Tal, die hohen alten Bäume, das Leben der Menschen und der Tiere, alles dies längst Vergangene, noch scheinbar greifbar vor ihnen liegt. Da sind uralte Korkeichen neben Platanen. Sie stehen um das weite fruchtbare Ackerland. Am Höhenweg zur nächsten Senke stehen Dattelpalmen und Feigenbäume. Man meint, würzige Luft zu riechen und den Duft von den frisch bewässerten Reisfeldern, die einst rechts und links des Flusses lagen. Inzwischen ist es vollkommen dunkel und Geno meint nun auch, das Verlorene wieder sehen zu können. Wird diese Welt jemals wieder erstehen?

Genos wirkliche Welt aber ist der trockene Wadi, den man heute dort sieht. Er verbindet das Tal mit dem Berg dort oben. Wasser zum Leben trägt er nur noch selten herunter, viel zu selten! Das sprudelnde Wasser gehörte zur Welt der Großväter seines Großvaters. Der bekam dies alles auch von seinem Großvater erzählt. Jedenfalls ist es lange her! Das Wasser kommt zu selten und das wenige, das kommt, muss in der Kaverne gesammelt werden. Die Karawanen brauchen es für die Kamele auf ihrem Weg durch die Wüste. Aber Wasser brauchen eigentlich alle, auch wenn sie heute mehr mit Lastwagen fahren. Genos Eltern, seine Großeltern und er sind die letzten Bewohner des Wadis. Das Wenige, das sie sonst noch zum Leben brauchen, wird ihnen von den Durchreisenden gebracht. Wenigstens die Karawanen mit ihren Kamelen und Lastwagen kommen wie immer und rasten dort unten auf dem weiten Platz vor dem uralten Lehmhaus, von dessen Dach Geno und sein Großvater immer in das Gewimmel dort hinabblicken.

Derweil wird der Wind immer wilder und schüttet den Sand in immer dichteren Wolken über das zusammenrückende Leben in der kleinen Zeltstadt zu ihren Füßen. Hier oben können sie nun nicht mehr bleiben. Ein Sturm wird kommen! Es ist an der Zeit, im Inneren des Hauses Schutz zu suchen. Wer weiß, welcher der Großväter es einst baute?

Mit dem ersten Sonnenaufgang nach dem schweren Sandsturm, nach den gewaltigen roten Sandwolken, die er vor sich hertrieb, nach den Tagen, in denen man nicht atmen und nicht denken konnte, zeigt sich die Welt verändert. Die anderen Häuser sind irgendwie kleiner geworden, es sind auch nur noch drei zu sehen. Dort, wo die Karawane vor dem Sturm lagerte, dort unten breitet sich nun diese alles bedeckende Düne aus. Es scheint, als habe sie alles Leben unter sich begraben. Keine Zelte mehr, kein Geschrei der Treiber und fremden Menschen mehr. Nichts ist mehr da! Überhaupt nichts mehr! Eine rötliche Sonnenscheibe steigt langsam über dieser neuen unendlichen Leere auf. Vor dem Sandsturm war dort unten Leben. Menschen, Kamele, Schafe, Ziegen, Hühner liefen umeinander. Fahrzeuge waren zu sehen, Steine, Furchen im Sand. Und jetzt? Wo ist das alles?

Die neue weite Ebene leuchtet nun in blassem Rosa. Winzige kleine Wellen sind darauf eingeprägt. Es gibt keinen Grashalm mehr und auch keinen rot blühenden Busch zwischen dem Eingang zur Kaverne und dem großen Lehmbrocken, der von dem Haus geblieben war, in dem Geno vor acht Jahren geboren wurde und an dessen Einsturz er sich nicht mehr erinnern kann. Es gibt eigentlich überhaupt nichts mehr, an dem man sich orientieren könnte.

Der Wind bringt nun keinen roten Sand mehr, aber etwas Unbekanntes, etwas Neues, liegt in der Luft. Erst ist es ein Vibrieren, dann ein immer stärker werdendes Dröhnen. Ein dumpfes Grummeln scheint von dem nahen Berg her zu kommen. Ein Erdbeben lässt das Haus erschüttern! Aber das Grollen endet nicht! Wird immer stärker und es kommt näher. Genos Großmutter Anne, sieht es wohl zuerst. Ein kleiner winziger Schrei, ihr Blick wird starr. Es genügt. Mit Unglauben, aber doch deutlich in der Gewissheit, was da kommen wird, erkennen auch die Anderen sofort die neue Gefahr. Die Blicke gehen hinauf zum Berg, über die neue rötliche Düne hinweg, folgen der leicht ansteigenden Talsenke. Alle wissen, was sich dort nähert, nein, da heran schießt. Eine silberfarbene hohe Wand mit gewaltig rauchender schäumender Bugwelle. Es ist das Leben, das Wasser, es ist der Fluss. Er kehrt zurück! Aber wie furchtbar, wie bedrohlich ist seine Rückkehr? Was ist jetzt noch zu tun? Gibt es noch Hilfe? Fliehen! Wohin?

Sand beginnt vom Himmel zu rieseln, nicht mehr vom Wind getragen, nein, er ist hoch gerissen von dieser Flutwalze. Es ist aufgetoster Sand. So hoch, dass man glauben könnte, er vereinigt sich mit den Wolken am Himmel über ihnen. Und diese Sandwalze senkt sich nun als ein zweiter tödlicher Teppich über alles, was in den letzten Tagen schon so tief verschüttet wurde. Sandstaub macht aus der Sonne erst einen fahl schimmernden Ball und dann verdeckt er auch ihr letztes Licht.

Der Fluss ist nun heran gedonnert und übergießt das Dunkel mit noch mehr Sand und Wasser und Wasser und Sand. Eine haushohe Walze, kaum da, schon ist sie vorbei geschossen. Das Wasser bricht durch alles, was ihm im Wege steht, hindurch, nimmt sein uraltes zugewehtes Bett wieder ein. Der Strom frisst an den sandigen Ufern, nimmt sie Stück für Stück mit, macht den Fluss breit und breiter. Das Kavernenhaus, das bis eben noch stehen gebliebene Lehmgebäude dahinter, sie verschwinden vor den Augen der entsetzten Zuschauer in der Flut. Aufgerissen, mitgenommen, nicht mehr da! Woher kommen auf einmal diese waagerecht über den Himmel zuckenden Blitze? Und nun doch wie eine Erlösung prasselnder Regen. Er schlägt den letzten Sandstaub und jeden Schrei nieder.

Noch immer rauscht der Regen aber nun wird es heller. Warmer Regen! Die vier Menschen stehen auf dem Dach des nun einzigen noch übrigen Hauses auf der leichten Anhöhe, breiten die Arme aus, recken ihr Gesicht in den Himmel und bleiben einfach stehen. Der Regen wäscht den Sand aus Haaren und Kleidern, spült ihn vom Dach. Das Leben wird wieder kommen! Blitze zucken noch, als ein erster blendender Sonnenstrahl den letzten Bewohnern der früher so quirligen Stadt die neue Wirklichkeit überdeutlich erhellt. Der Regen ist vorbei, der Fluss hat sich verströmt. Nichts ist geblieben von dem vielen Wasser! Nur diese bedrohlich tiefe Sandschlucht zeugt noch von dem wilden, alles vernichtenden Strom.

Das war gestern. Warum ist es heute nicht mehr da? Die Sonne trocknet die Lehmwände des Hauses. Die Vorräte in den unteren Etagen sind verweht, die Kaverne wird nie wieder zugänglich sein. Es gibt sie nicht mehr! Aus einer winzigen Pfütze trinkt ein dürres altes Kamel. Ist es das einzige Lebewesen? Wo sind die anderen, die gesunden, die vielen kräftigen Tiere und ihre Treiber geblieben? Wo sind die Lastwagen geblieben? Sie sind zugeweht, weggespült, verloren! Großvater Omar geht wortlos zu dem Kamel, nimmt den gerissenen Gurt vom linken Vorderbein ab, zieht ihm ein Halfter über die Ohren, führt es langsam durch den noch nassen dampfenden Sand der schon wieder trocknenden Schlucht und dann mit großer Mühe den steilen Abriss empor zum Haus auf dem Hügel.

„Wir nehmen dieses Tier, wir haben keine Wahl. Wir müssen weg von hier. Wir können nicht bleiben!“ „Sollten wir nicht noch auf Ene warten?“ „Nein, unser Sohn wird uns finden!“ „Ich will meinen Falken mitnehmen!“

„Der muss hier bleiben!“ „Dein kleiner Falke wird wohl sterben, wir haben für ihn kein Futter mehr und die alten Falken werden ihn jetzt nach den acht Tagen, die er bei uns ist, nicht mehr im Nest dulden und überhaupt, wer weiß, ob es die Falken da oben am Fels noch gibt. Lass ihn los!“

„Nein! Es ist meiner und ich werde für ihn sorgen. Er wird das Blut des Kamels fressen, wie immer.“ „Ja! Aber das Tier ist alt, und schwach und muss schon so viel tragen.“ „Ich trage auch!“ „Wir tragen alle!“ So verlassen die letzten Bewohner des Wadi die Stadt am Rande der Wüste, ihre Heimat. Großvater Omar und seine Frau Anne mit Schar, ihrer Schwiegertochter und ihrem Enkel Geno. Er ist fast neun Jahre alt.

Am dritten Tage bei Sonnenaufgang kommt ihnen Ene, Genos Vater, entgegen. Er hat ein frisches Kamel zum Reiten und eine junge Stute am Halfter. Hellgelbe Rennkamele. Andere waren nicht aufzutreiben. Keiner braucht mehr Rennkamele, keiner will mehr Rennkamele, wie lange ist es her, dass sie überhaupt zu etwas nützten. Sie laufen zu schnell und tragen zu wenig. „Es gab keine anderen“, meint Ene wie zur Entschuldigung. Die Beratung ist kurz: „Sollen wir das alte Kamel freilassen?“ „Wir nehmen es mit, wir können ja noch einmal Glück haben und es bleibt am Leben, dann haben wir an ihm später noch etwas zum Essen und außerdem, es frisst nicht mehr viel, die anderen beiden können dadurch nicht gefährdet werden. Und nun müssen wir weiter!“

Jetzt erst sieht Ene den kleinen Falken. Der hüpft über den Boden, packt eine gelbe Eidechse an ihrem langen Schwanz, schüttelt sie und sieht plötzlich ganz erstaunt aus, als nur noch ein kurzes Ende in seinem Schnabel zuckt. Geno greift zu und hat auch das nun schwanzlose Tier fest gepackt. Ene sagt nichts dazu, aber er lächelt. Nur Anne weiß, wie viel der kleine Vogel fressen kann. Er hat jetzt schon Brust und Rückenfedern, gestreift, wie der Stoß und die Schwingen. „Den Falken können wir aber nicht mitnehmen“, gibt Ene zu bedenken. „Doch soll er mit! Er fängt sich sein Fressen schon selbst, Du hast es ja gesehen.“ Geno hatte so auf diesen Moment gewartet. Immer wieder hatte er mit den Fleischstückchen, die Omar ihm heimlich zuschob, vor dem Schnabel des Tieres gewedelt und gewackelt und dann festgehalten, wenn der Schnabel blitzschnell zupackte. „Ich werde mit ihm auf die Jagd gehen. Er wird uns helfen. Wenn wir ihn hier lassen, wird er sterben. Er ist noch zu jung. Er soll nicht sterben!“ Ene schweigt. Und nachdem Schar die neue Kamelstute gemolken hat, zieht die kleine Familie weiter. Anne geht es nicht gut!

Am sechsten Tage stirbt Anne. Sie wollte zurück zu ihrem alten Lehmhaus am Rande des Wadis. Die Karawanen werden wiederkommen, der Fluss wird wieder kommen, Dattelpalmen werden aus dem Sand wachsen, ich will ohne das nicht leben. Geno verstand es nicht und auch nicht, dass sein Großvater sie damit tröstete: „Wir gehen zurück.“, sie auf das alte Kamel hob und sie dann alle in der alten Richtung weiter gingen. Das war gestern. Anne trug da noch den Falken und presste ihn an sich wie früher ihren Sohn Ene und in letzter Zeit sonst nur noch ihren Enkel, ihren Geno.

Heute, am Morgen, bei Sonnenaufgang, nimmt Ene ihr vorsichtig den Falken aus den Händen, hebt sie von dem alten Tier herunter und trägt sie in den Felsschatten. Das Lächeln bleibt auf ihrem Gesicht. Es ist dort so, als sähe sie noch immer den kleinen Falken mit der Springmaus kämpfen und als sähe sie ihren Enkel noch immer, wie es ihm gelingt, der Springmaus den Weg zu ihrem Loch abzuschneiden. Mithilfe seiner Flügel kann der kleine Falke jetzt schon Sprünge von mehr als einer Kamellänge machen. Sie hatte ihm alles gegeben. Sie hatte nichts für sich behalten. Geno ist jung wie der Falke, er soll nur an dieses schöne Tier denken, soll für ihn sorgen dürfen, soll wie der junge Falke sein, soll abgelenkt werden von der rötlichen Einöde, den Lebensqualen in dem trockenen Tal und alle dem, was noch vor ihnen liegt. Als die Sonne höher steigt, ist das Grab neben dem Felsbrocken tief genug. Beim Zuschütten nehmen sie die Erde und das Geröll unter dem Felsbrocken hervor, bis der Stein sich bewegt und von selbst auf das Grab rollt. Anne kam aus der Wüste, sie lebte in der Wüste, keiner sollte ihre Ruhe in der Wüste je stören können. „Merke Dir die Stelle, es ist Deine Quelle, auch wenn es hier kein Wasser gibt. Hier bekommst Du etwas anderes Wichtiges für das Leben. Hier wirst Du Kraft bekommen und die nötige Zuversicht. Hier kannst Du mit den Ahnen sprechen!“ Dann ziehen sie weiter, sie verlassen die Steine und gehen einem unbekannten Ziel entgegen. Einem Ziel, das vielleicht ein Weiterzuleben verspricht. Je näher die kleine Karawane der Stadt kommt, umso interessanter wird alles. Ihnen begegneten Menschen, erst nur einige wenige, nein, man kann sagen: Sie treffen sich. Sie alle haben die gleiche Richtung. Und es sind auch keine Fremden, die hier zusammentreffen. Geno Vater Ene und auch seinem Großvater, sind sie alle wohlbekannt. Sie sprechen nur wenig und das Wenige, das sie von sich geben, bestätigt immer dasselbe: Die Weiden sind verschüttet, das Wasser ist nicht mehr da. Wie sollen wir dort noch leben? Die Wüste bietet nun aber doch Abwechslung, ganz ungewöhnliche Abwechslung. Fahrzeuge und auch Panzer stehen am Wege, manche seltsam verbogen, andere groß, wuchtig. Das sind die Überreste des Krieges, erklärt der Vater. Alle stecken tief im Sand. „Sie sind noch immer gefährlich.“ Geno fragt: „Warum?“ Er findet das alles sehr aufregend. Großvater meint:

„Wir sollten so einen Wagen flott machen.“ Ene brummt nur: „Der braucht Benzin, wir haben keins und außerdem werden die bestimmt bald abgeholt. Noch ist ja der Krieg nicht richtig vorüber. Wir wollen damit nichts zu tun haben. Andere kämpfen hier auf unserm Land.“ „Warum kämpfen sie?“ „Es betrifft uns nicht!“ „Vielleicht doch, vielleicht um uns?“ „Meinen die etwa, wir sollen ihnen gehören? Wir sind keine Sklaven, wir sind frei, wir bleiben frei!“, meint nun auch Großvater und weiter, wie zu sich selbst: „Niemandem werden wir gehören! Wasser bringt uns der Krieg auch nicht.“ Das ferne Donnern ist auch nicht etwa Wasser in einem Flussbett, es ist noch immer der Krieg, es sind Granaten, nur eben sehr fern. Was Granaten sind, lernt Geno schnell, zu schnell! Die zerschossenen Fahrzeuge sind dennoch wie eine Wasserader, eine graugrünfahle Weide aus Eisen. Die Fahrzeuge werden zur Weide für alle aus dem verwehten Land. Wenigstens vorübergehend. In ihrer Not machen sie sich nun über den Kriegsschrott her. Ene zeigt es den anderen. Einzelne Fahrzeuge lassen sich bewegen. Benzin ist oft auch noch im Tank. Ein Jeep ist besser und schneller als das alte Kamel. Omar, Ene und Schar arbeiten ununterbrochen. Sie nehmen aus den verlassenen Fahrzeugen, was sie brauchen können oder nehmen sie ganz, wenn sich die Fahrzeuge irgendwie bewegen lassen. Nur zum Schlafen und in der heißesten Zeit des Tages ziehen sie sich zurück in den Schatten ihres Zeltes. Es ist über dem Lager der zusammengesammelten Dinge errichtet, Dosen mit Fleisch und seltsamem Gemüse, Obst in Dosen und auch Werkzeuge. Benzin bleibt wichtig. Ohne Benzin lässt sich nichts bewegen. Nur gut, dass es in fast allen Wagen noch vorhanden ist. Nur die ausgebrannten Wracks sind wertlos, aber die erkennt man von Weitem, die sind dunkelbraunschwarz. Das alte zottelige Kamel wird nun nicht mehr gebraucht, Vorräte zum Essen finden sie genug. Futter für das Kamel aber nicht. Eines Abends löst Ene ihm den Strick vom linken Fuß, gibt ihm das letzte noch übrig gebliebene Futter, trockenes Gras von dem fernen Wadi, lässt es einen ganzen Kanister Wasser trinken und dann kann es gehen, wohin es will. Es geht in die Wüste, in Richtung der Steine.

Seit sie das alte Kamel freigelassen hatten, waren nur einige Tage vergangen. Aus einem halb verschütteten Panzer hatte Ene drei Kisten mit Fleisch, Obst, Bohnen in Dosen und Zigaretten geborgen. Die Zigaretten konnte man später gegen anderes tauschen, dafür gab es dann vielleicht einen Kanister voll Wasser. Ein Junge, nur wenig älter als Geno, reitet umher und bringt den verstreut lebenden Familien regelmäßig Wasser in diesen verrosteten Kanistern, aber dafür muss bezahlt werden. Die Zigaretten sind als Tauschobjekt sicher geeignet. So könnten sie noch einen Sinn bekommen. So ist es! Sie verschwinden in einem Korb am Sattel des Jungen und wandern wohl in die Stadt. Könnte es für die vielen Granaten auch einen Gegenwert geben? Ene nimmt eine der gefährlichen Dinger mit in die Stadt. Zum Zeigen, sozusagen als Muster. Vielleicht hat dort jemand dafür eine Verwendung. Ene ist noch nicht weit sehr gekommen, als ein Donner über die Wüste rollt. Sie tragen Ene zurück ins Zelt, da ist schon fast alles Leben aus ihm verloren gegangen. Als er zum letzten Male die Augen öffnet und spricht, kann nur noch Schar seine Worte verstehen, aber was er mitteilen will, hatte sie schon vorher gewusst. „Ja, ich werde Deinen Freund finden“, nickte sie. Geno, seinen Sohn, sieht er nur an und Geno sieht dabei seinen Vater an. Er erscheint ihm so, wie er immer war, kraftvoll, mutig, voller Einfälle. Er soll nur aufstehen. Aber Ene spricht nun nicht mehr und steht auch nie mehr auf.

Geno ist nun fast zehn Jahre alt. Bis weit nach Sonnenuntergang fährt Geno mit dem verbliebenen Jeep und tränennassem Gesicht wie wild in der Wüste herum. Sein Vater ist tot! Geno begreift es langsam. Am nächsten Tag fahren Geno, seine Mutter Schar und sein Großvater Omar zu den Steinen, bei denen Enes Mutter Anne beerdigt wurde und wo nun auch Ene beerdigt werden soll. Auf der Fahrt dort hin hält Geno Ausschau nach dem alten Kamel. Er sieht es nicht. Ene wird neben seiner Mutter Anne in den Wüstensand gebettet. Enes Stein rollte so genau, dass er den Stein seiner Mutter berührt. Aber es gibt dort genug Steine, und Omar hat nun auch schon einen geeigneten Stein für sich selbst ausgesucht. Dicht neben dem Grabe seiner Anne. Das Grab ist sicher. Omar sitzt noch viele Stunden daneben. Als es hell wird und er aufsteht, deutet er auf diesen anderen riesigen Brocken: „Dies soll mein Stein werden.“ Der würde auch rollen und die anderen beiden Steine berühren. Schar und Geno sehen es auch. Omar dachte daran, dass diesen Dienst ihm dann nur noch Schar und Geno würden erweisen können. Seine Familie ist nun klein geworden. Aber Ene hatte Freunde. Schar vertraut darauf, wenn sie gebraucht werden, sind sie da. Dies war schon immer das Gesetz des Lebens, nicht nur hier in der Wüste.

Bei Sonnenaufgang fahren sie wieder zurück in ihr Camp nahe der Stadt. Nur eine kleine Pause gönnen sie sich im Schatten des Jeeps, um der Mittagshitze zu entgehen. Das Benzin ist nun fast alle, auch die drei Reservekanister sind leer. Von Weitem sehen sie schon ihr Camp. Aber etwas stimmt da nicht. Eine neue Erfahrung kommt auf sie zu. Der Lastwagen, den sie erst gestern ausgegraben haben, ist weg. Das Zelt sieht so schief aus und jetzt stehen sie davor. Ja, nur wenige Werkzeuge sind noch da. Auch die Dosen und anderen Vorräte sind verschwunden. Sie fühlen sich gedemütigt und hilflos. Noch nie waren sie bestohlen worden. Omar spricht als Erster wieder. Und es sind nur zwei Sätze: „Wir haben nichts verloren, die Vorräte gehörten ja denen, die den Krieg führen.“ Danach spricht er nicht mehr mit den Lebenden, die Vernunft hat ihn verlassen. Der Schmerz ist zu groß. Er ist von nun an allein in seiner Welt aus Sand und Staub und Trümmern, aus Überresten seiner Erinnerung und mit den Überresten des fremden Krieges. Geno sieht er nicht mehr und auch nicht mehr den jungen schönen eleganten Falken. Er spricht viel mit Anne und manchmal auch mit Ene. Omar hat zu viel verloren, zu viele sind nicht mehr da. Für Omar aber bleibt von nun an alles, wie es immer war. Er erklärt Ene oder Anne oder beiden zugleich, warum der Lastwagen, den er gerade gefunden hat, nicht fahren kann und wie er es anstellen wird, ihn doch noch zum Laufen zu bringen. Keiner darf in seine Nähe außer Schar und Geno. Er geht bedrohlich auf alle anderen los. Er kann nicht mehr unterscheiden zwischen Freunden und Feinden. Geno begleitete ihn, hilft ihm bei der Arbeit und führt später Schar zu den fertigen Lastwagen, die sie dann in der Stadt an immer denselben Mann verkauft. Geno ist darüber zehn Jahre alt geworden und er fährt einen Jeep. Alle anderen Kinder haben auch Jeeps, nur Geno hat dazu noch einen Falken.

Für die fertigen Lastwagen feilscht Schar immer höhere Preise aus und der Mann aus der Stadt bezahlt sie. Schar wird immer aktiver und selbstständiger. Mit Omar kann sie nicht mehr sprechen. Omar nennt sie jetzt Anne. Er hört zu, wenn sie spricht. Seine Antworten passen irgendwie nicht zu dem Gesagten, aber er arbeitet wie immer. Schar machte sich Sorgen. Es würde bald keine Lastwagen mehr geben und, was schwerer wiegt, sie kann auch Genos Fragen immer öfter nicht beantworten. Bisher hatte sie Geno alles Erklären, Beibringen, zeigen können. Einfach alles, was er wissen wollte. Jetzt wird sie manchmal ratlos. Sie hatte Geno auch alle die Sprachen beigebracht, die sie gelernt hatte. Aber Geno will immer mehr wissen. „Geno, Du musst das, was Du sprechen kannst, auch lernen zu schreiben“, fordert sie. Schar selbst konnte nur Italienisch. In anderen Sprachen, besonders in Arabisch und Englisch war sie unsicher geblieben und so mühen sich nun beide. Bringen sich Buchstaben, Wörter und ganze Sätze bei. Schar will für ihren Sohn eine richtige Schule, zu vieles würde er sonst nicht lernen können. Nur, so eine richtige Schule, wie sie sie kennt, wie die auf Sizilien, die gibt es hier nicht. Bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr lebte sie dort bei ihren Großeltern. Dann kam Schar hierher. Auch die Sprache der Fremden hatte sie bald gelernt und natürlich die von Anne, Omar und Ene. Bald war diese Sprache ihre eigene geworden. Alles das hatte sie auch ihrem Sohn Geno beigebracht und auch der lernte schnell. So schnell, dass er sich nun sogar Bücher in einer fremden Sprache aus den Wracks ringsum mitbringt und versucht, das Geschriebene zu entziffern. Beide, Schar und Geno, versuchen nun neben der täglichen Arbeit die fremden Bücher gemeinsam zu lesen. Oder sollte man besser sagen, beide mühen sich verzweifelt, die Texte zu erfassen. Sie geben sich Mühe. Ja, sie geben sich alle erdenkliche Mühe, zu entziffern, was da geschrieben steht. Stellen, die auch nach vielen Versuchen noch unverständlich sind, bleiben das meist auch weiterhin. Aber allmählich geht das Lesen besser. Schars Stärke aber ist das Rechnen. Bei ihrem gemeinsamen Spiel mit den Zahlen kommen Genos Antworten aber meist so schnell, dass die entsprechende Frage noch nicht einmal fertig ausgesprochen ist. Schar wird das manchmal unheimlich.

Auch Geno hat Sorgen. Er hat keine Probleme, etwas zu lernen, nein, um seinen Falken hat er Angst. Der schläft bisher schon nicht mehr in der Nähe des Zeltes. Er schläft irgendwo und kommt morgens übermütig angebraust, meist im Sturzflug und mit markerschütterndem Geschrei. Manchmal lässt er einen kleinen Vogel oder eine Springmaus fallen. Und bevor seine Beute auf den Boden aufschlagen kann, kommt er aus der Höhe geschossen und fängt sie wieder auf, rast nach oben in den Himmel und kommt danach elegant in weiten Kreisen wieder nach unten gesegelt. Wenn er frisst, darf nur Geno in seine Nähe kommen, anderen schießt er kreischend entgegen und dann haarscharf über deren Kopf hinweg und davon. Geno ist davon überzeugt: Das macht er, um andere einzuschüchtern und um seine Beute zu verteidigen. In den letzten Tagen sieht Geno seinen Falken aber nur noch sehr selten.

Es begann, als sein Falke einmal morgens nicht allein kam. Zwei andere Falken waren bei ihm. Zuerst hörte Geno das ihm nur zu bekannte Geschrei seines und das Gekreische eines weiteren Vogels. Dann bot sich ihm ein Schauspiel unglaublicher Spannung. Eines der Tiere, welches es war, konnte er nicht erkennen, griff hoch oben am Himmel einen der anderen Falken an. Angriff! Looping! Sturzflug! Beide Vögel parallel, mitten im abwärts Rauschen wieder ein Angriff, ein Knäuel, kurz vor dem Boden schreiend und pfeifend ein eleganter Gleitflug, dann Aufstieg. Hoch, höher, fast nicht mehr zu sehen, kreisten dann auf einmal drei Vögel in großem Abstand umeinander. Nur die kreischenden Schreie wie durchdringendes lautes Lachen oder Pfeifen erfüllten die Luft. Wieder schossen zwei der Falken aufeinander zu. Der Dritte blieb rüttelnd in großer Höhe. Die zwei anderen Tiere schlugen und bissen sich gegenseitig, überschlugen sich ein um das andere Mal. Federn glitten zu Boden. Die beiden Falken nahmen immer wieder Anlauf zu neuem Aufstieg, zu neuem Angriff. Kamen der Erde näher, kämpften verbissen. Wieder Aufstieg. Dann wieder Sturzflug, nun Gleitflug, erst parallel, dann nacheinander. Nein, Flucht! Tatsächlich, Flucht! Welcher Vogel floh? Geno erkannte es bald. Es war nicht sein Falke, es war einer der fremden Vögel. Ein triumphierendes Geschrei. Geno erkennt es sofort. So schreit sein Falke, wenn er sich freut, über eine Beute, ein Wiedersehen oder einfach aus Übermut. Sein Falke hatte gesiegt! Und heute, nach Tagen, immer noch dasselbe Treiben: Spielend erreicht sein Falke luftige Höhen. Umkreist den hoch oben in der Luft stehenden Vogel, es war der Dritte der Vögel, der bei diesem Luftkampf dort oben auf dessen Ausgang gewartet hatte. Seit Tagen dasselbe Schauspiel wie am Tag des Kampfes. Auch heute noch umkreisen sich beide Tiere erst zögernd, dann pfeifen, schreien, kobolzen sie umeinander, übereinander. Vergessen die Welt um sich, steigen höher und höher und sind selbst als Punkte am Himmel nicht mehr zu sehen. Sie haben aneinander Gefallen gefunden. Sie sind nun immer seltener zu sehen. In irgendeinem der Wracks im Sand, auf einer der Sonne abgewandten Seite, haben sich die beiden einen geschützten Platz gesucht und ziehen nun dort ihre Jungen auf. Geno traut sich nicht mehr, in die Nähe zu gehen, um nicht andere Jungen auf diesen Brutplatz aufmerksam zu machen. Zu große Begehrlichkeiten hatte sein Falke geweckt, oder war es einfach nur Neid auf dieses schöne Tier? „Wo ist denn Dein blöder Falke?“, rufen sie jetzt hinter ihm her und beobachteten ihn genau. Geno hat das Nest längst gefunden und auch die Jungen Vögel einmal gesehen, es sind zwei, einer etwas größer als der andere, aber das ist normal bei Falken. Das eine der Jungen ist schon fast so groß, wie sein Falke einmal war, als er ihn aus dem Nest nahm und er für ihn zu sorgen begann. Nun hat Geno Angst, jemand anderes könnte das Nest finden und einen oder sogar beide kleinen Vögel rauben. Etwas beruhigt Geno aber doch, das Wrack mit dem verborgenen Nistplatz, ist ein ausgebranntes Fahrzeug und deshalb uninteressant für die, die nach Verwertbarem suchen.

Der Falke hatte Geno gezeigt, wie er kämpfen und wie er siegen kann. Aber auch die Möglichkeit zu verlieren, war zu bedenken. Nun muss Geno immer öfter kämpfen. Es geht um jedes einzelne der verbliebenen Wracks. Geno ist schnell, er ist schlau, er ist geschickt, er ist aber nicht besonders stark. Von einem reichlich zerschossenen Lastwagen wurde er von gleichaltrigen aber wesentlich größeren stärkeren Jungen regelrecht vertrieben und dazu noch verspottet. Du kannst den Wagen haben, gib uns einen kleinen Falken. Geno hat keinen Falken mehr und er würde denen auch keinen kleinen Falken anvertrauen wollen. Am meisten ärgert sich Geno aber, dass sein Großvater an dem Lastwagen, von dem er vertrieben worden war, einfach weiter arbeitet und nichts merkt, ja die Bande Geno sogar daran hindert, Omar mit zurückzunehmen. Geno hofft ja immer noch, sein Großvater würde wieder gesund werden und übersieht dabei, dass er den rechten Arm, nicht mehr bewegen kann, dass sein Gebrummel fast unverständlich ist und die Arbeit, das Ausgraben aus dem Sand und die Reparaturen, eigentlich von Schar und Geno gemacht werden. Schar ist aber bei dieser schlimmen Erfahrung nicht mit dabei. Vor Kurzem hatte sie einen kleinen Wagen nicht verkauft, sie nimmt ihn seitdem, um gelegentlich in die Stadt zu fahren und natürlich auch, um andere Wagen freizuschleppen. Sie hilft damit auch anderen Familien und sie bringt aus der Stadt mit, was im Umkreis so gebraucht wird. Immer öfter kommt der Mann, er heißt Hano, der ihnen schon so viele Wagen abgekauft hat, einfach nur mal so vorbei. Er trinkt mit Schar Tee und geht wieder.

Er ist auch da, als Geno von seinem letzten missglückten Abenteuer zurückkommt und davon berichtet. Hano meint dazu nur: „Das werden wir ändern, erst holen wir Omar zurück und dann zeige ich Dir, wie Du Dich verteidigen kannst.“ Omar finden sie in einem großen geschaufelten Loch. Von dem Lastwagen sieht man nur noch eine Spur in Richtung Stadt. Der Wagen ist natürlich verloren. Und was grummelt Omar dazu immer wieder und wieder: „Ene, warum durfte ich nicht mitfahren? Warum durfte ich nicht mitfahren?“ „Aber Du darfst doch mitfahren! Na komm, wir fahren.“ Mit Mühe setzen sie ihn in den Jeep. Und alle drei, Schar, Hano und Geno, sind sich einig: Wir müssen mehr aufpassen! Heute Nacht bleibt Hano mit seinem Lastwagen in der Nähe des Zeltes.

Bei Tagesanbruch lernt Geno etwas Neues. „Komm, greif mich an!“ Erst war Geno verdutzt, aber nicht lange. Dann stürmt er mit Fäusten und Tritten vorwärts. Je weniger er erreicht, umso wütender wird er. Zum Schluss bleiben nur noch Wut und Enttäuschung und Hilflosigkeit. Im fehlte sein Vater so sehr. Geno ist den Tränen nahe. Er ist verzweifelt. Er steht keuchend da. Aber auch sein neuer Lehrer ist aus der Puste gekommen. Er hatte auf den Moment gewartet. Auf den Moment, in dem sich bei Geno Wut und Verzweiflung die Waage halten würden. Jetzt ist es so weit. Ene, Genos Vater, hätte es auch so gemacht. „Wenn Du mich hier triffst“, und er zeigt an sich eine Stelle zwischen Rumpf und Armbeuge, „kann ich den Arm nicht mehr heben. Wenn Du mich hier triffst“, und er zeigt auf seine Genitalien, „bin ich vor Schmerzen kampfunfähig. Wenn Du mein Kinn hier triffst, bin ich ohnmächtig, aber dazu wird Dir vorerst noch die Kraft fehlen, wir machen etwas anderes. Etwas, bei dem Du Deine Schnelligkeit und Deine Geschicklichkeit besser nutzen kannst. Du hast mich ja bei Deinen schnellen Angriffen ganz schön aus der Puste gebracht. Das wirst Du nutzen können, tue das, was Du kannst. Es gibt eine Kampfsportart aus einem fernen Land im Osten. Mal sehen, wie das geht. Fass mich am Hals, lass Dich rückwärts fallen und trete Deine Beine dabei in meinen Bauch. Komm, wir probieren es mal.“ Geno greift so schnell zu und zieht und tritt, dass beide in einem Knäuel übereinander fallen.

Beide müssen lachen. Geno hält sich das rechte Bein, in einem wirklichen Kampf hätte er sich diese Blöße, den Schmerz zu zeigen, nie gegeben. Hano bleibt am Boden liegen und presst die Hände vor Schmerzen zwischen seine Beine. Lachen muss er trotzdem. „Gut gemacht! Könnte aber noch ein wenig veredelt werden“, stößt er, mühsam nach Luft ringend, aus, als er überhaupt wieder Worte formen kann.

„Du hast die Beine etwas zu früh ausgestreckt. Du konntest Dich dadurch nicht genug mit dem Rücken am Boden abstützen. Aber es war ja das erste Mal. Und versuche auch, besser auf meinen Bauch zu zielen, dann werde ich hochgehoben und muss über Dich fliegen. Komm, wir machen es noch einmal.“ Und sie machen es noch einmal und noch viele Male. „Sofort danach einen Purzelbaum vorwärts und dann dreh Dich um! Dein Gegner erhebt sich auch, da stehst Du schon vor ihm. Mach es gleich noch einmal. Ja!“ Den ganzen Tag lang folgen auf einen Griff auch ein Sturz und auf einen Sturz auch ein Griff, nur unterbrochen von der Mittagshitze. „Wollen wir weiter machen?“ „Ja!“

Eifer und Anstrengung lassen sie schwitzen, keiner spürt die blauen Flecken. Einmal trifft Hanos Knie den Kopf von Geno, aber das war, als die Kraft in seinen Beinen schon ein wenig nachließ. „Mit einem leichteren Gegner, als ich es bin, wirst Du nun schon fertig! Versuche aber nur, Deinem Gegner zu zeigen, dass Du ihm gewachsen bist. Beschädige ihn nicht absichtlich! Du wirst irgendwann erkennen, Du wirst ihn später noch brauchen! Denke daran, kein Mensch kämpft mit einem anderen, wenn er ihm gleichgültig ist. Und Dein Gegner wird sich dann auch daran erinnern, wenn Du fair zu ihm warst.“ Und noch ein wenig später: „Ja, Du lernst schnell! Für heute ist es genug.“ Geno ist todmüde, er denkt an seinen Vater und Anne, seine Großmutter, an seinen erwachsen gewordenen Falken, wie der gekämpft hatte und daran wie er kämpfen würde, er schläft darüber ein. Hano bleibt heute hier und fährt nicht in die Stadt zurück. Auch Schar ist nach langen Wochen der Ängste und Sorgen zum ersten Male wieder zufrieden. Ja, Sorgen bleiben noch, aber die werden kleiner.

In der Stille der Nacht liegt Schar, Arme und Beine von sich gestreckt, auf dem weichen Boden des Zeltes, die Augen halb geöffnet, keine noch so feine Annäherung soll ihr entgehen. Es gibt keine Berührungen, es gibt nur dieses elektrisierende Antasten der Haarspitzen. Sie streckt die Arme noch weiter von sich, macht die Beine noch länger. Das Gefühl der Wärme durchflutet sie in Wellen, sie glaubt, ihre Erregung bis in die entlegensten Haarspitzen zu spüren. Die Wellen werden heftiger, sie will den Berührungen näher kommen, will immer höher steigen, näher zu diesen Zärtlichkeiten, hin zum Erschauern unter den Händen und der Zunge. Sie dreht die Beine nach außen und hebt sich ihm entgegen. Nichts berührt sie da, wo sie es am sehnlichsten wünscht! Auch kein Ton entschwebt ihr. Kein Ton erreicht sie. Nur diese Zunge, diese Hände, sie sind überall. So dicht über der Haut und nur die Haarspitzen geben ihr dieses Gefühl, nichts wird ausgelassen. Ihre Haut zuckt, sie bleibt ohne wirkliche Berührung. Jetzt treffen sich ihre Lippen zum ersten Male. Es ist sehr lange her, dass ihre Lippen so berührt wurden. Es ist wie eine Erlösung. Sie hatte es fast vergessen. Sie will die Arme um seinen Hals schlingen, aber seine Arme halten sie nieder. Sie hebt sich ihm entgegen, aber nur sein Mund ist da und seine Arme. Er hält sie und er lässt ihr nicht die Freiheit, ihm entgegen zu kommen, sie muss, sie will, das Streicheln seiner Hände, seiner Haare, seiner Zunge ertragen. Die Wellen aus ihr heraus werden fordernder, nichts kann sie aufhalten und doch fliegt nur der Kopf, der Körper liegt fest in seinen Händen. Angst durchfährt sie, er könnte aufhören. „Hör nicht auf!“ wimmert sie. Er hörte nicht auf. Seine Zunge führt sie zärtlich weiter und er wartet geduldig auf die Erlösung, die aus ihr heraus kommen wird. Ihr stoßweise schwerer Atem zeigt ihm ihre Anspannung, ein Ruck durchläuft sie jetzt, die Haut vibrierte in Wellen, ein Aufbäumen ihres Körpers, ein Schütteln und dann weiches gleichmäßiges Zucken. Sie ist erlöst, befreit, entspannt! Seine Hände sind jetzt zärtlich, lassen ihr Zeit, das Gefühl auszukosten und sie kann seine Stärke und Beherrschtheit genießen und ihn erwarten und sich freuen auf alle noch kommenden, noch unbekannten gemeinsamen Gefühle.

Im ersten Tageslicht schlägt Geno die Augen auf und blickt in die von Hano. Der hatte ihn wohl schon länger angesehen, wie er da schlief und wie er jetzt gleich einer Katze jeden Muskel extra streckt. Dann sieht Geno zu seiner Mutter, und dann wieder zu Hano, er sieht ihre ineinander verschränkten Glieder. Und plötzlich erzittert er, als würde er frieren. Geno begreift es nicht so schnell, sieht in den Liebenden sicher keinen neuen Anfang! Er will Zeit zum Nachdenken haben. Was ist das? Seine Gedanken drehen sich im Kopf. Er muss hier weg! Nachdenken! Weg! Nur weg von hier! Und Hano? Der weiß sehr wohl, dass er Geno so schnell wie möglich für sich gewinnen muss. Geno soll ihn nicht als Eindringling in seine kleine Familie empfinden. Und Hano weiß auch, dass Geno noch nicht alt genug ist, die Liebe seiner Mutter zu ihm zu akzeptieren. Seine Mutter ist für Geno die einzige feste Bindung. Er könnte Angst bekommen. Angst, allein zu bleiben. Hano erkennt in Genos Augen aufkommende Verzweiflung, sieht die anbrechende Panik. Er muss Geno zuvorkommen. „Bitte“, sagt er leise, „lasse uns einen kleinen Lauf machen! Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, es muss wunderbar kühl sein. Ja?“ „Ja!“ Und ohne einen Zusammenhang zu begreifen, rennt Geno los. Hano muss ihm folgen! Muss versuchen, ihn zu überzeugen! Und so laufen sie hinaus in die Wüste. Keiner spricht. Hano versucht, zu reden. Beginnt als Erster zu reden. Ihr Lauf wird etwas langsamer, der Schweiß lässt die nackten Körper in der gerade aufgehenden Sonne erglänzen.

„Ich liebe Deine Mutter schon lange, sie ist eine starke Frau“, beginnt er. „Wir lieben uns beide, aber wir hatten bisher Angst, es Dir zu sagen. Wir hatten Angst, wir könnten Deine Gefühle verletzen. Es ist seit Wochen unser größtes Problem.“ Geno antwortet nicht. Plötzlich, mitten aus dem ruhigen Traben heraus, rennt Geno los. Hano hat Mühe, ihn einzuholen und er hütete sich, Geno zu überholen. Sie laufen und keuchen. Sie laufen lange. Geno kann nicht mehr, er muss sich in den Sand fallen lassen. Der Schweiß läuft ihm in die Augen und vermengt sich mit seinen Tränen. Auch Hano ist am Ende seiner Kräfte, auch er muss sich fallen lassen. Und er ist ratlos. Würde er Schar wegen seiner Ungeduld wieder verlieren? War es richtig gewesen, Geno so in Verlegenheit zu bringen? Sie hätten mit Geno sprechen müssen. Sie hätten kein Geheimnis mehr aus ihrer Liebe machen dürfen. Ihr Schweigen kam aus ihrer Angst, aber es war gegenüber Geno einfach nicht fair. Nun wartet Hano darauf, dass sich Geno beruhigt. Darauf, ob er sich überhaupt würde beruhigen können. Auch Schar macht sich Sorgen. Sie hat diese Nacht ersehnt, sie hat gewusst, dass diese Nacht kommen würde. Jetzt ist sie glücklich darüber, als Frau und voller Angst, als Mutter. Wie wird Geno ihre Liebe aufnehmen. Geno ist sensibel und einfühlsam, das ist so wichtig, um auf andere Menschen zugehen zu können. Aber, es könnte ihm auch zu einer großen, seelischen Last werden. Die Sonne steht nun schon über dem Horizont, von Hano und Geno ist nichts zu sehen. Sie hatte sich schlafend gestellt, als sich Hano bewegte und ihnen nachgesehen, als sie hinausrannten. Sie hatte die Richtung gesehen, in der sie gelaufen waren. Jetzt macht sie sich Sorgen um beide. Was kann ich bloß machen? Sind sie in der gleichen Richtung weiter gelaufen? Haben sie einen Kreis geschlagen? Wie kann ich uns nur helfen? Der grüne Tee ist schon wieder kalt geworden, jetzt beginnt sie, praktisch zu denken. Es würde gleich unmöglich werden, in der Sonne ohne Kleider zu laufen. Sie füllt die Trinkflaschen, nimmt Hanos Burnus auf und wickelt auch das kleine Paket noch einmal aus, dass Hano ihr gestern gezeigt hatte. Er hat es für Geno gedacht und es enthält auch für ihn einen neuen Burnus. Geno hatte bisher noch kein solches Kleidungsstück gehabt. Nun sieht sie es sich noch einmal an, es würde Geno schon fast erwachsen erscheinen lassen. Sie packt es wieder ordentlich zusammen. Hoffentlich wird er ihn tragen. So etwas gehört einfach zu ihrem neuen Leben dazu. Und das Beste, Hano hat eine Schule gefunden und mit ihr besichtigt. Am liebsten würde sie dort auch hingehen. Aber nun in diesem Augenblick konnte sie an so etwas nicht denken. Die Angst um Geno und Hano brachte sie fast um den Verstand. Waren sie und Hano zu leichtsinnig gewesen? Auf einmal sieht alles so aussichtslos aus ...

Nun hat Schar einen Entschluss gefasst. Sie fährt hinaus in die Wüste, hält Ausschau nach den beiden. Sie fährt in Richtung der Steine. Niemanden kann sie sehen, wohin sie auch blickt. Sogar vom Dach des Lastwagens aus lässt sie ihren gellenden langen tremolierenden Schrei, mehr wie ein Pfiff, in die Luft fahren – keine Antwort. Noch weiter dringt sie vor und wieder und wieder legt sie alle Kraft in dieses Erkennungszeichen, rasend schnell mit der Zunge gegen den Gaumen schlagend, sich dabei langsam drehend, um in allen Richtungen gehört zu werden. Hier, vom Dach ihres Wagens, oben auf einer Düne, würde sie nicht nur gut gehört werden, sie würde hier auch die Antwort am besten ausmachen können. Dann, endlich, hört sie etwas. Nur, die Richtung, die hat sie noch nicht. Und dann hört sie es wieder, dieses gellende hohe Tremolo, die Antwort! Sie kommt zurück, nun schon näher. Der gleiche Schrei wie ihrer, nun aus Genos Mund. Sie erkennt ihn sofort. Sie antwortet. Wieder schlägt die Zunge rasend schnell an den Gaumen, aber jetzt kann sie dem Schall mit ihren zum Trichter geformten Händen auch Richtung geben und dazu lässt sie den Ton noch ansteigen, sie hatte verstanden! Nun ist es nicht mehr weit. Die beiden kommen ihr entgegen gerannt. Geno fällt in ihre Arme, Hano steht daneben, blickte sie an. Verstehend, verständnisvoll, einvernehmlich, dankbar, glücklich. Jetzt gibt sie Hano den Burnus und er lässt ihn sich über die Schultern fallen. Dann reicht sie ihm auch das kleine Paket für Geno. Er will gerade mit dem Auswickeln beginnen, da besinnt er sich. Er übergibt Geno das Paket als ein Geschenk, das es ja auch sein soll. Die gezögerten Sekunden haben Genos Aufmerksamkeit erweckt. Vorsichtig, noch immer voll Angst vor neuen Enttäuschungen, wickelt er es aus. Der blassweiß-gelbliche Stoff sagt ihm noch nichts. Erst beim Auseinanderfalten erkennt er, um was es sich handelt. Ein neuer Burnus! Er schwankt ein wenig, sieht zu Schar hin, sie nickt ihm beruhigend zu, aber er braucht ein wenig Zeit. Ja! Nun erst lässt er sich von ihr beim Überziehen helfen. Und ja, er sieht mit dem neuen Kleidungsstück wirklich fast erwachsen aus. Hano neigt sich zu Schar, flüstert leise „danke“, nimmt dann beide in die Arme. Keiner der Drei sagt etwas, sie weinen.

Als größtes Problem für einen Neuanfang erweist sich nun Omars Zustand. Sie können ihn nicht mitnehmen, sie können ihn nicht allein lassen und sie können auch nicht mehr so weiter machen wie bisher. An den Beratungen nimmt er teil wie immer, aber er nimmt keinen Anteil daran. Sein Geist wird immer verwirrter, seine körperliche Beweglichkeit kann man nur noch als hilflos bezeichnen. Schar gerät fast in Panik vor Angst um Geno Schulplatz. Geno freut sich auf die Schule, gleichzeitig sieht er täglich zu seinen Falken am hohen Himmel. Er stürzt nicht mehr zu ihm nieder, aber er ist da und überkreist ihn. Die anderen Familien ringsum zogen schon vor Tagen und Wochen dem Krieg nach. Sie sind hier die Letzten auf der weiten, wie abgeerntet wirkenden Fläche. Hier ist nichts mehr zu holen. Auch sie müssen diesen Platz schnellstens verlassen. „Vielleicht können wir Omar doch mitnehmen“, meint Hano zu Geno, „aber sein Leben können und dürfen wir nicht mehr wesentlich verändern, sonst stirbt er uns noch an seiner Hilflosigkeit oder vor Angst oder vor Mutlosigkeit oder an allem zusammen. Er wird sterben, wie wir alle einmal, ja, aber es soll in Ruhe geschehen und erst dann, wenn seine Zeit gekommen sein wird.“ „Wie wäre es denn mit diesem Vorschlag? Wir stellen sein Zelt nahe der Stadt neu auf. Wir werden einen Platz suchen, wo er arbeiten kann. Er wird sich wie bisher nützlich machen wollen und das dürfen wir ihm nicht nehmen. Es wird für uns bis zu ihm nicht weit sein. Jeden Tag wird ihm einer von uns Essen bringen. Er wird dadurch nicht allein sein. Freunde werden uns sicher auch helfen, so bleibt für ihn alles, wie es jetzt ist.“ „Manchmal will er ja zurück zum Wadi. Aber diesen Wunsch können wir ihm nicht erfüllen, er würde dort nichts mehr erkennen und auch die Reise nicht überleben.“ „Nun, was machen wir?“ „Wir machen es, wie Du vorgeschlagen hast. Wenn wir nur jemanden für die Nächte für ihn hätten.“ „Er lässt doch keinen in seine Nähe!“ „Ich bleibe bei ihm!“ „Nein, Du gehst zur Schule!“ „Es wird schon irgendwie gehen.“ „Geno, wirst Du Deinen Jeep noch so herrichten können, dass Du damit in die Stadt fahren kannst?“ „Wieso, der fährt doch?“ „Na ja, wenigsten sollte er vorne auch Gummireifen haben und nicht nur auf den Felgen rollen. Einen Sitz für Dich hast Du doch bestimmt auch noch irgendwo liegen sehen, daneben kann man dann vielleicht eine große leere Munitionskiste schrauben, damit nicht so auffällt, dass kein Boden in dem Auto ist. Der Benzinkanister sollte auch nicht da vorne an der Stoßstange baumeln, hänge ihn vor die Kiste ans Armaturenbrett oder an das, was davon noch übrig ist. Der Benzinschlauch wird sicher lang genug sein und bis zum Vergaser reichen.

Und so kommt es, dass Geno erst wütend, dann ratlos und dann sehr fleißig wird. Die Schule lockt doch zu sehr. Omars neuen Zeltplatz hat Geno gefunden. Neben einem Fahrzeug, von dem scheinbar nur noch die hintere Sitzbank heil ist. Die Bank kam ihm gerade richtig, die hat er erst einmal aus dem Wrack ausgebaut. Für seinen Jeep ist sie ein ganzes Stück zu lang, aber, was macht das schon. Nun kommt Geno stolz auf seinem so zusammengeflickten Auto zurückgerollt. Unter den Füßen eine alte leere Munitionskiste. Die hat er zwischen das verbogene Blech geklemmt und da sorgt sie sogar noch für eine einigermaßen richtige Sitzhöhe. In der Kiste liegt nun auch der Tank, ein großer, nicht mehr so ganz neuer Kochtopf mit einem verschraubbaren Deckel, der erschien ihm einfach ideal. Der Schlauch als Verbindung zum Motor sieht eher wie eine Wasserschlange aus. Aber alles zusammen ist besser, als der bisher vorne baumelnde Kanister. Auch Gummiräder hatte er gefunden, na ja, einer, der linke, ist etwas zu groß, aber nicht nur deshalb, alle diese Änderungen zusammen werden fast zu einem Problem für Geno. Der Jeep fährt jetzt irgendwie anders. Beinahe wäre er damit erst mitten im Zelt zum Stehen gekommen ...

Nun wird alles abgebrochen und auf die drei Fahrzeuge verteilt. Am Abend dieses Tages wird Omars Zelt nahe der Stadt neu aufgebaut und mit allem, was er braucht ausgestattet. Ganz wohl ist Schar nicht dabei und auch Geno gerät in bedrückte Stimmung. Er will heute Nacht bei seinem Großvater bleiben. Dazu kommt es nicht mehr! Omar spürt wohl die Unruhe und wuselt dauernd hin und her. Jetzt sitzt er schon seit Stunden im Zeltschatten und spricht mit Anne, seiner gestorbenen Frau. Geno versucht ihm klar zu machen, dass sie tot ist. Er sagte aber nur, ja natürlich, und ich will zu ihr. Schar und Geno sind ratlos. Hano weiß, was zu machen ist. Alle hatten mit Sorge beobachtet, dass Omar fast nichts mehr essen wollte. Und alle denken nun, Omar eine Freude machen zu können. Wir fahren heute Nacht zu den Steinen, vielleicht hilf ihm das. Und auch wir müssen uns ja auch noch für eine kleine Weile von den Toten verabschieden. Also fahren sie. Omar wird immer ruhiger und fragt auch nicht mehr so oft, wohin sie denn fahren. Wir fahren zu Anne und Ene. Keiner wird ungeduldig, es wird ihm immer und immer wieder gesagt. Nun fragte er nicht mehr. Die Steine liegen im Mondlicht vor ihnen, nur durch die Senke müssen sie noch.

Jetzt sind sie da. Omar schläft. Als sie Omar wecken wollen, ist dies nicht mehr nötig. Omar ist bei Anne und Ene angekommen. Sein Stein rollt wie erwartet und berührt die beiden anderen. Den Lebenden sagt Hano nun das, was er auch dem toten Ene noch einmal sagen will und das er auch schon dem lebenden Ene versprochen hatte. Es ist dasselbe, was Ene auch zu Hano gesagt hat, als sie noch glückliche Freunde waren aber um die Gefahren des Lebens schon wussten: „Ich werde Deine Aufgaben im Leben übernehmen, mache Dir keine Sorgen!“ Geno Gedanken sind mehr bei Anne und dem gesunden Omar im fernen Wadi. Ihre Geschichten über das Wasser wirken in ihm fort. Er ist der letzte Besitzer des Wadis, aber es nützt ihm nichts, Wasser gibt es dort nur alle paar Jahre. Kann man es nicht einteilen wie Fleisch oder Brot? Nach der Rückkehr von den Steinen ist das Leben auf der weiten Ebene endgültig zu Ende und die Stadt liegt vor ihnen. Als sie nach der Mittagshitze endlich losfahren, kreisen über ihnen vier Falken. Geno versucht noch zu erkennen, welcher denn wohl sein Tier sein könnte, aber es gelingt ihm nicht. Er muss einsehen, sein Falke ist frei und kommt nicht wieder. Geno ist darüber ein wenig traurig, zu gerne hätte er ihn noch einmal auf dem Arm getragen und angesehen.

Ein Neuanfang ist nötig!

Büroalltag eines Familienbetriebes in Bruun, einem kleinen Emirat im Nahen Osten. Er beschäftigt sich mit internationalem Bedarfshandel und wird von Genos Eltern Hano und Schar geleitet ...

„Das kann doch so nicht weiter gehen! Ich musste heute zehntausend Dollar Gebühren bezahlen, stell Dir das einmal vor, nur um Saatgetreide für hunderttausend Dollar einkaufen zu dürfen. Nur für die Genehmigung! Da sind noch nicht der Zoll und die Steuerschuld enthalten. Wenn das Zeug endlich hier liegt, kann uns das kein Mensch abkaufen, weil es nicht mehr bezahlbar ist! Jeder Einzelne von dieser Bande will seinen Anteil an unseren Geschäften! Wie soll sich das Land bei dieser Korruption von den Kriegsfolgen erholen?“ Schar schäumt! Ihre Wut kennt keine Grenzen! Hochrot im Gesicht schreit sie ihre Empörung heraus. Trotzdem bleibt Hano ruhig, schließt die Tür nach draußen zu den Büros und überlegt, wie er seine Frau beruhigen kann. Dann, nach einer kleinen Weile, Schar schäumt noch immer, scheint er eine Idee zu haben: „Ich denke, wir sollten den Handel hier im Lande einstellen. Wir werden warten müssen, bis hier wieder geordnete Verhältnisse hergestellt sind.“ „Warten? Warten worauf? Das geht doch nicht. Alle unsere Geschäftspartner, Bauern und kleinen Gemüseproduzenten werden verhungern! Alle! Ohne uns werden sie überhaupt nichts mehr verkaufen können. Wir sind doch die Einzigen, die hier Handel mit Firmen in anderen Staaten treiben dürfen. Sprich doch noch einmal mit Al Moods Handelsgeneral darüber, ob diese Gebühren nicht reduziert werden können. Sage ihm doch endlich die Wahrheit, sage ihm, die Wirtschaftskraft des ganzen Emirats wird darunter leiden, wenn wir das produzierte Obst und Gemüse nicht mehr aufkaufen und weiter geben können.“

„Ach Schar, das lasse ich lieber bleiben. Ich fürchte nämlich, allein schon einen solchen Gesprächswunsch nimmt dieser furchtbare Mensch zum Anlass, uns seine Milizen auf den Hals zu hetzen. Eine Razzia in unseren Geschäftsräumen fehlt mir gerade noch. Wir sind doch vom Wohlwollen dieser Bande so schrecklich abhängig.“ „Der General ist misstrauisch wie ein kranker alter Fuchs und sein Sheikh ist nicht besser.“ „Wem sagst Du das? Wenn ich nur einen Weg wüsste, wie wir uns aus dieser Umklammerung befreien können.“ „Ja, es ist wohl wahr, wir sind schon lange die Hauptfinanzierer unseres allseits unbeliebten Potentaten.“ „Und das darf man noch nicht einmal laut sagen.“ „Sei froh, dass wir uns rechtzeitig diesen internationalen Handel aufbauen konnten. Nicht auszudenken, wenn wir uns das alles auch noch genehmigen lassen müssten. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was wir dafür an Gebühren zu bezahlen hätten.“ „Ja, damit haben wir diese habgierige Bande um Sheikh Al Mood wenigstens beim Interhandel ausgetrickst. Jetzt können wir alles über das Internet abwickeln. Hoffentlich bleibt uns diese Freude noch eine Weile erhalten.“ So ganz allmählich ist Schars Wut verraucht und wir finden die beiden, Schar und Hano, auf der Terrasse unter einem riesigen Sonnensegel wieder. Nun unterhalten sie sich leise und unaufgeregt: „Ein Glück, dass wir noch reisen dürfen.“ „Ja, frage mich aber bitte nicht, was ich für die Verlängerung der Fluglizenz bezahlt habe.“ „Wir werden doch wohl noch hinüber nach Beirut zu Genos Abschlussfeier fliegen dürfen.“ „Ja doch, ja, das scheint sogar in Al Moods Sinne zu sein. Aber die Gebühr dafür ... Nein, ich erzähl es Dir lieber nicht, sonst platzt Dir doch noch der Hals.“ „Ich will mich aber aufregen, wenn ich etwas Derartiges höre! Hoffentlich meint Al Mood nicht, selbst zu der Schulabschlussfeier nach Beirut kommen zu müssen. Und dann spielt er sich dort vielleicht auch noch als Gönner auf.“ „Nun lass das doch, wir dürfen wenigstens hin. Sei jetzt einfach stolz auf Deinen nun schon so großen Sohn.“ „Du hast recht. Es sind erst acht Jahre seit diesem unseligen Krieg, seit uns die Wüste ausgespuckt hat, vergangen. Denken wir lieber daran!“ „Natürlich, ich hatte immer die Hoffnung, dass hier alles wieder friedlich wird. Na gut, nicht gleich, aber dann, später, lief doch alles ganz gut. Anfangs hatte ich immer furchtbare Angst! Um Geno, um dich, ach, einfach Angst davor, dass wir es nicht schaffen könnten. Aber nun ist das Schlimmste an unserer Situation, dass die Angst zurückkommt. Je unverschämter dieser Sheikh uns ausnutzt, desto ängstlicher werde ich!“ „Freue Dich jetzt einfach auf Beirut, auf Geno, auf die fremden Menschen, auf die Abwechslung, auf neue Kontakte ...“ „Aber, wenn das alles hier so weiter geht, können wir ihm nicht einmal ein ordentliches Studium bezahlen ...“ „Vielleicht geht es ja nicht so weiter. Ich habe gehört, die Lebensmittellieferungen an Bruun sollen eingestellt werden, weil sie kein Land mehr bezahlen will. Und unser Sheikh will dafür auch nicht einen müden Dollar herausrücken.“ „Wie bitte? Das ist ja furchtbar! Die Menschen werden verhungern!“ „Nur Mut! Dass genau das eintritt, glaube ich nämlich nicht! Jetzt feiern wir erst einmal in Beirut den Schulabschluss. Wenn alles gut geht, finden wir dort einen Ausweg. Es kommen ja eine Reihe sehr hoher UN-Vertreter zu der Feier ...“ „Wie bitte, höre ich das richtig, heißt das, sie kommen nicht nur zu der Abschlussfeier?“ „Ach Schar, Genaues weiß ich natürlich auch nicht, aber seltsam ist es schon, dass all diese Leute kommen, nur um eine Schulfeier zu besuchen.“ „Morgen kommt übrigens die bestellte Saatgerste, eine neue Sorte, resistent gegen Schädlinge und auch gegen vorübergehende Trockenperioden. Wurde aber auch Zeit! Die Farmer wollen so schnell wie möglich einsäen. Aber noch ist ja der Boden feucht vom Winter.“ „Morgen kommt die Gerste?“ „Ja, morgen ist der Frachter in Tripolis“, sagt Schar zu Hano hinüber. Beide sitzen nun vor ihren Bildschirmen und überlegen die weiteren Schritte. Jetzt ordert Schar dafür die Lastwagen per Internet bei einem Spediteur in Beirut. „Übermorgen sollten die Fahrzeuge bereitstehen. Um 06:00 Uhr am Hafen, Pier 16. Werden Sie das hinbekommen?“ „Okay, wird wie immer erledigt. Zieladresse ist Ihr Firmenlagerhaus in Bruun. Zweihundert Tonnen, okay! Wir fahren mit fünf Wagen.“ „Okay!“

Die Vereinten Nationen haben ein Problem! Es ist strukturelles Defizit und besteht eigentlich schon so lange es die UN gibt. Also schon immer! Seit ihrer Gründung im Jahre 1945 hat sich auch ihr Auftrag nicht verändert: Der Welt sollte mit Hilfe aller Nationen, der Vereinten Nationen, Frieden und Wohlstand gesichert werden. Und seit dem hat alle Welt die Mängel im Organisationssystem der UN täglich vor Augen! Was nicht für alle sichtbar ist: Es gibt in der UN treibende Kräfte, Wissenschaftler, die seit Jahren systematisch, beharrlich und erfolgreich an Verbesserungen arbeiten. Einer dieser Männer ist Mr. Gatti und er hat einen Kreis gleichgesinnter Freunde um sich.

Bei ihrer Gründung hatten die vier Siegermächte des 2. Weltkrieges, Amerika, Russland, England, Frankreich und dazu China für sich ein Vetorecht vereinbart. Heute, fast 70 Jahre später wird dieses Recht noch immer in Anspruch genommen. Aber es wird von der Welt nicht mehr akzeptiert. Einige Nationen behaupten, vielleicht ganz zu Recht, dieses Vetorecht wird von diesen Staaten zur Durchsetzung der eigenen Politik missbraucht. Ein weiteres Problem besteht in den immerwährenden Versuchen, auf Entscheidungen der UN Einfluss zu nehmen, indem Staaten eigene Diplomaten in den UN-Dienst entsenden. Eine weitsichtige Planung des UN-Generalsekretärs Hage Smith und die jüngsten Beschlüsse der UN-Hauptversammlung könnten dies aber künftig verhindern. Nun bahnt sich ein Ausweg an. Plötzlich und durch eine gute Fügung wurde es Konsens: Die Vereinten Nationen brauchen eigene unabhängige Diplomaten und Fachleute auf allen Wissensgebieten unserer Welt. Aber wo sollen diese Köpfe herkommen? Alle Welt schickt doch ihre eigenen Lobbyisten in Gremien und Ausschüsse um Einfluss, Macht und materiellen Nutzen für sich zu optimieren.

In der Abgeschiedenheit eines privaten Landhauses entwickelte also eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern das Modell, mit dessen Hilfe die Arbeit der UN effizienter gemacht werden kann. Nicht mehr Beamte der einzelnen Mitgliederstaaten, sondern eigene wissenschaftlich gebildete Persönlichkeiten, nicht mehr Politiker, werden künftig die Geschicke der UN leiten, gestalten und vertreten, Manager eben wie in jedem anderen global tätigen Unternehmen auch, sollten es sein.

Und nun sitzen Mr. Gatti und seine Freunde wieder beisammen. In den letzten fünfzehn Jahren kam das oft vor: „Unser Konzept nimmt langsam Formen an. Das wurde aber auch Zeit!“, gibt Prof. Chremon, der von Boston herübergekommen ist, in die Runde. „Ja, Angelo, nun dürfen wir schon darauf hoffen, künftig den Nachwuchsbedarf der Vereinten Nationen selbst ausbilden zu können.“ „Also, noch sind unsere zukünftigen Nachwuchsdiplomaten nur Schüler, wenngleich sie Schüler einer besondern Schule sind“, lässt sich Prof. Miller aus dem Finanzressort vernehmen. „Aber wir werden sie dazu machen können. Vertraue darauf! Sie werden diese Nachwuchsdiplomaten.“ „Immerhin haben wir den Anfang gemacht. Wir haben sie allesamt in der UN-Schule in Beirut in der Ausbildung und der erste Jahrgang kann nun auf die Uni kommen.“ „Ja, und wir können dem Kinderhilfswerk der Unesco, das Kinder und Jugendliche aus den Katastrophengebieten in aller Welt betreut, nur dankbar sein. Es arbeitet gut und benennt uns nach wie vor die besonders Begabten für eine weiterführende Förderung.“ „Hac, gib es zu, Du hast Dir dazu auch schon etwas ausgedacht. Wie schaffen wir es, sie von unserer Schule nach dem Schulabschluss dann auch auf unsere UN-Uni zu bringen?“ Mr. Gatti lächelt: „Ich fahre zur Schulabschlussfeier. Dort ist auch die politische Situation mehr als bedenklich. Da kann ich einiges verbinden.“ Mr. Gatti hatte den entscheidenden Gedanken und er liefert nach wie vor wertvolle Ideen. Ja, Mr. Gatti ist Kommissar für Welternährungsfragen und dazu Freund vieler hervorragender Fachleute auf der ganzen Welt und nebenbei ein Freund guten Essens. Mr. Gatti meinte also in besagter Runde: „Diese guten Köpfe lassen wir uns nicht entgehen! Die bilden wir weiterhin auf unserer eigenen UN-Universität aus. Das schaffen wir! Ich werde sie von unserer Arbeit überzeugen und die Besten unter ihnen für die UN-Uni gewinnen.“ Aber dies machte die Arbeit an einem Neubeginn nicht einfacher. In den letzten Jahren blieben aber auch Anfeindungen nicht aus. Was ist eine einzige solche Schule in einer Region, in der im Jahre 2005 dreiundsechzig Millionen Menschen nicht die geringste Bildung hatten? Mr. Gatti meint dazu trocken: „Gar keine Schule wäre schlimmer …“

Genos Eltern, waren ja vorhin übereingekommen, heute nicht mehr zu arbeiten. Wohligkeit liegt in der Luft. Der Ärger über die üblen Praktiken ihres Potentaten, dieses Al Mood und seines Handelsgenerals Kamal, kann sie jetzt nicht mehr erreichen ... Sie sitzen beide in bequemen Liegestühlen auf ihrer Dachterrasse. Es sieht gemütlich aus. Der Wein leuchtet dunkelrot und das, was wir zu hören bekommen, ist jedenfalls kein Streitgespräch mehr. Es geht um die Schulabschlussfeier. Da! Im Büro des Handelshauses nebenan blinkt plötzlich der Rufmelder auf. Vertraulich, vertraulich, vertrau ...