Das weinrote Tagebuch - Kathleen Winter - E-Book

Das weinrote Tagebuch E-Book

Kathleen Winter

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Beschreibung

»Ein unkonventioneller Blick auf die ebenso unkonventionelle Dorothy Wordsworth, die Frau hinter ihrem berühmten Bruder William.« The Globe and Mail

England zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dorothy Wordsworth, Anfang dreißig, hat bisher ein wildes und unkonventionelles Leben geführt. Und sie ist die Vertraute und kreative Unterstützerin ihres berühmten Bruders William – einige glauben sogar, sie sei das Geheimnis hinter dessen dichterischem Ruhm. Nun hat sie gemeinsam mit ihm und seiner Frau ein vermeintliches Idyll im malerischen Lake District geschaffen.

Als William den jungen Landarbeiter James Dixon einstellt, entwickelt sich zwischen ihm und Dorothy – trotz der sozialen Kluft - ein besonderes Verhältnis. Einer Frau wie ihr ist er bisher noch nicht begegnet. Er wird zum stillen Zeugen des Alltags in Dorothys schillerndem literarischen Kreis, aber auch zum Werkzeug des Bruders, der seine Schwester hintergeht

»Das weinrote Tagebuch« lässt uns eintauchen in eine Welt voller emotionaler und künstlerischer Kämpfe, von Triumphen und persönlichem Verrat – und beindruckender Natur. Vor allem aber in die Geschichte einer starken und ungewöhnlichen Frau, die allen Widrigkeiten zum Trotz entschlossen ist, nach ihren eigenen Regeln zu leben.

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2025

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England zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dorothy Wordsworth, Anfang dreißig, hat bisher ein wildes und unkonventionelles Leben geführt. Und sie ist die Vertraute und kreative Unterstützerin ihres berühmten Bruders William – einige glauben sogar, sie sei das Geheimnis hinter dessen dichterischem Ruhm. Nun hat sie gemeinsam mit ihm und seiner Frau Mary ein vermeintliches Idyll im malerischen Lake District geschaffen.

Als William den jungen Landarbeiter James Dixon einstellt, entwickelt sich zwischen ihm und Dorothy – trotz der sozialen Kluft – ein besonderes Verhältnis. Einer Frau wie ihr ist er bisher noch nicht begegnet. Er wird zum stillen Zeugen des Alltags im schillernden literarischen Kreis der Wordsworths, aber auch zum Werkzeug des Bruders, der seine Schwester hintergeht

»Das weinrote Tagebuch« lässt uns eintauchen in eine Welt voller emotionaler und künstlerischer Kämpfe, von Triumphen und persönlichem Verrat – und beindruckender Natur. Vor allem aber in die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, die allen Widrigkeiten zum Trotz entschlossen ist, nach ihren ganz eigenen Regeln zu leben.

KATHLEENWINTER ist Journalistin, Romanautorin, verfasst Kurzgeschichten und schreibt Drehbücher für das kanadische Fernsehen. Ihr Debütroman »Annabel« war ein Bestseller in Kanada und ein internationaler Erfolg. Ihr Memoir »Eisgesang« war nominiert für den Hilary Weston Writers Trust Prize for Nonfiction und den RBC Taylor Prize. Kathleen Winter hat lange in St John’s auf Neufundland gelebt. Heute lebt sie in Montreal.

KATHLEENWINTER

DAS WEINROTE TAGEBUCH

Roman

Aus dem Englischenvon Elke Link

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Undersong« bei Alfred A. Knopf, Canada, a division of Penguin Random House Canada Limited, Toronto.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Dies ist ein Werk der Fiktion. Namen, Personen, Orte und Begebenheiten entstammen entweder der Fantasie der Autorin oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, Ereignissen oder Orten ist rein zufällig.Die Gedichte 1, 2, und 3 wurden von Sophia Lindsey ins Deutsche übertragen.Gedichtzeilen 4, 5, und 6 zitiert nach: Englische und amerikanische Dichtung, Bd. 2: Von Dryden bis Tennyson, Hrsg. von Werner von Koppenfels und Manfred Pfister. München, C. H. Beck, 2000.

Deutsche Erstausgabe Juli 2025

Copyright der Originalausgabe © 2021 by Kathleen Winter

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025 by btb Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

This edition published by arrangement with

Transatlantic Literary Agency Inc.

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Covergestaltung: semper smile, München,

unter Verwendung von Bildmaterial von

Getty Images (Glow Images) und Martin Johnson Heade

Autorinnenfoto: © Roger Lemoyne

MK · Herstellung: KH

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-29110-5V001

Für Dorothy Wordsworth

Die Sonne bricht hervor, bevor sie untergeht – unwirklich & strahlend weist sie auf den Wechsel in eine andere Welt. Jedes Blatt eine goldene Lampe – jeder Zweig diamantbesetzt. – Und just so schnell verschwindet die ganze Pracht wieder.

DOROTHYWORDSWORTH, The Late Journals

Lied der Bienen

Ach, gib uns die geheimen Seiten.

Ein Stäubchen Gold ist jedes Wort.

Bewahr den Klang der Ewigkeiten,

schaff Zauberformeln einen Hort!

Wir tragen ihre schlichten Sätze

in Sammetbeuteln, dicht am Leib,

ins ephemere Reich der Schätze,

das Plünderern verborgen bleibt.

Vertrau uns ihre Worte an,

wir kennen ihren wahren Sinn:

Wir schwirren, unbeirrt vom Wann,

um unsre kluge Königin.

Verschworen wahrt sie diesen Fund,

bis wahnhaft rasendes Patent

an seinen Lügen geht zu Grund,

in seinen Fesseln sich verfängt.

Denn niemals wird ihr Wort verklingen,

solang es uns auf Erden gibt:

Die Himmelstöchter, sie durchdringen

die hehre Liste, die sie schrieb.

Erquickend ist die Lebenskraft,

die ihr und unser Werk erfüllt –

kein Mann, der herrschet, hat mehr Macht,

kein Jahr hat mehr Geduld.

1

Wo die Biene saugt, saug’ ich …

JAMES DIXONS Mienenspiel ist fein und dennoch ausdrucksstark; mal ist sein Gesicht glatt wie ein frischer Laib Brot, gleich darauf kräuselt es sich wie Rydal Water im Wind. Als er 1816 ganz neu nach Rydal kam, um für Rotha Wordsworth zu arbeiten, war sein Kopf noch längst nicht kahl. Damals hatte er volle Locken und roch nach süßem Tabak, ein Duft, den alle Gartengeschöpfe liebten, auch ich, der Bergahorn, der älteste Baum in unserem Garten. In jenem Sommer war es sehr kalt. Der Grund war ein Ereignis in weiter Ferne, von dem die Menschen hier – im Gegensatz zu allen Lebewesen mit Flügeln oder Pollen – nichts wussten: ein Vulkanausbruch! Die Einheimischen nannten es das Jahr ohne Sommer, und ohne James Dixon hätten viele Geschöpfe hier im Garten der Wordsworths womöglich nicht überlebt. James fielen Kleinigkeiten auf, die man beachten sollte, wenn ein Garten gedeihen soll. Kleine Dinge. Schöne Dinge. Er arbeitete hart und richtete sehr wenig Schaden an.

Doch jetzt ist James Dixon über fünfzig und trägt so eine Wollmütze, mit der Männer die haarlose Stelle auf ihrem Schädel vor der Kälte schützen. Armer Kahlkopf! Bitter, wie sie vorwärtsdrängt, die menschliche Zeit. James war so lange bei den Wordsworths – nahezu vierzig Jahre –, dass er vertraut wurde mit ihren Gewohnheiten.

Gewohnheitsmuster sind das Nützlichste auf der Welt. Mit ihrer Hilfe können wir uns in Erinnerung rufen, was geschehen wird.

Aus diesem Grund wissen wir an diesem fünfundzwanzigsten Januar 1855, wie die Menschen sagen, als James sich später als gewöhnlich unter meine Äste setzt, dass etwas anders ist. Die Bienen wissen es. Den schlummernden Samen ist es bewusst. Und ich sehe es schlichtweg. Seine Mütze sitzt schief, er bewegt sich schwerfällig, und er riecht seltsam verbrannt. Bevor er auch nur ein Wort sagt, spüren wir seine Verzweiflung. Wie Wind fährt sie durch meine Äste, rüttelt an meinen wenigen welken Blättern. Ein paar Bienen, die nach Anzeichen des Frühlings Ausschau halten, merken, dass mit ihm etwas nicht stimmt, und sie hasten in meine Mitte, wo sich der Bienenstaat zusammenschart und warm hält. Schneeglöckchen schieben tastend grüne Knospen aus dem harten Boden. Es wird noch eine Woche dauern, bis sie ihre bleichen Geisterflaggen hissen.

James setzt sich auf mein Knie, wie er es gerne nennt. Seine Hose zählt schon einige Lenze wie die Falten in seinem Gesicht und an seinen Händen. Er besitzt keine neue Kleidung, strahlt keinen Glanz aus. Die Bienen lieben es, wenn alte Milde aus etwas hervordringt und in eine neue Zeit übergeht. Das tun wir alle. Bald wagen sich die Bienenkundschafterinnen wieder aus ihrem Loch und lassen sich auf seinem Schoß nieder.

Macht es euch etwas aus, sagt er schließlich, wenn ich einfach einen Augenblick still sitzen bleibe, bevor ich mich an unsere allerletzte Aufgabe mache?

Neben ihm steht ein runder Korb, obenauf ein weinrotes Büchlein, leuchtend wie eine Hagebutte, und außerdem hat er seine alte Zunderbüchse bei sich, mit ein paar Zündhölzern, die er aus Splittern meines Totholzes gemacht und in Bienenwachs getaucht hat.

Little Miss Belle steckt die Nase durch den Seiteneingang von Rydal Mount und lässt sich ein Stück entfernt auf dem Rasen nieder. Normalerweise ist dieser Hund stets in Rothas Nähe. Sobald er Belle erblickt, ruft James Rothas Namen.

Rotha, so nennt Dixon Dorothy Wordsworth, aber nur insgeheim für sich und für uns im Garten – mich und alle grünen, lebendigen und hurtigen Wesen. Rotha ist der Name des Flüsschens, das durch unsere Gegend hier fließt, und so nannte Dorothy auch der arme Sam Coleridge, als sie jung waren und Sam sie so sehr liebte, wie wir es jetzt tun. Es wird wieder eine Rotha in der Familie geben, aber niemals mehr eine wie diejenige, die wir am meisten lieben, die Dorothy, die heute Morgen, fünf Jahre nach ihrem Bruder William, von uns gegangen ist.

Wer hätte gedacht, dass sie ihn überleben würde? Doch an dem Tag, an dem William starb, stieg sie aus dem Bett wie neugeboren! Kaum war er tot, sprang sie auf! Bereitete das Begräbnis vor, riss die Fenster auf, rannte nach draußen, um ihre Lunge mit Aprilluft zu füllen. So flink wie in ihrer Jugend, obwohl alle gefürchtet hatten, die Nachricht von seinem Tod könnte sie umbringen. Nein. Williams Tod belebte Rotha und machte sie uns gegenwärtiger denn jemals zuvor. Das Leben der Schwester.

James weint, und noch ein paar weitere Bienen wagen sich trotz der Kälte heraus. Das tun sie immer, wenn jemand, dem sie vertrauen, Kummer hat. Sie halten die Zeit an und summen leise um den Bienenstock, während der Mensch seinen Gefühlen freien Lauf lässt. Sie begleiten diese Person, ohne jedoch zu versuchen, sie zu trösten. Es gibt nichts Schlimmeres, als die Hinterbliebenen zu früh zu trösten.

Der Januarwind fährt raschelnd durch meine letzten Blätter, die Bienen summen leise weiter vor sich hin. Und dieser Mann, der nur noch wenig hat in der Menschenwelt, weint für uns, spricht zu uns. Er redet ständig mit uns. Wir sind sein Publikum, und er ist unseres. Er und Rotha, alle beide. Aber jetzt?

Meine Mutter, erzählt James, hat immer zu mir gesagt: Wenn ein geliebter Mensch stirbt, kannst du seine Geschichte den Bienen erzählen, sie bewahren sie auf. Selbst wenn alle anderen sie vergessen. Bienen hüten sie für dich, und wenn du selbst tot bist, verstreuen sie die Geschichte mit dem Blütenstaub, sodass die Welt sie niemals ganz vergisst. Dieser Mensch bleibt lebendig, die Welt hat ihn nicht verloren und du auch nicht. Was meint ihr? Glaubt ihr, meine Mam hat recht? Er streckt die Hand aus, und fünf Bienen lassen sich darauf nieder.

James besitzt jetzt nur noch in unserer Welt etwas von Bedeutung. Also tun wir Bewohner des Gartens, was wir immer für diejenigen tun, die uns so würdigen, wie er und Rotha es getan haben. Im Reich von Licht, Wind und Wasser sprechen wir – und mit unseren irdischen Körpern hören wir zu.

1

Seht euch das nur an! James Dixon zeigt auf einen funkelnden Diamanten aus Reif auf einem der unteren Zweige des Bergahorns, und Freude blitzt zwischen seinen Tränen hindurch. Rothas Welt glitzert! Und ich, ich bin mitten hineingefallen! Hinein in das Schimmern. Mitten hinein bin ich gefallen, als ich sie das allererste Mal sah … und sie mit ihrem Bruder auf der Straße lag. Ich war erst fünf damals!

Ich frag also meine Mutter: Tut denen was weh?

Achte nicht auf die beiden, sagt Mam. Die haben nicht alle Tassen im Schrank.

Aber was machen die denn?, fragte ich sie.

Sie hoffen, dass der Boden wackelt! Das verrät ihnen, dass der Briefträger kommt. Den beiden sind nur Briefe wichtig.

Aber wie soll denn der Boden wackeln, Mam?

Er bebt ganz leicht, mein Sohn, von den Rädern in der Ferne …

Wirklich?

Steh auf, Sohn! Du bist gerade so dusslig wie die beiden. Also wirklich, die Hose hab ich doch eben erst gewaschen. Hab mich abgeplagt damit!

Ich hab’s gespürt, Mam! Es hat ein bisschen gewackelt, genau wie du gesagt hast.

Und tatsächlich standen die zwei wieder auf, er wie eine schwarze Krähe und sie ganz klein und ganz in Weiß, als hätte die Krähe einen Nachtfalter geheiratet, und schon flogen sie Richtung Dove Cottage …

O ja, sie schwirrte davon wie eine Motte. Oder wie ein pfeilschneller Vogel, der über den Hügel jagt. Doch dann blieb sie plötzlich stehen, während ihr Bruder vorausrannte. Sie hingegen blieb immer wieder stehen und lief erneut los, blieb stehen und lief los, wie ein kleines Geschöpf der Wildnis. Ein hüpfender Hänfling oder ein kleines Karnickel, das ständig anhält und losläuft. Die Bewegung ist fast wie ein Zucken, aber – sie hatte keine Ahnung, dass wir sie sahen. Und was für Augen! Kohlschwarz, aber die Kohle brannte mit einer Flamme, die voll von ihrer eigenen Schwärze war. Mam und ich versteckten uns hinter einem Felsen. Damals hatte Rotha noch ihre echten Zähne, und wir sahen sie zum Himmel hinauf lachen, und Mam sagte: Die ist wirklich nicht ganz bei Trost. Und er, ihr Bruder, schau nur – er ist auf und davon und hat seinen schönen Umhang auf dem Boden liegen lassen. Der vergisst aber auch alles, so bekloppt ist er. Aber sie, die ist mehr als bekloppt, die ist verrückt.

Doch ich sah dort keine Verrückte. Ich sah eine Person, die ein Teil des gesamten Tages war. Ein Teil von allem. Ein Stückchen Vogelflügel, Blatt, Wolke. Alles um sie herum schimmerte. Die ganze Welt bestand aus Edelsteinen!

Es war sehr windig. Es schien, als hätte der Wind sie durch den Tag geweht. Sie krümmte sich auf die seltsamste Weise! Sie war gleichzeitig wie ein Stock und wie ein Flügel. Wie Knochen und Flügel, irgendwie zusammengeschnürt und auf dem Bergrücken ausgesetzt.

Danach entdeckte ich diesen Schimmer ganz für mich allein, in Tröpfchen auf dem fedrigen Karottengrün in dem gewöhnlichen Garten meiner Mutter.

Ich sah ihn in dem zitternden Vögelchen, das direkt vor mir im Wald landete.

Aber später kam ich an Orte, wo ich ihn niemals mehr fand, niemand konnte das. Es waren Orte, an denen kein Mensch auf der Welt irgendein Schimmern entdecken konnte. Und ich fürchtete, der Schimmer wäre nur Zauberei und gar nie echt gewesen, oder nur für Kinder. Ja, ich habe schlimme Orte gesehen. Dinge, die bereits da sind, und schlimmere, die noch bevorstehen. Dinge, die ich klar und deutlich vor mir sehe, sobald ich die Augen schließe! Oder immer dann, wenn ich meine eigene Familie besuche, Mam oder meine Schwester Penny. Die Albträume, die sie leben müssen. Und geholfen habe ich Mam oder Penny auch nicht, oder? Nein.

In all den Jahren, seit ich Rotha Wordsworth damals zum allerersten Mal gesehen habe, ist mir dieser Glanz bei niemandem außer ihr begegnet. Selbst ihr Bruder, die Krähe, hat ihn sich von ihr ausgeliehen. William. Ob ich wohl selbst ein bisschen Glanz gestohlen habe, als ich mir seinen Umhang geschnappt habe? Als wir näher kamen, Mam und ich, sahen wir das Futter schimmern, Rotha hatte den Satin mit der Hand geflickt. Alles glänzt, was Rotha sich mit ihrer silbernen Nadel oder ihrem Stift oder auch nur mit ihren schwarzen, fantastischen Augen vornimmt. Und jetzt, wo ist sie hin? Könnt ihr mir das sagen?

Seht nur, wie Rydal Lake frostig glitzert. Und dort unten, die Linie aus Schaum – das silberne Kräuseln, das ans Ufer plätschert. In Rothas Welt war alles Augen und Ohren. Die Dinge sind aufmerksam, und man muss ihnen antworten. Außer man stumpft gegen den Glanz ab. Und es gibt unendlich viele Dinge, die einen abstumpfen lassen … Bitte lasst mich nicht abstumpfen.

–––

Als ich Rotha dann zum zweiten Mal sah … das ist lange her, es war, lange bevor ich hier für sie gearbeitet habe. Damals konnte man sie noch als junge Frau bezeichnen, ich selbst war zwölf. Sieben Jahre nach jenem ersten Mal sah ich sie zur Post rennen. Dieses Mal waren wir nicht auf den Fells, wir waren im Lady Wood. Ich hockte im Farn und suchte Pilze für mich und Mam zum Abendessen, da hörte ich die beiden reden, Rotha und ihren Bruder.

Sie saß auf einem von Moos überzogenen Stein. Ihr Bruder ragte vor ihr auf und sah nicht froh aus. Ich hörte sie wimmern. Sie weinte bitterlich, und er hielt das nicht aus. Er konnte es nicht ertragen. Manche Männer werden so, wenn eine Frau traurig ist. Selbst wenn sie anfangs noch ein bisschen Mitgefühl empfinden, können sie bald nicht einmal mehr das aufbringen und werden ungeduldig. Sie wollen zu ihrem Alltag zurückkehren und weg von der weinenden Frau. Ich hatte solche Gespräche schon zuvor gehört und hütete mich, mich zu zeigen, denn es war etwas Vertrauliches, und William klang jetzt außerdem verärgert.

Hör auf mit diesem nervösen Geheule, sagte er. Das ist ja noch schlimmer als damals, als unser John gestorben ist.

Daraufhin weinte sie noch mehr, denn sie hatte ihren Bruder John, der auf See umgekommen war, sehr geliebt.

Für mich war Johns Tod viel schlimmer, sagte William. Bei mir betraf es das Geschäft. Für dich ging es nur um den Verlust deiner eigenen Freuden und Gefühle. Er klang sehr wütend.

Ich rührte mich nicht. Bald brach er auf und ließ sie niedergeschlagen zurück. Nach ein paar Minuten rutschte ich auf dem Bauch ein Stückchen vorwärts und kam hinter einem kleinen Abhang hervor, als wäre ich gerade erst dort aufgetaucht. Ich tat so, als würde ich die Richtung ändern, ohne sie gesehen zu haben, aber sie hielt mich auf. Sie hatte sich das Gesicht abgewischt, es hatte das zittrige, durchsichtige Weiß einer Blüte, die gerade begonnen hat, Regentropfen von sich abzuschütteln. Sie schien sich für den Schatz zu interessieren, den ich in meinem Hemd gesammelt hatte.

Sind das Pilze?

Zum ersten Mal hörte ich ihre Stimme. Sie ist einzigartig. Ihr wisst das. Ihre Stimme ist wie das Gurgeln eines Flusses. War. Ist. War. Was meint ihr? Ich meine, die Stimme ähnelte so sehr einem Flüsschen, dass es womöglich immer noch so ist. Ist ihre Stimme, als sie starb, vielleicht wieder dorthin zurückgekehrt, wo sie herkam, in den Fluss? Rothas Stimme in den Fluss Rotha. Ja, ich wette, das könnte jetzt gerade, während ich mit euch rede, so geschehen.

Pilze, ja, sage ich also zu ihr. Ein paar kleine.

Was denn für welche – darf ich mal sehen?

Ich hab nicht viele. Meine Mam mag es gar nicht, wenn ich wurmige mit heimbringe.

Sie selbst hatte ein paar Pflanzen im Schoß, deren Wurzeln in alle Richtungen abstanden, und zog vorsichtig eine blaue Blüte daraus hervor, die sie mir zeigen wollte. Ich setze Enzian um, für unser neues Haus, sagte sie, aber tagsüber ist es zu warm. Sie welken, noch bevor ich mit ihnen aus dem Wald heraus bin.

Sie müssen sie mit etwas Moos bedecken, Miss, sag ich, hier.

Ich legte meine Pilze zur Seite, nahm etwas Moos auf und entlockte ihr die Blüten. Ich wunderte mich, weil sie nicht wusste, dass man diese Blumen niemals umsetzen soll. Ich schob das kühle Kissen, grün und erfrischend, unter die Pflanzen in ihrer Hand.

Bedecken Sie sie mit diesem Mooslappen, sag ich, und legte ihn darüber. Ihre Hand war zart und klein, und sie trug eine Brosche, die aussah wie ein Blutstropfen. Blaue Blumen sind immer schwer umzupflanzen, sag ich zu ihr. Sie möchten unbedingt bleiben, wo sie sind.

Ich wiederum wollte unbedingt im Dove Cottage bleiben, gleich hier die Straße entlang, erwidert sie, aber wir mussten umziehen.

Sie war kurz davor, wieder in Tränen auszubrechen, daher sag ich: Lassen Sie doch dieses Büschel erst einmal im Moos, und pflanzen Sie es nicht vor dem Abend ein, dann überstehen sie es vielleicht.

Wir waren zwei Seelen in einem schattigen Wald, und ich bekam ein bisschen Angst. Ich weiß auch nicht, warum, aber ich sagte: Ich muss jetzt heim zum Abendessen, meine Mam wird schon warten – obwohl auf unserem Tisch nie mit Gewissheit ein Abendessen stand –, und ich rannte los.

Danach sah ich sie nicht mehr wieder, bis ich siebzehn war, denn meine Mutter und ich wollten nach Hawkshead ziehen, aber dann passierten die schlimmen Sachen mit Mam, sodass Penny und ich ins Armenhaus ziehen mussten. Rotha und ihr Bruder und seine Frau Mary sind oft umgezogen. Ja, Rotha lebte auch nach seiner Heirat mit Mary noch mit ihrem geliebten William zusammen. Ihr ganzes Leben. Sie sind immer wieder umgezogen, so wie ich auch.

Mein Onkel Jim aber kannte die seltsame kleine Familie Wordsworth und ihren Aufenthaltsort besser als ich, denn sie war seine Kundschaft. Er und sein bester Freund Tommy Thistlethwaite belieferten sie mit Hasen und Kohle und frischen Krebsen. Als ich das Armenhaus verließ und versuchte, bei Onkel Jim zu wohnen, kam ich ein paar Mal mit, wenn er seine Sachen verkaufte. Die Wordsworths lebten damals im alten Pfarrhaus, aber ich war nie drinnen. Das Pfarrhaus war ein trostloser Ort. William und Mary hatten ein Baby, die kleine Catherine, das dort starb. Und Thomas, ihr kleiner Junge, auch. Alle beide sind sie tot. Onkel Jim meinte, das Haus sei feucht, es liege in einem Sumpf und fülle sich mit Rauch, sobald sie den Kamin anzündeten, und deshalb bekämen alle, die dort wohnten, eine kranke Lunge, daran seien auch die Kinder gestorben. Er hat das alles mitbekommen, aber ich sah Rotha oder ihren Bruder erst wieder, als ich älter war.

Doch Rotha im Lady Wood vergaß ich nie. Ich vergaß ihre Hände nicht und auch nicht ihre Augen, die schwarz waren wie Kohle, aber leuchteten wie eine Flamme.

Erregen meine Tränen euer Mitleid?

Wegen mir braucht ihr nicht traurig zu sein. Ich bin zutiefst betrübt, aber ihr wisst so gut wie ich, ich habe mich wieder erholt, bevor der Tag um ist. Ich singe mein Lied wieder allein. Ich habe ein Hasensüppchen, das in diesem Moment in meinem Häuschen vor sich hin kocht, und ich freue mich darauf, eine Zwiebel und Salbei hineinzutun und es mit dem großen Kochlöffel zu schlürfen. Ihr kennt mich und meine Einsamkeit und mein Häuschen und mein Lied.

Hafer, Flachs und Wegewart

Reifes Korn für Dich und Deine

Zucker, Mehl und Gerstensaat

Eichenbaum in Lichtes Scheine …

2

Schon kurios, wie ich zu der kleinen Familie kam, durch eine kleine List und Schmuggelei nämlich.

In dem Jahr, in dem ich siebzehn wurde, das Jahr, in dem ich zu den Wordsworths kam, wusste ich nicht so recht, was ich mit mir anfangen sollte. Ich dachte dauernd an schlimme Dinge, die ich erst im vorigen Sommer in Waterloo mit angesehen und auch getan hatte. Ich bin sehr viel auf dem Sargweg gelaufen, um das alles zu begreifen. Den ganzen Winter lang bis zum Beginn dieses sehr kalten Frühlings, immer wieder hin und zurück.

Der Weg führt ja bekanntlich gleich hinter Rydal Mount entlang. William war damals oft draußen beim Steineharken, und manchmal war Rotha bei ihm und schnitt Sträucher zurück oder überprüfte, wie die Küchenkräuter über den Winter gekommen waren, Salbei und Schnittlauch. Ich sah die beiden aus der Ferne, weiß und schwarz schimmerten sie zwischen den Bäumen hindurch, und manchmal hörte ich auch undeutlich ihre Stimmen. Ich war ihr gegenüber noch sehr zurückhaltend. Ich wusste nicht recht, ob ich Angst hatte, sie zu erschrecken, oder ob sie etwas in mir aufschreckte.

Aber dieses eine Mal war ihr Bruder ganz allein.

Er bückte sich gerade. Ich hätte ihn fast nicht bemerkt, doch dann entfaltete er sich wie ein erwachender Rabe und sagt zu mir: Hallo, James – das ist doch der junge James Dixon, nicht wahr?

Ja, sage ich. Das bin ich.

Und er: Ich hab dich mit deinem Onkel gesehen. Dann wechselten wir ein paar Worte, also ein bisschen über das Gärtnern, und er sah ziemlich ratlos aus. Und ich fragte: Suchen Sie denn was?

Er meint: Ja, ich will unbedingt einmal versuchsweise eine Pflanze anbauen, über die ich etwas gelesen habe, aber ich finde sie nirgends. Du weißt nicht zufällig … und dann fragte er, ob ich etwas über eine sogenannte Ägyptische Zwiebel wisse.

Er sagt: Ich will sie ganz dringend einmal pflanzen, denn sie vermehrt sich über eine Zwiebel, die an einem Stängel wächst, aber ganz oben an einem Stängel, und dann biegt sie sich unter dem eigenen Gewicht zu Boden – da ist es dann schon ein Büschel, ein kleines Büschel Zwiebeln –, und es wurzelt durch die Schwerkraft.

Ach ja?

Ja, sagt er und wird ganz aufgeregt. Durch die Schwerkraft senkt sie sich wieder zum Boden, und dann ist da dieses kleine Büschel Zwiebeln, diejenigen, die man noch nicht geerntet hat, denn man kann schon ein paar davon ernten – also man erntet nur einen Teil, und den Rest des Büschels lässt man nach unten sinken und wie durch einen Zauber wieder wurzeln – es ist wie ein ägyptischer Tanz, bei dem sich die miteinander verbundenen Arme beugen und strecken und beugen und strecken, und es geht weiter bis in alle Ewigkeit!, sagt er. Wenn man sie einmal gepflanzt hat, muss man sich kaum mehr um sie kümmern. Ich würde so gerne welche finden. Aber ich finde einfach keine. Ich habe davon gelesen, aber ich finde keine, die ich vermehren könnte.

Ich sag: Also, ich weiß ja nicht, aber wenn es irgendwo eine ägyptische Zwiebel gibt, dann in dem Versuchsgarten hinter dem Pfarrhaus der Kathedrale von Durham. Ich bin nämlich auf dem Heimweg von dem Ganzen, was in Waterloo geschehen ist, dort vorbeigekommen, und damals waren mir Kirchen oder ihre Wächter oder was irgendjemand von mir dachte völlig egal, und ich hatte schon ein paar Sachen aus diesem Garten stibitzt und mir in meine Mütze gesteckt und selbst gepflanzt.

Darauf William: Aha, ich hätte nichts dagegen … meinst du, du könntest mich dort hinführen, sodass ich es mir mal ansehen könnte?

Und ich sag zu ihm – mir dämmerte langsam, dass er ein paar für sich selbst stibitzen wollte –, und ich sage: In Ordnung, wir gehen hin. Wenn Sie das nächste Mal nach Newcastle fahren, sagen Sie mir Bescheid, dann komme ich mit und zeige Ihnen, wo sie sind. Denn jedermann wusste, dass die Wordsworths Verwandte in Newcastle hatten. Aber, sage ich, es muss bald sein, vor Ostern, oder im Herbst. Im Sommer, wenn sie in voller Pracht steht, kann man die Pflanze nicht stibitzen.

Er sagt: Das klingt vernünftig. Und: Das Einzige ist, wir dürfen meiner Schwester Dorothy kein Wort davon erzählen, denn – nun ja, es könnte ihr nicht gefallen, wenn wir eine Pflanze aus ihrer rechtmäßigen Umgebung herausreißen, wo sie eigentlich hingehört.

Da kam mir erstmals den Verdacht, dass William manche Dinge vor seiner Schwester geheim hielt.

Können Sie denn wirklich ihr Bruder sein, fragte ich mich, wenn Sie nicht wissen, wie zärtlich sie immer Pflanzen herauszieht und sie ganz behutsam an einen neuen Ort bringt, wo sie gedeihen können?

Ich dachte an ihre blauen Enziane und fragte mich, wo sie wohl mittlerweile waren. Ich blickte mich im Garten um, um ein Anzeichen dafür zu entdecken, dass sie sie immer wieder umgepflanzt hatte, wo auch immer die kleine Familie hingezogen war. Die Enziane vertragen überhaupt kein grelles Licht. Daher wusste ich, dass sie nicht ungeschützt dastehen und auf keinen Fall erst lange nach Ostern blühen würden. Ich suchte nach alten, welken Spitzen, die sich in einer charakteristischen Form über dem Frost zeigen.

William blickte verstohlen drein, während er über die Zwiebeln stammelte. Mir schwante, dass er Gewissensbisse hatte, weil er vorhatte, sie von der Kathedrale von Durham zu stehlen. Ja, das war der Grund. »Aus ihrer rechtmäßigen Umgebung«, wie er es ausgedrückt hatte. Ihn kümmerte weniger das Missbehagen der Pflanzen selbst als die Tatsache, dass er sie von den wichtigen Leuten im Pfarrhaus der Kathedrale stahl. Jetzt blickte er sich um, fast als hätte er Angst, wir würden belauscht, legte eine Hand ans Ohr und wirkte ein wenig verwirrt.

Da bemerkte ich etwas, das mit der Zeit noch deutlich werden sollte: Wenn er allein war und seine Schwester nicht in der Nähe, hörte der Bruder schlecht, was die Natur anging. Er hörte menschliche Stimmen, doch Blumen, Wind oder Bäume waren für ihn lautlos, selbst Vogelbotschaften oder eure Stimmen hier, wenn ihr um euren Bergahorn herumschwirrt. Bei Rotha hingegen war es genau umgekehrt. Sie hörte die leise Sprache der Blumen oder die von euch viel deutlicher als jedes Wort von Menschen.

Und genauso verhielt es sich mit den Augen der beiden. William hatte schlechte Augen, aber Rotha konnte meilenweit sehen.

Letztlich fügte es sich jedenfalls, dass ich gleich in der nächsten Woche selbst nach Durham fuhr. Ich zog ein paar Jungzwiebeln von der Sorte, von der William gesprochen hatte, für ihn heraus, und er pflanzte sie ein. Wie köstlich sie Rotha schmeckten! Sie gierte danach. Sie aß sie im Ganzen auf Brot mit Butter und Salz. Das war also der Beginn dessen, was ich zu diesem Ort beigetragen habe. Danach verrichtete ich für William immer mehr Arbeiten im Garten.

William hielt sich für einen Gartengestalter, wenn er nicht gerade Dichter war. Darüber hinaus gestand er mir gleich zu Beginn, dass sich seine dichterische Situation verschlechtert habe. Er wurde gerade ein bisschen berühmt wegen seiner Gedichte, ihretwegen kamen Leute zu Besuch, und dagegen hatte er auch nichts. Er mochte die Aufmerksamkeit. Aber er verriet mir, dass er insgeheim das Gefühl hatte, die Gedichte würden ihn verlassen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich ein paar graue Haare bekomme, sagte er. Ich weiß nicht, warum, aber mein Schreiben verflüchtigt sich. Die Präzision. Dorothy fällt es noch zu, schon immer, und ich hoffe, auch weiterhin, denn wenn mich irgendeine Inspiration ergreift, dann ergreift sie zuallererst meine Schwester. Sie war und ist immer die Erste, die von einer Inspiration erleuchtet wird.

Neben dem moosbewachsenen Schuppen, wo wir saßen, hatte er ein paar Instrumente auf und um einen Hackstock gelegt und erklärte mir, was von mir erwartet wurde. Auf dem Hackstock lag ein seltsames Kästchen aus Mahagoni, dessen Funktion ich nicht sogleich verstand. An dem Holzblock lehnten zwei Hämmer und mehrere kleine Äxte und zwei Drahtbürsten sowie Spaten und Hacken, die noch von dem vorigen Bewohner stammten. Die Griffe mussten festgemacht oder in manchen Fällen auch entfernt und zurechtgeschnitzt und dann neu aufgesteckt werden. Genau dies versuchte er jetzt gerade, er steckte den Griff in einen Spaten, der auf seinen Knien lag, aber so wie ich das sah, ohne großen Erfolg.

Es gibt nichts Schlimmeres, als mit einem wackligen Spaten zu graben, sagt er.

Was die Arbeit im Freien betrifft, sagt er, so brauche ich eine zuverlässige Hilfe bei den Stufen und den Terrassen, die wir angelegt haben. Es gibt also eine Menge zu mauern, zu heben und Stufen auszurichten, außerdem muss man pflanzen, Unkraut jäten und herabgefallene Äste wegräumen. Letzteres kann ein alter Mann wie ich noch verrichten, wenn auch langsam. Ich fürchte, von dir brauche ich die schwere Arbeit, aber du bist ja noch jung – wie alt bist du denn?

Fast zwanzig, sagte ich. Ich hatte ein paar Jahre hinzugefügt, damit sie mich in Waterloo kämpfen ließen, und dabei beließ ich es jetzt.

Nicht einmal halb so alt wie ich, sagte er, obwohl es mir so vorkommt, als wäre ich erst gestern zwanzig gewesen. Und ich sehe, wie leistungsfähig du bist …

Damals war er selbst erst sechsundvierzig, und in Wahrheit hatte er zwar leichte O-Beine, aber ich wusste, er konnte noch meilenweit laufen, tagelang und auch bergauf, über den ganzen Kirkstone Pass. Das wussten alle. Er und seine Schwester, sie konnten beide schier endlos laufen. Also sagte ich: Sir, Sie werden durchaus noch ein paar Jahre lang alles verrichten können, was ich kann, und da lachte er, das gefiel ihm. Und während er lachte, dachte ich mir, ich könnte ihm genauso gut jetzt gleich erzählen, was mir am meisten lag.

Ich kann die Mauerarbeiten für Sie machen, sage ich zu ihm, jederzeit. Und wie Sie bereits wissen, suche ich immer Mittel und Wege, die Gesundheit und den Ertrag eines Gartens zu verbessern, sei es ein Blumen- oder Gemüsegarten … die Leute sagen, ich hätte irgendwie Zauberkräfte, was das betrifft, aber die Wahrheit ist, ich habe ein sehr altes Buch, und das lese ich genau. Aber eigentlich … ich wollte ihm gerade erzählen, welche Arbeit ich am meisten liebte, doch da unterbrach er mich.

Er sagt: Es gibt gewisse Aufgaben im Haus, die ich dir gegenüber ansprechen möchte, Dixon, solange wir hier draußen unter uns sind.

Er unterbrach sich und blickte auf den Rasen, in dem gerade der Huflattich aufging, und ich wartete, aber dann sah er aus, als wollte er, dass ihm jemand aus seiner momentanen Verwirrung hilft, und so sagte ich: Mit Aufgaben im Haus meinen Sie, ich soll mit dem Feuerholz helfen und zum Beispiel das kaputte Treppengeländer reparieren und einen Blick in den Kamin werfen, weil so viel Rauch ins Haus dringt?

Nun ja, sagt er, alle Häuser, in denen wir wohnen, sind verraucht. Wir werden den Rauch offenbar nicht los, das hat uns alle schon beinahe verrückt gemacht. Er wirkte immer noch beklommen, als wäre da noch eine weitere Aufgabe, die er mir zugedacht hatte. Ich war mir sicher, dass er keine Schreibarbeiten meinte, denn dafür hatte er ja John Carter. Von John Carter war ich nicht sonderlich angetan, aber es hieß, er verrichte alle Arten von Büroarbeit gut. Also sagte ich und versuchte dabei nicht skeptisch zu wirken: Sie brauchen doch sicherlich keine Hilfe beim Servieren des Abendessens für Ihre Gäste?

Sofort fährt er mit der Hand durch die Luft, schüttelt düster seine recht langen Haare und sagt: Nein!

Haarsträhnen fielen ihm über die Augen, und ich nahm das als Zeichen für den idealen Moment, um ihm von meinem ganz besonderen Talent zu erzählen …

Oder, wenn ich das sagen darf, Sir, Ihr Haar, ich bin ziemlich gut in allen Dingen, bei denen eine kleine Klinge vonnöten ist. Diese Schere zum Beispiel – ich zeigte ihm die kleine Schere, die ich immer in der oberen Tasche bei mir trage, in ein Stück Korken gesteckt – in ganz Rydal bitten mich die Frauen, ihren Männern die Haare und die Augenbrauen und alles in Ordnung zu halten, und sogar die Haare, die ihnen aus den Ohren und manchmal aus der Nase wachsen. Und manche Frauen lassen mich sogar ihnen die Haare schneiden.

Findest du, ich muss mir die Haare schneiden lassen?

Wann immer Sie bereit sind, Sir, ich kann das. Seit ich neun oder zehn bin, habe ich allen um mich herum die Haare geschnitten. Wie gesagt, ich habe ein Händchen für alles, wofür eine kleine Klinge nötig ist.

Tatsächlich hatte ich das präzise Schneiden im Wergkeller im Armenhaus gelernt, aber das erzählte ich ihm nicht.

Schere, sage ich zu ihm. Ahle. Messer. Jeden kniffligen Schnitt, jede Schnitzerei oder wenn etwas geritzt werden muss, all das kann ich für Sie erledigen.

Und da zog ich mein neuestes Osterei aus der Jacke und reichte es ihm.

Auf diesem hier war ein Schwan, in Grün eingraviert, mit Weidenblättern rundherum, die herabhingen, als würde der Schwan just in dem Moment in einer Lücke zwischen den Blättern auftauchen. Ich hatte ihn am Abend zuvor mit meinem Waterloo-Messer eingeritzt. Für Ostern bereitete ich ein paar Dutzend vor. Manche hatte ich grün bemalt und manche schwarz, und einige wenige waren auch blau, aber blaue Farbe ist sehr schwer zu bekommen.

Dieses exquisite kleine Gänschen muss man aus viel größerer Nähe betrachten, sagte er.

Schon damals sah er ziemlich schlecht. Er öffnete die kleine Mahagonischachtel und nahm eine Lupe heraus. Während er meinen Schwan durch die Lupe betrachtete, sah ich, dass in dem Kästchen zwei beinerne Kreise zum Vorschein gekommen waren, auf dünnen Messingbügeln, und in einen der Kreise war eine Linse eingesetzt. Die Ringe wurden angehoben, wenn er den Deckel öffnete. Was in aller Welt war das bloß?

Ah, sagte er, das ist ein Schwan! Das ist ja das allerhübscheste Osterei, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe – wie machst du das nur?

Mir fiel auf, dass einer der Messingbügel, der die Linse in dem Mahagonikästchen festhielt, locker war. An jedem der anderen befand sich ein winziges Scharnier, aber ein drittes fehlte …

Das ist doch sicherlich keine weiße Tinte auf grüner Farbe?, sagte er. Kann es sein, dass die Eierschale durchscheint?

Wie gesagt, Sir, ich kann alles ziemlich gut, wofür eine sehr kleine Klinge benötigt wird. Ich habe den Schwan in die grüne Farbe geritzt. Dafür muss man präzise arbeiten und darf keine Eile haben. Und es hilft mir, mir nicht den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die mich ansonsten vom Schlafen abhalten könnten. Es beruhigt mich vor dem Schlafengehen.

Kannst du so einen Schwan mit einer Feder malen?

Nein, Sir, mit einer Feder bin ich ganz nutzlos. Es muss eine Nadel sein oder ein Messer oder ein winziges metallenes Gerät. In Ihrem interessanten kleinen Holzkästchen dort ist mir etwas aufgefallen – falls ich das fehlende Scharnier richten soll, ich habe eine Senfdose mit lauter kleinen Ersatzteilen darin, aller möglicher Krimskrams, den ich für Reparaturen aufbewahre, und ich bin sicher, eines davon …

Wieder sah er mich an. Ich dachte, ich müsste das Kästchen wieder nach London schicken, sagte er.

Was ist es denn? Normalerweise halte ich meine Neugier im Zaum, wenn ich mit einem Dienstherrn rede, aber ich hielt es nicht aus, den Sinn und Zweck der nur zehn Zentimeter langen Schachtel mit einem so komplizierten Inhalt nicht zu kennen.

Das gehört dazu – er schwenkte seine Lupe –, aber die Linse auf den Ständern, siehst du die kleine Scheibe darunter? Wenn du eine Blüte darauflegst und durch die Linse darüber guckst, dann siehst du die Blüte, als würdest du in eine Kathedrale blicken. Die Spannen, die Streben, das Buntglaslicht, die ganze Architektur erscheint, und du kannst dich voll Staunen davorknien. Besser als ein Sonntagsgottesdienst!

Ich war ein wenig überrascht, denn William ging oft zur Kirche, und ich hatte noch niemanden wie ihn bekunden hören, dass die Natur besser sei als die Religion, obwohl ich es selbst so empfand und, wie ihr wisst, schon vor den golden erleuchteten Kammern so mancher hübschen Lilie gekniet bin. Nicht nur gekniet, ich habe mich hingelegt und bin unter dem Zauber eingeschlafen …

Aber diese Gerätschaft gehört Dorothy, sagte er, und sie hat sie leider seit Monaten nicht mehr benützen können … kannst du das wirklich richten?

Ja, Sir, ich denke schon. Darf ich nur … ich beugte mich über das Ding, um es genauer in Augenschein zu nehmen, da purzelten mir lauter kleine Dinge aus der Hemdtasche und rollten wie winzige Würfel auf den Holzblock, sodass ich erschreckt zusammenfuhr.

Ich schämte mich und lief ganz bestimmt puterrot an, als ich versuchte, alles mit der Hand zusammenzuschaufeln, bevor er das richtig sehen konnte.

Seit jenem Tag gab es viele Augenblicke, in denen ich froh über Williams schlechte Augen war, aber dieses Mal sammelte er hilfsbereit einen der kleinen Würfel auf, der über den Holzblock rollte, und spürte sofort genau, was es war, mehr als dass er es sah.

Er starrte mich mit offenem Mund an.

Es war mir peinlich, aber was hätte ich schon tun können?

Er wusste, dass ich in Waterloo gedient hatte. Also war ihm klar, was in meiner Tasche war. Wenn man auf dem Schlachtfeld ist und den Toten den Mund aufbricht und Zähne herauszieht, ist das normal. Das tun alle. Noch bevor ich in Belgien war, erfuhr ich, dass ich just zu diesem Zweck ein scharfes Taschenmesser mitnehmen sollte, und das ist das Taschenmesser, das ich immer noch besitze. Es ist das Messer, mit dem ich heute noch meine Schwäne und die ganzen Vögel und Muster in die Ostereier ritze. Ich möchte etwas Schönes mit meinem alten Messer machen, nach all dem Unheil, das es gesehen und angerichtet hat.

Zu Hause in England konnte man für einen einzelnen Waterloo-Zahn einen guten Preis erzielen, aber von einem ganzen Gebiss konnte man einen Monat lang leben, und genau das mache ich seit meiner Rückkehr. Gleich hier in der Nähe gab es mehrere Käufer. Cora Freetorch war eine davon. Sie wohnte bei Paterdale, und um zu ihr zu gelangen, musste ich den Kirkstone Pass überwinden, aber Cora wollte alle Zähne haben, die ich ihr anbot, um ganze Waterloo-Gebisse für ihre große Kundschaft herzustellen. Sie konnte auch alte Gebisse reparieren und zahlte für einzelne Zähne oder jede Kombination, die man liefern konnte. Die Leute hielten sie für arm, denn sie bewohnte eine Hütte mit nicht mehr als einem Ofen und einem Lammfell auf dem Boden, aber solange ich sie kannte, mangelte es Cora Freetorch nie an einem Beutel voll Gold. Ein Grund, weshalb ich die Stelle bei den Wordsworths überhaupt unbedingt haben wollte, war, dass ich Cora fast meinen gesamten Vorrat verkauft hatte. Diejenigen in meiner Tasche gehörten gar nicht zu meinem Bestand, sondern es waren die Zähne, die ich zur Erinnerung an einen Freund von mir aufbewahrt hatte, der getötet worden war: Joseph Bell.

Jetzt ließ William Wordsworth einen von Josephs schönen Zähnen in seiner Hand rollen. Es war mir peinlich. Ich schämte mich, und gleich überkam mich die Trauer. Mir fehlten die Worte. Ich sorgte mich, was Wordsworth wohl von mir denken musste, und gleichzeitig war es meine einzige Sorge, wie ich diesen weißen Splitter vom Leben meines Freundes wieder sicher in meine Tasche bekommen konnte, weg vom Licht und weg von allen Leuten, so wie ich selbst manchmal weg von allen Leuten wollte, um Ruhe zu haben und einem Bach oder einem Wasserfall oder dem Wind hier in eurem Bergahorn zu lauschen.

Aber Williams Gesichtsausdruck.

Ich glaubte, hier und jetzt wäre meine Arbeit für die Wordsworths beendet. Der Mann konnte sehr finster dreinblicken. Er neigt den Kopf, als würde er angestrengt nachdenken, dann beißt er die Zähne zusammen und seufzt irgendwie zwischen ihnen durch. Es hört sich an wie der Nordwind. Beziehungsweise hörte. Ich bin der Einzige der kleinen Familie, der jetzt noch übrig ist. Außer Mary, aber Mary gehört nicht zu mir, und ich gehöre nicht zu Mary, nicht so wie zu den anderen.

Doch William feuerte mich gar nicht auf der Stelle. Ganz und gar nicht.

Er hielt Joes Zahn auf der flachen Hand, wo er thronte wie eine Reliquie auf dem Altar in der Kirche, in die ich nie gehe. Und er sagte: James, glaubst du, du könntest eines deiner kleinen Werkzeuge dafür verwenden, eines von den drei Gebissen meiner Schwester anzupassen, die ihr jedes Mal größte Schmerzen bereiten, wenn sie es sich in den Mund steckt? Jedes Gebiss braucht mindestens einen Ersatzzahn, und bei zweien gibt es Probleme mit den Scharnieren.

Dorothys Zähne?

Ja, sie ist gerade mal fünfundvierzig, aber sie besitzt kaum mehr eigene Zähne.

Hier in der Gegend macht das normalerweise Cora Freetorch, Sir. Wenn Sie wollen, kann ich Sie ihr vorstellen.

Cora hat es immer wieder versucht. Meine Schwester leidet an Empfindlichkeiten, die Cora nicht in den Griff bekommt. Und jedes Mal, wenn wir eine Anpassung vornehmen lassen, muss jemand über den Kirkstone Pass und wieder zurück, und das dauert einen ganzen Tag, wie du weißt. Wenn du gelegentlich hier und da etwas justieren könntest, würde mir das eine Menge Unannehmlichkeiten ersparen. Dieser Zahn hier zum Beispiel sieht aus, als würde er perfekt in die Lücke im ältesten Gebiss meiner Schwester passen.

Er reichte mir Joes Zahn, und ich war sehr erleichtert, ihn zurückzuhaben.

Sie haben Arbeiten im Haus erwähnt? Ich wollte ihn von dem unappetitlichen Teil dessen, worüber wir gerade gesprochen hatten, ablenken. Ich wollte mir nicht vorstellen, Dorothy Wordsworth die Zähne meines Freundes Joe in den Mund zu stecken. Aber William hatte noch etwas hinzuzufügen.

Keinesfalls dürfen wir Dorothy gegenüber erwähnen, dass es sich um Waterloo-Zähne handelt. Dass es Zähne sind, die gefallenen Soldaten aus dem Schädel gerissen wurden. Sie darf das nicht wissen, sonst wird sie niemals zustimmen, dass wir sie einsetzen. Wir müssen ihr weismachen, alle Zähne bestünden aus Porzellan oder im allerschlimmsten Fall aus zurechtgeschnitzten Tierknochen, und selbst dagegen wird sie sich wahrscheinlich sperren. Wahrscheinlich wird sie fragen, was das für ein Tier war und wie es getötet wurde und sogar, wie sein Name war, falls es einen Namen hatte.

Ich sagte nichts und ließ es auf mich wirken. Ich wollte mir nicht anmerken lassen, dass mir nicht ganz wohl dabei war, seine Schwester anzulügen, oder dass ich das Gefühl hatte, Miss Wordsworth würde irgendwie sowieso immer die Wahrheit wissen, ganz egal, wie überzeugend man war. Manche Leute merken es sofort, wenn man lügt, und sie gehörte dazu. Und selbst wenn sie es nicht direkt wissen, wissen sie es trotzdem so gut wie, weil etwas in ihrer Natur vor der Person, die lügt, zurückschreckt. Sie wissen, dass Liebe fehlt oder Mitgefühl. Irgendetwas. Sie spüren es, so wie man eine Strömung im Wasser spürt oder wenn sich der Wind ändert.

Denn wie ich bereits gesagt habe, fuhr William fort, meine Schwester hat Empfindlichkeiten … tatsächlich ist es genau das, was ich meinte, als ich sagte, ich hätte Arbeit für dich im Haushalt.

Sir?

Du hast meine Schwester doch schon gesehen, nicht wahr?

Äh, so wie jedermann im Dorf sie wahrscheinlich auf ihren Wanderungen gesehen hat, Sir … als ich ein junger Bursche war, da habe ich sie vielleicht etwas häufiger gesehen, denn da war ich oft mit meiner Mutter in den Bergen unterwegs. … Ich beschloss, ihm darüber hinaus nichts zu erzählen.

Dann weißt du ja, dass sie nicht ist wie andere Frauen. Sie ist anders.

Ja, Sir?

Sie ist sehr anders. Sie muss sehr behutsam behandelt werden.

Sir?

Ich war der Behutsame, Jahre über Jahre. Ich war so behutsam, dass ich Tränensäcke habe. Ehrlich gesagt, ich bin müde und brauche Hilfe. Ist es denn so schlimm, irgendwann um Hilfe zu bitten?

Nein, Sir?

Dorothy kann … Er spielte an einem Knopf herum, und ich wollte ihn fast schon warnen, dass er jeden Moment abfallen würde, aber ich blieb still. Ich hatte vor langer Zeit gelernt, dass Schweigen hilft, fast allem auf den Grund zu gehen.

Sie kann überschäumend sein, sagte er. Zu überschäumend. Denn danach ist die Luft raus. Nach dem Überschäumen, wenn alles aufgeladen ist und voll freudiger Energie, verlöscht ihre Sonne wie eine ausgeblasene Laterne. Schlimmer als ausgelaugt. Was ist das Gegenteil von überschäumend, Dixon?

Ich weiß nicht, Sir?

Ich wollte den Dichter William Wordsworth nicht mit einem Wort ausstatten, obwohl mir mehrere Wörter einfielen. Ich hatte meine eigene Schwester Penny schon schlimmer als ausgelaugt erlebt. Aber man spricht nicht mit einem Mann wie William Wordsworth über die eigene Schwester, während er über seine spricht. Nicht, wenn man herausfinden will, was für eine Arbeit ihm für einen vorschwebt. Manche Leute ergehen sich gleich einen Wortschwall über sich selbst, sobald man ihnen die kleinste Möglichkeit dazu gibt. Meine Mutter ist eine von ihnen, aber ich nicht. Meiner Mam sind eine Menge Chancen entgangen, weil sie viel zu viel geredet hat, und ich wusste, wenn ich mucksmäuschenstill auf die Anstellung wartete, die mir sofort zugutekommen würde und die auch irgendwann meiner Schwester Penny helfen könnte, aus ihrer schlimmer als ausgelaugten Situation herauszukommen.

Zumindest wagte ich es an jenem Tag, diese hoffnungsfrohen Gedanken zuzulassen.

Was mit Penny geschah, geschah natürlich trotz meiner früheren Hoffnungen, und ich blicke jetzt ganz anders auf diese Hoffnungen zurück. Aber an jenem Tag ließen mich meine hoffnungsfrohen Gedanken zögern, den Dichter mit Wörtern auszustatten, die mir einfach einfielen, wie grau oder fahl. Ich sagte nicht versehrt oder siech. Ich erwähnte weder Hunger noch Feuchtigkeit, und ich sagte nichts über Lungen, und ich erwähnte Pennys Schulter nicht. Ich wollte es eigentlich! Ich wollte es darauf ankommen lassen, dass William die Augen öffnete und Penny Dixon sofort half, indem er mir gestattete, ihr Arbeit in diesem Haushalt zu verschaffen, so wie er mir anbot, die Tür für mich zu öffnen.

Nein. Ich zwang mich zu warten und dem einen Mann auf der Welt zuzuhören, der so gut wie bereit zu sein schien, das bisschen Geld herauszugeben, das nötig war, um meine eigenen Situation zu ändern. Und nicht nur Geld. Für meine Mutter gab es kaum noch Hoffnung, aber für mich und für Penny war etwas hier in diesem Garten und im Haushalt der Wordsworths, das darüber hinaus ging, was man für ein paar Münzen kaufen konnte.

Vermaledeit?

Sir?

Enerviert? Wie das Wort auch lauten mag, Dixon, ich brauche wirklich dringend Hilfe mit meiner Schwester.

Ja, Sir?

Und ich brauche sie von einer Person, die nicht zu unserer Familie gehört und Fertigkeiten hat, wie du sie besitzt. Ich meine Fingerfertigkeit, aber auch geistige Gewandtheit. Diese Gewandtheit sehe ich in deinem Gesicht, und ich sehe sie jetzt in deinem schönen Kunstwerk, das die Schale dieses Eis überzieht. Es ist vollkommen. Es mag bloß Handwerkskunst sein, aber ihm wohnt etwas Edles inne, etwas von den Engeln, würde ich an Engel glauben, was ich nicht tue. Aber wenn … verstehst du mich, James Dixon?

Vielleicht nicht so ganz, Sir. Aber ich verziere gerne diese Ostereier …