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Dieses Buch will Eltern unterstützen und ermutigen, auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen. Es zeigt, dass Babys nur wenige Dinge brauchen, um sich gut entwickeln zu können. Liebe und Geduld, Zeit und Zuversicht: All das, was Eltern schon mitbringen. Das Weleda Babybuch gibt den Rundumschlag von der Schwangerschaft über die Vorbereitung auf eine positive Geburt und das Wochenbett bis hin zur ersten Zeit mit Baby und lässt dabei Themen wie Stillprobleme oder Babyblues nicht außer Acht. Ob intuitives Stillen, bedürfnisorientiertes Füttern oder achtsame Pflegerituale – all das ist mit fachkundigem Wissen von führenden Hebammen und Expertinnen versehen und mit zauberhaften Fotos liebevoll gestaltet.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2021
Selbstvertrauen
Es ist deine wichtigste Begleitung in dieser Zeit. Traue dir, deinem Partner und deinem Kind zu, dass ihr alles Nötige mitbringt, um euren Weg gemeinsam und gut zu gehen.
Zuverlässigkeit
Sie gibt deinem Kind die Gewissheit, dass du seine Bedürfnisse wahrnimmst und sie direkt und unmittelbar erfüllst.
Liebe
Sie bereitet den Boden für die Beziehung zwischen dir und deinem Kind. Dabei gleicht sie in der ersten Zeit oft einer zarten, noch kleinen Pflanze, die Woche für Woche ein Stück wächst und gedeiht.
Mehr brauchst du nicht.
Schön, dass du unser Buch in deinen Händen hältst. Wir haben es geschrieben, um dich und dein Kind in dieser unvergesslichen Zeit gut zu begleiten. Unsere Sicht auf die Welt der Kleinsten soll das Wochenbett für dich zu einer Zeit machen, in der das Baby in Ruhe ankommen kann und ihr langsam in eure Rollen als Mama oder Papa hineinwachsen könnt. Wir wollen euch Mut machen, darauf zu vertrauen, dass ihr gute Eltern sein werdet und dem Baby alles geben könnt, was es braucht. Keine Sorge: Ihr könnt nicht immer alles richtig machen. Doch ihr könnt euch Gedanken machen, was für Eltern ihr sein möchtet. Und euch selbst vertrauen, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Seid ihr unsicher, könnt ihr euch gezielt informieren. Als Hebammen wissen wir: Kinder brauchen nur wenig. Ist euer Herz voller Liebe und offen für euer Kind, bringt ihr als Eltern alles Wichtige mit. Tragt ihr euer Kind nah bei euch, fühlt es sich sicher und geborgen. Ihr könnt ihm geben, was es braucht. Das ist alles.
Für diesen Weg wünsche ich dir alles Gute.
Christina Hinderlich
HEBAMME BEI WELEDA
Cover
Titel
Impressum
Am Anfang ist Hülle
Dein Kind, das in deinem Bauch heranwächst, ist dort von vielen verschiedenen Hüllen umgeben. Gebildet haben sie sich mit dem Beginn der Schwangerschaft. Bis zur Geburt schützen, halten und wärmen sie dein Baby. So fühlt es sich sicher und geborgen.
Geburt ist Loslassen und Ankommen
Wo dein Kind auf die Welt kommt und wie du gebären willst, entscheidest du. Bist du entspannt, vertraust dir selbst und bereitest dich körperlich und mental darauf vor, macht das die Geburt für dich und dein Kind leichter.
Wochenbett – eine ganz besondere Zeit
Es ist die Zeit des Staunens. Du bist deinem Baby ganz nah, berührst es, schaust ihm beim Schlafen zu, lernst es jeden Tag etwas besser kennen. Familie und Freunde können euch in diesen ersten Wochen umsorgen und das Einkaufen und Kochen übernehmen.
Wie das Stillen gelingt
Aller Anfang ist ganz leicht: Den Weg zu deiner Brust kennt dein Baby schon direkt nach der Geburt. Mit deiner Körperhaltung kannst du es dabei sanft unterstützen. Vertrauen in die Fähigkeiten deines Babys und in dein eigenes Gefühl sowie ein positives Umfeld helfen dir dabei.
Das Baby mit der Flasche füttern
Auch wenn du nicht stillst, braucht dein Baby den Körperkontakt zu dir. Gib ihm beim Füttern mit der Flasche die Nähe und Geborgenheit, die es für seine Entwicklung braucht.
Wie Säuglinge gut schlafen
Babys schlafen anders. Sie schlafen ungern alleine und wachen häufiger auf. Das ist ganz normal. Liegt dein Kind nahe bei dir, fühlt es sich geborgen und sicher und kann gut schlafen. Der gemeinsame Schlafrhythmus hat auch für dich viele Vorteile.
Das Baby und seine Haut umsorgen und pflegen
Weil die Haut deines Babys noch dünn und empfindsam ist, braucht sie Pflege und Schutz. Baden, cremen und einölen nährt die Haut und fördert die Entwicklung. Eine sanfte Massage hilft dem Baby anzukommen. Zugleich erlebt es die Pflege als liebevolle Zuwendung.
Hören, was dein Bauch sagt
Unwahre Annahmen, alte Weisheiten und Mythen gibt es bis heute; sie beeinflussen Frauen in der Schwangerschaft, bei der Geburt und in der Stillzeit. Woher kommt ihre Macht und wann können Ammenmärchen gefährlich werden?
Zeit für dich
In den vergangenen Monaten ist sehr viel in deinem Leben passiert. Du bist schwanger geworden und hast ein Kind zur Welt gebracht. Lass dich im Wochenbett verwöhnen und genieß die kleinen Auszeiten, um neue Kraft zu schöpfen.
Die Geburt deines Kindes ist das größte Wunder auf Erden. So viel Hoffnung, so viel Glück und so viel Leben stecken in diesem kleinen Wesen! Doch zunächst haben Eltern oft viele Fragen: Was ist richtig für unser Kind, was sollen wir ihm mitgeben? Denn bevor es auf eigenen Füßen steht, braucht ein Kind Eltern, die gute Entscheidungen treffen, die es beschützen, die es lieben, die es umsorgen und ihm bei jedem der kleinen Schritte, die jetzt kommen, zur Seite stehen. Die gute Nachricht ist: Es braucht nicht viel, damit Kinder gesund und glücklich aufwachsen können. Liebe und Geduld, Zeit und Zuversicht. Selbstvertrauen und ein kleines, aber gutes Netzwerk von Menschen, die ihnen zugetan sind.
Vor gut einem Jahrhundert begann die Anthroposophie, den Menschen und die Natur in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen zu stellen. Die Idee Rudolf Steiners begründete und inspirierte die Waldorfpädagogik, den biologisch-dynamischen Landbau, die Anthroposophische Medizin und zahlreiche Unternehmen. Auch Weleda wurde in dieser Zeit gegründet. All diese neuen Initiativen hatten eines gemein: Sie sahen und schätzten die Individualität jedes einzelnen Menschen und wollten sie in einen gesunden und positiven Lebenszusammenhang stellen.
Das war auch der Beginn, neu auf die Zeit der Schwangerschaft, Geburt und Kindheit zu blicken. Der Impuls, den Mensch als Ganzes zu betrachten, erweiterte auch das Verständnis dafür, dass Kinder Nähe und Berührungen brauchen und dies gerade für die Kleinsten unverzichtbar ist, um gut auf dieser Welt anzukommen.
Von Beginn an ist jeder Mensch einzigartig. Er steht in einer einmaligen Beziehung zur Welt, zur Natur und zu seinen Mitmenschen und hat ganz individuelle Möglichkeiten, sein eigenes Leben zu gestalten und auch das Leben anderer zu berühren. So wie in einem Samenkorn bereits die Idee der Pflanze enthalten ist, so bringt auch ein Baby sein ganzes Potenzial mit auf diese Welt. Wie eine Pflanze Licht, Wasser, guten Boden und Wärme braucht, damit sie gedeihen kann, brauchen Babys ebenso wenige, aber genauso elementare Qualitäten, um gesund aufwachsen zu können.
Häufig kommen Menschen in der Zeit von Schwangerschaft und Geburt zum ersten Mal in Kontakt mit Weleda Produkten. Wenn die Verantwortung für ein neues Leben entsteht, schauen werdende Eltern plötzlich mit anderen Augen auf ihr eigenes Leben und auf ihr Umfeld. Fragen nach der richtigen Ernährung kommen auf, nach der richtigen Pflege, dem richtigen Lebensrhythmus.
Für dein Kind möchtest du, möchtet ihr nur das Beste. Das ist richtig und nachvollziehbar. Die Frage ist nur: Was ist das Beste? Wir glauben, dass es nicht unbedingt materielle Dinge sind, die Babys brauchen, sondern dass du und dein Partner beziehungsweise deine Partnerin es seid, die dafür unverzichtbar sind. Kann euer Kind darauf vertrauen, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden, hilft ihm das dabei, zu gedeihen und sich gut zu entwickeln. Mit dieser Gewissheit gelingt es eurem Kind, sich auch selbst anzunehmen und wertzuschätzen. So hat es alles Nötige, um gut ins Leben starten zu können.
Wie so oft im Leben kommt es auch im Umgang mit Kindern eher auf das Wie als auf das Was an. Mit den einfachsten Dingen lassen sich die schönsten Momente schaffen, wenn man nur weiß, wie. Oder anders herum: Die raffiniertesten Werkzeuge nützen nichts, wenn man sie nicht kunstvoll anzuwenden versteht. Dieser Gedanke steht auch bei Weleda im Mittelpunkt. Da sind die hochwertigen und natürlichen Inhaltsstoffe wie zum Beispiel Calendula oder Kamille oder reine Pflanzenöle. In besonderen Prozessen verwandeln und verfeinern wir sie so, dass aus ihnen Arzneimittel und Naturkosmetik für ein gesundes Gleichgewicht entstehen.
Mit diesem Buch wollen wir einen Beitrag dazu leisten, wie du als Mutter und ihr als Eltern ein gutes „Wie“ für euch und euer Kind finden könnt. Dafür haben wir Hebammen und andere Expertinnen aus den Bereichen Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit gebeten, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Was sie schildern, sind nur einige von vielen Möglichkeiten, wie Familienleben in der ersten Zeit nach der Geburt glücken kann. Bestimmt wirst du, werdet ihr euren ganz eigenen Weg gehen.
Übrigens: In diesem Buch sprechen wir deinen Partner genauso an wie deine Partnerin oder deine Familie. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle. Damit das Buch gut lesbar bleibt, wirst du jedoch nicht bei jeder Ansprache alle Formen finden, die es gibt. Darin ist keinerlei Wertung enthalten.
Wir wünschen dir viel Freude mit deinem Baby und deiner Familie.
Was du in diesem Kapitel über dein Baby lesen kannst:
→Welche Hüllen es im Mutterleib umgeben →Ankommen in einer grenzenlosen Welt →Warum das Baby Geborgenheit und Sicherheit braucht →Wie du dem Baby neue Hüllen geben kannst→Das Neugeborene kennenlernen
Das Kind, das in deinem Bauch heranwächst, ist dort von vielen verschiedenen Hüllen umgeben. Gebildet haben sie sich mit dem Beginn der Schwangerschaft. Bis zur Geburt schützen, halten und wärmen sie dein Baby, es fühlt sich sicher und geborgen.
„Es braucht Zeit und Nähe, um das Baby kennenzulernen und zu spüren, was es braucht. Es zu verstehen, kommt dann von ganz alleine.“
Die Haut des Kindes ist von der sogenannten Käseschmiere umgeben, die als Schutz vor dem Fruchtwasser dient, in dem das Baby schwimmt. Mit seinem Geschmack und Geruch trägt das milde und basische Fruchtwasser bereits erste sanfte Hinweise auf die Welt in sich, in die das Kind geboren wird. Gedämpft kommen darüber auch die Geräusche aus der Umgebung an dein Kind heran. In erster Linie ist das deine Stimme; das Baby erkennt sie auch nach der Geburt wieder. Die Eihäute bilden eine weitere Hülle, die Fruchtblase. Sie umfasst das wärmende Fruchtwasser und gibt dem Baby eine spürbare und wohltuende Begrenzung. Je mehr dein Kind heranwächst, desto enger wird dieser Raum. In den letzten Wochen vor der Geburt kann es bereits die Gebärmutterwände spüren, die es immer enger umschließen. Sein Sichtfeld ist klein, es sieht das dunkle Rot deiner Haut und Gefäße. Auch dein Becken, das dein Kind in diesen Hüllen hält, bildet mit seinen Knochen einen weiteren Rahmen, in den es sich zur Geburt hin ständig weiter hineinbewegt. Die umliegenden Organe spenden Wärme und sorgen mit ihren Geräuschen für einen klanghaften Raum, der zugleich von Rhythmen bestimmt wird: Deine Verdauung, der Strom des Blutes und dein Herzschlag bilden den akustischen Erfahrungsraum für dein Kind. Die Muskulatur deines Beckens, der Beckenboden, trägt und wiegt das wachsende Kind und hält es fest. Über die Nabelschnur und die Plazenta wird es jederzeit mit Nahrung versorgt; ein Hungergefühl kennt es nicht. Weil dein Kind so eng mit dir verbunden ist, bleibt ihm nicht verborgen, wie es dir geht, es nimmt also an deinem Gefühlsleben teil. Stehen Mütter unter andauerndem massivem Stress, machen sie sich deswegen oft Sorgen um ihr Kind. Tatsächlich steigt unter großer Belastung die Produktion des Stresshormons Cortisol an. Es kann die Nebennieren des Kindes im Mutterleib schädigen, und als Folge kann eine damit verbundene geringe Stresstoleranz entstehen. Was du also fühlst, in welcher Stimmung du gerade bist: All das überträgt sich auch auf dein Kind. Durch den Austausch von Botenstoffen erfährt es, dass es auch negative Gefühle gibt, die aber seine Sicherheit und Existenz nicht gefährden. Dein Herzschlag, das Geräusch deines Atems und der Verdauung sind es, die ihm sagen: Du bist nicht allein.
Kommt dein Baby nach den etwa 40 Schwangerschaftswochen zur Welt, enden das enge Umhülltsein, die allgegenwärtige Versorgung und die täglichen rhythmischen Abläufe in deinem Bauch. Dein Baby findet sich plötzlich in einem unumhüllten, buchstäblich nackten Zustand wieder. Sein Körper ist nicht mehr eng umfasst, das erste Mal spürt es keine Grenzen mehr um sich herum, wenn es allein liegt. Es ist haltlos. Zum ersten Mal sieht es nicht dunkel-gedämpfte Töne von Rotlila, sondern helles Licht und eine Vielfalt an Farben, wenn es auch nur in unmittelbarer Nähe scharf sehen kann. Zum ersten Mal hört es jedes Geräusch ungefiltert von Fruchtwasser. Zum ersten Mal atmet es selbst.
Die Hüllen, die dein Baby geschützt und gehalten haben, sind fort. Doch weil es noch nicht ausgereift ist, wie es Säugetiere normalerweise bei der Geburt sind, braucht es diese Hüllen noch. Um den Reifezustand des Neugeborenen zu beschreiben, prägte der Schweizer Anthropologe Adolf Portmann die Bezeichnung „physiologische Frühgeburt“1. Seine Annahme: Aufgrund der anatomischen Veränderungen im Laufe der Menschheitsgeschichte und insbesondere bedingt durch unseren aufrechten Gang wird das Baby geboren, solange sein Kopf den Geburtsweg noch passieren kann. Es braucht also Zeit, um nachzureifen, und ist auf die Versorgung durch erwachsene Bezugspersonen angewiesen. Das Baby wird daher auch als „Tragling“2 bezeichnet – ein Begriff, der auf das Bedürfnis des engen Körperkontakts hinweist: Das Baby ist weder ein Nesthocker, der bis zur nächsten Fütterung im Nest zurückgelassen werden kann, noch ein Nestflüchter, der sofort zu laufen beginnt. Beim Hochheben zeigt das Baby mit dem Klammerreflex und dem Anziehen der Beine, dass es sich an deinen Körper anschmiegen und daran gehalten werden möchte. In den ersten Wochen nach der Geburt benötigen Babys zum Nachreifen eine Umgebung, die dem Mutterleib ähnlich ist, um in Ruhe auf der Welt anzukommen.
Bereits während der Geburt spielen die Hüllen und die taktilen Erfahrungen, die das Baby dabei macht, eine große Rolle: Durch den rhythmischen Druck auf den Körper des Kindes auf seiner Reise durch den Geburtskanal wird der Kreislauf mobilisiert und Fruchtwasser aus den Lungen gedrückt. Die Reflexe, die durch den Druck hervorgerufen werden, helfen ihm, den Weg durch den Geburtskanal zurückzulegen. Ist ein Baby geboren und wird es mit Körperkontakt und Hautkontakt empfangen, riecht es die von deiner Brust ausgeströmten Pheromone. Sie ähneln dem Geruch des Fruchtwassers und locken das Baby zur Brust. Durch das babygeleitete Anlegen3 und mit etwas Unterstützung kann es sich selbst dorthin bewegen. Über seine Haut kann es deine Brustwarze spüren und sich ihr zuwenden.
Mit der Geburt muss der Organismus deines Kindes jedoch ein neues Verhältnis zur Umwelt ausbilden: Zum ersten Mal erfährt der Körper nun Grenzenlosigkeit, weil die vertrauten Hüllen nicht mehr vorhanden sind. Von der Temperatur des Fruchtwassers von 37,5 Grad Celsius muss sich dein Baby auf eine im Alltag kühlere Raumtemperatur einstellen und erst nach und nach lernen, die Körpertemperatur selbst zu regulieren. Bis auf die Käseschmiere, die vielleicht an einigen Stellen noch vorhanden ist und verrieben wird, fallen die bekannten Hüllen weg. An die Stelle des Fruchtwassers tritt eine neue Hülle: die Kleidung, die das Kind schützen und wärmen soll, gleichzeitig aber auch ein völlig neues Gefühl am gesamten Körper ist. Und es wird umhüllt von euren Armen und körperlicher Nähe. Durch die fehlende Rundumversorgung, die es aus der Zeit der Schwangerschaft kennt, erlebt das Kind nun zum ersten Mal auch körperliches Unbehagen durch Hunger und lernt seine Verdauungsvorgänge kennen. Auch der Schlaf-wach-Rhythmus verändert sich durch die vielen neuen optischen und akustischen Eindrücke, die es verarbeiten muss.
Um all das überhaupt zu bewältigen und sich in dieser so neuen Umgebung Stück für Stück orientieren zu können, ist das Neugeborene auf Hilfe angewiesen. Der französische Gynäkologe und Geburtshelfer Frédérick Leboyer beschreibt diese Unterstützung so: „Ein Kind mit Berührung zu füttern, seine Haut und seinen Rücken zu nähren ist ebenso wichtig, wie seinen Magen zu füllen. Es versöhnt es mit dem Außen. Innen und außen zufrieden … Wieder eins. Frieden.“4
„Ein Kind mit Berührung zu füttern, seine Haut und seinen Rücken zu nähren ist ebenso wichtig, wie seinen Magen zu füllen.Es versöhnt es mit dem Außen.Innen und außen zufrieden … Wieder eins. Frieden.“
NACH DER GEBURT
Damit sich das Baby sicher und geborgen fühlt, könnt ihr ihm eine ähnliche Erfahrungswelt wie in deinem Bauch anbieten.
CREME ERSETZT DIE KÄSESCHMIERE
Vor der Geburt hat die Käseschmiere die empfindliche Haut deines Kindes gewärmt, genährt und geschützt. Auch nach der Geburt brauchen das Baby und seine noch durchlässige Haut Schutz. Cremes und rein pflanzliche Öle natürlichen Ursprungs durchwärmen, pflegen und unterstützen die Haut.
KLEIDUNG STATT FRUCHTWASSER
Ohne wärmendes Fruchtwasser muss sich das Baby an die Umgebung anpassen und lernen, die Körpertemperatur selbst zu regulieren. Kleidung ist dabei für dein Kind wie eine zweite Haut. Sie sollte angenehm weich und wärmend sein. Mache dir beim Kauf der Babysachen bewusst: dein Kind hat nie zuvor Stoff auf der Haut gespürt oder wurde angezogen.
NÄHE SPENDET SCHUTZ DER EIHÄUTE
Die Eihäute als dritte Hülle könnt ihr ganz einfach ersetzen: Seid eurem Kind körperlich nah, wann immer es geht – am besten im direkten Kontakt von Haut zu Haut. Umhüllt und begrenzt von euren Armen fühlt sich das Baby geborgen und geschützt. Ihr wärmt es und helft ihm, allmählich seine Temperatur selbst zu regulieren.
TRAGEN ERSETZT DIE GEBÄRMUTTER
Wie eine geschützte Höhle gibt die Gebärmutter Halt. Nach der Geburt sucht ein Baby danach: Es rudert mit Armen und Beinen, wird unruhig und unsicher. Wird es nicht gehalten, braucht es eine Begrenzung. Im Pucksack, Tragetuch oder der Trage kann es sie spüren.
RESPEKT ERSETZT DAS BECKEN
Halt braucht ein Baby nicht nur körperlich. Als Eltern gebt ihr ihm Halt auch mit eurer Art und eurem Verhalten dem Kind gegenüber. Eure Aufgabe ist es, das Wesen und die Individualität des Kindes zu verstehen und anzunehmen, unabhängig von euren eigenen Erwartungen. So kann es sich entwickeln und entfalten.
ALLTAG SPENDET RHYTHMUS
Dein Baby kommt aus einer Erfahrungswelt, die von Rhythmik gekennzeichnet war: dem Herzschlag, dem Auf und Ab der Atmung. Nach der Geburt gibt ein Rhythmus im Alltag vielen Babys Sicherheit. Nicht starre Zeiten, sondern wiederkehrende Abläufe vermitteln dabei Beständigkeit – dem Baby und euch selbst.
UMGEBUNG ALS ÄUSSERSTE HÜLLE
In deinem Bauch war es nie ganz still. Nach der Geburt fühlt sich das Baby in einer ruhigen Umgebung wohl. Rottöne erinnern es an das sanfte Licht, das es aus deinem Bauch kennt. Auch berührt zu werden kennt es schon, wenn ihr versucht habt, durch deine Bauchdecke hindurch Kontakt mit dem Baby aufzunehmen.
Mit der Geburt ändert sich also so ziemlich alles im Leben deines Kindes. Innerhalb kurzer Zeit verliert es alle Hüllen, die ihm vertraut waren und die es sicher gehalten haben. Als Eltern könnt ihr dem Neugeborenen das Ankommen erleichtern, indem ihr euch an seinen Bedürfnissen orientiert und eine Umgebung schafft, die es einhüllt und ihm vertraut ist, wie etwa sanfte Berührungen, Alltagsgeräusche und vertraute Stimmen. So wird es langsam und Stück für Stück vertraut mit der neuen Welt.
Das wohl wichtigste Gefühl für dein Baby bist du. Und alle anderen, die es umsorgen und immer für es da sind. Weiß das Baby sich in der Nähe seiner Bezugspersonen, fühlt es sich sicher, denn es kann mit Signalen auf sich aufmerksam machen, ist sich sicher, dass diese wahrgenommen und seine Bedürfnisse befriedigt werden, und spürt so, dass ihm keine Gefahr droht. Sicherheit vermittelt zu bekommen ist im ersten Jahr ein wesentliches Element für das Wohlbefinden deines Babys. Aus dieser Sicherheit heraus entwickelt es sich, wird selbstständig, erkundet die Welt und kommt wieder zurück, wenn es Nähe braucht. In den ersten Wochen und Monaten bildet sich das Gefühl dafür aus, dass ihr als Eltern der sichere Hafen seid, von dem aus Neues entdeckt werden kann.
Sich sicher zu fühlen heißt für das Baby zunächst einmal, seinen Bezugspersonen körperlich nah zu sein: Umhüllt von den Armen von Mutter oder Vater, an sie geschmiegt im Bett oder in einem Tragetuch oder in eine Tragehilfe gehüllt, fühlt sich das Baby geborgen und wird durch den Körperkontakt gewärmt. Gerade anfangs ist es für das Baby noch schwer, die eigene Körpertemperatur selbst zu regulieren. Der Körperkontakt kann es dabei unterstützen. Natürlich ist es nicht möglich, rund um die Uhr im Körperkontakt zu sein, und natürlich sollten Eltern ihre eigenen Bedürfnisse nicht vergessen. Dazu gehört es, in Ruhe zu duschen, auf die Toilette zu gehen und auch in einer entspannten Körperhaltung essen zu können. Und doch ist so viel Körperkontakt wie möglich für das Neugeborene wichtig. Wird das Baby nicht am Körper der Eltern oder anderer Personen gehalten, fehlt ihm Begrenzung und es fühlt sich schnell unwohl.
Auch andere Menschen, die dir nahestehen, können deinem Kind Geborgenheit geben. Es spricht nichts dagegen, das Baby von verschiedenen Armen umhüllen zu lassen. Kinder profitieren von Anfang an davon, wenn sie von mehreren Menschen versorgt werden und das zarte Band der Bindung zu verschiedenen Menschen geknüpft werden kann. Die Bindung an dich und deinen Partner wird dadurch nicht gestört: Sichere Bindungsbeziehungen sind nicht auf eine bestimmte Anzahl von Menschen begrenzt. Wird dein Kind von weiteren Bezugspersonen liebevoll umsorgt, werden seine Bedürfnisse wahrgenommen und erfüllt, fühlt es sich sicher und geborgen.
Wenn dein Kind nach der Geburt auf dir liegt, Haut an Haut, kannst du die Hülle, die es bisher direkt umgeben hat, noch gut spüren: die Käseschmiere. Im Mutterleib hat die weiße Schicht die empfindliche Haut deines Kindes davor bewahrt, vom Fruchtwasser durchweicht zu werden. Sie wärmt und nährt die Haut, und ihre antibakteriellen Eigenschaften schützen zusätzlich. Du musst sie also nicht abreiben. Wenn du sie mit sanften Bewegungen auf der Haut deines Kindes verteilst, kann sie besser einziehen. Babyhaut ist übrigens viel dünner als die Haut eines Erwachsenen und hat noch keinerlei Schutzmechanismen entwickelt. Der Säureschutzmantel entsteht erst nach und nach in den ersten Wochen nach der Geburt. Auch aus diesem Grund ist es wichtig, die Vernix, wie die Käseschmiere auch genannt wird, nicht abzuwaschen. Nach etwa zwei Tagen ist sie in der Regel vollständig in die Haut eingezogen. In Hautfalten wie unter den Achseln, an den Ärmchen und Beinchen bleiben oft Reste. Was nach fünf Tagen noch nicht eingezogen ist, solltest du mit etwas hochwertigem und reinem Pflanzenöl entfernen. Sonst entzünden sich die Stellen, da die Vernix auch eine Brutstätte für Bakterien ist, welche die noch unreife Haut angreifen können.
Ist die Käseschmiere weg, braucht dein Baby eine Hülle, die es schützt. Weil das Fettgewebe der Unterhaut noch nicht ausreicht, um das Baby vor Kälte zu schützen, und die Hautschutzbarriere noch wesentlich durchlässiger ist als die Haut eines Erwachsenen, ist eine Babypflege, die wärmt und vor Keimen schützt, wichtig, denn über die Haut nimmt das Baby Kontakt zu seiner Umwelt auf. Es verarbeitet fast alle Außenreize über seine Haut und ist in der Lage, sich selbst zu fühlen. Bei der täglichen Babypflege können Eltern den kleinen Organismus in seiner Entwicklung unterstützen und anregen. Verwendest du Pflegeprodukte, deren Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs sind, wie etwa Pflanzenöle, kannst du damit die Babyhaut in ihrem Aufbau unterstützen – zum Beispiel mit der Ringelblume, auch Calendula genannt: Während sie wächst, nimmt sie das Licht und die Wärme des Sommers auf. Wird sie anschließend auf schonende Weise verarbeitet, trägt sie diese Lebenskraft noch immer in sich. Synthetisch hergestelltes Öl oder Mineralöl dagegen ist für den gesunden menschlichen Organismus wertlos.
Nach der Geburt ist die Kleidung eine wichtige Hülle für dein Kind. So weich und warm, wie das Fruchtwasser war, so angenehm weich und wärmend sollte auch sie sein, damit das Baby sich in dieser zweiten Haut wohlfühlt.
„Rudert das Baby mit Armen und Beinen, sucht es die Begrenzung der Gebärmutter.“
Nie zuvor hat es Stoff auf der Haut gespürt, nie zuvor wurde es angezogen. Führst du dir das vor Augen, verstehst du, weshalb ihr die Kleidung für das Baby mit Bedacht auswählen solltet: Sie sollte bequem sein und dein Kind auf keinen Fall einengen. So niedlich es auch erscheinen mag, das Baby in eine kleine Jeans zu stecken oder ein niedliches Kleidchen: Für viele Kinder ist das unbequem. Nähte drücken beim Liegen auf der Haut, der Bund einer Hose kann am Bauch drücken oder am gerade abheilenden Bauchnabel scheuern. Kleider verschieben sich oft durch die Bewegungen des Babys und bilden dann Falten am Rücken, auf denen das Baby unbequem liegt. Was du deinem Baby anziehst, sollte also die empfindsame Haut nicht irritieren oder durch synthetische Inhaltsstoffe, Etiketten oder Ähnliches stören. Achte auch darauf, dass Knöpfe nicht direkt auf der Haut liegen. Am besten eignen sich Materialien wie naturbelassene Baumwolle oder Wolle und Seide natürlichen Ursprungs, die die Haut atmen lassen, temperaturausgleichend sind und das Baby dabei nicht einengen. Keine Sorge bei gebrauchten Kleidungsstücken: Getragene Kleidung wurde schon oft gewaschen und ist damit eher frei von eventuell vorhandenen Schadstoffen; außerdem ist sie preiswerter als Neuware, vor allem bei Bioqualität.
Weil der Kopf der größte Körperteil des Babys ist und die Fontanelle darauf noch geöffnet ist, verlieren Babys über den Kopf noch viel Wärme. Du kannst dein Kind in der ersten Zeit auch innerhalb der Wohnung mit einer weichen Haube davor schützen, dass es friert. In den ersten Lebenswochen versorgt der Körper erst den Rumpf und dann die Extremitäten. Da der Körper die Wärme noch nicht halten kann, helfen Pulswärmer den Kleinsten dabei. Aus Wolle für die Hand- und Fußgelenke sind sie ebenfalls schöne Wärmespender. Am Fuß ermöglichen solche Pulswärmer nach der Wochenbettzeit, wenn das Baby schon besser die Körpertemperatur hält, dass es barfuß sein kann und trotzdem warme Füße hat. Babys führen zur Beruhigung gerne die Fußsohlen aneinander – sind sie barfuß, können sie ihre Füße gut spüren und bewegen.
In der sicheren Umarmung deiner Gebärmutter gedeiht das Baby und findet Halt. Bewegt es sich, fühlt es überall eine Begrenzung. Wie in einer geschützten Höhle verbringt das Baby in dieser Geborgenheit viele Monate. Auf der Welt angekommen, fehlt diese Umgebung augenblicklich. Auf der Suche danach rudern Babys mit Armen und Beinen. Dafür müssen sie viel Energie aufwenden, werden unruhig und unsicher. Körper und Arme der Eltern bilden eine natürliche Grenze, die den notwendigen Halt gibt. Dort fühlt sich das Baby sicher geborgen. Auch wenn es nicht gehalten oder getragen wird, sondern allein liegt, braucht dein Kind eine Begrenzung, um sich sicher zu fühlen. In einem nicht zu weit geschnittenen Pucksack etwa spürt es, dass es mit den Beinchen gegen eine Begrenzung strampelt. Viele Babys genießen diese Enge. Der Puck wird unterhalb des Brustkorbs angelegt und die Beine des Babys werden eng umschlagen. Ist das Baby eingeschlafen, wird der Puck gelöst. Dieses Ritual kann für das Baby auch angenehm sein, um zur Ruhe zu kommen und einzuschlafen. Du kannst dazu auch ein Mulltuch oder eine dünne Decke verwenden, die du leicht um dein Kind wickelst. Weniger geeignet ist ein Nest aus einem Stillkissen. Dort kann die Luft nicht ungehindert zirkulieren, außerdem sind die meisten Kissen mit synthetischen Materialien gefüllt. Wenn du unterwegs bist, ist ein Tragetuch oder eine Trage eine gute Hilfe. So ist das Baby geborgen und nah bei dir und kann die vielen neuen Eindrücke verarbeiten.
Der Mutterkuchen, die Plazenta, ist durch die Nabelschnur mit deinem Kind verbunden und versorgt es in der Schwangerschaft mit Nahrung und Sauerstoff, damit es wachsen und gedeihen kann. Ohne Hunger zu haben, ist es immer optimal versorgt. Schon direkt nach der Geburt ist es einfach für dich, dieses Bedürfnis zu stillen. Ihr bringt beide alles mit, was es dazu braucht. Die erste Stunde nach der Geburt ist die magische Stunde. In dieser sogenannten „magic hour“ nutzt dein Kind frühkindliche Reflexe, um zu deiner Brust zu gelangen. Wie alle Säugetiere kennen Babys den Weg dorthin. Wenn du eine zurückgelehnte Position einnimmst und dabei Haut-zu-Haut-Kontakt mit dem Baby hast, erleichtert das ihm und dir das Stillen enorm. Keine Sorge: Das ist ganz einfach und du kannst dabei auch nichts falsch machen. Wie das genau geht, kannst du im Kapitel übers Stillen lesen. Auch wenn du dein Kind aus verschiedenen Gründen nicht stillst, kannst du beim Füttern mit Hilfe des Hautkontakts sein Bedürfnis nach Nähe befriedigen.
Während der Schwangerschaft sorgen die dünnen, feinen Häute der Fruchtblase dafür, dass das Fruchtwasser nicht abfließen kann, und schützen dein Kind vor äußeren Einflüssen. Nach der Geburt sind sie leicht zu ersetzen: Ihre Funktion übernehmen jetzt Bezugspersonen wie du und alle, die das Kind schützen, lieben und umsorgen. All das, was es braucht, damit sich das Kind gut entwickelt, bringen Eltern schon mit.
→WIE URVERTRAUEN ENTSTEHT
Die Bindung zwischen Kind und Eltern gleicht einem Band, das zwischen ihnen gespannt ist. Ist es anfangs noch ein dünner Faden, wird er von beiden Seiten immer kräftiger gesponnen: von den Bezugspersonen zum Kind und umgekehrt. Die Enden beeinflussen sich dabei gegenseitig. Für dein Baby ist Bindung zunächst vor allem ein Schutzsystem. Zwar ist es von Anfang an mit Fähigkeiten ausgestattet, aber es kommt insgesamt doch recht hilflos zu uns auf die Welt und ist darauf angewiesen, dass ihr euch seiner annehmt. Wird es feinfühlig umsorgt, bildet sich das Vertrauen in ihm aus, dass es sicher und beschützt ist – ein Urvertrauen, das den Weg ebnet zu einer sicheren Bindung. •
Feinfühligkeit etwa ist für den Aufbau der Beziehung eine wichtige Zutat. Sie bedeutet, dass Eltern die Bedürfnisse ihres Babys wahrnehmen, richtig interpretieren und dann angemessen darauf reagieren. Anfangs ist das nicht so einfach, aber durch Erfahrung gelingt es immer besser. Wendet dein Baby beispielsweise den Kopf suchend hin und her, öffnet den Mund und saugt an der eigenen Hand, ist das ein Zeichen für Hunger. Als Elternteil weißt du nun, dass dein Baby Nahrung braucht, und bietest sie ihm entsprechend seinem Bedarf an. Dadurch wird das Bedürfnis des Babys befriedigt, es fühlt sich wohl und weiß, dass es von dir sicher umsorgt ist. Durch diese prompte und sichere Versorgung kann es eine sichere Bindung aufbauen. Habt keine Sorge, wenn ihr die Bedürfnisse des Babys anfangs nicht so leicht und auf Anhieb versteht: Das Bindungssystem ist dynamisch und vollzieht sich über einen längeren Zeitraum. In den ersten drei Lebensjahren wird die Art des Bindungsmusters gefestigt. Eltern und Kind haben also Zeit, sich gut aufeinander einzuspielen, auch wenn zunächst nicht alles reibungslos klappen sollte. Die Bindung kannst du dir wie ein Band vorstellen, das Eltern und Kind verbindet. Anfangs ist es noch dünn, doch beide Seiten arbeiten beständig daran, es fest und widerstandsfähig zu machen, und beeinflussen sich gegenseitig. Für dein Baby ist Bindung zunächst ein Schutzsystem: Zwar sind Babys von Anfang an mit Kompetenzen ausgestattet, aber sie kommen insgesamt recht hilflos zu uns auf die Welt und sind darauf angewiesen, umsorgt zu werden. Tun wir das feinfühlig, bildet sich ein Vertrauen in ihnen aus, dass sie sicher und beschützt sind: ein Urvertrauen, das den Weg ebnet für eine sichere Bindung.
Schon in der Schwangerschaft beginnt eine Wechselwirkung zwischen dir und deinem Baby: Die Erfahrungswelt der Mutter überträgt sich an vielen Punkten auf das Baby. Verändern sich etwa Blutdruck, Herzschlag oder Hormone bei dir, reagiert dein Kind darauf – ein erstes Wechselspiel der sogenannten Ko-Regulation findet statt.5 Das bedeutet, dass Babys von Anfang an über bestimmte Prozesse oder Abläufe verfügen, die dafür sorgen, dass innere Vorgänge gesteuert werden können. Beginnt dein Baby beispielsweise an seiner Hand zu saugen, versucht es dadurch, sich zu beruhigen. Weint dein Baby, solltest du allerdings unmittelbar reagieren und es nicht ignorieren. Es ist keine passende Reaktion auf sein Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit, das Baby bei Tag oder Nacht weinend liegen zu lassen, damit es sich ans Alleinsein gewöhnt. Weil die Instinkte Neugeborener seit Jahrtausenden praktisch unverändert sind, weiß dein Baby nicht, dass es sich in einer sicheren Umgebung wie dem Schlafzimmer oder dem Kinderwagen befindet. Es fühlt und verhält sich, als wären Leib und Leben in Gefahr, wenn es sich allein fühlt oder wenn nicht unmittelbar auf seine Äußerungen reagiert wird, wenn du es ablegst oder allein lässt. Auch wenn das Baby nach einiger Zeit aufhört zu weinen, bedeutet das nicht, dass es sich selbst regulieren kann oder verstanden hat, dass es auch alleine in Sicherheit liegen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Die alten Instinkte bewirken ein Not-Aus, um Ressourcen zu schonen und keine wilden Tiere auf sich aufmerksam zu machen. Babys schlussfolgern dann, dass ihre Bedürfnisse nicht wichtig sind und nicht gehört werden.
Anfangs sind die Fähigkeiten des Babys, selbst für Ruhe und Entspannung sorgen zu können, also noch begrenzt. Damit sie weiter wachsen können, ist die natürliche Entwicklung des Kindes ebenso von Bedeutung wie das Einwirken der Eltern oder anderer Bezugspersonen: Sie unterstützen das Baby darin, die eigene Regulation zu ermöglichen, und zeigen gleichzeitig Wege auf, die das Kind in den kommenden Jahren verinnerlicht. So gelingt es ihm nach und nach, sich selbst besser unterstützen zu können. Kinder sind deswegen bis in die Schulzeit hinein darauf angewiesen, dass Bezugspersonen sie beim Regulieren ihrer Gefühle unterstützen.
Ko-Regulation ist also wichtig für dein Baby, weil sie beim Aufbau der Beziehung hilft. Gleichzeitig kommt es mit Fähigkeiten auf die Welt, die beim Anbahnen der Bindung zwischen Eltern und Kind hilfreich sind. Das Aussehen und das Verhalten deines Babys sorgen dafür, dass dein Körper mit Oxytocin, Dopamin und endogenen Opioiden des Belohnungssystems eine Reihe von Hormonen ausschüttet, die zu Wohlgefühl und Fürsorge führen.6 So wird von beiden Seiten am Band der Bindung gesponnen.
Ihr als Eltern seid zusammen mit den anderen Bezugspersonen diejenigen, die die Bedürfnisse des Babys erfüllen und ihm damit Sicherheit vermitteln. Freut sich das Baby und ist es zufrieden, unterstützt dich das darin, dich kompetent zu fühlen. Viel gemeinsame Zeit und Ruhe, Entspannung und Körperkontakt tragen auch dazu bei. Wenn du vielleicht nicht jedes Bedürfnis richtig interpretierst, ist das nicht schlimm und für die Entwicklung des Kindes auch normal. Diese kleinen „Fehler“ geben dem Baby den Raum, zu versuchen, sich selbst zu regulieren,7 wie es das auch schon im Mutterleib begonnen hat. So lernt es mit der Zeit, Stress mit Selbstwirksamkeit, also dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, und Toleranz zu begegnen. Es schadet eurer Beziehung also nicht, wenn ihr nicht alles richtig macht, sondern das ist auch für das Baby völlig normal und in Ordnung.
Winzig, zart und warm liegt euer Baby in euren Armen. So schutzlos, wie es scheint, wollt ihr dieses kleine Wesen nach Kräften umsorgen. Und doch fragt ihr euch vielleicht, wie das eigentlich geht. Was braucht ein Baby in den ersten Tagen, Wochen und Monaten von euch? Zumal eure elterlichen Gefühle gerade jetzt ganz unterschiedlich sein können: von der Liebe auf den ersten Blick über Verunsicherung bis hin zu Furcht oder sogar Gefühllosigkeit. Macht euch deswegen keine Sorgen: Gefühle brauchen Zeit. Lasst das Baby erst einmal in eurer Mitte ankommen. Dafür ist es auf Unterstützung angewiesen. Gebt ihm das, was es dafür unmittelbar braucht: Schutz. Das gelingt ganz einfach: Euren Schutz kann das Baby fühlen, wenn ihr es in eure Hände nehmt und es an eurem Körper habt. Indem ihr euer Kind wärmt, haltet und nährt, werdet ihr feststellen, dass es zwar eurer Fürsorge bedarf, zugleich aber auch selbst schon viele Kompetenzen besitzt. Mit dieser Gewissheit stellen sich eure Gefühle für das Baby allmählich und ganz von alleine ein.
Viele Eltern denken, dass sie ihr Baby von der ersten Sekunde an unendlich lieben müssten, und haben Schuldgefühle, wenn sich das entsprechende berauschende Gefühl, von dem sie so viel gehört haben, nicht sofort einstellt. Dabei gilt hier wie für viele andere Beziehungen: Wir alle gehen unterschiedliche Wege – auch mit unseren Kindern. Für einige mag sofort das Gefühl der Liebe und Verbundenheit vorhanden sein, für andere entwickelt es sich erst mit der Zeit. Und Zeit ist ein wichtiger Faktor beim Aufbau der Beziehung.
Um zu verstehen, was Babys gerade am Anfang brauchen, um sich besonders wohlzufühlen, hilft ein Blick auf ihre Erfahrungswelt vor der Geburt. Sie bestimmt den gesamten Erfahrungsschatz des neugeborenen Kindes. Wird es geboren, ist alles, was es nun erlebt, vollkommen neu. Die Ankunft auf der Erde könnt ihr euch vorstellen wie die Reise in ein unbekanntes, fremdes Land mit anderen Temperaturen, anderer Nahrung, anderen Ritualen und Abläufen, einer anderen Sprache. So wie ihr euch in einer vergleichbaren Situation wünscht, achtsam abgeholt und in den neuen Erfahrungsraum hineinbegleitet zu werden, tut es auch euer Baby. Es braucht umsorgende und liebevolle Bezugspersonen, die es Schritt für Schritt mit der neuen Welt vertraut machen. Dabei gilt es zunächst, für die Umgewöhnung so viel Vertrautheit herzustellen wie nur irgend möglich.
Während der Schwangerschaft wird das Baby im Bauch gehalten und getragen. Auch nach der Geburt halten und tragen es die Eltern nicht nur körperlich, sondern auch mit ihrer Art und ihrem Verhalten dem Baby gegenüber. Sie haben vermutlich eine bestimmte Vorstellung von dem Kind, das da im Mutterleib wächst. In den Wochen und Monaten nach der Geburt stellen sie nicht selten fest, dass es sich gelegentlich anders verhält als gedacht, denn Kinder kommen nicht als unbeschriebene Blätter zu uns; sie bringen ein eigenes Temperament mit, das sich mehr und mehr zeigt, etwa auch in bestimmten Vorlieben und Abneigungen. Eure Aufgabe als Eltern ist es, das Wesen eures Kindes und seine ganz eigene Art zu verstehen, anzunehmen und ihm dabei zu helfen, sich zu entwickeln und zu entfalten. Das hört sich zugleich einfach und schwer an. Einfach, weil Eltern sich gar nicht darum bemühen müssen, aus dem Kind irgendjemanden zu machen, da das Kind ja schon jemand ist
