Das Werk des Uhrmachers - Bernhard Hayo - E-Book

Das Werk des Uhrmachers E-Book

Bernhard Hayo

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Beschreibung

1799 Der angesehene Wiener Uhrmacher Philipp Jürgens beschäftigt sich neben seinem Uhrmacherhandwerk auch mit technischen Erfindungen. Dabei werden politische Kreise auf eine besondere Maschine aufmerksam, an der Philipp seit Längerem arbeitet. Einer der Interessenten ist der Comte de Lavalette, den Philipp während seiner Gesellenzeit in Paris kennen gelernt hat. Dieser ist inzwischen zu einem engen Vertrauten Napoleons aufgestiegen. In Wien erfährt auch der junge, aufstrebende Diplomat Klemens Wenzel Lothar von Metternich von Philipps Erfindung. Es entspinnt sich ein Wettlauf um die Erfindung, die die politische Ordnung Europas entscheidend beeinflussen könnte. Als Philipp eines Tages spurlos verschwindet, ruft seine Frau Henriette ihren Bruder, den Arzt Leander Fabrizius zu Hilfe. Dieser begibt sich auf die Suche und gerät unvermittelt in die Verwicklungen der europäischen Machtpolitik. Im Umfeld um die Geschehnisse des Rastatter Kongresses und des bis heute nicht aufgeklärten Rastatter Gesandtenmordes entspinnt sich eine spannende und mitreißende Geschichte um Liebe, Freundschaft, Politik und Erfindungsgeist.

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dem Andenken meines Vaters Hermann Hayo, dem genialen Uhrmachermeister, Erfinder und Menschen

„Wenn ich die Folgen geahnt hätte, wäre ich Uhrmacher geworden.” (Albert Einstein)

Inhaltsverzeichnis

Das I. Kapitel

Das II. Kapitel

Das III. Kapitel

Das IV. Kapitel

Das V. Kapitel

Das VI. Kapitel

Das VII. Kapitel

Das VIII. Kapitel

Das IX. Kapitel

Das X. Kapitel

Das XI. Kapitel

Das XII. Kapitel

Das XIII. Kapitel

Das XIV. Kapitel

Das XV. Kapitel

Das XVI. Kapitel

Das XVII. Kapitel

Das XVIII. Kapitel

Das XIX. Kapitel

Das X. Kapitel

Das XXI. Kapitel

Das XXII. Kapitel

Das XXIII. Kapitel

Das XXIV. Kapitel

Das XXV. Kapitel

Das XXVI. Kapitel

Das XXVII. Kapitel

Nachwort

Der Fiaker bog in den Neuen Markt ein und nahm die Richtung zum Palais Schwarzenberg. Dieses an ein Schloss erinnerndes, repräsentative Gebäude beherbergte das Zentrum des Wohlstandes und politischen Einflusses der Stadt.

Der Brief, den der Bote abgegeben hatte, war kurz und eindeutig gewesen:

Lieber Philipp,

ich bin für zwei Tage aus dienstlichem Anlasse in Wien. Es würde mich freuen, wenn du mich heute Abend besuchen könntest. Wir könnten bei einer guten Flasche Wein von alten Zeiten plaudern. Ich erwarte dich im Palais Schwarzenberg.

Dein Freund Antoine Marie

Philipp Jürgens hatte Antoine Marie Chamans comte de Lavalette als kleinen Jungen in Paris kennengelernt. Über die Jahre waren die beiden gute Freunde geworden und Antoine hatte immer wieder die Gelegenheiten, die sich boten, seinen Freund zu treffen, für ein gemütliches Beisammensein genutzt.

So zum Beispiel bei einem geschäftlichen Besuch Philipps, der sich als Uhrmacher einen Namen gemacht hatte, in Paris: „Weißt du, lieber Philippe“, erzählte an jenem Abend der Freund, „ich war General Bonaparte nach Italien gefolgt, um in seinen Reihen zu dienen. Du weißt ja, dass ich nach meiner Tätigkeit als königlicher Bibliothekar die Ideen der Revolution mit Interesse verfolgte. Aber das grausame Vorgehen gegen das Königshaus und die Anhänger des Königs hat mir nicht gefallen.“

Philipp kannte diese Stationen aus Antoines Leben von früheren Treffen. „Ja“, kommentierte er den Bericht seines Freundes. „Und dann warst du bei der Rheinarmee. Das waren sicherlich aufregende Zeiten.“

„Das kannst du mir glauben. Ich bin dann nach Italien zu Napoleons Heer gegangen. Dort wurde ich Kapitän und Adjutant Napoleons an Stelle des gefallenen Muiron.“

Antoine erzählte Philipp stets gerne von seiner Nähe zu Napoleon, und dieser war beeindruckt, dass sein junger Freund das Vertrauen dieses aufstrebenden und bereits sehr einflussreichen Generals der großen französischen Armee genoss. Von diesem erhielt Antoine auch immer wieder besondere Aufträge. So hatte Napoleon ihn mit zum Rastatter Kongress genommen.

Hier hätte in langwierigen, jedoch überwiegend erfolglosen Verhandlungen die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich durchgesetzt werden sollen. Bereits nach kurzer Zeit aber hatte Napoleon, gelangweilt von den Verhandlungen, Rastatt verlassen. Lavalette aber ließ er dort, damit dieser ihn über die Vorkommnisse in Rastatt und das Verhalten der Deputierten des Direktoriums unterrichten konnte.

Zu den französischen Gesandten hatte Napoleon ein gespaltenes Verhältnis. Aber das beruhte auf Gegenseitigkeit: Sie mochten Antoine nicht, denn sie ahnten, warum Bonaparte seinen Vertrauten hiergelassen hatte. Antoine Bonnier d'Alco, der Rechtsanwalt Jean Antoine Debry, Claude Roberjot, ein ehemaliger Priester und der Generalsekretär Heinrich Karl Rosenstiel sollten während dieses preußisch-österreichisch-französischen Friedenskongresses in Rastatt über Fragen verhandeln, die sich aus dem Frieden von Campo Formio von 1797 ergeben hatten.

Von Rastatt aus hatte Antoine Philipp einige kurze Briefe geschrieben, um ihn zu informieren, wo er gerade weilte. Es waren meist Berichte über das Leben in der kleinen Residenzstadt, aber immer wieder klang zwischen den Zeilen durch, welche Intrigen, Geheimverhandlungen, verdeckte Abmachungen und heimliche Treffen stattfanden. Antoine war stets wach und zwischen den Fronten der Delegationen aktiv.

Es war also nicht außergewöhnlich, dass er mit diplomatischem Auftrag Philipps Heimatstadt Wien besuchte und die Gelegenheit nutzte, sich mit dem alten Freund zu treffen. Es würde sicher ein angenehmer Abend mit vielen Erinnerungen und Erzählungen werden. Meist arteten diese unkomplizierten und unprätentiösen Treffen in ein lustiges kleines Gelage mit hervorragendem Wein aus.

Das Palais Schwarzenberg war eine der vornehmsten Adressen Wiens. Hier übernachteten Staatsgäste und Fürsten aus ganz Europa, gaben Empfänge, veranstalteten Konzerte und führten konspirative Treffen durch.

Der Fiaker bog ein, fuhr die breite, geschwungene Rampe nach oben und hielt vor dem Portal. Ein livrierter Diener sprang dienstfertig herbei, öffnete den Wagenschlag, half Philipp beim Aussteigen und fragte fast beiläufig: „Herr Jürgens?“

Philipp bejahte und wurde hineingeleitet, wo er von einem weiteren Diener empfangen wurde.

„Monsieur le comte bedauert zutiefst“, sagte dieser mit unterwürfiger Geste und einer tiefen Verbeugung. „Er wurde ganz kurzfristig in dringlichster Mission abberufen und darum bittet er Sie, einstweilen mit der Gesellschaft der gnädigen Madame de Lavalette vorliebzunehmen.“

Philipp zuckte zusammen. Émilie war hier? Er hatte die junge, bildschöne Émilie Louise Beauharnais im letzten April, also vor einem Jahr, anlässlich ihrer Hochzeit mit Antoine kennengelernt und war sofort von der vornehmen Erscheinung dieser Frau eingenommen gewesen. Heimlich hatte er sich ein wenig in diese edle Schönheit verliebt und immer, wenn er in ihre Nähe kam, spürte er eine peinliche Beklemmung, obgleich er seinen Freund zu dieser Liaison beglückwünschte.

Philipp liebte seine Frau Jette über die Maßen, umso mehr schämte er sich für die romantischen Gefühle, die er für die Frau des Freundes hegte.

Jetzt sollte er also Émilie wieder treffen – allein! Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Sie würden sich sicher in Höflichkeiten ergehen. Émilie würde ihm von Antoine und seinen Aufgaben an der Seite Bonapartes erzählen. Er würde sie fragen, wie es sich jetzt in Paris lebte. Auch nach seinem alten Kollegen Breguet würde er sich erkundigen. Vielleicht kannte sie ja die Werkstatt des inzwischen berühmten Uhrmachers.

Sie hingegen würde ihn sicher nach Henriette und der kleinen Tochter fragen und dann könnte er stolz von seiner Familie erzählen und von den Erfolgen, die er inzwischen als Uhrmacher hatte erringen können. Man würde heiße Schokolade, höchstenfalls einen Likör trinken, und vielleicht eine Kleinigkeit essen.

Mit diesen Gedanken sah Philipp dem unerwarteten Treffen nun doch beruhigt und freudig entgegen.

Der Diener führte ihn die große Treppe der Eingangshalle hinauf, wo sie sie in einen Seitengang abbogen. Nach wenigen Schritten blieb der Diener stehen und wies mit einem leichten Kopfnicken auf die ornamentgeschmückte Tür am Ende des Flurs. Philipp ging weiter und sah, dass die Tür nur angelehnt war. Nach einem kurzen Zögern klopfte er an und trat ein. Im Halbdunkel des weitläufigen Zimmers schlug ihm ein betörender Duft entgegen, wie er ihn immer nur in Gegenwart vornehmer Frauen wahrgenommen hatte.

Dann sah er sie: Émilie stand am gegenüberliegenden Ende des Zimmers an einem leicht geöffneten Fenster. Sie schien nur mit einem hauchdünnen Gewand bekleidet, das sich vom Windhauch, der durch das Fenster wehte, wie spielend um ihren schlanken Körper bewegte. Das Gegenlicht einiger weniger Kerzen auf einem kleinen Tisch offenbarte, dass sie unter dem dünnen, durchscheinenden Gewand unbekleidet war.

Noch ehe Philipp etwas sagen konnte, gebot sie ihm mit verführerisch samtener Stimme: „Nimm bitte Platz“, und wies, ohne sich zu ihm umzuwenden, auf einen bereitstehenden, breiten Sessel.

Philipp war aufgeregt und spürte seinen heftigen Herzschlag. Unfähig, gleich zu antworten, befolgte er die Bitte. Er atmete durch und sah Émilie mit schwingenden Bewegungen auf sich zukommen. In der Hand hielt sie ein Glas mit dunklem Rotwein, welches sie ihm reichte. Im Gegenlicht der Fenster erschien sie ihm nur als dunkle Silhouette.

Ihr ebenmäßig schönes und freundliches Gesicht, das Philipp vom letzten Zusammentreffen in Erinnerung hatte, konnte er nur erahnen. Allerdings zeigten die Formen, die sich unter dem dünnen, schleierartigen Gewand abzeichneten, einen makellos geformten Körper mit atemberaubend weichen Rundungen.

Philipp stockte der Atem. Was sollte er tun? Aufstehen und gehen? Etwas sagen? Aus seiner Zeit in Paris wusste er, dass dort die Damen bis in die höchsten Kreise es mit der ehelichen Treue nicht so genau nahmen. Und auch in Wien kursierten allerlei Gerüchte über die amourösen Abenteuer in der oberen Gesellschaftsschicht: Grafen, die sich Mätressen hielten, Geheimräte und Professoren, die bei den Damen des zwielichtigen Gewerbes ein und aus gingen.

Ja, all das wusste er. Aber er konnte nicht glauben, dass Émilie, die Frau seines guten Freundes, sich solcherlei Ausschweifungen hingab. Zudem war er seiner Jette stets treu und in Liebe zugetan, sodass ihm solcherlei Gedanken absolut fremd waren. Umso überraschter war er über die sich ihm bietende Situation.

Er brachte vor Verlegenheit keinen Ton heraus und nahm, ohne Émilie zu begrüßen, einen kräftigen Schluck aus dem angebotenen Glas. Fast unmittelbar darauf fühlte er eine seltsame Wärme in sich aufsteigen, die er zunächst seiner Verlegenheit zuschrieb. Die Frau, die vor ihm stand, und die er für Émilie, die Ehefrau seines Freundes hielt, baute sich breitbeinig vor ihm auf. Das hauchdünne Gewand glitt von der glatten Haut ihres makellosen Körpers lautlos und schwebend zu Boden.

Was dann geschah, konnte er sich weder erklären, noch konnte er sich dagegen wehren. Sein Körper war wie gelähmt. Sein Blick verschleierte und Arme und Beine verwehrten ihm die Gefolgschaft.

Die Frau setzte sich rittlings auf seinen Schoß. Er spürte, wie sie seinen Kopf ergriff und gegen die weichen, nackten Brüste drückte. Dann küsste sie ihn leidenschaftlich. Er wollte sie von sich wegschieben, aber er war nicht einmal zu der kleinsten Bewegung fähig. Sein ganzer Körper fühlte sich plötzlich an, als würde er von einer bleiernen, heißen Flüssigkeit durchströmt. Dann fühlte Philipp, wie ihm die Sinne schwanden.

Ein kühler Windzug, der durch das offene Fenster hereinzog, weckte ihn. Nur spärlich mit einem Zipfel des Lakens bedeckt lag er nackt in einem breiten Bett. Er erschrak. Was war geschehen? Allmählich dämmerte ihm der Verlauf des gestrigen Abends und es überlief ihn heiß: Jette!

Was sollte er ihr erzählen? Dass er sie mit der Frau seines Freundes betrogen hatte? Nein, das war unmöglich! Bruchstücke des Vorabends erschienen vor seinem inneren Auge. Jetzt war er sicher, dass das gestern nicht Émilie gewesen sein konnte. Vielleicht war ja alles nur Einbildung? Hatte er zu viel getrunken und alles war nur ein Traum, eine üble Halluzination? Große Scham und Ratlosigkeit machten sich in ihm breit.

Mit brummendem Schädel mühte er sich aus dem Bett und suchte seine Sachen zusammen, die verstreut im Zimmer lagen. Nachdem er wieder einigermaßen ordentlich angekleidet war, fasste er sich und ging mit zitternden Knien zur Zimmertür. Draußen traf er auf den Diener, der ihm mit versteinerter Miene einen Brief in die Hand drückte und ihm den Weg zur Treppe wies.

„Ein Fiaker wartet draußen“, rief er ihm hinterher.

Schwankend beeilte Philipp sich, nach draußen zu kommen. Am unteren Ende der Treppe drehte sich sein Magen und entleerte sich unter Krämpfen. Peinlich berührt stieg er mit gesenktem und schweißnassem Kopf in den Fiaker. Die Kutsche fuhr los und er schaute mit leerem Blick und wie betäubt aus dem Fenster. Alles schien ihm fremd. Wie nur sollte er Henriette gegenübertreten? Die Gedanken kreisten in seinem Kopf.

Schließlich entfaltete er den Brief und las:

„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ihre Frau hat eine Nachricht erhalten, worin der Comte erklärt, dass Sie wegen des vorgerückten Abends und des ausgiebigen Weingenusses hier im Palais übernachten würden. Ihr amouröses Abenteuer wird nicht nach außen dringen, sofern Sie morgen früh um sechs Uhr mit Ihrer Erfindung und allen dazu gehörigen Zeichnungen und Beschreibungen vor Ihrem Haus erscheinen. Dort wird eine Kutsche warten, die Sie besteigen.

Sie werden eine längere Reise antreten, sollten sich also entsprechend rüsten. Da es sich um eine Angelegenheit von weitreichender Bedeutung handelt, die höchster Geheimhaltung unterliegt, werden Sie die Destination der Reise erst an ihrem Endpunkte erfahren. Schweigen Sie zu jedermann von diesem Vorhaben.

Sollten Sie sich nicht an diese Direktive halten oder nicht erscheinen, wird Ihre Frau von der Dame des gestrigen Abends Besuch erhalten, um die von Ihnen geprellte Entlohnung für die geleisteten Liebesdienste einzufordern. Sie tun also gut daran, sich nach unseren Anweisungen zu richten.“

Philipp war wie versteinert. Jetzt dämmerte ihm, dass man ihn in eine Falle gelockt hatte. Er versuchte, sich die Zusammenhänge zu erklären, war allerdings zu keinem vernünftigen Gedanken fähig. Erst allmählich begann er, seine Lage zu begreifen.

Er musste Henriette einen Grund nennen, weshalb er morgen für ein paar Tage verreisen würde. Das hatte er bisher noch nie gemacht, also musste es eine hieb- und stichfeste Erklärung geben.

Die Kutsche hielt vor seinem Laden. Der Kutscher stieg nicht, wie sonst üblich, ab, um ihm den Schlag zu öffnen und die Stufe auszuklappen, sondern blieb auf seinem Kutschbock sitzen, ohne sich auch nur nach ihm umzusehen.

Bei dem Sprung aus dem Wagen bemerkte Philipp, dass seine Knie immer noch weich und sein Kopf bleischwer waren. Schwankend, wie von einer Droge betäubt, ging er zur Tür und lehnte sich zunächst an den Türpfosten. Dann drückte er die heiße Stirn an das steinerne Gewände. Die Kälte des glatten Sandsteins tat ihm gut, aber so konnte er hier nicht stehen bleiben. Leute, die vorbeikamen, würden ihn erkennen und könnten glauben, dass er möglicherweise eine Nacht durchgezecht habe, was für seinen Ruf nicht förderlich wäre. Schnell schob er sich durch das Portal zur Hofeinfahrt und ging zur Treppenhaustür.

Es war noch früh und im Haus war es ruhig. Auch in der Werkstatt war noch niemand, Gesellen und Lehrlinge kamen erst später. Mühsam stapfte er die Treppen zu seiner Wohnung hinauf. Dort angekommen atmete er einige Male tief durch und rieb sich die Augen. Dann kramte er seinen Schlüssel hervor und führte ihn mit zitternder Hand in das Schlüsselloch. Jette musste das Geräusch gehört haben, denn als er die Tür öffnete, rief sie aus der Küche.

„Liebster, bist du es? Ich bin schon auf. Konnte nicht länger schlafen, weil du noch nicht da warst. Na, das war ja wohl mal wieder ein feuchter Abend.“ Sie trat in den Flur, kam auf ihn zu und umarmte ihn. Er drückte sie an sich und hätte ihr am liebsten sofort alles Vorgefallene erzählt.

„Na, du kennst ja den Franzosen und seinen Rotwein“, erwiderte er zurückhaltend. „Es war ziemlich spät, wir haben viel geplaudert. Er hat von seinen Erlebnissen mit Napoleon erzählt. Dabei wurde dann doch manches Glas geleert und ich bin immer noch benebelt.“

„Leg dich noch mal hin, du bist ja noch gar nicht richtig wach. Nachher mache ich dir etwas Kräftiges zu essen, dann kannst du mir erzählen, was ihr so alles beredet habt – wenn das überhaupt für mich von Wichtigkeit ist.“ Sie führte ihn ins Schlafzimmer, nahm ihm die Jacke ab und wollte ihm beim Auskleiden helfen.

„Lass nur, mein Engel, es geht schon. Ich komme zurecht“, sagte Philipp eilfertig, denn er befürchtete, dass von dem Parfüm der Dame noch etwas an seinen Kleidern haftete.

„Ist gut, ruh dich aus. Ich schau nach der Kleinen.“ Henriette drückte ihrem Mann einen Kuss auf die Wange und ließ ihn in Ruhe.

Mit einem tiefen Seufzer fiel Philipp ins Bett. Obwohl er sehr müde war und seine Glieder, wohl von dem Betäubungsmittel, das man ihm verabreicht hatte, schmerzten, konnte er zunächst nicht einschlafen.

Was würde das wohl für eine Reise werden?

„Was wollen die? Etwa wirklich meinen Cryptographen? Und wer sind die?“, dachte er.

Darüber wurde er vom Schlaf übermannt.

Als Philipp Jürgens etwa 13 Jahre alt war, musste er immer öfter dem Vater in der Tischlerwerkstatt helfen und ihn auf Kundengängen und bei Auslieferungen begleiten. So brachten sie auch eines Tages einen Schrank für das Werk einer Turmuhr zu einem Uhrmacher in der Nachbarschaft.

„Kann ich dem Meister Hermann beim Einbauen der Uhr zuschauen?“, bat Philipp den Vater inständig.

Franz Jürgens hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass er seinen Sprössling wohl nicht für das Tischlerhandwerk würde begeistern können.

„Ja, ja, ich weiß schon. Aber nur, wenn es ihn nicht stört. Ich werde ihn fragen“, sagte er und wusste ganz genau, welch große Freude er seinem Sohn damit machen würde.

Der Schrank wurde zum vereinbarten Termin in Einzelteilen zum Uhrmacher gebracht, um ihn dort zusammenzubauen. Mit lautem Rattern holperte der Wagen, mit dem Meister Jürgens seine Schränke und Truhen zu den Kunden im Stadtgebiet Wiens transportierte, über das Pflaster der schmalen Gassen.

Beim Betreten der Uhrmacherwerkstatt begannen die Augen des Jungen zu leuchten. Rundum tickende Kunstwerke, Pendel, die gleichmäßig ihre Schwünge vollführten, begleitet von klickenden Geräuschen und hin und wieder einer angeschlagenen Glocke. Philipp hatte nicht Augen und Ohren genug, um all diese Wunderwerke zu betrachten und ihren Geräuschen zu lauschen.

Beim Zusammenbau des Schrankes musste der Vater seinen Sohn mehrfach anhalten, sorgsam mit den Einzelteilen umzugehen, denn dessen Aufmerksamkeit galt fast ausschließlich den allgegenwärtigen Zahnrädern in allen Größen. Philipp malte sich aus, wie sie sich ineinandergreifend drehten und das Turmuhrwerk schließlich fertiggestellt die Zeit anzeigte.

„Wir bauen hier einen Schrank auf“, tadelte der Vater. „Dies ist keine Uhrenbesichtigung.“

Sowohl der Vater als auch der Uhrmacher wussten um die Faszination des Jungen und nickten sich verständnisvoll zu.

Als der Schrank schließlich zusammengebaut war und der Vater sich verabschieden wollte, gab ihm Philipp einen heimlichen Knuff mit dem Ellbogen und schaute ihn bittend an. Der Vater hatte wohl schon mit dem Uhrmacher gesprochen, denn er reagierte sogleich.

„Heute wird die Uhr nicht mehr eingebaut. Aber morgen kannst du in der Früh zu Meister Hermann und ihm beim Einbauen zusehen. Er wird sicher nichts dagegen haben. Oder?“ Und zum Uhrmacher gewandt setzte er hinzu: „Es sei denn, er kann mit so einem jungen Tischlersohn nichts anfangen.“

Die beiden Handwerker unterhielten auch außerhalb der beruflichen Kontakte ein freundschaftliches Verhältnis, trafen sich gelegentlich im Wirtshaus zu einem Glas Wein oder spielten eine Runde Karten. Jürgens hatte seinem Kollegen von der Uhrmacherzunft bei solchen Gelegenheiten schon des Öfteren von der Vorliebe seines Sohnes für Technik erzählt. So wusste der Uhrmacher natürlich, welche Freude er dem Sohn des Tischlers machen würde.

„Da werde ich ja dann morgen eine gute Hilfe haben, wenn sich der junge Herr Jürgens so sehr für die Uhren interessiert. Also, pünktlich um acht Uhr geht es los. Ich erwarte dich.“

„Jawohl, Meister Hermann, ich werde da sein.“ Philipp musste sich anstrengen, nicht vor lauter Begeisterung laut aufzuschreien. In fast militärisch steifer Habacht-Stellung stand er da und nickte heftig und mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

„Mutter, Mutter, ich darf morgen zum Uhrmacher und ihm beim Einbauen der Turmuhr helfen. Ist das nicht großartig? Der Vater hat ihn gefragt. Ich freu mich so sehr!“, rief er schon von unterhalb der Stiege. Die Mutter, die gerade in der Küche das Abendbrot vorbereitete, hörte den Jungen mit großen Sprüngen die Treppe hochstürmen. Sie empfing ihn in der Diele und freute sich mit ihm.

„Der kleine Tischlerbua,

der baut jetzt eine Uhr,

die hat ’nen Zeiger dran,

da zeigt die Zeit sie an“,

dichtete die Mutter. Alle lachten laut, und es wurde ein fröhliches Abendbrot, bei dem der Junge mit besonderem Appetit aß.

Philipp konnte den nächsten Tag nicht erwarten und legte sich früher als sonst ins Bett. Der Vater hatte Mutter erzählt, dass ihr Sohn sich an den Uhrwerken nicht sattsehen konnte und mit welcher Freude er die Erlaubnis aufgenommen hatte, dem Uhrmacher helfen zu dürfen.

„Ich befürchte, ich werde keinen Tischler aus dem Jungen machen können. Nun, mal sehen, wie er sich bei Nikolaus anlässt. Vielleicht wird ja ein respektabler Uhrmacher aus ihm.“ Diesen letzten Satz hatte er mit einem Gesichtsausdruck gesagt, der erkennen ließ, dass er auch dies nicht unbedingt für möglich hielt.

In seiner frühen Kindheit war Philipp Jürgens ein kleiner, quirliger Blondschopf gewesen, der seine Eltern den ganzen Tag beschäftigte. Er brauchte die herzliche Zuwendung der Mutter und die lobende Anerkennung des Vaters.

„Mog’st mi noch?“, fragte er die Mutter immer wieder, und besonders liebte er es, wenn sie ihm die alten Lieder im Wienerischen Dialekt vorsang oder sie selbst lustige Liedchen dichteten:

Der Fipsi und die Mudda,

die reiten auf’m Puter.

Da fliegt der Puter weg,

jetzt lieg’n die zwoa im Dregg.

„Fipsi“ durfte die Mutter ihren Sprössling allerdings nur nennen, wenn sie beide allein waren.

Der Vater verdingte sich als Handwerker in der Südstadt. Er fertigte hochwertige Schränke und Kommoden für die nobleren Kreise seines Bezirks an. Diese kunstvoll verzierten Werkstücke, die mit reichen Intarsien besetzt und meist mit komplizierten Schließmechanismen versehen waren, faszinierten den kleinen Philipp stets aufs Neue. Schon als ganz kleiner Junge spielte er gerne mit den Holzstückchen auf dem Boden der väterlichen Werkstatt.

Zunehmend aber bekundete Philipp Interesse an den Schlössern, die zum Einbau in einer Kiste bereitlagen. Die Gelenke und beweglichen Stifte und Federn übten große Faszination auf ihn aus. Er drehte die Schlüssel, sodass das Schloss einrastete, und konnte sich an den klickenden Geräuschen der Mechanismen nicht satthören.

Nur mit viel Überredungskunst konnte der Vater seinen Jungen von diesem prächtigen Spielzeug wegbekommen, um ihn der Mutter zum Abendbrot zu bringen.

„Nur noch zweimal des Klick da, und dann mach i die Schraub’n da noch nei.“ So, oder so ähnlich, versuchte der kleine Techniker dann jedes Mal, noch etwas Zeit zu schinden, was ihm der Vater auch gerne zugestand.

„Gut, das kannst noch machen, aber dann is’ Schluss. Die Mutter wart ned ewig auf dich“, sagte er mit gespielt ernstem Gesicht, denn er hatte seine Freude an der Ausdauer und dem Ernst, mit dem sein kleiner Junge mit den Bauteilen hantierte.

Eines Tages entdeckte Philipp dann die Tinte. Um Rechnungen für seine Kunden zu schreiben, hatte der Vater in der Werkstatt einen kleinen Tisch, auf dem ein Fässchen mit schwarzer Tinte stand. Daneben lag ein Gänsekiel zum Schreiben. Das Kratzen der Feder, wenn der Vater schrieb, erregte Philipps Aufmerksamkeit. Als er aber eines Tages beobachtete, wie der Vater lange Linien zog, die sich an manchen Stellen überschnitten oder sich in Rundungen bogen, war seine Neugier endgültig geweckt.

„Was machst du da, Papa?“, fragte er und zeigte auf den Plan für den Kasten einer Standuhr. Ohne zu ahnen, was er damit anrichtete, antwortete der Vater:

„Schau, ich will für den Herrn Freimüller einen Kasten bauen für eine Uhr. So eine, wie wir sie auch oben in der Stube stehen haben. Damit ich weiß, wie ich das Holz schneiden muss, male ich mir hier in einem Plan alles genau auf.“

Der Junge nickte nur stumm und machte sich wieder an seine Schlösser und Gelenke. Dann aber, als der Vater im Laden längere Zeit mit einem Kunden beschäftigt war, kam seine Stunde. Er kletterte auf den Stuhl, zog sich das Tintenfass heran, dann die Feder und rutschte wieder nach unten. Aus dem Fach unter der Tischplatte angelte er ein Blatt Papier und legte es auf den Boden. Dann ging es los.

„Ja, was machst du denn da?“, rief der Vater erschrocken, als er sah, was der Kleine angerichtet hatte.

Auf dem Blatt waren ungelenk gezogene Linien, Punkte, so etwas wie Kreise und jede Menge Kleckse. Das ganze Schauspiel setzte sich im Gesicht, auf den Händen und den Kleidern des kleinen Künstlers fort.

„Ich male einen Plan für eine Maschine. Das sieht man doch. Hier muss man den Hebel hinunterdrücken.“ Er zeigte auf etwas, das aussah wie ein lang gezogenes Ei. „Und dann drehen sich die Räder hier und auf der anderen Seite geht das Schloss auf. Klack!“

Mit diesem „Klack“ schaute er den Vater an, als könne er gar nicht verstehen, wie jemand nicht sehen konnte, was da vor ihm lag.

Unfähig, seinem eifrigen und ernsthaften Sohn böse zu sein, hob Franz Jürgens den Kleinen zu sich hoch und drückte ihm einen Schmatzer mitten auf die tintenverschmierte Wange.

Dann lachte er und sagte: „Das seh ich schon. Die hast dir gut ausgedacht, deine Maschine. Aber ich denk, jetzt sollten wir schleunigst hinauf zur Mutter zum Saubermachen. Sonst denken die Leut noch, ich würd hier einen kleinen Teufel beschäftigen, so schwarz wie du im G’sicht bist.“

Gegen Nachmittag brachte die Mutter dem Vater oft einen kleinen Schoppen leichten Weins. Dann machten sie Pause und Philipp bekam ein Stamperl mit Honig gesüßten Tees. Wenn sie dann so nebeneinandersaßen, sagte Philipp:

„Gell Papa, mir zwoa san Männa, auch wann I noch an Tee dringgan dua.“

„Ja, natürlich san mir zwoa Männa, des woast doch.“

Dann lehnte sich Philipp stolz zurück, und der Vater betrachtete mit Wohlwollen seinen kleinen Handwerker. Man musste ihn lieb haben diesen eifrigen Buben, der so konzentriert auf die sich bewegenden Gelenke und Bauteile schauen konnte, und der sich dann immer wieder etwas Neues einfallen ließ, das er dem Vater selbstbewusst präsentierte und, falls nötig, auch erklärte.

Eines Tages stellte der Vater ihm eine Kiste in die Ecke, in der der kleine Philipp alte Schlösser, die ausgetauscht worden waren, sammeln konnte. Auf Wunsch seines Sohnes hatte Franz Jürgens die Kiste auch beschriftet:

„Sachen für einen Mann“ stand in schwarzer Farbe auf der Seitenwand. Auch wenn Philipp die Wörter noch nicht lesen konnte, wusste er, was da geschrieben stand und zeigte es stolz jedem, der die Werkstatt betrat.

Mit den Teilen in dieser Kiste durfte Philipp nach Belieben experimentieren. Er baute Schlösser auseinander und versuchte, mit den Einzelteilen neue, sich bewegende Zusammenstellungen zu bauen. Wenn dann zwei oder mehr Teile sich beweglich ergänzend zusammenpassten, quiekte er vor Freude und Stolz über seinen Erfolg.

„Papa, i hab da wieder a neue Maschin’ gebaut. Schau, wia si das draht. Und klicken duats auch recht schön.“

Dann erwartete er natürlich, dass der Vater das neu gebaute Teil, „die Maschine“ wie Philipp es nannte, begutachtete und in höchsten Tönen lobte. Der Eifer, den er dabei entwickelte, war unersättlich.

„Des hast großartig gebaut, Bub. Aber schau, da hint’ hab i auch noch schöne Bretterl, mit dene kannst ja auch amal spieln“, lobte Franz Jürgens seinen Sohn und versuchte nebenbei, in ihm auch ein Interesse für das Arbeiten mit Holz zu wecken, meist allerdings ohne großen Erfolg.

„Ich glaub’, unser Büberl is’ heillos verdorben“, sagte er scherzhaft zu seiner Frau. „Der rührt kein Holz ned an. Wie soll aus dem ein rechter Tischler werden?“

Nikolaus Hermann war ein gutmütiger Mann. Als Uhrmachermeister hatte er einen guten Ruf in Wien, doch besonders seine hervorragende Kenntnis von Turmuhren machte ihn auf diesem Gebiet zu einem der gefragten Spezialisten. Viele Pfarreien in Wien und im Umland der Hauptstadt suchten seinen Rat bei der Neuplanung, Unterhaltung und Reparatur ihrer Turmuhren.

Schon in aller Früh war Philipp wach, und als es an der Zeit war, verabschiedete er sich von seinen Eltern und rannte voller Vorfreude durch die noch morgendlich nebligen Straßen hin zum Haus des Uhrmachers. Dort zierte ein großes, geschmiedetes Zifferblatt mit goldenen römischen Ziffern und Zeigern den Eingang des Ladens.

Philipp nahm die Tür neben dem großen Schaufenster mit den prächtigen Kaminuhren. Ein schmaler Durchgang führte über den Hof zur Werkstatt. Dort brannte schon Licht. Zögernd drückte Philipp die kalte Türklinke nieder. Die Tür knarrte wie die eines alten, verzogenen Schrankes. Philipp trat ein.

„Ei, du bist ja pünktlich! Keine schlechte Eigenschaft für einen Uhrmacher“, begrüßte Meister Hermann den Jungen, der da mit erwartungsfrohen, großen Augen vor ihm stand. „Na, dann zieh dir mal die Schürze dort über. Gleich wird’s ölig.“

Hermann deutete auf eine graue Leinenschürze, die an einem Haken neben der Tür hing. Philipp nahm sie und hantierte unbeholfen damit. Er nestelte aufgeregt an den Bändern, bis der Meister hinzukam und ihm zeigte, wie die Schürze übergezogen und gebunden wurde.

„So, dann wollen wir mal loslegen. Komm, ich zeig dir, was zu tun ist!“

Er führte Philipp zu dem Schrank, dessen Gerüst er gestern mit seinem Vater aufgebaut hatte.

„Du siehst, dass die Türen noch ausgehängt sind. Die bleiben auch erst mal da an der Wand stehen. Auch die Rückwand setzen wir erst später ein. So haben wir genügend Platz, um das Werk einzubauen.“

Philipp nickte nur artig und wartete, was der Meister ihm auftragen würde. Dieser erklärte nun weiter:

„Hier kommt jetzt ein Eisenträger hin, auf den wir das Uhrwerk setzen. Danach wird überprüft, ob es einwandfrei läuft. Wir schauen dann auch, dass es die Zeit genau einhält oder, wie wir sagen, nicht vor- oder nachgeht. Das kann man mithilfe des Pendels regulieren. Schau, wenn wir das Gewicht des Pendels weiter nach unten schieben, wird es länger und schwingt langsamer. Folglich geht auch die Uhr langsamer, und genauso ist es umgekehrt, wenn wir das Pendel verkürzen, also das Gewicht nach oben schieben: Das Pendel schwingt schneller, und die Uhr geht auch schneller.“

Mit großen Augen hing Philipp an den Lippen des Meisters. Wie Meister Hermann das erklärte, klang es alles ganz einfach.

„Und diese großen Stangen da, gehören die auch zum Uhrwerk?“, fragte Philipp.

„Das sind die Eisenträger, von denen ich dir eben erzählt habe. Das Werk ist ziemlich schwer, wenn es komplett zusammengesetzt ist. Da muss es schon auf einer sicheren Konstruktion ruhen. Deshalb hat dein Vater den Schrank ja auch an den Ecken mit diesen kräftigen Kanthölzern verstärkt. Ein einfacher Kleiderschrank würde da nicht ausreichen“, erklärte der Meister. „Und in diesen Schrank werden wir nun das Werk der Turmuhr einbauen.“

Für Philipp eröffnete sich eine neue Welt. Jedes Wort des Meisters nahm er begierig auf. Auch dieser freute sich, so einen interessierten Helfer zu haben. Die Zeit verflog und immer wieder erklärte er dem Jungen neue Handgriffe. Das Uhrwerk nahm allmählich Gestalt an. Als die ersten Zahnräder in ihren Lagern saßen und sich auf ihren Achsen ineinandergreifend mit unterschiedlichem Tempo in unterschiedliche Richtungen drehten, beobachtete er, wie Philipp diesen Bewegungen versonnen folgte und sich in eine andere Welt zu träumen schien.

Für den Jungen waren das Drehen und die vielfache Umkehrung der Laufrichtung ein Mysterium. Wie kam es, dass ein kleineres Zahnrad, das von einem langsam drehenden großen angetrieben wurde, sich schneller drehte als dieses und dann auch noch in umgekehrter Richtung?

„Und könnte man mit den Rädern so einer Uhr auch etwas Anderes machen, als nur die Zeit anzuzeigen?“

Der Meister schaute seinen jungen Gehilfen nachdenklich an. Was ging in diesem Kerl vor? Er kannte keine Antwort auf diese Frage. Warum sollte man mit den Zahnrädern etwas Anderes machen als ein Uhrwerk? Diese Frage hatte er sich selbst noch nie gestellt.

Ganz besonders fasziniert war Philipp von einem hin- und her wippenden Haken, den der Meister „Anker“ nannte, und der mit seinen spitz ausgeformten Enden abwechselnd in die Zähne eines Rades griff und so dieses Rad immer wieder für einen Moment anhielt und dann freigab. Zudem hatte dieses Rad keine normalen Zähne wie die anderen, sondern lustig abgewinkelte Zacken, die ihn an die Schnäbel exotischer Vögel erinnerten.

„Wie bei einem Schiff – der Anker?“, sprudelte es aus Philipp heraus.

Er klang, als sei ihm gerade die wichtigste Erkenntnis der Menschheitsgeschichte aufgegangen. Hermann lachte herzhaft über die unbedarfte Frage des Jungen.

„Ja, der Anker heißt so, weil er ein bisschen so aussieht. Er wackelt hin und her, könnte man sagen, und verursacht das Ticken der Uhr. Der Anker“, der Meister deutete auf den Haken, „hindert die Räder daran, dem Antrieb der Gewichte zu folgen und die Räder mit einem schnellen Rutsch durchsausen zu lassen. Dabei bewegt und kontrolliert ihn das Pendel, das wir eben eingehängt haben.“

Das „Pendel“ war ein einfacher Stab, an dessen unterem Ende ein Gewicht in Form einer runden, schweren Scheibe befestigt war. Diese „Linse“, wie der Meister das Gewicht nannte, konnte man nach oben und unten verschieben und der Meister zeigte Philipp noch einmal die Wirkung dieser Veränderung.

Dieser hatte bisher dem einfachen Bauteil neben den Rädern und Wellen kaum Bedeutung zugemessen. Doch dieses im Vergleich zu den Zahnrädern eher grob geformte Teil war, wie er jetzt aus den Erklärungen des Meisters erfuhr, dafür verantwortlich, dass die Uhr genau und im richtigen Zeitmaß lief und den Menschen die genaue Zeit anzeigte.

Das unscheinbarste Teil, das man im Zusammenspiel der glänzenden, sich drehenden und tickenden goldschimmernden Kronen fast übersehen hätte, hatte die Macht und die Kontrolle über das Ganze.

Allmählich nahm das Uhrwerk weiter Gestalt an. Immer mehr Rädergruppen griffen ineinander. Es wurde geschraubt, geölt und nachgearbeitet, bis das komplette Werk vor ihnen stand.

„Hier kann noch etwas Öl hin.“ Der Meister hatte sehr wohl bemerkt, mit welcher Geschicklichkeit sein junger Gehilfe zu Werke ging.

So konnte er ihm auch stets neue Aufgaben zuteilen und diese von Philipp weitgehend selbstständig ausführen lassen. Der Junge war stolz darauf und machte seine Sache gut.

Nachdem die Turmuhr schließlich fertiggestellt war, und die ersten Schläge präzise und zum Wohlgefallen des Meisters die Stunden geschlagen hatten, hatte Philipp das Gefühl, etwas ganz Besonderes geleistet zu haben.

Mit einem anerkennenden Schulterklopfen sagte der Meister: „Junger Mann, du hast diene Sache heute wirklich gut gemacht!“

Philipp strahlte und besah sich das Werk. Er fühlte sich, als sei ihm allein diese Meisterleistung gelungen und er hätte am liebsten gleich weitergemacht. Doch kurz darauf erschien Philipps Vater, um seinen Jungen abzuholen.

„Meister Jürgens“, begann Hermann mit gespielter Umständlichkeit. „Euer Junge hat sich heute sehr geschickt angestellt. So einen Gehilfen könnte ich öfter gebrauchen. Könntet Ihr Euch vorstellen, den Knaben zu mir in die Lehre zu geben?“ Mit einem Seitenblick musterte er seinen Handwerkerkollegen und fuhr mit gespielter Abschätzigkeit schmunzelnd fort: „Einen Tischler werdet Ihr aus dem keinesfalls herausbekommen. Es sei denn, Ihr lasst ihn Zahnräder aus Holz zimmern.“

Franz Jürgens hob die Brauen und schaute ebenfalls seinen Jungen an, der das Gespräch mit zunehmender Aufregung verfolgte.

„Ich weiß sehr wohl, was in dem Knaben vorgeht und dass ihm die Räderwerke Eurer Uhren lieber sind, als die staubigen Werkbänke in meiner Tischlerei. Nun gut, es fällt mir zwar schwer, meinen Sohn als Tischler zu verlieren, aber wir wollen es versuchen.“

Franz Jürgens hielt Nikolaus Hermann die Hand hin und dieser schlug zufrieden ein, wusste er doch, dass er damit einen tüchtigen Lehrjungen gewonnen hatte.

Philipp hatte zwar die Unterhaltung der beiden Männer nicht vollständig verstanden, konnte aber deren Inhalt sehr wohl deuten. Am liebsten hätte er vor Freude laut aufgeschrien, wusste sich aber zu beherrschen und kam mit dankbarem Blick zu seinem Vater. Dieser legte den Arm um die Schultern seines Sohnes und schaute ihn – trotz einer gewissen Enttäuschung – stolz an.

„Dann willst du also ein veritabler Uhrmacher werden, statt wie dein Vater Schränke und Stühle zu schreinern.“

Philipp nickte heftig. Die übergroße Freude über die Erlaubnis seines Vaters strahlte aus seinen Augen.

In den nächsten Tagen wurden die Formalitäten erledigt. Die Erlaubnis der Zunftmeister wurde eingeholt und die Aufnahme des Philipp Jürgens in die Werkstatt des Nikolaus Hermann in die Handwerksrolle eingetragen.

„Kann ich dir in der Werkstatt helfen?“, fragte Philipp seinen Vater gleich am nächsten Morgen. E wollte sich beim Vater bedanken für die Möglichkeit, die dieser ihm eröffnete.

Franz Jürgens bemerkte das, strich seinem Jungen über die blonden Haarstoppeln und sagte: „Ja, komm, es sind noch die Stühle von Familie Wegner zu reparieren. Der alte Wegner ist ja auch ziemlich schwer. Das halten die besten Stühle nicht aus.“

Philipp lachte. Das war eine Arbeit, die er kannte. Oft hatte er bei solchen Reparaturen seinem Vater assistiert, den Leim gekocht und angerührt, die Teile gereinigt und wieder säuberlich zusammengefügt.

„Ich stell schon mal den Leim auf den Ofen.“ Fröhlich sprang Philipp zur Tür hinaus und die Treppe hinunter in die Werkstatt des Vaters.

„Der wär’ sicher auch ein guter Tischler geworden“, sagte Franz Jürgens und schaute zu seiner Frau, die sanft lächelte. „Aber seine Begeisterung gilt halt den Zahnrädern.“

„Die Hauptsache ist, mein Junge ist zufrieden bei seiner Arbeit, und ein ehrbares Handwerk ist die Uhrmacherei ja allemal. Dann kann er uns sicher einmal eine schöne Wanduhr für die Stube bauen.“

Hannah Jürgens schaute ihrem Mann in die Augen, stand auf und strich ihm über das drahtige Kopfhaar, sodass die Strähnen noch unbändiger hochstanden als sonst. Dann gab sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und war auch schon wieder mit ihrer Arbeit in der Küche beschäftigt.

„Hier ist dein Arbeitsplatz.“ Meister Hermann zeigte seinem Lehrling einen stabilen Tisch, auf dem ordentlich aufgereiht verschiedene kleine Zangen und Pinzetten, Feilen und Ahlen sowie ein kleiner, ein sehr kleiner, Hammer lagen. Die Werkzeuge, die Philipp aus der Werkstatt seines Vaters kannte, waren allesamt viel größer und auch gröber gearbeitet.

„Das ist alles so klein“, staunte Philipp.

„Hier werden ja auch kleine Dinge hergestellt und repariert. Dabei kann man keinen Fuchsschwanz gebrauchen. Vor allem aber: Hier brauchst du eine ruhige Hand und“, dabei drückte der Meister Philipp einen Besen in die Hand, „bei uns herrscht Sauberkeit. Schmutz und Staub sind unser Hauptfeind.“

Philipp ergriff verdutzt den Besen, hatte er doch erwartet, gleich an diesem Werktisch Platz nehmen zu können.

Übereifrig wollte er sofort loslegen, als ihn der Meister noch einmal anhielt: „Bei uns ist das so: Es kann immer einmal vorkommen, dass mir oder einem der Gesellen versehentlich eine kleine Schraube, ein Plättchen oder ein anderes Teil zu Boden fällt. Aus diesem Grund schauen wir nach dem Zusammenkehren den Kehricht immer noch einmal durch. Und weil die Teile so kein sind, streichen wir noch mit den Fingern durch und schauen, dass nichts verloren geht.“

Dann wurde die Werkstatt gefegt und alte, verstaubte und angerostete Zahnräder, die schon seit vielen Jahren in Kisten lagen, wurden hervorgeholt und von altem Öl und verharztem Schmutz befreit. Danach wurden sie nach Größe und Art sortiert auf der Werkbank aufgereiht. Jetzt musste Philipp sie in mühseliger Handarbeit schleifen und polieren. Es waren Räder und Teile von Großuhren, also Turm-, Wand- und Standuhren. Philipp fühlte sich ein wenig an die Spielereien mit den Schlössern aus seiner Kiste mit „Sachen für einen Mann“ erinnert. So machte ihm auch diese Arbeit mit den eher groben Teilen zunehmend Freude.

„Der poliert die Räder noch gründlicher, als sie von neu an waren“, sagte einer der Gesellen zum Meister. „Wenn die nicht flott laufen, dann weiß ich auch nicht.“

„Die Uhren sollen nicht flott laufen, sondern richtig gehen“, konnte es sich der Meister darauf nicht verkneifen, lachend eine seiner vielen Weisheiten preiszugeben.

Überhaupt war die Atmosphäre in der Werkstatt von Meister Herrmann sehr familiär und von einer fröhlichen Gelassenheit geprägt. Auch die Kunden, die in den zur Straße liegenden Laden kamen, hielten gerne ein Schwätzchen und tauschten Klatsch und Tratsch aus.

„Ihr habt jetzt einen neuen Lehrjungen, wie man hört.“ Der Kunde, Herr Breuninger, war ein untersetzter, älterer Herr, der gerne noch eine der langsam aus der Mode kommenden Perücken trug. Er war dafür bekannt, dass er über fast alles, was im Viertel vor sich ging, Bescheid wusste. „Da macht Ihr also aus einem Tischler einen Uhrmacher. Aber bei dem Jungen werden Sie sicher keinen Fehler machen“

„Ihr würdet staunen, was der schon gleich einen Eifer an den Tag legt und vor allem, er ist nicht vorlaut“ Meister Hermann freute es, dass man bei seiner Kundschaft, die ja größtenteils den Tischler Jürgens kannte, so gut von Philipp sprach.

Bald war Philipp bei den anderen Lehrlingen und Gesellen gut aufgenommen, musste sich aber auch immer wieder Zurechtweisungen gefallen lassen.

„Heast, ned a so fest! Des is’ ka Holzbalken ned, wia bei dein’m Vooda. Da muast du med an G’fühl dran geh’n, genau wia an die Maderln, oder host noch kaan’s?“1, schrie Julius, der älteste Geselle ihn an.

Er war gerade hinzugekommen, als Philipp mit Eifer und wohl zu heftig mit der Feile ein kleineres Zahnrad bearbeitete.

Etwas ruhiger fuhr Jul, wie ihn alle nannten, dann fort: „Schau, so greifst die Feil und dann mit gleichmäßigem Strich gehst du über den Zahn. Mit der andern Hand drückst du nur ganz leicht. Was erst weg is’, is’ weg. Dann kannst des Raderl daunihaun2, woast!“

Dann gab er ihm spaßeshalber eine leichte Kopfnuss und ließ ihn weiterarbeiten.

Die kleinen, filigraneren Taschenuhren und Chronometer bekam Philipp nur auf den Werktischen des Meisters und der ersten Gesellen zu sehen. Diese standen in der abgetrennten Meisterwerkstatt, in der absolute Ordnung und Sauberkeit herrschte.

Nur allzu gerne hätte Philipp den ganzen Tag dem Meister zugeschaut, wie dieser mit ruhiger Hand und sicherem Griff die kleinen Zahnräder mithilfe einer spitzen Pinzette in den Werken platzierte und mit einem kleinen Schraubendreher die Brücken, die das Werk zusammenhielten, festschraubte.

„Ich weiß, du möchtest viel lieber an einer Taschenuhr arbeiten als an den groben Teilen der Großuhren.“ Meister Hermann hatte seinen Lehrjungen immer wieder genau beobachtet. „Was zum Teufel macht er da schon wieder?“, musste er sich des Öfteren fragen, wenn er sah, wie Philipp mit den ihm anvertrauten Uhrwerken zu experimentieren anfing.

Philipp legte Zahnräder aus verschiedenen Werken auf seinem Arbeitstisch so hin, dass sie neue Kombinationen ergaben, mit denen er dann eifrig herumprobierte. Man musste befürchten, dass er die Räder nach solchen Experimenten nicht mehr an die richtige Stelle bringen konnte, aber Philipp hatte schon sehr schnell das Grundprinzip der einfachen Tisch- Wand- und Standuhren verstanden. Mit traumwandlerischer Sicherheit konnte er die Räder wieder in den dazugehörenden Uhrwerken platzieren. Und vor allen Dingen: Seine Uhren liefen sofort wieder präzise und fehlerfrei.

„Entweder geht die Uhr oder der Uhrmacher.“ Diesen Wahlspruch seines Meisters hatte er sich eingeprägt.

Nach der Arbeit ging Philipp meist sofort nach Hause. Nur gelegentlich nahmen ihn die Kollegen mit, wenn sie am Wochenende noch in ein Wirtshaus einkehrten. Er saß dann in der Runde der Handwerksburschen und lauschte ihren Erzählungen von den Marotten ihrer Meister oder der Kunden.

„In der Spitze liegt die Hitze! Immer und immer wieder. Der könnt’ sich amal was anderes einfall’n lassen“, frotzelte einer über seinen Meister, von dem seine Gesellen mit dem Spitznamen „Lötfranzl“ redeten. „Jedes Mal, wenn er a Stückerl von aaner Uhrenkett’ oder sonst was lötet, hält er das Werkstück über die Spitz der Lötflamme und dann hör’n ma den Spruch: ‚Iiin deeer Spitzeee liegt die Hitzeee’. Furchtbar.“

Natürlich kam die Rede immer wieder auch auf ein anderes Thema: „Hast a Maderl, Jüngerl?“, fragte unvermittelt einer der anderen Gesellen Philipp und setzte dabei einen ziemlich schelmischen und herausfordernden Gesichtsausdruck auf.

Philipp, der bisher immer still den anderen zugehört hatte, schluckte.

„N…, na.“ Mehr brachte er nicht heraus, aber der Jul, der neben ihm saß, legte sofort schützend den Arm um seinen jungen Kollegen und lenkte von dem Thema ab.

„Der da, was der Philipp is’, der wird amal a ganz a guter Uhrmacher. Wann du sehen würd’st, wia der die Uhren zerlegt und wiader ind Reih bringt, scho jetzt; und wann du dann sehen würd’st, was der für Zeichnungen macht. So was Exaktes hab i mei Lebtag ned hi’bracht. Der macht des so exakt, so genau fickt ka Edelman.“

Und wieder bogen sich alle vor Lachen, während Philipp kleinlaut und errötend dem Gegröle seiner Kollegen lauschte. Die Geschichten über diverse Amouren und Liebesabenteuer, die die Erfahreneren unter ihnen zu erzählen wussten, und die, wie eigentlich jedem klar war, meist maßlos übertrieben waren, erstaunten ihn, den Jüngsten und Unerfahrensten in der Runde.

Viel lieber aber als mit den Kollegen im Wirtshaus zu sitzen, streunte Philipp während seiner freien Zeit durch die Straßen seines Viertels. Der Geruch der Straße – auch wenn der nicht unbedingt angenehm war, denn immer noch kippten die Leute Abfälle, Abwasser und mitunter auch den Inhalt der Nachthäferl auf die Gassen – weckte in ihm etwas Vertrautes. Und er lauschte immer wieder gerne dem Getratsche der Nachbarinnen.

„Host scho g’hört: Die Franzi vom Fisch-Paule hat si vom Herrn Amtmann Welles pudern lassen und jetzt hat sie den Salat …“

„Wann des mit den Preisen fürs Brot ned bald besser wird, kennan mer uns an Strick holen. Aber für den hammer dann auch ka Geld ned mehr …“

Philipp liebte den Tonfall des Gezeters, das Rattern der Wagenräder auf dem Pflaster und die sich scheinbar ineinanderschiebenden Fassaden in den engen, verwinkelten Gassen. Er kniff immer wieder ein Auge zu und verglich die Winkel der Fenster und der Dachschrägen. Er beobachtete das Abrollen der Wagenräder bei den vorbeifahrenden Fiakern und Lastgespannen. Dabei versuchte er, herauszubekommen, ob die Anzahl der Speichen mit der Art des Wagens oder dem Durchmesser des Rades zusammenhingen. Ähnlich war es ja auch bei den Zahnrädern einer Uhr. Er stellte sich vor, welche Zykloide – das ist der Bogen, den ein Punkt auf dem Außenrand des Rades beschreibt – das jeweilige Rad beim Abrollen zeichnen würde. Alles in seinem Kopf drehte sich um Kreise, Winkel, Zahnräder und wie sie miteinander in Beziehung standen.

Am meisten aber liebte er es, in die Wollgasse einzubiegen, denn bereits nach wenigen Metern stand sie da. Mit der Fußspitze spielte sie gelangweilt im Sand am Rand einer Pfütze. Dabei wurde der Saum ihrer langen Schürze von dem Lüftchen erfasst, das durch die Gasse zog. Jedes Mal fing sein Herz an zu pochen, wenn er in die Gasse einbog. Wenn sie nicht da war, ging er enttäuscht weiter. Stand sie aber dort, schlug sein Herz noch schneller.

Anfangs hatte er sie nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Die goldbraunen Zöpfe, die ihr lang und glänzend über die Schultern hingen, waren ihm sofort aufgefallen. Erst nach und nach wagte er, den Kopf ganz zu heben, und im Vorbeigehen erntete er ein bescheidenes Lächeln, das er erwiderte.

Eines Tages sprach sie an.

„Hallo, wohnst du hier in der Nähe?“

„Ja“, sagte er zunächst schüchtern und fast unhörbar. Der Kloß, den er in seinem Hals spürte, ärgerte ihn. „Mein Vater ist der Tischler Jürgens, den kennst vielleicht. Wir haben die Werkstatt in der Pfaffenberggasse.“

„Ah, dann bist du auch Tischler?“ Das Mädchen schien das Gespräch weiterführen zu wollen.

„Na, des bin i ned, I bin a Uhrmacher und lern beim Meister Hermann.“

„Oh, das ist aber bestimmt kompliziert mit den kleinen Rädchen.“

Philipp bemerkte erst jetzt, dass das Mädchen nicht wie all die anderen im Wiener Dialekt sprach und bemühte sich auch seinerseits um eine gepflegtere Aussprache.

„Ich habe die Ehre, bei Meister Hermann zu arbeiten, da kann ich alles erlernen, was dieser Beruf benötigt.“ Er war erschrocken über seine gestelzte Rede und bemerkte auch, dass das Mädchen sich über seinen letzten Satz zu amüsieren schien.

„Susanna, kommst du hoch?“, rief eine Frauenstimme aus dem Haus, vor dem sie standen.

„Ich muss jetzt“, sagte das Mädchen mit einem bedauernden Lächeln und verschwand rasch und ohne noch etwas zu sagen im Hauseingang.

Philipp blieb etwas verdutzt zurück, aber er war auch glücklich. Sie hatte ihn angesprochen! Und er wusste jetzt sogar, wie sie hieß.

„Susanna, Susanna“, flüsterte er vor sich hin, während er versonnen und verzaubert seinen Weg durch das Viertel fortsetzte.

Er malte sich schon aus, wie er ihr bei nächster Gelegenheit wieder begegnen und seinerseits dann sie ansprechen würde. Natürlich würde er ihr seinen Namen nennen und sicher würde er dann auch noch ein paar Sätze mit ihr reden.

Was für ein schöner Tag! Philipp begann zu hüpfen, bis er bemerkte, dass dies bei einem Jungen seines Alters albern aussah. Jetzt wartete er nur noch auf die nächste Möglichkeit, wieder durch die Wollgasse zu laufen.

„Guten Tag, ich bin Philipp“, würde er sagen und sie anlachen.

Dann würde sie ihm die Hand reichen und antworten: „Und ich bin Susanna.“

„Ich weiß“, könnte er dann erwidern. „Deine Mutter hat dich doch letztes Mal so gerufen.“ Dann würden sie beide lachen und er könnte seine neue Freundin einladen, ein Stück mit ihm zu gehen.

„Das wäre schön…“, dachte er.

Der Gedanke an Susanna ließ ihn nicht mehr los.

Philipp hatte gerade eine schöne Kaminuhr gereinigt. Der Geselle hatte das Werk nach der Überholung in das Gehäuse eingesetzt, das nun wieder blank poliert glänzte. Jetzt brachte Philipp das prachtvolle Stück nach vorne in den Laden, um es dort in das Regal mit den Kundenuhren zu bringen. Er hatte sie gerade abgestellt, als eine Frau mit einem Mädchen den Laden betrat. Es waren Susanna und ihre Mutter. Philipp erstarrte für einen Augenblick und wusste nicht, was er sagen sollte.

„Guten Morgen“, sagte die Frau in einem Tonfall, der erkennen ließ, dass sie keine Wienerin war. „Ist Meister Hermann anwesend?“

Philipp nickte wortlos. Er drehte sich hastig um und wollte den Meister herbeirufen, aber der kam schon aus der Werkstatt zur Tür herein.

„Guten Tag, Frau Brauer, guten Tag auch, das Fräulein. Schön, Sie hier zu sehen. Was kann ich für Sie tun?“

Philipp blieb an der Tür stehen und blickte fasziniert zu Susanna, die der Begrüßung des Uhrmachers fast unhörbar geantwortet und dann verschämt den Kopf gesenkt hatte.

„Unsere Kaminuhr tut’s nicht mehr. Ich glaube, da müsste die Hand des Meisters zugreifen.“ Frau Brauer war eine Frau um die 40. Ihr rundes Gesicht mit den roten Wangen schien immer zu lächeln, was ihr einen freundlichen Ausdruck verlieh.

„Komm her, Philipp! Das sind Frau Brauer und ihre Tochter Susanna.“

„Ich weiß“, sagte Philipp spontan und erschrak gleichzeitig über seine Aussage.

„Susanna dürfte so alt sein wie du. Gell, Susanna? Wie alt bist du?“

Susanna, überrascht von der Frage, ergriff die Hand der Mutter, schmiegte sich scheu an sie und antwortete artig: „Ich bin gerade 14 geworden, mein Herr.“