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Angeblich hat die geheime APOLLO-20-Mission 1976 ein fremdes Raumschiff auf dem Mond entdeckt. Jahre später holen zwei Männer die Raumfahrtbehörden an einen Tisch, um eine beispiellose Mission zu starten: Zehn Wissenschaftler sollen den Flug zur Rückseite des Mondes antreten. Mithilfe des Raumfahrtunternehmens VIRGIN GALACTIC gelingt es, Teile der Raumstation ISS zu einem Schiff zusammenzubauen, den Flug zum Erdtrabanten zu meistern. Jemand scheint gegen den Plan zu sein, Menschen kommen ums Leben. Als die Crew den Mond erreicht, kommt es zum spannenden Höhepunkt.
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Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2012
© 2011 Peter Barroll
1. Auflage 2012
Umschlaggestaltung: Oliver Johanndrees Innenillustration: Peter Barroll
Lektorat, Korrektorat: Wolfgang Meyer, Jörg Schönwälder
Verlag: tredition GmbH, Mittelweg 177, 20148 Hamburg
ISBN: 978-3-8424-9480-0
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»Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.«
Albert Einstein
Peter Barroll
Das Wrack
Roman
Deutsche Erstausgabe
1. Kapitel
Luna, Low Orbit
11. September 2019, 11:04 Uhr GMT
D as fremdartige Signal erwachte wie von Geisterhand zum Leben. Es durcheilte den luftleeren Raum, erreichte sein Ziel mit kaum messbarer Verzögerung. Der Adressat zog seine Bahn in absoluter Stille, nicht ein einziges Zeichen von Aktivität schien von ihm auszugehen. Ein Beobachter hätte ein Stück Schrott vermuten können, so seltsam leblos flog es auf seinem Weg. Ein stilles Objekt in völliger Schwärze.
Es war, einem Geschoss gleichend, mit hoher Geschwindigkeit unterwegs. Lautlos.
Vor zwölf Minuten war es aus dem Sonnenlicht in tiefe Finsternis eingetaucht. Seit Monaten war es bereits hier. Wie auf einer Reise durch gefrorene Zeit wiederholte es seine Wanderung Tag um Tag, Nacht um Nacht, einem Uhrwerk gleich. Einsamkeit und unendliche Stille verdichteten sich an diesem Ort zu fühlbarer Substanz.
Man konnte glauben, es sei zurückgelassen worden, doch die Präzision, mit der es sich fortbewegte, ließ erahnen, dass es mit Absicht geschah.
Bald würde es den Terminator passieren und erneut dem unbarmherzigen Licht der Sonne ausgesetzt sein. Es würde die eisigen Temperaturen der finsteren Nacht in Sekunden mit der Hitze eines kurzen, aber unbarmherzigen Tages tauschen. Ein ums andere Mal eine harte Bewährungsprobe für die Materialien in seinem Innern. Gekleidet in goldglänzende Folie, in siliziumbeschichtete Verkleidungen und poliertes Metall, trotzte es zum tausendsten Male den Elementen.
Tief im Inneren der Struktur war es alles andere als tot.
Die kleine Nuklearbatterie, die an dem drei Meter ausladenden Titangestänge befestigt war, hielt unentwegt Spannung bereit, um das Gebilde am Leben zu halten. Sein tonnenförmiger Körper war bestückt mit optischen und sensorischen Baugruppen. Wer immer diese Technik geschaffen hatte, war sorgsam darum bemüht gewesen, die Geräte optimal zu schützen.
Unentwegt interessierten sich die veredelten Optiken, die Sensoren und Empfänger für das, was draußen vor sich ging. Kabelstränge, Leitungsbündel aus Glasfaser und edlem Kupferdraht, festgezurrt, verschraubt, in Schellen geführt, sogen die Informationen auf und leiteten sie vorbei an Kühl- und Heizsystemen, Spannungswandlern und Speicherkernen, an Edelstahltanks und Servobatterien.
Im tiefsten Kern des Gebildes, vor der unbarmherzigen Kälte ebenso geschützt, wie vor der Hitze des Lichts, fand sich die Multicore-CPU. Sie nahm all die elektronischen Reize in sich auf. Die Informationen wurden sortiert, kategorisiert, nach Sinn und Wichtigkeit klassifiziert, entstört und vermessen. Überflüssige Datenpakete wurden identifiziert, Rauschen und Störsignale als obsolet gekennzeichnet. Jede Mikrosekunde wurden die Daten bearbeitet, bewertet, abgelegt.
In Kürze war der Umlauf erneut vollendet.
Das Objekt setzte den Timer für die Übertragung der erfassten Daten. Wie ein Paket wurde es geschnürt, komprimiert, mit Sicherheitsabfragen und Checksum-Kontrollen versehen, sendebereit im Speicher platziert.
Kaum im Licht der Sonne, würde die Richtfunkantenne ihr Ziel suchen, das Paket auf die Reise schicken. Anschließend horchte es auf neue Anweisungen für den nächsten Lauf durch Licht und Schatten.
Ganz selten zeigte das Gebilde erkennbare Aktivität. Dann hoben ultrahelle Lanzetten aus den Steuerdüsen den metallenen Körper zurück in die Sollposition. Die dazu notwendigen Daten lieferte der Vergleich von Soll- und Istwerten. Nach Stunden scheinbarer Agonie, war die Aktion stets kurz und präzise abgestimmt. Ein kurzer Lidschlag lautloser Bewegung, dann wieder endlose Inaktivität in zäh verrinnender Zeit.
Beobachter hätten allenfalls einen winzigen Punkt vorbeigleiten sehen, stumm eingefangen in das Schwerefeld eines weitaus größeren Körpers. Der Punkt, viel kleiner noch als eine Mücke, tanzend am Licht des Nachthimmels.
Auf der schneeweißen Stoffverkleidung der Außenhülle prangte das indische Hoheitszeichen.
Der größere Körper war alt wie die Zeit selbst, ergraut und pockennarbig, unbeeindruckt vom Fluss der Zeit.
Ob er geschmeichelt wäre zu erfahren, dass er als Quell des Denkens, Wünscheerfüller und Freund der Liebenden betitelt wurde? Hätte es ihn beeindruckt, von einer nicht weit entfernten Zivilisation zum Ziel großer Träume gemacht worden zu sein?
Wohl kaum.
Er hatte weitaus mehr Leben kommen und gehen sehen, als die Wesen, die ihm jetzt die Flöhe schickten. Zu seinem Antlitz hatten die ersten Amphibien aufgeblickt, die Heerscharen von Dinosauriern, die ersten mühsam aufgerichteten Primaten und diejenigen, die sich letztlich als 'Krone der Schöpfung' verstanden.
Er selbst würde seinen Weg noch gehen, wenn all das längst vergessen war. Emotionslos hatte das technische Gebilde seinen Lagestatus geprüft. Es hatte an markanten Sternen die eigene Position trianguliert und die Parabolantenne sorgsam für ein Maximalsignal ausgerichtet. Wenige Sekunden, dann würde die Multicore-CPU den Sendebefehl geben, sich ein unsichtbarer Datenstrom auf einen energetischen Ritt zur Erde machen.
Ein Ritt von nur 1,3 Sekunden.
In dieser kurzen Zeitspanne hatte das Signal fast 380.000 Kilometer hinter sich gebracht. Die komprimierte Information glitt vom Receiver einer dreißig Meter durchmessenden Antennenschüssel hinein in das dortige Rechenzentrum. Es war eine Anlage des INDIAN INSTITUTE OF TECHNOLOGY, irgendwo in unbewohntem Gebiet in Zentral-Indien.
Dort angekommen, wurde es sogleich verifiziert, entpackt und durch verschiedene Batchläufe in seine informativen Subgruppierungen zerlegt. Während sich ein Teil Zeile um Zeile in hochauflösende Fotos verwandelte, erzählte ein anderer seine Geschichte in Form von Radar-Höhendaten. Die Datenpakete eines Multispektrometers gaben Informationen über Bodenbeschaffenheit und Material von sich. Der Rest zerfiel in radiologische Signalgruppen, Strahlenwerte und Dichtemessungen.
Die Datenpakete wurden vom Mainframe den vorhandenen Archiven angegliedert, den laufenden Statistiken hinzugefügt und weiteren Auswertungsläufen anvertraut.
Letztlich landete ein Teil der Informationen auf einem der drei TFT-Displays von Tarun Mandira.
Am Rand eines der Bildschirme war ein Hinweiszettel mit der Aufschrift CHANDRAYAAN-3 angebracht. Die verschmutzten Ränder ließen vermuten, dass er bereits des öfteren die Position gewechselt hatte.
Tarun Mandira kaute abwesend auf einem Stück frischer Paprika herum, der erste Teil seiner Frühstücksmahlzeit. Die imaginären Muster der dahingleitenden Datenkolonnen hatten für den Augenblick seine Aufmerksamkeit verloren. Im Hintergrund, durch gelegentliches Rauschen unterbrochen, lief der indische Radiosender SHARJAH. Der Empfang in der Station war nicht sonderlich gut. Stahlbeton hatte neben den herrlich kühlen Eigenschaften leider den Nachteil, so manches Radiosignal zu verschlucken. SHARJAH lies sich jedenfalls nicht davon abhalten, minütlichen Small Talk mit indischer Popmusik zu mischen. Immerhin besser, als das Folkloregedudel seines älteren Kollegen, der heute seinen freien Tag hatte. Er döste im nahegelegenen Mannschaftscontainer vor sich hin.
Neben dem Papierkram, der sich rund um die Computertastatur verteilte, flog irgendwo sein Handy herum. Das kleine Gerät kränkelte, wie das Radio, an Funkproblemen. Ein einziger Empfangsbalken, das reichte so eben zum Telefonieren mit Familie und Freunden.
Der Tag war nicht gerade abwechslungsreich.
Seit die IIT im Jahre 2018 zum dritten Mal eine CHANDRAYAAN-Raumsonde zum Mond geschickt hatte, war es Tarun's Aufgabe, die gesammelten Daten entgegen zu nehmen und zusammen mit seinen fünf Kollegen zu analysieren. ZALATAGARIAN-5 war eine von insgesamt acht Relaisstationen. In Kharagpur, am östlichen Rand Indiens, wurden alle Informationen vom IIT zusammengeführt und zur endgültigen Auswertung begutachtet.
Das indische Mondprogramm hatte vor Jahren klein, aber erfolgreich, begonnen. Seit dem 12. November 2008 umkreiste die indische Mondsonde CHANDRAYAAN für vier Jahre in nur 100 Kilometern Höhe den Mond auf einer polaren Umlaufbahn, lieferte bessere Daten und Erkenntnisse, als die europäische Mondsonde SMART-1. Tarun Mandira war zu dem Zeitpunkt noch Student auf einer der sieben Eliteuniversitäten des IIT gewesen. Angespornt von diesem monumentalen Raumfahrterfolg, war er in eines der Folgeprojekte hinein gerutscht.
In den Jahren darauf entwickelte sich Indiens Mondforschungsprogramm deutlich. Angetrieben von Ehrgeiz und IT-Know-how, entsandte man die Sonden CHANDRAYAAN-2 (2013-2015) und CHANDRAYAAN-3 (2018-dato). Nummer Zwei war ein vergleichsweise kurzes Leben beschert. Aufgrund der ausgefeilten Technik von Nummer Drei erhoffte man sich einen echten Sprung nach vorne.
Die Besiedelung des Mondes durch die indische Nation schien greifbar nahe. Die telemetrischen Daten flossen fehlerfrei und mit einer fast ausfallsicheren Kontinuität. Die Mondvermessung und die dreidimensionalen geodätischen Daten suchten ihresgleichen. Die globale Reputation Indiens war diesbezüglich vorbildlich.
Dass, im krassen Gegensatz zu diesen Investitionen, Millionen von Menschen in Indien dem Hungertod näher waren, als dem erbärmlichsten Leben, das nahm man angesichts der offensichtlichen Erfolge nur zu gern in Kauf. Die hungernde Atommacht krankte seit jeher an der Diskrepanz von wirtschaftlichem Defizit und militärischer Stärke. Ob sich das eines Tages egalisieren würde, stand 2018 noch in den Sternen, nach denen man so kühn die Hand ausgestreckt hatte.
Tarun Mandira war sichtlich stolz, seinem Land dienen zu können. Er hatte eine hervorragende Ausbildung genossen, den verdienten Lohn für einige harte Jahre Studium einfahren können. Die Familie dankte es ihm, seine Eltern, seine Frau und die zwei Kinder. Die abgelegene Position der Empfangsstation verhinderte leider, dass Tarun allzu oft in den Genuss des trauten Familienlebens kam. Hunderte von Kilometern trennten ihn vom Wohnort seiner Lieben. Die Entfernung war nicht an jedem Wochenende zu überbrücken. Also musste man sich wohl oder übel mit seinen Kameraden begnügen, die das gleiche Schicksal teilten.
Während Tarun damit beschäftigt war, dem Getränkeautomaten eine der verbeulten Coca-Cola-Dosen zu entlocken, stoppte auf Bildschirm Nummer Drei die Zahlenkolonne und machte einem Popup Platz, dessen rotes Piktogramm aufgeregt pulsierte. Zwei kurze Warntöne baten um die notwendige Aufmerksamkeit.
Im Moment fand sich niemand der dafür zuständig war.
Der junge Inder war damit beschäftigt, die indische Rupie wiederholt in den Einwurfschlitz zu befördern. Erfahrungsgemäß brauchte es etwas Geduld, um Währung und Gerät miteinander in Einklang zu bringen. Nach dem fünften Versuch und einem kräftigen Schlag gegen die Seitenwand, blieb die Münze im Inneren. Sie setzte ein Poltern und Klackern in Gang, an dessen Ende das Objekt der Begierde im Ausgabefach landete. Mit einem Seufzer griff Tarun hinein und langte nach der Dose mit dem weltweit bekannten rot-weißen Aufdruck. Das kühle Metall fühlte sich gut an.
Seine Kehle war ausgetrocknet.
Nach derart getaner Arbeit schlich er unmotiviert zurück an seinen Arbeitsplatz. Es war ein immerhin mäßig klimatisierter, abgedunkelter Raum in einem Betonkasten, der sich Empfangsstation schimpfte. Die beeindruckende schwenkbare Parabolantenne stand hundert Meter entfernt auf einem massiven Stahlbetonsockel, war über ein Kabelschienensystem mit der Station verbunden.
Das Gelände war übersichtlich.
Die IIT hatte keine Kosten und Mühen gescheut. Ein drei Meter hoher grüner Stahlgitterzaun umlief das Gelände, am Eingangsportal der Station unterbrochen durch ein mechanisches Rolltor von gleicher Höhe. Daneben fand sich das Wärterhäuschen, eine stickig-warme Containerbude mit einem Telefon, einem Schalter zum Öffnen des Tores und dem großen roten Druckknopf für den Alarm. Der Eingang hatte eine Sprechanlage, man musste ihn nicht zwingend rund um die Uhr besetzen. Etwa zwölf holprige Kilometer vom nächstgrößeren Dorf entfernt, war, außer ein paar Dschungeltieren, ohnehin nicht viel zu erwarten.
Der Rest bestand aus einer Wellblechhalle mit Dieselaggregaten zur Stromerzeugung und zur Lagerung von Fahrzeugbenzin. Sie befüllten damit die beiden betagten Dienstwagen. Des Weiteren gab es das Stationsgebäude, ein ästhetisch wenig erbaulicher Klotz aus Beton und den überdimensionierten Wassertank. Er enthielt Trinkwasser und lieferte das benötige Kühlmittel für die technischen Anlagen auf dem Komplex.
Tarun Mandira ließ sich schlaksig in den abgewetzten Bürostuhl vor seinem Terminal fallen. Durch das Schütteln auf dem Weg dorthin war die Dose Cola etwas verstimmt.
Dem Öffnen folgte ein aggressives Zischen und ein Schwall aufgeschäumter Limonade.
Begleitet von einem indischen Fluch, ergoss sich die Flüssigkeit über Taruns Hose, lief von dort auf den Boden. Nur seine beherzte Reaktion verhinderte, dass sich der Rest auf seiner Tastatur verteilte. Sein Kollege Narayani Shyamangi blickte kurz vom Radio auf, während er versuchte den Sender zu justieren.
»Mein Gott, pass doch etwas auf. Ich hab keine Lust jede Woche aufs Neue zu wischen!«
Tarun sah hoch.
»Vielleicht kümmerst du dich besser um deinen eigenen Kram.«
»Das ist mein eigener Kram«, bellte Narayani zurück. »Du weißt, dass ich diesen Monat den Reinigungsdienst habe!«
Tarun hob ruckartig die Hand zur Schulter, schlürfte den Rest der Cola vom Dosenrand. Mochte Narayani sich doch ein Ei drüber hauen. Immer das Gemecker. Er würde gleich ein paar Papierhandtücher vom Klo holen und den verdammten klebrigen Rest der Cola aufwischen.
Eine Zeit lang war der junge Inder ganz mit sich und der Getränkedose beschäftigt, als er schließlich den Blick hob, weil sich irgendetwas verändert hatte.
Erst jetzt fiel es ihm auf.
Die gewohnten Zahlenkolonnen auf den Bildschirmen waren auf seltsame Weise unterbrochen, der Rhythmus hatte sich verändert.
Augenblicklich geriet das Popup mit der Warnmeldung in seinen Fokus. Noch immer stand es blinkend in der Mitte von Bildschirm Drei. Tarun zögerte einen unschlüssigen Moment, dann schob er den Bürostuhl näher heran, stellte geistesabwesend die halb leere Dose auf einen Papierstapel. Es waren Ausdrucke mit Radarhöhendaten vom Mare Crisium, dem 'Meer der Gefahren'.
Sein Blick hing wie gefesselt an der Warnmeldung.
»Attention. Unknown ultra high frequency signal detected. Flighttime hour 1400.53:36,Position untriangulated v-angle 15°, h-angle -2°«
Nachdem er einen Detail-Button mit der Maus angeklickt hatte, folgten weitere Telemetriedaten, die den Flugweg der Mondsonde beschrieben.
Er sah die aufgenommene Signalstärke, die Dauer des empfangenen Datenstroms sowie eine binäre Map mit der Signalverteilung über dem Empfangsfenster.
»Was in Buddhas Namen ist das?«, fragte er sich.
Das hier war kein 'Scrambler', kein Störsignal, wie es hin und wieder durch elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes hervorgerufen wurde. Die EDV der Sonde hätte so ein Signal längst als überflüssigen Müll ausgesondert.
Zur manuellen Weiterverarbeitung der CHANDRAYAAN-Daten gab es Tools, die man für solche und ähnliche Fälle zurate ziehen konnte. Auf diese Programme griff der Inder nun zu, holte sich mit der Maus von Monitor Zwei das entsprechende Widget und scrollte durch die Liste der Utilities.
Mit geübter Hand startete er die 'Lokalisierung', ein Werkzeug, das anhand der Umlaufdaten und der angegeben Missionszeit in der Lage war, die Position von CHANDRAYAAN-3 exakt zu bestimmen. Zusammen mit den horizontalen und vertikalen Peilwinkeln konnte ein zweites Programm die Position des Senders auf der Mondoberfläche errechnen. Tarun fand sich problemlos zurecht.
Ein paar zusätzliche Eingaben über die Tastatur waren notwendig. Mittels Copy-&-Paste gelangten die Werte aus der Warnmeldung in die Berechnungsfelder der aufgerufenen Tools. Tarun arbeitete schnell und sicher. Der aktuelle Vorgang war eine willkommene Abwechslung.
In wenigen Sekunden würde der Rechner eine Karte des Mondes aufbauen, die Senderposition mit einem farbigen Marker kenntlich machen. Wie im Programm GOOGLE EARTH drehte sich Augenblicke später die graue Kugel des Mondes auf dem Monitor.
'Es ist eine Position auf der Mondrückseite!', schoss es Tarun durch den Kopf.
Er beugte sich vor, wollte gerade den Arm heben und nach seinem Kollegen rufen, erwartete jeden Moment den Positionsmarker auf der größer werdenden Mondscheibe, … als die Anwendung plötzlich verschwand.
Stattdessen tauchte eine Fehlermeldung auf:
Contact lost to CHANDRAYAAN-3 probe. Attempting to reinitiate communication-link. Please be patient …
Im Gesicht des jungen Inders spiegelte sich Überraschung. Eine solche Meldung hatte er seit dem Start der Sonde nicht zu Gesicht bekommen.
Hastig tippte er mit den Fingern auf den Touchscreen, holte den Taskmanager zum Vorschein, schob dafür andere Fenster beiseite. Er überprüfte die Hintergrundprozesse. Alles schien in Ordnung zu sein und dennoch war die Kommunikationsverbindung zur Mondsonde unterbrochen.
Er rief Narayani zu Hilfe, doch der war ebenso ratlos wie er.
Ihre Versuche, das empfangene Signal wieder auf den Schirm zu holen, den Kontakt zur Mondsonde wieder herzustellen, schlugen fehl. Sie telefonierten mit den angegliederten Empfangsstationen und mit der Zentrale in Kharagpur.
Auch hier herrschte Ratlosigkeit.
CHANDRAYAAN-3 schwieg beharrlich.
»Was zum Teufel geht hier eigentlich vor?«, fragte sich Tarun Mandira.
2. Kapitel
Ames Research Center, Moffet Field (Kalifornien),
09. Dezember 2019, 15:22 Uhr PST
K aum mehr anderthalb Stunden bis zum Feierabend. Rick Pelshham blickte zum wiederholten Male an diesem Tag auf die Armbanduhr. Ihr abgeblätterter Goldüberzug ließ die Jahre erahnen, die bereits hinter ihr lagen. Zum fünfundzwanzigsten Dienstjubiläum hatte man ihm das gute Stück überreicht. Das war schon fast wieder zwei Jahrzehnte her. Die Zeit war an ihm vorüber gezogen wie eine Gewitterfront. An einigen Tagen freute man sich auf die willkommene Abkühlung nach Hitze und Stress, an anderen wiederum kam die Furcht vor Regen und Sturm auf. Das Arbeitsleben war von ebenso vielen Ups and Downs gekennzeichnet, wie das Private. Tage des Erfolgs, gemischt mit Ärgernis und Bitterkeit.
Irgendwie hatte er all das überstanden. Dabei war der Job gar nicht mal einer der Schlechtesten. Besonders in den aufregenden sechziger und siebziger Jahren. Eine Zeit des Aufbruchs, der unglaublichen nationalen Begeisterung für ein millionenschweres Unternehmen und gleichsam ein technologischer Wettlauf mit der verhassten Sowjetunion. Jahre des Zerwürfnisses zwischen den konkurrierenden Weltmächten in Zeiten des Kalten Krieges.
Er war als Rookie zu diesem Haufen gestoßen. Gerade frisch von der Universität, ohne jede Berufserfahrung, vollgepumpt mit dem theoretischen Wissen seiner Professoren, hoch motiviert, wie es wohl alle jungen Männer sind, wenn sie irgendwann auf der großen Bühne des Arbeitslebens auftreten. Leider wurden ihnen schneller die Flügel gestutzt, als sie erwartet hatten. Und während sie sich noch in jungen Jahren dagegen wehrten, so zu werden, wie die abgestumpften halsstarrigen Kollegen, vollzog sich bereits unaufhaltsam ihre Wandlung. Rick Pelshham hatte das Glück, in einer Phase der Hochaktivität zur NASA zu kommen. In einer Zeit, die geprägt war vom Entwicklungsdrang eines Landes, dass es vor allem dem russischen Gegner zeigen wollte. Der nationale Stolz gekränkt durch einen Mann namens Gagarin. Als dieser am 12. April 1961 mit seinem Raumschiff WOSTOK 1 die Erde umrundete, traf es die amerikanische Seele bis ins Mark. Amerika, das von sich den Status einer Weltmacht und eines technologischen Vorreiters in Anspruch nahm, wurde damit faktisch in die zweite Reihe gestellt. Völlig unakzeptabel. Zudem vorgeführt von einem Land, dessen Atomraketen auf alle amerikanischen Großstädte zielten.
Durch derlei Provokationen angespornt, wurde das größte Projekt angeschoben, dessen man gerade noch Herr werden konnte: die amerikanische bemannte Weltraumfahrt. Der Welt sollte ein für allemal gezeigt werden, wer die Führungsrolle im technisch-militärischen Bereich innehatte. Obendrein war man wohl auch in der Lage, sich über die Medien besser zu verkaufen, als es die Russen taten. Nach einer endlos scheinenden Kette von Fehlschlägen gewann man schließlich an Boden, konnte dem verhassten Gegner zeigen, wie es tatsächlich im Ringen um die technologische Vorherrschaft bestellt war.
Rick, damals blutjunge vierundzwanzig Jahre alt, frühzeitig den Doktor der Astrogeologie absolviert, fand im Jahre 1974 zur NASA. Zwei Jahre zuvor waren die bemannten Mondflüge offiziell für beendet erklärt worden, aber die Forschung an den Materialien, das Sammeln und Auswerten von Erkenntnissen hatte gerade erst begonnen. Zwar war das Interesse der Öffentlichkeit längst nicht mehr so massiv auf die Arbeit seiner Kollegen fokussiert, wie zu den Hochzeiten der ersten Mondflüge, aber die amerikanischen Astronauten waren noch immer die Helden der Nation. Rick hatte mehr als einmal die Ehre gehabt, einigen von ihnen die Hand zu schütteln. Das waren die Momente, in denen er, bei aller alltäglichen Enttäuschung, wieder Gewissheit erlangte, im richtigen Team zu spielen.
Es folgten Jahre mit Höhen und Tiefen. Gebeutelt vom immerwährenden Beschnitt des Forschungsbudgets durch den amerikanischen Senat, wurden vielsagende Projekte angestoßen und gleich darauf wieder zu den Akten gelegt. Auf 3,2 Milliarden US-Dollar belief sich das Budget der Raumfahrtbehörde im Jahre 1974. Zwar stieg es langsam aber stetig an, doch wurden die Kosten nicht geringer dadurch. Beim Beginn der Shuttle-Ära 1981 konnte man zumindest über 5,4 Milliarden US-Dollar verfügen. Nur dass sich die Kosten bis dahin exponentiell erhöht hatten und man ständig am Limit operieren musste, um überhaupt neue Projekte aus der Taufe heben zu können. Bei aller Planung und Rechnerei blieb der Betrieb der Space-Shuttle-Flotte ein finanzielles Desaster, von den beiden schweren Unglücken mit Verlust von Material und Menschenleben ganz zu schweigen. Ereignisse wie diese gehörten ganz deutlich zu den Tiefpunkten, die es an manchen Tagen fast unmöglich machten, die Motivation für die tägliche Arbeit zu finden.
Was blieb, waren Low-Earth-Orbit-Missionen und einige Deep-Space-Projekte, die Entsendung von Raumsonden in den äußeren Bereich des Sonnensystems. PIONEER und VOYAGER punkteten mit spektakulären Bildern von unseren Nachbarplaneten, erzeugten zumindest den Eindruck, die Menschheit täte einen ersten wirklichen Schritt hinaus ins All.
In den darauf folgenden Jahren musste man sich unter vorgehaltener Hand eingestehen, dass die Russen mit ihrem stoischen Verständnis von Raumfahrt und der ausgereifteren Raketentechnik mehr Boden gut gemacht hatten, als man es mit den Shuttle-Flügen hätte erreichen können. Auch die europäischen Freunde bei der ESA erzielten beachtenswerte Erfolge mit dem ARIANE-Projekt. Nur am Traum vom Flug zum roten Nachbarplaneten Mars wurde all die Jahre festgehalten. Als wenn die alten Hasen der NASA sich damit die Begeisterung und den Enthusiasmus alter Mondflug-Zeiten zurückholen konnten. In Wirklichkeit landete eine Idee nach der anderen mangels fehlenden Budgets in der Schublade. Die Frustration über die Tatsache, dass es den Politikern wichtiger war, in Afghanistan Krieg zu führen, als die Forschung voranzutreiben, saß wie ein Stachel in den Herzen der NASA-Mitarbeiter. Das galt auch für Rick Pelshham, mittlerweile in die Jahre gekommen und vom alltäglichen Einerlei geläutert.
Heute, mit siebzig, wünschte er sich, besser schon vor Jahren den Job an den Nagel gehängt zu haben. Aber mit der Altersversorgung in den Staaten war es ebenso schlecht bestellt, wie mit allem anderen. Angefangen beim Gesundheitssystem, über die sozialen Strukturen, bis hin zur wirtschaftlichen Gesamtsituation der USA. Selbst die Kreditwürdigkeit Amerikas war nicht mehr das, was sie einst war.
Der kleine Mann, zu denen sich auch Rick zählte, musste mit den Widrigkeiten des Lebens fertig werden. Gegen den Wunsch seiner Frau hatte er sich vor sechs Jahren entschlossen als technisch-wissenschaftlicher Consultant seinen dahinschmelzenden Lebensunterhalt aufzubessern. Die NASA brauchte immer gute Leute mit dem richtigen Mass an Lebenserfahrung, hier und da dem richtigen Riecher. Vielleicht ein Jahr noch. Rick war fest davon überzeugt, seinen Dienst an der Nation und der Menschheit im Ganzen geleistet zu haben. Irgendwann musste Schluss sein, auch wenn der Sinn des Lebens da draußen in der kalten Dunkelheit nicht entdeckt werden konnte. Diesen Part würden andere Männer übernehmen müssen, jung und motiviert. Nicht ein Rick Pelshham.
So würde er also seine letzten Dienstmonate damit verbringen, das Team der aktuellen Mars-Rover-Mission mit geologischem Fachwissen und wissenschaftlichen Expertisen zu unterstützen. So manches Mal herrschte Unschlüssigkeit darüber, welche notwendigen Entscheidungen zum Fortgang einer erfolgreichen Mission auf dem roten Planeten notwendig waren. Männer wie Pelshham konnten die richtigen Denkanstöße geben, wissenschaftliche Grundparameter definieren, die zu messbaren Erfolgen führten. Rick war in Laufe seiner Dienstjahre schon mit allen extraterrestrischen Projekten in Berührung gekommen. Angefangen von der Untersuchung der ersten Mondgestein-Proben, bis hin zu spektrometischen Auswertungen von Partikeln, die die japanische Sonde HAYABUSA am 25. November 2005 vom Asteroiden ITOKAWA holte. Kosmischer Staub, der die unglaubliche Entfernung von 1,25 Milliarden Kilometern zurück zur Erde gebracht wurde. Die Japaner hatten seine Erfahrung dankbar zu schätzen gewusst.
Er tat seinen Beitrag zu den Missionen der Mars-Rover SPIRIT und OPPORTUNITY in den Jahren 2004 bis 2010, half den indischen Kollegen bei den Vorbereitungen zur CHANDRAYAAN-2-Mission und verfolgte mit einer Träne im Auge, wie die Raumsonde VOYAGER endgültig das Sonnensystem verließ. Ein stummer Zeuge der menschlichen Zivilisation.
Da saß er nun vor einer der Expertisen, die man vor einer guten Woche bei ihm angefragt hatte. Die Textverarbeitung geöffnet, Seite achtzehn, mit einigen Graphen zur Spektralanalyse und Auswertung der Elementstrukturen kosmischer Staubpartikel. Irgendein Satellit hatte sie im Laufe seines kurzen Lebens in einer hohen Umlaufbahn gesammelt, bevor man seine sündhaft teuren Überreste durch gezielten Absturz der Glut der Erdatmosphäre überließ. Kurz zuvor hatte er sterbend seine Fracht zur Erde geschickt.
Das Telefon klingelte, er nahm ab.
»Pelshham hier«, sagte er kurz angebunden. Eine Stunde vor Feierabend konnte er nicht noch mehr Arbeit gebrauchen.
»Rick Pelshham?«
»Ja, natürlich. Wer denn sonst? Wir Pelshhams sind keine besonders fruchtbare Gattung, daher gibt’s hier nur den einen.«
Ein kurzer Moment der Stille folgte, dann sprach der Anrufer weiter:
»Mr. Pelshham, Sie kennen mich nicht. Mein Name tut hier auch nichts zur Sache. Ich werde ohnehin nicht lange genug mit Ihnen reden, als das wir Freunde werden könnten.«
Rick zog die Stirn in Falten.
»Dann tut es mir leid, junger Mann. Anonyme Anrufe nehme ich grundsätzlich nicht entgegen.«
Er wollte auflegen, hatte den Hörer gerade soweit vom Ohr genommen, um noch eben die Stimme seines Gegenüber zu hören.
»Mr. Pelshham, legen Sie noch nicht auf. Bitte!«
Rick nahm den Hörer wieder an sich.
»Also gut. Was wollen Sie?«, brummte er.
»Ich werde mich kurzfassen.«
»Das sagten Sie bereits. Enttäuschen Sie mich nicht.«
Rick wechselte den Telefonhörer auf die linke Hand und speicherte sein Dokument ab. Ablenkungen dieser Art waren der geeignete Anlass, um die Arbeit von Stunden durch das unachtsame Schließen einer Datei zu verlieren.
»Ich denke zwei Sätze werden genügen, Mr. Pelshham.
Als Erstes: William R. hatte recht mit APOLLO-20, …«
Eine kurze Pause, in der zunächst keine Reaktion von seinem Gesprächspartner erfolgte.
Dann sagte die Stimme: »Zu guter Letzt sollten Sie mal Ihren Maileingang checken. Ich wünsche Ihnen noch einen erfolgreichen Tag.«
Noch bevor Rick etwas erwidern konnte, hatte der Anrufer bereits aufgelegt. »Was zum Teufel …?«
Rick war verwirrt. Sein Gegenüber hatte ihm ein paar Wortfetzen hingeworfen und sich wieder aus dem Staub gemacht. Und das, noch bevor auch nur ansatzweise klar wurde, um was es hier ging. Der Mann hatte von etwas gefaselt.
William R.?
Wer zum Henker war William R. und was hatte ein alter Mann wie Rick Pelshham damit zu tun?
Der Anrufer hatte eine APOLLO-Mission mit dem Namen in Verbindung gebracht. APOLLO-20. Pelshham lachte auf.
Um Gottes willen nicht wieder einer dieser Verrückten.
Die NASA, das wusste er aus persönlicher Erfahrung, weil er noch als Student am Startplatz dabei war, hatte die bemannten Mondflüge mit der APOLLO-17-Mission eingestellt. Der letzte Flug zum guten alten Mond fand am 07. Dezember 1972 statt. An Bord befanden sich Eugene Cernan, Ron Evans und Harrison »Jack« Schmitt. Der Flug verlief ohne große Höhepunkte und mit ihrer Rückkehr trug man das amerikanische Mondprogramm zu Grabe, wenngleich zuvor tatsächlich noch Missionen bis APOLLO-20 geplant waren. Finanzielle Erwägungen standen dem Ganzen entgegen. Das Geld reichte nicht. Es wurde zu schwierig, dem amerikanischen Volk die horrenden Ausgaben zu erklären, vor allem wenn Astronauten nichts weiter als säckeweise Gestein von dort mitbrachten. Der Hype war abgeebbt, die Kosten schmerzten mehr als die Freude am technischen Fortschritt.
Nach den Mondmissionen kehrte Jahrzehntelang Ruhe ein, unterbrochen nur von den Verschwörungstheoretikern, die immer wieder behaupteten, eine Mondlandung habe es nie gegeben. Den Amerikanern und der Welt seien Filme aus geheimen Studios untergejubelt worden.
Rick wusste es besser.
Er hatte die Gesteinsproben in den eigenen Händen gehalten, sie untersuchen dürfen. Man konnte ihm Vieles nachsagen, nicht aber, dass er keine Ahnung vom dem hatte, was er tat.
Die Proben waren definitiv echt.
Zwar konnte man, bei allen Beteuerungen, die Zweifler nicht zum Schweigen bringen, letztlich taten es aber die LUNAR LASER RETRO-Reflektoren. Spiegel, die man bei den Missionen auf dem Mond zurückgelassen hatte. Mittels Lichtstrahl von der Erde visierte man sie an, um Entfernungsmessungen der Strecke Erde-Mond vorzunehmen. Dies lies sich durch Laufzeitveränderungen des rückkehrenden Laserlichtes bewerkstelligen.
Wie also hätte man all das machen können, wenn nicht wirklich jemand da oben gewesen wäre, der die Spiegel aufgestellt hatte?
Aber das war eine andere Sache.
APOLLO-20 hatte damit nichts zu tun. Diese Mission hatte es nie gegeben.
Schon APOLLO-18 war abgesagt worden.
William R.
Rick kramte in seinen Erinnerungen, wurde aber nicht fündig. Er bemühte seinen Computer, öffnete die allseits beliebte Suchmaschine mit dem großen 'G' und suchte nach den Worten:
»William R + APOLLO-20«
Keine Sekunde später, zwischen etlichen Einträgen uninteressanter Werbelinks, aber dennoch ziemlich weit oben, fand er den Hinweis auf 'William Rutledge'. Rick forschte weiter, der Name sagte ihm derzeit nichts. Die Zusammenhänge wurden ihm nicht klar. APOLLO, das lag lange zurück und zu viele Geschichten waren seitdem erzählt.
Die letzte Stunde verging wie im Fluge. Rick ging ein paar Jahre zurück, stieß auf weitere Links zu diversen Artikeln in Magazinen und Klatschblättern. Erstaunlich, dass man diese Dinge noch immer nachlesen konnte.
Das Internet vergaß tatsächlich nichts.
Rutledge, so las er, hatte in den Jahren um 2009 ein paar Schlagzeilen in den Medien hinterlassen. Dort hatte er behauptet, eine APOLLO-20-Mission sei sehr wohl durchgeführt worden, im Geheimen allerdings. Die NASA hätte dies stets geleugnet. Er selbst sei an der Mission als Astronaut beteiligt gewesen. Schon mit APOLLO-15 hätte man während der Mondumkreisung auf seiner Rückseite etwas entdeckt, das eindeutig nicht natürlichen Ursprungs sein konnte. APOLLO-20, so Rutledge, wurde anschließend im Geheimen von der Airforce-Base Vandenberg gestartet um Genaueres zu erfahren.
Rick lächelte.
Unglaublich.
Der gute Mann musste wirklich eine blühende Fantasie besessen haben. Wie um alles in der Welt hätte man den Start einer einhundert Meter großen SATURN-V-Rakete verbergen können? Von den Kosten eines solchen Unternehmens mal ganz abgesehen. Kosten für ein fragwürdiges Unternehmen mit fragwürdigem Erfolg.
Unmöglich, eine solche Mission vor den Augen der Welt zu verbergen.
Rick suchte weiter.
Was war aus William Rutledge geworden?
Nach der ersten kurzen und wenig effektiven Welle reißerischer Artikel war schnell wieder Ruhe eingekehrt. 2009 lagen die bemannten Mondlandungen bereits fast vierzig Jahre zurück. Die Welt lies sich mit Alien- und Mondgeschichten nicht mehr als ein paar Minuten aus ihrer Lethargie reißen. Bei allen Bemühungen Rutledges, seine Stimme verhallte schnell und kraftlos. Allein ein paar UFO-Foren und Freunde der Extraterrestrik diskutierten den Fall, bis auch sie letztlich verstummten.
William Rutledge, so fand Rick schließlich heraus, verstarb im Jahre 2016. Der kurze Hinweis machte keine weiteren Angaben über die näheren Umstände.
Rick war beileibe nicht der Mann blühender Fantasien.
Während er sich durch den ergrauten, schütteren Haarkranz fuhr, kamen ihm erneut die Worte seines Anrufers in den Sinn.
Welchen Grund hatte jemand, ausgerechnet ihn hier mit solchem Unfug zu belästigen? Hatten die jungen Männer heutzutage nichts anderes zu tun, als betagten Veteranen Räuberpistolen aufzutischen?
Warum die knappen Worte, warum zwei Sätze mit zweifelhaftem Inhalt? Richtig! Der Anrufer hatte ihn aufgefordert seinen Maileingang zu kontrollieren.
Rick griff nach der Maus, scrollte den Desktop über den Bildschirmrand hinaus und erhielt Zugriff auf das Mailwidget des NASA-Servers, der hier in Moffet Field für die Mitarbeiter zuständig war. Seit Jahren schon hatte er sich angewöhnt, den Desktop größer zu halten, als es der Bildschirm zeigte. So konnte man schnell auch mal etwas Privates außerhalb des Sichtfeldes ablegen, ohne das man sich gleich einen Spruch dafür einfing.
Tatsächlich! Neben diversen Mails anderer Abteilungen, fand sich auf der Folgeseite eine, die nur mit drei Sternen und dem Begriff 'Ap-20' im Betreff betitelt war.
»Dann zeig mal, was du Schönes für mich hast«, murmelte Rick und öffnete den Inhalt.
Der jedoch präsentierte sich wenig ergiebig. Genau zwei kurze Zeilen fand der alte Mann vor, keine besondere Formatierung, keine Grußformel, kein namentlich erwähnter Absender. Zuerst übersah er die wenigen Zeilen, hielt sie für eine Mailsignatur.
Dann aber dämmerte es ihm, dass dies die eigentliche Nachricht war. Rick las:
ARC, N-242, Lvl -1
Box-No 2783-B
Damit war auch schon Schluss.
Pelshham stöhnte auf.
Was sollte das jetzt? Was hatte er verbrochen, dass man solche Spielchen mit ihm spielte? In einem Anflug von Ärger tippte er den Close-Button der Mail und schob seinen Bürostuhl zurück. Er stand auf, machte ein paar unmotivierte Schritte in den Raum, nur um kurz darauf wieder kehrt zu machen. Er fuhr sich erneut durch den Haarkranz, die Hand wanderte um das Kinn herum und verharrte schließlich im dichten Bartwuchs unterhalb der Nase. Sein leerer Blick ging zur Uhr oberhalb der Bürotür. 17:10 Uhr.
Feierabend!
Wie von Geisterhand war es deutlich stiller geworden auf dem Flur draußen.
Wenn die Kollegen eines konnten, dann war es pünktlich vom Gelände zu kommen. Im Grunde hatten alle Mitarbeiter einen gewissen Gleitzeitspielraum. Außerhalb der Kernzeiten war es jedem NASA-Kollegen erlaubt, zu kommen und zu gehen wann er wollte. Meist lief es auf Überstunden hinaus, so wie es all die Jahre gewesen war. Die Smartcard, die Rick an einem Bändchen um den Hals baumeln hatte, war bereits mit ihm verwachsen, so lange trug er sie schon am Leibe. Mit ihr würde er überall auf dem Gelände Zugang erhalten, auch wenn nicht mehr alle Bediensteten anwesend waren.
Rick hatte für heute keine Lust mehr auf Spielchen. Feierabend war Feierabend, besonders für Altgediente. Die hatten nämlich weiß Gott genug geleistet. Der Rechner würde spätestens in der nächsten untätigen Minute eine automatische Sperre aktivieren, die nur durch seine Stimme wieder aufgehoben werden konnte.
Also schnappte er sich die Steppjacke und den Hut vom Garderobenständer, drückte im Vorbeigehen den Knopf am Monitor und verschloss mit einer schnellen Bewegung den Schreibtisch, so wie er es seit eh und je tat. Kalifornien war in diesem Jahr winterlich angehaucht, wenngleich Schneefälle bislang ausgeblieben waren. Vielleicht würde das noch kommen. Wie jedes Mal unerwartet und schnell, daher brauchte es einer vernünftigen Jacke, um nicht zu frieren. Den Weg zum Auto legte er mit schlafwandlerischer Gewohnheit zurück. Rick absolvierte die wenigen Hundert Meter bis zum Parkplatz in automatisierter Gedankenversunkenheit, blieb schließlich vor seinem VW-Golf stehen und öffnete das Fahrzeug. Der Deutsche hatte bereits ein paar Jahre auf dem Buckel. Nicht ungepflegt, aber er war eben nicht mehr das neueste Modell. So wie er selbst. Irgendwann würde alles mal alt werden, warum nicht die Autos mit ihm?
Gebäude Nummer 14, direkt neben dem Post Office, dort war sein Arbeitsplatz. Nummer 14 lag im südlichen Teil des riesigen Geländes. Einige Hundert Meter entfernt befand sich der Haupteingang des AMES RESEARCH CENTERS. Insgesamt arbeiteten ca. 3000 Beschäftigte hier, die Hälfte davon waren NASA-Mitarbeiter. AMES war eine von mindestens elf großen Einrichtungen der amerikanischen Raumfahrtbehörde. Es lag an der Grenze der Städte Mountainview und Sunnyvale und wurde am 20. Dezember 1939 als zweites Labor des NATIONAL ADVISORY COMITTEE FOR AERONAUTICS gegründet. Über die Jahre und gerade zu Zeiten der Mondflüge, wuchs der Komplex zu stattlicher Größe. Fertigungshallen, Bürokomplexe, Parkplatzanlagen und dergleichen sowie Einrichtungen für jede Menge Know-how. Grundlagenforschung im Bereich Luftfahrttechnik, das war die Aufgabe und bis zum Jahre 2003 betrieb man hier den weltweit größten Windkanal.
Der Jungsiebziger ließ sich in den Fahrersitz seines Wagens fallen, eine Hand an der A-Säule. Zu eng der Einstieg, zu alt und zu müde die Knochen. Rick startete den Golf, erst dann schloss er die Tür und fuhr langsam vom Parkplatz. Ein paar wenige Arbeitswochen noch, dann würde er diese Zeremonie ein letztes Mal tun, dem ganzen verdammten Laden hier ein für alle Mal den Rücken zu kehren.
Was dann kam?
Wenn er ehrlich war, konnte er das derzeit gar nicht mit Gewissheit sagen.
Jedenfalls hatte er nicht vor, auch nur einen Tag länger als nötig zu bleiben.
Die Sterne würden auch ohne ihn weiter leuchten, der gute alte Mond so wie eh und je über den Himmel ziehen.
Mit mäßigem Tempo rollte er die Clark Road hinunter, die am Main Gate des gesamten Komplexes ihr Ende fand. Kurz vorher musste er einem anderen Fahrzeug Platz machen, das von rechts aus der Arnold Avenue kam.
Sein Wagen nahm langsam wieder Fahrt auf..
»Ames Research Center«, murmelte er und seufzte. »Wie lange musste ich dich schon ertragen. Dich und deinen schlechten Kantinenfraß.«
Ames … Research … Center.
…
A..R..C
Er trat auf die Bremse. Das Main-Gate war schon in Sicht. Der Pförtner Pete drehte bereits den Kopf. Er würde wie immer die Hand zur Schirmmütze heben und Rick mit einem leichten wohlgemeinten Nicken die Schranke öffnen. Der Golf stand bewegungslos auf der Clark Road, schüttelte sich unmerklich, während der Motor lief. Die Laufkultur des Vierzylinderdiesels hatte schon immer zu wünschen übrig gelassen.
Stand nicht etwas wie 'A..R..C' in dieser Mail? Zusammen zwischen den Nummern? Dazwischen, … davor, … oder dahinter?
Es konnte doch kein Zufall sein, dass ausgerechnet diese drei Buchstaben in genau dieser Reihenfolge an jemanden gerichtet waren, der hier arbeitete. Oder hatte er sich in seiner Senilität wieder mal etwas Falsches gemerkt?
Verdammt. Er hatte sich mit den zwei Zeilen einfach zu kurz befasst, um sich genau zu erinnern. Der Tag war anstrengend gewesen. Irgendwann schaltete der Denkapparat einfach auf Feierabend-Modus.
»Hol mich der Teufel, ich fange schon an durchzudrehen.«
Rick Pelshham wendete den Wagen, musste einmal kurz zurücksetzen und fuhr dann die Clark Road hinauf bis zum Gebäude, aus dem er wenige Minuten zuvor gekommen war. Da mittlerweile weitere Bedienstete nach Hause gefahren waren, konnte er sich einen Stellplatz nahe am Gebäude aussuchen. Er brauchte nur wenige Schritte bis zum Haupteingang. Seine Smartcard, die noch immer um seinen Hals baumelte, authentifizierte ihn am Scanner. Die Glasschiebetüren glitten zur Seite und gaben den Weg in die Lobby frei.
»Mr. Pelshham. Noch auf dem Gelände?«
Timothy Glore, der derzeitige Mann hinter dem Empfangstresen, schaute auf die Armbanduhr und blickte dann wieder hoch.
»Haben Sie etwas vergessen?«
»Wie man's nimmt«, brummte der Alte, nickte Tim kurz zu und huschte vorbei, Richtung Aufzug.
Zwei Minuten später hatte sein Finger den Knopf am Monitor gedrückt. Das TFT-Display war praktisch sofort zur Stelle. Rick hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, den Rechner rund um die Uhr laufen zu lassen. Zwar mochte dies eine Form von Energieverschwendung sein, noch mehr verschwendet waren jedoch seine Nerven, wenn früh morgens das verdammte Ding nicht hochlaufen wollte, weil über Nacht mal wieder ein ungeheuer wichtiges Update aus der IT-Abteilung eingespielt wurde.
„Autorisierung Pelshham, Rick“, sagte er und der Rechner gab den Zugriff frei.
Der alte Mann zog hastig seinen Stuhl heran und setze sich nieder. Die Maus glitt über den Bildschirm, verschob den Desktop, wie bereits Hunderte Male zuvor und fand den Mailclient. Rick öffnete ihn, suchte die Nachricht, die ihm der Unbekannte am späten Abend hatte zukommen lassen. Bei der Gelegenheit fiel ihm auf, dass er sich nicht mal die Mühe gemacht hatte, nach dem Absender der Nachricht zu schauen.
Er suchte noch immer.
Für einen kurzen Moment keimte Panik in ihm auf, die Mail könnte versehentlich gelöscht worden sein. Er fand sie schließlich zwanzig Einträge weiter unten.
Ganz erstaunlich, was während seines kurzen Fortseins bereits wieder an Post eingegangen war. Rick öffnete den Eintrag mit einem Klick der Maus.
Da war es:
ARC, N-242, Lvl -1
Box-No 2783-B
ARC. Ganz eindeutig die Abkürzung für AMES RESEARCH CENTER!
Es war aber auch die englische Bezeichnung für 'Bogen'.
Er lehnte sich zurück.
Vielleicht eine Bogenmaß-Angabe. Die Art der Größenbestimmung war nicht unüblich in der Astronomie. N-242 war eindeutig keine Bogenlänge, eher einem Eintrag in einem Sternenkatalog ähnlich. Aber bei genauerer Betrachtung ergab das alles keinen Sinn. Was sollten derartige Angaben mit seinem Telefongespräch zu tun haben und vor allem mit William Rutledge, dem verhinderten APOLLO-Astronauten?
Mehr durch Zufall wanderte sein Blick durch das verdunkelte Zimmer.
Um diese Zeit fiel kaum noch Sonne durch die Bäume vor dem Fenster. Das Büro lag nach Norden raus, der Sonnenstand war bereits niedrig um diese Zeit. Rick's Blick blieb an einer DIN-A5-grossen Kopie hängen, die bereits seit Jahren ihr unbeachtetes Dasein an der Pinnwand in seinem Büro fristete. Sie zeigte schematisch das Betriebsgelände des ARC. Schwarze Kästchen unterschiedlicher Größe für die Gebäude. Linien zeigten die Straßen an. Hier und da standen Straßennamen, so wie er sie kannte. Die Gebäude waren mit weißer Schrift nummeriert Zahlen wie 567, 126, 15 und ähnliche waren zu sehen. Aber auch solche, die mit einer Buchstaben-Zahlen-Benennung versehen waren. Unter anderem Bezeichnungen wie N-229A. Rick sprang auf, wenn man das von einem beinahe Siebzigjährigen so sagen konnte, kurvte schwankend um den Schreibtisch herum und näherte sich der blassen Kopie.
Natürlich, das war es!
ARC musste tatsächlich für AMES RESEARCH CENTER stehen und N-..., na N-so was eben, stand für eines der Gebäude.
Er riss den Zettel von der Pinnwand, machte 180 Grad kehrt und schwankte ebenso geschickt zurück zu seinem Arbeitsplatz.
Er beugte sich über die Tastatur, ging ganz nahe an den Bildschirm heran. N-242 stand dort.
Sein Blick wanderte vom Display hinunter auf das Stück Papier, das er in seiner Hand hielt. Nach ein paar Sekunden hatte er ein Gebäude mit der Bezeichnung N-242 ausgemacht. Ein mittelgroßes, annähernd quadratisches Objekt zwischen der Walcott Road und der Severyns Avenue. Sein Gedächtnis ließ ihn bei der Suche nach der Aufgabe dieses Gebäudes im Stich. Zu lange schon hatte er immer den direkten Weg zur Arbeit genommen. Es musste Jahre her sein, dass er jemals in der besagten Ecke gewesen war. Die Walcott Road lag weiter nördlich auf den Gelände, vielleicht 500 Meter Luftlinie von hier.
Sein Blick glitt wieder hinauf zum Text der Mail.
'Lvl -1'.
Was sollte das jetzt? LvL stand womöglich für Level, also Etage. 'Etage -1' konnte demnach nur den Keller bezeichnen oder die Parkgarage. Zusammen mit der folgenden Angabe einer Box-Nummer musste das Ganze einen Sinn ergeben, der ihm bislang noch verborgen blieb.
Rick Pelshham beschloss, dem Rätsel endgültig auf den Grund zu gehen. Diesmal deaktivierte er den Bildschirm nicht. Er kritzelte die Box-Nummer überhastet auf den Zettel mit dem Gebäudeplan, stopfte ihn in seine Hosentasche und verließ Hals über Kopf das Büro. Draußen angekommen, zwängte er sich erneut in den betagten Golf, um kurz darauf mit mäßiger Geschwindigkeit die McCord Avenue hinaufzufahren, die in nördlicher Richtung das Areal durchzog. Er sah nur wenige Mitarbeiter. Mittlerweile war es fast 17:45 Uhr. Wer jetzt noch vor seinem Schreibtisch saß, der war selbst schuld. Hier und da gingen ein paar vereinzelte Bürolichter an. Es schien tatsächlich arme Seelen zu geben, die der NASA noch etwas Gutes tun wollten.
Nach knapp drei Minuten kreuzte die Straße die Walcott Road. Die Schilder klärten ihn darüber auf, dass sein Weg nun den Namen Mark Avenue trug. Rick hielt kurz an, nestelte den Plan aus seiner Hosentasche und verglich die Örtlichkeit. Sein Plan war nicht der Neueste, soviel stand fest. Dennoch hatten sich die Umrisse der größeren Gebäude nicht maßgeblich verändert.
Nach kurzer Gegenüberstellung hatte er das fragliche Gebäude ausgemacht. Pelshham trat aufs Gas und näherte sich N-242. Das Schild vor dem Eingang wies es als Koordinationsstelle für den Triebwerks-Teststand der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Ein Blick nach links zeigte ihm ein Gelände mit großen Kugeltanks und meterdicken Röhren, die in einem Verbund in diversen Hallen verschwanden. Das Gebäude, vor dem er jetzt stand, hatte eher den Charme einer Lagerhalle. Auf dem Dach befand sich ein fünfeckiger Versorgungsturm. Wofür auch immer man N-242 tagtäglich betreten mochte, Rick Pelshham hatte nicht in vierzig Jahren die Notwendigkeit dazu gehabt.
»Es gibt eben immer ein erstes Mal«, murmelte er und öffnete die Tür seines Wagens. Seine Smartcard würde ihm auch hier Zutritt gewähren. Die Sicherheitsbeschränkungen auf dem Gelände waren nicht besonders hoch. Einzig der ehemalige Windkanal und der Computer-Bereich mit den zentralen Servern war nennenswert abgeschottet.
Die eigentliche Kontrolle erfolgte in der Regel am Main-Gate.
Hatte man das erst mal passiert, war alles andere Kindergeburtstag. Zumindest als Angestellter mit einer Smartcard, wie sie derzeit um Rick's Hals baumelte.
Derart bewaffnet, näherte er sich dem Eingang, lies die Glastür beiseite gleiten und betrat das Gebäude. N-242 verfügte nicht über einen Empfangstresen. Man stand praktisch direkt im Treppenhaus, von dem mehrere Gänge abzweigten.
Die Bezeichnung 'Lvl -1' gab Hinweis auf eine Etage unterhalb des Eingangsbereiches, also entschied sich Rick, die wenigen Stufen zum ersten Kellergeschoss zu gehen. Eine Bezeichnung für das Stockwerk konnte er nirgends finden. Nach wenigen Schritten stand er vor einer metallenen Tür, wie man sie sonst an älteren Aufzügen findet. Eine von der Sorte mit dem schmalen vertikalen Fenster und dem Drahtgitterglas, rechts daneben ein Scanner für die Smartcard.
Der alte Mann hob seine Karte und hielt sie dem Gerät hin. Der Scanner gab sich damit zufrieden. Zeitgleich mit dem Summen des elektrischen Schlosses öffnete Rick die Stahltür.
Er trat ein.
Der dahinter liegende Flur lag zunächst im Dunkeln. Ein Bewegungsmelder war so freundlich die Beleuchtung einzuschalten. An der Decke begannen nach und nach die Langfeldröhren zu leuchten, einige etwas zickig, so als hätte man sie gerade erst geweckt. Zwei verweigerten gänzlich den Dienst, hinterließen eine schlecht ausgeleuchtete Stelle im Gang.
Der Astrogeologe ging verhaltenen Schrittes den Gang entlang. Rechts und links zweigten Türen ab. Nicht viele. Rick sah drei, um genau zu sein. Sie waren geschlossen und jeweils mit einer kryptischen Nummer beschriftet, die in keiner Verbindung mit der Kritzelei auf seinem Zettel stand. Man hatte sie nicht abgesperrt, Rick konnte nacheinander einen Blick in die dahinter liegenden Räume werfen. Beim Ersten, links gelegen, fand er einen Waschraum vor, wie ihn schmutzige Handwerker und Monteure nutzten. Ein Reihenwaschbecken mit großzügigen Armaturen, im Hintergrund des Raumes ein paar dunkelgrüne Metallspinde. Das monotone Plätschern eines undichten Hahnes war das einzige Geräusch. Niemand war anwesend.
Tür Nummer zwei, rechts gelegen, führte in einen kleinen Aufenthaltsraum, der gleichzeitig auch Sanitätsraum zu sein schien. Nicht größer als Rick's Küche daheim, vielleicht drei Meter im Quadrat. Auch hier war niemand vorzufinden. Der Tisch mit den vier umstehenden Stühlen war leer.
Tür Nummer drei, ebenfalls rechts gelegen, barg eine Überraschung. Als Rick eintrat, fand er zunächst Dunkelheit vor. Erst das Ertasten des Lichtschalters direkt am Eingang versorgte den erstaunlich großen Raum mit gedämpftem, kalten Neonlicht. Kästen, Kisten, Container, Tonnen, Kartons und derartige Behältnisse unterschiedlicher Größe lagen hier in metallenen Schwerlastregalen. Eine sinnvolle Ordnung konnte Rick auf Anhieb nicht erkennen, die Regale jedenfalls waren nicht beschriftet. Er vergewisserte sich mit einem erneuten Blick auf den Zettel: Box-No 2783-B.
Pelshham knurrte ungehalten. Hier lagen, standen und … hingen Hunderte von Behältnissen. Wie zum Teufel sollte er hier nach der Nummer 2783-B suchen? Es würde ihn Stunden kosten.
Dennoch schlenderte er langsam durch den ersten Gang, der sich etwa fünfundzwanzig Meter in den Raum erstreckte, nur um am Ende nach rechts abzuknicken und einen weiteren Gang freizugeben. Im Vorbeigehen sah er die ulkigsten Pakete. Handgeschnürtes, Umwickeltes, Verschweißtes, Metalldosen, Kunststoffboxen, Papprollen, …, jede mit einem Aufkleber versehen, der eine Nummer zeigte. 2783-B war nach grober Durchsicht bislang nicht dabei.
Rick hatte sicher schon eine gute halbe Stunde hier zugebracht und war drauf und dran den Heimweg anzutreten, als er am Ende eines der Gänge einen Kunststoffcontainer entdeckte. Er leuchtete in einer auffallenden RAL-Farbe. Der Container mochte fünf mal vier Fuß groß sein und vielleicht drei Fuß hoch. Nicht gerade klein. Er suchte den Aufkleber, wie er auf allen Behältern des Raumes zu finden war, entdeckte aber auf Anhieb nichts.
An der Seite sah er schließlich eine handschriftliche Markierung, mit einem dicken, wasserfesten Stift aufgetragen. »Box-No 2783-B« stand dort.
Er hatte die Kiste gefunden!
Der Container war mit mehreren metallenen Drehverschlüssen gesichert.
Rick entschied sich, sie zu öffnen und fasste kurz darauf an zwei integrierte Haltegriffe, um vorsichtig den oberen Teil des Behälters anzuheben.
Lautlos klappte der isolierte Kunststoffdeckel nach oben.
Rick's Blick fiel auf eine Unzahl von Industrie-Magnetbändern, bestimmt zwanzig Stück, etliche Ordner mit Unterlagen, diverses Kartenmaterial, Kassetten-Tapes und Handgeschriebenes. Er identifizierte eine Kiste mit Mikrofischen, diverse Diakästen und allerhand Kleinkram. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich viele der Kunststoff-Ordner als Missions-Logs, wie er sie aus vergangenen Tagen kannte.
Das Kartenmaterial war gerollt und schien auf den ersten Blick die grobe Topografie des Mondbodens zu enthalten.
Unglaublich!
Der Inhalt des Containers musste Material von einer der bemannten Mond-Missionen enthalten. Nicht dass es ihn unbedingt erstaunt hätte, aber nach genauerem Überlegen tat es das doch.
Im Zuge der ganzen Diskussion, ob die NASA nun auf dem Mond gewesen sei oder nicht, waren seltsamerweise viele der Originalunterlagen und Aufnahmen abhandengekommen. Eine Erklärung konnte die NASA dazu nie wirklich liefern. Sollte Rick hier wirklich Missions-Material gefunden haben, so wäre das ein nostalgischer Gewinn für Historiker und Mondforscher. Da der Container aber auf diesem Gelände lagerte, schien wohl irgendwer zu wissen, dass es ihn gab.
Rick Pelshham griff nach dem Ersten der fünf Missions-Logs und öffnete den Deckel. Unter dem amerikanischen Weißkopfadler prangte, neben dem Siegel der NASA, die laufende Missionsbezeichnung samt Namen der Crew. Das kreisrunde Logo zeigte zwei SATURN-V-Kommandomodule, die zu beiden Seiten ein fremdartiges Schiff vom Mondboden bargen.
Dem alten Mann stockte der Atem.
»Verdammt«, stöhnte er völlig perplex, »das kann doch nicht wahr sein …!«
3. Kapitel
Silver Falls, Michigan
18. Februar 2020, 09:30 Uhr Ortszeit
S teve Hookland hielt einen Moment inne, beugte sich vor und stützte seine Hände auf den Knien ab. Sein Atem kondensierte in dichten Dampfschwaden. Die Luft war kalt, sehr kalt heute. Sie brannte in den Lungen, hinterließ ein taubes Gefühl auf den durchgefrorenen Lippen.
An jedem zweiten Tag dieser Urlaubswoche hatte er zehn Kilometer entlang der einsamen Schneisen und Uferböschungen in Form eines ambitionierten Waldlaufs zurückgelegt. Der Beginn des Monats hatte ausgiebige Schneefälle mit sich gebracht, die Landschaft in wunderschönes Weiss gehüllt. Der große See, umrandet von ausgedehnten Wäldern, lag noch immer ohne Eis da, glitzerte in der Sonne. Über dem Schnee lag der nächtliche Frost. Die dichte Bewaldung hielt ihn fast greifbar zwischen den Bäumen.
Er richtete sich schnaufend auf. Sein Blick lag auf dem See, die Wellen kräuselten sich leicht. Ein Schwarm von Silbermöven stob kreischend am Ufer auf, als ein junges Pärchen mit Hund am Wasser entlang lief. Niemand war sonst um diese Zeit hier zu sehen. Die Natur hatte noch ein paar Stunden für sich, bevor zur Mittagszeit die Touristen, auf der Suche nach einer warmen Mahlzeit, die spärlichen Örtlichkeiten aufsuchen würden.
Steve Hookland hatte sich die kleine Kuppe mit letzter Anstrengung erkämpft. Nun pochte das Herz, die Lungen brannten. Er hatte ein unangenehmes rhythmisches Rauschen in den Ohren.
Urlaub. Besser gesagt zehn Tage, die er der Geschäftsführung abgerungen hatte, nachdem das ganze Jahr keine Zeit zum Nachdenken und Innehalten war. Sein Drang nach Ruhe war letztlich unbeugsam über ihn hereingebrochen. Wenn irgendwann die Bereitschaft nachließ den Job zu machen, dann gab es nur eines: Weg von zu Hause und für ein paar Tage mit sich und der Einsamkeit allein sein.
Den Kopf freimachen, Alltag vergessen.
Er schob den Reißverschluss der winddichten Goretex-Jacke bis ganz nach oben, vorsichtig, damit sich der kurz rasierte Bart nicht darin verfing. Leichter Wind strich durch die Wipfel der Bäume, fast lautlos und doch deutlich spürbar. Steve atmete langsamer, begann wieder Kraft zu schöpfen, die Natur für wenige Augenblicke zu genießen, nachdem sie ihn fast zehn Kilometer Stock auf, Stock ab, gequält hatte. Mit dem Handschuh tupfte er sich schniefend den Tropfen von der Nase, der sich durch die Kälte dort festsetzen konnte.
Die Sohlen seiner Schuhe hatten sich auf den schlecht geräumten Wegen mit Dreck und Schnee zugesetzt, waren rutschig, was das Laufen nicht gerade angenehmer machte.
Das Pärchen mit dem Hund war längst seinen Blicken entschwunden und noch immer stand der junge Mann oberhalb des Seeufers, einen Fuß auf dem Felsen vor ihm. Ruhe und Einsamkeit seine einzigen Begleiter. Wenn man für einen Moment innehielt und lauschte, dann war die Stille nahezu unheimlich. Der Schnee schluckte die Geräusche der Zivilisation wie ein überdimensionaler Schalldämpfer. Gerade deshalb liebte Steve diese Jahreszeit so. Der hektische Lärm der ungeliebten Zivilisation wurde einfach ausgeblendet, herausgefiltert aus dem anstrengenden Alltagsgeschehen.
Die frechen Silbermöven hatten erkannt, dass das Pärchen mit Hund keine geeignete Futterquelle war. Sie waren nun wieder auf dem Wasser unterwegs, auf der Suche nach Nahrung. Die aufgebrachte Vogelschar war über dem See in ständigem Tumult mit sich selbst beschäftigt.
Der 36-jährige Hookland griff nach der kleinen Getränkeflasche an seinem Gürtel. Besser gesagt nach dem flachen Band, das er sich um die Hüften geschlungen hatte, um das Behältnis daran zu befestigen. Mit klammen Fingern drehte er den Verschluss und setzte die Flasche zu einem kurzen Schluck an die Lippen. Einfaches Wasser. Einfaches Wetter. Einfache Gegend, …, einfaches Leben. Keine Hektik, kein Zeitdruck, keine durchgearbeiteten Nächte. Oh, wie er sich darüber freute hier zu stehen!
Allein, abgeschnitten von der Welt, leicht fröstelnd, … aber zufrieden.
Man sollte meinen, diese ruhigen Minuten seien die ideale Gelegenheit für das Verarbeiten aller quälenden Gedanken. Aller Probleme, aller Gefühle.
Aber dem war nicht so. Steves Kopf war in diesem Augenblick völlig leer. Nein, … nicht leer. Er war zum ersten Mal seit Monaten wieder in so was wie Leerlauf. Entspannt, mit innerer Ruhe.
Die körperliche Erschöpfung durch den Waldlauf tat ihr Übriges. Auch die Kälte hatte ihren Teil dazu beigetragen. Knapp drei Kilometer würde er noch laufen müssen, dann war die kleine Ansammlung von Hütten erreicht, von denen Eine sein derzeitiges Zuhause war.
Er verschloss die Flasche und ließ sie achtlos am Halteband baumeln. Dann zupfte die Jacke zurecht und wollte sich gerade umdrehen, um den Rest der Strecke zu absolvieren, als ein verhaltener Piepston in seinem Rucksack zu hören war. Ein Laut der Zivilisation, die er doch gerade hinter sich gelassen glaubte. Das Smartphone signalisierte einen Anruf.
Soviel zum Thema Einsamkeit. Steve ärgerte sich über sich selbst. Warum konnte er bei all den Bedürfnissen nicht so clever sein und den ganzen verdammten Technikscheiß da liegen lassen, wo sich auch der Rest seiner Sachen befand?
Nein, jetzt nicht!
Er würde jetzt nicht den Rucksack abnehmen, würde ihn nicht öffnen und würde verdammt noch mal nicht darin kramen, bis er das kleine schwarze Etui mit dem Smartphone gefunden hatte. Er würde stattdessen die drei Kilometer entspannt zu Ende laufen und sich, wenn überhaupt, erst danach mit dem Beschäftigen, was die Zivilisation für ihn bereithielt.
Drei Minuten später hatte er im Lauf innegehalten, sich den Rucksack von den Schultern gerissen und doch danach gekramt. Fluchend zog er sich einen der Handschuhe mit den Zähnen aus, fummelte an dem unscheinbaren Etui herum, versuchte mit klammen Fingern und dem Handschuh der linken Hand das Gerät hervor zu holen.
Die enge Waldschneise war nicht gerade lichtdurchflutet, aber dafür ging kein Wind. Am blauen Himmel über Silver Falls zeigte sich zaghaft die Sonne zwischen den Baumwipfeln, sodass hin und wieder ein Lichtstrahl durch die Zweige schien.
Das Etui öffnete sich widerstrebend, sein Mobiltelefon kam zum Vorschein, rutschte dann aber urplötzlich weg, an seinen Fingern vorbei. Er verlor den Handschuh aus dem Mund, wirbelte in einem Reflex das Handy hoch, versuchte danach zu greifen und schlug es ungeschickt davon.
Es flog wild taumelnd einen Meter durch die Luft, um anschließend hochkant in einer Schneewehe zu stecken.
Steve rutschte fluchend einen Schritt vorwärts, stolperte und kam dann unbeholfen vor dem Haufen zum Stehen, in dem sein Smartphone steckte. Das Display war dunkel, das nervige Klingeln jedoch blieb.
Er zog es aus dem kalten Weiss heraus, wischte es ab, klopfte den letzten Rest Schnee von der Seite. Das Etui stopfte er zunächst achtlos in den Rucksack zurück, den er sich anschließend wieder um die Schultern warf. Sein Handschuh lag hinter ihm auf dem Weg. Er bückte sich danach und nahm ihn an sich. Die rechte Hand umklammerte das einzige funktionierende Relikt der Zivilisation, bis schließlich sein Daumen das Feld mit dem Fingerprint-Scanner erreichte, um das Smartphone zu aktivieren.
Zu spät! Der Störenfried hatte aufgelegt.
'Ein unbeantworteter Anruf', signalisierte das Smartphone. Eine Nummer wurde nicht angezeigt, also war die ganze Hampelei umsonst gewesen. Neugierde war mit Sicherheit keine Tugend, soviel stand fest.
Er schaltete das Gerät ab und ließ es diesmal achtlos in der Hosentasche verschwinden, die er mit einem Reißverschluss zuzog.
Mit müden, steif gefrorenen Knochen setzte er sich wieder in Bewegung. Zaghaft, so als müsse er sich erst zurückfinden in das, was er einer idiotischen Eingebung wegen, gerade unterbrochen hatte. Er war ausgekühlt, die Muskeln entkräftet. Die letzten drei Kilometer würden nicht mehr annähernd so viel Spaß machen wie die Ersten.
Mit deutlich zaghafteren Laufschritten, die mehr einem zügigen Walking glichen und weitaus weniger Motivation, nahm er den restlichen Weg in Angriff.
Erste Sonnenstrahlen beleuchteten den Waldweg vor ihm. Wärme durchzog seine Kleidung. Das helle Licht blendete die Augen.
*
Etwa fünfundzwanzig Minuten später tauchten am Ufer vor ihm die ersten Ferienhäuser auf. Einfache Holzbauten, wie man sie überall in Kanada fand, die aber auch ebenso an der Küste von Dänemark hätten stehen können oder in irgendeinem kleinen Fischerdorf der schottischen Highlands. Die meisten waren in einem dunklen, herbstlichen Rot gestrichen, mit weißen Fensterrahmen und einem hier und da verbogenen Kaminrohr. Aus fast allen Schloten stieg geradlinig dünner Rauch empor, denn der Wind war nahezu abgeflaut.
Die Wege waren vom Schnee befreit, aber durch die Fahrzeuge der Touristen und Anwohner schlammig. Wenig einladend für einen Läufer mit sportlichem Schuhzeug.
Mrs. Peeverton sah ihn bereits von Weitem, hob winkend die Hand, zog die Schürze enger um den korpulenten Leib und eilte hastig ins Innere des Hauses. Sie wollte Tee aufsetzen und das üppige Frühstück in eine Art Mittagessen verwandeln. Die Uhr an Steves Handgelenk zeigte kurz nach zehn Uhr morgens. Eine unchristliche Zeit für Frühstück und eine ebenso unchristliche Zeit für Mittagsessen, dachte sich Steve, während er sich die Füße an der knorrigen Holztreppe abtrat, um Schmutz und Schnee von den Schuhen zu entfernen. Den Rucksack hatte er mittlerweile locker über die rechte Schulter geworfen, die nassen Handschuhe steckten in einer seiner Hosentaschen.
»Kommen Sie doch herein, Mr. Hookland!«, hörte er die alte Dame.
Die hohe, aber sehr freundliche Stimme von Mrs. Peeverton flötete aus dem Raum des kleinen Hauses, der Küche und zugleich Wohnraum in einem war. Seine Unterkunft fand sich im hinteren Teil des Gebäudes, neben einem kleinen Flur, direkt gegenüber dem gemeinschaftlichen Badezimmer. Das Bad war so groß, wie ein gewöhnlicher zweitüriger Schlafzimmerschrank.
Steve betrat das Zimmer.
Wohlige Wärme drang ihm entgegen. Er drehte sich um und schloss die Haustür. Durch die Feuchtigkeit der letzten Tage war sie leicht verzogen, brauchte ein wenig Zurede um sich ganz zu schließen. Im Zentrum des Raumes sorgte ein Kanonenofen für mollige Temperaturen. Direkt daneben hatte seine Gastgeberin ein paar Scheite Holz aufgetürmt. Sie würden für den Rest des Tages reichen.
»Guten Morgen, Mrs. Peeverton«, grüßte Steve. »Ein wirklich schöner Tag heute, finden Sie nicht?«
Was hätte er sonst auch sagen sollen?
Mrs. Peeverton lachte.
»Guten Morgen? Junger Mann, es ist fast Mittag!«
Sie wedelte schnell einen Schwall heißen Wasserdampf hinweg, der aus dem Kessel in ihrer Hand aufstieg.
»Wie ich immer sage: Der Tag ist kurz und schnell ist nichts getan!«
»Sie, ... ähm, sagen es, Mrs. Peeverton. Darf ich mich setzen?«
»Aber natürlich, junger Mann. Es kann gleich losgehen.«
Geschirr klapperte, während die rüstige Dame mittleren Alters zur Hälfte im Einbauschrank der gegenüberliegenden Wand verschwand, um zwei Tassen, ein paar Teller und einen betagten Brotkorb hervor zu holen, den sie sorgsam auf dem Tisch abstellte. Dazu packte sie schnell ein Brotmesser, das wohl bereits vor Jahren das Prädikat 'antiquiert' verdient hatte.
»Machen Sie sich keine Umstände«, Steve hob beide Hände zu einer unbeholfenen Geste. »Eigentlich bin ich gar nicht hungrig. Eine Tasse Tee und etwas Brot, … vielleicht.«
Als wenn die alleinstehende Dame ihn gar nicht gehört hätte, setzte sie unbeirrt ihre Bemühungen fort, den Tisch mit allerlei guten Sachen zu decken. Grobe Mettwurst, Schmalz, hauseigener Schinken, gute Butter, ein Marmeladenglas mit … seltsamem Inhalt, eine Zuckerdose, Tassen, Löffel und Holzbrettchen. Über dem Tassenrand baumelte der Faden des Teebeutels und kurze Zeit darauf stieg dampfend ein würziger Geruch nach warmem Darjeeling empor.
Steve öffnete die Jacke ein Stück, während seine Hände zu kribbeln anfingen. Die Wärme zog wohlig durch seine abgekämpften Knochen. Endlich kam das Gefühl in den Lippen wieder. Das Sprechen war weitaus weniger unbeholfen, als noch vor ein paar Minuten. Die Kälte ging nicht spurlos an einem vorbei, wenn man hier draußen unterwegs war.
Das war der Winter.
»Was haben Sie denn heute noch Schönes vor, Mr. Hookland?«, fragte Mrs.
Peeverton.
Sie setzte sich schnaufend zu ihm, wie ein zur Ruhe kommendes Dampfross. »Ach wissen Sie, …«, er kaute auf einem Stück Mettwurstbrot. »Ich wollte den Tag auf mich zu kommen lassen. Den Fitness-Teil habe ich soeben hinter mich gebracht, für den Nachmittag ist vorerst nichts geplant. Vielleicht ein Trip rauf nach Hunters Point, aber fest ist das noch nicht.«
»Oh. Hunters Point. Eine ruhige Ecke, wenn Sie mich fragen.«
»Was ist daran so schlimm?«
Mrs. Peeverton goss ihm Tee nach.
»Schlimm ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber ein junger Mann wie Sie sollte lieber dort seine Freizeit verbringen, wo auch was los ist.«
»Sie meinen Frauen?«
Die alte Dame grinste, strich sich eine Strähne des ergrauten Haares aus dem Gesicht.
»Na, Sie wissen schon. Etwas Spaß und Abwechslung! Warum gehen Sie heute Abend nicht tanzen?«
Steve hustete kurz, griff dann mehr aus Verlegenheit nach dem nächsten Brot. »Also mal ganz ehrlich, Mrs. Peeverton. Zum einen bin ich mit meinen sechsunddreißig Jahren auch nicht mehr das Schnäppchen, für das Sie mich halten. Und zum anderen verbringe ich 345 Tage im Jahr in ausreichend Trubel, um die Ruhe hier oben wirklich zu genießen. Glauben Sie mir, es fehlt nichts dergleichen.«
»Naja«, gab Mrs. Peeverton zu, »dann ist Hunters Point vielleicht gar keine schlechte Wahl.«
»Vorerst.«
Sie lachte.
»Ja. Vorerst.«
