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Vor zwölf Jahren scheiterte die Mondmission der "RAY OF HOPE" unter dem Kommando von Steve Hookland tragisch. Nun setzt man alle Hoffnung in ein zweites Unternehmen. Mit hochmoderner Technik kehrt der Kanadier dorthin zurück, wo sich sein Schicksal und das der Menschheit entscheiden wird. Zur Rückseite des Mondes. Jener Ort, an dem seit Jahrtausenden das gigantische Wrack eines fremden Raumschiffs liegt. Mit einer neuen Crew sucht Hookland nach Antworten. Endlich erfahren sie die ganze Wahrheit und die Geschichte vom Ende einer langen Reise ...
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Seitenzahl: 579
Veröffentlichungsjahr: 2016
www.tredition.de
© 2016 Peter Barroll
1. Auflage 2016
Umschlag, Illustration: Oliver Johanndrees
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7345-3170-5
Hardcover
978-3-7345-3171-2
e-Book
978-3-7345-3172-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
»Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.«
Berthold Brecht
Peter Barroll
Interlunium
Roman
Deutsche Erstausgabe
1. Kapitel
Ankunft
Es fiel schwer, sich aus der Umklammerung des Schlafes zu lösen. Mutter schüttelte ihn einige Male, bis er endlich die Augen aufschlug. Mit Mühe kämpfte er gegen den Drang an, sie wieder zu schließen.
»Komm, Junge«, drängte sie ihn. »Wir müssen gehen. Es ist gleich soweit.«
Mit schweren Lidern, kaum Herr seiner Sinne, stapfte der junge Mann an Mutter’s Arm zur Tür der Kabine. Langsam fiel die Benommenheit von ihm ab. Es fröstelte ihn.
Die Frau hatte ihm in aller Eile seine Kleidung übergestreift, schon kurz darauf waren sie auf den Gängen des Schiffes unterwegs. Mit ihnen all die Anderen.
Mas’leeg sah viele seiner Kameraden und ihre Eltern, auf dem Weg in tiefer gelegene Bereiche. Orte, die Sicherheit boten. Sicherheit für das, was bald geschehen sollte.
Geschehen musste!
Mutter und er liefen gegen den Strom. Ihr Ziel war ein anderer Ort.
Vater hatte es so bestimmt.
Für den jungen Uumanii war ihr Handeln nur Theorie, auch wenn sie es immer wieder geübt hatten. Sein ganzes Leben schon war das hier Teil seiner Ausbildung gewesen.
Er folgte seiner Mutter auf den Gang vor der Unterkunft, dann in den breiten Hauptgang, der mehr Uumanii Platz bot. Es herrschte keine übermäßige Hektik, kein Gedränge. Man verhielt sich diszipliniert und ruhig. So hatten es alle Generationen geprobt, so wurde es auch ihn gelehrt.
Hinein in den Lift zu den oberen Decks. Während sich in den abwärts führenden Kabinen die Uumanii drängten, stand er mit Mas’umaar allein in der zylindrischen Kammer, die sich behäbig in Bewegung setzte.
Fast zwanzig Trellecks dauerte die Fahrt, dann kam der Lift zum Stehen. Das Schott öffnete sich. Mas’leeg blickte in den verlassenen Gang, der nach wenigen Metern vor einer weiteren Tür endete. Sie hatten ihr Ziel erreicht.
Die Steuerzentrale der ZZELKOOH.
Als die Schotthälften auseinander glitten, drehte sich Vater in der Mitte des Raumes zu ihnen. Mas’vigoor’s Gesicht war angespannt, sein Blick entschlossen.
Er winkte, dann drehte er sich wieder zur Frontseite der Zentrale, deren langgezogene Fenster Sicht auf eine atemberaubende Szene boten.
Das Licht eines blauen Planeten warf lange Schatten in den Raum. Kaum so groß, dass man ihn mit der Hand verdecken konnte, eine hervorstechende Schönheit in der Schwärze des Alls. Die schimmernde Kugel war bedeckt von weißen Wolkenschleiern, die über braun-grünen Kontinenten dahinzogen. Der junge Uumanii konnte den Blick nicht von ihr lösen.
Erst jetzt schälte sich die gekrümmte Silhouette eines steinernen Himmelskörpers aus der Dunkelheit. Sie nahm einen beträchtlichen Teil des rechten Blickfeldes ein. Seine düstere Oberfläche zerfurcht, von Kratern übersät. Das stumpfe Grau Ton in Ton, während das Licht der gelben Sonne lange, harte Schatten warf. Die ZZELKOOH war ihm weitaus näher als der purpurnen Kugel. Der Abstand verringerte sich, das konnte Mas’leeg mit blossem Auge sehen. Kein Zweifel, ihr Schiff näherte sich der steinernen Oberfläche mit zunehmender Geschwindigkeit. Entweder sie würden diesen Himmelskörper nur knapp passieren, oder in eine sehr niedrige Umlaufbahn einschwenken. Beide Vorstellungen erzeugten ein Gefühl von Unbehagen in ihm.
Sollte nicht der blaue Planet ihr Ziel sein?
Er richtete die Frage an seinen Vater, der unterbrach ihn aber sofort durch eine knappe Geste.
»Navigator«, hörte Mas’leeg ihn sagen, »Position und Anflugvektor. Wie ist unser Status?«
»Niedriges Orbitalmanöver, Kommandant«, kam die Antwort. »Weiterer Bremsschub wird unseren Kurs stabilisieren. Vielleicht können wir eine tiefe Umlaufbahn erreichen.«
»Ist das sicher?«
»Mit hoher Wahrscheinlichkeit.«
Mas’vigoor reagierte ungehalten.
»Hohe Wahrscheinlichkeit? Steuermann, Statusmeldung!«
Die angespannte Stimme des Angesprochenen kam von einem der Steuerpulte linker Hand.
»Massereduktoren auf Überlast, Kommandant. Alle Schubvektoren gegenläufig. Das Schiff ist nahe dem Kontrollverlust, aber noch zu halten.«
»Manöver fortsetzen!«
Die Neuankömmlinge hatten sich dem Kommandanten genähert. Jetzt nahmen sie auf den freien Sitzen Platz, den Sichtfenstern zugewandt. Als Mas’vigoor sich zu ihnen setzte, war der Boden unter ihren Füssen in Vibration geraten. Der junge Uumanii glaubte zu spüren, dass sie sich verstärkte.
Der stämmige Mann zu seiner Linken fragte erneut nach dem Lagestatus.
»Schiff weiterhin bedingt steuerbar, Kommandant.«
»Navigation meldet unterschnittenen Orbitalkurs.«
»Steuermann, Optionen?«
»Keine, Hoher Rat. Wir haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft.«
»Wie lange, Navigation?«
Für einen Augenblick war Stille. Als Mas’leeg den Kopf wandte, sah er den Navigator hektisch an seinen Kontrollen arbeiten. Er rechnete.
»Wie lange, verdammt!«
»Zweiundsechzig Trellecks, Kommandant. Wir fliegen fast auf einer ballistischen Bahn.«
Vater nahm die Hand zum Kinn, schloss einen Augenblick die Lider. Dann machte er sich gerade.
»Steuermann, ich will alles, was Sie haben. Koste es, was es wolle.«
Die Bestätigung des Piloten kam zögerlich, die Vibration der ZZELKOOH nahm schlagartig zu. Es war, als würde sich das gewaltige Schiff aufbäumen, um seinem drohenden Schicksal zu entgehen.
Hinter der Sichtscheibe wuchs die zerfurchte Oberfläche der grauen Kugel bedrohlich an. Die purpurne Welt, gerade noch im Blickfeld, verschwand hinter der Sichel des Horizonts. Für einen eiskalten Moment fürchtete Mas’leeg, er könne sie nie wieder sehen.
Der steinerne Himmelskörper drehte sich unter dem Schiff dahin, mit jedem Zeitintervall kam er näher. Mehr und mehr Details der namenlosen Oberfläche wurden sichtbar. Die ZZELKOOH sträubte sich mit aller Kraft gegen den unvermeidlichen Abstieg. Das Schweigen in der Steuerzentrale machte klar, dass ihre Zeit des Handelns vorbei war.
Der Mann, der ihr Schicksal über Jahrzehnte bestimmt und geleitet hatte, öffnete einen Kommunikationskanal zum Inneren des Schiffes.
»Hier spricht der Kommandant und Hohe Rat Mas’vigoor«, sagte er mit ernster Stimme.
»Besatzung der ZZELKOOH: Es ist uns unmöglich, mit den verbliebenen Ressourcen das Ziel unserer Reise zu erreichen. Trotz aller Bemühungen werden wir auf dem einzigen Trabanten von Ttraah zur Notlandung gezwungen.«
Einen Augenblick lang schaute er suchend durch den Raum, dann hielt er am besorgten Gesicht seiner Frau inne. Kurz darauf fand er den unsicheren Blick seines Sohnes.
»Es gibt keine Option mehr, das Ziel der Reise noch zu erreichen. Es fehlt an Energie und der letzte größere Schaden hat uns vor mehr Probleme gestellt, als zu erwarten waren. Die Entscheidung, den vierten Planeten des Sonnensystems hinter uns zu lassen, wurde kollektiv von der mutigen Besatzung dieses Schiffes getroffen. Leider war es uns nicht möglich, die letzte Etappe wie geplant zu meistern.
Der Grund meiner Ansprache ist kein Guter. Die Maschinen der ZZELKOOH arbeiten unter Volllast, doch es ist uns nicht möglich, den Kurs zu stabilisieren. Eine Notlandung, kurz vor dem Ziel, ist aller Voraussicht nach unabwendbar!«
Für den Augenblick versagte seine Stimme. Er räusperte sich.
»Unser Mutterschiff befindet sich auf einer ballistischen Bahn und wir sinken weiter. In wenigen Augenblicken werden wir auf unsere härteste Prüfung gestellt. So, wie es immer geprobt wurde, seid ihr mit euren Familien an den Orten, die Schutz für den Notfall bieten.
Verglichen mit dem Weg, den wir durch all die Zeit hinter uns gebracht haben, ist Ttraah nur einen Steinwurf entfernt. Seid versichert, wir werden alles Erdenkliche tun, um die Besatzung des Schiffes in absehbarer Zeit auf dem dritten Planeten dieses Systems abzusetzen. Ich persönlich übernehme dafür die Verantwortung. Bitte vertraut in die Führung des Rates, vertraut auf die Weisheit vieler guter Männer und Frauen, und so es die Götter wollen, wird uns kein Leid geschehen.«
Er richtete den Blick besorgt nach vorn, fasste die Hände seiner Frau und seines Sohnes. Mas’leeg fühlte die warme, feste Kraft seiner Finger. Für einen Augenblick schöpfte er Zuversicht, aber das Herz schlug wie wild in seiner Brust.
»Vergesst nie«, sagte Mas’vigoor mit brüchiger Stimme, »ich liebe Euch über alles. Habt keine Angst, die Uumanii sind stark.«
Das schien der einzige Moment seiner Schwäche zu sein, denn kurz darauf fasste er sich, erhob sich aus seinem Sitz und ohne ein Zeichen von Unsicherheit gab er die nächsten Befehle.
Mutter kauerte sich ängstlich auf ihrem Platz zusammen. Mas’leeg, ein junger Mann von kaum 16 Jahren, presste die Hände an die Lehnen des Sitzes. Er war wie versteinert. Sein unsteter Blick konnte sich kaum von dem abwenden, was er durch die Fenster der Zentrale sah.
Für unglaublich lange Zeit war dieses Schiff ihr Zuhause, ihre Heimat gewesen. Nun schien das Ende der Reise gekommen zu sein. Es war unvorstellbar, aber der gewaltige Rumpf der ZZELKOOH senkte sich mehr und mehr dem Mondboden entgegen. Es schien, als würden die anwachsenden Krater und Berge immer schneller unter ihnen dahin rasen. Mas’leeg konnte nicht abzuschätzen, in welcher Höhe sich das Schiff über die Oberfläche bewegte aber es war eindeutig: Sie näherten sich schnell! Es gab nicht den geringsten Zweifel, sie würden die graue Steinwüste des kargen Trabanten sehr bald erreichen.
Mas’vigoor gab weitere Befehle. Präzise und unablässig bellten seine Kommandos durch die Zentrale. Vater hatte nur zu oft bekräftigt, über eine hervorragende Mannschaft zu verfügen, seinen Stolz darauf nie verborgen. Aus diesem Wissen heraus schien er nun Zuversicht zu schöpfen.
Die Vibration unter Mas’leeg’s Füßen hatte sich auf einen beunruhigenden Wert gesteigert, der Horizont einer messerscharfen Linie von pechschwarzer Nacht und grellem Gestein gewichen. Die ZZELKOOH war nicht weit davon entfernt, ihr ewiges Grab zu finden.
Der junge Mann wusste, dass das Schiff nicht für die Notlandung auf einem Himmelskörper wie diesem geschaffen war. Schon immer war geplant, die 9.000 Uumanii aus einem sicheren Orbit heraus abzusetzen. Zumindest sollte es so sein, nachdem man Generationen lang den unendlich weiten Weg hinter sich gebracht hatte.
Nur die Götter wussten, warum ihre Reise auf diese Art zu Ende gehen musste. Was hatten sie getan, ausgerechnet hier und jetzt auf so klägliche Art zu scheitern?
»Passieren Terminator«, hörte Mas’leeg eine Stimme sagen.
Währenddessen verschwand die ZZELKOOH in tiefschwarzer Nacht. Von diesem Augenblick an konnte der junge Uumanii nur noch schemenhaft erkennen, was draußen vor sich ging.
Vater gab die letzten Kommandos.
»Steuermann, Sie sagen die Höhe an. Ab 2.000 Doreks.«
»Ja, Kommandant.«
Kurz darauf hatten sich Mas’leeg’s Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Er konnte bereits deutlicher erkennen, dass nicht mehr viel Raum unter dem Bauch der ZZELKOOH liegen konnte.
Als der Steuermann monoton damit begann die verbleibenden Doreks anzuzählen, wusste Mas’leeg: Ihre dunkelste Stunde war gekommen.
In seiner Aufregung hatte er sich bei den letzten Worten des Steuermanns aus dem Sitz erhoben und den Sichtfenstern genähert. Mit weißen Knöcheln klammerten sich seine Hände an die vor ihm stehende Konsole.
»Massereduktoren auf höchster Leistung, Gegenschub bei zweihundert Prozent.«
»150 Doreks«, hörte Mas’leeg den Mann sagen. »Einschlag erfolgt jeden Augenblick.«
Einen Moment später war es soweit.
Die Vibration unter seinen Füßen erreichte ihren Höhepunkt, so, als wolle sich das Schiff ein letztes Mal seinem bitteren Schicksal widersetzen. Als sich der gewaltige Rumpf der ZZELKOOH schließlich wie in Zeitlupe durch den ersten Kraterwall fraß, spürten sie kaum etwas davon. Das Schiff rollte, bebte und begann mit einer Kakophonie beängstigender Geräusche.
Wieder und wieder grub sich die Masse des Generationenschiffes durch Berge von Staub und Gestein. Einer Speerspitze gleich durchpflügte sie den Boden des Mondes.
Wie lange es dauerte, bis die ZZELKOOH zum Stillstand kam, konnte Mas’leeg nicht sagen. Die Erinnerung daran wurde auf einer Woge von Adrenalin hinfort gespült.
***
Kaum war der Rumpf des Schiffes zur Ruhe gekommen, nahm das Stakkato der Geräusche ein abruptes Ende. Für eine scheinbar endlose Zeit herrschte Stille in der Zentrale und wahrscheinlich überall an Bord.
Niemand bewegte sich. Niemand sprach.
Mas’leeg musste eine unmenschliche Anstrengung aufbringen, seine verkrampften Finger von der Konsole zu lösen. Das einzige, was er hörte, war das leise Schluchzen von Mas’umaar, seiner Mutter. Erst jetzt schien man zu begreifen, dass sie das Ende der Reise erreicht hatten. Als sich Vater, Mutter und Sohn in den Armen lagen, verloren sich die aufgeregten Stimmen der Besatzung in weißem Rauschen.
Es schien, als müsse er sich erst an den Stillstand gewöhnen. Mas’leeg glaubte für geraume Zeit, Bewegung unter seinen Füßen zu spüren. Denkbar, dass sich die gewaltige Masse der ZZELKOOH erst endgültig in den weichen Mondboden senken musste. Der geschundene Schiffskörper sollte noch über lange Zeit hinweg Geräusche von sich geben. Das Knarren und Knirschen metallischer Verbindungen, das Ächzen der Böden und Schotte, das leise Wimmern hochbelasteter Materialien, all das wurde zu einem allgegenwärtigen Bestandteil ihrer Lebensumgebung. Mas’leeg war sich der Tatsache gar nicht mehr bewusst und als die Geräusche, das letzte Stöhnen der ZZELKOOH, zu Ende gingen, nahm es kaum jemand bewusst wahr.
Nach der Notlandung hatten die Uumanii keine Zeit, sich mit diesen Belanglosigkeiten auseinanderzusetzen. Man war in erster Linie froh, die unvorhergesehene Landung überstanden zu haben und das weit besser, als man es erwarten konnte.
In den Tagen nach dem Niedergang der ZZELKOOH war die Mannschaft wie gelähmt. Der Schock über das abrupte Ende ihrer Reise hatte einen fast katatonischen Zustand hinterlassen. Ein krasser Gegensatz zur Aufregung, als das Schiff sich der Bahn des vierten Planeten näherte. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Hohe Rat entschieden, alle Uumanii aus den Stasiskapseln zu wecken. Ein Jeder sollte die Geschehnisse miterleben können. So glich ihr Zuhause einem Bienenstock, voller Leben und Anteilnahme an den Ereignissen.
Mas’vigoor hatte den Rat einberufen, um mit ihnen das gemeinsame Vorgehen abzustimmen. Über Jahrzehnte hinweg befand sich das Mutterschiff bereits im »terminalen Bremsmanöver«, wie es die Fachleute bezeichneten.
Ihr fliegender Lebensraum hatte vor Urzeiten seine endlose Reise angetreten. Das alles lag so lange zurück, dass sich kaum jemand an die Zeit des Aufbruchs erinnern konnte.
Die ZZELKOOH war ein besonderes Schiff. Konzipiert um die nicht enden wollende Leere zwischen den Sternen zu überbrücken. Ein Meisterwerk der Uumanii-Technik. Einmal mit seiner ursprünglichen Besatzung unterwegs bot es Generationen Heimat und Lebensraum.
Der Bau der riesigen Objekte hatte ihrem Volk über Jahrzehnte alles abverlangt, denn in Summe waren es vier Schiffe gewesen. Die ZZELKOOH war eines davon.
Warum man sich einst zu ihrem Bau entschloss, blieb in vagen Erinnerungen und nebligen Aufzeichnungen verborgen. Junge Uumanii, wie Mas’leeg einer war, interessierten sich nicht für die Beweggründe. Für sie war das Raumschiff schon immer Heimat und Zuhause gewesen. Alles andere existierte nur in den Erzählungen.
Vergangenheit war etwas, dass man in der Schule beigebracht bekam.
Vier Schiffe, vier verschiedene Ziele, vier Schicksale, von denen man daheim wohl kaum wusste, wie es ihnen ergangen war. Der Kontakt zu Na’vell, der Heimatwelt, ging vor langer Zeit verloren.
Der Antrieb der ZZELKOOH arbeitete Jahrzehnte, um sie bis nah an die Lichtgeschwindigkeit zu treiben, und ein semi-relativistischer Effekt an Bord verschleierte schließlich den Gang der Zeit. Kam es der Besatzung nur wie einige Dekaden vor, so vergingen außerhalb ihrer Welt sicherlich Jahrzehntausende. Und selbst diese Jahre verbrachten die meisten Uumanii in den Stasiskapseln, die ihre Körper beinahe perfekt konservierten.
Was aus der Heimat wurde?
Niemand konnte das nach all den Äonen sagen. Irgendwann war der Kontakt abgebrochen. Alle Versuche, ihn wieder herzustellen, schlugen fehl. Wie auch, wenn sie sich selbst beinahe so schnell wie das Licht von Zuhause entfernten und ihre Signale mit fast der gleichen Geschwindigkeit in der anderen Richtung unterwegs waren. Selbst wenn man ihnen antwortete, die Nachrichten hätten sie nie eingeholt. Das Ende der Kommunikation war schon von Beginn an vorprogrammiert.
Alles in allem war die ZZELKOOH eine greise alte Dame, die schlussendlich ihre letzte Ruhestätte in der Dunkelheit eines kargen Trabanten im Nirgendwo fand.
Als Mas’vigoor wenige Monate zuvor den Rat versammelt hatte, war die Mannschaft gerade aus dem Stasisschlaf erweckt. Bis auf die ‘Wächter’, die ihren Flug und die Funktionen an Bord überwachten, öffnete ein Großteil der Mannschaft seit Hunderten von Jahren zum ersten mal wieder die Augen.
Aber es war nicht so, wie man glauben mochte.
Bei Abflug des Schiffes wurden die Uumanii nicht ‘konserviert’ bis man schließlich das Ziel erreichte. Es gab durchaus sowas wie ein Leben an Bord. Abwechselnd, in Zyklen, konnte jeder Uumanii für sich selbst bestimmen wann und wie lange er den natürlichen Lebensrhythmus vollzog. Die Stasiskapseln gaben die Möglichkeit, das ohnehin großzügige Lebensalter weiter zu verlängern. So war es jedem Besatzungsmitglied möglich, einen normalen Werdegang mit Familie und Freunden zu begehen. In der Regel zogen sich die Eltern mit ihren Kindern für einige Jahrzehnte in den Schlaf zurück, um dann wieder für Jahre einem alltäglichen Leben nachzugehen. Man vermied dadurch gleichzeitig einen zu häufigen Wechsel der Generationen. Es verringerte die Gefahr, in der endlosen Zeit ihrer Reise das Ziel aus den Augen zu verlieren. Außerdem kam man der Monotonie zuvor.
In jenen Tagen näherte sich das Mutterschiff der Bahn des vierten Planeten des Sonnensystems. Man wusste schon zu Beginn der Reise, dass zwei Himmelskörper in einer habitablen Zone lagen. Das machte die gelbe Sonne von Anfang an zu einem aussichtsreichen Ziel. Was man nach Tausenden von Jahren tatsächlich vorfinden würde, war reine Spekulation. Die wissenschaftlichen Fakten ließen sich in wenigen Sätzen zusammentragen. Über die Entfernung hinweg konnte man kaum mehr sagen, als dass es diese Planeten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gab.
War es also die schiere Verzweiflung, die die Uumanii einst zum Antritt der Reise getrieben hatte?
Es gab viele Mutmaßungen darüber, was die Beweggründe gewesen sein mochten. Die Generation von Mas’leeg und auch die seines Vaters, kümmerte sich nicht darum. Ihr Hiersein war die einzige Tatsache. Also galt es, das Beste daraus zu machen. Zukunft wollte gestaltet werden.
Das, was die Messungen und die Bilder der Bordteleskope bei ihrer Ankunft sagten, lies vermuten, dass sowohl der vierte, als auch der dritte Planet gute Lebensbedingungen für eine Besiedlung boten. Nummer vier war die kleinere Welt, von trockener Beschaffenheit und mit einem rötlichen Antlitz. Dem Anschein nach gab es kein Magnetfeld, die dünne Atmosphäre bot wenig Schutz vor der harten Strahlung der Sonne. Wasser war nur schwer auszumachen.
Nummer drei war noch um einiges weiter entfernt, daher fiel eine genauere Analyse schwer. Die Wissenschaftler an Bord der ZZELKOOH vermuteten günstigere Bedingungen, als auf der roten Gesteinskugel, auf deren Bahnebene sie sich befanden. Vier hatte bis auf die Pole kaum flüssiges Wasser. Bei Drei liessen die spektroskopischen Messungen mehr erwarten. Die vorherrschenden Temperaturen beurteilten die Fachleute ähnlich. Dichte und Rotation versprachen zudem eine adäquate Gravitation beim dritten Planeten, so dass die Entscheidung am Ende schnell gefällt war.
Der Rat empfahl der Besatzung, den roten Planeten mit der derzeitigen Restgeschwindigkeit der ZZELKOOH zu passieren und den dritten Planeten des Systems anzusteuern. Die Gründe dafür lagen auf der Hand.
Das einzige Risiko war die Tatsache, dass mittlerweile die Energie-Ressourcen der Schiffstriebwerke zur Neige gingen. Das jahrzehntelange Bremsmanöver hatte die Technik an den Rand der Lebensdauer getrieben, die Treibstoffvorräte fast verbraucht. Die ursprüngliche Konzeption war die eines Raumschiff, dass über einen sehr langen Zeitraum beschleunigt wurde und dann auf einem geradlinigen Kurs unterwegs war. Jahrzehnte vor dem Ziel musste ihre Arche dann wieder auf eine Geschwindigkeit abgebremst werden, die man handhaben konnte. Beide Vorgänge zerrten die verfügbaren Reserven auf. Das jedenfalls waren die Planungen der Konstrukteure längst vergangener Zeit.
Sie würden nach Erreichen von Nummer drei kaum mehr die Kraft haben, den Kurs umzukehren.
Rückflug ausgeschlossen.
Diese Tatsache war der Besatzung bewusst und dennoch entschied sich das Volk der Uumanii einstimmig dafür, den roten Planeten hinter sich zu lassen. Man setzte alle Hoffnung in eine noch weit entfernte blau-weiße Kugel, von der man glaubte, dass sie die neue Heimat zukünftiger Generationen sein konnte.
Und so war es, stellvertretend für die Mannschaft, der Hohe Rat Mas’vigoor, der den Befehl gab, den Kurs auf den dritten Planeten des Sonnensystems zu setzen.
‘Ttraah’ nannten ihn die Uumanii von nun an.
***
Wieder einmal hatte die Mondnacht eingesetzt und das Schiff öffnete die Sichtfenster der Unterkünfte. Bei grellem Sonnenlicht zog man es vor, die Luken geschlossen zu halten.
Mas’leeg stand am Fenster seines Zimmers und blickte zum nahe gelegenen Horizont. Er war gerade eben hinter dem zerstörten Kraterwall zu sehen, den der Bug bei ihrer Landung aufgeschoben hatte. Der Uumanii tat dies nicht zum ersten Mal. Oft genug stand er hier, aber sein Blick konnte nie etwas Neues entdecken. Der Ort, an den es sie verschlagen hatte, lag bereits seit Äonen unverändert da. Nicht ein Stein, nicht ein winziges Staubkorn bewegte sich. Die Landung der ZZELKOOH war das einzige Ereignis seit Millionen von Sonnenauf- und -untergängen. Vielleicht hatte mal ein Asteroid den Staub aufgepeitscht, aber wenn es geschah, dann in absoluter Stille und oft genug in völliger Dunkelheit.
Sie waren auf der Rückseite eines Mondes niedergegangen, den die Wissenschaftler einen ‘Einseitendreher’ nannten. Das bedeutete, er zeigte dem Planeten, den er umkreiste, immer die gleiche Seite. Die Rückseite, und damit auch SIE, blieben ihm daher für immer und alle Zeit abgewandt.
Mas’leeg hätte schon nach wenigen Wochen viel darum gegeben, den Blick noch einmal auf die blau-weiß schimmernde Kugel zu richten. Leider war das nicht möglich.
Die eine Hälfte der Zeit lag das Schiff in grellem Sonnenlicht, die Andere in tiefster Finsternis. Furchtbar heiß an den Tagen und um so kälter bei Nacht. Da der Mond keine Atmosphäre besaß, war das Verlassen des Schiffes auf Dauer kein Vergnügen. Die Oberfläche war steinig und gefährlich, die Uumanii verbrachten daher ihr behütetes Leben an Bord.
Ihre Notlandung lag etwa zwei Hell- und Dunkelphasen zurück. Die Situation war nach wie vor gewöhnungsbedürftig, es gab alle Hände voll zu tun.
Das Schiff hatte sich mit leichter Schräglage zur Ruhe gebettet. Mas’leeg dankte den Göttern, dass es nicht schlimmer gekommen war, aber hin und wieder empfand er den Umstand als unangenehm. Sie würden sich daran gewöhnen müssen. Überhaupt gab es Vieles, an das sie sich anpassen mussten.
Notgedrungen.
Teile des Schiffes waren ohne Energie. Lager und etliche Hangars konnte man daher nur schwer erreichen. Der Hohe Rat hatte beschlossen, sich des Problems später anzunehmen. Die Sicherung stabiler Lebensbedingungen hatte oberste Priorität.
Aus der Dunkelheit trat Vater zu ihm. Er legte den Arm um seine Schulter und beide standen sie für einige Zeit stumm nebeneinander, den Blick auf die karge Mondlandschaft gerichtet. Die Welt da draußen würde auf absehbare Zeit kaum Trost für sie bereithalten.
»In Kürze kommt der Rat wieder zusammen«, sagte Mas’vigoor. »Ich möchte, dass du dabei bist.«
Mas’leeg sah ihn erstaunt an.
»Ich soll teilnehmen?«, fragte er.
»Es ist mein Wunsch. Du weißt, das Alter macht mir zunehmend Probleme. Ich verrichte dieses Amt schon so lange, dass ich mich der Müdigkeit kaum noch erwehren kann.«
»Aber das Alter sollte dir keine Bürde sein. Wir alle wissen deine Weisheit zu schätzen. Ich finde, du solltest das ebenso sehen.«
Vater seufzte.
»Man kann eine Münze stets von beiden Seiten betrachten. Du siehst die Eine, ich mittlerweile die Andere. Ich habe meine Aufgabe immer darin gesehen dieses Schiff und seine Besatzung ans Ziel zu bringen. Dieser Passion habe ich mich voll und ganz hingegeben, all meine Kraft dafür eingesetzt.«
»Aber wir sind nicht am Ziel«, warf sein Sohn ein. »Es gibt noch viel zu tun. Unsere Probleme sind längst nicht gelöst und die Uumanii an Bord brauchen eine starke Hand, die sie führt.«
»Natürlich, mein Sohn, da gebe ich dir völlig Recht. Sie brauchen Führung und sie brauchen jemanden, der ihnen die Richtung vorgibt. Aber es ist ja nicht so, als wenn ich der alleinige Führer dieses Schiffes bin. Du weißt, es gibt den Hohen Rat. Er und die Besatzung treffen gemeinsam die Entscheidungen über unser Wohl. Bedenkt man das alles, dann war ich über die Jahre hinweg nichts weiter als die Stimme des Rates.«
»Du machst deine Arbeit gut, Vater«, ermunterte ihn der junge Uumanii.
»Danke, ich weiß. Aber dabei soll es nicht bleiben. Irgendwann ist die Zeit gekommen abzutreten und den Platz frei zu machen. Nach unserer Landung, ist es notwendig, dass jemand anderes, jemand mit mehr Jugend und Energie die Aufgaben übernimmt. Ich habe dabei an dich gedacht, Mas’leeg.«
»An mich?«
»Ja«, sagte Mas’vigoor und legte auch die andere Hand an die Schulter seines Sohnes. »Im Grunde genommen ist meine Entscheidung doch vorhersehbar. Du weißt, ich halte große Stücke von dir. Du bist jemand, der Frieden und Einsicht in seinem Herzen trägt, und der gleichzeitig umsichtig und verantwortungsvoll handelt. Dich an meinem Platz zu setzen, ist ein Geschenk für die Uumanii hier an Bord.
Außerdem darf ich als Mitglied des Rates zu gegebener Zeit meinen Nachfolger benennen und sofern sich aus den Reihen des Rates keine Gegenstimmen finden, darfst du an meiner Stelle die Geschicke unseres Volkes leiten. Ich habe diese Entscheidung übrigens nicht allein getroffen, sondern mich auch mit deiner Mutter beraten. Sie hat mich sogar darin bestärkt. Die Meinung der anderen Ratsmitglieder kenne ich nur zu gut. Man sieht deine Befähigung ähnlich, die Meisten sind voll des Lobes für dich. Aus diesem Grund erwarte ich nicht eine einzige Gegenstimme.«
Mas’leeg musste die Worte seines Vaters erst verarbeiten. Natürlich war ihm klar, dass eines Tages die Entscheidung der Nachfolge zu treffen war. Als reine Gedankenspiele und Tagträumereien hatte er immer mal wieder daran gedacht, wie es wohl wäre, wichtige Entscheidungen für die Uumanii zu fällen. Gleichsam war ihm klar, dass ein solches Amt und die damit verbundene Bürde längst nicht so einfach zu tragen war. Zwar hatte Vater stets den Hohen Rat in seinem Rücken und in vielen Fällen die kollektive Entscheidung aller Uumanii an Bord, aber den grundsätzlichen Weg vorzugeben, war doch mit großer Verantwortung belegt.
»Willst du deine Entscheidung sofort bekannt geben?«
»Nein«, sagte Vater. »Aber ich halte es für richtig, dass du von nun an immer öfter den Versammlungen beiwohnst. Es gibt viel für dich zu lernen. Man wird nicht durch eine einzige Entscheidung Mitglied des Hohen Rates. Das Amt muss man sich verdienen. Man erwirbt sich Gehör, Respekt und vor allem auch Glaubwürdigkeit. Ohne diese drei Dinge kannst du meinen Platz nicht einnehmen. Es ist nicht damit getan, dich zu benennen. Du musst das Amt für dich selbst neu definieren und das braucht seine Zeit.«
Er klopfte Mas’leeg auf die Schulter.
»Lass dir das alles durch den Kopf gehen, mein Sohn. Ich werde dich zu nichts zwingen.«
Der junge Uumanii nickte verhalten.
»Die nächste Sitzung des Rates ist in zwei Tagen. Dann werden wir entscheiden, wie es weitergeht. Bis dahin solltest du dir klar darüber sein, was du willst.«
Mit diesen Worten verließ ihn sein Vater und kehrte in die gemeinsamen Räume zurück.
Mas’leeg wandte sich erneut dem Sichtfenster zu, versenkte den Blick in die karge, dunkle Landschaft. Jetzt, in der Mondnacht, war der Himmel übersät von unendlich vielen Sternen. Eigentlich schön anzusehen. Er durfte nur nicht darüber nachdenken, dass sie mit ihrem Schiff für sehr lange Zeit hier festsaßen. Ob es jemals eine Lösung für sie geben würde, stand genau in den Sternen, die jetzt über sie leuchteten.
Ihm war klar, jemand musste die grundsätzliche Richtung vorgeben. Ungeachtet der Tatsache, dass es eine gemeinsame Entscheidung war, wollte er schon jetzt maßgeblich daran beteiligt sein. Er war nie jemand gewesen, der dazu neigte, das eigene Schicksal als gegeben hinzunehmen. Aus seiner Sicht gab es immer eine Möglichkeit der Einflussnahme. Nichts tun kam für ihn einer Kapitulation gleich.
Das Angebot seines Vaters, der Wunsch vielmehr, gab seinem Lebensweg eine neue Richtung. Er gab ihm Halt. Nicht nur das, es entzündete in ihm eine neue Flamme der Zuversicht. Vielleicht sollte er sich tatsächlich der Aufgabe stellen. Etwas Ehrenvolleres als das, konnte er für sein Leben nicht erwarten.
***
Die ‘Kuppel’ war alles andere als das.
Der Saal, in dem sich der Hohe Rat stets versammelte, war ein kreisförmiger Raum, den ein normalgroßer Uumanii mit dreißig Schritten durchquert hätte. Die Decke wölbte sich zu einer flachen Kuppel, aber sie war es nicht wert, so genannt zu werden. Ihr indirektes Leuchten erhellte den Raum mit warmem Licht.
Es gab den ringförmigen Tisch und in der Mitte Platz für informative Projektionen. Von der Decke hing die Wahl- und Kommunikationseinheit, die es den Ratsmitgliedern erlaubte, Kontakt zur Mannschaft zu halten. Rundherum standen zehn hochlehnige Sessel, mit weichem Leder überzogen. Auf ihnen nahmen die acht Männer und Frauen nun Platz, während Mas’leeg respektvoll am Rand des Saales verharrte.
Er wusste um die ungeschriebenen Regeln und Gesetze in dieser Runde. Seinen ersten Tag wollte er nicht damit beginnen, sie zu missachten.
»Nimm Platz, junger Freund!«, bat ihn Yog’maarl, die ältere Dame, die sich kurz erhob und mit der Hand auf einen der freien Plätze zeigte.
Mas’leeg deutete eine Verbeugung an, nicht weil es sich so gehörte, sondern vielmehr aus Respekt vor den Versammelten. Er beeilte sich, einen der beiden verbliebenen Sessel aufzusuchen. Die Anwesenden wussten von seiner Nervosität, aber sie zeigten es mit keiner Regung. Der junge Uumanii konnte sich denken, dass Mas’vigoor sie rechtzeitig über seine Pläne informiert hatte.
Wie es der Zufall wollte, war genau neben seinem Vater ein Platz frei. Ob dieser das so arrangiert hatte?
Stillschweigend setzte sich Mas’leeg dazu, blickte selbstbewusst wie immer in die Runde. Vater hatte ihm eingebläut, dass es keinen Grund gab, an sich zu zweifeln.
Jugend, so sagte er, sei weder Schwäche noch Makel. Sie alle waren einst jung gewesen und ihre Unerfahrenheit machte ihnen heute niemand mehr zum Vorwurf.
Da saßen sie also. Die Uumanii, mit denen er gemeinsam in den kommenden Jahrzehnten die Geschicke der Mannschaft lenken sollte. Acht an der Zahl, drei Frauen, fünf Männer. Wie ihre Namen unschwer erkennen liessen, stammten sie aus verschiedenen Stämmen. Die Vorsilbe ‘Mas’ zum Beispiel, bezeichnete seine Herkunft.
Einst, als sein Volk noch in Kasten organisiert war, mochten diese Unterscheidungen von Bedeutung gewesen sein, aber heute waren es nicht mehr als Namen. Sie machten aus einem Uumanii weder Herrscher noch Diener. Diese Vergangenheit lag Jahrtausende zurück.
Jahrtausende!
Der Gedanke hallte trotzig in seinem Kopf herum. Vielleicht hätte er besser Jahrzehntausende sagen sollen. Zu lange waren sie unterwegs gewesen und durch die immense Geschwindigkeit hatten sich die zeitlichen Gegebenheiten ins Groteske verzerrt. Den Gedanken, sein Volk könne es vielleicht schon gar nicht mehr geben, kämpfte er ängstlich nieder.
Während sein Vater die ersten formalen Worte an die Anwesenden richtete, ließ Mas’leeg den Blick umher schweifen. Als Mitglied der Besatzung kannte er die Gesichter des Rates.
Yog’maarl hatte ihm gerade erst seinen Platz angeboten. Die alte Uumanii mit dem gebückten Gang mochte schon an die 480 Zyklen zählen, ähnlich wie sein Vater, zu seiner Linken. Ihre dunklen Augen verrieten Aufmerksamkeit und Weitsicht, das Alter mochte ihren Körper zeichnen, nicht aber ihren Geist. Gut möglich, dass auch sie in absehbarer Zeit einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für sich bestimmte. Die Frau war lange Jahre als leitende Ärztin an Bord tätig gewesen.
Ihm gegenüber hatte Mas’touuh seinen Platz eingenommen.
Er war erst Jahre zuvor in den Rat berufen worden, zählte an die fünfunddreißig Zyklen. Ein junger Mann, was das betraf.
Mas’touuh war eine hochgewachsene, stolze Erscheinung. Jemand, der sich seines Amtes bewusst war. Vielleicht etwas zu bewusst, aber das war Ansichtssache. Er war der Verwalter des genetischen Pools. Eine wichtige Aufgabe, denn neben der Besatzung der ZZELKOOH trugen sie auch die Früchte allen Lebens ihres Heimatplaneten an Bord. Die Grundlage einer erfolgreichen Besiedelung fremder Welten. In den Kryotanks des Schiffes schlummerten DNA-Muster der Flora und Fauna von ganz Na’vell. In Verbindung damit hatte der Uumanii eine umfangreiche Ausbildung als Botaniker hinter sich gebracht.
Seg’praas war nicht mehr fern, den Rat bald zu verlassen. Als Mentor und Lehrer hatte er dafür gesorgt, dass Mas’touuh sein Amt antreten konnte. Der alte Mann hatte die 500 Zyklen längst überschritten. Die grauen, müden Augen mochten den Todesreiter wohl schon am Horizont erahnen. Dennoch genoss Seg’praas im Rat höchstes Ansehen. War er doch aus ‘der alten Zeit’. Jemand der von ihrer Herkunft wusste. Schütteres Haar, dass er sich im Nacken zusammengesteckt hatte und sein Kinn zierte ein dichter grauer Bart.
Da war noch Seg’gavaal, eine Uumanii-Frau mittleren Alters. Schlicht, aber anziehend. Die langen roten Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden, der über ihrer Schulter lag. Auf Augenhöhe neben ihr schwebte ein Octagor. Diese kleinen Geräte dienten als Kommunikator und Schnittstelle zu den technischen Datenbanken des Schiffes. Unschwer zu erkennen, dass Seg’gavaal im technischwissenschaftlichen Ressort beschäftigt war. Mehr als das konnte Mas’leeg nicht über sie sagen. Die Frau ignorierte ihn vorerst. Welches Interesse hätte sie auch einem jungen Mann von achtzehn Zyklen entgegenbringen sollen?
Neben ihr saß Tug’zedoor. Der Uumanii mit dem Rauschebart und der stämmigen Figur hätte es einst mit seinem Vater aufnehmen können. Aber Vater war alt, was man von Tug’zedoor nicht sagen konnte. Irgendwas zwischen neunzig und fünfundneunzig Zyklen alt mochte er sein. Der kräftige Uumanii strahlte Energie und Tatendrang aus. Kein Zweifel. Das war der ‘Macher’ im Rat, nicht der ‘Zauderer’. Seine Aufgabe an Bord war die des leitenden Ingenieurs.
Die verbliebenden zwei Ämter teilten sich die junge Heg’malmaar und ihr älterer Bruder Heg’braas. Beide bereits drei Jahrzehnte im Rat, hatten sie sich bislang nie mit maßgeblichen Entscheidungen oder Ideen hervorgetan.
»Mitglieder des Hohen Rates«, hörte Mas’leeg seinen Vater sagen. »Heute werden wir darüber beraten, wie wir unser weiteres Vorgehen in Bezug auf die Besiedelung des Planeten Ttraah abstimmen.«
Er deutete mit einer knappen Handbewegung nach links.
»Ihr kennt meinen Sohn, den ich als meinen Nachfolger gewählt habe. Er ist heute das erste Mal anwesend und wird uns auch bei den kommenden Versammlungen mit seinem Rat und seiner Stimme unterstützen.«
Die Runde bedachte ihn mit einem zustimmenden Nicken. Niemand erachtete den Umstand als erwähnenswert. Wechsel in der Ratsstruktur waren gängige Praxis. Da Vater ihn bereits im Vorfeld mit dem Rat bekannt gemacht hatte und aus seinen Reihen keine Gegenstimme kam, war seine Anwesenheit absolut rechtens. Die Versammlung bestand somit aus neun, statt acht, Personen. Allesamt stimmberechtigt.
Normalerweise eignete sich eine gerade Anzahl von Ratsmitgliedern nicht gut für die Findung von Mehrheitsentscheidungen. Meist gab es jemanden im Amt, der bereits seinen Nachfolger bekannt machte und so wurden es oft die besagten Neun. Die Funktion des Rates wurde dahingehend nicht überbewertet. Man war nicht zu stolz, bei wichtigen Entscheidungen die Mannschaft zu fragen und so konnten strittige Probleme schnell entschieden werden. Ein Schiff mit 9.000 Uumanii war kein Volk. Das heißt, in gewisser Weise schon, aber durch die geringe Größe viel flexibler.
»Zwei Mondphasen sind seit unserer Notlandung vergangen«, fuhr Mas’vigoor fort. »Ich denke, die drängendsten Probleme haben wir im Griff, oder hat jemand etwas Anderes gehört?«
Schweigen in der Runde.
»Gut. Dann möchte ich auf den eigentlichen Grund unseres Hierseins zu sprechen kommen: Der Planet Ttraah. Dummerweise liegt die ZZELKOOH auf der Rückseite des Trabanten. Wir haben also weder Sicht noch direkten Kontakt zu ihm. Das sollte die Sache allerdings nicht viel schwieriger machen. Ich denke, die wissenschaftlich-technische Vorgehensweise ist in diesem Fall die Gleiche, wie in jedem anderen Fall auch.«
»Nicht ganz«, fühlte sich Seg’gavaal angesprochen. »Im Normalfall befände sich die ZZELKOOH jetzt in einem Orbit um den dritten Planeten. Die Situation ist also ein wenig prekärer.«
»Bitte erkläre uns das etwas genauer.«
»Gerne.«
Mit einem Wink ihrer Hand begann der Octagor mit einer Projektion, die die Mitte des Tischkreises erleuchtete. Ein Schema des Sternensystems war zu sehen, dann zoomte die imaginäre Kamera auf den dritten Planeten und seinen Mond. Dieser war recht groß im Verhältnis zum Muttergestirn. Maßeinheiten wurden eingeblendet, Distanzangaben und Winkel.
»Die Entfernung zum Mutterplaneten ist für unsere verfügbare Technik recht groß. Von den Beibooten, die uns zur Verfügung stehen, kommen nur die Mannschaftsträger in Frage, denn nur sie lassen sich überhaupt für diese Distanz ausrüsten. 170 Stück haben wir bekanntlich davon, von denen jedes Schiff maximal sechzig Personen tragen kann.«
»Was meinst du mit ‘ausrüsten’?«, fragte Mas’touuh.
»Zur Zeit können sie die Entfernung nach Ttraah nicht überwinden. Es sind Orbitalfähren mit einfachem Repulsionsantrieb. Wir müssen sie umbauen. Das bedeutet konkret eine Nachrüstung mit Energieversorgung und zusätzlichem Treibstoff. Das bedingt natürlich den Wegfall von Transportkapazitäten.«
Der alte Seg’praas räusperte sich, bevor er sprach.
»Aber zunächst, denke ich, wollen wir ja keine Besatzungsmitglieder zur Besiedelung überführen. Vielmehr wird es zunächst notwendig sein, mehr über den Planeten in Erfahrung zu bringen.«
Die Technikerin nickte zustimmend.
»Das ist richtig. Wir hatten bei unserem Eintreffen kaum Zeit Informationen zu sammeln. Die sensorischen Daten sind unvollständig. Zusammensetzung der Atmosphäre und das herrschende Klima sind nahezu unbekannt. Wir können unmöglich alle Uumanii in die Beiboote quetschen und auf einen Flug ohne Rückkehr schicken. Es wird unabdingbar sein, konkretes Wissen über Ttraah zu erwerben. Schon ein einziger schädlicher Bakterienstamm auf dem Planeten könnte alles zunichtemachen.«
»Klingt nach einer komplexen Aufgabe«, murmelte Mas’vigoor.
»Das ist es in der Tat.«
Das Octagor zeigte die vergrößerte schematische Darstellung des Planeten. Daneben blinkte die Anmerkung: ‘Interpoliertes Modell’.
»Ttraah wird aufgrund der Vorkommen von Wasser und Gasen sowie seiner Position in der habitablen Zone ein komplexes Ökosystem haben. Die Zusammenhänge sind zu kompliziert, um einfach mit allen Uumanii dort zu landen. Eine unbekannte Krankheit oder ein giftiger Bestandteil der Atmosphäre und wir sind alle Geschichte.«
Die wechselnden Grafiken der technischen Kommunikationseinheit verdeutlichten ihre Worte.
»Aus nächster Nähe, im direkten Orbit, hätten wir weitaus zuverlässigere Daten sammeln können. Dort gäbe es alle Optionen. In unserer jetzigen Lage beginnen die Einschränken schon damit, dass wir die immense Distanz zum Planeten überbrücken müssen. Was mich zu einem weiteren Problem führt.«
Sie schwieg einen Augenblick.
»Und das wäre?«, fragte Tug’zedoor mit kräftiger Stimme.
»Die Ressourcen der Beiboote«, gab Seg’gavaal kleinlaut zu. »Sie reichen nicht für eine Rückkehr zum Mutterschiff. Wenn ich also von einem Flug ohne Rückkehr spreche, dann meine ich genau DAS.«
Betretenes Schweigen herrschte in der Runde.
Mas’leeg nahm seinen Mut zusammen und sprach es als erster aus.
»Das bedeutet für die Besatzungen, dass …«
»… sie niemals zurück nach Hause können«, vervollständigte Seg’gavaal den Satz.
»Die Uumanii, die die Aufgabe auf sich nehmen, uns Informationen zu besorgen, begeben sich auf ein Himmelfahrtskommando. Ihr Überleben ist nicht sicher, daher kann es nur von Freiwilligen durchgeführt werden.«
Erneut schwiegen die Anwesenden. Man sah den Ratsmitgliedern an, wie es in ihren Köpfen arbeitete.
»Warum keine Sonden? Wir könnten sie von hier aus starten.«
»Zu ungenau für detaillierte Analysen. Das Aufgabenspektrum ist zu komplex. Zudem müssen wir eine ganze Handvoll Beiboote an verschiedene Orte des Planeten entsenden, um bestmögliche klimatische Bedingungen für eine Besiedelung ausfindig zu machen. Meine Berater und ich halten diese Art der Lösung für die Effektivste. Es heißt nicht, dass es Opfer geben wird. Tote Uumanii können ohnehin nichts berichten, das wäre also widersinnig.«
»Wie erfolgt der Informationsaustausch?«, fragte Mas’touuh.
Auf einen Wink der Frau wechselte die Grafik des Octagor erneut.
»Da wir in der Abschattung des Mondes liegen, ist eine direkte Kommunikation bei Beginn und während der gesamten Mission ausgeschlossen. Die Teams werden in festgelegten Abständen Relaissonden als Boten schicken und die gesammelten Informationen so zur ZZELKOOH transferieren. Wir rechnen noch an den Erfordernissen für die technische Ausstattung. Schließlich müssen auch diese Sonden die Distanz Planet - Mond überbrücken. Ursprünglich wurde daran gedacht, einen Relaissatelliten in die Mondumlaufbahn zu schießen, um eine temporäre Funkstrecke aufzubauen, aber wir kennen die Bedingungen auf Ttraah nicht genau. Einflüsse des Magnetfeldes oder der Atmosphäre könnten eine Kommunikation verhindern.«
Mas’leeg hob erneut unsicher die Hand.
»Wie lange werden die Untersuchungen des Planeten dauern? Ich kann mir vorstellen, dass eine ganze Menge an Daten zu erheben sind. Das geht doch nicht in wenigen Stunden.«
»Korrekt.«
»Korrekt heißt was?«, hakte Mas’vigoor nach.
»Wir rechnen vorsichtig mit einem Zeitraum von acht bis zehn Jahren.«
Das hatte gesessen. Erforschung über so einen langen Zeitraum.
Es war natürlich bekannt, dass dies auch aus dem Orbit heraus hätte geschehen müssen, dann wären viele Daten auf sensorischem Wege erfasst und ausgewertet worden. Das Ganze planetendeckend. Mit einer polaren Umlaufbahn hätte die ZZELKOOH den ganzen Himmelskörper komplett umrunden, mit kurzen Abstechern zur Oberfläche zeitlich befristete Missionen Erkenntnisse sammeln können, immer die gesamten Ressourcen des Schiffes im Rücken. Hilfe wäre praktisch jederzeit möglich gewesen. Die abschließende Analyse zur Besiedlung wäre deutlich schneller vonstattengegangen, vielleicht innerhalb von zwei, drei Jahren.
Die Komplexität des Ganzen war nicht zu unterschätzen.
Man fliegt nicht einfach ein unbekanntes Sonnensystem über Lichtjahre hinweg an, landet und besiedelt einen Planeten. Die Risiken sind vielseitig. Umwelteinflüsse, klimatische Bedingungen, Zusammensetzung der Atmosphäre, Druck, Gravitation, und am Ende die vielen kleinen Gemeinheiten. Bakterielle und virale Infektionen, Verfügbarkeit von Nahrung, Gefahren durch Fauna und Flora und die Verfügbarkeit von auf Dauer benötigten Ressourcen zum Aufbau einer neuen Zivilisation.
Nun mussten sie eine Reihe zusätzlicher Probleme lösen, mit Beschränkungen der technischen Möglichkeiten leben und eine beträchtliche Distanz überbrücken. Das alles, noch bevor man überhaupt mit einer Erkundung der neuen Heimat beginnen konnte. Vielleicht würden sie Teams verlieren. Der koordinatorische Aufwand war um ein Vielfaches höher.
Von den Verlusten an Beibooten ganz zu schweigen. Jedes fehlende Schiff verknappte die Möglichkeiten bei einer tatsächlichen Besiedelung. Dann, wenn sie 9.000 Uumanii, oder mehr, nach Ttraah bringen mussten, samt Ausrüstung zum Leben und Überleben.
So stellte sich die Frage, ob man nicht gleich zu Beginn so viele Uumanii wie möglich zum Planeten schickte, um Weg und Ressourcen zu sparen. Alternativ konnte man die Teams, des Risikos wegen, so klein wie nötig halten.
Die Stimmen im Rat gingen auseinander, eine heftige Diskussion entbrannte.
Schließlich wählte man als Kompromiss eine mittlere Zahl von Uumanii, abhängig davon, wie viele sich überhaupt für diese Mission ohne Rückkehr melden würden.
Als alle offenen Punkte geklärt waren, stimmten sie ab. Es gab neun Personen im Hohen Rat und schließlich sah jeder die Notwendigkeit, so zu verfahren, wie es Seg’gavaal vorgeschlagen hatte.
Mas’vigoor ordnete an, zwölf Beiboote umzurüsten und um den Mond herum zum Planeten Ttraah zu schicken. Die dafür notwendigen Gespräche mit der Mannschaft wollte er persönlich leiten. Er beauftragte Seg’gavaal, in ihrer technischen Funktion, für die wissenschaftliche Umsetzung des Projektes zu sorgen.
Mas’leeg erkannte, dass es noch geraume Zeit dauern würde, bis jemand wie er den Fuß auf den Boden der neuen Heimat setzen konnte. Für einen kurzen Moment dachte er daran, sich ebenfalls freiwillig zu melden, um den ersten Schritt dafür zu tun. Sein zukünftiges Amt als Hoher Rat machte dieses Ansinnen jedoch von vornherein hinfällig, deshalb sprach er nicht mit seinem Vater darüber.
***
Zehn Jahre waren auch für einen langlebigen Uumanii keine Zeit, die er ohne weiteres absaß. Der Rat überließ es jedem Einzelnen, die Stasiskapseln aufzusuchen, oder sich aktiv an der Verbesserung ihrer Lage zu beteiligen.
Es machte keinen Sinn, die komplette Besatzung an Bord auf Erkenntnisse vom blauen Planeten warten zu lassen. Das alles verbrauchte nur Ressourcen und alterte die Mannschaft. Es war Mas’vigoor, der sich dafür einsetzte, die ‘aktive Truppe’ auf ein moderates Maß zu verkleinern. Das bedeutete auch die Schonung technischen Personals, dass eines Tages auf Ttraah dringender gebraucht werden würde.
Eine der ersten offiziellen Amtshandlungen von Mas’leeg war die gemeinsame Verabschiedung der Freiwilligen-Teams vor ihrem Flug zum Planeten. Wie viele der Männer und Frauen sie jemals wieder sehen würden, stand in den Sternen. Trotz allem war man zuversichtlich, ihnen bald nachfolgen zu können. Das Terrain war nicht gänzlich unbekannt. Der Planet wies gute Lebensbedingungen auf. Es gab Wasser und Land, das Klima war kalkulierbar. Die Chance, eine brauchbare Heimat vorzufinden, war gut. Allein die Tatsache, dass es keinen Weg zurückgab, ließ ein Gefühl von Besorgnis in ihm aufkommen.
Die Zahl der verfügbaren Kommunikations-Sonden war begrenzt. Man würde also nicht oft Nachricht von ‘der Front’ erhalten. Die Teams hatten Anweisung, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, bevor sie die erste Botschaft schickten. Wann das erste Mal etwas kommen würde, war daher ungewiss.
Mas’leeg hatte zu Beginn mit der Ungeduld zu kämpfen. In der Stasiskapsel hätte er sozusagen im Schlaf die Zeit vordrehen können. Aber dann entschied er, seine Position als kommender Rat zu festigen, Wissen und Ausbildung voranzutreiben. Da seine Eltern zu eingespannt waren, sich die Ruhe des Schlafes zu gönnen, wollte er die restliche Zeit mit ihnen verbringen.
So vergingen zwei Jahre und etliche Mondphasen, bis die ersten Sonden von Ttraah das Mutterschiff erreichten.
Die ersehnte Nachricht aus der Ferne.
Erwartungsgemäß hatten es alle Beiboote bis dorthin geschafft. Kontakt untereinander war aufgrund der Entfernungen auf dem Planeten kaum möglich. Die meisten Teams berichteten von einem brauchbaren atmosphärischen Klima, es gab aber auch Hinweise auf periodisch wiederkehrende Kalt- und Warmzeiten im Rhythmus mehrerer Zehntausend Jahre. Derzeit war eine deutliche Kälteperiode zu verzeichnen. Drei Schiffe hatte es in unwirtliche Bereiche verschlagen. Aufgrund lebensfeindlicher Bedingungen waren die polaren Regionen weitestgehend aus dem Rennen.
Nach zwei weiteren Jahren vervollständigte sich das Bild des Planeten durch die detaillierten Erkenntnisse. Die Zahl der Rückmeldungen war spärlicher als in den Jahren zuvor. Ob Teams ausgefallen waren, konnte man nicht sagen. Hinweise darauf gab es keine, jedoch auch keine neuen Daten.
Diese Tendenz sollte sich fortsetzen, denn sechs Jahre nach dem Start der Mission wartete man vergebens auf Informationen vom Planeten Ttraah. Zwei Sonden trafen mit über einem Jahr Verspätung ein. Nachforschungen legten die Vermutung nahe, die technischen Boten könnten auf dem Weg zum Mond verloren gegangen sein. Von den zwölf entsandten Forscherteams meldeten sich nur noch drei. Warum der Kontakt zu den Anderen abgebrochen war, konnte man trotz der positiven Meldungen nicht verifizieren. Vielleicht waren sie erkrankt oder es hatte andere unglückliche Umstände gegeben. Diese durchaus berechtigten Zweifel stärkten die Meinung derjenigen, die Abwarten und weitere Informationen sammeln wollten.
Mittlerweile gaben die gesammelten Erkenntnisse ein annähernd vollständiges Bild über Atmosphäre, Klima- und Klimawandel, Fauna und Flora des Planeten ab. Ttraah schien eine ideale Welt zur Besiedelung durch die Uumanii zu sein. In Mas’leeg regte sich Hoffnung und Ungeduld. Bald sollte er zusammen mit dem Hohen Rat die Entscheidung treffen, den letzten großen Weg anzutreten.
Er schlug vor, die Vorbereitungen voranzutreiben.
Vater jedoch bremste seine Bemühungen. Warum, das konnte der junge Mann nicht genau sagen. Es war, als wenn Mas’vigoor über zusätzliche Informationen verfügte, von denen sein Sohn nichts wusste. Hatten die Botschaften von Ttraah etwas gezeigt, dass eine Besiedelung unmöglich machte?
Der Kommandantensohn legte seine Bedenken zur Seite und bald gerieten sie in Vergessenheit.
Im neunten Jahr des Wartens ging es Vater schlecht.
Mas’vigoor, mit 455 Zyklen bereits ein Mann hohen Alters, kränkelte zunehmendst. Sein Spross hatte längst einen sicheren Stand im Rat, es war ihm also nicht bange um die Nachfolge. So zog er sich mehr und mehr aus den Entscheidungsprozessen zurück. Jetzt bereute der junge Mann nicht, die letzten so wichtigen Jahre an der Seite seines Vaters verbracht zu haben. Durch ihn konnte er so viel lernen. Das mutige, weitsichtige Handeln des Mannes gab ihm die Richtung für sein späteres Leben vor. Mas’leeg erkannte immer öfter, dass viele der kommenden Beschlüsse auf seinen Schultern lasten würden.
Sein Vater starb noch vor dem schicksalhaften Eintreffen der zehnjährigen Sonde. Wie es bei den Uumanii üblich war, wurde Mas’vigoor im Feuer bestattet.
Eine Mondphase später waren es sein Sohn und Mas’touuh, die in der Steuerzentrale die Bestätigung des Kommunikationssignals empfingen. Der mittlerweile Achtundzwanzigjährige war formell zum stellvertretenden Kommandanten ernannt worden. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis er ein weiteres Mal aufsteigen würde. Die Funktion als Leiter des Schiffes war ohne echte Bedeutung, schließlich lag die ZZELKOOH nun schon länger an ihrer letzten Ruhestätte. Wer brauchte da noch einen Kommandanten?
Die rückkehrenden Sonden, drei an der Zahl, waren nicht weit entfernt niedergegangen. Ein Außenteam machte sich daran, sie zu bergen.
Gespannt warteten die Beiden auf die Prüfung der Datenpakete, die die ausgesandten Uumanii über einen langen Zeitraum auf dem blauen Planeten zusammen getragen hatten. Ihre Botschaft, das hatte der Hohe Rat in der Zwischenzeit entschieden, sollte die Letzte sein. Im Anschluss daran wollte die Besatzung den Weg in die neue Heimat in Angriff nehmen und ihnen nachfolgen.
Der große Augenblick war zum Greifen nah.
Als die Daten der Sonden ausgewertet waren, herrschte atemlose Stille an Bord der ZZELKOOH. Was sie jedoch zur Rückseite des Mondes brachten, war nicht das, was man erwartet hatte. Fassungslos hörte Mas’leeg die Worte der wissenschaftlichen Berater. Es konnte nicht sein, weil es nicht sein durfte.
Ttraah war ein bewohnter Planet!
2. Kapitel
Flucht vor der Vergangenheit
Der Schuss aus der Waffe von Eilean Strickler hatte ihn nicht ernsthaft gefährden können. Doch sie war nahe. Ganz nahe! Nur noch drei Meter trennten ihn vom Einstieg zur Landefähre.
Er musste sie erreichen, um jeden Preis!
Hookland wusste, dass sie unmittelbar hinter ihm war. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn ihre Hände plötzlich sein Bein umklammert hätten. Nicht mehr lange, dann würde sie ihre spitzen Zähne in sein zitterndes Fleisch schlagen.
Es blieb keine Zeit, keine gottverdammte Sekunde!
Bidhwigi war kurz vor ihm lachend in der Schleuse verschwunden. Hoffentlich schloss er sie nicht voller Panik vor seinen Augen und ließ ihn hier draußen verrecken.
Nein, Rashid! Tu das nicht!
Ein heftiger Schlag traf ihn am Rücken.
Das Kreischen von entweichender Luft, ausströmendes Gas bildete eine helle Wolke. Kälte zog im Anzug den Rücken hinauf.
Irgendetwas hatte sich in seinen Tornister gebohrt, zog daran. Aus den Augenwinkeln erkannte er das Ende einer Stange, daran befestigte Flaggen. Strickler musste den Flaggenmast als Speer benutzt und ihn damit angegriffen haben. Die Hebelkraft der Lanze zog an seinem Rückenaggregat. Die Sauerstoffanzeige an seinem Arm bewegte sich entsetzlich schnell Richtung Null-Markierung.
Mein Gott, er würde hier kurz vor dem Ziel ersticken!
Dieser Druck auf seiner Brust, er konnte kaum atmen.
Seine Verfolgerin hatte zweifellos Versorgungsleitungen im Rückentornister beschädigt.
Mit aufkeimender Panik wurde Steve bewusst, dass es jetzt für ihn um die letzten Sekunden ging. Er würde in kürzester Zeit sämtliche Atemluftreserven verlieren.
»Lieber Gott«, flehte er, »lass mich hier nicht sterben!«
Seine Hände verkrampften sich um den leichten Stoff …
Seine einzige Chance war das Innere der Mondlandefähre.
Er warf sich vorwärts, kam in der geöffneten Luke zu liegen, nestelte mit nervösen Fingern an den Verschlüssen seines Rückentornisters. Die darin steckende Lanze verhinderte das Schließen der Schleuse. Er musste den Brustaufsatz schleunigst loswerden. Darunter brannte es wie Feuer.
Irgendwas hatte sich um seine verdammten Beine gewickelt!
Die Karabinerverschlüsse entriegelten binnen Sekunden. Zeit, die Strickler zweifellos nutzen würde ihn zu erreichen.
Sie war schon ganz nahe, er konnte es fühlen.
Als der Rückentornister von ihm ab fiel, drehte er sich um, stieß mit den Füßen das Gerät aus der Fähre.
Er strampelte mit nackten Füßen. Etwas polterte zu Boden.
Es flog in einem Bogen aus … der Schleuse …
Jetzt verblieb ihm nur noch die geringe Atemluft im Anzug. Mit einer Rückwärtsrolle taumelte er herum. Im gleichen Augenblick griffen zwei starke Arme nach ihm, zerrten ihn ins Innere. Der Inder wuchtete die Luke zu und stemmte sich gegen den Öffnungsmechanismus. Eine Sekunde darauf bewegte sich die Verschlussmechanik mit dem Quietschen einer alten Holztür.
Noch immer fiel das Atmen schwer, er röchelte. Die Hände suchten nach Halt. Wieder ein Poltern.
Ihre Verfolgerin hatte ebenfalls die Schleuse erreicht, versuchte, sie von außen zu öffnen.
Steves gehetzter Blick irrte durch die Kommandokanzel, suchte nach etwas, mit dem er die Luke verriegeln konnte. Schließlich fand er ein Werkzeug, das er zwischen die Bolzen klemmte, verhinderte, dass Eilean Strickler von außen Zugang erlangte.
Aber das Teil war wie Gummi. Es gab immer wieder nach, rutschte aus der Verriegelung. Er versuchte es erneut, aber das Objekt verwandelte sich in eine Schlange. Sie zischelte gefährlich, dann verschwand sie unter den Sitzen.
Ein Schleier durchzog sein Gesichtsfeld, das Atmen wurde zur Qual. Der CO2-Gehalt innerhalb des Raumanzuges stieg schnell an. Nur noch zwei Minuten, dann würde er das Bewusstsein verlieren.
Sein Gesicht war klatschnass.
Steve warf sich in den Sitz des Piloten, suchte nach den Kontrollen für die Druckregulierung innerhalb der Fähre.
Aber da waren keine.
Wo waren die Kontrollen? Sie waren doch immer da gewesen!
Bidhwigi versuchte, mit all seinen Kräften das Öffnen der Tür zu verhindern. Doch er tat es in Zeitlupe, drehte sich zu Steve um und winkte mit einem verzerrten Lächeln.
Die Angst machte das Denken unmöglich. Hinzu kam die immer schlechter werdende Luft in seinem Anzug. Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, fand er endlich die Kontrollen und aktivierte das Fluten der Fähre mit Atemluft.
Er riss sich den Helm vom Kopf, rang verzweifelt nach Atem. Aber der entsetzliche Druck auf seiner Brust wollte nicht weichen.
Noch war in der Kabine nicht ausreichend Druck aufgebaut.
Draußen hörte er das Monster Strickler gegen die Luke schlagen. Eine Beule nach der anderen bildete sich im weichen Metall. Die Kanzel dröhnte wie eine Glocke.
Er musste handeln, noch bevor es ihr möglich war das Retro-Modul ernsthaft zu beschädigen. Steve begann in aller Eile damit, die für den Start wichtigen Systeme hochzufahren.
Erst die Lüftung an, so hatte man es ihn gelehrt.
Dann das Radio an und ebenso die Scheibenwischer …
… nein, nicht die Scheibenwischer. Das Funkgerät. Er musste irgendwo das Funkgerät finden!
Aber es war nicht da. Dabei hätte er schwören können, es doch eben noch gesehen zu haben.
Der Druck innerhalb des Kommandostandes hatte sich nun halbwegs normalisiert. Noch immer hörte er die Schläge ihrer Verfolgerin auf der Hülle der Mondlandefähre.
»Ich kann dich sehen, Hookland!«, hörte er ihre Stimme. »Ich kriege dich, verdammter Narr!«
Obgleich Panik und Angst an seinen Nerven zerrten, fand er wie von Geisterhand die richtige Reihenfolge für die Aktivierung der Systeme. Aber da war ein Zahlenschloss. Warum war da ein Zahlenschloss?
Er hatte jetzt keine Zeit für diesen Mist. Welche Zahlen sollte er denn wählen?
Der Navigations-Computer hatte seinen Bootvorgang mit einem Kinderlied begonnen und zeigte jetzt Bereitschaft. Auf der Anzeige stand »Nach Hause«.
Die Triebwerkskontrollen waren einsatzbereit, drei brennende Kerzen zeigten es an und ihr Wachs tropfte langsam auf das Steuerpult. Druck für das Einspritzen des Hydrazins in das Retro-Triebwerk war aufgebaut.
Er hörte einen letzten heftigen Schlag an der Luke der Mondlandefähre. Kurz darauf verstummten die Geräusche an der Hülle.
Hookland drehte schwer atmend den Kopf. Salziger Schweiß brannte in seinen Augen. Speichel rann seine Wange herab und durchnässte den Kragen des Anzugs.
Bidhwigi hatte sich in letzter Sekunde in einen der Sitze geworfen, nestelte hektisch an den Gurten.
»Verdammt«, brüllte er, »tu etwas!«
Mit einem Knall flog die Schleuse zur Seite.
Vor der Öffnung sah der Kanadier das riesige Auge von Strickler. Es bewegte sich suchend und verharrte schließlich auf ihm.
»Jetzt habe ich dich, Hookland!«, bebte die tiefe Stimme. »Du wirst mir nicht entkommen. Dein Schicksal endet hier!«
Steve hob den Finger vor den manuellen Zündungsschalter und verharrte.
Obwohl er alle Konzentration aufbrachte, konnte er die Hand nicht weiter bewegen. Er war wie gelähmt und sein verdammter Finger rührte sich keinen Millimeter.
Wieder dieser entsetzliche Druck auf seiner Brust, das Herz schlug wie verrückt. Trotz aller Anstrengung kam kein sinnvoller Laut über seine Lippen.
Als sich die Klaue von Strickler langsam durch die Luke schob, sich ihm näherte, trommelte sein Herz ein nicht enden wollendes Stakkato.
»Fahr … zur … Hölle!«, krächzte er und drückte den Schalter nieder. Langsam, wie in Pudding, verschwand sein Finger im Druckknopf des Schalters.
Die Sprengbolzen trennten das Retro-Modul mit einem Knall vom unteren Rumpf der ALTAIR-2. Etwas fiel um, Glas klirrte.
Einen Bruchteil später zündete der Raketenmotor, trieb die Kommandokapsel in den nachtschwarzen Himmel hinein.
Plötzlich konnte er wieder atmen.
Die superheißen, extrem beschleunigten Gase des Rückkehrtriebwerks peitschten in einer ringförmigen Schockwelle zur Seite und durchtrennten den Arm und das Auge von Eilean Strickler in der Mitte.
Mit einem panischen Aufschrei riss Steve Hookland seinen Körper hoch … und … Dunkelheit umfing ihn.
Dunkelheit und Stille.
Erst nach Sekunden bemerkte er den Lichtschein durch die Lamellen am Fenster. Orientierungslos drehte er sich zur Seite. Die Nachttischlampe war nicht mehr an ihrem Platz, lag einen Meter entfernt am Boden. Seine Hände tasteten ziellos in der Dämmerung umher.
Schließlich nahm er schluchzend die Hände zum Kopf. Mit bebendem Körper rang er nach Fassung. Tränen und Schweiß vermischten sich auf dem dünnen Laken.
»Mein Gott«, krächzte er. »Lass das endlich ein Ende haben!«
***
An diesem Morgen war er wie gerädert. Wieder einmal.
Er kannte diese Tage, sie waren ihm nur zu vertraut.
Mit schweren Gliedern hatte er sich aus dem schweißnassen Bett gewälzt, sich ins Badezimmer geschleppt.
Sein fahles Spiegelbild blickte ihn mit verklebten Haaren und dunklen Rändern unter den Augen an. Er wandte sich ab, ließ sich auf den Rand der Toilette fallen und verrichtete sein Geschäft. Den Kopf in die Hände gestützt, versuchte er, die ersten klaren Gedanken zu fassen.
Als er fertig war, schlurfte er zum Waschbecken zurück. Mit einer fahrigen Bewegung wischte das kalte Wasser Schweiß und Speichel fort.
Er war so erschöpft, … so unendlich erschöpft.
Diese Rückfälle.
Wochenlang ging es ihm gut, soweit man das sagen konnte. Aber dann kamen diese Nächte. Gerade wenn er glaubte, es überwunden zu haben. Es waren stets die gleichen Träume. In Variationen, aber immer gleich beängstigend. Sein Herz pochte dann mit einer Kraft, als wolle es in seiner Brust zerspringen.
Am Tag darauf war er völlig am Ende.
Es dauerte Stunden, bis er die verstörenden Gedanken endlich geordnet hatte. Dabei war es weniger der Traum, der ihm zu schaffen machte, sondern vielmehr die damit einhergehenden Emotionen. Obwohl er wusste, sich in einem Traum zu befinden, waren die Gefühle so stark, … so echt, … so schmerzhaft.
Heute war Montreal mal nicht in dunkle Regenwolken gehüllt. Die frühlingshafte Sonne warf einen Fächer aus staubigem Licht durch die Rollos. Kurze Zeit noch, dann würde sie die Hausautomatik einholen, die Wohnung hell und freundlich erscheinen.
Das alles war Steve Hookland wenig Trost. Betäubt von der Nacht hatte er sich schließlich ins Badezimmer zurück gequält. Die heiße Dusche belebte ihn, die Wärme durchflutete seinen zittrigen Körper. Es ging ihm besser.
Er nahm sich die Zeit für eine ausgiebige Rasur. Das Haar hatte sich zwar entschieden zu bleiben, dafür hatte die Farbe deutlich ins Graue gewechselt. Die Schläfen waren weiß und zwischen den leicht gewellten Strähnen konnte man immer öfter die Zeichen des Alters entdecken. Neunundvierzig Jahre alt war er nun. Im gleichen Augenblick wurde ihm bewusst, dass er fast auf den Tag genau vor zwölf Jahren mit der RAY OF HOPE auf jene schicksalhafte Reise gegangen war. Er hielt beim Rasieren inne, während die Gedanken in die Vergangenheit abglitten. Sein Blick fern von alledem, Tausende Kilometer entfernt, irgendwo da oben …
Es war früh am Morgen, Montreal gerade erst im Begriff sich aus der nächtlichen Umarmung zu lösen. Kaum Verkehr auf den Straßen, in drei Stunden würde deutlich mehr Betrieb herrschen.
Die automatische Tiefgarage hatte den eWaggon für ihn bereitgestellt. Das Fahrzeug war wunschgemäß vor dem Eingangsportal vorgefahren, hatte die seitliche Schiebetür selbstständig geöffnet.
»Guten Morgen, Mr. Hookland«, sagte die männliche Stimme des City-Transporters. Sie war betont freundlich und entspannt.
Steve sagte kein Wort, nahm auf dem Fahrersitz Platz. Der Wagen schloss die Tür.
»So früh auf den Beinen, Mr. Hookland? Wo darf es hingehen? Der übliche Weg?«
»Ja bitte«, sagte Steve kurz angebunden.
»Technoparc Montréal«, bestätigte der Wagen. »Ankunft in ca. fünfundzwanzig Minuten, Sir.«
Das Elektrofahrzeug beschleunigte spürbar und reihte sich autonom in die optimale Fahrspur ein. Der Kanadier war bereits wieder in Gedanken versunken, hatte den Blick nach draußen gerichtet, aber die Skyline von Montreal zog ohne Bedeutung an ihm vorbei.
Die Nächte mit den Alpträumen machten ihm stets zu schaffen. Nur langsam konnte er sich auf die Umgebung fokussieren, die Erlebnisse seines Traumes waren noch immer erschreckend präsent.
Nicht viel von dem, was ihn gepeinigt hatte, war wirklich so geschehen. Im Kern steckte natürlich die Wahrheit, aber das Meiste war beängstigendes Theater. Nach den Träumen fragte er sich jedes Mal, was ihm sein Unterbewusstsein damit sagen wollte. Die endlosen Sitzungen, die Gesprächstermine bei seinem Therapeuten, hatten dazu keine echten Erkenntnisse gebracht. Oft genug schien Dr. Vaskow froh zu sein, dass Steve seinen Zustand zumindest akzeptierte. Die damit verbundene Hoffnung, das Erlebte eines Tages zu verarbeiten, hielten beide schon seit Jahren aufrecht.
Die Fahrtgeräusche des eWaggon waren im Inneren kaum zu hören. Steve bemerkte erst jetzt die leichte Entspannungsmusik. Seit Jahren waren die Assistenzsysteme der Fahrzeuge fähig, die Stimmungslage ihrer Passagiere zu analysieren. Faktoren wie Stress, Angst, Übermüdung und Ähnliches wurden rechtzeitig erkannt. Das Fahrverhalten und ebenso das Ambiente wurde angepasst, Konflikte vermieden und potentiell negative Effekte im Vorfeld eliminiert. Die Tatsache, dass die City-Transporter autonom, also selbstständig, ihren Weg finden konnten, machte vieles einfacher. Im Jahre 2033 war der Fahrgast nicht unbedingt auch der Fahrer. Optional, aber nicht mehr Standard.
Die Menschen hatten sich schnell daran gewöhnt nicht mehr Herr der Lage sein zu müssen. Im Gegenteil. Autonomes Fahren wurde alsbald Ausdruck einer modernen Lebensweise.
