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Robert Louis Stevenson legte mit seinem Esel Modestine 1878 ohne sein Wissen die Grundlage für die heute nach ihm benannte Wanderroute GR 70 durch die Cévennen im Südwesten Frankreichs. Etwa 130 Jahre danach werden immer noch Wanderer von Eseln durch diese einsame Gegend als Packtiere begleitet. Muscat, die Eseldame erzählt in dieser Novelle von ihrem aufregendsten Abenteuer, dem Wunder vom Col Saint-Pierre.
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Seitenzahl: 26
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Sandra Dittrich
Das Wunder vom Col Saint-Pierre
Reise durch die Cévennen aus der Eselsperspektive
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1.
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6.
Impressum neobooks
Am meisten vermisse ich die Stille. Nirgendwo sonst auf der Welt habe ich eine derartige Stille gehört, so blaue Fernen bestaunt und an so würzigen Kräutern geschnuppert, wie in den Cévennen. Den feine Duft des wilden Thymians, das Summen der Bienen, das flüstern des Windes, der über die Baumkronen der Kastanienwälder hinweg streift, all das trage ich tief in meinem Herzen bei mir.
Hier in fernem Lande wird mein Leben einmal zu Ende gehen. Doch scheint mir, ich hätte die Geborgenheit meiner Herde, meiner Heimat erst gestern verlassen, als läge mein größtes Abenteuer gerade vor mir. Was wohl aus ihnen allen geworden ist? Und, ich meine Mensch und Tier, denn zum Schluss waren wir eine große Herde, Vertrauen gegen Vertrauen.
In letzter Zeit denke ich oft an damals. Es war in einem Mai Anfang der Jahrtausendwende gewesen. Wieder einmal erwarteten wir Menschen, die wir durch die Cévennen begleiten sollten. Mistral unser schwarzbrauner Leitesel streckte seine Ohren, eines nach vorne und eines nach hinten. Ein sanfter Wind trug den Geruch von Zweibeinern auf die saftige Weide. „Sie kommen!“ Mistral drängte zum Gatter.
Neugierige Menschengesichter streckten sich ihm entgegen. Hände fuhren über sein Fell und wuschelten durch seine Mähne. „Menschen, hach“, seufzte Heloise, die jüngste Eselin unserer Herde. Dabei blickte sie schüchtern unter ihren schönen langen Wimpern hervor. Der raubeinige Anführer der Menschen war ihr nicht geheuer. Er ging zielstrebig auf Mistral zu und verteilte dann jeweils zwei Menschen auf einen Esel.
Ich hatte Glück, bekam eine Mutter mit ihrem Jungmenschen zugewiesen, die sich durch meine Größe und das zottige Fell einschüchtern ließen. Es versprach eine angenehme Reise zu werden. Die disziplinierte Melisse erhielt einen Fotograf nebst Gattin unter ihre Aufsicht, und ihr undisziplinierter Bruder Capucin eine wahre Naturfreundin in Begleitung eines sehr gelassenen Zweibeiners.
Geduldig unterrichtete meine Halbschwester Evora, Heloise im Umgang mit den Menschen, während diese an uns Eseln das Sattelauflegen ausprobierten. „Den älteren Herrn und seine Begleitung schaffst du spielend. Du solltest darauf achten, dass er das Führungsseil möglichst locker und lang hält, damit du jederzeit fressen, und den richtigen Weg einschlagen kannst. Falls das nicht hilft, einfach sehr plötzlich und schnell stehen bleiben oder beschleunigen, vor allem bergab“, erklärte Evora.
„Du hast gut reden. Hoffentlich kann ich mir das alles merken“, antwortete Heloise. Mistral schwelgte im Glück. Gleich zwei Menschenweibchen kümmerten sich um ihn. Dann wurde es ernst. Das Gewicht der Packtaschen auf unseren Rücken, sowie ein leichter Ruck am Führungsseil deuteten den Aufbruch der Gruppe an. Mir war plötzlich sehr nach Löwenzahnblättern, doch hatten auch die MenschenihremLeittier genau zugehört. Weshalb ich mich folgsam in die Reihe aus Eseln und Menschen einreihte. Zum Glück mussten wir nur deren Gepäck tragen.
