Die silberne Stiefelschnalle - Sandra Dittrich - E-Book

Die silberne Stiefelschnalle E-Book

Sandra Dittrich

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Beschreibung

Anno 1525: Spätes Mittelalter in dem kleinen Dorf Rimpar bei Würzburg. Die Müllerstochter Lisbeth wird in die Geschehnisse des Bauernkrieges hineingezogen. Ihr Lieblingsbruder Jakob wird des Verrates bezichtigt, ins Gefängnis der Burg geworfen und kann flüchten. Er bleibt verschwunden. Gleichzeitig wird der, als Bauernfreund, verrufene Adlige Florian Geyer, welcher zwischen den Fronten vermittelt, hinterrücks im Wald ermordet. Offiziell bekennt sich der Burgherr Wilhelm von Grumbach zu der Tat. Dessen Schwester Barbara, welche mit ihren Kindern auf der Burg in Rimpar Schutz sucht, war Florian Geyers Eheweib. Sie bemerkt, dass Bruder Wilhelm jemanden deckt, den wahren Mörder. Die beiden Frauen verbünden sich auf der Suche nach Lisbeths verschollenem Bruder Jakob und nach dem Mörder des Florian Geyer. Von beiden fehlt jede Spur. Als auch noch Barbaras Tochter entführt wird, spitzt sich die Lage zu. Nicht nur das Kind ist in Lebensgefahr. Eine gräßlichen Intrige, ein Gespinst aus Lügen, Haß und Eifersucht wird aufgedeckt, das scheinbar tatsächlich aus den Reihen der der Familie von Grumbach kommt. Gefangen werden nur die Handlanger des Mörders. Während diese gerichtet werden, ahnt Barbara nicht, dass sie und ihre Kinder immer noch in höchster Gefahr schweben. Sie läuft dem Anstifter der Mordhändel direkt in die Arme. Es kommt zum Kampf auf Leben und Tod.

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Sandra Dittrich

Die silberne Stiefelschnalle

Historischer Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I. Tanz in den Mai

II. Auf der Flucht

III. Zwischen Hoffnung und Bangen

IV. Der letzte Funke verlischt

V. Auf der Suche nach der Wahrheit

VI. Heimlichkeiten und Gefahr

VII. Entführt

VIII. Überraschende Wendung

IX. Des Rätsels Lösung

X. Epilog

Impressum neobooks

I. Tanz in den Mai

Tief schnitt die Axt in das saftige Holz der jungen Birke. Mit jedem Hieb hallte der dumpfe Klang durch den nächtlichen Wald. Melchior Glock, der in gleichmäßigem Rhythmus gearbeitet hatte, hielt plötzlich inne. Im silbrigen Licht des Mondes tauchte eine Gestalt auf, die mit festen Schritten auf ihn zusteuerte.

Noch bevor Melchior genauer hinsehen konnte, spürte er plötzlich, wie sich zwei grobe Hände von hinten um seinen Arm schlossen. Der Griff war kräftig und unerbittlich, aber er reagierte instinktiv. Mit einem Ruck fuhr er herum, die Axt noch in der Hand, bereit zur Abwehr. Sein Blick traf auf ein vertrautes Gesicht – das bärtige Grinsen von Peter, einem seiner Kollegen. Jetzt tauchte auch Christoph zwischen den Bäumen auf, und er konnte sein Lachen kaum zurückhalten.

„Peter, Christoph, was soll das?“, knurrte Melchior, der seine Anspannung noch nicht ganz abschütteln konnte. Seine Stimme war rau, ein Ton, der sonst dafür sorgte, dass die beiden sich mäßigten. Aber nicht dieses Mal. Triumphierend hielten die zwei ihre Beute in die Höhe – kleine Birken, frisch geschlagen.

„Das soll also Arbeit sein, Glock?“, spottete Peter mit einem Augenzwinkern, während Christoph lachte. „Da hätten wir den Wald ja längst leergeräumt, wenn wir so langsam wären wie du.“

Melchior öffnete den Mund zu einer scharfen Erwiderung, doch ein Geräusch ließ sie alle innehalten. Ein Reh, das im Unterholz geweidet hatte, sprang aufgeschreckt davon. Mit langen, federnden Sprüngen verschwand es zwischen den Bäumen, seine Silhouette schimmerte kurz im Mondlicht auf, ehe es in der Dunkelheit verschwand.

Für einen Moment lauschten sie schweigend dem Rascheln des Unterholzes, das sich mit dem leisen Flüstern der Blätter vermischte. Der Wald schien lebendig zu sein, ein atmendes Wesen voller Geheimnisse. Er nahm ihre Streiche und Streitigkeiten stumm auf, bewahrte sie wie all die anderen Geschichten, die hier geschehen waren.

Melchior’s Gedanken drifteten ab, getragen von der Erinnerung an die Johannisfeier des letzten Sommers. Damals hatte er Lisbeth, die Tochter des Müllers, plötzlich mit neuen Augen gesehen. Ihre langen, schwarzen Locken, ihr zarter, roter Mund und die blitzenden Augen hatten etwas in ihm entfacht, das ihn seither nicht mehr losließ. Es war, als hätte sie ihn an jenem Tag in den Bann einer Magie gezogen, die ihn immer wieder zur Mühle führte. Viele Burschen buhlten um sie, allen voran Adrian Kraft, der berüchtigte Weiberheld vom Rittergut. Doch Lisbeth hatte sich für ihn entschieden, für Melchior. Ihr gemeinsames Geheimnis war der Wald, den sie beide liebten und in dem sie als Kinder Verstecken gespielt hatten.

„Komm, wir müssen los!“, riss Peter ihn aus seinen Gedanken. Melchior schüttelte den Kopf, um die Bilder zu vertreiben, und folgte seinen Gefährten. Die Dürwiese nachts zu verlassen, war den Forstgehilfen strengstens untersagt, doch heute ließ der Forstmeister Gnade walten. Es war die Nacht vor dem ersten Mai, die Nacht des Maienzaubers, und die jungen Männer brachten ihren Liebsten geschmückte Birken als Zeichen ihrer Zuneigung.

In der Burgmühle von Rimpar hingegen schlich Lisbeth rastlos durch ihre Kammer. Sie lauschte dem Plätschern des Krebsbaches, der sie seit ihrer Kindheit in den Schlaf gewogen hatte, doch heute Nacht fand sie keine Ruhe. Ob Melchior wohl kommen würde? Der Duft von Flieder und Veilchen drang durch das offene Fenster und mischte sich mit dem feinen Rauschen des Mühlrades. Ihre Gedanken waren unruhig und sie träumte vom bevorstehenden Maifest. Neugierig schlich sie zur Kammertür und weiter hinunter zur Haustüre, doch kaum hatte sie diese erreicht, da öffnete sie sich mit einem Ruck. Ihr Vater, Bezolt Schefflein, stand vor ihr, sein Gesicht von strenger Entrüstung gezeichnet.

„Was bei allen Heiligen tust du hier?“, donnerte er und zog sie am Arm die Treppe hinauf. Trotz ihres Protests verschloss er ihre Kammertüre und murmelte etwas von „können es nicht erwarten“, bevor er wieder hinunterstieg. Zurück in ihrer Kammer griff Lisbeth instinktiv nach dem Lederbändchen um ihren Hals, an dem Melchiors Geschenk hing. Ein kleines aus Nussbaumholz geschnitztes Amulett. Sie seufzte. Ihre Ungeduld hatte sie verraten, und jetzt saß sie eingesperrt, während ihr Herz vor Sehnsucht zerging.

Unterdessen standen Peter, Christoph und Melchior vor dem Dorfeingang und stritten mit dem Wachposten. Adrian Kraft, der die Wache leitete, beharrte auf das Passwort. „Maienzauber!“, wiederholte Melchior zum fünften Mal, doch Adrians Gesicht blieb ungerührt. In Melchiors Augen blitzte Zorn auf, und Peter griff beruhigend nach seinem Arm. „Meine Lisbeth kriegt ihren Baum!“, rief Melchior und eilte davon. Adrian grinste selbstzufrieden und ließ die anderen Forstgehilfen passieren – Hauptsache, Melchior wurde aufgehalten. Doch der junge Mann gab nicht so leicht auf.

Melchior schlug einen anderen Weg ein, schlich am Rande des kleinen Steinbruchs entlang und folgte dem Lauf des umgeleiteten Baches. Die Silhouette der Mühle zeichnete sich dunkel gegen den Nachthimmel ab, und Melchior nutzte die Schatten des Burggrabens, um näher heranzukommen. Mit Mühe schleppte er die kleine Birke durch das seichte Wasser, unterhalb der Mühle und platzierte seinen Liebesmaien in Sichtweite von Lisbeths Fenster, damit sie ihn am Morgen sehen würde. Zufrieden trat er den Rückweg an, in der Gewissheit, dass Adrian toben würde.

Am nächsten Tag entdeckte Lisbeth den kleinen Baum und lachte herzlich, als sie dessen etwas mitgenommenen Zustand sah. Ihre Freundin Eva, die an ihrer Seite stand, schüttelte den Kopf. „Etwas schöner könnte er schon sein.“

„Der Wille zählt“, verteidigte Lisbeth ihren Liebsten und warf einen abschätzigen Blick in Richtung von Adrians Baum, der lieblos vor dem Tor der Mühle stand. „Er glaubt wohl, mein Vater bringt eine fette Mitgift. Aber ich lasse mich nicht von einem Taugenichts abspeisen, der seine Zeit im Wirtshaus vertrödelt.“

„Ach vergiss den Adrian. Weißt du was wirklich schade ist? Das ist für uns zwei der letzte Brunnengang, und du kannst nicht mit. Nächstes Jahr wirst du verheiratet sein“, bedauerte Eva.

„Ich komme später, wenn die Burschen den Maibaum aufstellen. Ich muss der Frau von Grumbach das Gewand aufhübschen. Der Ritter Wilhelm wird zurück erwartet. Ich bin gespannt, wer nachher zur Maigräfin ausgerufen wird. Unser Maigraf ist wohl derzeit der begehrteste Mann im Dorf“, plauderte Lisbeth drauf los. Eva errötete, und blieb ihrer besten Freundin die Antwort schuldig. Sie mochte Gabriel sehr gerne. Der Stallknecht arbeitete auf dem Rittergut der Grumbacher, dem Niederhof, wo sie sich als Küchenmagd verdingte.

Plötzlich erklang von ferne Gesang: „Selig, selig sei die Freude, selig sei die wonnige Maienzeit ...“

„Selig sei der Vögel singen, selig sei die Aue, selig sei der Wald“, fielen die beiden Frauen mit ein. Sie liefen zu dem kleinen Platz unterhalb der Burg, wo sich die Kinder und ledigen Frauen für das gemeinsame Reinigen und Schmücken der Brunnen versammelten. Eva reihte sich in die schnatternde Schar ein, die Richtung Dorfplatz davonzog.

Lisbeth winkte ihr und marschierte zur Burg hinauf, vorbei am Kalterhaus und am Hofhaus, welche der Burg vorgelagert waren. Die Dame Anna von Grumbach bediente sich ihrer Gabe, seit sie herausgefunden hatte, wie schön Elisabeth nähen konnte, obwohl sie eine Müllerstochter war.

Wie mahnende Finger strebten die vier Wehrtürme der Burg in den Himmel. Die Frühlingssonne warf ihr warmes Licht auf die Mauern, deren Schatten kühl und abweisend auf den Boden fielen. Lisbeth ging schnellen Schrittes den staubigen Weg entlang, der am Hauptbach vorbeiführte, bis sie die hölzerne Zugbrücke erreichte. Über den tiefen Burggraben hinweg führte diese auf den Hof hinein. Der Torwächter, ein grobschlächtiger Mann mit spöttischem Grinsen, pfiff Lisbeth hinterher. Doch sie ließ sich nicht beirren. Ihr Blick war starr nach vorne gerichtet. Nur ein rascher Seitenblick galt den herrschaftlichen Gänsen, die ein blonder Knabe durch das Tor hinaus trieb.

Der Burghof lag vor ihr, eine lebendige Bühne aus Lärm und Bewegung. Zwischen den Stallungen und dem Rüsthaus wuselten Menschen und Tiere durcheinander. Hühner pickten unbeeindruckt von der Hektik nach Körnern, während eine Magd eilig an der Pferdetränke vorbei in die Küche huschte. Lisbeth ließ den Burgfried hinter sich und erklomm die Treppe zum Palas. Auf halber Höhe hielt sie inne, ihre Hand leicht auf das grobe Geländer gestützt. Von hier oben konnte sie das bunte Treiben unter sich überblicken. Die Männer auf der Wehrmauer schritten in gemächlicher Routine ihre Posten ab, die Waffen im Sonnenlicht matt glänzend. Ein Stallknecht, der sich wohl zu lange mit einer der Mägde unterhalten hatte, wurde gerade vom Stallmeister mit einer harschen Geste zurück an die Arbeit gescheucht. Lisbeths Blick verweilte einen Moment auf der Szene, ehe sie sich abwandte.

Der kühle Schatten des Palas hüllte sie ein, als sie die Treppe hinter sich ließ. Vor der Kemenate verharrte sie erneut. Ihre Hände glitten unruhig über den Stoff ihres einfachen Kleides und glätteten Falten, die gar nicht da waren. Sie holte tief Luft, ihre staubigen Füße ein stummer Beweis für den Abstecher zur Pleichach, wo sie ihre Hände und Nägel so gut es ging gesäubert hatte. Endlich hob sie die Hand und klopfte an.

„Herein!“ Die Stimme von Anna von Grumbach klang klar und gebieterisch, wie ein Schwertschlag. Lisbeth öffnete die schwere Holztür und trat ein. Die Burgherrin saß am Fenster auf einem mit Brokat bezogenen Stuhl. Ihr Haar, von einem satten Rotbraun, fiel in glänzenden Wellen über ihre Schultern. Sie hatte sich ein Seidengewand umgelegt, dessen Saum verschwenderisch mit Goldstickereien verziert war. Ihre scharfen Augen musterten Lisbeth von Kopf bis Fuß und verharrten einen Augenblick auf ihrer Gestalt.

„Zeig mir deine Hände“, befahl Anna ohne Umschweife. Lisbeth streckte die Arme aus, und die Burgherrin packte sie ohne Zögern. Sie drehte die Hände der Müllerstochter prüfend hin und her, bevor sie mit einem knappen Nicken ihre Zufriedenheit kundtat. „Na gut. Aber beim nächsten Mal wünsche ich, dass du pünktlich bist.“

Während Lisbeth die goldbestickten Ärmel des grünen Gewandes sorgfältig anpasste, musterte sie die Burgherrin verstohlen. Anna von Grumbach wirkte abwesend, fast melancholisch, als ihr Blick hinaus in die Ferne schweifte. Man munkelte, dass ihre Ehe mit Wilhelm von Grumbach mehr eine Bündnispolitik als eine Verbindung aus Liebe war. Der Herr der Burg, ein viel beschäftigter Mann, verbrachte mehr Zeit auf seinen Reisen als bei seiner Frau.

Als die Arbeit vollbracht war, erhob sich Anna mit einem eleganten Schwung. Sie trat ans Fenster und ließ den Stoff ihres Gewandes in der Sonne schimmern. „Sage Pfarrer Ziegler, ich wünsche ihn zu sprechen“, ordnete sie an, ohne sich zu Lisbeth umzuwenden. Mit einer knappen Handbewegung wies sie die Müllerstochter hinaus.

Auf dem schmalen Gang verzog Lisbeth das Gesicht zu einer Grimasse. Mit einem leisen Seufzen begann sie den Abstieg in den Burghof. Ihr Blick wanderte in die Ferne. Bald würde sie mit Melchior auf die Dürrwiese ziehen, weit weg von all dem Staub und den launischen Befehlen der Herrschaften. Der Gedanke ließ ihre Schritte leichter werden.

Im Hof ging es geschäftig zu. Veit, der Stallbursche, lehnte lässig an einer der Türen zum Pferdestall und plauderte mit einem Wächter. Der Stallmeister, ein grimmiger Mann mit einer Vorliebe für Ordnung, bemerkte dies sofort und fuhr ihn an: „Beweg dich her, Veit, du fauler Kerl!“ Der braune Hofhund des Stallmeisters, ein raues Tier mit fletschenden Zähnen, untermauerte die Worte seines Herrn mit einem Knurren. Der scharfe Geruch von Hühnerkot und Pferdemist hing in der Luft.

Lisbeth ließ sich von der Unruhe nicht einschüchtern. Sie schlenderte gemächlich am Brunnen vorbei, ignorierte die Pferdetränke und steuerte auf den Ostflügel zu. Dort, vor der Burgkapelle, war Pfarrer Johann Ziegler gerade dabei, einen Arm voll frischer Blumen entgegenzunehmen. „Herr Pfarrer“, sagte Lisbeth mit einem höflichen Nicken, „die Dame von Grumbach wünscht Euch zu sprechen.“

Der Pfarrer lächelte mild. „Dank dir, Lisbeth. Jetzt geh und freue dich an der Schöpfung Gottes.“

„Gott zum Gruße!“, erwiderte sie fröhlich und wollte weitergehen, als plötzlich jemand ihren Arm antippte. Sie drehte sich um und sah Maria, die dralle Burgköchin, die neugierig am Eingang zur Küche lauerte. Marias Augen funkelten vor Belustigung, und Lisbeth wusste, dass sie auf Klatsch aus war.

„Na? Hast du unserer feinen Dame andere Ärmel an ihr kostbares Kleid genäht?“ Marias Stimme triefte vor Spott. „Drei neue Stoffe hat sie gekauft, während wir kaum genug haben, um über den Winter zu kommen.“

Lisbeth schüttelte den Kopf. „Maria, was jammerst du? Freu dich lieber, dass die Sonne scheint. Wir sehen uns später, wenn das Maifeuer brennt.“

„Ach, du hast’s gut“, konterte Maria. „Weißt du, was die Burschen gestern Nacht angestellt haben? Sie haben den alten Bastlein betrunken zu den Schafen gelegt. Ich wünschte, ich hätte sein Gesicht gesehen, als ihn die Tiere anstelle seines Weibes geweckt haben!“ Die Köchin lachte laut und scheuchte ein Huhn zur Seite, das sich zu nah an ihre Röcke wagte. „Pass auf, sonst landest du in meinem Kochtopf!“

Noch ehe Lisbeth antworten konnte, tauchte der Gefängnismeister auf. Mit seiner lauten Stimme drängte er Maria zur Seite: „Weg da, wir müssen den Hof sauber machen. Der Herr kommt bald nach Hause!“

Maria ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Jawohl, du Hofnarr“, schoss sie zurück und marschierte gemütlich in die Küche. Lisbeth konnte nicht anders, als leise zu kichern. Dann eilte sie zurück zur Mühle. Heute war ein besonderer Tag – sie würde Melchior wiedersehen.

Auch die Bewohner der Dürrwieser Höfe sammelten sich langsam, um sich zur Maifeier ins Dorf aufzumachen. Auf dem Dorfplatz von Rimpar war bereits reges Treiben. Der Maibaum, geschmückt mit bunten Bändern und Kränzen, ragte stolz in den Himmel. Lisbeth spürte die aufgeregte Atmosphäre, die den Platz erfüllte, während sie nach Melchior Ausschau hielt.

„Stell dir vor!“ Evas Stimme drang zu ihr durch. Lisbeth wandte sich um und sah ihre Freundin, die über das ganze Gesicht strahlte. „Gabriel hat mich zur Maigräfin erwählt!“

„Wirklich? Jetzt kannst du sicher sein, dass er dich gern hat.“ Lisbeth lächelte, doch ihr Blick wanderte unruhig umher. Wo war Melchior?

Plötzlich spürte sie zwei Hände, die ihre Augen bedeckten. Ein leises Lachen verriet den Übeltäter. Melchior drehte sie spielerisch um und hielt ihr einen kleinen Strauß Veilchen hin. „Da bist du ja!“, rief Lisbeth erfreut und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Die Musikanten begannen ihre Instrumente zu stimmen, und der Bürgersprecher eröffnete den Tanz. Hand in Hand mit Melchior trat Lisbeth in die Menge, bereit, den Abend zu genießen und für eine Weile all ihre Sorgen zu vergessen.

Bald hallten Gelächter und Gesang von der Maifeier bis hinauf zur Burg, wo Anna von Grumbach ungeduldig auf die Rückkehr ihres Gemahls wartete. Eine tiefe Zornesfalte zierte ihre Stirn. Seit Stunden stand sie am Fenster ihrer Kemenate, die Finger fest umeinander geschlossen. Pfarrer Ziegler versuchte sie mit einem leisen Gespräch abzulenken.

„Selbst die billigsten Bauerndirnen sitzen heute nicht allein in ihren schäbigen Hütten“, zischte Anna mit einer Stimme, die vor Bitterkeit triefte. „Vielleicht bedient sich Wilhelm wieder einmal an einer solchen Kreatur!“

„Geduld, verehrte Frau von Grumbach“, entgegnete der Geistliche mit sanfter Stimme. „Vergesst nicht, es ist besser, wenn unsere Bauern um den Maibaum tanzen, als dass sie mit Mistgabeln die Burg stürmen. Die Welt ist in Aufruhr, und wer weiß, ob die Saat des Aufstands auch in Rimpar aufgeht. Denkt an die Belagerer um Würzburg. Betet lieber, dass der Herr von Grumbach unversehrt zurückkehrt.“

Anna schwieg. Ihr Blick wanderte aus dem Fenster über den Burghof, hinüber zur Spitze des bunt geschmückten Maibaumes. Der Gedanke, dass Wilhelm unten im Dorf sein könnte und es nicht für nötig hielt, zu ihr zu kommen, schürte ihren Zorn.

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Als sie den Besucher erkannte, sank sie enttäuscht auf die Bank im Erker. „Seid gegrüßt, Schwiegervater“, sprach sie mit gepresster Stimme. Conrad von Grumbach nickte ihr zu und bedeutete dem erschöpften Pfarrer, die Kemenate zu verlassen.

„Anna, was grämt Euch so? Ihr wisst, wie gefährlich die Zeiten sind“, begann Conrad mit väterlichem Ton.

„Ja, im Notfall bin ich allein – mit einem Greis und einem Pfarrer, der vor Angst zitternd in seinem Oratorium sitzt“, schoss Anna gehässig zurück.

„Seid nicht ungerecht“, mahnte Conrad. „Wilhelm erfüllt Euch jeden Wunsch und ist vernarrt in Eure Tochter Ursula, auch wenn ein Sohn als Erbe wünschenswerter gewesen wäre. Und der Trehninger und seine Männer bewachen die Burg zuverlässig. Selbst mir Greis ist es eine Ehre, meine kleine Feste zu verteidigen!“

„Ihr redet wie der Pfarrer“, erwiderte Anna schnippisch und wandte sich ab. Conrad seufzte und verließ die Kemenate. Diese Frau war undankbar. Seit ihrer Ankunft auf der Burg hatte alles nach ihrem Willen geschehen müssen. Die von Hutten hatten sie wie eine Porzellanpuppe behandelt, und selbst das Führen des Haushalts bereitete ihr anfangs Probleme.

Auf dem Dorfplatz erreichte das Frühlingsfest seinen Höhepunkt. Die Sonne versank orangerot hinter den Hügeln, und das Maifeuer wurde feierlich entzündet. Der unsichere Schein der Flammen tauchte die tanzenden Paare in ein mystisches Licht. Adrian Kraft, bereits schwer betrunken, stolperte suchend durch die Menge. Sein Blick blieb auf Lisbeth hängen, die mit Eva Picht und der Burgköchin am Brunnen stand.

„Ein Tänzchen schuldest du mir, Lisbeth!“, lallte Adrian und griff nach ihrem Arm. „Denkst du, Melchior ist gut genug für dich? Niemals!“

„Lass mich, Adrian! Geh und schlaf deinen Rausch aus!“ Lisbeth wich zurück, ihre Stimme scharf vor Abscheu. Der Geruch von Wein und Schweiß, der Adrian umgab, war unerträglich.

In diesem Moment stürzte Melchior herbei. „Lass sie in Ruhe!“, rief er und versetzte Adrian einen Faustschlag auf die Nase.

„Schlägerei!“, rief der alte Bastlein von der Dorflinde aus, während die Männer sich prügelten. Adrian blutete, traf jedoch Melchior mit einem Schlag ans Auge. Weitere Dorfbewohner eilten herbei und es gab ein großes Gerangel. Da ließ eine donnernde Stimme alle verstummen. „Ihr Taugenichtse! Zeigt Respekt, euer Herr ist zurück!“ Wilhelm von Grumbach, in voller Rüstung, saß majestätisch auf seinem schwarzen Hengst. Die Menge wich zurück, die Streithähne stoben auseinander.

Wilhelm ließ seinen Blick durch die Menge schweifen, während der Bürgersprecher ihm unterwürfig einen Becher Wein reichte. Wilhelm leerte ihn durstig in einem Zug. Plötzlich starrte er Eva Picht an, die neben Gabriel stand. „Saubere Maigräfin hat er sich auserkoren“, sprach er den Stallknecht seines Rittergutes an, und schaute lüstern auf Evas volle Brüste. Dann befahl er seinem Tross, mit einem Wink, den Aufbruch. Wilhelm warf den geleerten Becher in die Arme des Schankwirtes und ritt los. Bevor die Dunkelheit den Ritter umschloss, blickte er Eva Picht direkt an. Der Magd lief es eiskalt über den Rücken.

Eva war von Wilhelms aufdringlichem Verhalten noch immer verunsichert, als Gabriel sie aufforderte, über das Maifeuer zu springen. „Ein Sprung über das Feuer soll unser Eheversprechen sein“, sagte er leise. Gemeinsam landeten sie sicher auf der anderen Seite, während Eva vor Glück kaum atmen konnte.

Eva war schwindlig vor Freude. Tausend Gedanken jagten durch ihren Kopf und ein Kribbeln erfüllte ihren ganzen Körper. Lisbeth zwinkerte ihrer Freundin zu. „Wartest du vorne an der Linde auf mich“, flüsterte Gabriel ihr unterdessen ins Ohr, „ich möchte gern mit dir alleine sein.“

Eva kicherte nervös. Sie war bereits lange heimlich in Gabriel verliebt. Gedankenverloren ging sie zur Linde, deren honigsüßer Duft sie umfing. Bastlein schnarchte dort weinselig am Boden. Eva war aufgeregt. Noch nie war sie mit einem Mann allein gewesen.

Die junge Frau lehnte sich an den Baumstamm, als sich ihre Nackenhaare sträubten. Jemand versteckte sich auf der anderen Seite des Stammes. Da war ein leises Atmen, oder? Laut grunzend übertönte der schnarchende Bastlein das Geräusch. Er drehte sich schmatzend auf die Seite. Das waren Schritte! Sie kamen auf Eva zu. „Gabriel?“, fragte sie zaghaft.

Statt einer Antwort, wurde Eva ein Sack über den Kopf gestülpt, und grobe Pranken warfen sie über den Sattel eines Pferdes, das weiter weg an einen Zaun gebunden war. Der Sattelknauf drückte. Eva zitterte vor Angst. Nach einem kurzen Ritt, wurde die Magd in eine Scheune gebracht, wo ihr Entführer sie zurückließ.

„Da ist sie!“, hörte Eva eine ihr unbekannte Stimme, dann Schritte die sich entfernten. Sie war wie versteinert, als man ihr den Sack vom Kopf riss. Im Schein eines trägen Öllämpchens erkannte Eva die Scheune des Niederhofes wieder. War das ein schlechter Scherz von Gabriels Freunden? Die Knechte des Rittergutes waren allesamt ein ungehobelter Haufen.

Da löste sich aus dem Halbdunkel eine füllige Gestalt. Wilhelm von Grumbach grinste selbstgefällig. Er hatte seine Kriegsbekleidung gegen einen leuchtend roten Oberrock und braune Beinlinge getauscht. Die kleinen Augen, der schmale Mund, allein das machte keinen vertrauenswürdigen Eindruck. Die Luft schien zum Schneiden dick, Mäuse raschelten im Stroh und von nebenan hörte man das leise Wiehern eines Pferdes.

Eva Picht erstarrte. Sie hatte Todesangst. Wilhelm umkreiste seine Beute immer enger. Er sagte kein Wort. Mit einem Mal riss er Eva das Kleid in Fetzen und warf sie ins Heu, dann fiel er über sie her. Eva biss voller Ekel in ein Büschel Stroh. Sie ließ einfach alles geschehen. Ihre Arme hielt der Ritter mit roher Gewalt fest. Evas Handgelenke schmerzten. Enttäuscht von dem wenigen Widerstand, den sie ihm bot, ließ der Burgherr bald von ihr ab.

Da war sein eigenes Weib ihm lieber. Unzufrieden eilte Wilhelm von Grumbach in den Stall, verlangte nach seinem Rappen und ritt zur Burg. Seine Hausfrau Anna erwartete ihn mit säuerlicher Miene. Das würde einen Spaß geben.

Eva Picht lag noch lange weinend, tief vergraben, im Heu der Scheune. Sie wartete, bis alle Geräusche auf dem Niederhof verstummten. Es war drei Stunden nach Mitternacht, als sie sich hervorwagte. Ein Ekelgefühl stieg in ihr auf. Das neue Festtagsgewand hing, in Fetzen, an ihr herab. Die Magd übergab sich ins Heu und hielt eine Hand auf den schmerzenden Unterleib.

Vorsichtig schlich sie hinaus auf den Hof. Ihre Beine waren wacklig. Notdürftig säuberte sich Eva an der Pferdetränke. Sie war verzweifelt, schämte sich. Wo sollte sie nur hin? Eva wollte weg, einfach weg. Tränen liefen über ihre Wangen. Da fiel ihr Lisbeth ein und sie lief los Richtung Mühle. Lisbeth würde ihr helfen. Mit Gabriel wollte sie über das Ereignis nicht reden.

Im Dunkeln stieß Eva gegen eine Person. Sie erschrak fürchterlich und fiel auf den staubigen Boden. Jetzt würde alles herauskommen. Eva wimmerte vor Schmerz und Angst. Die Verzweiflung nahm ihr die Luft zum Atmen. Melchior Glock, der unterwegs zu den Dürrwieser Höfen war, half der Magd auf und blickte sie entsetzt an.

„Eva, was ist dir?“ Die Worte blieben ihm im Halse stecken. Er legte ihr seinen löchrigen Umhang über das ruinierte Gewand. Eva versagten die Beine. Melchior trug sie ein Stück und setzte sich mit ihr an einen versteckten Platz am Mühlbach. Eva weinte bitterlich. „Wo warst du? Der Gabriel hat dich überall gesucht,“ fragte Melchior.

Die Magd schluchzte auf. Zwei betrunkene Knechte fanden nicht nach Hause und zogen singend durch das Dorf:

„Bist du voll, so leg dich nieder, steh früh auf und füll dich wieder!“

Der Mühlbach gluckste. Die junge Frau beruhigte sich etwas. In der Ferne brüllten die Säufer ihr Lied: „Das ganze Jahr den Abend und den Morgen, all voll, all voll, all voll!“

Endlich fand Eva ihre Sprache wieder. „Unser Herr von Grumbach, mir war, als schaute er mich seltsam an. Als ich auf den Gabriel an der Linde gewartet hab, hat mir jemand einen Sack über den Kopf getan und mich gewaltsam in die Scheune vom Niederhof gebracht. Da hat er dann gewartet, der edle Herr…“ stotterte Eva mühsam, „er hat, ich wollte das nicht, aber er.“ Eva verbarg ihr Gesicht vor Scham.

„Brauchst nicht weiter reden,“ unterbrach sie Melchior. „Wolltest zur Lisbeth, du armes Ding?“

„Ja,“ hauchte Eva.

„Es ist besser, du gehst erst morgen. Stell dir vor, der Bezolt oder ihre Brüder sehen dich in diesem Zustand. Du weißt, dass jeder denken wird, du wolltest dem Herrn von Grumbach einen Bastard schenken. Kennst doch die Leute,“ zweifelte Melchior. Unbeholfen legte er eine Hand auf Evas Schulter. Diese zuckte zusammen. „Das ist nicht wahr!“ Wut flammte in ihr auf.

„Ich weiß das,“ tröstete Melchior die Freundin seiner Verlobten. „Ich bring dich jetzt zum Niederhof zurück,“ sagte er hartnäckig.

„Nein, da will ich nie mehr hin. Was soll ich dem Gabriel sagen? Ich brauch mich dort nimmer blicken lassen.“

„Gar nichts! Vielleicht, dass dir schlecht war.“

„Ich kann da nicht mehr leben, Melchior. Wie soll ich Gabriel in die Augen sehen? Das kann ich nicht.“ Evas Unterlippe zitterte vor Aufregung. Ängstlich dachte sie an die muffige Scheune.

„Schau, Eva, wenn du heute aushalten tätest. Ich könnte meine Mutter fragen, ob der Jorg Trutmann eine helfende Hand auf dem Unterhof brauchen kann. Seine Frau ist wieder guter Hoffnung. Zwei Kinder hat sie bereits verloren, nach der Lies. Außerdem geht meiner Mutter die Arbeit immer schwerer von der Hand,“ überlegte Melchior laut.

„Gut, da will ich warten, bis ich Nachricht von dir hab. Das werd ich dir nie vergessen,“ lenkte Eva ein. Melchior brachte die völlig verstörte Frau zurück auf das Rittergut. Eva lag wach, bis es Zeit war, die Hühner und Schweine zu versorgen.

Am ersten Mai, dem Dienstag nach Walpurgi, erwachte das Dorf schleppend. Laut schimpfend, zog die Theres bei Sonnenaufgang ihren Mann, den Hirten, unter der Dorflinde hervor, wo er seinen Rausch ausschlief. „Magst gar nimmer heimkommen? Sollen wir dir dein Zeug bringen, dann kannst du da wohnen bleiben!“

Träge blinzelnd schlurfte Burkhardt Bastlein zu seinen Schafen. Sollte die Theres nur schimpfen. Sogar der Burgherr und seine Gemahlin ließen, zum Ärger von Pfarrer Ziegler, die Frühmesse ausfallen. Nachdem Wilhelm sein Weib mit einem wertvollen Fürspan zum neuen Gewand überrascht hatte, holte er sich, was er bei der dummen Gans aus dem Dorf nicht bekommen hatte.

Das alltägliche Geschehen nahm seinen Lauf. Nur Eva Picht war eine andere. Sie dachte ständig an ihre Schmach. Es war ein Skandal, dass sie die Verlobung mit Gabriel Rücker auflöste, über den das ganze Dorf klatschte. Lisbeth wollte vergeblich mit Eva reden. Sie machte sich große Sorgen. Was war geschehen, dass sie plötzlich die Verlobung mit dem Mann löste, den sie so sehr liebte?

Eva jedoch ging ihr aus dem Weg. Es kostete die Magd das letzte Bisschen Kraft, ihr Tagwerk zu verrichten, zu tun, als wäre nichts vorgefallen in jener Nacht. Wer würde ihr glauben? Stur verrichtete die Magd ihre Arbeit auf dem Rittergut und ließ Gabriels Beschimpfungen über sich ergehen. Sein verletzter Stolz beschäftigte ihn am meisten.

Als Eva bereit war, mit Lisbeth zu reden, war diese gerade auf der Burg. Traurig bestellte sie der Freundin Grüße.

Abends wagte Eva einen letzten Versuch, mit Gabriel zu sprechen. Sie schlich sich zum Wirtshaus Wilden Eber, und wartete vor der Tür auf Gabriel. Der Knecht erschien und schlug den Weg zum Niederhof ein. Eva rief ihn leise. Gabriel drehte sich um. Seine Augen blitzten wütend, als er Eva erblickte. Reichte ihr seine öffentliche Demütigung nicht?

„Was willst du noch von mir? Langt es nicht, dass ich zum Gespött der Leute geworden bin?“, fauchte er. Eva fuhren seine Worte wie ein Messer ins Herz.

„Der Herr von Grumbach, er hat mir meine Ehre genommen, Gabriel! In der Mainacht ist er im Stall über mich hergefallen. Ich habe solche Angst. Ich dachte, du würdest mich nicht mehr liebhaben, wenn du davon erfährst.“

Gabriel starrte Eva angewidert an. „So eine bist du,“ flüsterte er tonlos. „Willst wohl Mitleid für dein sündiges Treiben!“, brüllte er laut in die Nacht.

„Ich kann nichts dafür, Gabriel, du musst mir glauben, bitte!“, flehte Eva. Der Stallknecht packte das verzweifelte Mädchen an der Schulter und schleifte sie mit sich.

„Das wirst du mir bezahlen,“ drang seine kalte Stimme an ihr Ohr.

„Gabriel, ich dachte, du liebst mich? Wieso glaubst du mir nicht?“

Eva bemerkte, dass sie Gabriel geliebt hatte, aber er ein hübsches Beiwerk, ohne Seele, suchte. Mit letzter Kraft riss Eva sich los. Zornig schrie Gabriel ihr wüste Beschimpfungen hinterher.

Verzweifelt rannte Eva zur Burgmühle. Sie warf Steine an Lisbeths Fenster. Ihre Freundin schlief tief und fest. Unverrichteter Dinge schlich Eva zurück. Sie fühlte sich unendlich alleine. Wie hatte Gabriel sie derart täuschen können?

Am nächsten Morgen holte Melchiors Mutter die neue Hilfe für den Unterhof ab. Lisbeth sah, wie die zwei auf dem Wagen der Trutmanns davonfuhren. Als hätte sie es gespürt, drehte sich Eva um. Zaghaft winkte sie der Freundin zum Abschied. Es lag wie ein Schatten auf ihrem Herzen, dass sie sich Lisbeth nicht hatte anvertrauen können.

Lisbeth hob kurz die Hand. „Seit Tagen geht Eva mir aus dem Weg,“ murmelte sie.

„Hast am Ende du etwas mit dem Gabriel gehabt?“, fragte die neugierige Burgköchin, die sich unbemerkt herangepirscht hatte.

„Ich weiß nichts. Du bist wohl verrückt geworden. Meinen Melchior würde ich nie betrügen!“, empörte sich Lisbeth. Maria trollte sich und lief hinauf in ihre Burgküche. Sie würde herausfinden, was da passiert war.

„Was macht die Eva bei deiner Mutter?“, fragte Lisbeth, als Melchior eine Stunde später zu Besuch kam. Der Forstgehilfe zögerte.

„Sie soll die Anna Trutmann unterstützen, wegen der schwierigen Schwangerschaft.“

„Reicht die Dorothee als Magd nimmer aus?“, fragte Lisbeth misstrauisch.

„Das hat der Trutmann so vereinbart. Außerdem, meine Mutter ist auch nicht mehr die Jüngste,“ redete sich Melchior um Kopf und Kragen.

„Da hätte ich mich kümmern können. Wenn wir heiraten, erst recht. Glaubst du, ich will ewig dem Gänschen von Grumbach zu Diensten sein?“ Verstohlen beobachtete Lisbeth Melchiors Reaktion.

„Beruhige dich.“ Der Forstgehilfe schüttelte seine blonden Locken.

„Gar nicht. Du verheimlichst mir was, du und die Eva. Bist du der Grund, weil sie den Gabriel so gedemütigt hat?“, erzürnte sich Lisbeth.

„Jetzt reicht es! Du vertraust mir wohl weniger, als dem, was die Weiber am Brunnen tratschen? Die Eva soll es dir selbst berichten.“ Ein Sturm braute sich in Melchiors Innerem zusammen. Auch Lisbeth war wütend. „Du, du weißt also, was los ist? Seit Tagen versuche ich mit Eva zu reden, aber dir vertraut sie es an? Es muss etwas Seltsames sein, was sie ihrer besten Freundin nicht erzählt!“

„Ich hab versprochen, dass ich nichts sage. Bitte lass mich. Ich muss zurück an die Arbeit.“ Melchior wollte Lisbeth einen Abschiedskuss auf die Wange geben, aber sie drehte sich weg und lief, ohne ein weiteres Wort, davon. Was, wenn Melchior nicht mehr auf sie warten wollte, und Eva sich heimlich an ihn herangemacht hatte? Warum sonst sollte sie ihr aus dem Weg gehen?

Lisbeths Magen krampfte sich zusammen. Oh hoffentlich spielten nur ihre Gedanken verrückt. Eigentlich traute sie der Eva das nicht zu. Außerdem war Eva ewig lange in Gabriel verliebt gewesen. Vielleicht hatte der Knecht ihr etwas angetan? Es dauerte lange bis Lisbeth sich beruhigte.

Kurz nach Sonnenuntergang zog Unruhe in die Burgmühle ein. Jakob, der zweitälteste Sohn des Müllers, war unerwartet aus Würzburg zurückgekehrt. Seine Ankunft rief die gesamte Familie in die große Küche, wo das Feuer in der Kochstelle knisterte und Schatten an die rauen Wände warf. Jakob, inzwischen ein stattlicher junger Mann, der bei einem Stadtmüller in Würzburg als Geselle arbeitete, hatte Nachrichten aus der belagerten Stadt mitgebracht, die niemanden unberührt ließen.

„Die Bürger von Würzburg“, begann er, während seine Mutter Gerhusa stolz, aber auch besorgt an seiner Seite saß, „sie verhandeln mit den Bauern. Während ihr hier die Maifeier begangen habt, saßen im Bruderhof der Fürstbischof Konrad von Thüngen und die Stadträte zusammen. Einen Landtag haben sie gehalten – ein verzweifelter Versuch, das Blatt zu wenden.“

„Und? Haben sie dem Bischof die Tür gewiesen?“ Bezolt Schefflein, Jakobs Vater, sprach laut, seine Stimme dröhnte durch den Raum. Er hatte wenig Geduld für die politischen Winkelzüge der Städter.

Jakob nickte bedächtig. „Nicht direkt. Sie gewährten ihm freies Geleit zur Festung Marienberg. Doch die Stadträte haben mittlerweile Partei für die Bauern ergriffen. Sie fordern die Zustimmung zu den zwölf Artikeln, die Abschaffung der Zölle, ein Bürgergericht und die freie Wahl der Ratsherren.“

Ein Raunen ging durch die Küche. Alle hatten ihre Arbeit unterbrochen, um Jakobs Bericht zu hören. Sein Bruder Balthasar schüttelte ungläubig den Kopf. „Der von Thüngen gibt seinen Stolz niemals preis. Was geschieht, wenn er sich weigert?“

„Dann wird es gefährlich.“ Jakobs Stimme wurde leiser, fast beschwörend. „Die Bauern in Heidingsfeld sind ungeduldig, und es heißt, Florian Geyer selbst führe weitere Truppen heran.“

Die Worte des jungen Müllers ließen die Anwesenden verstummen. Lisbeth, die mit verschränkten Armen an der Tür lehnte, sah ihren Bruder mit großen Augen an. „Und du? Was geschieht mit dir, Jakob? Bleibst du hier bei uns?“ Jakob legte eine Hand auf Lisbeths Schulter und lächelte schwach. „Ich kann nicht bleiben. Morgen früh muss ich zur Festung Marienberg. Die Notmühle dort braucht einen Müller, und der Mainmüller hat mich bestimmt, an ihrer Stelle zu arbeiten.“ Gerhusa schnappte hörbar nach Luft. „Jakob, das ist Wahnsinn! Die Festung wird belagert werden. Was, wenn sie dich einschließen?“

„Es ist gibt keine Wahl, Mutter.“ Jakob sah sie ernst an. „Der von Grumbach und seine Männer verlassen sich auf uns. Ohne die Mühle fällt die Festung schneller, als man 'Amen' sagen kann.“

Die Frauen verabschiedeten sich schließlich schweren Herzens von Jakob. Lisbeth legte sich ins Bett, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Zu groß waren ihre Sorgen um ihren Bruder, die drängenden Fragen über Melchior und Eva, und die düstere Stimmung, die über dem Dorf lag.

Derweil saßen Jakob und seine Brüder noch im „Wilden Eber“, dem Wirtshaus des Dorfes, beisammen. Der Schankraum war erfüllt von gedämpftem Gelächter, dem leisen Summen einer Unterhaltung und dem gelegentlichen Klirren von Bierkrügen, die aneinanderstießen. Der Geruch von geräuchertem Fleisch und verschüttetem Bier hing schwer in der Luft, während das flackernde Licht der Öllampen Schatten über die grob behauenen Balken warf.

Jakob saß etwas abseits, den Rücken zur Wand, und beobachtete das Treiben. Seine Brüder tauschten angeregt Neuigkeiten mit den Knechten und anderen Dorfbewohnern aus. Ein junger Bursche prahlte gerade mit einer angeblichen Begegnung mit einem Wildschwein, die wohl mehr Mut als Verstand gefordert hatte. Gelächter brandete auf, als der Wirt, Cunz Leuboldt, mit einem Krug in der Hand herüberkam.

„Jakob, du sagst, die Stadt ist in Aufruhr?“ fragte Cunz und ließ sich mit einem erschöpften Stöhnen auf die Bank sinken. „Glaubst du, das Dorf bleibt verschont?“

Jakob ließ sich Zeit, bevor er antwortete. Er beobachtete die anderen Gäste und nickte dann bedächtig. „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Bauern auch hier Unterstützer suchen. Aber niemand spricht offen darüber. Jeder verdächtigt den anderen, aber keiner wagt, Namen zu nennen.“

Die Worte hingen schwer in der Luft. Für einen Moment breitete sich eine angespannte Stille aus, nur unterbrochen vom Klirren der Bierkrüge und dem entfernten Knarren der Schankhaustür. Gabriel Rücker, der Knecht vom Niederhof, lehnte sich vor. Seine Stimme war leise, fast ein Flüstern, aber in der Stille schien sie umso deutlicher.

„Und in Würzburg selbst? Sind die Straßen sicher?“

Jakob seufzte, sein Blick ruhte auf dem Krug vor ihm, als läge die Antwort irgendwo zwischen den Furchen des Holztisches verborgen. „Nicht mehr,“ sagte er schließlich. Seine Stimme war ruhig, aber die Schwere seiner Worte war unüberhörbar. „Die Stadt wimmelt von Gaunern und Halsabschneidern. Selbsternannte Prediger versprechen das Paradies, während Reliquienhändler ihre Schätze zu Wucherpreisen verkaufen. Man muss sich nachts hüten.“

Ein leises Murmeln ging durch die Runde. Cunz rieb sich die Hände und sah zum Fenster hinaus, als könnte er durch das dunkle Glas bereits die drohende Gefahr erahnen.

„Vielleicht ist es besser, wenn wir wachsam sind,“ sagte er schließlich, seine Stimme brüchig. „Die Zeiten ändern sich, und das nicht zum Guten.“

Die Männer tauschten bedeutsame Blicke, und die Gespräche kehrten langsam zurück, nun gedämpfter, mit mehr Gewicht.

Zu später Stunde passierte ein Bote die Dorfwache. Eilig ritt er ans Burgtor. Man gewährte ihm, durch das Schlupfloch, Einlass. Michel Trehninger führte den Mann in den Palas. Im spärlich beleuchteten Rittersaal wartete er auf Antwort.

Der Stallknecht versorgte derzeit das, völlig erschöpfte, Pferd des mysteriösen Gastes. In der gut geheizten Kemenate ließ sich Wilhelm von Grumbach, verärgert über die Störung der Nachtruhe, von seiner Frau Anna die Nachricht vorlesen. Es bereitete ihr ein Vergnügen. Eigentlich durfte sonst nur der Burgpfarrer vorlesen, der jedoch schlief tief und fest.

Wilhelm raufte seinen Bart. „Mein Schwager ist ein Bauernfreund! Soll er selbst aufpassen, dass ihr nichts geschieht“, brummte der Ritter.

„Sei nicht unnötig hart. Tue es für deine Nichten oder deine Schwester. Ich wäre froh über Gesellschaft meinesgleichen“, bettelte Anna von Grumbach. „Ursula ist zwar noch ein Säugling, aber sie wäre dann nicht so viel allein.“

Wilhelm runzelte die Stirn. „Gut“, knurrte er und rief nach seinem Wachhauptmann Michael Trehninger. „Barbara und die Kinder können kommen. Der feine Herr Geyer von Giebelstadt, soll sich fern halten, verstanden?“ Wenig später verließ der geheimnisvolle Bote, auf einem frischen Pferd, das Dorf Richtung Süden.

Noch vor dem ersten Hahnenschrei brach Jakob auf. Er ließ die Burgmühle, hinter sich zurück, die besorgten Blicke seiner Mutter Gerhusa im Rücken. Niemand begegnete ihm, als er über die Höhen, auf dem Stadtweg, nach Würzburg wanderte.

Erst bei Sonnenaufgang wurde es lebendiger. Aus den Dörfern kamen die Tagelöhner hinauf auf den Weg, die beim Beladen der Lastkähne oder in den Weinbergen auf Arbeit hofften. Zwei Fuhrwerke rasselten vorbei. Einige Pilger, die dem Heiligen Sankt Kilian ihre Aufwartung machen wollten, sprangen rechtzeitig bei Seite, als ein vorwitziger Reiter durch die kleine Reisegruppe hindurch preschte. Jakob bemerkte nicht, dass er seit längerem verfolgt wurde.ass er seit längerem verfolgt wurde.

II. Auf der Flucht