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Thomas Manns Erzählung "Das Wunderkind" entführt den Leser in die Atmosphäre eines bürgerlichen Konzertsaals, in dem ein hochbegabter Knabe als Klaviervirtuose auftritt. Mit spielerischer Leichtigkeit und erstaunlicher Virtuosität begeistert er das Publikum, das zwischen ehrfürchtiger Bewunderung, sentimentaler Rührung und übertriebener Selbstinszenierung schwankt. Mann zeichnet mit feiner Ironie die Reaktionen der Zuhörer, die das Kind nicht nur feiern, sondern zugleich ihre eigenen Sehnsüchte und Eitelkeiten auf ihn projizieren. Das Wunderkind wird so zum Spiegel einer Gesellschaft, die Kunst verklärt und zugleich in Pose erstarrt. Die Erzählung ist eine humorvolle und zugleich scharfsinnige Satire über Kultur, Publikum und die Ambivalenz zwischen echter Begeisterung und oberflächlichem Kult, die den Leser gleichermaßen amüsiert und nachdenklich stimmt.
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Seitenzahl: 16
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das Wunderkind
Das Wunderkind kommt herein – im Saale wird’s still.
Es wird still, und dann beginnen die Leute zu klatschen, weil irgendwo seitwärts ein geborener Herrscher und Herdenführer zuerst in die Hände geschlagen hat. Sie haben noch nichts gehört, aber sie klatschen Beifall; denn ein gewaltiger Reklameapparat hat dem Wunderkinde vorgearbeitet, und die Leute sind schon betört, ob sie es wissen oder nicht.
Das Wunderkind kommt hinter einem prachtvollen Wandschirm hervor, der ganz mit Empirekränzen und großen Fabelblumen bestickt ist, klettert hurtig die Stufen zum Podium empor und geht in den Applaus hinein wie in ein Bad, ein wenig fröstelnd, von einem kleinen Schauer angeweht, aber doch wie in ein freundliches Element. Es geht an den Rand des Podiums vor, lächelt, als sollte es photographiert werden, und dankt mit einem kleinen, schüchternen und lieblichen Damengruß, obgleich es ein Knabe ist.
Es ist ganz in weiße Seide gekleidet, was eine gewisse Rührung im Saale verbreitet. Es trägt ein weißseidenes Jäckchen von phantastischem Schnitt mit einer Schärpe darunter, und sogar seine Schuhe sind aus weißer Seide. Aber gegen die weißseidenen Höschen stechen scharf die bloßen Beinchen ab, die ganz braun sind; denn es ist ein Griechenknabe.
