Das Zittern der Witwen - Pilar Baumeister - E-Book

Das Zittern der Witwen E-Book

Pilar Baumeister

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Beschreibung

„Nur wer in Angst war, findet Ruhe.“ Sören Kierkegaard, Furcht und Zittern Dieses Buch zu schreiben, war ein Trost für die Autorin nach dem Tod ihres Mannes, im Juli 2012, und vielleicht auch für andere Betroffene, die sich darin wiederspiegelt sehen. Aber es ist kein Belehrungsbuch und gibt keine Ratschläge zur Bewältigung der Trauerarbeit. Die Gedichte im Schlussteil enthalten die intimsten Gefühle der Autorin angesichts des Todes. Ansonsten versucht sie in ihrer Prosa auch fiktionale Elemente einzubeziehen und neben sich selbst viele Arten von Witwen in verschiedenen Situationen zu beschreiben, wie eine Witwe in Paris nach dem Terroranschlag vom November 2015, die religiöse Witwe, die eitle Witwe eines Professors, die Witwe eines Alzheimerpatienten, die noch junge Witwe und die Witwen Indiens als Krönung eines schrecklichen Schicksals... Ohne mein Einverständnis beschlossen, als wäre ich unmündig, schwachsinnig. Vertragsänderung vom Telefon ausfüllen, von Versicherungen, Antrag auf Hinterbliebenen- Rente, Kündigung seiner Leserdaten der Bibliothek. Überall tödlicher Abmeldungsgesang. Er, gestrichen, nicht aktuell. In den Papieren lebe ich jetzt mehr, und mein Name erscheint auf Kontoauszügen allein zu meiner schmerzlichen Verwunderung. Aber dafür lebe ich viel weniger. Kein einziges Wort dieses neuen Lebensentwurfs habe ich mitgeschrieben.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2016

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„Nur wer in Angst war, findet Ruhe.“

Sören Kierkegaard, Furcht und Zittern

Inhalt

Die Überlebende

Der Körper und die zwei Seelen, eine Legende

Das Zittern der Witwen

Jenseitskontakte

Unkommentiert leben

Meine verschiedenen Namen

Reale und imaginierte Gespräche mit meiner Psychotherapeutin

Die Schicksalsgenossinnen

Die Wiederauferstehung

Trauerrituale, Rettungsrituale

Gedanken an den Abwesenden

Ruhende Steine

Am Anfang leben die meisten noch

Seine Gegenstände

Glück ohne Wissen

Eine Kopie der Sterbeurkunde

Die Hinterbliebenen

Eine Trauergeschichte

Ich muss lernen

Ich unter den Lebenden

Drei oder tausend Abschnitte

Heute vor einem Jahr

Wir warten auf meinen Zusammenbruch

Gefühl der Schwere

Narkose oder Leiden

Krankheit und Liebe

Mein Schreiben

Die Mutter und das Kind

Die dritte Geburt

Das Museum deiner Gegenwart

Wieder einen Brief an Dich schreiben

Die Einsamkeit

Scheinleben

Weitere Briefe an den Verreisten oder doch hier Gebliebenen

Kaum an dich und mich geschrieben

Zu der Autorin

Die Überlebende

Ich gefalle mir gar nicht, seitdem ich diese Katastrophe überlebt habe.

Es ist als hätte ich mich in einem Ausnahmezustand selbst geboren, mich zur Überraschung aller meine Zellen verdoppelt, vervielfacht. Ohne Niederkunft, aus den alten Knochen der Vergangenheit entsprungen, aber ohne jegliche Ähnlichkeit mit mir, ist dieses neue Geschöpf in meine unheimliche Welt eingedrungen. Eine komische Mutter bist du, aus Kunststoff. Es ist ein seltsames, fremdes Produkt daraus entstanden, wie eine leblose Plastikpflanze.

Man sagt, ich sei sehr mutig, aber eigentlich bin ich sehr arm, unempfindlich und spirituell eine Null.

Da ich die Hand eines geliebten Menschen jetzt nicht mehr drücken darf, schlafe ich meistens mit zusammengepressten Händen und versuche von dem Kontakt mit mir selbst etwas Wärme zu erzeugen, was natürlich lächerlich ist. Aber ich tue das instinktiv, und beim Wachwerden merke ich immer wieder diese verzweifelte Position meiner beider Hände, meine linke Handfläche auf meinem rechten Handrücken liegend in Wartestellung auf unsichtbare Streicheleinheiten von jemandem, der nicht mehr da ist.

Ein Mann steht vor mir an meiner Wohnungstür. Ich weiß nicht, warum ich ihm aufgemacht habe, ohne ihn zu kennen. Es hätte ein zweites Attentat werden können. Vielleicht hatte ich die geheime Hoffnung, dass auch er ein Terrorist wäre und die schmutzige Arbeit für mich erledigen würde, meinem Lebensrest ein Ende zu setzen. Nein, lieber nicht. Ich erteile keine Genehmigung. Dafür bin nur ich selbst zuständig.

Er sagt mit sichtlichem Unbehagen, ungemütlich und stotternd: „Sie kennen mich doch, Madame. Ich habe Sie ein paar Mal im Krankenhaus besucht.“

„Nun gut... Und was möchten Sie jetzt?“

„Es tut mir so leid, Odile! Meine herzliche Anteilnahme zum Tod Ihres Mannes.“

„Danke, aber Sie wiederholen sich. Im Krankenhaus und bei der Gedenkfeier bekam ich schon die Anteilnahme von so vielen Menschen.“

„Und wie geht es ihrem Sohn?“

„Unverändert schlecht. Die Verbrennungen dritten Grades am ganzen Körper schmerzen ihn; er wird nie ein normales Leben führen können.“

Der Mann klammert sich sofort an das Positive und flüstert: „Wenigstens haben Sie es beide zusammen überlebt. Sie können sich gegenseitig helfen und sich Mut machen.“

Ich bin nicht davon überzeugt. Louis liegt meistens im Krankenhaus und ich kann nichts für ihn tun. Aber warum sollte dieser Fremde so viel von mir erfahren?

„Was ist der Grund Ihres Besuchs?“

„Wie ich Ihnen schon damals erzählte... Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe schon seit Jahren an einer Geschichte zum Terrorismus.“

Wenn man allein lebt, braucht man nur die eigene Tasse und den eigenen Teller zu spülen, und immer wird die Arbeit weniger. Heutzutage spüle ich alles nur noch mit heißem Wasser. Wofür sollte ich aus hygienischen Gründen Spülmittel benutzen? Ich nehme nur meine eigenen Bakterien auf, wenn ich von meinem Geschirr esse oder trinke. Herr Unbekannter, misstrauen Sie immer den allein lebenden Menschen. Sollte ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen, müssten Sie sich in Acht nehmen, dass ich Ihnen nicht meine eigene Tasse gebe. Aber nein, mein Schrank ist voll von gründlich gespültem Geschirr, von der Zeit, als mein Mann vor sieben Monaten noch lebte.

„Terrorismus!“, rufe ich gequält aus. „Dann haben Sie viel zu schreiben.“

„Ja, die Anschläge häufen sich immer mehr. Am Anfang wollte ich besonders minuziös sein, aber jetzt - bei dieser großen Menge - geht jede Gründlichkeit verloren. Dürfte ich ein paar Fragen an Sie stellen?“

„Nein, nicht jetzt. Ich möchte mit niemandem sprechen.“

„Könnten Sie mir dann einen Termin für nächste Woche einräumen?“

„Nein. Ich habe keinen Terminkalender.“

„Doch, in der Wohnung haben Sie bestimmt einen, auf dem Schreibtisch.“

„Aber ich will nicht, dass Sie eintreten. Lassen Sie mich in Ruhe. Ich kenne Sie nicht.“

„Doch, im Krankenhaus... Ihre Frau Mutter war auch dabei und die Schwester Ihres Mannes.“

„Ich habe es aber vergessen, ich habe alles vergessen. Außerdem notiere ich keine Termine mehr, weil mich keiner besucht. Sie sind der einzige, der komischerweise nach mir fragt.“

„Gibt es denn keinen Journalisten, der die Einzelheiten des Attentats mit Ihnen durchsprechen möchte?“

„Nein. Nach sieben Monaten ist das Interesse verflogen, und es waren so viele unter uns...“

Ich will ihm schon die Tür vor der Nase zuschlagen. Er hat kaum noch Zeit mir mit einem Seufzer seine Karte zu geben und zu flüstern: „Rufen Sie mich an, sobald Sie wiederhergestellt sind. Wir könnten zusammenarbeiten.“

Am 13. November 2015 war es, als in Paris 130 Menschen starben und so viele verletzt wurden. Und am 27. November hatten wir die Trauerfeier auf den Ehrenhof des Invalidendoms. Über 1000 Menschen, darunter die Angehörigen und sogar einige Verletzte, einige davon in Rollstühlen, nahmen daran teil. Ich war auch dort, aber ohne Rollstuhl. Trotz Schmerzen und Verwirrung im Kopf konnte ich noch ganz gut stehen und sogar knien. Ich kniete dreimal auf dem staubigen Boden des Doms, um mich auf die Probe zu stellen. Alle hatten verweinte Gesichter, alle sahen sehr schwach, übernächtigt und ramponiert aus. Ja, im Vergleich zu den anderen ging es mir wahrscheinlich blendend. Im Krankenhaus lag ich auch nicht mehr. Dort war ich nur in den ersten fünf Tagen und hauptsächlich deswegen, weil ich unter Schock stand, und besonders, damit ich in den ersten kritischen Stunden in der Nähe meines Sohnes sein konnte.

Zehn Minuten lang wurden die Namen aller vom Terrorismus Getöteten verlesen. Mehr Tränen konnte es gar nicht geben. Wir waren ein Kollektiv des Elends, und es half wenig zu denken, dass die anderen auch ähnliche Verluste erlitten hatten. Opfer aus 17 Ländern, die zwei Schwestern Kreuz in einem Restaurant, eine Doktorandin aus Venedig. Die meisten fanden ihren Tod im Konzertsaal Bataclan, 89. Habe ich nur davon in der Zeitung gelesen? Oder es tatsächlich selbst erlebt?

Den Namen meines Mannes konnte ich auf jeden Fall unter so vielen nicht hören. Ich glaube, ich war auf der Trauerfeier zu nervös und irgendwie schwerhörig geworden. Ich hörte nur Glocken, Seufzer und Flüssigkeit, auch wenn es nicht regnete. Wahrscheinlich waren es die Tränen. Und ich hörte seinen Namen tatsächlich, ununterbrochen, von Anfang an. Aber er kam nicht von den Mikrophonen, sondern von meinem eigenen Herzen. Das ist so bei den Überlebenden. Man ist nicht mehr sicher, was stimmt und was nicht. Man kann nicht mehr mit selbstsicherer Miene behaupten: „Ich heiße Odile. Und ich liebe mein Leben.“

Ich hätte diesen Schriftsteller fragen sollen, ob er auch ein Überlebender ist. Aber wahrscheinlich nicht. Er schreibt nur über Terrorismus, ohne diese grauenvollen Szenen je gesehen zu haben. Na ja, im Fernsehen nachträglich schon, aber nicht selbst erlebt, im Augenblick, als es geschah. Doch im Grunde ist es bei mir das gleiche. Ich war nicht direkt da, als es passierte und erfuhr es in den Nachrichten, und dann musste ich die Folgen tragen, mich auf die Suche nach meinen zwei geliebten Menschen begeben und an Panik und Unwohlsein beinahe sterben. Ich wurde tatsächlich sehr krank davon, vorübergehend unzurechnungsfähig, wahnsinnig. Dieser Schriftsteller dagegen gehört nicht zu den Betroffenen, Kranken, weil er nicht das unmittelbare Opfer der Katastrophe ist. Tue ich ihm vielleicht Unrecht? Vielleicht hat er dieses Thema gewählt, weil er besessen davon ist und nicht mehr vergessen kann, was er in irgendeinem der zahlreichen Attentate der Welt durchgemacht hat.

Ich habe noch seine Visitenkarte in der Hand und wähle schnell seine Handynummer. Nach ein paar Minuten ist er schon wieder bei mir und diesmal lasse ich ihn hereinkommen. Ich lasse ihn sogar bei mir sitzen und eine Tasse Tee trinken aus einer der alten, schon vor Monaten gespülten Tassen. So inkonsequent bin ich. Aber eine Überlebende hat halt wenige Chancen gut funktionierende Zusammenhänge herzustellen.

„Es ist schön, dass Sie auch einige Fragen an mich haben, Madame. Fragen Sie ruhig und ohne Bedenken.“

„Warum schreiben Sie an einer Geschichte des Terrorismus?“ „Das Thema ist längst hinfällig. Es gibt überall so viele Opfer und die Zahl der Terrorattacken aus den verschiedensten Richtungen wächst immer mehr. Was am Anfang nur ein erschreckendes, isoliertes Phänomen war wie die Flugzeugsentführungen der 70er Jahre (damit begann das ganze, glaube ich), ist jetzt zum Alltag vieler unglücklicher Bürger und ihrer Familien geworden. Zwar haben schon einige über die unterschiedlichen Hintergründe geschrieben, aber nicht genug. Ich habe alle Artikel gesammelt, zum Beispiel, über Israelis und Palästinenser, die Geschichte Libanons, die IRA, Irish Republic Army, mit den vielen Terroranschlägen in den 90er Jahren in Nordirland, Solingen und den NSU-Prozess in Deutschland; die baskisch-nationalistische ETA mit ihren Attentaten; dann kam die islamische Terrororganisation Al-Qaida in einer Klimax der brutalsten Zerstörung am 11. September 2001, und dann all das, was danach folgte: Die vielen Toten auf dem Atocha-Bahnhof 2004 in Madrid, die Touristenhotels vieler Vergnügungsresorts wie Bali und Tunesien sind nicht mehr sicher... 38 Opfer in Sousse, Tunesien, am 26. Juni 2015, wobei der Attentäter als Animateur im Hotel gearbeitet hatte.. Die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater, in dem 2002 auch 130 Menschen starben wie jetzt in Paris, und zwei Jahre später ereignete sich das grauenvolle Geiselverbrechen der Schule in Beslan, ebenfalls in Russland: Nach offiziellen Angaben gab es 331 Tote und über 700 Verletzte. 2011 waren es über 90 arme junge Menschen, die in einer friedlichen Ferienanlage in Norwegen in den Händen eines Rechtsradikalen ihr Leben verloren, und dieser Mann ganz allein richtete innerhalb weniger Stunden ein Blutbad an. Es bedarf nach meiner Meinung einer enzyklopädischen Recherche all dieser Gräueltaten, ihrer Motive und der Haupttendenzen der Entwicklung in der Geschichte unserer Zeit.“

„Haben Sie auch ein Kapitel für die Überlebenden in Ihrer Recherche?“

„Ja, natürlich. Die Verletzten, von denen man kaum spricht, höchstens um gewisse Entschädigungsfragen zu klären, und dann all die Hinterbliebenen, wie sie nach diesem gewaltsamen und plötzlichen Tod in ihrem Leben zurecht kommen konnten.“

„Sie haben sich viel vorgenommen, nicht nur Statistik, Wissenschaftliches, sondern auch Biographisches, was schon in den intimen Bereich jedes Einzelnen gehört.“

„Ja, ich weiß. Es ist ein Lebenswerk. Vielleicht sterbe, bevor ich es ganz zu Ende führen kann. Aber wenigstens ein Teil davon wird bleiben, meine vielen Notizen und meine Datensammlung zu den verschiedensten Fällen. Das wenige das ich gesammelt habe, möchte ich schon im kommenden Jahr veröffentlichen. Natürlich ist es nur sehr verkürzt und exemplarisch, sehr wenig im Vergleich zu diesem Ozean an Schmerz und Trauer, der uns umgibt. Leider wird eine Fortsetzung, und noch viele weitere Fortsetzungen, notwendig sein.“

„Seit zehn Jahren beschäftigen Sie sich damit? Keiner bezahlt vermutlich für diese Untersuchung. Was arbeiten Sie noch?“

„Ich arbeite als Verwaltungsangestellter in einer langweiligen Firma.“

„Und warum haben Sie Terrorfälle zu Ihrem Lebenswerk gemacht?“

„Meine Mutter wurde auch so... vor ein paar Jahren getötet, gemeinsam mit vier weiteren Entwicklungshelfern. Es war statistisch gesehen nur eine kleine Gruppe und es gab keinen nationalen Trauertag und keine so große Trauerfeier wie im November in Paris, aber für mich war es sehr wichtig. Und seitdem - nach einigen Jahren völliger Leere und geistiger Lähmung - sammle und vergleiche ich die Fälle in den Medien, besuche auch einige der betroffenen Hinterbliebenen, immer wenn ich mir eine Reise erlauben kann, was auch nicht immer möglich ist wegen meiner Arbeitsstelle, Sie verstehen.“

„Ein Hobby-Autor“, denke ich mühsam und misstrauisch. „Nicht einmal Journalismus hat er studiert. Wer weiß, wie er schreibt? Andererseits ist er mir sympathisch geworden und auf menschlicher Ebene sehr nahe, weil er auch ein Überlebender ist und nicht etwa ein kalter und ehrgeiziger Sammler auf der Jagd nach Informationen für seine Karriere. Doch dafür kann ich auch nicht garantieren. Vielleicht ist er doch verbissen ehrgeizig und hofft durch seinen Schatz an Wissen eines Tages reich zu werden und seine graue Existenz im Büro zu verlassen.“

„Wie viele Leute haben Sie interviewt?“

„Ungefähr 160.“

„Waren Sie auf der Trauerfeier im Invalidendom?“

„Nein. Ich hätte Sie sonst angesprochen. Ich war verreist. Aber ich hatte Sie im Krankenhaus besucht, am dritten Tag.“

„Ja? Daran kann ich mich kaum erinnern. Die ersten Tage im Krankenhaus waren noch erträglich. Mir war noch nicht ganz bewusst, dass mein Mann nicht mehr unter den Lebenden verweilt. Ich hatte auch noch die Hoffnung, dass die klugen Ärzte mit ihrer zuversichtlichen Miene von einer sehr fortschrittlichen Medizin meinen Sohn in den alten, normalen Zustand vor den Verbrennungen bringen könnten. Und die Menschen waren alle so nett und lieb zu mir, so sehr um mich bemüht! So viele Menschen kamen nach den Arztvisiten, um ihrem ehrlich empfundenen Mitgefühl Ausdruck zu geben! Wahrscheinlich waren Sie auch unter ihnen. Und ich fühlte mich trotz meines Nebels und einer permanenten Unruhe zum ersten Mal wie ein Hauptstar. Nie war ich so von der Gesellschaft wahrgenommen und verwöhnt worden. Dann, als ich am fünften Tag rausgehen konnte, sah ich so viele Kundgebungen auf den Straßen, so viele Menschen mit Blumen und Kerzen für uns, für unsere Toten. Es waren wirklich unsere, und ich fühlte mich nicht so allein. Ich ließ mich treiben. Ich nahm die Hände, die sie mir reichten; meine Tränen vermischten sich wortwörtlich mit ihren Tränen, und ich wurde wie ein Kind, das vom Wiegelied der Mutter in das Reich sanfter Träume eingelullt wird. Aber jetzt ist alles vorbei, diese unvergleichlich warme Welle der Solidarität und Einigkeit mit uns dauerte nur die ersten drei Wochen an. Die Medien konzentrieren sich jetzt auf andere Themen. Ja, die Illusion ist verflogen.“

„Ich kenne das auch alles, was Sie beschreiben. Als meine Mutter und die anderen entführt wurden, sprachen noch einige Zeitungen davon und wie viel sie unternehmen wollten, um bei der Befreiung zu helfen. Dann, als die Geiseln getötet wurden, sprachen sie mit Bedauern zwei weitere Tage darüber. Und das war alles. Im Hintergrund klang noch ein halb ausgesprochener Satz mit: ‚Es ist haarstäubend und empörend, aber die Entwicklungshelfer sind auch teilweise selbst daran schuld; sie wussten schon, wie gefährlich es in solchen Ländern ist.’ Das kann man in Paris nicht sagen und die Menschen werden durch die alarmierenden Wiederholungen solcher Katastrophen allmählich besser zur Identifikation mit den Opfern trainiert, mit einem Wort, mitleidsfähiger. Ich finde, all diese Demonstrationen und Sympathiebekundungen der Zuschauer sind gut gemeint und schön, aber wenig ergiebig. Man kann nicht viel davon halten, diese kollektive, mediale Zurschaustellung von Gefühlen, die die Massen zu einer oberflächlichen und kurzlebig ansteckenden Übersensibilisierung manipuliert.“

Ich widerspreche kraftlos: „Und doch... es ist viel besser als nur Kälte und Distanz. Mir half es viel in der ersten Zeit. Es ist genauso wie die tröstenden Worte bei einer Beerdigung. Ich bin leicht manipulierbar, ich muss es zugeben. Doch um so schlimmer ist dann die Einsamkeit und Dürre danach.“

„Sei wie es ist. Wir dürfen den Menschen nicht vorwerfen, dass sie sich nur von ihren neuesten Eindrücken fangen lassen und alles übrige vergessen. Wir machen es auch mit unseren eigenen Toten, wenn schon einige Zeit verstrichen ist.“

„Aber Sie haben Ihre Mutter nicht ganz vergessen. Ihretwegen fingen Sie mit dieser ganzen Geschichte des Terrorismus an, nicht wahr?“

„Ja, teilweise. Nicht nur sie hat mich motiviert. Es gehört zur Allgemeinbildung zu wissen, dass es heutzutage andere Arten von Kriegen gibt, bei denen nicht nur Staaten und Soldaten agieren, sondern düstere Gruppierungen im Untergrund, und es beliebige Opfer in einem Café oder Fußballstadion gibt. Eine Massenabfertigung des Todes ist es. Je mehr, desto besser. Und als Höhepunkt dieses frisch produzierten Phänomens der Zerstörung in unserer Zeit steht der Selbstmordattentäter, der sich in die Luft sprengt und wegen falsch verstandener Religionen die anderen, aber auch sich selbst vernichtet. Diese so radikale Figur der Verzweiflung und des Hasses, in so großen Mengen quantifiziert, hat es zu früheren Epochen noch nicht gegeben.“

„Es scheint, dass Sie sich auch für die Gedanken und die Perspektive der Terroristen interessieren. Ich kann nur an die Opfer denken.“

„Terroristen sind mir wahrscheinlich genauso verhasst wie Ihnen, denke ich. Aber diese Selbstmordattentäter erstaunen mich immer wieder mit ihrem Mangel an Liebe zum eigenen Leben. Dieses Ehepaar in San Marino, Kalifornien, am 2. Dezember 2015… Sie töteten 14 Menschen und verletzten viele mehr, doch auch sie verloren dabei ihr Leben. Die meisten sind anscheinend froh, für ihren Fanatismus zu sterben.“

„Ja, sie wollen den eigenen Untergang und den eigenen Tod, aber mit so vielen Menschen wie möglich als Begleitung, wie der Pilot von GermanWings, der die ganzen Passagiere des Flugzeugs in seinen privaten Suizid mit einprogrammierte, ohne zu fragen, ob sie damit einverstanden seien. Im Mittelalter hat man vom Teufel gesprochen und der Pest. Jetzt spricht man von Globalisierung im Tod, riesigen Massakern. Es wundert mich, dass noch so viel Rücksicht herrscht und nicht täglich Atombomben von allerlei Gruppen von Verrückten überall hingeworfen werden.“

„Wer weiß? Vielleicht kommt es noch.“

„Und dann die ganzen Überlebenden wie Sie und ich. Gäbe es nicht so viele Katastrophen, dann gäbe es auch nicht so viele Überlebende. Wir sind eine besondere Gruppe und gehören nicht mehr zu den Normalen.“

„Wie könnte man uns überhaupt charakterisieren? Ich vermute, jeder von uns ist anders als der andere. Aber wir haben mit Sicherheit einige gemeinsame Züge. Die Überlebenden von Auschwitz (auch ein Höhepunkt des Massenterrorismus) sind nicht ungleich denen vom 11. September 2001 in New York, denen vor sieben Monaten in Paris oder sogar den Familien von jemandem, der eines natürlichen Todes gestorben ist.“

„Die Gemeinsamkeiten sind vielleicht folgende: Wir glauben es nicht ganz, dass es passiert ist. Wir haben Sehnsucht nach dem Verlorenen... und wir schämen uns, dass wir weiter leben.“

Wir trinken den Tee zu Ende. Er stimmt mir ohne Begeisterung zu: „Die Existenz ist wenig lohnend, wenn man viele Menschen verliert, dann fragt man sich, ob es der Mühe Wert ist zu überleben.“

„Ja, noch ein Punkt, Übersättigung durch Verlust. Das Hauptgericht und der Nachtisch Leben schmecken nicht mehr so gut. Ich habe auch einige Angehörige und gute Freunde zu beklagen. Aber natürlich ist jetzt mein Mann der Mittelpunkt meines Schmerzes. Man konzentriert sich auf etwas und dann verblasst alles andere. Ich bin sehr alt geworden, seitdem er nicht mehr da ist. Sein Tod hat mich zu einer Greisin gemacht, obwohl ich noch keine 50 bin.“

„Gewiss, das ist noch eine Gemeinsamkeit der Überlebenden. Wir sind alle alt und verbraucht. Solange wir noch niemanden verloren hatten, waren wir jung und hoffnungsvoll. Der Schmerz um meine Mutter ist selbstverständlich nach so vielen Jahren milder geworden als das, was Sie jetzt erleben. Trotzdem... Ich habe schon so viele Katastrophen überlebt, fünf kann man zählen, dass ich mich tatsächlich berechtigt fühle, an dieser Enzyklopädie zu schreiben.“

„Aber die anderen hatten nichts mit Terrorismus zu tun?“

„Eigentlich nicht. Die Wirkung ist aber durchaus vergleichbar, wie Sie meinten, ein psychologischer Terror für mich, ohne die Bomben jedoch, ohne die Zeitungsberichte und das allgemeine Mitgefühl der Menschen. Mein Bruder starb an Aids, meine Tante an Krebs, mein Vater durch einen Autounfall, den ich auch mit einigen Verletzungen überlebte, und Sabine, eine Freundin meiner Studentenzeit, nahm sich das Leben... Wieder jemand, der dieses großartige Geschenk des Lebens nicht genug zu schätzen wusste und schonungslos radikal ablehnte, während andere so hartnäckig darum kämpfen, es um jeden Preis zu behalten.“

„Es ist Pech, dass Sie so viele Todesfälle in der Familie hatten.“

„Ja. Aber durchaus nicht so unüblich. Wenn es sich auf einige Jahre verteilt, bleibt es noch im Rahmen des Vernünftigen und Erträglichen. Connie Palmens Bericht ‚Das Logbuch eines unwarmherzigen Jahres’ beschreibt so eine Häufung von Todesfällen innerhalb so kurzer Zeit, dass einem schwindlig wird. Es scheint fast eine Besessenheit der Autorin, doch ist es ihr tatsächlich passiert. Wir kennen das, trügerisch schöne Jahre der Zufriedenheit, in denen wir glauben könnten, dass der Tod gar nicht existiert, und dann plötzlich eine Überflutung des Schicksals, Sterben ohne Ende...“

Ich nicke mein Einverständnis und flüstere: „Ja, es ist ein komischer Mechanismus, sehr ungerecht und kapriziös wie alles in der Natur. Die meisten in meinem Bekanntenkreis sind beneidenswert, nur äußerst selten hört man, dass jemand bei ihnen stirbt, und wenn ja, dann in einem ganz fortgeschrittenen Alter, mit über 90 und durch einen sehr schönen Tod. Ich kann leider eine ganz andere Geschichte erzählen. Ich habe zwar die ersten Jahre meines Lebens sanft und unbekümmert gelebt, aber dann kamen schon die harten Erfahrungen, wie bei Ihnen.“

„So ist es, Madame. Die schlechte Verteilung der Güter beginnt schon in der Natur. Die oberflächlichen Brillen- und Linsenträger beschweren sich stundenlang, weil sie ohne ihren Zusatz nich hundertprozent sehen können, während die völlig Blinden die Katastrophe des Nichtsehens irgendwie durch eigene Kraft und ohne Schau überleben müssen. Wer kann sie verstehen?“

„Es muss aber schwer für Sie sein, immer in Kontakt mit Angehörigen von Opfern zu bleiben. Sie können nie richtig vom Thema abschallten. Es ist bestimmt nicht angenehm, und doch sind wir alle auf demselben Schiff des Unglücks.“

„Gewiss, aber es ist andererseits tröstlich und produktiv im Sinne einer erfolgreichen Spezialisierung. Ich vertiefe meine Kenntnisse immer mehr. Es ist fast eine Ausbildung heutzutage, ich qualifiziere mich zum Terrorismusbeobachter.“ „Gingen Sie damals zum Psychotherapeuten, als Ihre Mutter starb.“

„Nein. Damals war es weniger in Mode als jetzt. Meine Probleme sind aber ganz andere: Ich kann die Menschen nicht immer treffen, leider. Ich kann nicht so viel reisen; ich stehe nur per E-Mail oder Telefon in Kontakt mit ihnen, und die meisten wollen meine Fragen nicht beantworten, da gerade sie besondere Gründe haben, auf Fremde misstrauisch zu reagieren.“

In unserem Gespräch hat sich jetzt ein Kreis geschlossen, das merke ich. Ich habe meine Fragen abgerundet und so viel wie möglich über ihn erfahren. Es fällt mir plötzlich ein, dass er derjenige ist, der ein Interview mit mir führen wollte. Es muss ein Wechsel stattfinden und seine Neugier muss einigermaßen befriedigt werden.

„Was wollen Sie über mich wissen? Was für Fragen haben Sie auf Lager?“

Er nimmt einen Zettel aus seiner Tasche und flüstert eifrig.

„Es ist ein Fragebogen, den Sie bitte in aller Ruhe ausfüllen können, wenn ich gehe.“

„So etwas hatte ich mir schon gedacht“, sage ich apathisch und lustlos. „Ich mag keine schriftlichen Befragungen.“

„Aber Sie verstehen doch. Schriftlich ist es besser, man kann besser Gedanken zur Sprache bringen... und bei allen Unterschieden in den jeweiligen Fällen muss ich mich ein bisschen allgemein halten, auch um dann die Antworten miteinander vergleichen zu können.“

„Es ist schon klar. Ich werde die Fragen lesen und sehen, ob ich sie beantworten kann.“

Ich bin aber über sein bürokratisches Verfahren ziemlich enttäuscht. Er nimmt das wahr, aber wieder wie eines seiner vielen Phänomene und Trends, die er distanziert und sachlich analysiert. Er sagt: „Wenn Sie möchten, kann ich Sie wieder besuchen und dann können wir Ihre Antworten auf einer persönlichen Ebene besprechen. Wenn Sie mich aber nicht wiedersehen wollen, dann schicken Sie mir den Zettel mit der Post.“

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte. Wahrscheinlich wollte ich ihm einfach über die Geschichte meiner Gefühle für meinen Mann erzählen, wie wir uns kennen lernten und bald darauf heirateten, dann unsere Freude bei der Geburt unseres Kindes; ich wollte über das Lernen meines Sohnes erzählen, über seine geistige und körperliche Entwicklung im Laufe der Jahre. Dann hätte ich ihm über meine Trauer berichtet, die stechenden Ängste, meinen Mann zu vergessen und meinem Sohn bei seinen Behinderungen nicht helfen zu können, die sich mit einer einschläfernden Gleichgültigkeit und Leere nach dem großen Schreck abwechselten. Ich hätte mit ihm wieder über meine Erschütterung bei der Beerdigung und meine große Dankbarkeit, mein Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem solidarischen Volk gesprochen, das in den ersten Tagen für uns überall unzählige Kerzen und Blumen verstreute.

Ich weiß nicht genau, ob seine Mutter tatsächlich ein Terrorismusopfer gewesen ist. Womöglich hat er es nur erfunden, um eine gewisse Empathie herzustellen. Vielleicht ist es noch schlimmer, vielleicht ist er ein Psychopath und wird mich beim nächsten Besuch umbringen.

Ich frage skeptisch und wie mir scheint fast grausam: „Was für einen Nutzen habe ich von dieser Untersuchung, die Sie machen? Was sollen wir alle davon haben? Was ist eigentlich Ihr Ziel?“

Er sucht verzweifelt nach einem Ausweg: „Es ist bei allem so... Wir haben keine praktischen Anwendungen, aber doch ideelle Werte. Durch die Befragung und die Antworten, wird man das große Leiden in diesem furchtbaren Kapitel unserer Geschichte sehen, und somit wird man auf den Terrorismus immer aufmerksamer werden und ihn stärker bekämpfen können.“

Ich nehme den Befragungsbogen und er geht weg ohne ein „Dankeschön“ oder ein freundliches Lächeln. Er weiß, wie misstrauisch ich geworden bin. Ich schaue systematisch nach, ob er nicht eine Bombe in meine Wohnung gelegt hat, nicht persönlich meinetwegen, sondern der Menge wegen, weil in diesem Hochhaus über 150 Menschen wohnen.

Dann lese ich zerstreut die Fragen. Es geht um uns, die Überlebenden, und was jeder Einzelne von uns den ganzen Tag macht. Wann wir aufstehen, ob wir noch fähig dazu sind zu essen, eine Arbeit zu übernehmen, spazieren zu gehen, einen Film zu sehen, Sex zu haben, in der Kirche zu erscheinen, zu schwimmen, zu plaudern, einen Fragebogen auszufüllen...

Es tut mir leid. Ich zerreiße ihn in kleine Stücke.

Der Körper und die zwei Seelen, eine Legende

Seit dem Tod ihrer Mutter und ihres Mannes befand sich Irmela Brandes in einem kleinen oder großen Konflikt, je nachdem, wie man es nahm und beurteilte. Sie fragte ihre konfessionslose Freundin Eva Milner, die ihr wahrscheinlich eine sachliche und distanzierte Beratung geben konnte, da sie nicht involviert war und keine der zwei Parteien bevorzugte.

„Viele Jahre lang bin ich ähnlich wie du gewesen. Ich kümmerte mich nicht um Kirchen und war ausgesprochen nicht-religiös, dachte wenig an Gott und vor allem hinterfragte ich die Autorität der Priester und Pfarrer.“

„Ich weiß, jetzt hast du dich verändert“, sagte Eva mit einem müden Lachen. „Wenn man älter wird, glaubt man mehr an Gott, ich kenne die Sprüche. Die russischen Helden der Jugend wie Bazarov oder die atheistischen Idealisten des spanischen Bürgerkrieges wie Hemingway und Martha Horn sind passé.“

Vage verteidigte Irmela sich nicht mit politischen Argumenten gegen den Kommunismus, Anarchismus oder Revolutionen überhaupt, sondern mit humanistischen Aussagen über ihre Treue zu den Verstorbenen, geliebten Menschen in ihrer Familie: „Es ist nicht so, dass ich jetzt wenig tauglich für die Erde mir den Himmel verdienen will. Ich träume kaum vom Himmel, weißt du? Es ist nur so, als meine Mutter starb, wurde sie katholisch beerdigt. Und seitdem, weil die Predigt mir so gut gefiel und mich so rührte, bin ich ein paar Mal in der katholischen Kirche gewesen. Ich fühlte mich ihr dort viel näher, getröstet und voller Frieden, die Kommunion beruhigte mich besonders, brachte mir Zuversicht und Kraft, als würde tatsächlich der freundliche Christus sich in meiner Magengegen einrichten, damit ich weder an Übersättigung noch an Hunger sterben sollte.“

Eva lächelte ironisch.

„Es ist ein Mythos wie jeder andere, aber ich glaube nicht daran. Wenn ich Sport treibe und auf einem Strand das schöne Wetter genieße, da fühle ich mich auch wohl und getröstet, die Gottheit Sonne drängt in mich ein mit seiner Wärme und verursacht fast einen Orgasmus in mir.“

„Ja, du bist eher materiell eingestimmt, du bist mehr Körper, du hast auch nicht so viele Tote im Jenseits wie ich sie habe.“

Eva zeigte sich etwas gekränkt, aber auch frivol, wie sie immer war.

„Es ist nicht ganz richtig. Ich bin auch spirituell, doch anders... Ich begeistere mich eher für die Kundalini-Energie der Natur.“

„Oh ja! du hast davon erzählt, Osho und all diese indischen Gurus... Und man kann sich selber heilen, wenn man krank ist, durch die eigene Energie, unglaublich... Irgendwann gerate ich in Versuchung und begleite dich noch zu einem von diesen Kundalini-Meditations-Tänzen. Aber ich bin schon jetzt in einem Konflikt, und wenn ich noch zu diesen Veranstaltungen mitkäme... Ich würde hysterisch werden. Meine Zeit reicht nicht, und meine Kräfte auch nicht.“

„Was ist mit dir los? Was hast du für ein Problem?“, fragte die Freundin missbilligend. „Wer setzt ein Limit zu den Veranstaltungen, die du besuchen darfst oder nicht? Bist du mit 60nicht ein freier Mensch?“

„Es hat nichts mit Freiheit zu tun, sondern mit Harmonie und Wohlbefinden. Irgendwo muss ich mich Zuhause fühlen können. Als mein Mann starb, wurde er evangelisch beerdigt und der Pfarrer war so verständnisvoll, so mitfühlend in seiner Totenrede, dass ich seitdem oft zur evangelischen Kirche gehe, weil ich mich dort gewissermaßen geborgen fühle und mehr in Wilhelms Nähe, auch wenn er während seines Lebens nicht sehr gläubig war. Doch ich denke, da er jetzt kein Körper mehr ist und stattdessen wie der Wind eine unsichtbare Seele, dass ich ihn nur auf dieser mystischen Ebene erreichen kann.“

„Und was ist der Konflikt?“

„Eine ältere Nachbarin, Frau Melanie Burger (sie wohnt nicht im selben Haus wie ich, aber auf der ersten Straße rechts, neben der Apotheke) ist ein paar Mal mit mir zur katholischen Kirche gegangen. Wie du weißt, kann ich noch kaum laufen und nur mit Schwierigkeiten noch etwas sehen. Sie bietet mir ihren starken Arm an, hilft mir auf ihre gütige Art, damit ich in kein Loch falle oder auf dem Glatteis ausrutsche. In den letzten Jahren hat sie mich hin und wieder abgeholt, nicht übertrieben oft, denn sie ist sehr diskret und wusste schon, dass ich meinen Mann zu pflegen hatte. Meistens wartete sie darauf, dass ich mich meldete und das Tempo der Kirchenbesuche bestimmte, zu Ostern, Weihnachten oder zum Todestag meiner Mutter, wenn ich eine Messe für sie lesen ließ. Aber jetzt kommt die evangelische Dame, Frau Nika Holzweg, und wenn Melanie es erfährt, dass ich sie deshalb nicht mehr frage, dass ich fremdgegangen bin... Ich kann nicht mit den beiden gleichzeitig gehen, denn der Gottesdienst fängt in beiden Kirchen um elf Uhr an. Ich muss entweder auf die eine oder auf die andere verzichten.“

„Welche hast du lieber von den beiden?“

„Schwer zu sagen. Die Evangelischen in dieser Gemeinde sind sehr nett, aufgeschlossen und sozial engagiert. An mich haben sie sich schon gewöhnt und grüßen mich herzlich. Wir trinken zusammen Kaffee und immer stellen sie interessante Vereine oder Arbeitskreise vor: Spirituals, Amnesty International, ehrenamtliche Mitarbeiter im Hospiz. Bei ihnen steht der Mensch im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit und das gefällt mir besonders: Sie haben einen direkteren Bezug zu alltäglichen Problemen, eine praktischere Anwendung von Bibelstellen; sie überprüfen und zählen ihre Kollekten ständig, führen Buch über alles, damit jeder weiß, was die Gemeinde bekommt; sie kümmern sich um alle Details, um die Schwachen und Kranken.

Aber andererseits sind mir die Katholiken vertrauter, sie sind ein Leitmotiv meiner Kindheit, meine Gewohnheit, denn in Argentinien, meiner Heimat, wurde ich katholisch erzogen. Sie sind vielleicht weniger freundlich und weniger auf Menschen bezogen, doch dafür vermitteln sie mir eine wertvolle mystische Erfahrung mit Jesus (durch die Kommunion zum Beispiel), die mir besonders wichtig erscheint und die ich bei den anderen etwas vermisse. Die Kommunion war für mich immer das Bestechungsritual, ein alles umwerfendes, reinigendes und unübertreffliches Ereignis des Inneren, in welchem die Seelen sekundenlang, auf der Suche nach Gott beinahe herausfliegen und sich körperlos erheben können. So habe ich es wenigstens immer geglaubt. Es ist die höchste Spannung und Qualität darin, und ich bleibe wie hypnotisiert in einer Heiligenlegende und im Klang des Chors und der Orgel gefangen. Es ist wie ein Aufputschmittel. Dieses Ritual treibt mich nach oben (nimmt die Mittelmäßigkeit von mir) hoch und hoch... wie eine Geist-Rakete in dem übernatürlichen Feuerwerk der größten Feierlichkeit.“

Eva sagte kämpferisch: „Du glaubst nicht allen Ernstes, dass du deinen Gott verspeist? Es war ja nur symbolisch gemeint, wie das Abendmahl der Evangelischen mit Vernunft bezeugt.“

„Was habe ich von dieser Vernunft? Man möchte manchmal das Verrückte tun, ja, Gott verspeisen, und die Toten auferstehen sehen. Wenn ich eine Künstlerin wäre, würdest du mich vielleicht verstehen, meinen Wunsch nach Intensität und Uferlosigkeit.“

„Kommen wir zu den Tatsachen, meine Liebe: Du hast Angst, die beiden Damen zu enttäuschen.“

„Ja, das habe ich. Weil ich keine Kompromissmöglichkeit sehe. Entweder ist es die eine oder die andere.“

„Und dein kleines Herz leidet wie immer zwiespältig und zögernd, aber ich verstehe noch nicht, warum. Du könntest dich an einem Sonntag von den Evangelischen und am nächsten Sonntag von den Katholiken abholen lassen.“

„Nein, das würde auf Dauer nicht gut gehen. Beide hätten eine sehr schlechte Meinung von mir. Sie würden mich untreu nennen, inkonsequent und ambivalent, und das bin ich ja auch, ohne tiefe Überzeugung, tolerant und neugierig bis zum Zusammenbrechen der Knochen, nur zum Kokettieren, Beschnuppern und Erforschen bereit.“

„Ich finde die Beschreibung gar nicht so schlimm. Du tust keinem etwas Böses dabei, du, eine arme, halbblinde und gehbehinderte Witwe und Waise.... Du hast dich auf Kirchen spezialisiert. Du magst Kirchen, und sie sollten dankbar sein, dass du sie magst, dass du ihren Predigen zuhörst und dich an ihren Kollekten beteiligst, dass du mitzusingen versuchst und ihre häufig leeren Sitzplätze mit der Fülle deines Körpers besetzt, dass du dich mit guten Gedanken über Gott und die Menschen vergnügst. Andere neigen zur Prostitution, Kriminalität, zu Klatschgeschichten, Schönheitssalons, Hunderennen, verschwenderischen Einkäufen, und so weiter.“ „Du redest nur über allgemeine Sachen, wie so oft. Aber denke an diesen konkreten Fall. Frau Holzberg würde mich am Ende für eine Spionin halten. ‚Sie nimmt uns nicht ernst, nur zum Zeitvertreib. Sie geht von Blume zu Blume, ohne sich festzulegen. Sie bleibt immer länger bei uns, lässt sich von uns abholen und erweckt gewisse Hoffnungen, dass sie ein Mitglied unserer Gemeinschaft werden könnte, aber sie bleibt für immer katholisch.’

Und Frau Burger würde sagen: ‚Sie ist eine Verräterin der Religion ihrer Eltern. Sie ist nicht mehr die brave, gehorsame Tochter wie am Anfang. Warum geht sie immer zu der anderen Gruppe?’ Ich denke, ich muss ihr bis zu einem gewissen Punkt Recht geben. Vielleicht sollte ich mit Frau Holzberg darüber sprechen und ihr ganz klar mitteilen: ‚Wissen Sie, mit 60 bin ich schon zu alt für einen Glaubenswechsel. Mir fehlt an der Kraft für mehr Veränderungen; durch den Tod habe ich schon zu viele Veränderungen ertragen müssen. Als ich jung war und deutsche Staatsbürgerin wurde, da hätte ich auch ohne weiteres evangelisch werden können, ich fühlte mich so voller Tatendrang und Erneuerungssucht! Aber mein Mann war nicht sehr religiös, und jetzt ist es schon zu spät. Doch ich liebe Sie alle sehr und habe große Achtung vor Ihren guten Werken.’“

Eva und Irmela blieben still ein paar Minuten und überlegten. Eva sagte mit einem Stöhnen: „Diese verdammten Religionskriege! Auch heutzutage ist der ökumenische Gedanke nicht so weit fortgeschritten, scheint es. Du stehst unter einem gewissen Druck von beiden Seiten.“

„Nein, nein. Vielleicht liegt es an mir. Es wird nicht laut ausgesprochen. Doch ich spüre eine gewisse Erwartungshaltung als ‚die Neue, die sich nur vorsichtig engagiert, aber nicht ganz’... und ‚die Alte, die sich nicht mehr meldet und jetzt zu den anderen übergeht’. Beide Frauen kennen sich nicht, aber durch ihre Konfession hegen sie ein gewisses Ressentiment zueinander. Ich spüre es, eine Spur von Gereiztheit in den beiden Fronten… Einmal, als ich harmlos zu der einen sagte: ‚Ich bin offiziell katholisch.’ Oder zu der anderen: ‚Ich besuche seit dem Tod meines Mannes eine evangelische Gruppe.’ Ich meine, es hat tatsächlich Kriege gegeben, und das ist nicht so lange her.

Es ist ähnlich wie bei der Gleichberechtigung der Frauen. Nicht immer hatten sie Wahlrecht, nicht immer waren sie Akademikerinnen und Ärztinnen in verantwortungsvollen Positionen. Und es ist logisch, wenn einige Frauen sich noch verbittert an die traurige Vergangenheit erinnern. Es hat sie tatsächlich gegeben und die Existenz von vielen zerstört, und daher reagieren sie heftig, wenn man es leugnen will.

Echt, ich weiß nicht, was ich tun soll mit den zwei Damen. Am besten sollte ich mich vielleicht in meiner Wohnung begraben. So würde ich eine viel würdigere Figur abgeben und keiner wäre beleidigt.“

„Nein, gerade das wäre das Falsche“, rief Eva mit Empörung aus. „Geh’ doch lieber mit mir zu den Kundalini-Meditationen. Wir werden ungezügelt und uns in voller Freiheit unserer Glieder bis zu unserem Ende durchtanzen und uns positive Energien einpumpen, bis der Tag der Erleuchtung zu uns kommt.“

„Du hast vergessen, dass ich mich kaum noch bewegen kann.“

„Trotzdem, das Bein ein bisschen heben kannst du noch, und mit dem Kopf und den Armen wedeln und alle übrigen Organe benutzen.“

Irmela versuchte eine Ausrede zu finden: „Ich bin zu träge und habe zu viele Verpflichtungen im Moment. Weißt du, wonach ich manchmal Sehnsucht habe? Nach einem kontemplativen, zurückgezogenen Leben im Kloster, in dem ich mich ernsthaft in Übungen des Gebets und der Mystik einarbeiten könnte. Aber auch da bin ich im Konflikt. Ich weiß nicht, ob die katholischen, die evangelischen oder die indischen Gurus die besseren Begleiter wären.“

Eva wollte keine Entscheidung von ihr verlangen und zuckte mit den Achseln.

„Na ja, du bist sowieso eine treue Person. Ich weiß, dass du, sobald ich sterbe, im Andenken an mich und als Akt der Liebe zu meinen Kundalini-Meditationen kommen wirst.“

Irmela seufzte verträumt: „Ach, nicht du, sondern ich! Wenn ich bloß tot wäre! Dann könnte ich überall hingehen, die zwei Kirchen meiner Freundinnen und deine Kundalini-Meditationen gleichzeitig besuchen!“