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Die Autorin sammelt hier 19 Stimmen, die konfliktbeladene Beziehungen beschreiben. Gewisse Handlungen zeigen sofort die Verursacher oder die Opfer einer Trübung. Adelaide weiß zum Beispiel um die ständige Untreue ihres Mannes. Ein 16-jähriges Mädchen wird vom Adoptivvater verführt. Die „vom Himmel Geschützten“ sind fünf Frauen, die von Vergewaltigung und Mord verschont bleiben, aber dafür in Unfreiheit leben müssen. Eine Schriftstellerin wird nach langem Kampf um Anerkennung mit 61 Jahren plötzlich berühmt; was empfindet sie dabei? Die schwangere Ferun Gustavson will ihre Tochter nicht gebären, weil sie Angst davor hat, diese könnte wie die grausame Messalina werden.In vielen Geschichten werden Krankheit und Tod thematisiert, die die Fortsetzung fröhlicher und ungetrübter Beziehungen verhindern. Einige fokussieren sich auf die Suche nach Sexualität oder Liebe. Allen Erzählern gemeinsam ist der Kampf um Rettung vor dem Zerfall einer Beziehung. Dadurch werden sie oft in eine stürmische Unruhe versetzt, die gerade den Gegensatz zur östlichen Weisheit eines Buddha darstellt. Einzig ein Engel, der sich in unterschiedliche Geschöpfe verwandelt, um den Menschen zu gefallen, und eine 507-jährige Eiche, die um ihre Vergänglichkeit weiß, erreichen eine Perspektive der Relativierung und Distanz. Lass' deinen Geist still werden wie einen Teich im Wald. Er soll klar werden, wie Wasser, das von den Bergen fließt. Lass' trübes Wasser zur Ruhe kommen, dann wird es klar werden, und lass' deine schweifenden Gedanken und Wünsche zur Ruhe kommen. Buddha
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Die Schwestern der Ehefrau
Steine und Bäume sind fast unsterblich
Die Adoptivtochter des Bankiers
Die vom Himmel Geschützten
Warum ein Debüt mit 61?
Verhasste Pflegerin - junger Verliebter
Mein Orgasmus mit dem Leben
Das Kleid der Mutter
Wie kann ich den Menschen gefallen?
Die alten Trennungen - eine Fabel
Was wurde aus der schönen Messalina?
Die unerledigte Aufgabe
Die vierte Frau
Nach dem Trennungsjahr
Die verspäteten Liebhaber
Sex oder Liebe
Schwache, starke Tochter
Ex-ex-ex-Geliebte
Schneller als das Licht
Zu der Autorin
Ich heiße Gregor Steinmetz, der Ehebrecher, obwohl die meisten meine Geschichte nicht kennen. Das erzählt man nicht jedem. Viel bekannter ist, dass ich vom Beruf Schlosser bin und eines meiner Hobbys Angeln war.
Die Dreieckbeziehung zwischen Marie-Patricia, Adelaide und mir dauerte schon viele Jahre, bestimmt zwölfeinhalb. Patricia war Taxifahrerin, Französin, geschieden; sie hatte zwei Hunde, auf die ihre Mutter tagsüber aufpasste. Aber sie lebte nicht bei ihrer Mutter, sondern allein in ihrer unordentlichen, kleinen Wohnung und manchmal mit mir, obwohl wir meistens nur ein paar Urlaubstage, einige Stunden nachmittags nach Dienstschluss und gelegentlich einen Sauna-Samstag zusammen verbrachten. Adelaide wusste von meinem Verhältnis zu der schönen, süßen und abenteuerlichen Patricia und trug oft eine Opfermiene zur Schau, die mich verärgerte. Sie war immer der gute, treue Engel, der unsere Ehe vor Krisensituationen rettete, und ich war der rücksichtslose, eigensüchtige Teufel.
„Ich verstehe, dass du nicht zufrieden sein kannst“, sagte ich manchmal. „Wenn ich an deiner Stelle wäre, könnte ich es nicht akzeptieren, dass du noch einen Mann neben mir hättest. Im Grunde bewundere ich deine Tapferkeit und Geduld. Du willst an der Ehe festhalten und es ist dein gutes Recht. Wir haben so vieles zusammen: Die Kinder, das Haus, die Jugenderinnerungen... Die ersten Jahre war ich dir auch treu, als die Kinder klein waren und ich genug Arbeit mit ihnen und Verantwortung zu tragen hatte. Aber danach... Was kann ich dafür, wenn ich mich in die andere verliebte und dass sie mir mit den Jahren immer mehr bedeutet hat? Im Moment könnte ich sie so wenig verlassen wie dich.“
Es gab eine Zeit, am Anfang meiner Beziehung zu Marie-Patricia, als ich entschlossen war, mich von meiner Frau zu trennen. Ich war schon ausgezogen und überlegte mir, ob ich nicht eine ganz neue Wohnung mit meiner Geliebten beziehen sollte, denn ihre jetzige war mir zu chaotisch und unsauber. Trotz meiner vielen Schwächen war ich immer ehrlich gewesen und ich täuschte Adelaide nicht über meine Gefühle. Aber nach viel Weinen und vielen Gesprächen machte sie damals unsere Trennung rückgängig. Sie wollte mich um jeden Preis zurück haben - egal unter welchen Bedingungen - und sie gab in allem nach Sie ging alle erdenklichen Kompromisse ein, sogar den schwierigsten und härtesten, dass ich meine Geliebte beibehielt und die Hälfte meiner Freizeit bei ihr verbrachte. Die Hauptsache für sie war, dass ich „zuhause bei ihr und den Kindern blieb“. So widmete ich meine andere Hälfte der Familie, so gut ich konnte; unserem Sohn Frank und unseren drei Töchtern, unserer Katze, meinen Renovierungsarbeiten in unserem Hause und im Haus, das ich von meinem Vater geerbt und an mehrere Studenten vermietet hatte. Manchmal verschaffte ich auch der armen, traurigen Adelaide ein romantisches Abendessen im Kerzenlicht und eine schöne sexuelle Ablenkung in Erinnerung an die alten Zeiten. Teilweise sollte ich meiner Frau dankbar sein, denn sie hatte es ermöglicht, dass ich ohne Verluste alles besaß: Die neue Liebe, die mir so vieles gab, die mich verjüngte, und die Privilegien der Vergangenheit, Vaterfreuden, den materiellen Komfort zu Hause, auf den ich sehr ungern verzichtet hätte. Hätten wir uns scheiden lassen, hätten wir unser Haus verkaufen müssen mit all seinen Schätzen, die mir so kostbar waren, meinem Studio, das ich selbst eingerichtet hatte, meinem Hobbykeller voller Computer und Musikinstrumente, dem Schwimmbad für die Kinder, dem Garten. Wie bei allen Scheidungen hätte unser Vermögen kläglich darunter gelitten und wir wären beide ärmer geworden. Adelaide verstand meine Bedürfnisse ganz gut, und allein aus dem Grund hätte ich nie aufhören können, sie zu lieben, weil sie eine lebenserhaltende Kraft war, die die Sachen, die wir zusammen gebaut hatten, immer schützen und nicht ganz verkommen lassen würde, während Patricia kein eigentliches Heim mit mir teilte, keinen festen Ort, nur Zeiteinheiten, vorübergehende Augenblicke. Andererseits aber war meine Lage ziemlich kompliziert, meine Frau machte sie nicht einfacher durch ihre ständige Eifersucht, Wut oder Depression. Da tat sie mir nichts Gutes, sondern quälte mich unaufhörlich. Es gab immer Krieg zwischen den beiden Frauen, auch wenn sie sich nie trafen oder miteinander telefonierten. Immer wenn ich zwei oder drei Wochen Urlaub mit der einen verbringen wollte, gab es Kampf und Spannungen mit der anderen, und besonders mit meiner Frau, die sich trotz ihrer anscheinenden Nachgiebigkeit durch die Kinder, durch Alter und Haushaltsverbindlichkeiten mit mehr Rechten glaubte. Meine Geliebte war weniger anspruchsvoll, sie zeigte sich mit allem einverstanden, was ich für sie erübrigen konnte, und dankte mir fröhlich und ausdrucksvoll für jeden Überraschungstag, der uns gehörte. Ihre Freude war ansteckend, fast ergreifend und daher lohnten sich die ganzen Herausforderungen und Auseinandersetzungen mit der einen, um die andere so glücklich zu machen und auch um meine eigene Freiheit, Mündigkeit, noch einmal zu bestätigen.
„Wie ist das möglich, dass diese Beziehung immer weiter anhält?“, fragte Adelaide entsetzt. Am Anfang hatte ich gehofft, dass es irgendwann zu Ende gehen würde, deshalb hatte ich es akzeptiert. Wenn ich es gewusst hätte, dass es unveränderlich ist... Das übersteigt alle Kräfte. Was findest du an dieser fremden Person? Warum hast du nicht mit mir genug?“
Naja, für mich war „die fremde Person“ gar nicht fremd, sondern ganz im Gegenteil, mir gänzlich nahe, warm, zutiefst betastbar, riechbar und ansprechbar, mit einer Folge von typischen Gesten und mir wohlbekannten Reaktionen. Aber ich konnte meine Vertraulichkeit mit ihr unmöglich auf Adelaide übertragen, genauso wenig wie sie mir ihre Begeisterung für Schnapspralinen übertragen konnte; diese blieben mir immer fremd.
Nein, meine Ehefrau genügte mir nicht, so leid es mir tat, trotz ihrer Güte und Beständigkeit. In allen übrigen Leidenschaften konnte ich mich beherrschen und mich fast überlegen zeigen. Ich rauchte nicht, trank nicht, spielte nicht, aß sehr bescheiden und nahm keine Drogen. Ich hätte beinahe ein vorbildlicher Mann genannt werden können, denn ich arbeitete viel und war nie aggressiv, ich war zu allen entgegenkommend und hilfsbereit. Aber die Frauen waren meine Sucht, schon immer gewesen, und als junger Mensch hatte ich mit vielen Freundinnen mein Glück versucht. Jetzt nach der langen Pause der Ehe und im reifen Alter hatte sich meine Entdeckungslust im Geschlechtlichen noch verstärkt.
Ich hatte ein besonders offenes Herz für Frauen. Meine Sinne waren sofort auf ihr Parfüm gerichtet, den individuellen Duft jeder einzelnen, den die anderen Menschen nicht zu spüren schienen. Ich empfand ihre Persönlichkeit als sexuelle Geschöpfe unter ihrem Rock versteckt, als wären sie hauptsächlich nackte Haut und eine sehr lebendige Gebärmutter. Besonders bei schönen Frauen kam mir sofort diese Vorstellung vom intimen Bereich, von warmen Beinen und Unmittelbarkeit. Die Hässlichen betrachtete ich mehr als Männer, kumpelhaft und ohne Gefühle, aber sogar sie zogen mich manchmal kurz an, durch ihre Intelligenz oder Zerbrechlichkeit und Schwäche. Sogar ältere Frauen konnten meine Aufmerksamkeit kurz fesseln und ich mochte sie als Ratgeberinnen und mütterliche Figuren mit ihrem reifen und erfahrenen Auftreten, das mir eine gewisse Bewunderung einflößte. Die Frauen waren eine faszinierende Rasse für mich, auch meine eigenen Töchter und Schwestern. Sie bedeuteten einen Lichtblick in meinem düsteren Alltag.
Ich war aber kein perverser Liebhaber. Ich hatte eine ganz normale Beziehung zu meiner Frau und dann zu Patricia. Ich fand beide schön, und beide gefielen mir. Als ich bei der einen war, konnte ich es richtig genießen und die andere vollkommen vergessen. Nur nach der aufregenden Vorbereitung und nach dem Liebesakt erinnerte ich mich plötzlich an die Abwesende mit einer sehr verschwommenen Sehnsucht und dachte: „Was mag die in diesem Moment ohne mich machen?“ Mit einer gewissen Eitelkeit, aber auch Unruhe war ich mir der Tatsache bewusst, dass die zwei Frauen sehr abhängig von mir waren, meiner Nähe bedurften und immer auf mich warteten. Ich konnte so gut einen schönen Urlaub bei der einen oder bei der anderen verbringen, als würden sie sich nicht widersprechen, sondern eher ergänzen. Nur die letzten zwei Tage meines Urlaubs mit Adelaide waren meistens besonders schwierig und voller beleidigter Diskussionen, denn sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ich sie bald verlassen würde, um meinen restlichen Urlaub bei „der Fremden“ zu verbringen. Ich versuchte mein bestes, um etwas Gerechtigkeit in der Teilung meiner Person zwischen den beiden zu schaffen. Der Sommerurlaub war für beide gleich verteilt. Im Herbst gab es eine Woche für meine Geliebte, und die Weihnachtsferien gehörten natürlich der Familie. Die arme Patricia musste dann gänzlich ohne mich auskommen, was manchmal mein Mitleid erweckte, denn sie hatte ja nur ihre alte Mutter und die Hunde, während ich so viele Menschen um mich hatte: Kinder, Freunde, Schwiegereltern und noch dazu die zukünftigen Schwiegereltern unserer großen Tochter, Afrika, die schon verlobt war.
Ich fühlte mich mit meinen zwei Frauen zufrieden, auch wenn sie mir manchmal das Leben schwer machten. Eine Woche im Jahr bestand ich auch darauf, mich von ihnen zu befreien und etwas ohne sie zu unternehmen. Meistens fuhr ich mit zwei ledigen Arbeitskollegen zusammen auf Fahrradtouren oder Wanderungen. Die beiden Frauen jammerten, jede auf ihre Art, und sie hätten mir diese Freiheit am liebsten nicht gegönnt. Alles wiederholte sich, die kleinen Kriege, die unterdrückten Verdächtigungen. Adelaide glaubte einfach, dass ich zu der anderen ging: „Du willst es nicht zugeben, aber sie kriegt noch eine Woche. Sie bekommt mehr von deinem Urlaub als ich.“
„Deine Eifersucht ist zum Kotzen“, sagte ich und ging.
Marie-Patricia war auch ein Papagei. Sie riet mir immer mit ihrer Kinderstimme und ihrem singenden französischen Akzent wieder zur Trennung: „Trenne dich von ihr, sonst findest du keinen Frieden. Dann könnten wir richtig leben. Und die Kinder sind schon erwachsen.“
Aber die Trennungsgedanken waren von meiner Seite aus schon überwunden. Vor ein paar Jahren hätte ich es getan, doch jetzt nicht mehr. Warum denn? Es bestand keine Notwendigkeit, da ich beide Frauen haben konnte. Der Liebesakt mit den beiden war sehr reizvoll und abwechslungsreich für mich, denn sie strengten sich sehr an, mich zu halten, mich zu locken und eine besondere Intensität mit mir zu erleben. Sie konkurrierten in gewisser Hinsicht, wollten mir gefallen, mit ihrer Kleidung, der Frisur, Make-up, Sprache und Manieren und mit ihrer Bereitschaft zur Liebe. Wie die Mädchen in einem Harem es auch wahrscheinlich gefühlt hatten, empfanden sie meine Gunst in abwechselnden Nächten als eine Auszeichnung und zeigten sich unterwürfig, mit allem einverstanden, und sie waren selbst nach dem langen Warten ausschweifend und zügellos, denn ich war nicht immer zur Verfügung trotz meiner leidenschaftlichen Natur. Nur einmal in den ganzen Jahren war es mir möglich gewesen, die zwei Frauen in derselben Nacht zu befriedigen, meine Frau zu Hause und meine Freundin im Taxi auf dem Weg zum Wald.
Mein Körper und auch mein Gewissen erlaubten mir solche exzessive Vermischungen nicht. Aus einem bestimmten Taktgefühl heraus wollte ich auch nicht Vergleiche zwischen dem Liebesakt mit der einen oder der anderen anstellen. Jede hatte ein autonomes Revier: Szenen vom Familienleben die eine, ein einsames Zimmer mit wilden Orgien des Ehebruchs die andere. Aber, wie gesagt, beide verhielten sich fast gleich in ihrem Durst nach Sinnlichkeit mit mir und ihrem Wunsch mich zu besitzen, Macht über mich zu erlangen. Mit Adelaide war der Geschlechtsverkehr vielleicht etwas routinierter durch die Eingewöhnung von so vielen Jahren, trotzdem war es sehr fein und angenehm, und danach konnte ich am besten einschlafen und ohne Albträume sein. Der Kontakt mit Patricia war erschütternder und Genuss erzeugender bis zur Ekstase. Ich fühlte mich dann sehr wach, jung und mächtig, von vornherein dazu geschaffen, die Welt zu erobern und eine schöne Geliebte zu haben. Es gibt einen Zustand der sehr positiven und höchsten Freiheit, den nur gewisse Sünden herbeiführen können. Deshalb war mir das Glück mit meiner Freundin genau so heilig wie das andere.
Ich könnte mich unmöglich zu meiner Frau bekennen und dabei die andere Frau opfern, die mir auch so wichtig geworden war. Es war eine Sackgasse und ich fühlte, ich war für beide da, nicht nur für eine, solange ich auf der Welt lebte. Das Leben meiner Freundin interessierte mich, genauso sehr wie das meiner Kinder oder meiner Frau. Als sie mich brauchte, fühlte ich mich verantwortlich und an allem interessiert, was sie betraf: Die Arbeit mit dem Taxi, ihre Hunde, die Krankheit ihrer Mutter, die Beziehung zu ihren Geschwistern und ihrem geschiedenen Mann. Ich empfand, dass unsere gegenseitige Freundschaft keine Grenze mehr kannte. Einmal, als sie ziemlich viel Geld im Lotto gewonnen hatte, bezahlte sie eine Reise von drei Wochen nach Italien für uns beide. Aber meistens versuchte ich, den Urlaub für sie zu finanzieren, da wir das ganze Jahr getrennte Kasse hatten. Ich fuhr sie zu den verschiedensten Orten mit meinem Campingwagen, und immer kamen ihre zwei Hunde mit. Sie war sehr fröhlich, dankbar für alles, was ich machte; sie brauchte viel weniger Geld als meine Frau, habe ich das Gefühl.
Es waren nicht nur leichtfertige Spiele und erotisches Vergnügen, sondern auch ernsthafte, gemeinsame Interessen. Einmal, als ihre junge Cousine starb und Patricia in eine schwere Depression verfiel, versuchte ich alles Mögliche, um sie zu trösten. Als sie sich beim Skilauf den Arm verletzte, war ich ebenfalls für sie da und besuchte sie oft im Krankenhaus. Als sie einen Unfall hatte und ihr Auto fast einen ganzen Monat in Reparatur war, holte ich sie mit meinem Wagen zwei Mal in der Woche vom Englischkurs ab, damit sie nicht so lange auf öffentliche Verkehrsmittel zu warten hätte. Auch mit ihrer armen Mutter war ich befreundet und ich brachte ihnen oft Pralinen und CDs, wofür sie sich eifrig bedankten. Und das war eine Sache, die meine Frau nicht verstehen konnte, dass ich meine Freundin nicht nur begehrte, sondern auch liebte, wie sie selbst.
Manchmal gab sich Adelaide mir in großer Leidenschaft und fanatischem Eifer hin, wie um mich endgültig von ihren Vorzügen zu überzeugen. Ihr Körper antwortete auf meinen Körper vorbehaltlos, ohne Grenzen der Vorsicht, und sie stöhnte voller Schmerz und Wolllust, was ich besonders reizvoll fand, denn sie verweigerte mir nichts mehr an extremen Experimenten, die ich auch mit ihr ausprobieren wollte und die ich bei meiner Freundin gelernt hatte. Sie wollte nicht zu keusch, rückständig und minderwertig erscheinen, und sie ging noch weiter als die andere in ihrer Ausgeliefertheit, um mir zu gefallen.
„Ja, noch mehr, noch mehr“, ermutigte ich sie wild. „Du bist klasse, noch besser, als früher. Ihr macht mich fertig.“
Die zwei Schwestern in der Liebe taten sich irgendwie zusammen aus der Ferne, um mich zur uferlosen Sinnlichkeit zu erwecken. Ich glaube, meine Frau war auch glücklich in solchen Augenblicken; nur als unsere Körper sich zum Schluss trennen mussten, flüsterte sie in plötzlicher Erinnerung und beinahe mit Entsetzen: „Du gehst jetzt doch nicht direkt zu ihr, oder?“
„Nein, erst morgen Nachmittag.“
Sie sagte niedergeschlagen: „Ich bin unrein und unwürdig. Unter diesen Umständen sollte ich keinen sexuellen Kontakt mehr mit dir haben, wir sollten nicht mehr im selben Bett schlafen.“
„Aber du hast es so gerne. Du wolltest es selbst wieder.“
Gewöhnlich nach ein paar Tagen konnte sie der Versuchung nicht widerstehen und ihre Natur verlangte danach. Vielleicht konnte sie den Gedanken nicht ertragen, dass ich Marie-Patricia jetzt treu sein sollte. Auch ihre „Schwester“ sollte leiden und hintergangen werden.
Gewöhnlich kam sie mit zwei Gläsern Wein in den zitternden Händen und sagte mit einer anscheinend frivolen Koketterie: „Lassen wir den Krieg für einen Augenblick sein.“
Und sie fiel sofort verzweifelt und sehnsüchtig in meine Arme. Ich konnte sie nicht ablehnen, auch aus praktischen Gründen nicht, denn ich war schnell erregbar und sexuell bereit, es sei denn, wenn sie sich sehr schlecht benommen und mich besonders unerfreulich ausgeschimpft hatte. Sonst konnte ich ihr leicht verzeihen, da sie mich so ergeben und anspruchslos in ihre Nähe ließ. Manchmal war uns der Liebesakt zu kurz und wenig. Dann wiederholte ich ihn in derselben Nacht, um sie mehr zu versöhnen.
So war die Lage nach fast 25 Jahren Ehe. Sie war zweifellos ein Teil von mir und ich liebte sie auch, obwohl ich ihr fremdging. Die beiden Frauen taten mir abwechselnd leid. Sie konnten mir viel Genuss, aber auch viele Sorgen bereiten.
Armin Gross, einer der zwei Arbeitskollegen, die mit mir ein paar Tage im Jahr wegfahren, grüßt mich nach langer Abwesenheit und fragt mich nach dem Stand der Dinge. Er ist einer der wenigen, die meine private Situation kennen.
„Wie geht es deiner Frau? Und deiner Freundin?“
Ich atme schwer und fühle mich außer Stande, die Sache so einfach zu beantworten.
„Gut. Aber... Die Sache ist jetzt noch viel komplizierter geworden.“
„Was meinst du damit? Hat eine von den beiden ein Ultimatum gestellt?“
„Nicht genau. Das Problem ist... Ich habe eine neue Freundin.“ Armin ist überrascht und sofort neidisch: „Wieso? Noch eine? Du hast aber einen langen Atem, Mensch! Was hast du mit Patricia gemacht? Weiß sie auch davon?“
„Nein, sie habe ich ja gar nicht mehr... Mit drei Frauen hätte ich es nicht geschafft. Zwei reichen mir vollkommen.“
„Musstest du rücksichtslos zu der zweiten sagen: „Eine neue Liebe ist da und ich verlasse dich?“
„Nein. Wir hatten schon Schluss gemacht. In letzter Zeit und besonders im letzten Urlaub verstanden wir uns nicht so gut, und dann traf ich Corinna, mein himmlisches Geschöpf.“
„Prima. Erzähl von der Neuen. Wer ist sie?“
„Wir kannten uns schon seit Jahren, seit der Oberstufe im Gymnasium. Ich mochte sie und schwärmte immer von ihr, es war aber ein fast unmöglicher Traum, so schön, fähig und begabt mit einer sehr verantwortungsvollen Position in einem Hotel. Eines Tages - nach ihrer Scheidung - trafen wir uns zu den Karnevalstagen, hatten viel Spaß miteinander und dann entwickelte sich unsere feine Freundschaft zu einer explosiven und unvergleichlichen Leidenschaft. Ich kann es jetzt kaum noch fassen, dass ich so etwas Großartiges, das man nur in Träumen verwirklichen kann, für mich erreicht habe.“
„Karneval war das? Vor zwei Monaten ungefähr?“
„Ja.“
„Und lebt ihr schon zusammen?“
„Teilweise schon. Zu meiner Frau gehe ich nur äußerst selten. Nur wenn wir von Verwandten oder Freunden eingeladen werden oder wenn etwas mit den Kindern ist. Ich bin meistens in Corinnas Wohnung.“
„Meine Güte, es muss ein Schlag für die arme Adelaide gewesen sein! Sie muss sich sehr gefreut haben, als du Schluss mit der anderen machtest. Sie dachte schon, sie wäre bald die einzige und war erleichtert. Und jetzt kommt die Neue mit einer verdoppelten Intensität und entführt dich gänzlich.“
„Genau. An den alten Rhythmus hatte sie sich schon gewöhnt. Jede wusste, was sie von der anderen zu erwarten hatte, keine heftigen Überraschungen mehr; seit Jahren war es immer ungefähr das gleiche. Aber jetzt kommt eine neue Kraft ins Spiel von ungeheuerlichem Umfang, die nicht mehr gebremst werden kann. All die bisher getroffenen Arrangements müssen jetzt fehlschlagen. Corinna ist weniger kompromissbereit als Marie-Patricia. Sie will klare Verhältnisse, dass ich mich von meiner Frau trenne.“
Armin lacht boshaft: „Es ist gar nicht so einfach für dich, eh? Es ist mehr oder weniger wie ein zweiter Zyklus, als es mit der zweiten anfing.“
Ich finde, er relativiert meine Erfahrungen zu sehr, er misstraut meinen Launen und hält mich für stark genug nur am Anfang einer Beziehung, meine Leidenschaft aufrechtzuerhalten. Nachher werde ich Zugeständnisse machen, denkt er, und wieder bei meiner Frau bleiben. Wie kann ich ihm vermitteln, dass meine Gefühle für Corinna jetzt vielleicht noch intensiver und echter als für die zweite vor zwölf Jahren sind?
„Du bist ein kleingläubiger Geist“, sage ich gekränkt. „Du denkst, es ist nur weil wir uns am Anfang befinden. Nach einem halben Jahr werde ich schon einer ganz anderen Meinung sein.“
Arnim verneint mit dem Kopf.
„Ich habe so etwas nicht behauptet. Es liegt aber nahe, dass du nicht besonders konsequent bist. Deine Frauen verdrehen dir den Kopf und bringen dich durcheinander. Jetzt sind es schon drei. Wiederholungsmuster und Ersatzmechanismen bleiben dir beibehalten: eine Ehefrau und eine Geliebte, dann noch eine zweite Freundin. Eine vierte oder fünfte Frau wäre nicht völlig auszuschließen.“
Im gewissen Sinne hat er Recht. Die Liebe ist groß... aber wechselt den Gegenstand. Wer hätte mir gesagt, dass meine Taxifahrerin mit ihren Hunden und ihrer Mutter völlig aus meinem Leben verschwinden würde und an deren Stelle Corinnas schöne Wohnung und das große Hotel, in dem sie arbeitet, jeden Tag auf mich warten würden? Auf nichts ist Verlass, und Armin glaubt nicht mehr an die Beständigkeit meiner Neigungen und die Größe meiner Liebe. Bisher hat er noch daran geglaubt, weil ich schon so viele Jahre mit den zwei Frauen zusammen war. Naja, als Frau würde er mich viel härter beurteilen, aber als Mann hat er Verständnis dafür und erleidet keine Enttäuschung.
Voller Begeisterung beschreibe ich meine neue Freundin. Er nickt wieder neidisch und pfeift entzückt: „Du wirst sie mir vorstellen, nicht wahr? Die anderen zwei kenne ich nicht persönlich.“
Die Angelegenheit ist aber nicht so locker und fröhlich, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Corinna gibt mir zwar ein rasendes Gefühl von Frühling und Jugend, wofür ich ihr unendlich dankbar bin. Es lohnt sich wirklich zu leben, um solche interessanten Frauen wie sie zu treffen, und ich bereue es nicht, dass sie meine ganze Existenz durcheinander wirft. Ich würde es nie missen wollen, und trotzdem... Es ist nicht einfach. Wenn Armin mich auf seine polarisierende Art fragt: „Bist du denn sehr glücklich, wie ein verliebter Teenager?“, antworte ich deshalb besorgt, beinahe mürrisch und traurig: „Nicht so ganz. Corinna fordert viel von meiner Aufmerksamkeit. Sie ist eine tolle Person und begnügt sich nicht mit Halbheiten. Sie würde mich missachten, wollte ich beides retten, meine Beziehung zu ihr und meine Ehe; sie steht auf dem Standpunkt, dass nur eines möglich ist. Und im Moment ist uns kein besonders unbeschwerter Anfang gegönnt: Sie hat schon seit Jahren eine versteckte, aber schmerzhafte Hautkrankheit und gerade in den nächsten Wochen muss sie operiert werden. Ich werde mir extra Urlaub nehmen, um sie dabei zu unterstützen, um sie bei Operation und Nachoperation zu pflegen. Auch wenn wir statt Karibik-Kreuzfahrt nur Krankenhausatmosphäre als Hintergrund unserer Liebe haben werden, bin ich deshalb nicht enttäuscht. Alles verwandelt sich bei ihr in eine idyllische, erholsame Reise, und wenn man liebt, kann man auch Krankheiten überwinden.“
„Verdammt, das ist schon Pech mit Euch! Wenn sie völlig gesund gewesen wäre, hättet ihr eine viel bessere Zeit gehabt. Ich kann mir vorstellen, dass Krankheiten trotz Liebe immer unvorteilhafte und gereizte Seiten der Menschen an die Oberfläche bringen.“
„Nicht immer. Sie ist sehr geduldig und souverän. Und dass wir von vornherein schon zusammen durch dick und dünn gehen, ist vielleicht ein sehr positives Zeichen für unsere Beziehung. Aber sicher, ich habe ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber Adelaide und den Kindern, die ich kaum noch sehe. Sie verzweifelt schon, ist krank vor Eifersucht und ständigen hysterischen Anfällen, die sie nicht mehr kontrollieren kann; sie wiederholt ihre alten, kompromissbereiten Angebote wie vor zwölf Jahren, will und will nicht mich loslassen, unter keinen Umständen ganz auf mich verzichten. Aber jetzt ist sie nicht mehr so jung wie damals. Sie wirkt so angegriffen, zusammengebrochen und traurig. Sie tut mir wirklich leid. Zweimal habe ich sie zum Urlaub mit unserem Auto gefahren, denn sie hat keinen Führerschein, und so habe ich sie auch abgeholt; einmal war sie bei ihrer Familie, um ein bisschen Kräfte zu sammeln, und dann in den Ferien mit den Kindern auf einer Insel. Aber das Drama dabei ist, dass ich nur meine Fahrdienste anbiete und dann nicht dort bleibe wie sonst. Und jetzt werde ich auch zwei Wochen Urlaub gänzlich bei meiner Freundin verbringen, bis sie operiert worden ist. Ich komme ja nur selten nach Hause, nur um ab und zu meine Wäsche zu wechseln oder Ottos Geburtstag am vorigen Sonntag zu feiern. Technisch gesehen ist es mir auch etwas ungewohnt und umständlich ohne mein Zuhause auskommen zu müssen. Ich vermisse meinen Schreibtisch, mein Bett, die Katze und so viele Sachen, die mir jetzt an allen Ecken und Enden fehlen. In Corinnas Wohnung bin ich nicht ganz einheimisch, es ist nur eine vorübergehende Lösung. Seitdem ich dort verweile, habe ich einen fieberhaften Zustand von Unwirklichkeit, Unruhe und Erstaunen.“
„Also nicht ganz zufriedenstellend. Du hängst doch an den Deinigen.“
„Ja, sogar an dem Viertel, in dem ich immer gewohnt habe (ich war immer auf dieser Seite des Rheins) und an diversen Gewohnheiten, wie zum Beispiel meine kleine Veronika hin und wieder mit dem Auto von der Disco abzuholen oder meine Frau von der Arbeit, wenn sie Nachtschicht hat. Es sind alles Pflichten, die ich jetzt versäume; ich kann mich nicht vierteilen und in zwei Haushalten gleichzeitig anwesend sein. Die Unruhe scheint mein Schicksal zu sein. Immer diese Frauen! Manchmal, sogar in den Augenblicken, wenn ich meiner Freundin so verfallen bin, so voller Einigkeit mit ihr und in der brennenden Sicherheit unserer Liebe, verfolgen mich die Vorwürfe meiner Frau, ihre Tränen und ihre drohende Hand mit einer Pistole, und die Stimmen unserer Töchter, die umsonst versuchen, die entstandene Lage zu analysieren. Nein, ich war glücklicher in den ersten vier Wochen. Jetzt sehe ich mehr die Probleme, natürlich, die Unbequemlichkeiten. Aber vielleicht ist es so, weil Corinna und ich noch nicht richtig zusammen leben. Wenn wir ganz neu in eine Wohnung einziehen könnten und ich die meisten meiner Sachen bei mir hätte, dann würde ich nicht so viel vermissen. Ich könnte mit voller Kraft die Freuden der Liebe genießen.“
„Wenn, wenn...“ Armin lacht wieder, aber etwas gezwungen. „Es scheint, du bist noch nicht entscheidungsreif. Du hast dich in eine Sackgasse hinein manövriert. Jetzt fehlte nur noch, dass Patricia auch mit ihren alten Rechten käme und sich bei dir melden würde. Bei deinem großen Herz, wenn sie plötzlich Sehnsucht nach dir hat, wirst du sie nicht ablehnen, oder? Vielleicht solltest du dich von allen Frauen befreien, ein paar Monate in einem Apartment leben und abwarten.“
„Ja. Vielleicht wäre es das beste. Mein Problem ist wahrscheinlich, dass ich alles zu ernst nehme. Du bist alleinstehend und gehst von Blume zu Blume wie ein Schmetterling ohne Gefahr, während ich mir immer die Flügel daran stoße, und dabei denken die Frauen immer, dass ich zu eigensüchtig bin, um zu leiden. Von Natur aus bin ich in jeder Beziehung monogam, und die Konfrontation auf die Dauer schreckt mich.“
„Du bist auch kein Opfer, mein Lieber. Wenn überhaupt ein Opfer in der ganzen Geschichte ist, scheint es mir deine Frau zu sein. Aber ich wette, sie ist nicht so schwach, wie sie tut. Mit ihrer alten Geduld und ihren Verführungstechniken wird sie dich vielleicht wieder zurückgewinnen.“
Wie immer habe ich jetzt Angst zu viel gesprochen zu haben. Die Frauen entfremden mich gewissermaßen von meinen Männerbekanntschaften, ich bleibe oft reserviert und still.
Corinna muss wie geplant ins Krankenhaus in eine andere Stadt zur Operation, und ich werde sie begleiten. Ich fahre zu mir, um meinen Koffer zu packen. Adelaide bleibt wie eine Statue unbeweglich stehen und betrachtet mich konsterniert.
„Ich dachte damals, ich hatte schon das Schlimmste erlebt. Aber jetzt ist es noch viel schlimmer geworden. Du kommst immer seltener, du weißt kaum noch, dass du eine Familie hast.“
Wie immer versuche ich, ihr etwas zu geben, woran sie sich klammern kann.
„Nach dem Urlaub…… dann komme ich wieder. Ich brauche diese paar Tage unbedingt. Dann renoviere ich den Kellerraum für Veronika und ich begleite dich zum Kieferchirurgen wegen der Implantate.“
Sie scheint dadurch etwas hoffnungsvoller zu sein und lächelt.
„Werden wir hin und wieder ein Glas Wein trinken, wie in alten Zeiten?“
„Vielleicht.“
Aber ich zögere. Ich will da nichts versprechen. Etwas hat sich gravierend verändert. Bisher konnte ich sie und Marie-Patricia noch auf einer ähnlichen Ebene sexuell attraktiv finden. Aber im Moment, durch den Ansturm der neuen Liebe, empfinde ich Adelaide nur als eine Schwester. Sie ist auch sehr abgemagert, blass, so deprimiert und ausdruckslos, dass sie einem nur leid tun kann. Sie hat viel von ihrem Glanz, dem Humor und Selbstvertrauen verloren.
Sie scheint meinen hilflosen, brüderlichen Blick zu spüren und flüstert atemlos und mit trockener Kehle: „Ich muss mir Bonbons kaufen. Es war schon genug, das ganze Theater, die ganzen Jahre mit der zweiten... Doch ich dachte, du konntest irgendwie nichts dafür. Zweimal hatte es dich erwischt, die große Leidenschaft, und du littst auch unter dem harten Prinzip der Treue zu uns beiden. Aber jetzt... Du hast mich so enttäuscht! Ich weiß auch nicht, ob ich die Kraft aufbringen kann, diese zweite Geschichte wie die erste durchzumachen, wieder von vorne anfangen und die Krumen vom zweiten Tisch blauäugig und sanft zu meinen Lippen zu nehmen. Eine zweite Schwester ist mir schon zu viel.“
„Ich verstehe dich gut“, sage ich gerührt, aber teilweise froh, dass ich ihr wenigstens mein Verständnis anbieten kann.
„Es ist sehr schade, dass ich nicht einen Partner gefunden habe, der nur mich geliebt hat, ohne immer noch andere Frauen zu brauchen. Ich habe es wohl verdient.“
„Ja. Es war kein Fehler von dir. Es lag an meiner Natur.“
„Ich habe kein Glück in meiner Wahl gehabt, das ganze Schloss meiner Superträume bricht zusammen. Ich sollte dich endlich freigeben. Aber ich kann es noch nicht.“
Ein ähnlicher Satz wie vor zwölf Jahren wird von ihr ausgesprochen, nur dass sie jetzt so leidend und gebrochen aussieht, dass ich mir wie ein Verbrecher vorkomme. Ich kann es ihr nicht verdenken. Sie krankt an der Ehe-Not, so wie ich am Ehebruch unwiderruflich erkrankt bin.
Jetzt gehe ich zu meiner schönen und warmen Freundin. Hoffentlich macht sie mir das Leben nicht so schwer wie meine Frau.
In gewisser Hinsicht und von allen moralischen Bewertungen abgesehen... Die drei Schwestern in der Liebe, die drei Frauen wie die chronischen Engel meiner Sucht, wachen über mir und machen mein Leben so wertvoll und vielseitig mit ihrer Gegenwart oder mit der Vergangenheit, die sie darstellen. Zum Teil habe ich sie selbst erschaffen, sie sind mein Kunstwerk, und man sollte mich nicht nur einen Frauenliebhaber, sondern einen Dichter nennen, denn ich rette alle, sogar die ältere Dame und die kleinwüchsige Nachbarin im Rollstuhl - und vor allem meine drei Auserwählten - vor der Asche der Gleichgültigkeit und des Sterbens. Mag sein, dass ich ihnen auch das Sterben durch meine Untreue bringe. Aber andererseits stelle ich mit Erleichterung fest, dass meine drei Edelsteine noch nicht tot sind, sondern dass sie lebendig gemütlich und liebevoll mein pubertierendes Herz bewohnen.
Ich bin ein alter Baum…… oder zumindest komme ich mir sehr alt vor, obwohl ich nicht zu den ältesten gehöre. Ich bin zum Beispiel nicht die ganz alte Fichte in Schweden, die fast 10 000 Jahre zählt, noch eine der Grannen-Kiefern in den White Mountains in Kalifornien, die 4 000 bis 5 000 Jahre alt werden. Ich bin eine einfache Eiche wohnhaft in Deutschland und habe bisher 507 Jahre gelebt. Gewissermaßen kann man mich für durchschnittlich halten, ich gewinne keinen Rekord, werde nicht vom Fernsehen fotografiert und stehe nicht unter Denkmalschutz wie die schwedische Fichte als einmaliges Exemplar. Aber im Vergleich zu den Menschen kann ich mich glücklich preisen. Wer lebt so lange? Höchstens 107 oder 130 Jahre. Für sie bin ich so gut wie endlos und sie beneiden mich um diese halbe Ewigkeit, die ich besitze, denn alles ist relativ. Der Hund würde auch, wenn er denken könnte, den Menschen um seine Langjährigkeit beneiden. Die Menschen beneiden auch die langlebigen Schildkröten und ich beneide die Steine, die noch viel widerstandsfähiger, zäh und weniger verletztlich sind als ich.
Wie sagt das Lied von Hans Hartz? Nur Steine leben lang. Und auch einige Tiere sind so alt wie ich: Korallen (oder Anemonen?) in der Antarktis, die die 500 Jahre erreichen. Ich beneide auch den Riesenschwamm, dessen Alter mindestens auf 10 000 Jahre geschätzt wurde.
Nein, ich bin froh, dass ich kein Stein bin, denn Steine erleben so wenig und fühlen gar nichts. Jedoch wir, die Bäume, wir sind empfindlich, poetisch veranlagt und lebendig. Holz ist auch weniger streng und hart als Stein; wir streicheln die Hände der Menschen, der Kinder, die uns anfassen. Wir sind grün und braun, erfrischend, geben der Umwelt Sauerstoff und Schatten dem müden Wanderer. Auf unsere Art sind wir wohltätig. Wir stehen fest verwurzelt, würdig und hoch gewachsen, während die Steine meistens gefallene, bewegliche und horizontale Körper ohne Wurzeln sind, die man mit sich tragen kann. Oder sie sind zu unmenschlich schwer, wie der Sisyphosstein...
Die Steine sitzen oder erscheinen wie auf der Erde umgeworfene Materie, während wir königlich stehen bleiben. Unsere waagegerechte Position bringt uns in die Nähe des Menschen und macht uns den Tieren überlegen. Die Tiere haben uns zwar ihre Bewegungsmöglichkeiten voraus, ihr Fliegen, Springen, Rennen... und da bin ich wieder etwas neidisch. Aber andererseits halte ich nicht so viel von der Bewegung. In der Stille kann man tiefer grübeln. Außerdem bewegen wir uns ja auch, mit der Erde, und wir sind noch mehr in der Erde drin als alle anderen.
Mein einziges Manko ist, dass ich nicht mit den übrigen Bäumen sprechen kann; die Vögel übertragen meistens unsere gegenseitigen Botschaften. Sonst bildet jeder Baum eine autonome Welt für sich. Die Wurzel, der Stamm und die Krone reden miteinander. Unser schönes Kleid, die Blätter, reden miteinander.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, als ich aus dem Nichts entstand und wie meine ersten Jahre als kleiner Baum waren. Da ich schon so viele Jahre lebe, ist mein Gedächtnis nicht mehr so gut. Amerika war schon teilweise entdeckt worden und die Renaissance in voller Blüte, als ich zur Welt kam. Gott sei Dank war das grauenvolle Mittelalter mit dem schreckenden Monster der Pest schon vorbei, obwohl es isolierte Pesterscheinungen auch zu meiner Zeit gegeben hat. Doch sie waren nicht in meiner unmittelbaren Nähe. So unterbrach nichts die idyllische Ruhe im Walde und mir blieb der Anblick zermarterter, kranker Körper und der vielen Toten erspart.
Nur manchmal erzählten die Vögel furchtbare Geschichten und ich versuchte, sie zu trösten, oder sie kamen mit letzter Kraft, mit gebrochenen Flügeln, sehr verletzt, und starben sogar zwischen meinen traurigen Blättern, die weinten. Ich konnte solche quälenden Szenen nicht vergessen, gerade weil sie im harten Kontrast mit dem Frieden und der Einsamkeit des Waldes standen. Während der napoleonischen Kriege kam noch mehr Elend zu uns. Einige deutsche Soldaten suchten Zuflucht in den Wäldern, wurden aber von den Franzosen verfolgt und getötet. Ich sah die Leichen, die Schlacht, und zum ersten Mal hätte ich gern den Ort verlassen. Hätte ich bloß Beine gehabt und wäre ich nicht so unwiderruflich an die Erde gebunden gewesen.
Einmal tötete sich ein junger Mann mit einer Pistole und schrie wie wahnsinnig den Namen einer Frau durch den Wald. Manchmal kamen Gruppen von Wanderern oder Spaziergängern und zerstreuten mich mit ihrem Geplauder, ihren Picknicks und Witzen. Ich schaute interessiert ihre Bekleidung an, die vom 16. Jahrhundert, die vom 17. und bis hin zu unserem 21. Jahrhundert. Es ist wie eine kleine Modenschau für mich, wenn all diese Menschen den Wald besuchen. Meistens tragen sie sportliche Anzüge, aber 1824 sah ich an einem sehr kalten Herbsttag auch eine schöne Dame mit einem Pelzmantel. Der Mantel berührte meinen Stamm, kitzelte mich beinahe; gern hätte ich ihn um meinen Leib gelegt.
Manchmal kommen mir Liebespaare entgegen; sie zittern, träumen... und ich beobachte sie mit meinen alten Augen der Erfahrung. Eine süße Italienerin mit einem wunderbaren Parfüm zog sich gänzlich vor mir aus; der Mann reagierte plötzlich sehr wirld, und ich empfand einen Baumorgasmus, wenn man es so definieren kann. Mein Harz floss heftig und machte meinen Körper ganz warm, wie durch flüssige Tränen. Das war im Sommer 1883.
Manchmal kommen Schulklassen in den Wald, mit aufgeregten Stimmen und Gesichtern, wie eine Barbarenhorde, als wollten sie etwas entführen: Die Natur, die gute Luft, die unvergleichliche Ruhe in dieser Ecke der Welt und mich... aber mich können sie nicht entführen, nur kurz anfassen. Die Kinder lehnen sich an mich, atmen tief ein, und die Lehrer zeigen am Beispiel der schönen Bäume und Pflanzen, wie unberührt und gesund die Natur hier noch ist, trotz Umweltverschmutzungsexperimente - fast wie vor drei Jahrhunderten, als alles noch heil und intakt war.
„So stark wie dieser Baum sind kaum noch welche“, sagte ein melancholischer Lehrer mit düsterer Miene.
Die Kinder wollten sehen, wie stark ich wirklich war. Sie schlugen mich und kniffen unaufhörlich an mir. Doch es tat nicht weh. Ich war tatsächlich so stark wie ein Stein, und trotzdem empfindlich, poetisch und sentimental wie ein Tangosänger, wie Carlos Gardel. Das war am 7. September 1980, das weiß ich ganz genau. Mein Kurzzeitgedächtnis ist gut, nur die fernen Zeiten entgleiten mir manchmal.
Mein schlimmstes Erlebnis war ebenfalls im 20. Jahrhundert, ein paar Jahre zuvor gewesen. Aber es war nicht der erste Weltkrieg oder der zweite, obwohl ich auch darunter sehr litt wegen der verzweifelten Erzählungen der Vögel, die sich wie jüdische Vögel in Horrorgestalten verwandelten, das Fliegen verlernten und nur marschieren konnten, um sich in den Abgrund zu stürzen. Sogar die Schwalben verloren ihr Interesse an warmen Ländern und wollten nur fallen oder wie ein gekreuzigter Jesu hängen bleiben. Es war wirklich entsetzlich mit den zwei Kriegen, und besonders mit Hitler.
Aber mein persönlich dramatischstes Ereignis war im Dezember 1961. Anstatt Weihnachten zu feiern, wäre ich beinahe tot gewesen. Eine Masse von rauschgiftsüchtigen Vandalen traf sich im Wald und begab sich in eine Orgie der Verantwortungslosigkeit und Unzurechnungsfähigkeit. Sie rauchten und rauchten, tranken sich besinnungslos... Eine ihrer Zigaretten fing Feuer, und unbeabsichtigt wurden sie zu Brandstiftern und Zerstörern der Natur. Sie flüchteten, aber das Feuer blieb, und ich konnte ihnen nicht nachlaufen. Alles brannte, zwei meiner Nachbarn verbrannten, zwei gute Bäume meiner Kindheit; fast wie meine zwei Geschwister waren sie gewesen.
Gott sei Dank kam ein sehr starker Regen und rettete mich, bevor die Flammen sich in mich hineinschleichen konnten. Damals wurde es mir natürlich bewusst, dass wir Bäume nicht unsterblich sind, wir haben bloß eine verlängerte Lebensspanne, manche von uns. Doch ich muss es gestehen, ich gab mich oft der Illusion hin, als würde ich ewig leben, da ich nach so langer Zeit, über 500 Jahre, so daran gewöhnt bin zu leben. Dieser besagte Tag in 1961 war ein Schock für mich, denn ich hatte schon Menschen und Tiere sterben sehen, aber noch nie meine Landsleute, die lieben Bäume in meiner Nähe. Und wie sie verschwanden! Sie wurden zu nichts im Krematorium des brennenden Waldes. Nicht einmal kleine Reste konnten begraben werden.
Ja, ich habe mich täuschen lassen von den langen Jahren vor mir, die nie ein Ende zu nehmen schienen. Jede Spezies weiß instinktiv, mit wieviel sie zu rechnen hat. So wusste ich mit 100, dass ich noch mit ein paar Jahrhunderten rechnen konnte, und fühlte mich sicher und unbesiegbar. Wahrscheinlich lebt ein Hund intensiver als ein Mensch in den zwölf bis 16 Jahren, die ihm zugeteilt sind, aber mit wenig Glaube an das Leben, das für ihn so schnell geht. Und ich mit so vielen Jahren vor mir glaubte mich ewig, glaubte, der Verwalter der Ewigkeit zu sein. Ich war wie ein Gott des Waldes, jung und stark. Bis ich an jenem Tag meine lächerliche Schwäche und Bedingtheit begriff. Seitdem habe ich Angst vor Brandstiftern oder dass mich jemand mit einer Axt fällen und meine armen Knochen als Brennholz zum Heizen benutzen könnte. Im Grunde hänge ich an einem dünnen Faden und bete zu Gott, dass wenige Menschen kommen, denn die Menschen sind für mich viel gefährlicher als die Tiere. Kein Tiger oder Löwe würde auf die Idee kommen, einen Baum zu fressen.
Andererseits interessiert mich der Mensch mehr als alle übrigen Geschöpfe; ich kann mich mit ihm anfreunden und richtig zärtlich werden, wie dieses eine Mal, als ein schönes Kind, ein wunderbares Mädchen sich im Walde verlief. War es Gretel? Oder Schneewisschen? Nein, sie hieß anders. Aber viele Märchen erzählen von solchen himmlischen Gestalten im Wald. Mein Kind (Ursula hieß sie, glaube ich, denn sie wiederholte mehrfach ihren Namen, wie um die Einsamkeit aus ihrem Leib zu schaffen), mein Kind weinte bitter, als sie ihren Weg zu den Eltern nicht mehr zurückfinden konnte. Sie umarmte mich und suchte Schutz in mir, und ich versuchte, sie zu beruhigen und zu wärmen, wie ein alter Großvater.
Es war ein sehr kalter Januartag im Jahre 1923, und ich hatte Angst, dass sie erfrieren könnte, aber ich befahl dem Schnee uns in Ruhe zu lassen und weg zu bleiben. Und der Schnee gehorchte mir respektvoll, weil er sah, wie ernst ich es mit der kleinen Ulla meinte. Später kam die Polizei und die Eltern; einige zu Fuß, andere mit einem Hubschrauber, falls sie verletzt in ein Krankenhaus transportiert werden sollte. Alle freuten sich zu sehen, dass sie noch am Leben war, ganz heil, an eine stützende Eiche gepresst, an mich, der sie noch hielt und liebkoste. Die fünf Geschwister machten viel Krach, tanzten durch den Wald und wir waren alle glücklich, dass sie vor Hunger und Kälte gerettet worden war.
Ich liebte die Menschen so sehr, und auch die Geschichte der Menschheit trotz ihrer Grausamkeiten. Ich hätte wie ein Geschichtslehrer sein können, denn ich kannte mich aus in allen Perioden und Zuständen. Ich hatte den hundertjährigen Krieg nicht erlebt. Wo war ich damals, als er begann (1337) und zur Zeit der vielen Schlachten: bei Mopertuis, Nájera, Montiel, la Rochelle und so weiter? Wahrscheinlich war ich noch im Nichts versunken, noch keine Idee von einem Baum vorhanden, der nachher so schön und prächtig wachsen würde.
Aber später erlebte ich den dreißigjährigen Krieg: 1618 bis 1648; als er anfing, war ich ein junger Baum von 111 Jahren. Naja, für die Menschen schon sehr alt, aber für mich, als Baum mit einem riesigen Lebenspotential nur der Anfang, ein Bruchteil, ein Fünftel oder weniger meines gesamten Daseins. Wer weiß, wie viele Jahre ich noch leben werde?
Ich als 111-jähriger Baum bemerkte schon den Krieg, der mich zum Zittern brachte, obwohl weder Tilly, Wallenstein, noch der Kaiser Ferdinand II. in meinen Wald eindrangen; nur einige verirrte Soldaten, die unter meinem Schatten starben und dann von den gierigen Raaben aufgefressen wurden. Es tat mir sehr weh, das alles zu sehen, und ich konnte es seelisch nicht verarbeiten.
Diese grauenvolle Szene verschlug mir viele Tage lang den Atem und die Sprache. Man denkt immer, dass wir die Bäume
