Exotische Geschichten - Pilar Baumeister - E-Book

Exotische Geschichten E-Book

Pilar Baumeister

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Beschreibung

„Ich bin ,exotisch’, und das gibt mir viel zu denken; exotisch, aber nicht für mich selbst, nur für die anderen, die mich nicht genug kennen... Ich bin fremdländisch, sofort von den Einheimischen zu unterscheiden, kostbar, denn ich komme von so weit her.“ So sagt eine zugewanderte Frau über sich selbst. Auch die anderen Charaktere der 17 Geschichten werden sich besonders der geographischen Orte und der Nationalitäten bewusst, die das Leitmotiv des Buches bilden. Spanien, als Geburtsland der Autorin, und Köln, wo sie seit Jahren lebt, erscheinen am häufigsten, aber auch andere surrealistische Spielplätze wie Rom im Falle einer Heiligsprechung, Paris als atmosphärischer Rahmen für eine Künstlerin, die ihre Lieblingsstadt nicht mehr fotografieren kann und die Türkei mit ihren Touristen und dem Hof ihrer Bediensteten wie dem Animateur oder der Masseurin. Weitere Themen sind: Diktaturen, Migration, das Schicksal einiger blinden Frauen, eine veränderte Landkarte der Welt seit 1975, unerfüllte Sexualität sowie die Beziehung zwischen den Toten und den Lebenden.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Die unehelichen Kinder (Lateinamerika)

Die ungebrauchte Frau (Kurort in Bayern)

Ich und die anderen Hiobs, Eine spanische Familie in Köln

Die verborgene Sünde, ein spanischer Krimi

Die Königin und die Masseurin, der Animateur, die Leihmutter und der Datendetektiv (Türkei)

Ein Telegramm an das Jenseits

Eine fremde Substanz (in Spanien zu Francos Zeit)

Achtung, Krankheit! Die Spanier sehen keine Bakterien

Eine Gabe für Bielca. Tolstoi in den Luxushotels

...

Das unsichtbare, unhörbare Gespräch (Migranten in Köln)

Die Heiligsprechung von Thomas und Maria Bergmann (Rom)

Wahrheit? Fragezeichen. Ein deutsches Arbeitsparadies

Kulturpolitische Verknotungen, eine Kulturlandschaft Deutschlands

Die Landkarte der Begeisterung, Spanien und Deutschland 1975

Das letzte Diktat (Paris)

Lope de Vega als Frau in der Liebe

Eine exotische Geschichte

Zu der Autorin

Die unehelichen Kinder (Lateinamerika)

„Ich bin ein Flüchtling“, sage ich zu dem Mann auf dem Schiff, der mich mit interessierten Augen betrachtet.

Er ist viel jünger als ich, um die fünfundzwanzig, er heißt Tom und ist der Neffe des Kapitäns.

„Flüchtling?“ wiederholt er erstaunt. „Aus welchem Krieg sind Sie geflüchtet? Aus dem ehemaligen Jugoslawien? Aus Uganda? Aus Äthiopien?“

„Nein, aus einem lateinamerikanischen Land. Ich war die uneheliche Tochter eines Diktators.“

„Lebt Ihr Vater nicht mehr?“

„Sofern ich es von der Zeitung weiß, nein. Seit meiner Flucht sind schon ein paar Jahre vergangen. Ich war damals 22, als ich mit einem Schiff meine Heimat verließ. Jetzt befinden wir uns auch auf einem Schiff, aber es ist eine ganz andere Situation. Das hier ist eine Kreuzfahrt in die Karibik zum Vergnügen, damals war es Flucht. Ich war ein blinder Passagier ohne Papiere.“

„Erzählen Sie mir die Geschichte, Frau Harmony. Ich höre Ihnen gerne zu. Sie haben sich einen neuen Namen zugelegt, nicht wahr?“

„Ja, es ist ein Teil meiner neuen Identität, Harmony... Ich beginne dann mit meinem Hauptthema, den unehelichen Kindern.“

Franco hatte keine unehelichen Kinder. Dafür war er zu katholisch, obwohl auch Päpste, Priester und Nonnen bekanntlich solche gezeugt oder geboren haben. War nicht Rodrigo Borgia (später Alexander VI.) der Liebhaber zahlreicher Frauen, unter anderen Vanozza de’ Cattanei und Giulia Farnese? Als Kardinal hatte er sieben Kinder und im selben Jahr als er Papst wurde, noch eine Tochter, Laura.

Franco wollte seine fade Ehe mit Carmen Polo, der „Frau der Perlenketten“, wie sie genannt wurde, zurecht erhalten, und es gab nie irgendwelche Gerüchte, dass er sie betrogen hätte, so erzählten es mir meine spanischen Verwandten aus Sevilla. Ein einziges Kind, eine eheliche Tochter, entstand aus dieser Verbindung. Aber Franco war die Ausnahme. die meisten Diktatoren haben uneheliche Kinder, wie zum Beispiel Fidel Castro (dem sieben nachgesagt werden) und Kim Jong Il aus Korea (neun mindestens, mit Schauspielerinnen und Sängerinnen). Viele der Diktatoren sind auch selbst unehelich. So steht es auf meiner langen Liste: Stalin, Castro, Hussein, Manuel Noriega (Panamá), Eva Perón... Ob ihr Machttrieb etwas mit der Dunkelheit ihrer Geburt und der erlittenen Ungerechtigkeit zu tun haben? In meinen vielen Studien und Nachforschungen über Diktatoren (und Sie müssen wissen, dass das meine große Leidenschaft ist, meine Sucht und meine Manie) habe ich zahlreiche Hypothesen aufgestellt, u. a. dass die meisten so heersüchtig und machtbesessen wurden, gerade weil sie am Rande der Gesellschaft lebten, im Verborgenen, enterbt, außerhalb der traditionellen Familie, nur als Schmutzfleck und Sünde verstanden, vom Vater verleugnet und von einer im höchsten Grade gedemütigten Mutter zur Welt gebracht, einer Sklavin, einer Nebenfrau ohne Rechte wie das Kind selbst.

Ich glaube, unsere moderne Zeit ist viel besser in der Hinsicht. Jedes Kind, egal aus welcher Art von Beziehung, besitzt den gleichen Wert vor dem Gesetz und darf nicht aufgrund seiner Geburt benachteiligt werden. Und auch die unverheirateten Mütter werden nicht mehr so schief, wie Verbrecherinnen, angesehen.

Ich rede aus Erfahrung, denn ich gehöre auch in diese Gruppe... nicht in die der Mütter eigentlich, sondern in die der unschuldigen, Gezeugten, die der Bastarde, ohne sichtlichen Vater, in die Klasse der Königskinder, aber ohne Beachtung in der Thronfolge, denn das gilt immer noch in allen königlichen Häusern trotz des fortschrittlichen Denkens heutzutage.

Eine Überraschungsmischung aus den verschiedensten Schichten, bin ich... aus Dienerschaft und Aristokratie. Ich mache mich kundig über meine ganzen Vorfahren auf dem Gebiet in der Geschichte. Ich denke zum Beispiel an Juana, Beltraneja genannt, die nie zur Königin wurde weil sie als angebliche Tochter des Favoriten ihrer Mutter, Beltrán de la Cueva, vom kastilischen Adel nicht akzeptiert wurde, oder an die drei unehelichen Kinder Ferdinands, des katholischen Königs. Diese Beltraneja ist eine der traurigsten Figuren der Geschichte, zusammen mit Ana, der unehelichen Tochter von María de Mendoza und Juan de Austria (Nichte des Königs Philip II), die gezwungen wurde, gegen ihren Willen Nonne zu werden. Und heute ist es auch nicht viel anders. Der Hof schließt den Bastard automatisch aus. Man kann sich eine geschiedene Frau noch als Königin vorstellen, aber nicht eine außereheliche ungekrönte Prinzessin, die der Vater nicht anerkennt und die Stiefmutter gewöhnlich hasst oder ignoriert.

So vergessen viele oft die Stimme des eigenen Blutes. Andererseits gibt es aber Regierungsformen wie die römische, die es den Kaisern erlaubte, gerade fremde Kinder zu adoptieren und sie zu ihren Nachfolgern zu bestimmen. Warum hat mich kein fremder Vater adoptiert und mich zu einer wichtigen Gestalt im Hof gemacht?

Ich lächle pervers, zynisch und traurig. Denn es nützt mir wenig, dass die Vorurteile weniger sind. Und vielleicht sitzen sie genau so stark und mächtig, nur dass die Menschen jetzt über mehr Antidiskriminierungssätze verfügen, Waffen der Verstellung, theoriefungierte Gleichheitsgesetze, aber ohne Wirkung. Na ja, ich kann im Moment viel reisen und könnte einen Ländervergleich womöglich anstellen, um über die praktische Anwendung von Gesetzen in anderen Ländern zu erfahren. Aber damals war ich noch nicht aus meiner armen Heimat herausgekommen.

Auch wenn ich nicht seinen Namen trug, wussten alle Menschen in der kleinen Stadt, wo ich lebte, wer mein Vater eigentlich war. Er hieß Orlando Mistral Sánchez. Er war wie Rafael Leónides Trujillo in der dominikanischen Republik der 50er Jahre, ein lasterhafter, prinzipienloser und brutaler Diktator, der sich immer neue Frauen holte, sie vergewaltigte und, falls sie gebunden waren, deren Ehemänner oder Verlobte tötete oder verbann. So hatte es Trujillo auch mit den armen Schwestern Mirabal getan, - Minerva, Patria, Maria Teresa und Dedé - die später zu hoch angesehenen Märtyrerinnen und Nationalheldinnen des Landes wurden. Von 1930 bis 1961, als er ermordet wurde, litt man unter dieser grausamen Diktatur.

Mein Vater hatte über 35 Kinder. Es war unmöglich, sie alle statistisch zu erfassen, und deshalb bekam er hin und wieder noch eine Überraschung über eine nicht von vornherein bekannte Vaterschaft.

Eines Tages heiratete er plötzlich seine alte Geliebte, meine Mutter, die zu seiner dritten Ehefrau wurde. Die Gründe dafür waren rätselhaft, denn er liebte keinen Menschen eigentlich. Er liebte mehr die Hunde und die Katzen als die Menschen. Außerdem bot ihm meine Mutter keinen sexuellen Reiz mehr; seit meiner Geburt, wobei sie beinahe gestorben wäre, war sie sehr keusch und religiös geworden. Aminta, die Heilige, wurde sie genannt. Sie war nicht nur gutherzig, sondern sie konnte auch mit ihrem sanften Gebet Krankheiten heilen, so sagten die Leute mit großem Respekt. Vielleicht war das auch der Grund, warum er sie heiratete, er fühlte sich schon ziemlich alt, krank und pflegebedürftig.

Am Tag ihrer verspäteten Hochzeit war ich schon 16 Jahre, fünf Monate und drei Tage alt. Ich hatte sehr zwiespältige Gefühle gegenüber meinem Vater, den ich nicht mochte und manchmal mit wahrem Entsetzen anschaute. Aber andererseits war es ein Glückstag für mich, denn ich war rehabilitiert für die Gesellschaft, die legitime Tochter eines reichen und mächtigen Mannes. Ich brauchte nicht mehr in fremden Wohnungen putzen zu gehen, stattdessen würde ich jetzt Privatlehrer und alle Mittel zu einer guten Ausbildung bekommen. Alle Menschen waren auf einmal sehr nett zu mir und behandelten mich wie eine Prinzessin.

„Hallo Harmony. Heute ist dein Glückstag. Statt Mitleid mit dir zu empfinden wie bisher, bewundern wir dich und die unvorhergesehene Wende deines Schicksals.“

Darauf war ich natürlich stolz, auf die schönen Kleider, die man mir schenkte und auf meine Mutter, die wie eine aristokratische Dame aussah, eine rührende Braut auch voller guten Gedanken für uns alle, sogar für den widerlichen Orlando Mistral, dem sie jetzt noch mit etwas Hoffnung begegnete: „Wer weiß? Vielleicht befindet er sich auf dem Weg der Einsicht und der Besserung.“

„Mich wird er nicht bestechen,“ dachte ich bitter und rachesüchtig. „Ich bin nicht so blauäugig wie meine Mutter. Dieses Monster! Muss ich ab heute seinen Bart küssen? Das ist die wohlverdiente Strafe für meine ganzen Privilegien. Aber als uneheliche Tochter habe ich das auch manchmal tun müssen, und jetzt habe ich auch Rechte, nicht nur Pflichten.“

Ein Bischof kam am Tag vor der Hochzeit in unser bescheidenes, armes Zuhause, und ich beichtete ihm meine rebellischen Gedanken. Er wurde sehr streng zu mir, verteidigte das Monster Orlando als guten Sohn der Kirche und hielt mir eine lange Predigt, die ich überhaupt nicht verstehen konnte, denn in der ganzen Angelegenheit war ich doch die am wenigsten Gefragte gewesen.

„Du bist böse, Harmony. Du sollst deine Eltern ehren und lieben. Du solltest dankbar sein, dass er sich jetzt so gut zu euch verhält.“

Er segnete meine Mutter und mich, empfahl uns viel Geduld für die Zukunf, Freude an den Veränderungen und einen starken Glauben an Gott.

„Ja, Geduld wird das Monster uns abverlangen,“ dachte ich gedrückt und voller Ahnungen.

Noch andere hohe Persönlichkeiten kamen vor der Hochzeit in unsere Hütte und zerstreuten mich ein wenig. Meine hysterische, launenhafte Großmutter, die mich bisher keines Blickes gewürdigt hatte, kam uns besuchen, lobte meine Manieren, meine Schönheit und gab mir etwas von ihrem Schmuck, natürlich nur Modeschmuck, aber immerhin... Es gefiel mir, so viel Glanz zu sehen, und meine Mutter bekam eine sehr wertvolle Kette. Dann kamen viele Diener und Nachbarn des neuen Hauses, in dem wir in Zukunft leben würden. Plötzlich Diener zu bekommen schien mir sehr komisch, es brachte mich zum Lachen, wie wenn man gekitzelt wird. Stellenweise verging mir das Lachen jedoch, denn ich fand es sehr kompliziert, und ich konnte mich mit dem Gedanken nicht anfreunden. Camila Ortiz war wie eine Spionin und von Anfang an mochte ich sie nicht. Die anderen aber riefen eher mein Mitleid hervor, wenn ich sah, wie viel sie arbeiten mussten und wie oft Orlando sie beschimpfte.

„Senorita Harmony. Seien Sie meine Verbündete. Legen Sie ein gutes Wort für mich bei Ihren Eltern ein.“

Ein Gefühl von unbequemer aber gleichzeitig interessanter Macht wurde zum ersten Mal bei mir wach. Meine neue Zopfe Estrella wollte mir bei allem helfen, was mich sehr verunsicherte, denn ich war daran gewöhnt, alles alleine, ohne Hilfe zu machen.

„Ich lege Ihnen alles zurecht: die Wäsche, die Bücher, die Sie lesen möchten; ich bereite das Bad für Sie. Ich bringe Ihnen morgen das Frühstück ans Bett.“

Von all diesen genannten Hilfen war es die letztere, die mir wirklich Spaß machte, denn im Bett frühstücken schien mir eine reizvolle Art der Verwöhnung, die ich nie beanspruchen durfte.

„Gut, Estrella. Mit dem Frühstück morgen als Probe bin ich einverstanden,“ sagte ich resolut, aber alles andere möchte ich weiterhin allein erledigen.“

Estrella und Camila hatten wir schon eine Woche vor der Hochzeit. Aber sie schliefen nicht mit uns in der Hüte, die viel zu klein war, sondern in einem Hotel in der Nähe. Noch hatte ich meine Mutter ganz für mich alleine und noch lag der Schwarm von unzählbaren Dienern in der Ferne. Ich machte mir schon Sorgen um diese fremde Welt, die mich erwartete, obwohl ich auf der anderen Seite dem Neuen nicht abgeneigt war und vor Neugier platzen könnte, Neugier auf neue Freundschaften, auf Tänze und Feiern aller Art, auf junge Männer.

Die Hochzeitsvorbereitungen zerstreuten mich so sehr wie die Besuche. Alle sprachen davon: die Verwandten meines Vaters, die drei Ehepaare unserer neuen Nachbarn, die so viele Kinder hatten und die nur Englisch konnten, weil sie die meiste Zeit in New York lebten. Man sprach auch über unseren Umzug in das große Haus und von der Hochzeitsreise der Eltern. Mit dem Umzug war es noch nicht soweit, denn zuerst waren Olando und Aminta zehn Tage verreist, und erst als sie zurückkamen, würde ich meine paar Habseligkeiten einpacken können. Estrella und Camila würden mich in der Zwischenzeit begleiten und versuchen, mir die Mutter zu ersetzen, was wahrscheinlich von vornherein zum Scheitern verurteilt war. In der für mich entstandenen Situation gab es natürlich Schlechtes und Gutes. Man versprach, mich für die kurze Trennung von meiner Mutter zu entschädigen, indem man viele aufregende und schöne Dinge für mich einkaufte.

„Du wirst keine Langeweile haben. Die jüngeren Cousinen deines Vaters werden dich zu Kinos, Theatern und Partys ausführen. Du darfst auch dein Zimmer in dem neuen Haus nach deinem eigenen Geschmack möblieren und dekorieren.“

Trotz Befremden und Misstrauen empfand ich die kommende Hochzeit als faszinierend, ja, weil ich so viele reiche Leute zusammen kennen lernen würde, weil es auf einmal mysteriöse köstliche Speisen serviert würden, weil meine Mutter und ich plötzlich als gesellschaftsfähige Damen angesehen wurden.

Als die Hochzeit schon vorbei war, fühlte ich mich etwas enttäuscht und leer; trotzdem erfreute ich mich noch an der Erinnerung unseres Erfolgs. Die Erinnerung an das gute Essen schmeckte mir noch immer ein paar Tage danach. Auf der menschlichen Ebene hatte ich noch eine Besonderheit genossen, den Anblick einiger meiner überall verstreuten Halbgeschwister, die meine Mutter auch zur Hochzeit eingeladen hatte. Ach, die unehelichen Kinder des Diktators, genau so unehelich wie ich selbst! Zwölf davon waren anwesend. Einige kannte ich schon, aber andere noch nicht, wie die kleine Beatriz und die süße Paulina. Als ich sie alle sah, ärmlich gekleidet, als Randfiguren ohne Bedeutung, schüchtern, schweigsam und ziemlich düster an der Feierlichkeit teilnehmend, ergriff mich eine Welle von Mitgefühl, Zärtlichkeit und Freigebigkeit. „Ich werde alles Mögliche für sie tun, sie wenigstens vor der Armut schützen. Ich kann sie so gut verstehen!“, dachte ich. Ich fühlte mich auch so, jedes Mal, wenn ich hörte, dass Orlando eine neue Frau geheiratet oder zu einem höheren Konkubinat erhoben hatte.

Wir, die unehelichen Kinder, hätten beinahe den Diktator umbringen können. Nein, soweit ging ich damals nicht in meinen Gedanken. Ich verweigerte ihm nur entschieden meine Tochterliebe, und umso stärker liebte ich die anderen, die Geschwister, die kleine Armee der Schwachen und Verlassenen.

„Wo sind die vielen Übrigen? Er hat mehr als nur zwölf, das weiß ich.“

Als Produkt der zwei vorangegangenen Ehen blieben fünf unangenehme, hochmütige Burschen, die mich von Anfang an ignorierten, und eine kränkliche Frau, schon über die vierzig, die stotterte und nervös lachte. Ich glaube, sie fühlte sich sehr verlegen und hätte sich am liebsten versteckt, deshalb mochte ich sie einigermaßen. Ich nahm mir vor, ihren Kontakt zu suchen.

„Ich habe sie viel lieber als die Männer, diese rücksichtslosen Banditen ohne Bildung und ohne delikate Gefühle, eine zweite Fassung von Orlando. Dass meine heilige Mutter diesen Mann ertragen kann... das scheint mir fast abstoßend. Und an ihren Stiefsöhnen wird sie auch nicht viel Freude haben.“

Tom, der junge Mann auf dem Schiff, unterbricht meine Geschichte mit einer nervösen ungeduldigen Frage:

„Wollten das Monster oder Ihre Stiefbrüder vielleicht Sie vergewaltigen? Sind Sie deswegen geflüchtet?“

„Nicht genau. Orlando war weniger grausam als in seiner Jugend. Die heilige Aminta und der Bischof auf der anderen Seite bezähmten ihn, und seine große Angst vor dem Tod spielte die Hauptrolle. Meine Stiefbrüder übergingen mich weiterhin, als würde ich nicht existieren. So hätte ich tausend Jahre in Frieden leben können. Und sechs Jahre vergingen seit der Heirat meiner Eltern ohne großartige Störungen oder Entbehrungen. Ich war frei und reich, aber nicht desto weniger mit einem unbeschreiblichen Gefühl von Verlust auf allen möglichen Ebenen behaftet. Meine Beziehung zu Aminta war nicht mehr so vollkommen, wie sie zu sein pflegte. Innerlich tat ich meinem Vornamen Unrecht, denn ich fand keine Harmonie mehr für meine Schritte, Handlungen und Gedanken. Am Ende stotterte ich soviel und wurde psychisch so labil wie meine vierzigjährige Schwester Aurora, die ewig in Depressionen versank und sich darüber schämte, die Tochter des Diktators zu sein. Auch mir war es sehr peinlich. Es wurde uns oft zum Vorwurf gemacht, vor allem unser Mangel an Persönlichkeit. Es stimmte schon, dass wir keinerlei Persönlichkeit hatten. Wir waren Feiglinge und zitterten vor der leichtesten Bedrohung des Vaters, weniger vor dem gegenwärtigen, aber doch vor dem der Vergangenheit. Für meine Halbgeschwister konnte ich auch nicht soviel tun, wie ich es mir erhofft hatte. Ich stieß immer an Grenzen und fand wenig Unterstützung in meinen Wohltätigkeitsbestrebungen. Der Bischof wurde zu meinem Feind und empfand es als eine Überschreitung seiner Kompetenzen, dass ich für andere Menschen kämpfte.

Eines Tages kam eine fremde Frau in die Stadt und konferierte lange Zeit mit dem Monster. Sie verweilte fast zwei Stunden in seinem Büro und am Ende dachte ich schon, sie würde Orlandos fünfte Frau werden. Die schnelle Scheidung konnte ich mir lebhaft vorstellen und unsere Verbannung aus dem schönen Haus. Aber Aminta beruhigte mich mit ihrer neulich so ausdruckslosen Stimme und erzählte mir das Endergebnis der langen Besprechung. Es war so: Orlando und die fremde Frau, von der keiner etwas wusste, hatten tatsächlich vor vielen, vielen Jahren ein Verhältnis miteinander gehabt, und daraus war Aminta entstanden, meine Mutter. Wieder eine uneheliche Tochter des Diktators und gleichzeitig seine Frau! Ich kam noch hinzu ...

Das war mir schon zuviel. In der selben Nacht entschloss ich mich zur Flucht. Ich flüchtete. Verstehen Sie? Ich war noch dazu seine uneheliche Enkelin!“

Die ungebrauchte Frau (Kurort in Bayern)

Anima Piontek lächelt den Mann an, der ihr mit einem geheimnisvollen, lockenden Flüstern einen Spaziergang im Mondschein nach dem Tanz im großen Kurhotel vorschlägt.

„Wir könnten wenigstens eine halbe Stunde spazieren. Ich denke, es ist noch viel zu früh, um schlafen zu gehen und das Wetter viel zu schön.“

Sie lehnt es aber ab. Ohne Schroffheit jedoch... auf eine fast zärtliche Art, ohne ihn verletzen zu wollen.

„Nein, nicht jetzt. Wir könnten uns vielleicht morgen treffen. Jetzt fühle ich mich hier am Tisch in der Frauengruppe wohl. Trinken Sie etwas mit uns."

Klementine Hoffmann kokettiert mit einem anderen Mann, der auch ihr bisheriger Tanzpartner gewesen ist. Sie scheint über den weiteren Verlauf ihrer Beziehung unschlüssig. Sie fängt an, ihre Telefonnummer für ihn aufzuschreiben; aber dann lässt sie ihre letzte Ziffer ungeschrieben.

Ursula Kleidermann kokettiert nicht, wenn überhaupt, nur mit ihrem Eis, das sie in einer ambivalenten Mischung aus Freude, orgiastischem Genuss und schlechtem Gewissen wegen ihrer Abmagerungskur langsam und bedächtig verspeist. Und die zwei älteren Damen, die kaum noch laufen können und mehr zum kritischen Anschauen als zum Tanzen gekommen sind, die Schwestern Ilona und Tamara Huber, kokettieren nur noch mit ihren Erinnerungen an ihre Kindheit in Finnland bei ihrer Großmutter mütterlicherseits.

Alle bleiben am Tisch sitzen, die fünf Frauen und die zwei Männer, die womöglich etwas mit Anima oder Klementine anfangen wollen.

Benno Finsterling erzählt Anima, dass er Masseur sei, und massiert ihre rechte Hand mit harmonischen, sanften Bewegungen, die sie nicht als lästig empfindet, aber die keinerlei Leidenschaft in ihr erwecken; er würde sie damit nur zum Schlummern bringen, „wie die vielen maschinellen Bestrahlungen, Massagen und Moorpackungen, die mein Rücken zu spüren bekommt. Alles hat für mich die Form eines Entspannungstrainings angenommen.“ So ist das kurze Streicheln des Mannes für sie keine romantische Annäherung, eher eine therapeutische Übung, wie so viele andere. Ihr Körper ist verschlossen, versiegelt, verhärtet, Vakuum verpackt wie Kaffee, den man nur mit Schere, Messer oder den eigenen Zähnen, aber nicht mit den bloßen Händen zu öffnen vermag.

„Dieser Mann kann nicht genau abschätzen, wie schwer es ist, bis zu mir zu gelangen. Welcher Mann wäre noch imstande, meinen Körper zu öffnen, wieder einen Zugang zu ihm zu finden, wenn schon alles vermauert ist und keinerlei Türen oder winzige Fenster mehr zu sehen sind, deren Scheiben er noch zerschlagen könnte? Ich erschrecke vor jeglicher Intimität zurück.“

Klementine denkt schelmisch: „Die letzte Ziffer könnte er noch leicht erraten. Schließlich sind ja nur zehn Variationen möglich, von null bis neun.“

Dann sagt sie es Herrn Frankenbach in ihrer „Manie des Flirtens“, die nach Animas Meinung schon „krankhaft“ ist: „Herr Frankenbach, die letzte Ziffer habe ich nicht geschrieben, aber Sie werden mich bestimmt finden können.“ Und sie lacht dabei mit hysterischen, belustigten kleinen Schreianfällen.

Herr Frankenbach stellt sich mürrisch an den Anfang und behauptet, er möge das Spielchen gar nicht. Aber danach versucht er mit bittender, klagender Stimme die geheime Zahl aus ihr herauszupressen.

„Flüstern Sie es mir doch ins Ohr... Ist es eine zwei, eine neun? Oder ist es eine drei?“

Ursula denkt betrübt: „Warum liebe ich dieses Eis so sehr? Damals liebte ich nur Menschen und Tiere. Aber jetzt schätze ich immer mehr die äußeren Reize der Gegenstände, die man problemlos bekommen kann, während die anderen mir fehlen. Es scheint, die Geschmacksorgane haben bei mir die Oberhand gewonnen und sind mir wichtiger als Sehen, Hören oder Betasten. Und damals waren mir das Kochen, Essen, Eis oder Kaffeegenuss nicht so relevant wie jetzt... da sie beinahe zu meinem einzigen Lebensziel geworden sind. Warum habe ich mich so verkleinert und mich in eine Ameisenwelt begeben, die mich sowieso nicht befriedigt? Meine innere, große Stimme ist verklungen und dabei habe ich nur einen unwürdigen Ersatz gefunden: du, armes Eis, arme Ursula!“

Anima, die ungebrauchte Frau (die anderen sind es vielleicht auch, aber sie wissen es weniger) trägt einen italienischen Namen, der „Seele“ bedeutet. Seele und Körper sind nicht sehr weit entfernt voneinander. Von der Verschlossenheit ihres „Leibes“ ist sie völlig überzeugt, daher thematisiert sie es ständig in ihren Gedanken.

„Ich bin lange nicht mehr gebraucht worden. Ich trage die Krone der Untätigkeit in mir, eines viel zu frühen Abschieds von der Liebe. Natürlich kann man das nicht sofort an meinem Gesicht sehen; man trägt kein sichtliches Schild für das genaue Maß an sexuellen Aktivitäten. Auch bei einer Prostituierten kann man es nicht sofort erkennen, genau so wenig kann man es bei den ungebrauchten Frauen vermuten, wie ich selber eine bin. Zumindest ist es auf den ersten Blick nicht so klar; später zeichnen sich schon gewisse Tendenzen ab, die in etwa gegenwärtige oder vergangene intime Erfahrungen verraten, deren Mangel, Überfluss oder potentielle Fähigkeiten. In meinem Fall ist es die totale Abneigung dagegen, völlige Lähmung und Lustlosigkeit. Es mag sein, dass ein guter Beobachter meinen jetzigen Zustand auch bemerkt, weil ich bei aller notwendigen gesellschaftlichen Verstellung die Miene einer Besiegten und aus der Liebe Vertriebenen manchmal nicht unterdrücken kann und wie eine verwelkte Blume nahe daran bin, jeden Menschen um Wasser zu bitten. Ja, begieße mich reichlich mit Wasser, sonst trockne ich aus... damit meine letzten Stunden nicht so unerträglich sind. Aber will ich wirklich mit Wasser begossen werden? Will ich nicht eigentlich davor flüchten?“

Benno fragt etwas gekränkt: „Hat dir die Massage nicht gefallen?“

„Doch, doch, sie ist sehr gut.“

„Wird dir der Spaziergang gefallen?“

„Morgen... wahrscheinlich. Aber nicht jetzt.“

„War der Tanz mit mir nicht in Ordnung? Habe ich etwas Falsches getan?“

„Nichts das ich wüsste. Der Tanz war fein. Aber warum diese Fragen. Erwartest du von mir, dass ich dir ein Zeugnis ausstelle?“

Sie reagiert gereizt auf seinen aufdringlichen Ton, und die Erinnerung an den Tanz bringt sie beinahe zum Zittern vor Ungeduld, denn sie verbindet mit der unumgänglichen, erzwungenen Berührung ihrer Körper auf der Tanzfläche eher unangenehme Eindrücke.

Ilona sagt zu Ursula: „Meine Schwester und ich, wir haben eine sehr schöne Kindheit erlebt.“

Ursula erwidert: „Ich auch, Frau Huber. Über meine Kindheit konnte ich mich nicht beschweren; meine Eltern und Geschwister waren sehr verständnisvoll. Meine Probleme fingen erst an, als ich 22 wurde.“

Klementine sagt: „Finnland soll ein sehr schönes Land sein, habe ich gehört. Kennen Sie auch Finnland, Herr Frankenbach?“

Er nickt. „Ich war vor fünf Jahren in Urlaub dort. Wenn dieses Land Sie so sehr interessiert... vielleicht könnten wir zusammen eine Reise dorthin machen.“

Ursula denkt bedrückt und düster: „Mein Eis zerschmilzt sehr schnell. Ich hasse sprechen zu müssen, gerade wenn ich Eis esse. Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe, ganz still in einer Ecke sitzen und mich meinem kleinen Genuss hingeben? Stattdessen muss ich noch die beiden Damen fragen, ob sie Finnisch gelernt haben.“

„Sprechen Sie Finnisch, Frau Huber?“

Tamara antwortet als Erste sehr munter und unternehmungslustig: „Natürlich, es war die Sprache unserer Großmutter. Und wir lebten dort fast 30 Jahre. Außerdem halten wir unseren Anschluss an Finnland sehr lebendig; wir besuchen oft Verwandte und vor allem die Enkelkinder unserer schon verstorbenen Cousins.“

„Ach finnischer Tango!“ ruft Klementine aus. „Er ist fast so reizvoll wie der Argentinische, aber natürlich gibt es große Unterschiede, nicht wahr?“

Anima kann ihre Langeweile kaum kaschieren, sie gähnt und denkt: „All unsere Frauengespräche sind frivol, oberflächlich. Die zwei älteren Schwestern sind vielleicht die einzigen, die noch ehrlich und authentisch wirken. Doch ist mir jetzt eine Damenrunde viel willkommener als dieser Benno. Warum duzen wir uns überhaupt, Benno und ich? Wie ist es dazu gekommen? Klementine ist klüger als ich, sie sagt immer ,Herrn Frankenbach’ zu diesem neuen Kurschatten, der unbedingt ihre Telefonnummer haben will. Aber so klug ist sie überhaupt nicht. Sie hat ihm eben die ,Sieben’ ins Ohr geflüstert. Ich habe es gehört. Sie hat ihre Lippen übertrieben geöffnet, viel gelacht und die ,Sieben’ ausgesprochen. So kann ich meine Lippen nicht mehr öffnen. Nein, ich kann meinen Körper nicht mehr öffnen. Ich mag ihre Koketterie und ihr gekünsteltes Lachen gar nicht. Aber im Grunde ist es ja nur ein verzweifelter Versuch von ihrer Seite aus. ,Wir sitzen im gleichen Boot’, hat sie mir gestern gesagt. Sie ist auch eine ungebrauchte Frau und weiß auch nicht, wie sie es anstellen könnte, wieder produktiv und liebesfähig zu sein.“

Bei Ursula sitzt kein Mann, nur die Schwestern Huber, die ihre ständigen Begleiterinnen geworden sind, besser gesagt, sie ist ihre Begleiterin und bekommt von ihnen häufig Süßigkeiten und leckere Speisen spendiert, denn die finnischen Schwestern sind sehr reich. Ursula ist die dickste von allen, sie wiegt über 120 Kilo. Und sie schämt sich dessen, immer wenn sie in den Spiegel sieht oder ihre riesigen Oberschenkel und Hüften betastet. Kein Mann würde auf die Idee kommen sie wegen ihrer Dickleibigkeit anzusprechen, und die finnischen Schwestern sind einfach zu alt für Sexualität. Nicht nur das, Sie strahlen eine besondere gegenseitige Schwesterliebe aus, die alle übrigen Menschen ausschließt. Es mag irgendwelche 83-jährigen Damen geben, die noch verführungsbereit wären, aber in ihrem Fall sind sie absolut darüber hinaus und brauchen keinen Mann mehr. Nur großmütterliche Fantasien füllen ihre Gehirne; der schöne, gemütliche Kreis ihrer Erinnerungen an Kindheit und Jugend genügt ihnen.

Ursula merkt auch, wie asexuell ihre neuen Freundinnen sind, gleich heiligen Jungfrauen., während sie sie betrachtet und teilweise beneidet, denn sie ist bloß dick, aber nicht so alt und vergeistigt; sie würde noch gerne einen männlichen Kontakt als Ersatz für Süßigkeiten in Anspruch nehmen und folglich leidet sie mehr unter dem Verlust als die älteren Damen.

„Sie waren aber nicht immer so“, denkt Ursula. „Sie hatten geheiratet und nach einigen Jahren ihre Männer verloren. So sagten sie zu mir, als ich sie kennen lernte. Erst später haben sie entschieden wie in der Kindheit wieder zusammen zu leben. Die Einigkeit macht sie stark; sie leben in einem ständigen Gespräch miteinander und immer bemüht, sich gegenseitig Freuden zu bereiten. Ja, diese Großmutterzärtlichkeit und Güte, mit der sie sich selber und den anderen Wärme geben können, auch den hypothetischen Enkelkindern, die sie für kurze Zeit adoptieren; mich haben sie ebenfalls für kurze Zeit adoptiert. Aber im Grunde brauchen sie keinen, nur vorübergehend. Sie sind wirklich nicht einsam, während ich... Ich habe keine Schwester und keine beste Freundin, die gerne nur für mich leben würde.“

Die eigentlichen Themen am Kaffeetisch nach dem Tanz sind natürlich: Finnland, Reisen, Urlaub, Kur... Aber Animas Gedanken drehen sich hauptsächlich um das Flirten, um die Umwege bis zum eigentlichen Gebrauchen einer Frau, bis zur Eroberung, bis zur Urszene des Geschlechtsaktes.

„In Finnland ist es sehr schön, aber kalt“, sagt der unoriginelle Herr Frankenbach. Gleichzeitig murmelt er mit einem zufriedenen Flüstern zu Klementine in seiner triumphierenden Hartnäckigkeit: „Jetzt habe ich Ihre Telefonnummer vollständig. Die Sieben werde ich natürlich nie vergessen.“

„Ach, seien Sie nicht so sicher. Sie können plötzlich an Amnesie leiden. Oder ich habe Sie einfach belogen.“

Die nächste Frage kommt von Benno, und sie ist so trivial wie all die übrigen Kommentare:

„Sind die Preise in Finnland sehr hoch?“

Seine Stimme klingt wie die eines Roboters, denkt Anima. Er ist uninteressiert, versucht lediglich seine Wut und sein Missbehagen bei der Verzögerung des angestrebten Spaziergangs zu mildern.

„Warum sprechen wir soviel von Finnland und gar nicht von Bayern, wo wir uns jetzt befinden?“, fragt Ursula plötzlich. „Wir machen alle eine Kur hier in Oberbayern in den Bergen, und die Landschaft ist wunderbar. Wir kommen aus den verschiedensten Städten. Ich komme aus Köln und musste über 7 Stunden mit dem Zug fahren. Anima hat spanische und italienische Vorfahren, kommt aber aus Leipzig, sie vertritt die neuen Bundesländer. Ilona und Tamara kommen aus Stuttgart, und Klementine ist diejenige, die hier zu Hause ist; sie versteht bayerisch im Gegensatz zu uns, trägt auch ein Dirndl. Doch wir reden nur von Finnland... Warum eigentlich?“

Anima antwortet verträumt: „Das Ausland zieht uns an. Ich war immer ins Ausland verliebt. Meine Eltern kommen aus Spanien.“

„Es ist schon sehr wichtig, dass wir hier sind,“ sagt Herr Frankenbach. „Wir haben alle ein gemeinsames Ziel: die Wiederherstellung unserer Gesundheit. Aber wir sind hier keine Lungenkranken wie die Patienten in Lesbos. Höchstens leiden wir an Übergewicht, wie ich selbst. Bei Ihnen, Frau Klementine, kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie aufgrund großer Gesundheitsschäden hier sind. Wahrscheinlich sind es nur Müdigkeitserscheinungen, weil Sie, überarbeitet und verspannt, unbedingt eine Kur brauchten. Nicht wahr? Darf ich indiskret sein und Sie fragen, warum Sie sich einer Kur unterzogen haben?“

Klementine lacht frivol, leer und unreif wie eine pubertierende Schülerin.

„Sie haben Recht. Ich bin fast gesund, wie Sie sagen, bloß etwas erholungsbedürftig. Ich brauchte bloß ein bisschen Urlaub von meinem Arbeitgeber, aber verraten Sie mich nicht.“

Anima lächelt unwillkürlich darüber, dass manche Männer sich in gewissen Situationen so unwissend und unangemessen verhalten. Was weiß der dicke Herr Frankenbach über die Krankheiten der anderen?

Gerade über ihre Krankheiten haben die Frauen sehr ausführlich und mehrmals miteinander gesprochen. Vor den Anwendungen beim Warten redet man meistens davon, und viel weniger über Finnland wie jetzt am Kaffeetisch nach dem Tanz. Klementine hat keine Gebärmutter mehr, sie hat nach der Unterleibsoperation als Anschlussbehandlung diese Erholungskur verschrieben bekommen. Die Schwestern Huber haben jeweils eine Schulter-und Beinoperation hinter sich und beide kaputte Füße, was das Laufen besonders beschwerlich macht. Sie machen sich große Sorgen um die Zukunft, vor allem ist Ilona von dem Gedanken entsetzt, dass sie ihre letzten Tage in einem Rollstuhl verbringen sollte. Was Anima und Ursula betrifft, scheinen sie weniger krank als die anderen zu sein. Sie leiden nur an Kreislaufschwäche, Frustration und Stress, weil sie nirgends belebende Anregungen bekommen und unter harten Bedingungen arbeiten müssen: für Anima ist es ein schwieriger Chef, der sie meistens beleidigt; Nachschichten im Krankenhaus für Ursula; so vergeht ihr Alltag, vor und nach der Kur.

„Wir werden unseren Arbeitgeber aus dem Fenster werfen,“ sagt Anima aggressiv. Dabei denkt sie weniger an ihren Chef als an Klementine und ihre Gebärmutter.

„Von uns beiden ist sie noch mehr eine ungebrauchte Frau. Sie behauptet zwar, das beeinträchtige ihre Orgasmen nicht im Geringsten, mache sie noch raffinierter und häufiger, sogar bei platonischen Beziehungen und besonders wenn sie, so begeisterungsfähig wie sie ist, sich mit ihrem berauschenden Klavierspiel beschäftigt. Trotzdem... es kann doch nicht das gleiche sein wie mit Gebärmutter. Ich habe noch meine Organe und könnte meine Untätigkeit zu jeder Zeit beenden. Doch was hilft es mir, wenn ich mich nicht mehr dafür interessiere? Nur mit Gewalt könnte ich es vielleicht erreichen und Gewalt bringt überhaupt kein Vergnügen. Wir sind mehr oder weniger in der gleichen Situation. Klementine hat mir gestern erzählt, dass sie schon seit sechs Jahren keine körperliche Liebe mehr von ihrem Mann bekommt. Ihr Mann ist auch Diabetiker wie mein Gustav. Sie und ich... unsere Körper bleiben hinter Glas in einer Vitrine, wohlkonservierte Figuren, aber voll Staub trotz Glas, unbenutzt, ohne Daseinsberechtigung, wie eine Vase ohne Blumen. Am Anfang fiel es mir sehr schwer, doch danach habe ich mich so sehr daran gewöhnt, dass mein chronischer Zustand jetzt nur Verschlossenheit ist. Sollten jetzt neue Blumen für die Vase kommen, oder sogar die alten Blumen meiner Ehe, würde ich sofort abwinken und schnellstens flüchten.“

„In Finnland gibt es bestimmt auch Kurorte,“ sagt Ursula. „Dort werden die Leute auch mit viel Gymnastik, medizinischen Bädern, Mohrpackungen, Inhalation und Bestrahlungen versorgt wie hier; sogar besser als hier.“

Ilona sagt in einem kurzen Rückblick: „Unser Großvater war Pfarrer, unsere Mutter wurde zu einer sehr guten Geigenspielerin. Musik, Religion und der Bauernhof unserer Cousine Eila bildeten den Mittelpunkt unseres Lebens. Gesellschaftliche Abende waren keine Seltenheit, wir organisierten Theaterkreise, literarische oder musikalische Programme und Gemeindegespräche über Jesus.“

Tamara setzt die Litanei der Schwester mit einem ähnlichen elegischem Ton fort: „Jetzt vermissen wir es natürlich, schon seit Jahren. Als Ersatz und zum Trost backen wir manchmal einen deliziösen Kuchen für unsere Adoptiv-Enkelkinder, wir erzählen Geschichten und spielen auch Theater für sie. Wenn Sie möchten, Ulla, werden wir Kuchen für Sie backen, wenn Sie uns in Stuttgart besuchen kommen.“

„Das ist nett von Ihnen. Dankeschön.“

„Haben Sie keine eigenen Kinder?“, fragt Anima zerstreut, während sie unvermeidlich wieder an den unangenehmen Tanz mit Benno denkt.

„Nein. Es ist nicht so, dass wir nicht gebärfähig waren, mit unserem Körper ist alles in Ordnung, nicht wahr, Ilona? Aber wir haben eine Erbkrankheit in der Familie, wahrscheinlich von der Seite unseres Vaters. Einige in der Nachkommenschaft unserer zwei Onkel und unserer Tante sind geistig zurückgeblieben. Wir wollten das Risiko nicht eingehen.“

Die anderen wurden etwas verlegen. Krankheiten, wie der Tod, gehören zu den Tabuthemen, denen man am liebsten wie einer schlechten Reklame ausweicht, denn sie sind viel weniger attraktiv als die exotischen, nordischen Seiten Finnlands und die kulturellen Abende einer künstlerisch begabten Familie.

„Dabei sind Sie beide so intelligent“, sagt Herr Frankenbach mitten in einem Hustenanfall, den er kaum in der Lage ist zu kontrollieren.

Die anderen bieten ihm Bonbons an, besonders Klementine holt ihre Taschentücher und Erfrischungstücher in einer übertrieben fürsorglichen und liebevollen Geste heraus.

Benno folgt Animas Beispiel, er zeigt seine Langeweile und gähnt ununterbrochen.

„Warum geht er nicht weg? Wir brauchen ihn nicht“, denkt Anima verärgert.

Ihre Erinnerung durchläuft wie besessen noch einmal die Tanzszene, in der sie sich so unwohl gefühlt hat.

„Er presste sein Körper immer stärker an den meinen und wollte unbedingt meine Sinnlichkeit herausfordern; aber ich war wie tot, ich freute mich gar nicht über den Kontakt, obwohl er nicht hässlich aussieht und wahrscheinlich die besten Absichten hegt, mir neue Lebenskräfte einzuflössen. Statt locker zu werden und meine Weiblichkeit fließen zu lassen, wurde ich steif, unergründlich, distanziert. Der Kontakt wurde mir nach ein paar Minuten immer widerlicher, drückend, erstickend, unsympathisch und beinahe schmerzhaft. Wenn man so unwiderruflich verschlossen ist wie ich, tut jeder misslungene Eröffnungsversuch weh, bitte Benno... Herr Finsterling, lass mich in Ruhe und entheilige nicht den Tempel meiner sexuellen Armut, das Gebet meiner zweiten Jungfräulichkeit, die noch tiefer, konzentrierter und radikaler als die erste ist. „Lass mich mein klösterliches Nonnendasein auskosten, dieses mickrige, aber friedliche Überleben der alleinstehenden Frauen, die es gelernt haben, ohne Männer zu existieren.“ Nein, der Kontakt war nicht angenehm; er verunsicherte mich, verwirrte mich, als wäre ich noch nie mit männlichen Organen in Berührung gekommen und als wäre ich zum ersten Mal mit einer unschönen, feindlichen Körperlichkeit konfrontiert. Es baute sich sofort Widerstand, Abwehr in mir auf. Ich wollte ihn loswerden und unmittelbar mit dem Tanz aufhören. Doch die Höflichkeit verbietet es, den Tanz mit sichtlichen Anzeichen der Wut und des Ekels abrupt zu unterbrechen, und auch die Angst, sich lächerlich zu machen, denn eine 55-jährige Frau kann sich unmöglich wie ein erschrockenes Mädchen von 16 benehmen. Was ist letzten Endes der Kontakt bei einem Tanz? Nichts so Intimes, oder wenigstens nichts woraus ein Kind entstehen könnte. Ich durfte mich nicht so genieren und ihn so brutal ohne Partnerin im Tanzsaal stehen lassen. Aber ich gab ihm schon zu verstehen, dass mir seine Nähe nicht willkommen war. Ich zog automatisch meinen Körper von seinem weg und löste mich sanft vom schweren Druck seines Armes auf meine Taille. Dabei fragte er erstaunt: „Warum?“ Er scheint ziemlich eitel, glaubt zu sehr an sich selbst und seinen Charme. Wie könnte ich ihm das alles erklären, meinen jetzigen Zustand? Dass mein Körper wie eine inselhafte, von allen Seiten zugeschlossene Muschel ist, und das gewaltige Öffnen ihrer Schale einer Zerfleischung gleichkommt, unvermeidlich Weh verursacht. Das würde er einfach nicht verstehen, deshalb sagte ich etwas Leichteres, was er nachvollziehen kann: „Ich möchte meinen Mann nicht betrügen. Er liebt mich und wäre enttäuscht“.

Das ist wenigstens ein Argument, nicht wahr? Dann füge ich noch verstärkend hinzu: „Außerdem möchte ich nicht, dass die Leute uns sehen und denken: ,Das ging aber schnell: Sie hat schon einen Kurschatten.’ Aber all diese Ausreden treffen in meinem Fall nicht zu. Es geht um meine eigene Unlust. Das Öffnen einer Auster ist einem elektrischen Schlag oder einer Bombe vergleichbar, und dabei wird die Auster nicht einmal geliebt, nur als nettes Kurabenteuer angesehen! Bennos Antwort war auch die typische in solchen Situationen. Er wollte mich von dem Gegenteil überzeugen, sagte, dass ich nicht so prüde sein solle, dass ich auch ein Recht auf Freiheit und Genuss besitze. Eben... Warum in so etwas einwilligen, was keinen Spaß mehr macht? Was geschieht, wenn eine Frau es nicht mehr gerne hat? Aber er wird es nicht verstehen, er wird hartnäckig behaupten, ich sei noch zu jung, um darauf gänzlich zu verzichten, und es bedürfe nur einer klugen, sanften Behandlung der „Schale, damit diese schmerzlos, wollüstig und mit gegenseitiger Freude geöffnet werden könne.“

Aber ich bin sehr misstrauisch, verkrampft. Mir geht es nicht in den Kopf, dass seine Lippen, seine Hände oder weitere fremde Organe dieses Menschen mir irgendwelche Freuden bereiten könnten. Es ist auch eine Angelegenheit des Herzens, und mein Herz ist wie erfroren, seitdem ich mehrmals vergeblich versucht habe, meinen Mann zur körperlichen Liebe zu motivieren. Mit Gustav hätte ich es vielleicht erreichen können, den alten Zustand der Freude beim erotischen Kontakt, aber bei diesem unbekannten Masseur, der sich so offensichtlich als praktischer und sehr schneller Kurschatten für einsame Damen anbietet... Es ist beschämend und peinlich, in diesen fremden Armen zu sein, und es ist nicht auf Grund der Prüderie, sondern wegen meiner Beziehungslosigkeit mit ihm und meines Mangels an Gewohnheit. Männer sind für mich wie unpersönliche Maschinen geworden. Der Mann bleibt auch ungebraucht, wenn die Frau dazu erzogen wird, keinen Wert mehr