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Tristan, der sich seinen Namen nach dem Ritter aus dem mittelalterlichen Roman "Tristan" von Gottfried von Straßburg gegeben hat, und Sam (eigentlich Susanne) begegnen sich im Internet, in einem Chat. Sie unterhalten sich über ihr Leben, über den Tristan-Roman und ihre Vorstellungen von menschlichem Miteinander. Bald schon knistert es zwischen der einsamen Großstadt-Single-Frau und dem Vorzeigeritter aus dem Mittelalter. Sie wollen sich kennenlernen und verabreden sich eines Nachts in einer völlig abgedunkelten Wohnung.
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Mara Stadick
Date im Dunkeln
(Teil 1+2)
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Date im Dunkeln (Teil 1)
Date im Dunkeln (Teil 2)
Impressum neobooks
Tristan: dein name ist mir ein rätsel. er ist so kurz und anders. was verbirgt sich dahinter?!
Sam: finde es heraus!
Tristan: gut. dann beginne ich mit einer einfachen frage: bist du eine frau?
Sam: ich denke ja.
Tristan: du bist dir nicht sicher?
Sam: wer kann sich schon sicher sein, wer er ist?! als kind sah ich aus wie ein junge.
Tristan: und wie hast du so gelebt als mädchen, das wie ein junge aussah?
Sam: gut eigentlich. ich musste mich nirgendwo einsortieren und habe getan was ich wollte. Viele haben mich damals für ein wenig verrückt gehalten.
Tristan: und wie lange ging das so?
Sam: eigentlich die ganze schulzeit über. erst danach begann ich langsam wie eine frau auszusehen.
Tristan: und dann bist du normal geworden, ohne verrücktheiten?
Sam: naja, was heißt schon normal?! ab und zu hatte ich auch dann noch seltsame einfälle.
Tristan: was für einfälle?
Sam: oh, verschiedenes ... manchmal hatte ich ideen, die ich ausprobieren wollte ... oder träume.
Tristan: was für träume waren das?
Sam: ich hatte zum beispiel eine zeitlang immer wieder den gleichen traum: ich stehe mitten in einer menschenmenge und merke plötzlich, wie alle vor mir zurückweichen und mich anstarren... ich weiß aber nicht warum ... bis mir auffällt, dass ich nackt bin ... splitternackt.
Tristan: ich glaube das träumen die meisten menschen irgendwann einmal. und du wolltest ausprobieren, wie sich so etwas im wirklichen leben anfühlt?
Sam: ja. aber in dem moment, in dem ich mich darauf einließ, war es nicht mehr das wirkliche leben ... es kam mir vielmehr selbst wie ein traum vor ... oder eben wie ein anderes leben als mein eigentliches.
Tristan: aber du hast es tatsächlich mal gewagt? nackt aus dem haus zu gehen?
Sam: so gut wie nackt zumindest. ich war mit meinem damaligen freund auf ein fest eingeladen. das war in kassel, dort habe ich früher studiert. es war sommer. ein bekannter von ihm, jemand mit reichen eltern, feierte im schlosspark seinen geburtstag. mehrere hundert leute waren eingeladen. überall waren weiße tücher, tausende von kerzen flackerten wie glühwürmer in den bäumen … ein sommernachtstraum!
Tristan: erzähl mir mehr von dieser nacht!
Sam: einen tag vorher war ich in der stadt und lief an einem spielzeugladen vorbei, der körpermalfarben im schaufenster hatte. ich dachte, dass das schön sein müsste, sich selbst zu bemalen. mein körper als kunstwerk. ich habe die farben gekauft.
Tristan: verstehe. du warst nicht ganz nackt, weil du dich bemalt hast? woher kam dieser außergewöhnliche einfall, so zu diesem fest zu gehen?
Sam: als ich zu hause die farben ausprobierte, dachte ich, wenn man schon ein bemaltes kunstwerk ist, dann muss man auch unter die menschen gehen und dieses kunstwerk zeigen. also rief ich abends meinen freund an und bat ihn, am nächsten tag schon eine stunde vor dem fest zu mir zu kommen.
Tristan: du wolltest dich von ihm bemalen lassen?
Sam: ja. er war zwar kein künstler, aber er studierte kunstgeschichte und hatte ein wenig talent.
Tristan: und hat er es tatsächlich getan?
Sam: ja. er fand es amüsant, ein kunstwerk aus mir zu machen. vielleicht hat er es sich anfangs nicht so genau überlegt. vielleicht glaubte er nicht ganz, dass ich tatsächlich so auf das fest gehen wollte. später fand er das dann jedenfalls nicht mehr lustig.
Tristan: feigling!
Sam: stimmt. das war auch unser letzter gemeinsamer abend. ich habe ihn zwar überreden können, mit mir gemeinsam zu dem fest zu fahren. aber er wollte, dass wir getrennt hineingingen und kündigte an, dass er so tun werde, als kenne er mich nicht. und das hat er dann auch durchgehalten.
Tristan: du arme.
Sam: ach, das war schon in ordnung. es sollte ja meine eigene erfahrung sein.
Tristan: und wie hast du dich dann schließlich gefühlt an dem abend?
Sam: ich fühlte mich befangen, aber auch schön. ich schillerte in allen farben. wie ein schmetterling: schön, leicht, aber auch sehr verletzlich. und ich hatte angst. ich fürchtete, dass mich die menschen auslachen könnten. aber das wäre nicht das schlimmste gewesen. dann hätte ich immer noch davonfliegen können. viel mehr angst hatte ich davor, dass mich jemand berühren könnte. ich wusste, wenn jemand mich berühren würde, wäre das mein tod. dann würde ich nie mehr fliegen können. in den ersten minuten auf diesem fest malte ich mir aus, wie sich die menschen auf mich stürzen, mich zu fangen versuchen, schrill lachend dreist nach mir grabschen, mir zwischen die beine fassen, auf den po klatschen, meine brüste quetschen … aber es passierte nichts. gar nichts.
Tristan: sie mieden dich?!
Sam: nein, das würde ich nicht sagen. sie sahen mich an. ich fühlte ihre blicke. sie verfolgten mich. aber es war kein anstarren. es waren vorsichtige blicke. alle wichen vor mir zurück, machten mir platz. jeder hielt einen gewissen abstand zu mir. und irgendwann hatte ich keine angst mehr. ich war einfach nur noch stolz auf meinen schillernden körper.
Tristan: schade, dass ich damals nicht dabei war. ich stelle mir vor wie du durch den park schwebst, wie die luft deine haut streichelt, wie du getragen wirst von den blicken der menschen dort, die keinerlei verachtung ausdrücken, sondern nur bewunderung. das war sehr mutig von dir!
Sam: ach, ich weiß nicht, ob das wirklich so mutig war.
Tristan: ich finde schon, dass es mut erfordert, sich anderen menschen auf eine solche weise auszusetzen. menschen können grausam sein. wenn sie deine angst riechen, dann fallen sie wie wilde tiere über dich her.
Sam: na dann habe ich wohl glück gehabt, dass ich nicht aufgefressen wurde! jetzt bin ich aber müde. ich glaube ich muss mich verabschieden. bist du öfter hier? sprechen wir uns wieder?
Tristan: darauf setze ich all meine hoffnungen! wie wäre es morgen abend, um die gleiche zeit?
Sam: gut. ich versuche es.
Tristan: ich freue mich darauf! einen schönen abend noch, schillernder schmetterling!
Sam: danke, dir auch! wie sagt man beim chatten? auf wiederschreiben?
Tristan: und auf wiederlesen!
Susanne schaltete den Computer aus. Es war mal wieder spät geworden. Sie griff nach ihrer Jacke, zog sie an und schloss alle Druckknöpfe. Nachdem sie noch einmal überprüft hatte, dass keiner offen geblieben war, stellte sie ihren Schreibtischstuhl umgekehrt auf den Tisch, sah sich um und verließ zögernd das Zimmer. Sie ging den langen Gang entlang und warf dabei einen Blick in jedes der Büros, an denen sie vorüberkam, und die alle mittlerweile leer waren. Als sie beim Nachtportier vorbeiging, grüßte sie ihn mit einem fast nicht feststellbaren Nicken. Dann verschwand sie durch die Drehtür. Der Fahrradsitz war nass – sie hatte vergessen ihn abzudecken, was sie sehr ärgerte – und der Wind pfiff unter ihren Rock. Es war ganz schön kalt für Anfang September.
Sie trat in die Pedale, denn sie wollte schnell nach Hause. Sich auf ihrem Sofa mit einem Buch in die Decke kuscheln. Susanne empfand das als einen unglaublichen Luxus: machen zu können, wonach einem gerade der Sinn stand! Seitdem sie mit achtzehn zu Hause ausgezogen war, war es dieses Privileg, das sie sich immer wieder vor Augen hielt, wenn sie begann an ihrem Leben zu zweifeln. Das war etwas, was ihr niemand mehr nehmen konnte. Sie konnte essen was sie wollte. Sie konnte ins Bett gehen, wann sie wollte. Sie konnte lesen, solange sie wollte. Sie konnte aussehen, wie sie wollte, reden oder nicht reden, was sie wollte ... ein Leben in absoluter Freiheit.
Der Wind ärgerte Susanne. Er wehte ihr eine Haarsträhne immer wieder ins Gesicht. Sie warf sie mit einem energischen Kopfschwung nach hinten und strich sie hinters Ohr. Susanne hatte schulterlange, glatte, blonde Haare, die sie meistens in einem Pferdeschwanz festband, der ihre Gesichtszüge strenger wirken ließ, als sie eigentlich waren. Unter ihrer hohen weißen Stirn zogen sich ihre Augenbrauen wie zwei Pinselstriche entlang. Sie hatten weniger die Form von zwei Kurven als vielmehr von liegenden Ausrufezeichen, die ihrem Gesicht immer einen entschiedenen Ausdruck verliehen. Gegen diese imposanten Brauen erschienen die Augen selbst sehr schmal. Ihre Farbe schimmerte undefinierbar grün-grau. Meistens wirkten sie so undurchsichtig wie eine graue Wolkenschicht, aber manchmal konnte man darin ein Glitzern entdecken. In einem starken Gegensatz zu der hellen Gradlinigkeit ihres übrigen Gesichts standen ihre breiten, rosenroten, exakt geschwungenen Lippen. Dieser Mund war vollkommen. Das schien sie zu stören, denn sie hielt ihn fast nie entspannt. Meistens verzog sie ihn, etwas schief, zur linken Seite hin und lachen sah man sie nicht oft. Ihr Körper wirkte eher athletisch als weiblich. Sie bewegte ihn mit einer vorsichtigen Achtsamkeit, die keine erotischen Andeutungen enthielt. Und sie kleidete sich schlicht, doch sparsam an Stoff, denn sie liebte es die kühle Luft an ihren nackten Armen und Beinen zu spüren.
Die Stadt war jetzt in ein Dämmerlicht getaucht, Lampen wurden angeknipst. Susanne schlängelte sich durch den späten Feierabendverkehr. Als sie endlich die Tür aufschloss und ihre Wohnung betrat, begrüßte sie die Freiheit, als sei diese eine von ihr besonders geschätzte Gastgeberin. Sie legte ihre Sachen ab, hüllte sich in einen weichen Hausanzug und fühlte sich wie der einzige Mensch auf der Welt. Susanne war da. Nur für sich. Und nur so sehr, wie sie es für nötig hielt.
Tristan: ah, der schillernde schmetterling! schön dass du vorbei fliegst!
Sam: hallo fremder! war nett mit dir zu plaudern gestern.
Tristan: das fand ich auch!
Sam: wo bist du in diesem moment?
Tristan: ich sitze hier alleine in meinem zimmer, füße auf dem tisch, der bildschirm ist der einzige lichtpunkt, das klackern der tastatur das einzige geräusch in diesem raum.
Sam: ich sitze genau so da. in meinem leeren büro. ich liebe diese atmosphäre. nach dem trubel des tages hat die stille am abend viel mehr gewicht. und dann noch der sonnenuntergang, den man aus dem fenster sieht ... meine kollegen denken, ich sei ein workaholic. dabei bin ich abends einfach nur gerne hier und tue gar nichts.
Tristan: im moment schreibst du mir immerhin.
Sam: ja, das stimmt.
Tristan: ist es dir nie unheimlich in einem solchen menschenleeren gebäude?
Sam: nein. ich war schon immer gerne alleine. ich wohne auch alleine. ich genieße es abends nach hause zu kommen und da ist niemand, der mir sagt was ich tun soll und wie ich es tun soll. niemand redet auf mich ein, erzählt mir dinge, die mich nicht wirklich interessieren. niemand kritisiert mich, niemand macht unordnung, benutzt meine sachen ... ich finde es beruhigend, wenn die wohnung abends genauso aussieht, wie ich sie morgens verlassen habe. das hört sich neurotisch an, oder?
Tristan: nur ein wenig. ich selbst lebe meistens mit freunden zusammen. ich mag es menschen um mich herum zu haben. auch wenn ich mal meine ruhe haben will und alleine in meinem zimmer sitze, höre ich gerne die geräusche, die sie machen, das leben im hintergrund.
Sam: ich bin die meiste zeit lieber allein. wie anstrengend muss es sein, wenn man sich abends noch anhören muss, wie jemand seinen tag verbracht hat. da verbringe ich meine zeit doch zum beispiel lieber damit, ein gutes buch zu lesen.
Tristan: gute bücher haben bei mir auch oft vorrang.
Sam: tatsächlich? ein mann, der gerne liest. das trifft man nicht so oft! was ist denn zum beispiel für dich ein gutes buch?
Tristan: oh, am liebsten ein dicker roman mit vielen figuren und vielen abenteuern. ich könnte tage mit einem solchen buch verbringen.
Sam: was ist denn dein lieblingsroman?
Tristan: „tristan“ natürlich, von gottfried von straßburg.
Sam: ach so. daher dein name. das ist doch ein sehr alter roman, oder?
Tristan: nein, nicht so alt. mittelalter, 13. jahrhundert.
Sam: stimmt, das ist eigentlich gar nicht so alt. trotzdem hatten sie damals doch eine ganz andere sprache als heute, oder?
Tristan: ach, so anders eigentlich auch nicht. man muss sich nur ein wenig einhören, am besten laut lesen, dann versteht man recht viel. ich liebe mittelhochdeutsche texte. sie klingen zugleich ein wenig herb und doch melodisch, zugleich ein wenig fremd und doch vertraut.
Sam: und warum ist „tristan“ dein lieblingsroman? ich weiß eigentlich nur, dass tristan isolde liebte…
Tristan: ja, eine tragische liebe! tristan soll isolde eigentlich zu könig marke bringen, der sie heiraten will. auf der fahrt dahin trinken sie allerdings versehentlich den liebestrank, der für marke gedacht war und sind sich von dem moment an in gegenseitiger liebe verfallen. tristan bringt isolde zwar tatsächlich zu marke und sie heiratet diesen auch, die beiden bleiben aber geliebte und finden immer wieder neue gelegenheiten sich zu sehen und marke zu betrügen. außerdem findest du in der geschichte natürlich ungeheuer, viele kämpfe, starke ritter, schöne frauen und üppige feste, wie in allen mittelalterlichen romanen. vielleicht willst du es ja auch mal lesen. es gibt gute übersetzungen ins moderne deutsch.
Sam: hmmm. jetzt muss ich glaube ich erstmal nach hause. ich höre schon die putzkolonne um die ecke saugen.
Tristan: schade! ich wünsche dir einen schönen abend! und ich hoffe, ich habe bald wieder das vergnügen!
Sam: ich denke, das lässt sich einrichten. dir auch einen schönen abend, mann aus dem mittelalter!
Susanne hatte es nicht eilig. Vor sich hin träumend, schob sie ihr Fahrrad aus dem Hof hinaus und beschloss, am Mainufer entlang zu fahren, um noch ein wenig die Skyline zu bewundern. Die hohen Türme auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses ragten jeder für sich aus dem Häusermeer heraus. Wenn sie so in den Nachthimmel hineinleuchteten, erschien ihr Frankfurt immer als die einsamste Stadt der Welt. Aber für sie war es eine vertraute Einsamkeit, es war ihre Heimat. So wie diese Türme lebte hier jeder Mensch für sich. Jeder Mensch hatte sein Büro, in dem er den Tag verbrachte, und seine eigene Wohnung, in die er abends zurückkehrte. Es war eine Stadt der Einsiedler: Sie war zwar voll von Menschen, aber jeder bahnte sich seinen eigenen Weg. Und jeder ließ den anderen in Ruhe. Man sprach nur dann miteinander, wenn es nötig war.
Auf der Promenade, die sich das Mainufer entlang zog, war nicht mehr viel los. Ab und zu überholte sie einen Läufer oder einen Inline-Skater. Einmal musste sie einem Mann ausweichen, der von seinem Hund, einem zotteligen kleinen Bündel ohne erkennbare Details, quer über den Weg gezogen wurde. Kurz vor dem Ende des Spazierwegs hielt sie an und staunte wie immer über die Lichtervielfalt in dieser Stadt: die blinkende Buntheit der Werbetafeln, einzelne Büroräume, die in grellem Gelb oder kühlem Hellblau herausstachen und über der Stadt zu schweben schienen, die Lichterschlangen der Autos, die sich durch die Straßen schoben und dazwischen das warme Licht der Straßenlaternen. Dann sah sie eine Frau, nicht viel älter als sie selbst, die direkt vor ihr auf einer Parkbank saß und umständlich versuchte eine Wolldecke so zu falten, dass sie in eine Plastiktüte passte. Als sie die Decke zum dritten Mal wieder herausgezogen hatte, sah sie zu ihr auf, doch ihr Blick blieb nirgendwo hängen, auch durch Susanne ging er einfach hindurch.
Susanne wandte sich schnell ab und fuhr den Weg wieder zurück. Auf der Brücke rollte sie langsam aus und hielt schließlich an. Das schwarze Wasser unter ihr lag ruhig da. Erst als ein Ausflugskahn sich näherte, schlugen kleine Wellen ans Ufer. Das Schiff fuhr unter der Brücke hindurch und verlor einige langgezogene Klänge hinter sich. Ihr war, als sei es leer gewesen. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Plätschern des Wassers. Fast hätte sie sich dort auf der Brücke vergessen. Aber dann schwang sie sich wieder auf ihr Fahrrad und ließ sich von den Autos mitziehen, in denen einzelne Menschen saßen, wie Hamster in ihren Käfigen, und Musik hörten, telefonierten oder einfach nur vor sich hin starrten. Sie schienen gar kein Ziel zu haben. Sie musste sich kurz in Erinnerung rufen, welches Ziel sie selbst hatte. Dann bog sie in eine Nebenstraße ein. Noch zweimal abbiegen, dann war sie zu Hause. Vor sich am anderen Ende der Straße sah sie die Schaufenster des Buchladens leuchten. Wie so oft waren diese Fenster der einzige Lichtblick in der Gegend. Alle anderen Läden in der Straße hatten schon längst geschlossen. Noch ein paar Meter, dann lagen sie direkt vor ihr; die bunten Bücher, jedes ein Tor zu einem neuen Abenteuer. Da konnte sie nicht einfach vorbeifahren. Heute nicht.
Susanne stellte ihr Fahrrad ab und betrat vorsichtig den Laden, gewappnet für den Moment des Erschreckens, und doch zuckte sie wieder zusammen, als sie das laute Singsang der Glöckchen über der Tür willkommen hieß. Der kleine schmächtige Mann mit der runden Brille war sofort zur Stelle, aber als er sie erkannte, flüsterte er nur: „Sie melden sich, wenn Sie meine Hilfe brauchen.“ Er flüsterte immer. So als ob die Bücher nicht gestört werden dürften. Als ob sie sich gegenseitig ihre Geschichten erzählten. Susanne schlenderte eine Weile an den Regalen vorbei, besah sich die Bücher, die auf den Tischen lagen, stellte sich einen kleinen Stapel zusammen und versank damit in dem Ohrensessel in der hinteren Ladenecke. Sie liebte diesen Sessel. Zum Lesen hatte sie schon immer ihre Lieblingsplätze gehabt. Als Kind waren das manchmal die seltsamsten Orte. Zum Beispiel hatte sie sich gerne in einer Ecke im Badezimmer ein Kissen auf den Boden gelegt und sich mit ihrem Buch dorthin gesetzt. So hatte sie nebenher beobachten können, wie ihre Mutter sich schön machte. Ihre Mutter war oft und lange im Bad gewesen, zu den verschiedensten Tageszeiten. Sie badete, ölte sich ein, entfernte Haare an allen möglichen Stellen, machte sich Gesichts- oder Haarpackungen, verwendete viel Sorgfalt auf Maniküre und Pediküre .... Susanne hatte es fasziniert, wie sich ihre Mutter während dieser Prozeduren verwandelte. Sie konnte ungewaschen im Jogginganzug so grau und müde wirken. Aber nachdem sie einige Zeit im Bad verbracht und sich dann umgezogen hatte, war sie frisch und strahlend schön. Ihre Mutter hatte es allerdings nicht besonders gemocht, wenn ihr Susanne bei dieser Verwandlung zusah. Manchmal schien sie es nicht zu bemerken, wenn sie sich leise in die Ecke verzogen hatte. Aber wenn sie es doch tat und nicht gerade besonders gut aufgelegt war, schickte sie Susanne hinaus in ihr Zimmer.
