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Der Brief des Anwalts ist unmissverständlich: Seine Frau will die Trennung, er muss die gemeinsame Wohnung verlassen, der Sohn bleibt bei der Mutter, das Auto kann er behalten. Weil er arbeitslos ist, hat er keine andere Wahl, als in ein altes Ferienhaus in einem Bergdorf zu ziehen, eine Stunde von der Stadt entfernt. Getrieben von der Angst, auch noch seinen Sohn zu verlieren, rast er den Berg hinauf und hinunter, nimmt jeden Gelegenheitsjob an, den er bekommen kann, pendelt zwischen seinem Psychiater und seiner Anwältin, pumpt sich voll mit Bier und Tabletten. Die Tage ohne Arbeit verschwimmen im Delirium, bis er anfängt, seine Umgebung wahrzunehmen, den Garten in Ordnung zu bringen, im Kamin Feuer zu machen. Er beginnt wieder zu malen, wie früher, wie Alfonso Ossorio, sagt man ihm, einer, der gemalt habe wie Jackson Pollock, nur ein bisschen anders. Vor allem aber wird das Ferienhaus zum Refugium, das er jedes zweite Wochenende mit seinem Sohn teilt. Hier ist Raum für Spiele und Vertrautheit. Hier kommt, zusammen mit dem Winter, langsam wieder Ruhe in sein Leben. "Davonkommen" ist ein einziges großes Decrescendo. Der Roman kann, muss aber nicht, als Vorgeschichte zu "Tage mit Felice" gelesen werden.
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Am Entscheid seiner Frau ist nicht zu rütteln: Sie will die Scheidung, er muss die Wohnung verlassen, der Sohn bleibt bei der Mutter. Als Arbeitsloser hat er keine andere Wahl, als in ein altes Ferienhaus in den Bergen zu ziehen, eine Stunde von der Stadt entfernt. Geplagt von Streit und Schulden rast er die Serpentinen hinauf und hinunter, pendelt zwischen seinem Psychiater und seiner Anwältin. Er pumpt sich voll mit Bier und Tabletten. Die Tage, an denen er weder als Wachmann in der Stadt noch als Kameramann im Fußballstadion arbeiten kann, verstreichen im Delirium. Bis er beginnt, seine neue Umgebung wahrzunehmen, den Garten in Ordnung zu bringen, im Kamin Feuer zu machen. Er malt auch wieder, wie früher. Wie Alfonso Ossorio, der gemalt habe wie Jackson Pollock, nur ein bisschen anders, sagt man ihm. Er lebt für die Wochenenden mit seinem Sohn, den er jeden zweiten Freitag vom Kindergarten abholt und mit in die Berge nimmt. Hier gehört der Junge bald zur kleinen Dorfgemeinschaft. Der alte Reto lässt ihn seine Esel und Kaninchen streicheln, Eurosia von der Bar Lepre Bianca überrascht ihn mit einem Geburtstagskuchen. »Wie groß ist das Leben?«, will der Sohn wissen. Der Vater braucht viel Zeit, bis er ihm eine Antwort geben kann.
Davonkommen ist ein innerer Monolog, radikal subjektiv und sprachlich furios. Er habe den Vätern, die Ähnliches erlebt haben, eine Stimme geben und »eine Hymne auf den Überlebensinstinkt« schreiben wollen, sagt Fabio Andina über seinen Roman, den zweiten nach seinem Debüterfolg Tage mit Felice.
Fabio Andina
Roman
Aus dem Italienischen von Andreas Löhrer
Die Übersetzung wurde gefördert von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung.
Der Verlag bedankt sich dafür.
Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
Die Originalausgabe ist 2022 unter dem Titel Uscirne fuori bei Rubbettino Editore erschienen.
© 2022 Rubbettino Editore, Soveria Mannelli
© 2023 Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich (für die deutschsprachige Ausgabe)
www.rotpunktverlag.ch
www.editionblau.ch
Umschlagbild: Alfonso Ossorio, Turn for the Better, 1950,
© Robert U. Ossorio Foundation; Courtesy of Michael Rosenfeld Gallery LLC, New York, NY
Lektorat: Anina Barandun
Korrektorat: Lydia Zeller
eISBN 978-3-85869-988-6
1. Auflage 2023
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
Kapitel 95
Kapitel 96
Kapitel 97
Kapitel 98
Kapitel 99
Kapitel 100
Kapitel 101
Kapitel 102
Kapitel 103
Kapitel 104
Kapitel 105
Kapitel 106
Kapitel 107
Kapitel 108
Kapitel 109
Kapitel 110
Kapitel 111
Kapitel 112
Kapitel 113
Kapitel 114
Kapitel 115
Kapitel 116
Kapitel 117
Kapitel 118
Kapitel 119
Kapitel 120
Kapitel 121
Kapitel 122
Kapitel 123
Kapitel 124
Kapitel 125
Kapitel 126
Kapitel 127
Kapitel 128
Kapitel 129
Kapitel 130
Kapitel 131
Kapitel 132
Kapitel 133
Kapitel 134
Kapitel 135
Kapitel 136
Kapitel 137
Kapitel 138
Kapitel 139
Kapitel 140
Kapitel 141
Kapitel 142
Kapitel 143
Kapitel 144
Kapitel 145
Kapitel 146
Kapitel 147
Kapitel 148
Kapitel 149
Kapitel 150
Kapitel 151
Kapitel 152
Kapitel 153
Kapitel 154
Kapitel 155
Kapitel 156
Kapitel 157
Kapitel 158
Kapitel 159
Kapitel 160
Kapitel 161
Kapitel 162
Kapitel 163
Kapitel 164
Kapitel 165
Kapitel 166
Kapitel 167
Kapitel 168
Kapitel 169
Kapitel 170
Kapitel 171
Kapitel 172
Kapitel 173
Kapitel 174
Kapitel 175
Kapitel 176
Kapitel 177
Kapitel 178
Kapitel 179
Kapitel 180
Kapitel 181
Kapitel 182
Kapitel 183
Kapitel 184
Kapitel 185
Kapitel 186
Kapitel 187
Kapitel 188
Kapitel 189
Kapitel 190
Kapitel 191
Kapitel 192
Kapitel 193
Kapitel 194
Kapitel 195
Kapitel 196
Kapitel 197
Kapitel 198
Kapitel 199
Kapitel 200
Kapitel 201
Kapitel 202
Kapitel 203
Kapitel 204
Kapitel 205
Kapitel 206
Kapitel 207
Kapitel 208
Kapitel 209
Kapitel 210
Kapitel 211
Kapitel 212
Kapitel 213
Kapitel 214
Kapitel 215
Kapitel 216
Kapitel 217
Kapitel 218
Kapitel 219
Kapitel 220
Kapitel 221
Kapitel 222
Kapitel 223
Kapitel 224
Kapitel 225
Kapitel 226
Kapitel 227
Kapitel 228
Kapitel 229
Kapitel 230
Kapitel 231
Kapitel 232
Kapitel 233
Kapitel 234
Kapitel 235
Kapitel 236
Kapitel 237
Kapitel 238
Kapitel 239
Kapitel 240
Kapitel 241
Kapitel 242
Kapitel 243
Kapitel 244
Kapitel 245
Kapitel 246
Kapitel 247
Kapitel 248
Kapitel 249
Kapitel 250
Kapitel 251
Kapitel 252
Kapitel 253
Kapitel 254
Kapitel 255
Kapitel 256
Kapitel 257
Kapitel 258
Kapitel 259
Kapitel 260
Kapitel 261
Kapitel 262
Kapitel 263
Kapitel 264
Kapitel 265
Kapitel 266
Kapitel 267
Kapitel 268
Kapitel 269
Kapitel 270
Kapitel 271
Kapitel 272
Kapitel 273
Kapitel 274
Kapitel 275
Kapitel 276
Kapitel 277
Kapitel 278
Kapitel 279
Kapitel 280
Kapitel 281
Kapitel 282
Kapitel 283
Kapitel 284
Kapitel 285
Kapitel 286
Kapitel 287
Kapitel 288
Kapitel 289
Kapitel 290
Kapitel 291
Kapitel 292
Kapitel 293
Kapitel 294
Kapitel 295
Kapitel 296
Kapitel 297
Kapitel 298
Kapitel 299
Kapitel 300
Kapitel 301
Kapitel 302
Kapitel 303
Kapitel 304
Dass ich gestört bin, das hatte ich selbst schon lange begriffen, und dann hat es mir auch dieser Psychiater gesagt, mit dem ich letzte Woche telefonierte und der der Fünfte auf der Liste der Psychiater in meiner Stadt war, aber der Erste, der mich heute Nachmittag genommen hat, weil einige nahmen keine neuen Patienten mehr und andere konnten mich erst in mehr als einem Monat nehmen, aber ich habe keine Zeit zu verlieren, ich lebe in einem Delirium.
Ich gehe im Dunkeln drei Etagen die Treppe hoch, zweiundfünfzig dreiundfünfzig vierundfünfzig, im Haus, wo ich wohne, muss ich achtzig Stufen gehen, ich habe gar nicht daran gedacht, das Licht einzuschalten, aber hier müsste ich es jetzt einschalten, denn ich sehe nichts mehr. Ah, da ist er ja, der rote Schalter, und da hab ich es schon eingeschaltet und da ist die Tür zur Praxis des Psychiaters und da steht Klingeln und Eintreten. Ich klingle und trete ein und es empfängt mich diese schöne Sekretärin mit den großen Brüsten und den Pferdezähnen, Nehmen Sie doch hinten rechts Platz, ich bin der Einzige, der wartet, es herrscht Stille, ich bewege mich automatisch langsam, um keinen Lärm zu machen, ich nehme eine Zeitschrift, blättere sie durch, dann nehme ich eine andere, aber wie lange lassen die mich denn warten, hier ist doch niemand, da ist die Arcuri oben ohne und dann auch die Canalis, die ihren Hintern zeigt, schau sie dir an, die zwei … Dann kommt der Psychiater, ich weiß schon nicht mehr, wie er heißt, einer der vielen auf der Liste, Doppelkinn, er schüttelt mir die Hand, ein schlaffer und feuchter Händedruck, Guten Tag, bitte hier lang, ich folge ihm und trockne meine Hand an meiner Hose ab, während ich ein Zimmer betrete, nackte Wände, ein runder Teppich und zwei weiße Ledersessel von Ikea. Die Sachen von Ikea kenne ich alle, weil ich zu Ikea gehe, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll, oder wenn es regnet oder wenn meine Frau und ich unseren Sohn dort hinbringen und wir ihn im Enchanted Forest lassen, da können die Eltern ihre Kinder für eine Stunde lassen zum Spielen und zum Trickfilme-Schauen und in der Zwischenzeit können die Eltern verschnaufen und so tun, als müssten sie etwas einkaufen wie ein Sofa oder eine Küche oder einen Schrank, aber dann kaufen sie nur eine Duftkerze oder schwedische Kekse oder gar nichts. Hier neben mir steht ein kleiner weißer Schrank, auch der von Ikea, und darauf eine fast leere Kleenex-Schachtel. Ich lese, was auf der Kleenex-Schachtel steht, da steht Recyclingpapier, dann schaue ich den Psychiater an, der mich anschaut, er schaut mich an, seitdem ich es mir auf dem Sessel bequem gemacht habe, und nickt mir mit dem Kopf zu, als wolle er mir sagen, ich solle anfangen zu sprechen, und auf dieses Nicken hin lade ich alles auf ihn ab, was mir einfällt, wie zum Beispiel, dass ich seit Jahren alles und alle nicht mehr aushalte und dass ich das Leben und die Menschen nicht mehr ertrage, und ich schweife ab und rede und rede, dass mir der Mund trocken wird, ich bräuchte ein Glas Wasser, und dann sage ich schließlich, dass ich die Trennung von meiner Frau schlecht verkrafte, aber sie hat sie gewollt, schon seit Monaten oder sogar seit einem Jahr wollte sie sie und im letzten Februar hat sie sich entschlossen und ist zu einem Anwalt gegangen, der hat mir diesen Brief geschrieben, in dem steht, dass meine Frau die Trennung will und dass sie mich so schnell wie möglich aus der Wohnung haben will und dass sie unseren Sohn behält und dass ich das Auto behalten kann. Ich hole Luft. Eine Weile herrscht diese große Stille. Dann schaut er, Schlaffhand, auf die Uhr und räuspert sich, Gut für heute, stoppen wir hier, wollen Sie für nächste Woche einen Termin vereinbaren? Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, ich denke darüber nach und schon eile ich aus diesem Gebäude hinaus, ohne überhaupt die Stufen zu zählen und halte an der ersten Bar, der ich begegne. Ein Bier, einen Halben.
Ich warte in dem schönen Garten dieses Häuschens am Ufer des Sees am Rande der Stadt. Seit einem Jahr wohne ich in der Stadt, in einem Wohnviertel mit viel Grün, das an diesem See liegt, und nun bin ich hier und warte auf Psychiater Nummer zwölf auf der Liste, die ich mir auf einen Zettel geschrieben habe, und der in Wirklichkeit eine Psychiaterin ist. Vor einem Augenblick hat sie mich gefragt, ob ich lieber draußen oder drinnen warten will, und ich habe gesagt draußen, denn hier draußen scheint die schöne Maisonne und da ist dieser schöne Rosmarin an der Wand, herrlich ist der, denn mir gefällt Rosmarin sehr und auch die drei Rhododendren da hinten, was sind sie schön, lass sie mich aus der Nähe betrachten, dann sehe ich auch Azaleen, oh was für schöne Pflanzen, die immergrünen Pflanzen gefallen mir besser als die anderen. Ich betrachte diese Pflanzen und verliere mich in meinen Gedanken, aber dann höre ich hinter mir eine Tür aufgehen und eine Frauenstimme sagen, Auf Wiedersehen Dottore und danke, und da drehe ich mich um und gehe einen Schritt auf den Hauseingang zu und ein Mann mit blonden Haaren, die aussehen wie eine Perücke, kommt mir entgegen und geht an mir vorbei und die Psychiaterin bleibt im Eingang stehen und begleitet mit dem Blick diesen Patienten, ein Mann mit einer Frauenstimme, ich habe sein Gesicht nur flüchtig gesehen, ich habe sein Lippenstift-Rot gesehen, er geht mit diesen kurzen schnellen Schritten, die Haltung aufrecht und steif, und nach den zehn Schritten, die ich ihn zur Straße gehen sehe, kommt er mir vor wie eine hölzerne Puppe, eine von denen, die man mit einem Schlüssel auf dem Rücken aufzieht. Dann wirft die Psychiaterin, mager und winzig klein, ein Knirps von einer Frau, ihren Blick auf mich und streckt die Hand aus und ich habe Angst, sie zu fest zu drücken, Hallo, guten Tag, entschuldigen Sie, wenn ich Sie habe warten lassen, und sie bittet mich herein und lässt mich Platz nehmen in einem kleinen Arbeitszimmer im Souterrain, von wo ein Kellerfenster auf die Straße geht, und ich sehe die hölzernen Beine des Mannes mit der Frauenstimme, wie sie in einen brandneuen weißen Mercedes einsteigen, der losfährt, und wir müssen warten, dass der Lärm und das Zittern der Scheiben aufhört. Nach einigen langen Sekunden der Stille macht die Psychiaterin den Mund auf, die ersten üblichen Fragen, genau wie bei den anderen Psychiatern, die ich in den letzten Wochen getroffen habe, also versuche ich so wenig wie möglich zu sprechen, um zu sehen, worauf sie hinauswill, aber nach einigen Minuten kommt sie zum selben Schluss wie die anderen, dass ich gestört bin, aber im Grunde ein Existenzialist, sagt sie, Existenzialist, und mir kommen diese französischen Schriftsteller in den Sinn, die ich gelesen habe, Der Ekel und viele andere, denn an Titel und Namen kann ich mich nie erinnern, aber an Der Ekel erinnere ich mich gut, denn ich habe es auf Italienisch, Englisch und auch auf Französisch gelesen. Ich denke daran, dass ich mit dem englischen Buch dann eine Decoupage gemacht habe, die in Stücke gerissenen Seiten auf eine Amphore geklebt habe, die mir Manuela geschenkt hatte, und ich merke nicht, dass die Psychiaterin mich gerade verabschiedet, Also gut, rufen Sie mich ruhig an, wenn Sie das Bedürfnis verspüren, sie ist aufgestanden und mit einer knappen Handbewegung fordert sie mich auf, diesen kleinen Raum zu verlassen, ohne mich überhaupt zu fragen, Kann ich Ihnen vielleicht ein Rezept für ein Medikament verschreiben, denn wozu bin ich denn hergekommen, vielleicht um den Garten zu betrachten und um ihr all den Mist zu erzählen, den ich ihr erzählt habe? Und nun finde ich niemanden, der mir Medikamente besorgen kann, mein Freund Carlo hat sie mir immer gegeben, aber jetzt gibt er mir keine mehr und mir gehen sie aus. Also rufe ich einen anderen Psychiater an und noch einen anderen, bis ich ans Ende der Liste der Psychiater meiner Stadt komme und nichts zustande bringe. Ich rufe wieder bei Carlo zu Hause an und seine Frau geht dran, Schon wieder du, hör zu, Carlo ist unterwegs, auf Arbeit, das habe ich dir schon gestern gesagt und ich sage dir auch noch ein letztes Mal, Carlo hat aufgehört, ruf nicht mehr an. Also bleibt mir an diesem Punkt nichts anderes übrig, als die Liste der Psychiater einer anderen Stadt herauszuholen. Der Dritte auf der Liste nimmt mich morgen früh um neun, aber ich habe mein Auto in der Werkstatt, irgendwas funktioniert nicht, wenn es in niedriger Drehzahl läuft, geht es aus und der Mechaniker hat mir gesagt, es kann eine Kleinigkeit sein, aber es kann auch etwas Ernstes sein, darum muss er es an den Computer hängen.
Ich muss früh aufstehen, unser Sohn schläft neben mir und meine Frau schläft auf dem Sofa, sie ist spät nach Hause gekommen, sie geht fast jeden Abend aus. Ich stehe langsam und leise auf, ziehe mich an und gehe hinauf zum Bahnhof, ich komme gerade rechtzeitig, um den Zug zu nehmen, der genau um 7.34 Uhr geht, er fährt und fährt und da kommt er schon in der anderen Stadt an, ich muss nur dreihundert Meter zu Fuß gehen und da sitze ich schon wieder auf einem anderen blöden Ikea-Sessel. Der Psychiater, der mir gegenübersitzt, ist ein ziemlich alter Kerl, warum geht er denn nicht in Pension? Er hat dieses schwarz gefärbte Toupet, das ihm den Anschein verleiht, er sei der Allerschlaueste auf der ganzen Welt, ich bin still, bis er als Erster den Mund aufmacht, ich tu so, als wäre ich nur mit dem Körper anwesend, weil einer, der zu viel redet, wie ich das normalerweise mache, der ist ja nicht wirklich deprimiert, das hatte mir Carlos Frau am Telefon gesagt und dann hat sie mir auch gesagt, einer, der wirklich deprimiert ist, der hat sein Gehirn abgeschaltet und die Gedärme um den Kopf gewickelt und redet nicht, das hat sie mir gesagt, und diesen Satz mit den Gedärmen habe ich mir aufgeschrieben, weil ich ihn interessant fand, und ich habe ihn mit einer Nachricht an Manuela geschickt. Also dieser schlaue Fuchs von Psychiater stellt mir verschiedene Fragen, einige sind richtige Fangfragen, die ich gleich erkenne und nicht drauf reinfalle, was glaubt er denn, mit wem er es zu tun hat? Er steht auf und dreht sich einmal um sich selbst, dann dreht er sich noch einmal, starrt mich ein paar Sekunden an, bevor er den Mund aufmacht, Wollen Sie in einer Woche wiederkommen?, und ich springe auf, Wenn ich in einer Woche noch am Leben bin, und ich fange an zu weinen und bin wirklich von mir selbst überrascht, es fällt mir ja nicht gerade leicht zu weinen und dann noch im richtigen Moment. Zwanzig Minuten später komme ich lächelnd aus einer Apotheke, in der Tasche Efexor und Distraneurin, ich halte in einer Bar und bestelle ein Bier und schlucke ein paar von beiden und nach einigen Minuten fühle ich mich auf diesem Plastikstuhl festgenagelt und begreife, dass meine Lippen ein blödes Lächeln bilden, die Barista kommt vorbei und ich bestelle einen Macchiato. Mit heißer Milch? Ich lächle sie an, mein Unterkiefer ist steif. Ich trinke den Kaffee, die Barista kommt wieder vorbei, Noch einen? Ich betrachte sie von der Seite, während sie sich schwebend entfernt, sie putzt ein paar Tische, vielleicht, oder sie bedient jemanden. Ich weiß nicht, wie lange ich schon in dieser Bar sitze. Sicher eine ganze Weile. Ich stehe auf und gehe zum Bahnhof.
Kaum zu Hause, springe ich unter die Dusche. Meine Frau und mein Sohn sind nicht da. Unser Sohn ist vier Jahre alt, das einzige Kind. Meine Frau ist Australierin, wir sind seit acht Jahren verheiratet und sie hat gerade die Trennung verlangt, sie will mich so schnell wie möglich aus dem Haus haben, aber ich finde hier in der Stadt keine Wohnung, denn einem Arbeitslosen vermietet niemand auch nur einen Keller. Dienstagnachmittags dusche ich eigentlich nie, ich dusche entweder gleich nach dem Aufstehen oder bevor ich ins Bett gehe, und dann ist dienstags die Wäsche dran und üblicherweise kümmere ich mich darum, denn meine Frau macht es nie, und nach der Wäsche treffe ich immer Anna. Unter der Dusche denke ich, ich könnte oben in den Bergen wohnen, da oben habe ich eine Hütte, die meine Eltern gekauft haben in dem Jahr, als ich zur Welt kam, aber sie ist eine Stunde mit dem Auto von der Stadt entfernt und ich will in der Nähe meines Sohnes bleiben. Unter der Dusche verliere ich mich, dann schaue ich auf die Uhr, ich bin spät dran, ich mache keine Wäsche, ich ziehe dieselben Kleider an und gehe meine Freundin Anna treffen und wir setzen uns an den üblichen Tisch in der üblichen Bar und bestellen den üblichen Cappuccino. Sie will wissen, wie es mir geht, wie es mit der Trennung läuft, mit der Suche nach Arbeit, wie es meinem Sohn geht, und schnell versetzt sie mich in Paranoia, ich muss zwei Distraneurin schlucken, sie sieht, dass ich jetzt nicht mehr das Imap nehme, das ich früher genommen habe, und sie macht auf ihrem Gesicht das, was man macht, wenn du einen Umschlag öffnest und es springt ein Zahlungsbefehl heraus, He, ach komm, was machst du denn für Sachen? Aber dann rede nur ich und eine halbe Stunde lang lade ich alles ab, was ich auf Anna abladen muss, die ich seit einer Woche nicht gesehen habe, aber ich möchte sie öfter sehen, sogar jeden Tag, aber sie ist verheiratet mit zwei Kindern, die in einer privaten Grundschule sind, es geht ihnen gut, ihr Mann ist Arzt und sie arbeitet halbtags in der Buchhandlung eines Museums für zeitgenössische Kunst und dann will Anna eine gewisse Distanz zu mir wahren, ich darf sie nicht anrufen, nur mal als Beispiel, ich habe nicht einmal ihre Nummer und Anna tut gut daran, es so zu halten, denn seit fast einem Jahr ist sie meine einzige Vertraute, sie und Manuela, aber Manuela und ich schreiben uns Nachrichten und wir telefonieren ab und zu miteinander, denn sie wohnt zu weit weg, in Genua, ein paar Schritte vom Meer entfernt. Anna muss die Buchhandlung öffnen gehen, Bücher über Gemälde und Skulpturen, wir verlassen die Bar, ich begleite sie zu Fuß bis vor das Museum, ich schaue sie an, sie schaut mich an und es ist beiden klar, dass wir uns küssen wollen, oder vielleicht ist es nur mir klar, sie lächelt mich an, vielleicht hat sie meine Gedanken gelesen, ich mache ihr die Eingangstür auf und dann sehe ich, wie sie verschwindet. Ich halte in einer Bar auf ein Bier und schlucke Efexor. Ich sehe nach, wie viel ich noch in der Tasche habe, und aus dem Klo kommt einer mit den Händen am Reißverschluss, weil er es nicht schafft, ihn hochzuziehen, und lehnt sich an die Bar und bestellt einen Kaffee.
Kaum bin ich wach, habe ich noch frisch den Traum im Kopf, den ich geträumt habe. Ich habe von Saddam Husseins Hinrichtung geträumt, ich habe das Video im Internet gefunden, aber in meinem Traum löste sich der Körper vom Kopf und fiel nach unten und der Kopf blieb in der Schlinge hängen und lächelte mir still zu.
Es sind noch zwei Tage bis zu meinem Geburtstag. Ich bin vor dem Computer am Surfen, um eine Wohnung zu suchen, in der letzten Woche habe ich einige besichtigt, aber immer wenn ich sagen musste, ich bin arbeitslos, haben sie mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Vielleicht ist das ein Zeichen, ich glaube an Zeichen, vielleicht ist es die Berghütte, die mich ruft. Aber jetzt bin ich hier und suche und suche und meine Frau hört keinen Moment auf mich zu belästigen, sie ist gerade erst aufgestanden, es ist Mittag und unseren Sohn habe ich vor drei Stunden in den Kindergarten gebracht, denn sie, die Lebefrau, ist gestern Abend ausgegangen und nach Hause gekommen, als es fast Tag war. Jetzt wartet sie, bis der Kaffee hochkommt, ihr stehen die Haare ab und sie hat Mundgeruch und während sie auf den Kaffee wartet, ein erster Kommentar und dann noch einer und danach noch mal einer, sie bringt mich auf die Palme und wir streiten und wir streiten wieder, wie es bisher seit Monaten fast jeden Tag wegen Kleinigkeiten passiert, aber es sieht immer so aus, wie wenn wir noch Monate oder für immer so weitermachen könnten. Aber dieses Mal ist etwas anders, es ist ein Gefühl wie ein übler Geruch, den ein Windzug herüberweht, und ich begreife plötzlich, dass das Glas übergelaufen ist, oh ja, es ist übergelaufen, es läuft über und es bricht aus ihr heraus, sie kotzt alles aus, sie brüllt mich an, ich solle mich verpissen, Hau ab, brüllt sie, du kannst nicht mehr hierbleiben, hat mein Anwalt geschrieben, und wenn du keine verdammte Wohnung findest, du arbeitsloser Parasit, dann geh hoch in diese blöde Hütte, schreit und brüllt sie und sofort habe ich die Gewissheit, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich springe auf, und während sie weiterbrüllt, dass sie genug hat von mir, von dieser Stadt, dem Geld, das immer fehlt, undsoweiter undsofort, während sie all das hinausbrüllt und noch vieles mehr, höre ich sowieso schon nichts mehr, es gibt nämlich nichts mehr zu hören, ich gehe aus der Wohnung, laufe die Treppen hinunter, steige ins Auto und gehe weg, einfach so, eine Minute hat gereicht. So gehe ich weg von ihr und unseren Träumen, von unseren Plänen, wir wollten ein Mädchen adoptieren, denn eine zweite Schwangerschaft will ich nicht, hat sie immer gesagt, Ich ruiniere mir den ganzen Körper, ich bekomme Dehnungsstreifen, sieh mal hier, was für Dehnungsstreifen ich auf dem Bauch bekommen habe, und dann schwellen meine Brüste an, schau hier, was für Brüste ich nach zwei Jahren Stillen bekommen habe, undsoweiter undsofort. Also gehe ich weg, nehme den Volvo und fahre hoch in die Berge. Dann rufe ich meinen Anwalt an.
Weißt du, das erste Mal, als deine Mama und ich erfahren haben, dass du in ihrem Bauch bist, hatte ich sie am Eingang einer Arztpraxis abgesetzt, weil es ihr nicht sehr gut ging, Ich fühle mich komisch, sagte sie. Ich blieb draußen im Auto auf dem Parkplatz, um auf sie zu warten, und habe es schon gespürt und konnte vor Aufregung keinen Ton herausbringen. Und als ich sie dann aus der Tür kommen sah, haben wir uns angeschaut und ich habe sofort begriffen und tagelang hatten wir dieses feste Lächeln im Gesicht und dann schauten wir uns an und lachten und umarmten uns. Und dann beschlossen wir, es mindestens zwei Monate lang niemandem zu sagen, bis wir sicher waren, aber nach zwei Tagen wussten es alle, dass du unterwegs warst.
Heute Morgen wache ich auf mit trockenem Mund und der komischen Vorahnung, ich hätte in der Nacht eine Rhododendronpflanze gestohlen, aber vielleicht war es nur ein Traum. Aber dann erinnere ich mich, ja, ich wollte wirklich diesen Rhododendron aus dem Garten dieser Zürcher Familie stehlen, sie merken es doch gar nicht, wenn eine kleine Pflanze fehlt zwischen all den Pflanzen, die sie haben, und dann kommen sie ja sowieso fast nie hier herauf in die Ferien, hier im Dorf sind die Hälfte der Häuser Ferienhäuser. Dann erinnere ich mich auch, dass ich gestern zu Fuß unterwegs war, um zu sehen, wer Rhododendren und Rosmarin und Azaleen und Lavendel hat, ich will nämlich mein Gärtchen mit all diesen schönen Pflanzen füllen, die mir so gut gefallen wie die im Garten dieser Psychiaterin am Seeufer, und ich hatte ein paar schöne gesehen, aber ich habe mir gesagt, Nein komm, das Dorf ist klein und die Leute munkeln, dann ziehe ich noch den Zorn der Dorfbewohner auf mich, aber manche Pflanzen waren wirklich schön, wie der Rosmarin vor dem Haus von Angelo, das ist der Alte, den mein Sohn so gernhat, denn er hat immer so viele Schafe und Kaninchen, die er ihn streicheln lässt, und ich habe mir gesagt, morgen gehe ich in ein anderes kleines Dorf unten im Tal, dann denken die Leute in meinem Dorf, dass ich sie wirklich gekauft habe. Ich bin also gerade mit dieser komischen Vorahnung aufgewacht, einen Rhododendron gestohlen zu haben, aber ich weiß nicht mehr aus welchem Garten, um es genau zu sagen, erinnere ich mich wirklich an nichts mehr, ich fühle nur, dass ich ihn gestohlen habe, ich habe dieses Gefühl in mir, etwas gestohlen zu haben, wie einen Gestank, der an den Händen klebt, auch nachdem du sie gewaschen hast. Ich versuche mich zu erinnern, aber mein Verstand ist so angeschlagen, dass ich nur noch an einen Traum denke, der dann zum Albtraum wurde, denn ich weiß nicht, ob ich im Traum aufgewacht bin oder ob ich wirklich aufgewacht bin. Ich stehe auf, bin vollkommen verschwitzt und gehe die Treppe hinunter und gehe hinaus und da sehe ich ihn, den Rhododendron, schön, eine schöne Pflanze, da steht sie kunstvoll zwischen zwei Azaleen eingepflanzt, zwei Azaleen?, zwei Azaleen, die gestern nicht da waren. Ich bekomme einen Angstanfall und gehe ins Haus zurück, spähe aus dem Fenster, es ist besser, sie zurückzubringen, aber wohin? Schaff sie aus dem Garten weg, lass sie verschwinden, ich öffne die Terrassentür, gehe aber nicht hinaus, es ist besser, wenn ich im Haus bleibe, falls mich jemand gesehen hat, als ich sie gestohlen habe. Und wenn sie kommen und an meine Tür klopfen? Ich spähe erneut aus dem Fenster, ich habe sie gestohlen, ich habe sie gestohlen … Aber dann gehe ich wieder hinaus und verändere alle drei mit der Rebenschere, sodass sie nicht wie die aussehen, die ich gestohlen habe, ich schneide sie etwas kürzer und entferne die wenigen Blüten, die sie hatten, und so geht es besser, oh ja, viel besser, und jetzt, da ich entspannter bin, gehe ich ins Haus und mache mir einen Kaffee.
Während ich warte, dass er hochkommt, spaziere ich durch meinen Garten, um zu sehen, wie das neue Gras wächst, das ich vor Kurzem gesät habe, dieser Garten war nämlich von Unkraut überwuchert, doch dann hatte ich alles herausgerissen und umgegraben und ihn neu angelegt. Ich betrachte dieses neue Gras in seinem glänzenden Grün und da sehe ich erstaunt, dass auf dem Steinmäuerchen zur Straße hin eine dicke Rosmarinpflanze steht, Wurzeln und Erde schon trocken, und ich bekomme wieder einen Angstanfall, ich laufe zum Rosmarin und nehme ihn weg, verstecke ihn hinter dem Haus im Holzschuppen, dann beseitige ich mit dem Besen jede Spur von Erde auf dem Mäuerchen und gehe wieder ins Haus. Also habe ich gestern Abend Pflanzen erbeutet, bravo! Wirklich: bravo! Ich spähe aus dem Fenster, vielleicht habe ich das Auto benutzt, ich sehe es an der gewohnten Stelle vor dem Haus stehen, normalerweise parke ich es da, womöglich habe ich es benutzt, ich betrachte es aufmerksam, als ob mein Volvo damit herausrücken könnte, ob ich ihn benutzt habe oder nicht. Der Kaffee ist schon hochgekommen und pfeift, und während er pfeift, versuche ich mich zu erinnern, aber mein Verstand schweift ab. Ich gieße eine ganze Menge Kaffee in eine Tasse, gebe Zucker und Milch dazu und nehme vom Schränkchen Efexor und Distraneurin. Dann nehme ich mein Handy, denn ich will eine Nachricht an Manuela schreiben, was mir passiert ist, sie und ich, wir sagen uns alles, Anna aber habe ich seit zwei Wochen nicht gesehen. Ich öffne WhatsApp und sehe, dass ich gestern Abend an meine Exfrau geschrieben habe, Es war besser dich zu verlassen, als dir nie begegnet zu sein, lese ich, so steht es da, es stammt aus einem Lied von Fabrizio De André, ich habe es um 22.18 Uhr verschickt, ich lese es noch einmal, aber ich erinnere mich nicht. Von gestern Abend erinnere ich mich noch vage, dass ich auf ein oder zwei Bier in der Bar gewesen bin, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Das sage ich nur, weil ich abends üblicherweise in die Bar gehe. Ich bin ganz durcheinander, spähe aus dem Fenster, sehe die Pflanzen, die ich gestohlen habe, meinen Volvo, den ich vielleicht benutzt habe, um sie zu stehlen, dann fährt das Auto der Briefträgerin vorbei, die ihre Tour beendet hat und wegfährt, und die Mehlschwalben flattern am klaren Himmel. Ich gehe hinaus, um die Post zu holen, die die Briefträgerin mir immer in eine Plastiktüte hinterlegt, die an der Tür hängt, da ist ein Brief, ich mache ihn auf, es ist mein Anwalt, sie heißt Samantha, Anwältin oder Advokatin Samantha, sie bittet mich, ihr so schnell wie möglich einige Dokumente zu bringen, und schreibt, dass die Verhandlung für die Trennung auf Dienstag den 19. Juni um Punkt 8 Uhr im Amtsgericht unten in der Stadt festgesetzt wurde. Und sie schickt mir auch die Kopie des Scheidungsantrags der Anwältin meiner Exfrau, den ich in einem Zug lese. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Was für ein Scheißtag. Ich schreibe Manuela und es geht ein wenig besser.
Wir hatten einen Hund namens Blue, so schreibt man die Farbe Blau auf Englisch, aber man spricht es aus wie auf Italienisch, blu, zu Hause sprachen wir nämlich nur Englisch, denn Italienisch hast du ja im Kindergarten und von den Großeltern und unterwegs gelernt, nicht wie Freunde von uns, ein amerikanisches Paar, die vor einem Jahr wegen der Arbeit in die Stadt kamen und mit ihrer dreijährigen Tochter nur Italienisch sprachen, ihr dürftiges Italienisch, Warum sprecht ihr denn nicht Englisch?, ihr verweigert ihr doch einen Teil ihrer Kultur, fragte ich sie und ich musste das auf Italienisch fragen, denn wenn wir bei ihnen waren, durften wir nur Italienisch sprechen. Wenn sie uns also zum Essen einluden, sagten wir uns den ganzen Abend lang nur zwei oder drei Dinge, denn sie lernten Italienisch erst seit Kurzem mit diesen Kursen am Computer, aber bei der Arbeit sprachen sie fast nur Englisch, und dann sagten sie an diesen Abenden zu den Kindern und vor allem zu ihrer Tochter, He du sitzen bleiben he he essen jetzt gut zuhören, brav sein, Kaka gemacht? Sie versuchten zu erklären, dass sie, und sie zeigten mit dem Finger auf ihre Tochter, um sicherzugehen, dass wir, meine Exfrau und ich, kapierten, dass sie von ihr sprachen, dass Tochter besser integrieren mit Kinder von Kindergarten … in ihrem Italienisch, dessen Sätze man entschlüsseln musste. Nach einem Jahr wurde er dann nach China versetzt und sie sind nach Peking gezogen und wer weiß, ob sie mit dem Chinesisch … meiner Meinung nach haben sie es wohl sein lassen. Blue war eine kleinwüchsige, dicht behaarte Promenadenmischung, sie war ein Geburtstagsgeschenk für meine Exfrau in Australien gewesen. Eine australische Promenadenmischung, der Hund. Am Tag nach Weihnachten vor zwei Jahren musste ich ihn zu diesem Tierarzt zum Einschläfern bringen. Unserem Sohn habe ich erzählt, Blue sei hinaufgegangen auf einen Stern oder auf eine Wolke.
Heute Morgen, es ist Montag, mussten mein Sohn und ich früh aufstehen, ich muss ihn in den Kindergarten bringen, man braucht eine Stunde bis in die Stadt, er hat die Krise gekriegt, er will hier in den Bergen bleiben, er ist gerne bei mir, es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm zu versichern, das hat nichts mit dir zu tun und du hast keine Schuld an der Trennung, niemand hat Schuld, so etwas passiert den Großen und deine Mama und ich haben dich immer und immer lieb … er hat jedenfalls die ganze Fahrt im Auto geweint. Ich habe ihn am letzten Freitag am Eingang vom Kindergarten abgeholt, dann war er das Wochenende bei mir und jetzt habe ich ihn gerade wieder in den Kindergarten zurückgebracht. Nach dem Kindergarten fahre ich zu meiner ehemaligen Wohnung. Sie hat die Tür offen gelassen, denn ich habe ihr gesagt, ich will vorbeikommen und meine Sachen holen. Ich gehe hinein und schaue mich um und da sind Halbe-Liter-Dosen Heineken und leere Weinflaschen überall vom Eingang bis zum Balkon, wo meine Zimmerpflanzen vertrocknen, sie haben meine Zimmerpflanzen an die knallende Sonne auf den Balkon gestellt. Dann sehe ich, dass die Fische im Aquarium im Zimmer meines Sohnes am Ende sind, einer treibt tot an der Oberfläche und das Wasser ist dabei, sich grün zu verfärben. Sie weiß nicht, wie man das Wasser wechselt, ich habe das alle fünf Tage gemacht. Das Aquarium mit den Fischen war das Geschenk zum vierten Geburtstag unseres Sohnes. Im Badezimmer sehe ich Rasierschaum und Rasierklingen und Haargel und im Schlafzimmer stehen vier Paar Turnschuhe, alles Adidas, und auf einem Stuhl schmutzige Arbeitskleidung mit Baustellenschmutz, mir kommt das Kotzen. Ich stürze hinaus und nehme nichts mit.
Bzhzzhzzz bhzz, an diesem schmutzigen Brummen erkenne ich die Schmeißfliege von gestern. Auch gestern war ich gerade dabei, meine schöne Siesta zu halten, aber eine Schmeißfliege, die hier, die ich jetzt höre und als die von gestern wiedererkenne, hatte mich aufgeweckt. Aber gestern hatte sie ihr schönes Brummen einer gesunden Schmeißfliege und sie brummte und setzte sich an die Decke, brummte und setzte sich an die Wand, brummte und stieß gegen das Dachfenster, das Zimmer ist in der Mansarde. Ich nahm das Buch von der Kommode und bamm, warf es nach ihr und für eine Weile war Ruhe, ich schlief fast wieder ein. Doch dann flog sie wieder auf, mit Mühe, ich hatte ihr vielleicht einen Flügel gebrochen. Und dieses gesunde Brummen eines frisierten Mofas ist zu diesem schmutzigen Brummen geworden, das ich jetzt höre, wo ich gerade am Einschlafen bin.
Ich saß gerade auf der Kloschüssel und habe mir gesagt, du musst doch diese Sachen, die dir passieren, aufschreiben, Manuela hat mir nämlich gesagt, ich lebe wie in einem Film. Aber dann, wie langweilig, ich sitze hier ruhig und entspannt und zum Schreiben müsste ich den Computer einschalten und es ist erst 13 Uhr am Sonntag, und ich
