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5. März 1944: In Cremenaga, einem kleinen Dorf an der italienisch-schweizerischen Grenze, wird der Schreiner Giuseppe Vaglio von der deutschen SS verhaftet. Er hat Juden und verletzten Partisanen geholfen, den Grenzfluss Tresa zu überqueren und sich in die Schweiz zu retten. Am 6. Juli 1945, sechzehn Monate nach seiner Verhaftung, kehrt Giuseppe zurück: verwundet, abgemagert, auf einem Ohr taub. Bis an sein Lebensende schweigt Giuseppe – er ist der Großvater von Fabio Andina – über das, was er erlebt hat. Im Roman Sechzehn Monate zeichnet Andina das Bild einer Dorfgemeinschaft, die in Kriegszeiten zusammenhält, obwohl der Faschismus einzelne Dorfbewohner vergiftet. Er porträtiert Giuseppes Frau, die fromme Concetta, die versucht, ihre zwei Kinder nie spüren zu lassen, wie verzweifelt sie ist. Und er begleitet Giuseppe auf seinem Leidensweg durch drei italienische Gefängnisse, auf dem Transport nach Mauthausen und durch den Albtraum der KZ-Zwangsarbeit. Nach Kriegsende kehrt Giuseppe zu Fuß nach Cremenaga zurück. Dass er überlebt hat, verdankt er seinem Schreinerberuf und seiner Liebe zu Concetta, an die er Tag und Nacht denkt und von der er weiß, dass sie auf ihn wartet.
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2025
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5. März 1944: In Cremenaga, einem kleinen Dorf an der italienisch-schweizerischen Grenze, wird Giuseppe Vaglio von der deutschen SS verhaftet. Der Schreiner, der gerade im Kreis seiner Familie beim Sonntagsessen sitzt, wurde denunziert, weil er Juden geholfen hat, den Grenzfluss Tresa zu überqueren.
Am 6. Juli 1945, sechzehn Monate nach seiner Verhaftung, kehrt Giuseppe zurück: verwundet, abgemagert, auf einem Ohr taub. Bis an sein Lebensende schweigt Giuseppe – er ist der Großvater des Autors – über das, was er erlebt hat.
In seinem Roman Sechzehn Monate zeichnet Fabio Andina das Bild einer Dorfgemeinschaft, die in Kriegszeiten zusammenhält, obwohl der Faschismus einzelne Dorfbewohner vergiftet. Er porträtiert Giuseppes Frau, die fromme Concetta, die versucht, ihre zwei Kinder nie spüren zu lassen, wie verzweifelt sie ist. Und er begleitet Giuseppe auf seinem Leidensweg durch mehrere italienische Gefängnisse bis ins Konzentrationslager Mauthausen. Dass Giuseppe den Albtraum überlebt, verdankt er seinem Beruf, der ihm einige Privilegien verschafft, und seiner tiefen Liebe zu Concetta, von der er weiß, dass auch sie Tag und Nacht an ihn denkt.
Als das KZ Mauthausen Anfang Mai 1945 befreit wird, ist Giuseppe einen Moment lang wie gelähmt, weil er keine Vorstellung davon hat, was in der Welt vor sich geht. Doch dann tragen ihn seine schwachen Beine von Versteck zu Versteck, durch Wälder und über den Brenner, zurück nach Cremenaga, wo sich «der Kreis dieser verfluchten Monate» endlich schließt.
Fabio Andina
Roman
Aus dem Italienischen von Karin Diemerling
Edition Blau im Rotpunktverlag
Die Übersetzung wurde gefördert von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung
Der Verlag bedankt sich zudem für die finanzielle Unterstützung bei:
Fondation Oertli Stiftung
Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus
Paul Grüninger Stiftung
Köbi Gantenbein
Rita Morosani
Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 bis 2025 unterstützt.
Die Originalausgabe ist 2024 unter dem Titel Sedici Mesi bei Rubbettino Editore erschienen.
© 2024 Rubbettino Editore, Soveria Mannelli
© 2025 Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich (für die deutschsprachige Ausgabe)
www.rotpunktverlag.ch
Umschlagbild: Blühende Kastanien, dahinter das Kirchlein von Bedigliora. Glasdiapositiv um 1927, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_283-217
Lektorat: Anina Barandun
Korrektorat: Lydia Zeller
eISBN 978-3-03973-059-9
1. Auflage 2025
Dieser Roman beruht auf wahren Geschehnissen und erzählt von den Erfahrungen meines Großvaters Giuseppe und meiner Großmutter Concetta während der sechzehn Monate ihrer erzwungenen Trennung. Ihre Namen und die ihrer Familienangehörigen sind real, alle anderen erfunden.
1
2
3
Epilog
Zeittafel
Anmerkung und Dank des Autors
In dieser Nacht Ende Januar herrscht strenger Frost. Eine Kaltfront ist von Nordeuropa heruntergezogen und hat sich hier festgesetzt. Giuseppe ist von Cremenaga aus aufgestiegen, auf dem alten Schmugglerpfad, den er in- und auswendig kennt. Er versteckt sich im dunklen Wald von Fabiasco. Hockt an einen Baumstamm gelehnt, zieht seine Jacke fest um sich und beobachtet, wie die Sterne zwischen den windgeschüttelten kahlen Zweigen einander verfolgen.
Er bewegt seine Zehen in den Bergschuhen, hört den Ruf der Eule. Die Hände an den Mund gelegt, antwortet er, und kurz darauf zählt er die Schritte im knirschenden Schnee. Da kommen sie schon, vier schwarze Gestalten mit Koffern, umgeben von grauen Atemwolken.
Eingepackt in seine abgewetzten Kleider, stemmt er sich hoch und gibt zuerst seinem Kollegen die Hand, dann einem schmächtigen kleinen Mann. Die Frau und das Kind bleiben etwas abseits, vielleicht nicken sie ihm knapp zu, schwer zu sagen in dieser Dunkelheit. Sein Kollege kehrt auf demselben Weg zurück, während Giuseppe in die andere Richtung geht, gefolgt von der jüdischen Familie.
Die Tresa fließt zwischen vereisten Ufern unter einer Nebelschicht dahin. Das reißende Wasser umspült Giuseppes Knie. Er hat das Kind auf den Schultern, hält es an den schmalen Knöcheln fest. Am anderen Ufer angekommen, setzt er es ab und sagt ihm, dass es brav bei dem Schweizer Kollegen warten soll. Er vertraut dem Schweizer, der zuverlässig ist und wenig redet.
Jetzt, da dreißig Meter Wasser die Familie trennen, wird der Mann nervös und drängt zur Eile. Giuseppe nimmt die Frau auf den Rücken, sie streckt ihre Beine gerade nach vorn, um nicht nass zu werden.
Dann die Koffer. Giuseppe trägt einen nach dem anderen auf dem Kopf hinüber. Es sind harte Sachen darin, die bei jedem Schritt gegen seinen Schädel stoßen.
Der Mann kommt als Letzter, auch er will nicht nass werden und wiegt wenig.
Sie hatten einen Preis vereinbart, aber sie wollen ihm weniger geben, weil die Schuhe des Mannes durchnässt sind. Der Schweizer sagt, er soll es nehmen, weil es gutes Geld ist.
Giuseppe watet zurück nach Italien, zieht seine Bergschuhe wieder an und versteckt sich in einer Scheune am Waldrand.
Als der Tag anbricht, verlässt er sein Versteck. In der Morgenstille geht er mit einem Tragkorb voll trockener Zweige los. Alles ist weiß. Weiß die Wiesen und weiß die Gärten. Wirsingköpfe mit Hut ragen heraus, auch die Bohnenblätter ragen grau und eingerollt aus dem harten Schnee. Draußen vor dem Stall drängen sich sechs Kühe um die Tränke, drinnen ist der Bauer beim Mistschaufeln zu sehen.
Weiß sind die Dächer, mit viel mehr Schnee auf der Nordseite und blanken Ziegeln rund um die rauchenden Schornsteine. Weiß sind auch die schmalen Straßen des Dorfs, und auf dem gefrorenen Kopfsteinpflaster rutscht man leicht aus.
Die Hände in den Taschen, kommt Giuseppe an der Endstation der Straßenbahn vorbei, die in der Nähe der Zollbrücke liegt. Aus dem Blechabzug des Bahnhäuschens quillt Rauch, der Hund bellt und macht einen Satz auf ihn zu, wird aber von seiner Kette ruckartig zurückgerissen. Die beiden Soldaten von der Guardia Nazionale Repubblicana wärmen sich drinnen am gusseisernen Ofen. Sie stecken die Köpfe heraus. Giuseppe tippt zum Gruß an eine angedeutete Hutkrempe. Oreste, Carmine, sagt er, sie antworten ihm mit einem Nicken.
Giuseppe geht um die Bahnhofsecke und pinkelt, zielt in den gelben Krater, der sich im Schnee bildet. Knöpft sich die Hose zu, zieht einen Geldschein aus der Tasche und lässt ihn fallen.
Kurz darauf kommt ihm Pietro auf dem Fußweg entgegen.
Ich hab gesehen, was du gemacht hast.
Na und, was willst du? Du machst es doch genauso.
Pass auf, Giuseppe, ich warne dich. Wär besser, du würdest bei uns mitmachen.
Bei uns?
Tu nicht so, als wüsstest du von nichts. Ich sag’s dir, weil ich’s gut mit dir meine und mit Concetta.
Du brauchst nichts für mich zu tun, und lass meine Frau aus dem Spiel.
Ich sag’s dir zum letzten Mal, wenn du uns weiter die Kundschaft stiehlst, wird’s eng für dich, sagt Pietro und geht.
Uns, wer? Wenn du mir was zu sagen hast, dann sag’s, ruft ihm Giuseppe hinterher, während an der Ecke vor dem schmalen Durchgang, der auf die Piazza führt, ein Militärlaster auftaucht. Er gerät ins Rutschen, stellt sich quer und bleibt in einem Haufen Altschnee stecken. Zwei Soldaten springen aus dem Führerhaus und schieben, der Wagen kommt wieder in die Spur und fährt weiter.
In der kleinen Küche wärmt sich Nonna Domenica die Füße am Kamin. Nonna Carolina hat einen Schal um die Schultern, sie betet lautlos den Rosenkranz, und Concetta blickt aus dem Fenster im zweiten Stock. Wenn er abends weggeht, um diese Dinge zu machen, kann ich nicht schlafen, sagt sie. Domenica richtet sich auf, ihr Stuhl ächzt unter ihrem Gewicht. In der stillen Küche sind jetzt nur das Knistern des Feuerholzes und das Geschrei der Leute unten auf der Piazza zu hören.
Nach einem Moment geht Concetta vom Fenster weg und setzt einen Topf voll Wasser auf den Holzherd.
Kommt er?, fragt Domenica.
Hm, macht Concetta, öffnet die Herdklappe, schürt das Feuer und klopft dann an die Tür des Zimmers, in dem ihre Schwester schläft. Arnalda, ruft sie. Wach auf, der Tee ist fertig.
Als das Wasser kocht, nimmt Concetta den Topf vom Feuer und wirft eine Handvoll getrocknete Blüten und Kräuter hinein. Sie schwimmen oben, saugen sich voll und sinken ab. Ein Duft von Minze, vielleicht auch von Hornklee und Melisse, steigt auf.
Zia Arnalda kommt in die Küche, der Holzdielenboden knarrt, und während sie sich die Brille mit einem Taschentuch putzt, kommt auch Giuseppe nach Hause. Er küsst Concetta auf den Mund und seine Mutter Domenica auf die Stirn, dann sieht er nach den Kindern. Maria Pia und Benedetto schlafen noch. Beide im selben Bettchen, das er selbst gezimmert hat. So halten sie sich gegenseitig warm.
Mithilfe eines kleinen Aluminiumsiebs, das die Blätter und Blüten auffängt, gießt Concetta den Tee in die Tassen. Nonna Domenica packt die Armlehnen des Stuhls und holt mit dem Oberkörper Schwung, um sich auf die Beine zu hieven.
Warte, ich helfe dir, sagt Arnalda und fasst sie unter den Achseln.
Lass nur, lass, das geht schon, sagt Domenica, ist immer nur am Anfang, dann geht es. Na also, sagt sie, dreht den Stuhl zum Tisch herum und setzt sich wieder. Nonna Carolina beendet ihre Gebete, bekreuzigt sich und nimmt die Tasse mit beiden Händen.
Sie sitzen am Tisch, pusten nachdenklich in ihren Tee. Arnalda sagt nicht, dass am Abend zuvor welche in die Fabrik gekommen sind, Fragen gestellt und den Direktor verprügelt haben. Giuseppe erzählt nichts von Pietro, der ihm ständig droht, und auch nichts von den deutschen Soldaten, die ihn angehalten haben, denen er weisgemacht hat, dass er Holz für den Kamin sammeln war, weil es kalt ist, uh, ist das kalt, hat er gesagt und sich die Hände gerieben.
Nonno Ponziano kommt ohne anzuklopfen herein, mit einem noch warmen Laib Brot. Er küsst seine Frau Domenica auf die Wange und setzt sich an den Tisch. Ich war in der Bar, sagt er. Antonio hat gesagt, dass gestern die Deutschen in die Ercole Comerio in Busto Arsizio gekommen sind und ein Dutzend Leute aus der Fabrik mitgenommen haben.
Kommt er nicht frühstücken?, fragt Carolina.
Deinen Mann kriegt man nicht mal vom Radio weg, wenn man ihn dafür bezahlt.
Verhaftet wegen der Streiks?, fragt Giuseppe.
Ja, wegen der Streiks.
Wen haben sie mitgenommen?
Leitende Angestellte, Arbeiter.
Dreckschweine.
Wer Wind sät, wird Sturm ernten, sagt Ponziano, während er das Brot in Scheiben schneidet. Aber wir müssen aufpassen, Kinder, ständig werden Leute abgeführt.
Mitten in der Nacht, das Mondlicht fällt durch die Vorhänge und erhellt das Zimmer. Ein Schrank, zwei Stühle mit Kleidern darauf und das Ehebett.
Was denn jetzt schon wieder, sagt Concetta, die aufgewacht ist. Auch Giuseppe wird wach und geht zum Fenster. Vier Lastwagen stehen auf der Piazza, sie wenden und hinterlassen Furchen im Schnee. Zahlreiche Soldaten samt einigen Hunden springen heraus. Einer brüllt, die anderen stellen sich in Reih und Glied, die Hunde bellen, und im Zimmer nebenan wachen die Kinder auf.
Giuseppe nimmt Benedetto in den Arm, während Maria Pia sich zu Concetta legt. Als die beiden Kinder wieder eingeschlafen sind, trägt Giuseppe sie zurück in ihr Bett. Er setzt sich aufs Ehebett, es ächzt ein wenig. Still streckt er seine Hand aus und streichelt Concetta über die Stirn.
Da ist eine Spinne, sagt sie. Die Spinne sitzt reglos an der Wand neben dem Kruzifix mit dem Olivenzweig. Giuseppe nimmt sie in die hohle Hand, öffnet das Fenster und lässt sie frei. Ein Soldat sieht zu ihm hinauf, Giuseppe hält seinem Blick stand, dann schließt er das Fenster, und sie verbringen eine schlaflose Nacht.
Früh am Morgen, im Wald über Cremenaga, arbeitet Pietro eilig mit Schaufel und Spitzhacke. Er gräbt Löcher am Rand des Saumpfads, der hier auf eine kleine Holzbrücke mit wackeligem Geländer trifft. Unten schäumt weiß das Wasser, das seit ewigen Zeiten durch die tiefe Schlucht voll noch eisüberzogener Felsen strömt.
Ein Maultier mit einem Karren ist an einen Baum gebunden. Lange Holzpfähle und eine Rolle schwerer Drahtzaun liegen auf dem harten Schnee.
Im Tal fällen Nonno Ponziano und der Küster Massimo eine abgestorbene Kastanie. Sie benutzen eine große Säge, die Kraft und Koordination erfordert, fassen sie an den Holzgriffen und arbeiten im Rhythmus ihres Atems. Wenn sie kurzatmig werden, machen sie eine Pause und strecken den Rücken. Sie ziehen eine Speckschwarte über die ganze Länge und beide Seiten der Säge. Der Speck tritt aus, tropft herunter und vermischt sich mit dem Sägemehl auf dem aufgeworfenen und festgetrampelten Boden.
Hast du das auch gehört?, fragt der Küster.
Ponziano lauscht bergwärts, wo die Schläge von Pietros Spitzhacke laut widerhallen.
Die Deutschen, sagt er. Das werden diese Deutschen sein.
Nach getaner Arbeit wirft Pietro sein Werkzeug auf den Karren und macht sich auf den Weg. Aus einiger Entfernung beobachten Ponziano und der Küster, wie er aus dem Wald herauskommt und auf den Dorfplatz zuhält. Augenblicke später stehen sie vor einer Konstruktion, die sie sprachlos macht. Ein drei Meter hoher und doppelt so breiter Drahtzaun versperrt den Zugang zum Steg, bis auf einen schmalen Durchlass in der Mitte. Dutzende von Glöckchen hängen am Maschendraht.
Was zum Teufel soll das denn?, sagt der Küster.
Das kann ich dir sagen, was das soll. Du führst sie nachts hierher, und sie bezahlen dich, weil sie denken, dass sie an der Grenze sind. Dann gehen sie durch den Zaun und über den Steg und glauben, in der Schweiz zu sein, verstehst du? Stattdessen ist es immer noch Italien, die Deutschen springen heraus und verhaften sie. Und du bekommst auch von denen Geld. Mit diesem Teufelsding von Zaun lässt du dich sowohl von den Juden als auch von den Nazis bezahlen. Das ist es, was das soll.
Um den rauchenden Misthaufen herum krächzen und hüpfen Krähen und Raben, breiten drohend ihre Flügel aus. Bald ist März, Frühling liegt in der Luft. Die Sonne wärmt, der Schnee auf den Wiesen wird weich, und überall im Dorf hört man es tröpfeln.
Giuseppe ist auf einen Apfelbaum geklettert. Mit der Baumschere schnippt er die Schösslinge und die vom Frost geschädigten Zweige ab, mit einer kleinen Säge entfernt er die Konkurrenztriebe. Diesen Baum hat sein Vater Ponziano im Jahr seiner Geburt gepflanzt. Die letzten Äpfel vom vergangenen Jahr lagern im Keller, in Holzkisten auf einem krummen Regal. Im Dunklen und Trockenen ruhen sie neben den Kartoffeln. Dreihundertfünfzehn haben sie geerntet von diesem Baum, sie zählen sie jedes Jahr.
Der Küster Massimo zieht am Seil, die Glocke schlägt Mittag. Einen Korb in der Hand, geht Concetta mit den Kindern über die Piazza. Nach der Kehre beim Waschhaus kommen sie zum Haus von Antonio und Carolina. Das Fenster zur Straße wird geöffnet.
Nimm, sagt Antonio und wirft Concetta einen Beutel zu. Der Beutel ist warm.
Auch Carolina erscheint am Fenster. Kommt nachher auf einen Kräutertee vorbei, sagt sie und zieht ihren Kopf wieder zurück. Antonio, zu Tisch, es wird kalt, hört man sie noch sagen.
Concetta und die Kinder gehen weiter zum Obstgarten. Giuseppe klettert vom Apfelbaum herunter, und alle vier setzen sich auf die schon ein wenig warme Steinmauer, das Gesicht zur Sonne, die Ärmel aufgekrempelt.
Die Sonne ist die beste Medizin, sagt Giuseppe, dann hört man nur noch das Mahlen ihrer Zähne, während sie das Brot und die Kartoffeln essen.
Don Carlo kommt mit seinem langen schwarzen Talar auf einem Damenfahrrad unten auf der Straße angeradelt. Er steigt ab, schiebt es durch den Schnee und setzt sich zu ihnen auf die Mauer. Es gehen Gerüchte um, sagt er.
Es gehen viele Gerüchte um, sagt Giuseppe.
Kommt nicht darauf an, wie viele, sondern wovon die Rede ist.
Die Leute hören, sehen und reden.
Pass auf bei dem, was du machst, Giuseppe. Im Dorf gibt es leider welche, die schlecht sehen, kaum hören und zu viel reden.
Ein Kleinlaster der Deutschen spritzt Schlamm auf, bremst und hält an. Vom Führerhaus aus beobachten zwei Soldaten den Priester, wie er mit Giuseppe spricht.
In der trägen Stunde nach dem Mittagessen, während der Kamin in der Ecke der kleinen Küche flackert, sitzt Nonna Domenica bequem auf dem niedrigen, unförmigen Korbstuhl und hat die Füße auf einen Hocker gelegt. Sie hält Benedetto im Arm. Benedetto schläft, und Nonno Ponziano schneidet seiner Frau die Fußnägel. Er bückt sich tief, damit er auch sieht, was er tut.
Die Tür geht auf, Maria Pia schlüpft lautlos herein. Die Mama hat gesagt, ich kann bei euch bleiben, sagt sie leise.
Was macht die Mama?, fragt der Nonno ebenso leise, ohne den Kopf zu drehen.
Sie ist oben und putzt, sagt sie, schaut dann den Nonno fragend an.
Die Nonna kann das nicht selber machen.
Warum?
Weil sie Ischias hat.
Was ist Ischias?
Schmerzen im Rücken und im Bein.
Ich will das auch machen.
Aber ich habe nur die hier, sagt er und zeigt ihr die Nagelschere.
Dann nehm ich die.
Aber das ist meine Arbeit. Ich mache sie gern selber.
Geh rauf und frag deine Mama nach ihrer Schere, hier habe ich nur die, sagt Nonna Domenica halblaut, schließt die Augen, lehnt den Kopf an das Nackenkissen und brummt eine Melodie für Benedetto, der immer noch schläft. Mh mh mmh …
Maria Pia geht, kommt zurück und beobachtet den Nonno bei seiner Arbeit, ahmt ihn nach. Die Füße der Nonna sehen schlimm aus, die Hornhaut an den Fersen ist rissig, die Zehen sind umeinander gekrümmt, die Nägel hart und dunkel, an den kleinen Zehen fehlen sie.
Wenn du willst, schneid ich dir nachher deine, flüstert der Nonno.
Ich hab aber keinen Ischias. Ich kann das selber.
Staub schwebt im gelben Licht der nackten Glühbirne, die von der Balkendecke hängt. Glitzernde Spinnweben, wie die mit Tau benetzten im Wald, und ein Duft nach Harz und Gerbsäure.
Giuseppe bearbeitet ein Brett mit dem Hobel. Sein Blick wandert mit der scharfen Schneide, gibt die Richtung vor, seine Hände leiten die Bewegung. Auf dem Boden, zum sanften Hobelgeräusch, häufen sich weiße Pappelspäne an.
Den Schraubstock aus Hartholz, mit dem das Brett befestigt ist, hat er selbst gebaut. Auch die stabile Arbeitsbank aus Eiche mit den vier massiven Beinen. Präzise gezimmert und sorgsam verzapft. Die Werkstatt ist ordentlich, jedes Werkzeug an seinem Platz.
Rocco steckt den Kopf herein. Ein Gläschen?
Giuseppe hobelt weiter.
Ich lad dich ein.
Mit welchem Geld?
Meinem.
Seit wann hast du Geld?
Ich weiß mir eben auch zu helfen.
Giuseppe setzt den Hobel ab. Sieh zu, dass du dich von Pietro fernhältst.
Was ich mache, hat nichts mit den Juden zu tun.
Giuseppe mustert ihn streng. Sein Bruder hält dem Blick stand.
Auf, gehen wir, sagt Giuseppe schließlich, klopft sich die Kleider ab und verlässt in einer Staubwolke die Werkstatt. Er schließt die Tür zweimal mit dem Schlüssel ab und steckt ihn ein.
Giuseppe und Rocco bleiben am Eingang der Bar stehen, sehen sich um und steuern dann geradewegs den Tresen an. Rocco mit trotziger Miene gegenüber den bewaffneten Deutschen, die alles überwachen und ständig ein und aus gehen.
Die Bar ist voll, alle schreien durcheinander. Aus dem Radio kommt Musik, jemand singt dazu. Nonno Antonio sitzt dicht vor dem Apparat und wartet auf die Nachrichten. Wenn man wissen will, was auf der Welt passiert, braucht man nur ihn zu fragen.
Es hat angefangen zu schneien, sagt Giuseppe laut, während Rocco sein Glas in einem Zug leert und ein neues bestellt.
Schnee, der erst im Märzen weht, abends kommt und gleich vergeht, sagt Nonno Ponziano.
Hört doch auf mit diesen Alte-Leute-Sprüchen, mischt sich Pietro ein und trinkt.
Märzenschnee und böses Wort schmilzt die Sonne schnell hinfort, sagt Antonio.
Pietro sieht ihn schief an. Mich verarschst du nicht.
Pietro, jetzt lass mal gut sein, sagt Rocco.
Halt du dich da raus.
Rocco springt auf und packt Pietro am Kragen. Sogleich, in einem Wimpernschlag, sind vier Deutsche da und trennen sie. Niemand sagt oder tut etwas, denn die sind in der Lage, dich in einen Militärlaster zu werfen und die ganze Nacht dort drin zu lassen.
Er muss immer das letzte Wort haben, denkt Giuseppe, die Augen auf Pietro gerichtet, der mit dem Finger auf ihn zeigt.
Was ist, Giuseppe, machst du jetzt bei uns mit oder was?, ruft er.
Sei ruhig, sagt Giuseppe.
Wie jetzt, sei ruhig. Neulich hast du mir hinterhergerufen, dass du’s wissen willst, und jetzt soll ich ruhig sein.
Giuseppe trinkt aus und verlässt die Bar. Mit diesem verdammten Hitzkopf gibt es immer nur Streit.
Die Schneeflocken fallen locker und leicht, glänzen im Lichtkegel der Straßenlaterne. Giuseppe geht dicht an den Hauswänden entlang. Er hört Orgelmusik aus der Kirche und überquert die verschneite Piazza, tritt in die Fußstapfen eines Vorgängers, die zum Portal führen. Dort wischt er sich den Schnee von den Schultern, nimmt seine Kappe ab und schlägt sie gegen die Hüfte. Er stampft mit den Füßen und tritt ein, als der Küster Massimo sich gerade am Weihwasserbecken bekreuzigt. Giuseppe hält ihm die Tür auf.
Irgendjemand klaut die Kerzen, sagt Massimo. Ich muss sie in der Sakristei einschließen. Gute Nacht. Damit eilt er davon, setzt seinen Filzhut auf und schlägt den Kragen seines Wintermantels mit einer selbstverständlichen, geradezu eleganten Geste bis über die Ohren hoch.
Giuseppe orientiert sich in der Dunkelheit. Er setzt sich in die hinterste Bankreihe, um zuzuhören. Beinahe hält er den Atem an, um nicht zu stören, mit den Knien an der Rückenlehne vor ihm und den Füßen auf der langen, abgenutzten Kniebank.
Das Lämpchen am Notenständer beleuchtet schwach den unteren Teil von Raffaele, der sich über die Tasten beugt. Seine Füße treten die Pedale, und seine Finger sausen über die Tasten. Aus den langen Pfeifen steigen wunderbare Töne, die das kalte Schwarz der Kirche erfüllen. Ein tiefer Klang, der bis in die Lunge hinein vibriert.
Als das Stück zu Ende ist, reibt Raffaele sich wärmend die Hände. Bist du schon lange hier?
Giuseppe geht zu ihm. Eine Weile. Was hast du gespielt?
Köchelverzeichnis sechshundertsechzehn.
Was ist das?
Andante in F-Dur für Orgel von Mozart.
Von wem?
Mozart, ein Komponist des achtzehnten Jahrhunderts, geboren in Salzburg, gestorben in Wien.
Geboren wo?
Salzburg. Österreich.
Danke, Raffaele. Macht es dir was aus, wenn ich noch ein bisschen bleibe und zuhöre?
Zwei Militärlaster zerreißen die Stille auf der Piazza, halten mit laufenden Motoren.
Es ist Mittagszeit, Giuseppe hat gerade die Flasche in der Hand. Er horcht, überlegt schnell und schenkt ein. Concetta sieht ihn fragend an. Die Kinder essen nichtsahnend.
Schließt euch in eurem Zimmer ein, sagt Giuseppe ruhig.
Acht deutsche Soldaten mit Hunden an der Leine steigen aus. Sie rufen etwas in ihrer Sprache. Immer scheinen sie Befehle zu brüllen, denkt Giuseppe. Italienisch dagegen klingt weich, es ist die Sprache der Liebe, denkt er, trinkt einen Schluck und seufzt lautlos.
Er hört sie im Hof, dann die Treppe hinaufpoltern, schon sind sie in der Küche. Er hebt die Hände. Ein Gewehrlauf wird ihm so hart in die Seite gestoßen, dass ihm die Luft wegbleibt.
Giuseppe Vaglio?
Er nickt.
Sie packen ihn, schleifen ihn hinaus und werfen ihn in einen der beiden Wagen. Concetta stürzt zum Fenster. Sie bringen ihn weg, sie bringen ihn mir weg, sagt sie laut. Dutzende Köpfe erscheinen in den Fenstern rund um die Piazza.
Ängstliche Augen sehen, wie die Mama an der Wand zusammensinkt und weint, während Ponziano und Domenica in die Küche gelaufen kommen. Ein Stuhl ist umgeworfen, in Giuseppes Glas ist noch Wein. Die Oberfläche zittert ein wenig, dann nicht mehr.
Oh Concetta.
Du musst stark sein, meine Liebe.
Ich habe dich am Fenster gesehen.
Nur einen Augenblick, aber ich habe dich gesehen.
Dann waren wir schon um die Ecke der Piazza.
Und ich habe die Augen zugemacht.
Sie zerren mich aus dem Militärlaster, ich liege mit dem Gesicht nach unten auf dem gefrorenen Schnee, die Hände mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Sie stellen mich auf die Beine. Ich bin auf dem Vorplatz einer Villa, sehe Dutzende von nebeneinanderstehenden Militärfahrzeugen, die Schnauzen zu dem schmiedeeisernen Tor gerichtet, durch das wir gerade gekommen sind.
Wo sind wir?, frage ich. Niemand antwortet.
Einige Soldaten mit Hunden an der Leine stehen vor dem Eingang. Sie treten beiseite, um uns durchzulassen. Die genagelten Bergschuhe meiner Bewacher hämmern auf den Marmor. Meine nassen Strümpfe hinterlassen Abdrücke, und ein starker Tabakgeruch hängt in der Luft.
Hinter einem Schreibtisch sitzt ein Offizier mit Kragenspiegel, rotem Gesicht, kurz geschnittenen Haaren und brennender Zigarette, rechts und links neben ihm stehen zwei ohne Kragenspiegel. Der Sitzende mustert mich ausdruckslos und raucht. Ich sehe weg, bemerke, dass er gepflegte Hände hat.
Er stellt Fragen, deutscher Akzent. Ich antworte.
Er schreibt etwas und stempelt es ab.
Wo bin ich?, frage ich.
