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"In diesem Buch geht es darum, zurückzuschlagen. Die vorherrschende Kultur, genannt Zivilisation, tötet den Planeten. Und es ist längst an der Zeit für diejenigen von uns, denen das Leben auf der Erde etwas bedeutet, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um diese Kultur daran zu hindern, alle lebenden Wesen zu zerstören." Tiefenökologischer Widerstand ("Deep Green Resistance") beginnt dort, wo die Umweltbewegung aufhört: Denn für die Anhänger dieser Idee ist die industrielle Zivilisation unvereinbar mit dem Leben. Sie glauben nicht daran, dass irgendeine Form von zukünftiger Technologie dem Klimawandel, dem Artensterben, der Luftverschmutzung, der Bodenversiegelung oder irgendeiner anderen ökologischen Katastrophe, die die Menschheit ausgelöst hat, Einhalt gebieten kann. Auch mit "bewusstem" Konsumieren oder "nachhaltigem" Wirtschaften lässt sich der Planet Erde nicht retten, sondern nur mit einer ernsthaften Widerstandsbewegung, die die zerstörerische industrielle Wirtschaft zum Erliegen bringt. Die AutorInnen Derrick Jensen, Lierre Keith und Aric McBay vertreten diesen radikalökologischen Ansatz, der in den USA und an anderen Orten immer mehr AnhängerInnen findet. In ihrem erstmals auf Deutsch übersetzten Manifest erzählen sie davon, wie täglich 200 Spezies von der Erde verschwinden, jährlich eine Fläche im Ausmaß des Aral-Sees verwüstet wird und wie pro Jahr 23 Millionen Menschen an den Folgen von Wasser-, Luft- oder Erdverschmutzung sterben. Sie erzählen von einer Welt, die kurz vor dem Ableben steht – wenn wir uns nicht sofort organisieren und handeln. Das Buch "Deep Green Resistance" erläutert bis ins Detail unterschiedliche Möglichkeiten des tiefenökologischen Widerstands, von gewaltlosen Aktionen bis zur Guerilla-Kriegsführung. Und es nennt die Bedingungen, die für den Erfolg dieser Optionen erforderlich sind. Es ist ein Handbuch und Aktionsplan für all jene, die entschlossen sind, für diesen Planeten zu kämpfen und den Kampf zu gewinnen.
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Seitenzahl: 695
Veröffentlichungsjahr: 2020
Derrick Jensen/Lierre Keith/Aric McBayDeep Green Resistance
© 2020 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien
ISBN: 978-3-85371-878-0 (ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-468-3)
Originalausgabe: Deep Green Resistance. Strategy to Save the Planet© 2011 Aric McBay, Lierre Keith, Derrick JensenPublished by Seven Stories Press
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Promedia Verlag Wickenburggasse 5/12 A-1080 Wien
E-Mail: [email protected] Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de
Derrick Jensen, geboren 1960, ist ein US-amerikanischer Autor und radikaler Umweltaktivist. Er hat über fünfzehn Bücher verfasst, zu den bekanntesten zählen: „Endgame“, „A Language Older Than Words“ und „What We Leave Behind“ (gemeinsam mit Aric McBay).
Lierre Keith, geboren 1964, lebt als Schriftstellerin, Kleinbäuerin und radikal-feministische Aktivistin in den USA.
Aric McBay ist Autor mehrerer Sachbücher, Aktivist und Kleinbauer und lebt in Ontario, Kanada.
Hinweis der AutorInnen
Bevor wir mit dem Schreiben dieses Buches begannen, beschlossen wir, die drei AutorInnen – Eric, Lierre und Derrick –, die Bereiche, die wir abdecken wollten, unter uns aufzuteilen. So hat jedes Kapitel einen Hauptautor.
Ich fand, dass es besser ist, zu kämpfen, immer, egal was passiert.
Jemand musste schließlich einen Anfang machen. Was wir geschrieben und gesagt haben, wird von vielen anderen geglaubt. Sie wagen nur nicht, es auszusprechen, so wie wir es getan haben.
Sophie Scholl, Die weiße Rose
In diesem Buch geht es darum, zurückzuschlagen. Die dominante Kultur – Zivilisation – tötet den Planeten und es ist längst an der Zeit für jene, denen das Leben auf der Erde etwas bedeutet, die Initiative zu ergreifen, um diese Kultur daran zu hindern, jedes lebende Wesen zu zerstören.
Mittlerweile kennen wir alle die Statistiken und Trends: 90 Prozent der großen Fische in den Ozeanen sind verschwunden, es gibt zehnmal so viel Plastik wie Phytoplankton in den Ozeanen, 97 Prozent der natürlichen Wälder sind zerstört, 98 Prozent der natürlichen Graslandschaften sind zerstört, die Populationen von Amphibien, Singvögeln, Weichtieren, Fischen und vieler mehr kollabieren. Zweihundert Arten sterben jeden Tag aus. Wenn wir diese Statistiken und Trends nicht kennen, wird es Zeit, das zu ändern.
Diese Kultur zerstört das fruchtbare Land. Das ist ihr Wesen. Wenn du an den Irak denkst, ist das erste, das in den Sinn kommt, Zedernwälder, die so dicht sind, dass das Sonnenlicht nie den Boden berührt? Einer der ersten niedergeschriebenen Mythen dieser Kultur handelt davon, wie Gilgamesch die Hügel und Täler des Irak entwaldet, um eine große Stadt zu errichten. Die arabische Halbinsel war früher eine Eichensavanne. Der Nahe Osten war dicht bewaldet (Wer hat noch nicht von den Zedern des Libanon gehört?). Griechenland war dicht bewaldet. Nordafrika war dicht bewaldet.
Wir sagen es noch einmal: Diese Kultur zerstört das fruchtbare Land.
Und sie wird nicht damit aufhören, weil wir nett darum bitten.
Wir leben nicht in einer Demokratie. Und bevor du aufgrund dieser Blasphemie nach Luft schnappst, frage dich: Dienen Regierungen besser Unternehmen oder Lebewesen? Macht das Justizsystem die CEOs für ihre destruktiven, oft mörderischen Taten verantwortlich?
Hier sind ein paar Rätsel, die nicht sehr lustig sind.
Frage: Was bekommst du, wenn du eine lange Drogenkarriere, ein aufbrausendes Temperament und ein Gewehr vereinst? Antwort: Zweimal lebenslang für Mord, früheste Möglichkeit für Entlassung in 15 Jahren.
Frage: Was bekommt man, wenn man zwei Nationalstaaten, ein großes Unternehmen, vierzig Tonnen Gift und mindestens 8.000 tote Menschen zusammenbringt? Antwort: Ruhestand, mit vollem Lohn und vollen Zusatzleistungen (Warren Anderson, CEO von Union Carbide, der den Massenmord in Bhopal verursacht hat).
Haben die Reichen das gleiche Rechtssystem wie du oder ich? Hat das Leben auf der Erde vor Gericht genauso gute Chancen wie ein Unternehmen?
Wie alle kennen die Antworten auf diese Fragen.
Und wir wissen in unserem tiefsten Inneren, wenn nicht gar in unseren Köpfen, dass diese Kultur keine freiwillige Transformation in eine gesunde und nachhaltige Lebensweise vollziehen wird. Wir – Aric, Lierre und Derrick – haben Tausende und Abertausende von Menschen aus allen Lebensbereichen, von AktivistInnen über Studierende bis hin zu Menschen, die wir in Bussen und Flugzeugen trafen, gefragt, ob sie glauben, dass diese Kultur diese freiwillige Transformation durchlaufen wird. Fast niemand glaubt das, fast niemand sagt ja.
Wenn du dich um das Leben auf diesem Planeten sorgst und wenn du glaubst, dass diese Kultur nicht freiwillig mit der Zerstörung aufhört, wie wirkt sich das auf deine Methoden des Widerstands aus?
Die meisten Leute wissen es nicht, weil die meisten Leute nicht darüber reden.
In diesem Buch wird darüber gesprochen: Dieses Buch handelt von diesem Wandel in Strategie und Taktik.
Dieses Buch handelt vom Gegenschlag.
Wir müssen unsere Körper und unser Leben zwischen das industrielle System und das Leben auf diesem Planeten stellen. Wir müssen anfangen, uns zu wehren. Diejenigen, die nach uns kommen, die bewohnen, was auch immer von der Welt übrig geblieben ist, sobald diese Kultur gestoppt wurde – sei es durch Peak Oil, wirtschaftlichen Zusammenbruch, ökologischen Zusammenbruch oder die Anstrengungen mutiger Frauen und Männer, die sich in Allianz mit der Natur wehren – werden uns nach der Gesundheit des Bodens beurteilen, nach dem, was wir zurücklassen. Es wird ihnen egal sein, wie du oder ich unser Leben gelebt haben. Es wird ihnen egal sein, wie sehr wir es versucht haben. Es wird ihnen egal sein, ob wir nette Leute waren. Es wird ihnen egal sein, ob wir gewaltfrei oder gewalttätig waren. Es wird ihnen egal sein, ob wir den Mord an dem Planeten betrauert haben. Es wird ihnen egal sein, ob wir erleuchtet waren oder nicht. Es wird ihnen egal sein, welche Art von Ausreden wir hatten, um nicht zu handeln (z.B. „Ich bin zu gestresst, um darüber nachzudenken“ oder „Es ist zu groß und beängstigend“ oder „Ich bin zu beschäftigt“ oder „Aber die Mächtigen werden uns töten, wenn wir effektiv gegen sie vorgehen“ oder „Wenn wir zurückschlagen, laufen wir Gefahr, so zu werden wie sie“ oder „Aber ich habe recycelt“ oder irgendeine von tausend anderen Ausreden, die wir alle schon viel zu oft gehört haben). Es wird ihnen egal sein, wie einfach wir gelebt haben. Es wird ihnen egal sein, wie rein wir in unseren Gedanken oder Taten waren. Es wird ihnen egal sein, ob wir die von uns herbeigesehnte Veränderung innerlich realisiert haben. Es wird ihnen egal sein, ob wir demokratisch, republikanisch, grün, liberal oder überhaupt nicht gewählt haben. Es wird sie nicht interessieren, ob wir dicke Bücher darüber geschrieben haben. Es wird ihnen egal sein, ob wir „Mitgefühl“ mit den CEOs und PolitikerInnen hatten, die diese tödliche Wirtschaft betreiben.
Was ihnen nicht egal sein wird, ist, ob sie die Luft atmen und das Wasser trinken können. Wir können über einen großartigen Wandel phantasieren, so viel wir wollen, aber wenn die Leute (einschließlich der nichtmenschlichen Individuen) nicht atmen können, spielt das keine Rolle.
* * *
Jede neue Studie zeigt, dass sich die globale Erwärmung viel schneller vollzieht als bisher angenommen. Nüchterne WissenschaftlerInnen ziehen inzwischen die Möglichkeit in Erwägung, dass Milliarden von Menschen durch das, was manche als Klima-Holocaust bezeichnen, getötet werden. Eine kürzlich veröffentlichte Studie deutet auf einen Temperaturanstieg von 16°C (30°F) bis zum Jahr 2100 hin.
Wir sprechen nicht davon, dass diese Kultur Menschen, und in der Tat den ganzen Planeten, irgendwann in ferner Zukunft tötet. Es ist die Zukunft der Kinder, die heute geboren werden, die diese in ihrem Leben sehen und erleiden werden.
Sei ehrlich, ist diese Kultur mehr wert als das Leben deiner eigenen Kinder?
* * *
In Ärzte im Dritten Reich erforschte Robert Jay Lifton, wie es geschehen konnte, dass Männer, die den Hippokratischen Eid abgelegt hatten, ihre Fähigkeiten für Konzentrationslager zur Verfügung stellen konnten, in denen sich InsassInnen zu Tode arbeiteten oder wie am Fließband getötet wurden. Er fand heraus, dass viele der Ärzte sich ernsthaft um ihre Pflichten kümmerten und alles in ihrer Macht Stehende taten – was lächerlich wenig war, um das Leben für die Inhaftierten besser zu machen. Wenn ein Häftling krank wurde, gaben sie dem Häftling vielleicht eine Tablette Aspirin. Sie steckten den Häftling für ein oder zwei Tage ins Bett (aber nicht zu lange, sonst könnte der Häftling zur Ermordung „ausgewählt“ werden). Wenn der Patient eine ansteckende Krankheit hatte, töteten sie ihn manchmal, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. All dies ergab innerhalb der Grenzen von Auschwitz Sinn. Die Ärzte taten alles, um den Häftlingen zu helfen, bis auf das Wichtigste von allem: Sie stellten nie die Existenz von Auschwitz selbst in Frage. Sie haben nie in Frage gestellt, dass man die Insassen sich zu Tode arbeiten ließ. Sie haben nie in Frage gestellt, dass sie zu Tode gehungert wurden. Sie haben nie in Frage gestellt, sie zu inhaftieren. Sie haben nie in Frage gestellt, sie zu foltern. Sie haben nie die Existenz einer Kultur in Frage gestellt, die zu diesen Gräueltaten führte. Sie haben nie die Logik in Frage gestellt, die unweigerlich zu den Elektrozäunen, den Gaskammern, den Kugeln im Kopf führte.
Wir als Umweltschützer tun dasselbe. Wir kämpfen so hart wir können, um die Orte, die wir lieben, zu schützen, indem wir die Werkzeuge des Systems so gut wie möglich nutzen. Aber wir tun nicht das Wichtigste von allem: Wir stellen die Existenz dieser tödlichen Kultur nicht in Frage. Wir stellen nicht die Existenz eines wirtschaftlichen und sozialen Systems in Frage, das die Welt kaputt macht, sie aushungert, sie gefangen hält, sie foltert. Wir stellen niemals die Logik in Frage, die unweigerlich zu Kahlschlägen, ermordeten Ozeanen, Verlust von Mutterboden, gestauten Flüssen und vergiftetem Grundwasser führt.
Und erst recht handeln wir nicht, um diesen Horror zu stoppen.
Wie stoppt man die globale Erwärmung, die vor allem durch die Verbrennung von Öl und Gas verursacht wird? Wenn du irgendeinen halbwegs intelligenten Siebenjährigen fragst, sollte dir dieses Kind die offensichtliche Antwort geben können. Aber wenn du einen halbwegs intelligenten 35-Jährigen fragst, der für ein grünes High-Tech-Beratungsunternehmen arbeitet, wirst du wahrscheinlich eine Antwort erhalten, die dem Unternehmen mehr hilft als der realen, physischen Welt.
Wenn die meisten Menschen in dieser Kultur fragen: „Wie können wir die globale Erwärmung stoppen?“, fragen sie nicht wirklich, was sie vorgeben zu fragen. Sie fragen stattdessen: „Wie können wir die globale Erwärmung stoppen, ohne das Verbrennen von Öl und Gas zu stoppen, ohne die industrielle Infrastruktur zu stoppen, ohne dieses massenmörderische System zu stoppen?“ Die Antwort: Es geht nicht.
Hier ist noch eine andere Art, das Problem zu betrachten: Was würdest du tun, wenn Außerirdische diesen Planeten überfallen würden und die Ozeane leer saugen, einheimische Wälder vernichten, Dämme in jeden Fluss bauen, das Klima verändern und Dioxin und Dutzende anderer krebserregender Stoffe in die Muttermilch jeder Mutter und in die Körper deiner eigenen Kinder, Geliebten, Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Freunde, in deinen eigenen Körper einbringen? Würdest du dich widersetzen? Wenn es eine Widerstandsbewegung gebe, würdest du dich ihr anschließen? Wenn nicht, warum nicht? Wie viel schlimmer müsste der Schaden sein, bevor du diejenigen stoppen würdest, die den Planeten töten, die deine Lieben töten und letztlich dich selbst?
Neunzig Prozent der großen Fische in den Ozeanen sind bereits verschwunden. Wo ist deine Schwelle für Widerstand? 91 Prozent? 92? 93? 94? Würdest du warten, bis sie 95 Prozent ausgerottet haben? 96? 97? 98? 99? Wie wär’s mit 100 Prozent? Würdest du dich dann wehren?
Mit diesen Fragen wollen wir keinesfalls andeuten, dass Menschen nicht versuchen sollten, innerhalb des Systems zu arbeiten, um die Zerstörungskraft dieser Kultur zu verlangsamen. Verhandlungen über die Beseitigung von Staudämmen, die von lokalen Interessensgruppen geführt werden, sind wichtige Schritte in die richtige Richtung.
Aber es gibt 2 Millionen Dämme allein in den Vereinigten Staaten; 60.000 dieser Dämme sind höher als 4 Meter, und 70.000 sind höher als 1,80 Meter. Wenn wir nur einen dieser 70.000 Dämme pro Tag stilllegen würden, bräuchten wir 200 Jahre. Lachse haben diese Zeit nicht. Störe haben diese Zeit nicht.
Wenn Lachse menschliche Gestalt annehmen könnten, was würden sie tun?
Dieses Buch handelt vom Zurückschlagen.
Und was meinen wir damit? Wie wir in diesem Buch untersuchen werden, bedeutet es in erster Linie, für uns selbst zu denken und zu fühlen, herauszufinden, wen und was wir lieben und wie wir unsere Lieben am besten verteidigen können, mit den Mitteln, die angemessen und notwendig sind. Die Strategie von Deep Green Resistance (DGR) beginnt mit der Erkenntnis der katastrophalen Umstände, welche die industrielle Zivilisation für das Leben auf diesem Planeten geschaffen hat. Das Ziel von DGR ist es, den Reichen die Fähigkeit zu nehmen, von den Armen zu stehlen und den Mächtigen ihre Fähigkeit, den Planeten zu zerstören. Das bedeutet auch die Verteidigung und den Wiederaufbau gerechter und nachhaltiger menschlicher Gemeinschaften, die auf einem restaurierten und regenerierten Boden aufbauen. Das ist ein gewaltiges Unterfangen, aber es ist machbar. Die industrielle Zivilisation kann gestoppt werden.
* * *
Immer wieder kommen Menschen zu uns – Aric, Lierre und Derrick – und erzählen uns, wie ihre Hoffnung und Verzweiflung zu einer Einheit verschmolzen sind. Sie wollen nicht weiter alles Mögliche tun, um die Erde zu retten, und dabei das Zentralste außen vor lassen: Die Zerstörung dieser tödlichen Kultur. Sie wollen in die Offensive gehen. Sie wollen diese Kultur aufhalten. Aber sie wissen nicht wie.
In diesem Buch geht es darum, eine Kultur des Widerstands zu schaffen. Und es geht darum, einen wirklichen Widerstand zu erzeugen. Es geht darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Lachs zurückkehren kann, dass die Singvögel zurückkehren können, dass die Amphibien zurückkehren können.
Dieses Buch handelt vom Gegenschlag.
Und dieses Buch handelt vom Gewinnen.
* * *
Direkte Aktionen gegen strategische Infrastruktur sind eine grundlegende Taktik sowohl von Militärs als auch von Aufständischen auf der ganzen Welt, und zwar aus dem einfachen Grund, dass sie funktionieren. Aber solche Aktionen allein sind nie eine ausreichende Strategie, um Gerechtigkeit zu erzielen. Das bedeutet, dass jede Strategie, die auf eine gerechte Zukunft abzielt, einen Aufruf zum Aufbau direkter Demokratien beinhalten muss, die auf den Menschenrechten und nachhaltigen materiellen Kulturen basiert. Die verschiedenen Zweige dieser Widerstandsbewegungen müssen Hand in Hand arbeiten: die öffentlichen und verdeckten, die militanten und gewaltfreien, die AktivistInnen an der Front und die KulturarbeiterInnen. Wir brauchen sie alle.
Und wir brauchen Mut. Das Wort „Courage“ kommt von der gleichen Wurzel wie coeur, das französische Wort für Herz. Wir brauchen den ganzen Mut, zu dem das menschliche Herz fähig ist, geschmiedet in Waffe und Schild, um das zu verteidigen, was von diesem Planeten übrig geblieben ist. Und das Lebenselixier des Mutes ist, natürlich, die Liebe.
Während dieses Buch also vom Gegenschlag handelt, geht es letztendlich um Liebe. Die Singvögel und der Lachs brauchen dein Herz, egal wie müde es auch sein mag, denn auch ein gebrochenes Herz ist aus Liebe gemacht. Sie brauchen dein Herz, weil sie verschwinden und in die längste Nacht des Aussterbens gleiten. Wir müssen diesen Widerstand aus allem aufbauen, was wir zur Hand haben: Aus dem Flüstern und Beten, aus der Geschichte und unseren Träumen, aus unseren mutigsten Worten und mutigeren Taten. Es wird schwer sein, es wird einen Preis haben, und viel zu oft wird es unmöglich erscheinen. Aber wir werden es trotzdem tun müssen. Also fasst euch ein Herz und schließt euch mit allen Lebewesen zusammen. Mit Liebe als unserer primären Quelle, wie können wir da scheitern?
Man kann kein politisches Leben führen, man kann kein moralisches Leben führen, wenn man nicht bereit ist, die Augen zu öffnen und die Welt klarer zu sehen. Führe dir vor Augen, was es an Ungerechtigkeiten auf der Welt gibt. Versuche, dir dessen bewusst zu werden, was in der Welt passiert. Und wenn das geschehen ist, hast du die Verantwortung, zu handeln.
Bill Ayers, Mitbegründer des Weather Underground
Eine Trauerseeschwalbe wiegt kaum mehr als 50 Gramm. Ihre Energiereserven sind weniger als eine kleine Tüte M&Ms und ihre Flügelspannweite beträgt 30 cm, aber sie fliegt tausende Kilometer, um nach Feuchtgebieten zu suchen, in denen sie ihre Jungen aufziehen kann. Jedes Jahr wird ihre Reise weiter, da die Feuchtgebiete für menschliche Nutzung trockengelegt werden. Jedes Jahr verliert die Trauerseeschwalbe, verzweifelt und hungrig, während die Zivilisation, endlos und blutig, gewinnt.
Eine Eisbärin sollte knapp 300 kg wiegen. Ihre Energiereserven müssen sie über neun Monate der Schwangerschaft im dunklen Bau versorgen; und dann über die Zeit des Säugens hinweg, wenn sie ihren schwindenden Proviant an die hungrigen Münder der Zukunft ihrer Spezies weitergibt. Aber in einigen Gegenden wiegt das Weibchen bereits nur noch 230 kg vor der Winterruhe.1 Gleichzeitig ist das Eis wie die Feuchtgebiete verschwunden. Wenn sie erwacht, wird sich das Wasser ungangbar weit erstrecken, und kein abrahamitischer Gott wird es für sie teilen.
Die Aldabra-Schnecke sollte etwas wiegen, aber alles, was von ihr übrig ist, sind Skelette, kleine Stücke von orangen und indigoblauen Gehäusen. Die Schnecke wurde nicht nur für ausgestorben erklärt2, sondern auch zum ersten Opfer der Klimaerwärmung. In trockenen Perioden hielt die Schnecke Winterschlaf. Die Jungtiere einer jeden Spezies sind verletzlicher, da sie keine Reserven haben, auf die sie zurückgreifen können. In diesem Fall waren die Fortpflanzungsbemühungen der Spezies ein „kompletter Fehlschlag“.3 Auf Deutsch gesagt, der Nachwuchs starb und starb immer weiter, und eine Millionen Jahre alte Spezies ist jetzt nur noch ein Haufen Gehäusefragmente.
Wie viel Trauer, Wut, Verzweiflung kannst du persönlich aushalten? Wir leben in einer Zeit des massenhaften Aussterbens. Im Moment sind es 200 Spezies am Tag.4 Das macht 73.000 pro Jahr. Diese Kultur beachtet ihren Tod nicht, sie fühlt sich berechtigt, auch die letzte ihrer Nischen einzunehmen, es gibt schließlich keinen Zählappell in den Abendnachrichten.
Es gibt einen Namen für diese Flutwelle der Ausrottung: Das Massenaussterbeereignis des Holozäns. Diesmal gibt es keinen Asteroiden, nur menschliches Verhalten, Verhalten, mit dem wir aufhören könnten. Adolf Eichmanns Ausrede war, dass niemand ihm gesagt habe, dass die Konzentrationslager moralisch falsch sind. Wir alle haben die Bilder von den ertrinkenden Eisbären gesehen. Sind wir ethisch so abgestumpft, dass uns gesagt werden muss, dass das falsch ist?
Einige erheben ihre Stimmen voller Sorge, sogar Schmerz, und sprechen von der Notlage der Erde, der Art, wie ihre Spezies verschwindet. „Nur ein Ende der Emissionen kann einen wärmeren Planeten verhindern“, verkünden zwei KlimatologInnen.5 James Lovelock, der die Gaia-Hypothese formuliert hat, sagt unverblümt, dass die Klimaerwärmung ihren Kipppunkt bereits hinter sich gelassen habe, dass Emissionshandel ein Witz sei und „individuelle Anpassungen des Lebensstils“ ein „verblendetes Hirngespinst“.6 Das alles ist wahr und offensichtlich. „Einfaches Leben“ sollte mit einer einfachen Erkenntnis beginnen: wenn das Verbrennen von fossilen Energieträgern den Planeten töten wird, dann hör auf, sie zu verbrennen.
Aber dieser Schluss, in all seiner scharf umrissenen Klarheit, ist unbeliebt. Wann immer politische EntscheidungsträgerInnen und Naturschutzgruppen anfangen, Lösungen vorzuschlagen, ist das der Moment, in dem sie aufhören, die Wahrheit – unbequem oder nicht – zu sagen. Suche mit Google nach „Lösungen Klimaerwärmung“. Die erste Sponsoreneinblendung, Campaign Earth, fordert „keine Schwarzmalerei!! Wann war das letzte Mal, dass Depressionen dich wirklich motiviert haben? Wir sind hier, um realistische Handlungsschritte und Erfolgsgeschichten anzuregen.“ Mit „realistisch“ meinen sie nicht Lösungen, die zu dem Ausmaß des Problems passen. Sie meinen die üblichen Entscheidungen, die wir als KonsumentInnen treffen sollen – Einkaufstüten aus Stoff, Trinkbecher für unterwegs, schlecht überlegte Nahrungsumstellungen – alles Dinge, die exakt nichts dazu beitragen werden, die Troika aus Industrialisierung, Kapitalismus und Patriarchat aufzuhalten, die den Planeten bei lebendigem Leibe häutet. Wie Derrick anderswo gesagt hat, wenn jede/r AmerikanerIn alles tun würde, was Al Gore vorschlägt, würde das die Treibhausgas-Emissionen des Landes nur um 21% reduzieren.7 Aric präsentiert eine nüchterne Wahrheit: Sogar wenn jede/r AmerikanerIn durch einfaches Leben und strenges Recycling die Dreivierteltonne Müll, die er/sie sonst produzieren würde, einspart, „wären da immer noch die fast 26 Tonnen pro Kopf an Industrieabfall. Das ist 33-mal so viel wie du einsparst, wenn du all deinen persönlichen Müll recycelst.“8 Der Industrialismus selbst muss gestoppt werden. Es gibt keine nettere, grünere Version davon, die uns einen lebenden Planeten lassen wird. Industrialisierung ist, um es ohne Beschönigung zu sagen, der Prozess, ganze Gemeinschaften lebender Wesen zu nehmen und in tote Zonen und Konsumgüter zu verwandeln. Könnte das „effizienter“ gemacht werden? Sicher, wir könnten weniger fossile Energieträger benutzen, aber Land, Wasser und Himmel würden nicht weniger verwüstet. Wir könnten dieses Endspiel um noch zwanzig weitere Jahre verlängern, aber der Planet stirbt trotzdem. Verfolge ein beliebiges industrielles Produkt zu seiner Quelle zurück – was nicht schwer ist, da sie alle blutige Spuren hinterlassen – und du findest stets den gleichen Pfad der Verwüstung: Bergbau, Kahlschläge, Dämme, Landwirtschaft. Und jetzt auch noch Teersande, Gipfelabsprengungen, Windparks (die vielleicht besser Tote-Vögel-und-Fledermäuse-Parks genannt werden sollten). Erneuerbare Energie wird niemals die fossile aufwiegen oder die Tatsachen der Ressourcenextraktion ändern und beide sind Grundvoraussetzungen für diesen Lebensstil. Weder fossile Energie noch geförderte Ressourcen werden jemals umweltverträglich sein; der Definition nach sind sie irgendwann aufgebraucht. Eine Stofftasche zum Einkaufen mitzunehmen wird die Teersande nicht aufhalten, nicht einmal, wenn du deine Klimaerwärmungs-Flip-Flops trägst. Aber da diese Aktionen auch niemandes Leben stören, werden sie als realistisch und erfolgreich bezeichnet.
Die „Werde Aktiv“-Seite des nächsten Treffers der Suchmaschine empfiehlt das Übliche: Glühbirnen kaufen, Reifen aufblasen, Geschirrspülmaschinen füllen, kürzere Duschen, die Liegestühle auf der Titanic neu anordnen. Und dann sind da noch die unverzichtbaren Klimaerwärmungs-Armbänder und, noch wichtiger, -Flip-Flops. Eisbären weinen überall vor Erleichterung.
Die erste nicht-kommerzielle Seite ist die Union of Concerned Scientists [Union der besorgten WissenschaftlerInnen]. Wie man erwarten könnte, gibt es hier keine Ausrufezeichen, sondern stattdessen die Feststellung, dass „das Verbrennen von fossilen Energieträgern (Öl, Kohle und Erdgas) allein für 75% der jährlichen CO₂-Emissionen verantwortlich ist.“ Danach folgt eine Liste von fünf sinnvollen Schritten. Schritt eins? Nein, nicht keine fossilen Energieträger mehr zu verbrennen. „Bessere Autos und Geländewagen bauen.“ Egal, dass das Auto selber die Verschmutzung ist und seine Bedürfnisse – Platz, Geschwindigkeit, Treibstoff – im kompletten Widerspruch zu den Bedürfnissen einer lebensfähigen menschlichen Gemeinschaft und eines lebenden Planeten stehen. Wie alle anderen auch weigern sich die WissenschaftlerInnen, die industrielle Zivilisation zu hinterfragen. Wir können doch einen lebendigen Planeten und gleichzeitig den Konsum, der ihn tötet, haben, oder?
Das Prinzip ist sehr einfach. Wie Derrick geschrieben hat: „Jedes soziale System, das auf nicht erneuerbaren Ressourcen aufbaut, ist per Definition nicht nachhaltig.“9 Nur um das klarzustellen, „nicht erneuerbar“ heißt, dass sie irgendwann aus sind. Sobald man diese intellektuell komplexe Tatsache begriffen hat, kann man zur nächsten Stufe vordringen. „Jede Kultur, die auf der nicht erneuerbaren Verwendung von erneuerbaren Ressourcen aufbaut, ist ebenso wenig nachhaltig.“ Bäume sind erneuerbar. Aber wenn wir sie schneller verbrauchen, als sie wachsen, wird der Wald zu einer Wüste werden. Was genau das ist, was die Zivilisation in ihrem 10.000 Jahre währenden Feldzug getan hat, in welchem sie Land, Flüsse und Wälder durchgebracht hat, ebenso wie Metall, Kohle und Öl. Jetzt sind die Meere fast tot und ihre Planktonbestände brechen zusammen, Bestände, die das Leben der Meere füttern und Sauerstoff für den Planeten erzeugen. Was wird unsere Lungen füllen, wenn sie verschwunden sind? Das Plastik, mit dem die industrielle Zivilisation sie ersetzt? In Teilen des Pazifik überwiegt Plastik Plankton im Verhältnis 48 zu 1.10 Stell dir vor, es wäre dein Blut, dein Herz, das mit giftigen Materialien vollgestopft wird – nicht nur Chemikalien, sondern eine klebrige Masse davon – bis zehnmal mehr davon da ist als von dir. Welche Metapher ist angebracht für das sterbende Plankton? Krebs? Ersticken? Eine Kreuzigung?
Aber die Meere benötigen unsere Metaphern nicht. Sie benötigen Taten. Sie benötigen, dass die industrielle Zivilisation aufhört, zu zerstören und zu verschlingen. Anders gesagt, sie brauchen uns, um die Zerstörung aufzuhalten.
Das ist der Grund, warum wir dieses Buch schreiben.
* * *
Die meisten Menschen, zumindest die mit einem Herzen, wissen bereits, was dabei herauskommt, wenn man die herrschende Arroganz und Dummheit, den Sadismus und das hartnäckige Leugnen von Tatsachen aufaddiert: ein toter Planet. Einige von uns tragen dieses Ergebnis mit sich herum wie das Gewicht eines toten Körpers. Bei anderen hat es das Herz in eine Kohle verwandelt. Aber Verzweiflung und Zorn sind als rückständig und unrein abgestempelt worden, als unter der Würde der „spirituellen KämpferInnen“, die darauf bestehen, dass sie den Planet retten können, indem sie sich selbst „heilen“. Wie diese Vorgehensweise den Ausstoß von Kohlenstoff und das Fällen von Wäldern stoppen wird, wird nie erklärt. Die Antwort liegt irgendwo zwischen dem Wandel, den wir sehen wollen und dem „hundertsten Affen“ der Hoffnung, einem Affen, der eher ein unrealistischer Weihnachtswunsch ist als eine echte Alternative. [Das „Hundertste-Affe-Phänomen“ geht zurück auf beobachtetes Verhalten von freilebenden Japanmakaken Mitte des letzten Jahrhunderts. Auf unerklärliche Weise breitete sich das bis dahin auf wenige Dutzend Tiere beschränkte Wissen, nämlich den Vorteil gewaschener Süßkartoffeln, ab einer kritischen Masse unvorhersehbar (von Geist zu Geist?) aus. Der „plötzlicher Lernsprung“ ist mittlerweile nachvollziehbar erklärbar. d.Ü.]
Die amerikanische Kultur basiert auf Individualismus und ist voller Privilegien, weshalb es kein Wunder ist, dass sie in Narzissmus resultiert. Die sozialen Umbrüche der 1960er spalteten sich entlang der Grenze zwischen Verantwortlichkeit und Hedonismus, zwischen Gerechtigkeit und Egozentrismus, zwischen Opferbereitschaft und Anspruchsdenken. Was wir heute haben, ist eine alternative Kultur, eine kleine, abgetrennte Welt voller Konvertiten, die damit zufrieden ist, neben dem dominanten Mainstream her zu existieren. Hier findet man Workshops zum Thema „Mangelzentriertes Bewusstsein“, als wäre Armut nur eine Frage der Einstellung, nicht eine strukturelle Stütze des Kapitalismus. Diese Kultur bereitet uns nicht darauf vor, uns mit der Krise des weltweiten Biozids auseinanderzusetzen, die uns täglich begegnet. Diese Fakten sind nicht angebracht, um mit einem offenherzigen Staunen betrachtet zu werden. Um der Wahrheit als Erwachsene zu begegnen, nicht als falsche Kinder, brauchen wir die Standhaftigkeit und den Mut von Erwachsenen, gegründet auf einer erwachsenen Verantwortung für die Welt. Wir brauchen diese Eigenschaften, weil die Situation furchtbar ist und es daher schmerzhaft sein wird, mit diesem Wissen zu leben. Aber ich war schon bei Workshops, auf denen die Klimaerwärmung als Gelegenheit für Persönlichkeitsentwicklung behandelt wurde und ich der einzige war, der darin ein Problem sah.
Das Wort nachhaltig – das „Gelobt sei der Herr!“ der ernsthaften Ökos – ist ein Beispiel für die schlimmsten Tendenzen der alternativen Kultur. Es ist ein Begriff, der den durch Marketingkampagnen sorgfältig kalkulierten Anstieg einer grünen Rührseligkeit mit der beharrlichen Verleugnung von Tatsachen durch die Privilegierten perfekt verbindet. Ich kann es kaum ertragen, das Wort überhaupt zu benutzen, so blutleer haben es die Cheerleader eines techno-zentrierten, konsumgesteuerten Paradieses gemacht. Das vage Versprechen anzuzweifeln, das in dem Wort enthalten ist – dass wir unsere Autos, unsere Konzerne, unseren Konsum behalten können, aber unseren Planeten auch – ist ein Verrat und eine Ketzerei für die meisten Progressiven, die ihr emotionales Wohlbefinden bedroht sehen. Aber die Frage ist: Wollen wir uns gut fühlen oder wollen wir effektiv sein? Sind wir SentimentalistInnen oder KriegerInnen?
Damit das Wort „nachhaltig“ überhaupt irgendetwas bedeuten kann, müssen wir die nackte Wahrheit akzeptieren und verteidigen: der Planet steht an erster Stelle. Die lebensschaffende Arbeit einer Million Spezies ist im wahrsten Sinne des Wortes die Luft, die wir atmen, sowie die Erde und das Wasser, von dem wir abhängig sind. Keine menschliche Aktivität – ob sinnlos oder sinnvoll – ist mehr wert als dieses Netz des Lebens. Noch ist es das menschliche Leben selbst. Wenn wir das Wort „nachhaltig“ benutzen und das nicht meinen, sind wir LügnerInnen der schlimmsten Art: Solche, die untätig daneben stehen, wenn Gräueltaten geschehen.
Sogar wenn es möglich wäre, NarzisstInnen zu erreichen, hätten wir dafür keine Zeit mehr. Wenn wir zugeben, dass wir ohne sie zur Tat schreiten müssen, geben wir die sentimentale Kinderei und die optimistischen, die Realität leugnenden Notlügen von großen Teilen der politischen Linken auf und akzeptieren unser Erwachsenen-Wissen. Um es frei nach Yeats zu sagen, mit Wissen beginnt Verantwortung. An euch Erwachsene, die Trauernden und die Zornigen, richten wir dieses Buch.
* * *
Die große Mehrheit der Bevölkerung wird nichts tun, wenn sie nicht geleitet, angespornt oder gezwungen wird. Wenn die strukturellen Grundlagen da sind, dass die Leute ihr Leben leben können, ohne Schaden anzurichten – zum Beispiel als Jäger und Sammler mit respektierten Ältesten – dann wird das auch geschehen. Wenn andererseits ihre Umwelt für Autos strukturiert ist, wenn industrielle Schulbildung verpflichtend ist, wenn Widerstand gegen Kriegssteuern einen ins Gefängnis bringt, Essen nur durch riesige Konzerne erhältlich ist, die konzerngesteuerte Zerstörung verkaufen, und wenn frauenfeindliche Pornografie rund um die Uhr nur einen Klick weit weg ist – nun, willkommen im Alptraum. Diese Kultur ist praktisch ein riesiges Milgram-Experiment, nur dass die Stromstöße echt sind – sie töten den Planeten, Spezies um Spezies.
Doch wo es Unterdrückung gibt, gibt es Widerstand. Das war schon immer so. Dieser Widerstand wird Körper um Körper aufgebaut von einigen wenigen, den Standhaften, den Mutigen, den Entschlossenen, denen, die bereit sind, sowohl gegen die Mächtigen als auch gegen sozialen Druck zu stehen. Unsere Prognose ist, dass es keine Massenbewegung geben wird, zumindest nicht rechtzeitig, um diesen Planeten zu retten, der unsere einzige Heimat ist. Dieser winzige Teil – von Margaret Mead als kleine Gruppe von nachdenklichen, engagierten BürgerInnen bezeichnet – hat schon in vergangenen Zeiten sowohl das kulturelle Bewusstsein als auch die Machtstrukturen geändert. Es ist verständlich, sich nach einer Massenbewegung zu sehnen, egal, wie genau wir wissen, dass das nur ein Wunsch ist. Theoretisch könnte sich die Menschheit als Ganze der Situation stellen und einige Entscheidungen treffen – schwere, aber faire Entscheidungen, die eine gleiche Verteilung von Ressourcen und Gerechtigkeit beinhalten und die Grenzen unseres Planeten respektieren und beachten. Aber keine der Institutionen, die unsere Leben beherrschen, ob ökonomisch oder religiös, sind auf der Seite von Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit. Theoretisch wäre es möglich, diese Institutionen zu zwingen, sich zu ändern. Die Geschichte jedes Kampfes um Menschenrechte bezeugt, wie Mut und Opferbereitschaft Macht und Ungerechtigkeit bezwingen können. Aber das braucht Zeit. Wenn wir tausend Jahre hätten, dann wäre es unsere Aufgabe, eine Bewegung aufzubauen, um die dominanten Institutionen auf der Welt zu transformieren. Aber das westafrikanische Spitzmaulnashorn hat keine Zeit mehr. Ebenso die Goldkröte und das Zwergkaninchen. Niemand außer uns wird diesen Planeten retten.
Was sind also unsere Optionen? Die übliche Herangehensweise des langen, langsamen Wandels der Institutionen ist mittlerweile ausgeschlossen, und viele von uns wissen das. Das übliche Setting bei UmweltschützerInnen ist mittlerweile, sich auf persönliche Lifestyle-„Entscheidungen“ zu fokussieren. Das war absehbar, da es sich perfekt in die Anforderungen des Kapitalismus einfügt, insbesondere in die kondensierte firmenzentrierte Version, die all unsere Impulse in ihren Profit verwandelt. Aber wir können uns nicht aus dem ökologischen Kollaps herauskonsumieren; Konsum ist das Problem. Es ist verzeihlich, eine Weile zu glauben, „einfaches Leben“ sei die Lösung für diesen Konsum, besonders, da die großen Umweltschutzorganisationen und Medien Lifestyle-Änderungen zum ersten Gebot erhoben haben. Hast du Energiesparlampen als deinen Herrn und Retter akzeptiert? Lifestyle-Änderungen sind keine Lösung, da sie die Wurzel des Problems nicht angehen.
Wir haben an diese lächerlichen Lösungen geglaubt, weil unsere Auffassungsgabe von einer großen Portion Realitätsleugnung und Verzweiflung geschwächt worden ist. Und diese Reaktionen sind legitim. Ich will niemanden versuchen zu überreden, sie aufzugeben. Aber wollen wir eine Strategie entwickeln, um unseren emotionalen Zustand zu regulieren, oder eine, um den Planeten retten?
Und wir haben an diese Lifestyle-Lösungen geglaubt, weil alle um uns herum behaupten, sie seien machbar, ein kollektiv wiederholtes Mantra von „Erneuerbare, Recycling“, das uns abgestumpft hat, bis wir es glaubten.
Bis jetzt. Nun ist also der Moment, in dem du dich entscheiden musst. Willst du dich an einem ernsthaften Versuch beteiligen, den Planeten zu retten? Nicht an einem ernsthaften Versuch, sich kollektiven Illusionen hinzugeben, nicht an einem ernsthaften Versuch, nur dich selbst und die Deinen zu retten, sondern an einer tatsächlichen Strategie, die Zerstörung von allem Liebenswerten aufzuhalten. Wenn deine Antwort sich so zwingend wie ein Instinkt anfühlt, dann lies weiter.
Die einzige Rechtfertigung dieser monströsen Absurdität [Emissionshandel], die ich gehört habe, ist: „Naja, du hast ja recht, es ist wirklich nicht gut, aber der Zug ist halt abgefahren.“ Wenn der Zug abgefahren ist, entgleist er besser bald, oder der Planet, und damit wir alle, sitzen tief, tief in der Scheiße.
James Hansen, Klimaforscher
Versuch dir einzureden dass du keine Rechenschaft schuldig bist gegenüber dem Leben deines Stammes dem Atem deines Planeten
Adrienne Rich, feministische Dichterin und Essayistin
Womit haben wir es also zu tun? Denk einen Moment über das ökologische Vermächtnis der dominanten Kultur nach, der kompletten Zerstörung von ganzen Landstrichen („Auswirkungen auf die Umwelt“, in der beschönigenden Sprache von Industrie-ApologetInnen).
Der Aralsee zwischen dem heutigen Kasachstan und Usbekistan ist ein perfektes Beispiel. Sein Name bedeutet „See der Inseln“ nach den tausenden von Inseln, die in dem einst reichhaltigen Wasser verteilt liegen. In den 1950ern beschloss die UdSSR ein intensives industrielles Bewässerungsprogramm, welches das Becken des Aralsees in eine große Baumwollplantage verwandeln sollte. Damals war der See noch riesig – von der Fläche her hätte er mit Leichtigkeit Dänemark, Sri Lanka oder die Dominikanische Republik verschlingen können. Aber der See schrumpfte von den 1960ern an schnell, es fehlte an Wasser und die steigende Salzkonzentration löschte Fische und andere Geschöpfe aus. Nur 10% des Sees verbleiben. Der regulierende Effekt des Sees ist verschwunden; einst gemäßigte Sommer sind heiß und trocken, die Winter lang und kalt. Wo einst ein See voller Leben war, ist jetzt eine tote und staubige Fläche, die von dem über Jahrzehnte angesammeltem Dünger und Industriemüll vergiftet wird. Auf der (früheren) „Insel der Wiedergeburt“ befinden sich die Überreste einer sowjetischen Biowaffenfabrik. Verlassene Schiffe liegen auf der vergifteten Ebene, ihre rostenden Rümpfe Denkmäler einer Zeit, als im See Fische waren – und Wasser.
Es ist schwierig, einen besseren Begriff zu finden als postapokalyptisch. Aber die Apokalypse ist noch nicht post; was von dem See übrig ist, schrumpft weiter. Einst waren drei getrennte salzige Seen vom Aralsee übrig, aber während ich dies schreibe, hat einer der Seen schließlich aufgegeben und ist verdampft. Nur zwei salzige, giftige Überreste verbleiben nun von dem einst riesigen See voller Inseln.
Was dem Aralsee zugestoßen ist, passiert überall, und zwar schnell. Es hat fünfzig Jahre gedauert, den Aralsee in eine Wüste zu verwandeln, aber die gleiche Fläche an Land wird jedes Jahr weltweit verwüstet. Es ist nicht schwierig, ganze Biome zu finden, die von dieser Kultur zerstört worden sind. Die Prärien des amerikanischen Westens. Die alten Wälder des Mittleren Ostens. Inzwischen ist es deutlich schwieriger, ein Biom zu finden, das nicht zerstört worden ist.
Und an manchen Orten beginnen die Herrschenden gerade erst, wie etwa bei den Athabasca-Teersanden unter Nord-Alberta. Teersande sind unterirdische Ansammlungen von Teer, gemischt mit Sand, viele dieser Ansammlungen unter borealem Wald. (Wenn man nach dem „am wenigsten zerstörten Biom“ suchen würde, wären die borealen Wälder ein guter Kandidat; zumindest vor der Klimaerwärmung.) Um an den Teersand zu kommen, schaben Ölkonzerne im wahrsten Sinne des Wortes den lebendigen Wald und die Erde von der Oberfläche ab. Dann graben sie den Sand aus, ungefähr zwei Tonnen Sand für ein Barrel Öl. Dann wird Wasser aus nahe gelegenen Flüssen benutzt, um den Teer aus dem Sand zu waschen – mehrere Einheiten Wasser für jede Einheit Öl – was ein giftiges Wasser-Öl-Abfallprodukt zurücklässt, das Fische, Vögel und indigene Völker in der Gegend tötet. Wenn man das Land einfach nur hassen würde und es zerstören wollte, könnte man kaum eine grausamere Weise finden, dies zu tun.
Riesige Mengen Erdgas werden gebraucht, um aus dem Teer ein synthetisches Öl zu kochen. Die Energie, die dafür verwendet wird, macht aus, dass Öl aus Teersand mindestens fünfmal so viel an Treibhausgasen erzeugt wie normales Öl. Wenn der Plan war, eine noch fiesere Art zu erfinden, fossile Rohstoffe zu verbrauchen, dann herzlichen Glückwunsch.
All dies ist ein klares Muster. Die dominante Kultur frisst ganze Biome. Nein, das ist noch zu großzügig, denn „fressen“ impliziert eine natürliche biologische Beziehung. Diese Kultur konsumiert Ökosysteme nicht nur, sie vernichtet sie, sie ermordet sie, eins nach dem anderen. Diese Kultur ist ein ökologischer Serienmörder und es ist höchste Zeit, dass wir dieses Muster erkennen.
* * *
Die Krisen, denen der Planet gegenübersteht, sind nicht in der menschlichen Natur begründet1, sondern in der Art sozialer und politischer Organisation, die wir Zivilisation nennen. Was müssen wir über die Zivilisation wissen, um sie zu besiegen?
Sie ist globalisiert. Die Zivilisation umspannt den Planeten und ist, oberflächlichen politischen Grenzen zum Trotz, von der Infrastruktur und der Wirtschaft her integriert. Jeder lokale Widerstand sieht sich einem Gegner mit globalen Ressourcen gegenüber, weshalb effektive Strategien überall auf der Welt angewendet werden müssen. Allerdings nähert sich die Zivilisation ihrer schlussendlichen Grenze – 83 Prozent der Biosphäre sind bereits unter direktem menschlichen Einfluss.2
Sie ist mechanisiert. Eine industrielle Zivilisation benötigt Maschinen für die Produktion. Die Mechanisierung hat politische und ökonomische Macht zentriert, indem sie die Produktionsmittel über die Größenordnung hat wachsen lassen, in der menschliche Gemeinschaften gerecht und demokratisch funktionieren. Sie hat eine dramatische Spitze in der Bevölkerungsentwicklung verursacht (durch industrielle Landwirtschaft), sowie globale ökologische Zerstörung (durch industrielle Fischerei, Abholzung, usw.).3 Die meisten Menschen sind nun von industrieller „Produktion“ abhängig, während das System selbst komplett von endlichen Mineralien und energiereichen fossilen Rohstoffen abhängig ist.4
Sie ist sehr jung in kulturellen, ökologischen und geologischen Zeitmaßen, erscheint aus der Perspektive einer Person aber alt. Die Geschichte der Zivilisation umfasst ein paar Jahrtausende, die menschliche Geschichte mehrere Millionen, die ökologische Geschichte mehrere Milliarden Jahre.5 Aber viel traditionelles Wissen ist verloren gegangen oder von den Mächtigen, welche die Zivilisation verherrlichen, Unterdrückung normalisieren und alternative Arten zu leben undenkbar machen wollten, zerstört worden. Deshalb haben wir den Eindruck, dass die Zivilisation so alt sei wie die Zeit.
Sie ist vor allem ein Phänomen der Städte. Zivilisationen entstehen aus und befördern das Wachstum von Städten.6 Städte bieten ein Reservoir an ArbeiterInnen, die, eingepfercht und vom Land getrennt, arbeiten müssen, um zu überleben.7 Städtische Gegenden sind dicht besiedelt und streng kontrolliert. Städtische Gegenden sind Epizentren von Konflikten, wenn Zivilisationen zerfallen; wie Lewis Mumford schrieb, „[beginnt] jede historische Zivilisation … mit einem lebendigen verstädterten Kern, der Polis, und endet in einem Gräberfeld von Staub und Knochen, einer Nekropolis, einer Stadt der Toten: feuergeschwärzte Ruinen, zerstörte Gebäude, leere Werkstätten, Berge von bedeutungslosem Müll, die Bevölkerung massakriert oder in die Sklaverei getrieben.“8
Sie verwendet eine weitreichende Arbeitsteilung und einen hohen Grad an sozialer Ungleichheit. Spezialisierung steigert die Produktion, aber ein enger Fokus hält die meisten Menschen von einer systematischen Kritik an der Zivilisation ab; sie sorgen sich zu sehr um ihr unmittelbares Leben und ihre Probleme, um das größere Ganze zu betrachten. Auf ähnliche Weise stellt soziale Ungleichheit sicher, dass die Macht zentralisiert bleibt und unterhält eine Unterklasse, welche die unangenehme Arbeit erledigt. Die moderne Zivilisation hat mit ihrer gewaltigen Produktionskapazität eine große Mittelklasse in den reichen Ländern ins Leben gerufen, ein historisch einzigartiger Umstand. Obwohl Mitglieder dieser Klasse ungern ihre Privilegien riskieren, indem sie die industrielle Gesellschaft herausfordern, werden sie durch das Hinauszögern des Zusammenbruchs ihre Privilegien letztendlich dennoch verlieren – und noch viel mehr.
Sie ist militarisiert. Zivilisationen, von Grund auf expansionistisch und unersättlich, befinden sich in einem intensiven Wettbewerb. Das Militär ist Priorität in Politik, Industrie und Wissenschaft, was manchmal zu offenem Faschismus ausartet. Die Bevölkerung wird durch die Polizei kontrolliert. Wie der Anthropologe Stanley Diamond schrieb, „[entsteht] Zivilisation durch Eroberung im Ausland und Unterdrückung im Inland.“9 Die Verherrlichung des Militärs führt dazu, dass sich die Bevölkerung mit dem Staat und dessen spektakulärer Gewalt identifiziert, und sie führt ihr vor Augen, was passiert, wenn sie sich wehrt.
Eng verwandt damit, und feministischem Fortschritt zum Trotz, ist Zivilisation patriarchalisch und verherrlicht Maskulinität. Die Zivilisation unterdrückt Frauen systematisch und feiert den maskulinen Ausdruck von Macht und Gewalt.
Sie basiert auf großflächig durchgeführter Landwirtschaft. Jagd, Sammeln und Gartenbau können Zivilisationen nicht aufrechterhalten. Nur großflächige, intensive Landwirtschaft kann den „Überschuss“ erwirtschaften, um Städte und spezialisierte Eliten zu ermöglichen. Historische Landwirtschaft benötigte Sklaverei, Leibeigenschaft und andere Grausamkeiten. Industrielle Landwirtschaft benötigt Erdöl, ein Arrangement, das nicht auf Dauer bestehen wird.
Von Anfang an war sie auf ständigem Wachstum begründet. Dieses Wachstum ist untrennbar mit Landwirtschaft und Sesshaftigkeit verbunden. Sesshaftigkeit benötigt Landwirtschaft, welche erstens zu Bevölkerungswachstum führt und zweitens zu militarisierten Eliten, welche die Ressourcen kontrollieren. Dadurch beginnt sie, die Natur zu übernutzen und zu zerstören.
Gesellschaften, Kulturen und auch Firmen, die schnell wachsen, tun dies auf Kosten von solchen, die langsamer (oder gar nicht) wachsen, egal, was die langfristigen Konsequenzen sind. In anderen Worten: Zivilisation ist von kurzsichtigem Denken geprägt: die Struktur der Zivilisation belohnt jene, die kurzfristig denken und mehr nehmen, als sie zurückgeben. Weil die Mächtigen mehr nehmen, als sie geben, gewinnen sie oft auf kurze Sicht. Aber weil man schlussendlich nicht gewinnen kann, indem man dem Land mehr nimmt, als es willentlich gibt, müssen sie auf lange Sicht verlieren.
Aufgrund ihrer Tendenz zu Krieg, ökologischer Zerstörung und fortlaufender Expansion in einer endlichen Welt ist die Geschichte von Zivilisationen von Zusammenbrüchen charakterisiert. Durch die Geschichte hindurch sind Zivilisationen entweder zusammengebrochen oder sie sind erobert worden, wonach es den Eroberern genauso erging. Zusammenbruch ist das typische Schicksal einer Zivilisation, nicht die Ausnahme. Wie Gibbon über Rom schrieb: „Die Geschichte des Untergangs ist einfach und offensichtlich; statt uns zu fragen, warum das Römische Reich zerstört wurde, sollten wir überrascht sein, dass es überhaupt so lange Bestand hatte.“10
Zivilisation ist hierarchisch und zentralisiert, politisch wie auch von der Infrastruktur her. Dies ist eine selbstverstärkende Dynamik; die MachthaberInnen wollen mehr Macht und sie haben die Mittel, sie zu erreichen. Oberflächlich betrachtet wird die Macht global von einer großen Anzahl verschiedener nationaler Regierungen ausgeübt; aber heutzutage sind diese Regierungen zum Großteil Sklaven der konzerneigenen kapitalistischen Elite. Sozial betrachtet ist die Hierarchie der Zivilisation all-durchdringend und standardisiert; die meisten PolitikerInnen und Firmenchefs sind austauschbar. Eine Begleiterscheinung der Zentralisierung von Macht ist die Externalisierung von Konsequenzen (wie der Zerstörung des Planeten). Wann immer möglich, werden die Armen und die nicht-menschlichen Wesen gezwungen, die Konsequenzen zu tragen, damit die Reichen weiterhin komfortabel leben können.
Hierarchie und Zentralisierung führen zu zunehmender Regulierung von Verhalten und zunehmender Reglementierung. Durch die Zerstörung von traditionellen Verwandtschaftssystemen und Methoden der Konfliktlösung, die durch die Ausbreitung von Zivilisation und den Aufstieg von dicht besiedelten städtischen Zentren verursacht wurde, haben die Mächtigen ihre eigenen Gesetze und Systeme geschaffen, um Hierarchie und Regulierung durchzusetzen.
Als Mittel der Durchsetzung von Hierarchie und Regulierung investiert die Zivilisation auch in monumentale Architektur und Propaganda. Vergangene Zivilisationen hatten Pyramiden, Kolosseen und große militärische Aufmärsche, um ihre Bevölkerungen zu beeindrucken oder einzuschüchtern. Obwohl moderne Zivilisationen immer noch monumentale Architektur aufweisen (besonders in Form von riesigen Einkaufszentren), ist der reichere Teil der menschlichen Bevölkerung eher in virtuelle Architektur vertieft – ein ganztägiges digitales Spektakel von Lärm und Propaganda.
Zivilisation benötigt außerdem große Mengen an menschlicher Arbeit und basiert darauf, diese Arbeit entweder direkt zu erzwingen oder systematisch alle realistischen alternativen Lebensgrundlagen zu zerstören. Uns wird oft gesagt, Zivilisation sei ein Schritt vorwärts, der die Menschen von der „Plackerei“ der Subsistenzwirtschaft befreit habe. Wenn das wahr wäre, dann wäre die Geschichte der Zivilisation nicht voller Sklaverei, Eroberungen und der Verbreitung von religiösen und politischen Systemen durch das Schwert. Das Leben als Arbeiter für SoziopathInnen zu verbringen ist nur dann eine ansprechende Perspektive, wenn gerechte, kleinbäuerliche Gemeinschaften – und der Boden selbst – zerstört sind. In anderen Worten, die Zivilisation verbreitet sich, indem sie absichtlich Knappheit und Mangel erzeugt.
Die Zivilisation ist fähig, die Erde unbewohnbar zu machen, sowohl für Menschen als auch die Mehrzahl aller lebenden Spezies. Historische Zivilisationen haben sich selbst zerstört, bevor sie globale Schäden anrichten konnten, aber die globale Zivilisation ist weitaus schädlicher als ihre Vorgänger. Wir haben nicht mehr die Option, abzuwarten. Wir können nirgendwo mehr hingehen. Die Zivilisation wird so oder so zusammenbrechen und es ist unsere Aufgabe, sicherzustellen, dass danach noch etwas übrig ist.
* * *
Die dominante Kultur ist nicht nur eine MassenmörderIn – sie hat auch Amnesie. Ganze Spezies und Biome werden nicht nur zerstört, sondern vergessen. Noch schlimmer, sie werden absichtlich ausgelöscht, aus der Geschichte gestrichen. Die Menschen erkennen das Muster des Ökozids dieser Kultur nicht, weil sie nicht all das betrauern, was bereits verloren ist und getötet wurde.
Jeder weiß doch, was ein Pinguin ist, oder? Nun, der Name bezog sich nicht immer auf die niedlichen antarktischen Vögel. Der Name, der der Fette bedeutet, bezog sich früher auf den Riesenalk, den Seevogel, der einst atlantische Inseln in großer Zahl bewohnte. Erst als der Riesenalk ausgerottet (und von den meisten vergessen) war, wanderte das Wort zum Südpol.
Kabeljaue sind ein weiteres Beispiel. Einst lebten Kabeljaue im Überfluss vor der Küste von Neufundland und den kanadischen Seeprovinzen. Sie waren so häufig, dass es lange dauerte, sie an den Rand der Ausrottung zu fischen.11 Und dennoch kann man in der englischsprachigen Welt immer noch „cod“ kaufen. Warum? Weil der Name aus Marketinggründen übernommen wurde. Wenn man heute etwas namens „cod“ kauft, bekommt man nicht mehr echten Atlantik-Kabeljau (Gadus morhua). Stattdessen bekommt man etwas, was absichtlich falsch ausgewiesen ist: Stachelkopf (Sebastes spp.) oder Alaska-Pollack (Theragra chalcogramma) oder den giftigen Ölfisch (Ruvettus pretiosus). Sowas passiert ständig in der Meeresfrüchte-Industrie: Eine Spezies wird ausgerottet und dann durch einen umbenannten oder absichtlich falsch benannten Fisch ersetzt. Und dann wird der ausgerottet und der Kreislauf geht weiter.
All das gibt KäuferInnen das Gefühl, dass alles in Ordnung ist. Sie hören vielleicht in den Nachrichten, den Fischen würde es nicht besonders gut gehen, aber es gibt ja immer genug zu kaufen, also wo ist das Problem? Aber wenn man mal darüber nachdenkt, sind diese Umbenennungen höchst verstörend. Es ist ein bisschen, als würdest du nach Hause kommen und ein Serienmörder hätte deine Familie ermordet und mit PassantInnen von der Straße ersetzt, die jetzt die Namen deiner toten Verwandten tragen. Der Mörder sitzt in deinem Haus und versichert dir grinsend, dass alles in bester Ordnung sei.
Wir müssen nicht von jedem einzelnen Opfer dieser Kultur wissen, um uns zu wehren (auch wenn jede Tragödie, von der ich erfahre, mich darin bestärkt). Aber wir können die Ernsthaftigkeit unserer Situation nicht begreifen oder eine angemessene Antwort formulieren, wenn wir nicht zuerst zumindest einige dieser Krisen verstehen.
Die globale Erwärmung wird durch die Emission von Treibhausgasen durch das Verbrennen von fossilen Energieträgern verursacht, sowie durch andere industrielle Aktivitäten und Landzerstörung. Die Konzentration von Methan in der Atmosphäre ist seit Beginn der Industrialisierung um ungefähr 250% gestiegen. Die vor-industrielle CO₂-Konzentration lag bei ungefähr 280ppm (parts per million – Teilchen pro Million). Im Jahr 2005 war sie auf 379ppm gestiegen. 2010 lag sie bei 392ppm. 2016 hat sie die 400ppm-Marke überschritten, 2019 liegt sie bei 414ppm. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) schätzt, dass sie im Jahr 2100 bei 541 bis 970 ppm liegen könnte. Allerdings glauben viele KlimaforscherInnen, dass sie unter 350ppm hätte bleiben müssen, damit „irreversible katastrophale Auswirkungen“ vermieden werden.12
Die Modelle sagen einen Temperaturanstieg von 2,4 bis 6,4°C während des 21. Jahrhunderts voraus.13 Ein derartiger durchschnittlicher Anstieg wäre schlimm genug, aber er wird nicht gleichmäßig verteilt sein. Einige Gegenden werden geringere Anstiege verzeichnen, während es in anderen Gebieten stärkere Änderungen von 8°C und mehr geben wird. Es wird außerdem Schwankungen von Jahr zu Jahr geben, manche Jahre ein paar Grad kälter, andere ein paar Grad wärmer. Diese Anhäufungseffekte werden die potentiellen Extreme noch extremer werden lassen. Seltene (vielleicht alle 10 Jahre vorkommende) extreme Wetterereignisse wie große Stürme könnten jährlich stattfinden. Katastrophale Ereignisse, die sonst alle hundert Jahre passieren, könnten jedes Jahrzehnt stattfinden.
Die Effekte von Treibhausgasemissionen kommen verspätet, weil es Zeit braucht, bis sich die zusätzliche Hitze in der Atmosphäre angesammelt hat. Wir fühlen jetzt erst die Auswirkungen von Emissionen von vor mehreren Jahrzehnten und die jetzigen Emissionen werden Jahrzehnte brauchen, bis sie ihre vollen Effekte entfalten. Sogar wenn die Emissionen sofort aufhören würden, würden die bereits existierenden Gase zur Klimaerwärmung und zum Ansteigen des Meeresspiegels noch mindestens 1000 Jahre beitragen.14 Außerdem wird Klimaerwärmung irgendwann zu einem Selbstläufer. Wenn die Tundra schmilzt, wird gefrorenes organisches Material ebenso auftauen und große Mengen Treibhausgase freisetzen. Drastische Klimaveränderungen werden viele derartige Ökosysteme beschädigen und dazu führen, dass wiederum mehr ausgestoßen wird.
Prognosen sind das eine, aber PaläontologInnen haben Klimaerwärmung als Verursacher von jedem prähistorischen Massensterben außer einem identifiziert.15 Das größte Massensterben, oft als das „Große Sterben“ bezeichnet, fand vor einer Viertelmilliarde Jahren statt und löschte 96% aller im Meer und 70% aller an Land lebenden Spezies aus.16 Als möglicher Grund wurde massiver Methanausstoß am Meeresboden identifiziert. Im Moment bringt die Klimaerwärmung im arktischen Meer Methan dazu, in großen Blasen aufzusteigen.17 Die NASA vermutet, dass ein Kipppunkt, der zu „desaströsen Effekten“ führen wird, 2017 erreicht wurde.18 19 Natürlich ist er für viele Spezies und Kulturen, die am Rand des Aussterbens stehen oder schon ausgerottet sind, bereits erreicht.
Klimaerwärmung ist ein sehr dringendes Problem, aber es gibt noch andere, hinterlistigere Arten der Verschmutzung, die den Planeten vergiften. ForscherInnen an der Cornell University geben Wasser-, Luft- und Erdverschmutzung die Schuld für 40% aller Todesfälle unter Menschen.20 Aus meiner Erfahrung als Sanitäter – und auch weil ich gesehen habe, wie FreundInnen und Familie an Krebs und ähnlichen Krankheiten erkrankt sind – kann ich sagen, dass Verschmutzung oftmals zu einem furchtbaren Tod führt. Dieser Tod ist nicht schnell oder schmerzlos, sondern ein langsames Ersticken (wenn Luftverschmutzung die Ursache ist). Andere Arten der Verschmutzung führen zu Wunden, Ausschlag oder Tumoren. Dies ist schlimmer als der Mythos der blutrünstigen, grausamen Natur; von einem Bären oder Tiger gefressen zu werden, ist eine Gnade verglichen mit dem japsenden, hustenden Tod durch eine Kohlenstaublunge. Und dann die schiere Anzahl. Jedes Jahr sterben insgesamt 57 Millionen Menschen, also 23 Millionen an Verschmutzung. Das sind 63.000 pro Tag oder 21-mal so viele Opfer wie bei den Angriffen des 11. September 2001, jeden Tag.
Die Bürde des Ökozids fällt vorwiegend auf die Armen. In Chinas prosperierenden Städten tötet der Rauch von Kohle verbrennenden Öfen und Öl jedes Jahr 300.000 Menschen.21 Und es ist lange bekannt, dass Verschmutzung ausstoßende industrielle Anlagen und Sondermülllager in den USA meist eher in der Nähe von nichtweißen Nachbarschaften platziert werden.22
Obwohl Probleme in Landwirtschaft und Kanalisation zu Wasserverlust und -verschmutzung führen, trägt die Industrie die Hauptschuld. Wenn industrielle Aktivität aufhört oder zurückgeht, sinkt auch die Verschmutzung sofort. Der Stromausfall im Nordosten der USA 2003 führte zu einem sofortigen Abfall in der Luftverschmutzung. 24 Stunden nach dem Beginn des Stromausfalls war das Schwefeldioxid um 90% gefallen, das Ozon in der Stratosphäre um 50% und die Lichtstreuung verursachenden Partikel um 70%.23
Hinterlistigere Arten der Verschmutzung reagieren nicht so schnell. Langlebige organische Verschmutzungen, die Gifte, die sich in Körperfett ablagern und durch Biomagnifikation verstärken, sind auf der ganzen Welt allgegenwärtig. Diese Schadstoffe überleben Jahrhunderte, und wenn sie zerfallen, können sie weitere giftige Nebenprodukte freisetzen. Diese Krise benötigt sofortige Taten, um einen weiteren Anstieg an Schadstoffen zu verhindern.24
Eine essentielle Dynamik der Zivilisation ist die Zentralisierung der Macht und die Externalisierung von Konsequenzen. In den letzten 50 Jahren hat es fraglos eine Kombination von unkontrollierter Firmenherrschaft, Militarismus und der systematischen Ausbeutung der Armen gegeben, im In- wie im Ausland. Um die Zentralisierung von Macht, die Ausbreitung des Kapitalismus und Ressourcenextraktion fortzuführen, müssen die Mächtigen traditionelle, kleinbäuerliche Kulturen zerstören und die soziale Kontrolle intensivieren.
Die Zerstörung von indigenen und nachhaltigen Kulturen ist erbarmungslos. Sprache ist ein guter Indikator. Es gibt ungefähr 6800 Sprachen unter Menschen, von denen 750 ausgestorben oder fast ausgestorben sind. Von den 300 Sprachen von amerikanischen UreinwohnerInnen werden vermutlich nur 30 im Jahr 2050 noch existieren. Ungefähr die Hälfte aller Sprachen ist bedroht.25
Der Abstand zwischen arm und reich ist stetig angewachsen. Das Einkommen des reichsten Prozents entspricht dem der ärmsten 57%.26 Die drei reichsten Menschen besitzen mehr als die ärmsten 10% zusammen. Diese Ungleichheit existiert sowohl in als auch zwischen Ländern. 1992 lag das Einkommensverhältnis zwischen Firmenchefs und der amerikanischen DurchschnittsarbeiterIn bei ungefähr 42 zu 1. Im Jahr 2000 lag es bei 525 zu 1.
Zivilisation bedeutet nicht nur eine einzige Hierarchie, sondern mehrere ineinander verschränkte Hierarchien und Unterdrückungssysteme, die auf Geschlecht, „Rasse“ und Klasse basieren. Beispielsweise erledigen Frauen global zwei Drittel der Arbeit, verdienen aber nur 10% des Einkommens und besitzen weniger als 1% des Reichtums.27 Ähnliches kann über „Rasse“ und Klasse gesagt werden.
Manche sagen, dass sogar die Armen heute reicher sind als jemals zuvor in der Geschichte, es kommt allerdings darauf an, wie man „Reichtum“ misst. (Aber das ist nicht sehr bedeutsam, wenn die globale Ökonomie von schwindenden, endlichen Ressourcen abhängt. Das bedeutet, dass dieser „Reichtum“ kurzlebig ist und auf zukünftiger Verarmung aufbaut.) Aber sehen wir von den nächsten 50 Jahren ab: schon die vergangenen 50 sind erhellend. Im Jahre 2007 waren 57% der 6,5 Milliarden Menschen mangelernährt, im Gegensatz zu 20% der damals 2,5 Milliarden im Jahr 1950.28
Diese sich öffnende Schere bezüglich Wohlstand und Reichtum ist ein Nebenprodukt des Mantras Profit-um-jeden-Preis, aber auch von bewussten Versuchen, Menschen in Armut und Abhängigkeit zu zwingen, da marginalisierte Menschen weniger fähig sind, Widerstand gegen Kolonialismus und Ressourcenabbau zu leisten. Wie der Friedensnobelpreisträger und Kriegsverbrecher Dr. Henry Kissinger berüchtigterweise riet: „Entvölkerung sollte die höchste Priorität der Außenpolitik gegenüber der Dritten Welt sein, denn die US-Ökonomie wird große und steigende Mengen Mineralien aus dem Ausland benötigen, besonders aus weniger entwickelten Ländern.“
Internationale Programme wie die Strukturanpassungsprogramme (SAPs) sind nur die neueste Form des Kolonialismus. SAPs zwingen arme Länder, verstärkt Steuern einzunehmen und gleichzeitig Staatsausgaben zu senken, öffentliches Land und öffentliche Betriebe an private Firmen zu verkaufen und Gesetze (wie die lästigen Vorschriften zum Schutz von ArbeiterInnen und Umwelt) abzuschaffen, die dem Handel und Profit im Weg stehen. SAPs sind von Anfang an dafür kritisiert worden, dass sie Armut und Ungleichheit dramatisch erhöhen, Landreformen umkehren und Menschen weg von ihrem Land und in Slums zwingen.29
Diese Politik geht oft Hand in Hand mit Anreizen, Geld von den Industrieländern zu leihen, um Infrastruktur oder Konsumartikel von denselben Ländern zu kaufen. Eine von vielen Praktiken, die zu erdrückender Schuldenlast in der Dritten Welt geführt hat. In manchen Ländern wie Kenia und Burundi wird für den Ausgleich von Staatsschulden weit mehr Geld ausgegeben als für den Sozialstaat und etwa die Gesundheitsfürsorge. Schuldenerlass führt erwiesenermaßen zu einem sofortigen und signifikanten Anstieg bei den Sozialausgaben.30 Die armen Länder der Welt zahlen ungefähr 4 Millionen Dollar Schulden pro Stunde.
So enorm das erscheinen mag, ist es immer noch wenig verglichen mit den 58 Millionen Dollar, die die USA jede Stunde für das Militär ausgeben.31 Laut dem Stockholm International Peace Research Institute übersteigen die globalen Militärausgaben heutzutage 1,3 Billionen Dollar. Obwohl die Ausgaben nach dem Ende des Kalten Krieges sanken, stiegen sie mit dem sogenannten Krieg gegen den Terror wieder an und nähern sich nunmehr ihrem früheren Höchststand.32 Die USA, die den Großteil ihres frei verfügbaren Budgets auf das Militär verwenden, geben fast so viel dafür aus wie alle anderen Länder zusammen. Wenn man den Effekt der Inflation mit in Betracht zieht, haben sie vor einer Weile ihren eigenen Rekord für jährliche Ausgaben aus dem Kalten Krieg übertroffen.33
Im letzten Jahrhundert hat es soziale Fortschritte gegeben, besonders was die Bürgerrechte von Schwarzen und Frauen angeht. Aber menschliche Gesellschaften basieren schlussendlich auf gesundem Boden und der globale Ökozid droht diesen Fortschritt umzukehren. Ökonomische Krisen werden auftreten und schlimmer werden, sind aber schwer vorauszusagen, weil das Finanzwesen imaginär ist. Über den Zustand der wirklichen Welt brauchen wir hingegen nicht spekulieren.
In Overshoot: The Ecological Basis of Revolutionary Change identifiziert William R. Catton Jr. „Übernutzung“ als „ein notwendigerweise zeitlich begrenztes Hilfsmittel, durch das die Lebensumstände [mit anderen Worten die ökologische Tragfähigkeit] einer Spezies für eine Weile gesteigert wird, indem der Umwelt ein signifikanter Anteil einer Ressource entnommen wird, der nicht so schnell ersetzt werden kann, wie er abgebaut wird.“ Übernutzung bedeutet, dass Reserven, nicht Einkommen, verwendet werden, um eine jährliche Nachfrage zu bedienen. Industrieller Ressourcenabbau erhöht sowohl die menschliche Bevölkerung als auch die „Betriebskosten“ der industriellen Gesellschaft.
Die herrschende Kultur ist von Übernutzung in einem solchen Maße abhängig, dass es schwer ist, etwas zu identifizieren, das nicht in einem schwindelerregenden Tempo übermäßig abgebaut wird. Die essentiellsten Grundlagen der industriellen Gesellschaft und des menschlichen Lebens – Humus, Wasser, billige Energie, Nahrungsmittelreserven – sind genau die, die am schnellsten schwinden. Und wie Catton schreibt, ist Übernutzung als Herangehensweise „unausweichlich eine Sackgasse“.
Billiges Öl liegt jedem Aspekt der industriellen Gesellschaft zugrunde. Ohne Öl könnte die industrielle Landwirtschaft keine Nahrungsmittel produzieren, Konsumgüter könnten nicht um die Welt transportiert werden und Supermächte könnten keine Kriege gegen weit entfernte Länder führen. Peak oil verursacht bereits Verwerfungen in Gesellschaften überall auf der Welt. Mit sich selbst beschleunigenden Effekten auf alles – von der Nahrungsmittelproduktion bis hin zur globalen Ökonomie.
Der Höhepunkt der Ölförderung ist vorüber und die Produktion wird von nun an zurückgehen. Industrielle Erneuerbare sind kein hinreichender Ersatz für Öl. Richard C. Duncan fasst dies in seiner „Olduvai-Theorie“ der industriellen Zivilisation zusammen. Duncan prognostizierte einen langsamen Abfall der Pro-Kopf-Energie zwischen 1979 und 1999 (der „Abhang“), auf den ein „Abrutschen“ der Energieproduktion folgt, welches „im Jahr 2000 mit eskalierender Kriegsführung im Nahen Osten beginnt“ und „den historischen Höhepunkt der weltweiten Ölförderung bedeutet“.34 Nach Duncan bedeutet das Jahr 2030 das Ende der industriellen Zivilisation und eine Rückkehr zum „globalen Gleichgewicht“ – nämlich der Steinzeit.
Das Erdgas nähert sich ebenfalls dem Höhepunkt seiner Förderung. Andere fossile Rohstoffe wie Teersande und Kohle sind schwerer zu fördern und bieten eine schlechte Energiebilanz. Die ökologischen Effekte der Förderung und Verarbeitung dieser Rohstoffe (ganz zu schweigen von den Effekten ihrer Verbrennung) sind ein Desaster sogar im Vergleich zu der miserablen Bilanz von Öl.
Wird Peak Oil die Klimaerwärmung aufhalten? Vermutlich nein. Es stimmt, dass es für billiges Öl keinen adäquaten industriellen Ersatz gibt. Der großflächige Einsatz von Kohle ist allerdings älter als der von Öl. Sogar nach dem Zusammenbruch ist es möglich, dass große Mengen Kohle, Teersand und andere schmutzige fossile Rohstoffe benutzt werden.
Obwohl Peak Oil eine Krise ist, sind die Effekte größtenteils positiv: verringertes Verbrennen von fossilen Rohstoffen, verringerte Müllproduktion, verringerter Konsum von Wegwerfartikeln, verringerte Möglichkeiten für Supermächte, ihre Macht global anzuwenden, ein Wandel hin zu nachhaltigem Nahrungsanbau, was notwendig für stärkere Gemeinschaften ist, und so weiter. Die schlimmsten Effekte von Peak Oil werden sekundärer Art sein – verursacht nicht durch Peak Oil selbst, sondern die Reaktion der MachthaberInnen.
Die fossilen Brennstoffe sind gerade knapp? Lasst uns Essen in Brennstoff verwandeln oder Wälder abholzen, um sie in synthetisches Petroleum zu verwandeln. Der ökonomische Zusammenbruch führt dazu, dass Hypotheken nicht mehr abbezahlt werden können? Der Treibstoff ist zu teuer, um bestimmte Maschinen zu betreiben? Die KapitalistInnen werden zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und ein System einführen, in dem SchuldnerInnen in Gefängnissen leben, die gleichzeitig Zwangsarbeitslager sind. Eine große Anzahl der Gefängnisse weltweit nutzen bereits Gefangene als kaum bezahlte Arbeitskräfte. Massensklaverei, Gulags usw. sind in vorindustriellen Zivilisationen üblich. Du weißt, worauf ich hinaus will.
Die industrielle Zivilisation hängt stark von endlichen Ressourcen und Materialien ab, eine Tatsache, die das endlose Wachstum unmöglich macht. Insbesondere sind einige Metalle rar.35 Wenn das billige Platin zu Ende ginge, hätte das keine großen ökologischen Auswirkungen. Ein Mangel an wichtigeren Materialien wie Kupfer aber wird die Fähigkeit der industriellen Gesellschaft einschränken, mit ihrem eigenen Kollaps umzugehen. Schwerwiegende Engpässe und hohe Preise werden die sozialen und ökologischen Praktiken von Bergbaufirmen verschlimmern (so schlimm sie auch jetzt schon sein mögen). Diese Engpässe würden außerdem ein Versagen der industriellen Zivilisation bedeuten, ihr falsches Versprechen umzusetzen, ihre Vorzüge allen Leuten auf der Welt zugänglich zu machen. Laut einer Studie würde die Verbesserung der Infrastruktur in den „Entwicklungsländern“ auf das Niveau der Industrieländer praktisch alles Kupfer und Zink (und möglicherweise alles Platin) in der Erdkruste benötigen, sowie fast perfektes Metallrecycling.36
Die anwachsende globale Nahrungskrise ist ein schwerwiegendes Zusammenspiel von ökonomischen, politischen und ökologischen Faktoren. Im Moment wird eine Menge Nahrung produziert, aber aus ökonomischen Gründen wird sie nicht fair verteilt. Wenn die industrielle Landwirtschaft nicht einmal an ihrem Höhepunkt alle ernähren kann, was wird dann erst passieren, wenn sie zusammenbricht? Die Preise für Mais und Reis steigen bereits dramatisch, teilweise wegen Biosprit, obwohl diese Industrie noch klein ist.
Die Nahrungsmittelkrise wird schlimmer werden, aber sie ist nicht die „malthusianische Krise“, in der ein exponentielles Bevölkerungswachstum der ansteigenden landwirtschaftlichen Produktion davonläuft. Unsere Krise wird vermutlich in einem Rückgang
