Dein dunkelstes Geheimnis - Jenny Blackhurst - E-Book

Dein dunkelstes Geheimnis E-Book

Jenny Blackhurst

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Beschreibung

Wenn Kathryn ihren Vater im Gefängnis besucht, stellt sie ihm stets dieselbe Frage: "Wo ist sie?" Vor mehr als zwanzig Jahren verschwand ihre Freundin Elsie, und die Beweislast gegen Kathryns Vater war erdrückend. Doch Elsies Leiche wurde nie gefunden. Am 25. Jahrestag ihres Verschwindens erreicht Kathryn eine verstörende Nachricht: Auf ihrer Heimatinsel wird ein weiteres Mädchen vermisst. Um endlich Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, kehrt Kathryn auf die Insel zurück - wo sich finstere Abgründe auftun ...

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressum1 – KATHRYN2 – KATHRYN3 – KATHRYN4 – KATHRYN5 – MAGGIE6 – KATHRYN7 – MAGGIE8 – KATHRYN9 – MAGGIE10 – KATHRYN11 – MAGGIE12 – KATHRYN13 – MAGGIE14 – KATHRYN15 – KATHRYN16 – MAGGIE17 – KATHRYN18 – KATHRYN19 – KATHRYN20 – KATHRYN21 – MAGGIE22 – KATHRYN23 – KATHRYN24 – KATHRYN25 – KATHRYN26 – MAGGIE27 – KATHRYN28 – KATHRYN29 – MAGGIE30 – KATHRYN31 – KATHRYN32 – KATHRYN33 – KATHRYN34 – KATHRYN35 – BETH36 – KATHRYN37 – BETH38 – MAGGIE39 – KATHRYN40 – BETH41 – BETH42 – MAGGIE43 – BETH44 – BETH45 – MAGGIE46 – KATHRYN47 – KATHRYN48 – MAGGIE49 – BAILEY50 – KATHRYN51 – KATHRYN52 – MAGGIE53 – KATHRYN54 – 199455 – KATHRYN56 – MAGGIE57 – KATHRYN58 – BETHKATHRYN

Über dieses Buch

Wenn Kathryn ihren Vater im Gefängnis besucht, stellt sie ihm stets dieselbe Frage: »Wo ist sie?« Vor mehr als zwanzig Jahren verschwand ihre Freundin Elsie, und die Beweislast gegen Kathryns Vater war erdrückend. Doch Elsies Leiche wurde nie gefunden. Am 25. Jahrestag ihres Verschwindens erreicht Kathryn eine verstörende Nachricht: Auf ihrer Heimatinsel wird ein weiteres Mädchen vermisst. Um endlich Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, kehrt Kathryn auf die Insel zurück – wo sich finstere Abgründe auftun …

Über die Autorin

Jenny Blackhurst ist seit frühester Jugend ein großer Fan von Spannungsliteratur. Die Idee für einen eigenen Roman entwickelte sie nach der Geburt ihres ersten Kindes; inzwischen ist sie eine erfolgreiche Autorin, deren Thriller in mehreren Sprachen erscheinen und alle zu SPIEGEL-Bestsellern wurden. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern in Shropshire, England.

JENNYBLACKHURST

PSYCHOTHRILLER

Aus dem Englischen vonRainer Schumacher

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2021 by Jenny Blackhurst

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anita Hirtreiter, München

Titelillustration: © JOEL VIEIRA/Arcangel | © cosma/shutterstock

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-0364-2

luebbe.de

lesejury.de

1

KATHRYN

»Wo ist sie?«

Der Raum riecht nach altem Schweiß und jeder Menge Aftershave. Um uns herum ist ein stetes Murmeln zu hören. Es stammt von Leuten, die so viel wie möglich aus jeder Minute herausholen wollen, bis die Glocke klingelt. Doch ich stelle immer nur eine einzige Frage. Es ist jedes Mal die gleiche.

Am Tisch neben uns weint ein kräftiger, von Kopf bis Fuß tätowierter Mann beim Anblick seiner kleinen Tochter, die noch ein Baby ist. Die Mutter, ein blasser Teenager, kaut verlegen auf ihren Fingernägeln. Für so eine Situation ist sie viel zu jung. Überhaupt wirkt sie noch viel zu unreif und unsicher, um selbst ein Kind zu erziehen. Ich wage einen Blick in die Zukunft – in eine Zukunft, in der dieses Baby in der gleichen Situation ist wie einst seine Mutter, eine Zukunft, in der die junge Frau den halbstündigen Besuch bei einem Freund ertragen muss, dem sie noch nicht einmal wichtig genug ist, dass er sich wenigstens bemüht, nicht in den Knast zu kommen. Das ist der Kreislauf des Lebens, denke ich traurig.

Auf meine Frage erwarte ich keine Antwort. Ich gebe dem alten Mann vor mir bloß eine Chance, sich zu erklären, bevor ich aufstehe und gehe … genau, wie ich es letzten Monat getan habe und wie ich es im nächsten wieder tun werde. Einen kurzen Moment lang gestatte ich mir, ihn direkt anzusehen. Ich werde nicht weinen, ermahne ich mich stoisch. Er bedeutet mir nichts. Er ist nichts. Ich werde seinen Anblick ertragen.

Wie immer hat er sich für unseren Besuch rasiert, obwohl ein Bart das graue ausgemergelte Gesicht besser verborgen hätte, das an die Stelle des jugendlichen, leicht gebräunten getreten ist, das ich nicht vergessen kann. Sein Gesicht wirkt, als wäre es im Laufe der Jahre eingefallen, förmlich geschmolzen. Es ist, als hätte er zu nahe an einer Kerze gesessen. Ich kann ihm einfach nicht in die Augen schauen. Ich kann nicht. Ich will nicht sehen, dass da nichts ist. Kein Leben, keine Zukunft. Beides hat er am selben Tag getötet, als er auch Elsie Button ermordet hat.

Jeder braucht ein Ziel im Leben. Manche sind lobenswerter als andere. Alan Turing hat die Computerwissenschaft begründet, Martin Luther King hatte den wichtigsten Traum der Welt, und Lizzo ist die Schlampe par excellence. Manchmal frage ich mich, ob sonst noch jemand das gleiche Ziel im Leben hat wie ich: herauszufinden, wo die Leiche der fünfjährigen Elsie Button begraben ist. Viele Menschen haben es sich zur Aufgabe gemacht, vermisste Menschen zu finden, vermisste Kinder. Was das betrifft, bin ich nicht einzigartig. Was mich jedoch von ihnen unterscheidet, ist, dass ich versuche, Patrick Bowen zu einem Geständnis zu bewegen, den berüchtigten Kindermörder, meinen Vater.

Die Glocke klingelt, und die Stille an unserem Tisch wird förmlich greifbar. Trotz der Tatsache, dass ich diese Reise schon sechsundzwanzig Mal in sechsundzwanzig Monaten gemacht habe, fühle ich die Enttäuschung jedes Mal wie einen Stich, wenn der Mann, der mir gegenübersitzt, nicht die geringsten Anstalten macht, die Frage zu beantworten, die ich ihm immer wieder stelle. Ich atme tief durch, stehe auf und stoße den grauen Plastikstuhl so heftig zurück, dass er fast umfällt. Ein paar Leute drehen sich zu uns um, doch das bemerke ich gar nicht. Ich bin sicher zu hören, dass Patrick die Luft einzieht, und für den Bruchteil einer Sekunde bin ich wie erstarrt. Meinen Körper halb von ihm abgewendet warte ich auf die Worte, nach denen ich mich so sehr sehne. Diesmal wird er es mir sagen. Das ist es. Jetzt. Das ist der Grund, warum ich mich all die Stunden gequält habe, warum ich mir erlaubt habe, mir vorzustellen, wie ich zum zweiten Mal mit Neuigkeiten zu Elsies Angehörigen gehe, aber diesmal, um ihrem fünfundzwanzigjährigen Martyrium ein Ende zu bereiten. Dabei habe ich bereits seit Jahren nicht mehr mit ihnen gesprochen, habe ihnen noch nicht einmal gesagt, dass ich hierherkomme. Werden sie mir für meine Einmischung danken? Oder wird die Familie, die schon einmal ihr Leben zerstört hat, es ein zweites Mal vernichten?

Patrick atmet wieder aus, ohne ein Wort zu sagen, und ich lasse geschlagen die Schultern hängen. Einen Moment lang habe ich wirklich gehofft …

Entschlossen, mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, hebe ich das Kinn, starre stur geradeaus und marschiere festen Schrittes zu den anderen Besuchern, die den Raum verlassen. Ich werfe nicht einen Blick zurück.

*

Die Luft draußen ist warm und feucht. Ich atme sie tief ein und zwinge mich mit aller Kraft, nicht zu weinen. Das habe ich bereits so viele Male gemacht und bin jedes Mal gegangen, ohne mich noch einmal umzuschauen … Warum sollte es heute anders sein? Seit dem ersten Mal habe ich keine Tränen mehr vergossen, und das war vor zwei Jahren, aber es fühlt sich wie gestern an und zugleich wie eine Ewigkeit. Damals bin ich nach Hause gegangen und habe mir die Augen aus dem Kopf geheult.

Ich weiß, warum es heute anders ist. Heute, genau wie beim ersten Mal, habe ich wirklich geglaubt, dass er die Frage beantworten wird, die ich ihm jedes Mal gestellt habe, wann immer ich an diesen gottverlassenen Ort gekommen bin. Ich habe dieses tiefe Einatmen gehört, und ganz kurz war da wieder diese unglaubliche Hoffnung wie beim ersten Mal. Jetzt schäme ich mich dafür, dass ich sie nicht schon längst begraben habe.

Lasciate ogne speranza, voi ch’intrate.

Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.

*

Bereits vor langer Zeit habe ich gelernt, gar nicht erst zu versuchen, irgendwas zu erreichen, wenn ich Patrick besuche. Beim ersten Mal war ich so sicher, er würde mir die Information geben, die ich brauchte, dass ich meinen Boss angerufen und Migräne vorgetäuscht habe, um den Vormittag freizubekommen. Im zweiten Monat war ich besser auf die Enttäuschung vorbereitet, und ich nahm mir gleich den ganzen Tag frei und bin anschließend drei Stunden lang einfach bloß herumgefahren. Noch heute erinnere ich mich genau daran, wo ich damals gelandet bin. Inzwischen habe ich eine Routine für die Stunden nach meinen Besuchen entwickelt. Dazu gehört auch eine Fahrt ins Stadtzentrum, und da sitze ich nun und starre auf das alte Reihenhaus. Drei Stufen führen zu einer schwarzen Tür mit einem Schild daneben, auf dem zu lesen ist: Veronica Steiner, BACP, zugelassene Psychotherapeutin. Rechts und links von der Tür stehen Blumentöpfe. Die Pflanzen blühen wie immer. Veronica plant stets zehn Minuten zwischen ihren Patienten ein, und sie hat ein Einbahnstraßensystem eingerichtet, sodass sich die Patienten nie über den Weg laufen. Es sind kleine Details wie diese, die mich jeden zweiten Dienstag im Monat zu ihr kommen lassen.

Veronica empfängt mich an der Tür. Sie ist eine schöne Frau, nur nicht von der Art, wie man sie auf Zeitschriftencovern findet. Sie ist schön, weil sie Stärke und Ruhe ausstrahlt. Ihr glattes graues Haar fällt ihr bis auf die Schultern, und sie trägt jedes Mal das Gleiche, wenn ich sie sehe: schwarze Leggins, ein langärmeliges schwarzes Oberteil, einen grauen Schal um ihre Schultern und einen kleinen Farbfleck an ihrem Hals in Form eines gelben Tuchs. Dieses Tuch ist das Einzige, was sich ändert. Letzten Monat war es eines mit Paisleymuster, den Monat davor ein cremefarbenes mit Silberfäden. Veronicas Alter kann man unmöglich einschätzen. Sie hat keine Falten im Gesicht, und ihr Make-up ist stets makellos. Sie könnte genauso gut in den Vierzigern wie in den Sechzigern sein. Auch gelingt es Veronica, gleichzeitig professionell und einladend zu wirken, und kaum sehe ich sie, da entspanne ich mich schon.

»Hallo, Kathryn.« Sie lächelt und will mich ins Wohnzimmer führen, das sie für ihre Therapiesitzungen umgebaut hat, doch ich lege ihr die Hand auf den Arm.

»Könnten wir … Ich meine, wäre es okay, wenn wir heute rausgehen?«

»Natürlich.« Veronica nickt. »Aber dir ist doch klar, dass draußen die Möglichkeit besteht, man könnte uns hören, oder?«

Sie sagt das jedes Mal, wenn ich sie darum bitte, obwohl ich mich noch nie wegen der Nachbarn gesorgt habe. Die Häuser in dieser Reihe sind alle zu Geschäfts- und Büroräumen umgebaut. Links von Veronica praktiziert ein Zahnarzt, dessen Bohrer viel zu viel Lärm machen, als dass seine Patienten etwas von unseren Gesprächen mitanhören könnten, und rechts ist eine Anwaltskanzlei. Ich nehme an, dort weiß man, dass man seine Nase besser nicht in anderer Leute Angelegenheiten stecken sollte. Allerdings glaube ich auch nicht, dass irgendjemand mich an dem, was ich bisher gesagt habe, hätte identifizieren können, und ich würde sowieso nie etwas zugeben, was nicht ohnehin schon das ganze Land weiß.

Der Garten ist ein kleiner Betonhof, den Veronica in eine derart wunderschöne Oase verwandelt hat, dass man nie vermuten würde, er liege in einer Stadt wie Manchester. Leuchtend bunte Blumen wachsen an Mauerspalieren und in Terrakottatöpfen zwischen den grauen Rattanmöbeln. Winzige, wie Schwalben geformte Windspiele klingeln in der Brise.

»Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?«

»Nein, danke. Ich habe auf dem Weg einen Wodka getrunken.«

Veronica hebt kommentarlos die Augenbrauen. Seit fast zwei Jahren versuche ich nun bereits, sie an meinen Humor zu gewöhnen, und eines muss ich ihr lassen: Bis jetzt hat sie sich das Wort »Abwehrmechanismus« verkniffen.

»So … Sollen wir mit ein paar Atemübungen anfangen?«

Ich setze mich auf meinen Platz in unserem kleinen Theater, schließe die Augen, atme tief durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Als ich das zum ersten Mal gemacht habe, hat mich das zu meiner großen Verwunderung binnen Sekunden beruhigt … und zwar, weil ich mir so dämlich vorkam, dass ich einen Lachkrampf bekommen habe. Aber so lächerlich das auch wirken mag, ich habe diese Technik jedes Mal praktiziert, wenn ich mich entspannen wollte, und irgendwann hat sich das nicht mehr ganz so lustig angefühlt. Doch das werde ich Veronica gegenüber vermutlich niemals zugeben.

»Inwiefern war dein Besuch heute denn anders als sonst?« Veronicas Stimme schneidet durch mein Bewusstsein, während ich versuche, alle anderen Emotionen auszublenden.

»Wie kommst du darauf, dass er anders war?«

»Deine Energie ist heute anders. Du hast viel Wut in dir.«

»Da ist immer Wut in mir. Deshalb bin ich ja hier.«

»Und? Irre ich mich?«

Ich zögere. Diese siebzig Pfund teuren Sitzungen können mir nur helfen, wenn ich ehrlich bin, und ich bin schon vor langer Zeit zu dem Schluss gekommen, dass Veronica aus meinen (schlechten) Lügen vermutlich mehr schließen kann als aus den Dingen, denen ich mich ehrlich stelle. »Er hat eingeatmet.«

Veronica schweigt.

Ich öffne die Augen wieder. »Er hat eingeatmet, als wolle er etwas sagen«, erkläre ich. »Ich habe wirklich geglaubt, dass er diesmal … Aber er hat zwei Jahre lang kein Wort mit mir gesprochen. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet heute etwas anderes erwartet habe.«

»Was meinst du mit ›ausgerechnet heute‹?«

Durch die Nase ein- und durch den Mund wieder ausatmen. Durch die Nase ein- und durch den Mund wieder ausatmen …

»Morgen ist der Jahrestag. Es ist jetzt fünfundzwanzig Jahre her, seit Elsie verschwunden ist.«

Veronica nickt. »Und was bedeutet dir das?«

»Es bedeutet mir eigentlich gar nichts«, gebe ich zu. »Es ist bloß eine Zahl, genau wie jedes andere Jahr. Es fühlt sich einfach nur anders an.«

»Glaubst du, dass jetzt die Zeit gekommen ist, um darüber zu reden?«

Veronica hat mich noch nie nach Elsies Tod gefragt. Als ich vor zwei Jahren die Formulare ausgefüllt habe, da habe ich ehrlich angegeben, wer ich bin und was Patrick getan hat. Seitdem haben wir uns einmal im Monat getroffen, und ich habe ihr von meinem Alkoholproblem berichtet, als ich noch ein Teenager gewesen bin, über das eine Mal, als man mir wegen Trunkenheit am Steuer den Führerschein entzogen hat, und über meine Zeit bei den Anonymen Alkoholikern. Sie weiß auch Bescheid darüber, dass ich meinen Vater monatlich im Gefängnis besuche, wo ich ihm jedes Mal die gleiche Frage stelle, obwohl ich gar keine Antwort darauf erwarte, doch ich habe ihr nie von jenem Tag erzählt oder wie das Leben danach gewesen ist.

»Ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht genauer an diesen Tag als an jeden anderen auch.« Das ist nicht gelogen. Ich habe Veronica noch nie angelogen. Sie ist der einzige Mensch, bei dem ich mich sicher genug fühle, um ihr die Wahrheit darüber anzuvertrauen, wie viel Scheiße ich im Leben gebaut habe, nachdem dieses Ereignis meine Familie förmlich zerrissen hat. »Allerdings weiß ich noch, wie die Zeit nach Elsies Verschwinden war. Es waren immer Leute bei uns im Haus, darunter auch Polizisten. Helen, Elsies Mum, hat die ganze Zeit geweint, und meine Mutter auch … Tatsächlich erinnere ich mich daran, dass viele geweint haben. Ständig. Egal wo auf der Insel.«

»Das war nicht anders zu erwarten. Du warst damals fünf. Da ist es nur normal, dass du unbewusst versuchst, diese Erinnerungen zu unterdrücken. Zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr entwickeln Kinder die Grundlagen ihres Ichs, ihre Grundüberzeugungen. Das ist sehr wichtig. Gibt es sonst noch etwas, was aus dieser Zeit hervorsticht?«

»Ich erinnere mich daran, dass die Leute in den Tagen und Wochen danach gar nicht mehr aufgehört haben zu weinen. Ich erinnere mich daran, mich gefragt zu haben, warum sie Elsie nicht gefunden haben, denn der Wald war nicht groß. So viele Verstecke gab es da nicht. Keine Ahnung, wann mir klar geworden ist, dass Patrick weg war oder dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Ich weiß bloß noch, dass ich an einem Tag noch auf Anglesey war und am nächsten im Haus meiner Tante in Liverpool. Ich glaube nicht, dass ich damals überhaupt wusste, dass es in Liverpool war. Manchmal träume ich von dieser Zeit, da bin ich mir ganz sicher, aber wenn ich wieder aufwache, dann erinnere ich mich an so gut wie nichts mehr.«

Veronica rutscht auf ihrem Stuhl herum. Sie scheint über etwas nachzudenken. »Du bist jetzt schon lange trocken, Kathryn«, sagt sie schließlich. »Und was deine geistige Gesundheit betrifft, stehst du inzwischen viel besser da als noch zu Anfang. Ich habe deine Grundüberzeugungen so lange gemieden, weil ich weiß, dass die Ereignisse, die diese Grundüberzeugungen umgeben, so traumatisch für dich sind. Nun möchte ich, dass du mal darüber nachdenkst, ob jetzt die Zeit gekommen ist aufzuschlüsseln, wie diese Ereignisse dein Selbstbild beeinflusst haben und wie wir dieses Bild infrage stellen können, um dir bei deiner Genesung zu helfen.«

»Und wie sollen wir das machen?«

Veronica steht auf und geht zu ihrem Schreibtisch, wo sie ein wenig herumkramt. Dann kommt sie mit einer Handvoll Broschüren wieder zurück. »Das ist was zum Thema Hypnotherapie«, sagt sie und gibt mir das Infomaterial. »Für gewöhnlich benutzen wir das nicht für Grundüberzeugungen, denn die meisten meiner Patienten erinnern sich gut genug an ihre Kindheit, um zu wissen, wie diese Überzeugungen zustande gekommen sind. Ich denke aber, dass du in dieser Hinsicht von Hilfe profitieren würdest.«

Ich bin nicht sicher, ob mir die Vorstellung gefällt, hypnotisiert zu werden oder mich genauer an Elsies Ermordung erinnern zu müssen als ohnehin schon. Das wenige, woran ich mich erinnere, hat mich bereits derart versaut, dass ich nun in Therapie bin. Wie sollen weitere Erinnerungen mir dann helfen? Aber Veronica sieht aus, als glaube sie daran. Also verspreche ich ihr, die Broschüren bis zu unserer nächsten Sitzung zu lesen.

»Was hast du morgen vor?«, fragt sie, als ich gehe, obwohl sie weiß, dass ich mich am Jahrestag immer rarmache.

»Vielleicht fliege ich ja nach Mexiko.«

Veronica lächelt. »Vermisst du es, am Meer zu leben?«

Ich schüttele den Kopf. »Ich kann nichts vermissen, woran ich mich nicht erinnere. Kinder in meinem Alter damals erinnern sich nur an Dinge, wenn die Menschen leben, die darin vorkommen. Außerdem wurde bei uns nie über die Zeit auf Anglesey gesprochen. Niemand, der mir in diesem Punkt hätte helfen können, wollte daran zurückdenken, dass wir je dort gelebt haben. Wenn ich morgen dort hinfahren würde, würde ich nichts erkennen. Gar nichts.«

»Vielleicht erinnert sich dein Unbewusstes ja besser, als du glaubst«, sagt Veronica und deutet auf den kleinen Muschelanhänger an meinem Hals. Sie lächelt. »Aber fahr lieber nicht gleich morgen dorthin.«

Ich lache. Vielleicht versteht sie meinen Sinn für Humor ja doch. »Abgemacht.« Ich nicke und gehe hinten raus, damit ich nicht mit der nächsten geschundenen Seele zusammenstoße, die durch die Tür kommt.

2

KATHRYN

Als es an der Tür meiner kleinen Wohnung läutet, höre ich das kaum, und ich will auch nicht aufmachen. Zu dieser Jahreszeit bin ich es gewohnt, die Klingel zu ignorieren. Obwohl ich meinen Namen legal geändert habe und nach unserer Flucht nach Liverpool noch zweimal umgezogen und letztendlich in Manchester gelandet bin, tauchen Reporter und andere Durchgeknallte jedes Mal pünktlich zum 18. Juni auf, als sei ich eine Touristenattraktion. Dieses Jahr sind sie allerdings früh dran. Ich habe schon darüber nachgedacht, mir einen großen Hund zu besorgen, aber einen Vierbeiner hat man fürs Leben, nicht nur für einen einzigen Tag im Jahr. Als ich das dritte Klingeln ignoriere, läutet mein Telefon, und der Name »Jordan« taucht mit einem Bild meines grinsenden Bruders auf dem Display auf.

»Alles okay bei dir?«, frage ich, kaum dass ich abgehoben habe. Ich mache mir Sorgen. Mein Bruder ruft mich nur selten an, auch wenn wir eigentlich ständig in Kontakt sind. Er schreibt mir lieber über WhatsApp. Ich glaube, das macht er, weil er dann sehen kann, ob ich seine Nachricht gelesen habe. Deshalb gehe ich jetzt auch sofort davon aus, dass irgendwas nicht stimmt.

»Gehst du nicht mehr an die Tür? Ich klingele schon seit einer Ewigkeit. Miriam musste mich ins Haus lassen.«

»Scheiße. Tut mir leid, Jordan.«

Ich öffne die Tür für eine männliche, in die Länge gezogene Version von mir. Während mein Bruder groß, schlank und rothaarig ist mit blauen Augen, bin ich klein und manche sagen dick, ich kurvig, aber wir haben die gleiche typische Haare-Augen-Kombination der Familie Bowen. Haare und Augen haben wir von unserem Großvater geerbt … und von Patrick. Jordan hält einen Blumenstrauß und eine Flasche Wein in der Hand. Die Blumen sind für mich, der Wein für ihn. Als ich ihn hereinlasse, umarmt er mich flüchtig und geht direkt in die Küche, die angesichts der Tatsache, dass meine Wohnung kaum größer ist als eine Schuhschachtel, nicht weit weg ist – und ich zahle auch noch mein halbes Gehalt dafür, typisch Großstadt.

»Scheiße, bin ich kaputt«, verkündet er. Er öffnet die Weinflasche und gießt sich ein Glas ein.

»Das sagst du jedes Mal, wenn ich dich sehe. Dabei habe ich nach wie vor nicht herausgefunden, womit du eigentlich deinen Lebensunterhalt verdienst, dass du so fertig bist. Du bastelst doch immer noch an Computern rum, oder? Du bist nicht heimlich zur Feuerwehr gegangen oder arbeitest insgeheim sechs Tage die Woche als Maurer?«

Jordan wirft mir einen bösen Blick zu und nimmt einen kräftigen Schluck.

Wir sind sieben Jahre auseinander. Trotzdem haben Jordan und ich uns immer nahegestanden. Er ist mein großer Bruder, mein Beschützer und der eine Mann in meinem Leben, auf den ich mich stets habe verlassen können. Manchmal frage ich mich, ob wir genauso eng verbunden wären, wenn Patrick meine beste Freundin nicht ermordet hätte, als ich fünf gewesen bin.

»So … Morgen jährt es sich.«

»Ach ja? Ist mir gar nicht aufgefallen.«

Jordan hebt die Augenbrauen. »Ignorierst du deshalb die Türklingel?«

Ich setze den Wasserkessel auf und geselle mich zu ihm an die Frühstückstheke. »Nein. Ich habe durch den Spion geschaut und dich gesehen.«

»Hast du Mum angerufen?«

»Was hätte ich ihr denn sagen sollen?«, erwidere ich. »Froher Dein-Mann-hat-ein-Kind-ermordet-Tag?«

»Das ist selbst für dich unter der Gürtellinie«, bemerkt Jordan, aber ich weiß, dass er das nicht so meint. Er kann sich in mich hineinversetzen. Manchmal glaube ich, er ist der Einzige, der mich versteht. Schließlich gibt es nicht viele Leute, die von sich behaupten können, sie hätten das Gleiche durchgemacht wie wir. Andererseits: Wenn ich so darüber nachdenke, gibt es vermutlich mehr, als man glaubt. Es wird ja ständig wer ermordet, und ein großer Prozentsatz der Täter hat sicher auch Familie. Vielleicht sollte ich ja eine Facebook-Gruppe gründen. Aber wären diese anderen eher so wie ich oder wie Jordan? Denn trotz all unserer gemeinsamen Erfahrungen sind wir zu vollkommen verschiedenen Menschen herangewachsen.

»Und? Hast du sie angerufen?«, fordere ich ihn heraus. Er nickt. Natürlich hat er das.

»Es geht ihr gut. Danke der Nachfrage. Sie hat sich nach dir erkundigt. Sie macht sich Sorgen um dich.«

»Sie ist meine nächste Verwandte. Wenn mir was passiert, weiß sie das schneller als du.« Der Kessel pfeift, und ich stehe auf, um mir einen Kaffee aufzuschütten. Wenigstens muss ich Jordan so kurz nicht in die Augen sehen. Es gibt zwei Dinge, die zwischen meinem Bruder und mir normalerweise tabu sind: unsere Mutter und Patrick. Er verstößt gegen diese Regel, weil er weiß, was morgen für ein Tag ist, doch wenn ich ihn einfach weitermachen lasse, dann kommt mit Sicherheit: »Sie macht sich doch nur solche Sorgen, weil sie dich liebt.«

»Du weißt, sie macht sich doch nur solche Sorgen, weil sie dich liebt.«

Da ist es.

Ich seufze übertrieben und knalle meinen Becher härter auf die Theke, als ich beabsichtigt habe. Jordan zuckt unwillkürlich zusammen.

»Ich bin fast einunddreißig. Sie muss sich keine Sorgen um mich machen. Tatsächlich bist eher du es, um den sie sich sorgen sollte.«

Jordan hat das Glas gehoben, doch es erreicht seine Lippen nicht. Er hebt die Augenbrauen. »Um mich? Ich würde gerne mal hören, wie du darauf kommst, Sherlock Holmes.«

»Okay.« Ich hebe einen Finger. »Erstens: Vor fünfundzwanzig Jahren warst du schon alt genug, um zu verstehen, was los war …« Jordan war dreizehn, als Patrick wegen des Mordes an Elsie Button verhaftet worden ist. Ja, das war ihr echter Name. Cute as a button, wie es auf Englisch so schön heißt, »zuckersüß«. Mit ihrem blonden Haar, der Stupsnase und ihrer zierlichen Gestalt war sie das exakte Gegenteil von mir, dem rothaarigen, dürren, eher jungenhaften Mädchen. »Und doch«, fahre ich fort und zähle es an den Fingern ab, »hat es nicht die geringste psychologische Auswirkung auf dich gehabt. Zweitens …« Ich mache rasch weiter, bevor er mir vorwerfen kann, ihn als Psychopathen bezeichnet zu haben. »… hast du die schönste Frau der Welt, einen gut bezahlten Job – und den im Gegensatz zu deiner nutzlosen Schwester auch bereits seit Jahren –, aber trotzdem keine Kinder, was die Vermutung nahelegt, dass der Grund dafür der Tod eines kleinen Mädchens sein könnte, selbst wenn dieser schon sehr weit zurückliegt. Drittens – und das ist meiner bescheidenen Meinung nach der wichtigste Grund: Du bist einfach viel zu perfekt, um wahr zu sein. Deshalb«, triumphierend wedele ich mit der Hand, »bist du von uns beiden der Ted-Bundy-hafteste … oder heißt das Ted-Bundy-eskeste?«

»Verdammt noch mal, Kat, danke aber auch. Da komme ich, um nachzusehen, ob du dich nicht aufgehängt hast, und du beleidigst mich und schimpfst mich einen zukünftigen Serienmörder. Ich weiß wirklich nicht, warum ich dir überhaupt Blumen mitgebracht habe.«

»Weil ich deine psychisch angeknackste kleine Schwester bin, die der Familie unendlich Schande macht und ihr so viele Sorgen bereitet. Fahren unter Alkoholeinfluss, cholerisch … Ich bin eine Last. Freud hätte ganze Bücher über mich schreiben können.«

»Du vergisst deinen Größenwahn.« Jordan schnaubt verächtlich. Er leert sein Glas und gießt sich nach.

»Warum ist Verity eigentlich nicht mitgekommen?«

Jordan schaut verlegen drein. »Wir haben uns gestritten.«

»Gestritten?« Jordan und Verity streiten sich nie, oder jedenfalls hat er das mir gegenüber noch nie zugegeben. Sie sind eines dieser Paare, die alle Welt hasst, weil sie auf Hochzeiten noch immer zusammen tanzen und sonntags früh aufstehen, um gemeinsam auf den Flohmarkt zu gehen. Verity ist Künstlerin und Sammlerin. Ihr ganzes Haus ist voll mit irgendwelchem Zeug, das auch eine »Geschichte« hat. Alles, was ich besitze, stammt von IKEA und ist am selben Tag gekauft worden. Verity ist total verwöhnt, aber wir haben alle unsere Fehler, und sie macht meinen Bruder glücklich. Also bin ich die Letzte, die etwas gegen sie sagt.

»Ein Freund von ihr feiert seinen Vierzigsten, und sie ist bei ihm zum Essen eingeladen. Sie wollte, dass ich mitkomme. Keine Sorge, sie holt mich hinterher ab. Ich muss also nicht auf deinem Sofa übernachten.«

»Wieso hast du sie denn nicht begleitet?«

»Ich wollte nachsehen, ob es dir gut geht. Ich weiß, dass du morgen vermutlich wegfahren wirst. Also bin ich heute gekommen.«

Man sollte glauben, dass man uns nach fünfundzwanzig Jahren vergessen ließe, was Patrick getan hat. Okay, vielleicht nicht wirklich vergessen, aber dass wir zumindest mit unserem Leben weitermachen können. Ich war fast sechs zu der Zeit, und in ein paar Monaten werde ich einunddreißig. Dennoch verlasse ich jedes Jahr am 18. Juni meine Wohnung und fahre so weit raus aus der Stadt, wie ich nur kann, bis ich all die Bürogebäude und Wohntürme hinter mir gelassen habe und Landhäuser um mich herum sehe und schließlich bloß noch den Strand. Und wenn ich später zurückkehre, dann liegt da ein kleiner Stapel Visitenkarten hinter meiner Tür, alle von Reportern. Jordan bekommt auch ein paar, genau wie Mum, aber offenbar bin ich die Hauptattraktion. Elsie war meine beste Freundin. Wir sind zusammen in den Wald gegangen, doch lediglich eine von uns ist wieder herausgekommen … oder zumindest heißt es das. Die Tatsache, dass ihre Leiche nie gefunden wurde, ist der Grund dafür, warum die Geschichte so lange überlebt hat, glaube ich, und jedes Jahr gibt es eine neue Dokumentation über den Tag ihres Verschwindens.

»Na ja, jetzt weißt du ja, dass es mir gut geht.« Ich strecke die Hände aus und deute zum Beweis auf meinen Kaffeebecher. »Ich bin nicht betrunken, und es liegt auch kein Strafbefehl gegen mich vor. Tada! Meine Therapeutin glaubt sogar, ich sei tapfer genug für eine Hypnotherapie.«

Ich schiebe die Broschüren, die Veronica mir gegeben hat, über die Theke, wo sie den ganzen Nachmittag über unberührt gelegen haben. Jordan schnappt sich die oberste, und seine Miene verdüstert sich.

»Was ist das denn für ein Mist?«

Ich stoße einen leisen Pfiff aus. »Herrgott! Beruhig dich. Ich habe doch noch nicht zugesagt.«

»Das solltest du auch nicht«, erklärt er mit fester Stimme und knallt das Infomaterial vor mir auf die Theke. »Das ist absoluter Müll, und du wirst dich hinterher nur noch beschissener fühlen. Versprich mir, dass du die Finger davonlässt, Kat. Versprich es!«

»Komm wieder runter. Ich verspreche es dir ja«, erwidere ich, nehme die Broschüren und werfe sie in den Mülleimer. »Zufrieden?«

»Ja«, sagt Jordan. Er sieht blass aus. »Nun, meine Frau und ihre Freunde werden sich noch Stunden zu Tode langweilen. Schnapp dir deine Decken … Du hast doch eine DVD der Goonies irgendwo in deiner Sammlung. Und vergiss das Popcorn nicht, Kitty Kat.«

3

KATHRYN

Es ist Jordan, der mich weckt, und ich weiß, dass etwas nicht stimmt, denn für gewöhnlich kommt meine Mum in mein Zimmer, reißt die Vorhänge auf und ruft lächelnd: »Guten Morgen, Sonnenschein.« Sie sagt immer, mich könne so gut wie nichts wecken, und ich glaube, sie hat recht, denn Jordan muss mich kräftig schütteln, und ich höre überall Lärm, so viel Lärm … Draußen rufen und schreien Menschen, und bei uns im Haus schlagen Schranktüren, und meine Mum schluchzt.

»Was ist denn los?«, frage ich, als Jordan mich am Arm packt und mich aus dem Bett hebt. »Ist Daddy wieder zurück?«

»Nein.« Jordans Stimme klingt scharf, und ich schrecke vor ihm zurück. »Entschuldige«, sagt er, »aber wir müssen uns beeilen. Hier.« Er drückt mir etwas Schwarzes in die Hände, eine Tasche. Dann zieht er die Schubladen auf und wirft die Kleider heraus.

»Was machst du da? Wo gehen wir denn hin? Fahren wir in Urlaub?«

»Nein … Ich meine, ja … Wir fahren in Urlaub, aber Mum hat vergessen zu packen. Deshalb musst du ihr jetzt helfen. Pack all deine Klamotten hier rein. Schnell, Kathryn!«

»Aber was ist mit all dem Lärm draußen?«

Jordan reißt mir die Tasche aus der Hand und stopft die Sachen selbst hinein. »Darüber musst du dir keine Sorgen machen. Da streiten sich bloß ein paar Leute. Du musst einfach nur einpacken, was du mitnehmen willst.«

Irgendetwas in seiner Stimme hält mich davon ab, weiter Fragen zu stellen, und ich beginne, meine Sachen in die Tasche zu stopfen: meinen Kuschellöwen, mein Lieblingsbuch, die Mentos-Packung aus meinem Nachttisch – alles, was mir wichtig ist. Jordan sieht aus, als wolle er mich anschreien, doch stattdessen treten ihm die Tränen in die Augen, und er öffnet meinen Schrank und wirft meine Sporthosen und Pullover raus, nicht die hübschen Kleider, die ich sonst in den Urlaub mitnehme. Vielleicht machen wir ja einen Abenteuerurlaub wie damals, als wir zelten waren. Ich will fragen, ob Dad auch mit uns in Urlaub fährt, aber Jordan sieht so verängstigt und aufgeregt aus, dass ich ihm stattdessen beim Packen helfe. Danach tragen wir die Tasche in Mums Zimmer, wo sie mit ihrer eigenen wartet. Mum laufen Tränen über die Wangen. Wenn wir in Urlaub fahren, sieht sie normalerweise nicht so aus. Außerdem sind wir noch nie ohne Daddy gefahren, doch vielleicht wartet er ja schon auf uns.

»Komm, meine Süße«, sagt Mum und schnappt sich unsere beiden Taschen. Meine wirft sie sich über die Schulter; dann nimmt sie meine Hand.

»Wo gehen wir denn hin?«, frage ich, aber Mum antwortet nicht. Die Rufe draußen sind jetzt nicht mehr zu überhören, und da ist ein lauter Knall, als irgendetwas gegen das Fenster prallt. Ich schreie, woraufhin mir Mum fest die Hand drückt.

»Alles ist gut, meine Kleine. Das ist nur ein böser Traum«, sagt sie sanft, was irgendwie komisch ist, denn ich weiß, dass ich nicht träume. Mum wiederholt diese Worte jedoch, als wir die Treppe hinunter und in die Küche gehen, wo jemand auf uns wartet. Ich kann sein Gesicht nicht sehen, aber ich weiß, dass es ein Mann ist. Er nimmt meine Mutter in die Arme und küsst sie auf die Wange … doch das ist nicht Daddy. Wo ist mein Daddy? Wer ist der Mann? Ich kenne ihn. Ich weiß, wer er ist, sein Gesicht ist allerdings verschwommen. Ich kann ihn nicht richtig sehen. Der Mann spricht. Er sagt: »Schnell. Hier lang.« Ich kenne ihn wirklich. Ich weiß, wer er ist, und meine Mummy sagt: »Was habe ich bloß getan? Was habe ich bloß getan?« Aber es ist nur ein Traum, nur ein böser Traum …

4

KATHRYN

Obwohl ich mir nicht den Wecker gestellt habe, wache ich genau zur selben Zeit auf, als wenn ich zur Arbeit müsste, um halb sieben. Jordan ist letzte Nacht um halb zwölf von einer besänftigten Verity abgeholt worden – besänftigt, weil er ihr die Blumen in die Hand gedrückt hat, die eigentlich für mich bestimmt gewesen sind, kaum dass sie ihren Kopf zur Tür hereingesteckt hat. Als sie geklingelt hat, hat Jordan sich zu mir umgedreht und gesagt: »Diese Psychospielchen, die du immer machst … Tu mir den Gefallen, und mach das nicht vor Verity. Sie versteht das nicht.« Dann hat er sich vorgebeugt und geflüstert: »Sie kann keine Kinder bekommen.«

Also deshalb bist du bei ihr geblieben, hätte ich fast gesagt, doch ich habe mich zurückgehalten. »Okay. Tut mir leid.«

»Was tut dir leid? Dass du so eine Hexe bist? Oder dass wir keine Kinder haben können?«

»Das mit der Hexe.« Ich habe mit den Schultern gezuckt. »Dass mit den Kindern ist vermutlich besser so.«

Jordan hat mich kurz angestarrt und dann gelacht. »Schlaf gut, meine Kleine.«

Ich bin bei Misfits eingeschlafen, meiner Lieblingsunterhaltung, wenn ich abschalten will, und ich wollte nicht einfach nur wach bleiben und warten, dass etwas passiert. Obwohl ich meinem Bruder gesagt habe, es würde mir gut gehen – und das habe ich auch geglaubt –, konnte ich nicht anders, als noch einmal über meinen Besuch bei Patrick nachzudenken, über den Moment, da er eingeatmet hat und ich ehrlich geglaubt habe, er würde mir gleich sagen, was er mit Elsie Buttons Leiche gemacht hat.

Rasch wird mir klar, dass es sinnlos ist zu versuchen, noch einmal einzuschlafen. Bis sieben Uhr wälze ich mich hin und her. Ich fühle mich vollkommen erschöpft von einer rastlosen Nacht voller Träume, an die ich mich nicht erinnern kann. Schließlich rappele ich mich auf, dusche und ziehe mich an. Ich bürste mir das lange Haar und binde es zurück. Dann schminke ich mich in dem Versuch, halbwegs wieder einigermaßen wie ein Mensch auszusehen. Obwohl ich keinen Hunger habe, toaste ich einen Bagel und würge ihn herunter, denn das fühlt sich erwachsen an. Als ich noch getrunken habe, habe ich bis vier Uhr nachmittags manchmal gar nichts gegessen, und wenn ich dann doch was zu mir genommen habe, habe ich es mit Wodka heruntergespült. Dem folgte danach noch mehr Wodka und manchmal Bier, aber nie Wein, denn davon habe ich immer Kopfschmerzen bekommen. Jetzt trinke ich gar nichts mehr und lasse nie ein Frühstück aus. Das kann man wohl als Fortschritt bezeichnen.

Ich wage einen Blick zwischen den Vorhängen hindurch. Noch ist niemand da. Der Tourbus hat dieses Jahr wohl Verspätung. Ich überlege, schnell nach nebenan zu gehen, um Miriam vorzuwarnen, was für ein Datum heute ist. Es ist ohnehin sinnlos, meine Identität vor meinen Nachbarn geheim zu halten, auch wenn sie immer so höflich waren, nicht zu fragen, warum alle paar Monate Reporter vor meiner Tür stehen. Miriam ist allerdings nicht ganz so höflich, nicht mehr jedenfalls. Vor einiger Zeit waren doch tatsächlich ein paar dieser Wichser an ihrem Haus und haben ihr tausend Pfund dafür geboten, wenn sie mich zum Reden bringen würde. Die tapfere Miriam hat sie mit einer Schimpftirade von ihrem Grundstück vertrieben und ihnen mit Pfefferspray gedroht, sollten sie es wagen, bei mir zu klingeln. Miriam ist vierundsechzig, und nach diesem Vorfall stand ich schlicht in ihrer Schuld und musste ihr die ganze Geschichte erzählen. Tatsächlich hat sie mit keiner Menschenseele darüber gesprochen, und jeden, der sich in diesem Monat vor ihre Tür gewagt hat, mit Todesdrohungen verjagt. Zufällig weiß ich, dass Miriam zwei Töchter hat, die sie einmal die Woche mitsamt Mann und Kindern besuchen. Dennoch habe ich es ihr erzählt, und es hat sich gut angefühlt. Deshalb ist es auch äußerst unwahrscheinlich, dass Miriam sich nicht an das Datum erinnert. Also beschließe ich, sie schlafen zu lassen und mich einfach davonzuschleichen. Um acht bin ich im Auto und auf der Straße.

Ich höre mir Podcasts an, während ich die Stadt hinter mir lasse – natürlich True Crime –, doch ich meide alles, was mit Elsies Ermordung zu tun hat. Jeder Podcast da draußen hat mindestens eine Sendung darüber gemacht, und es gibt sogar einen Podcaster, der sich ganz diesem Fall widmet. Ich habe mir das drei-, viermal angehört, aber nicht heute.

Die Leute haben verschiedene Theorien darüber, was mit Elsie an diesem Tag im Wald geschehen ist – und glauben Sie mir, da wird echt viel drüber geredet. Als ich noch getrunken habe, habe ich Stunden damit verbracht, True-Crime-Webseiten durchzugehen und nach Theorien darüber zu suchen, wo Elsie wohl sein könnte. Einige Leute halten auch Patrick für unschuldig und gehen davon aus, dass die korrupte Polizei ihn zum Sündenbock gemacht hat, weil sie keine Ahnung hatte, was wirklich passiert ist. Andere wiederum denken, er habe sie ins Meer geworfen, im Wald vergraben, sie zerstückelt oder an die Schweine verfüttert. Ich habe all diese Theorien gelesen. Ich habe sogar welche gefunden, die besagen, dass Elsie noch lebt, dass sie an Menschenhändler verkauft worden sei … oder dass Zigeuner sie entführt hätten. Die Art, wie die Menschen über sie reden, als sei sie kein echtes Kind mit einer echten Familie, sollte mich eigentlich schockieren und anwidern, doch irgendwie verstehe ich das sogar. Es ist ebenso verstörend, wie wenn Jordan und ich (immer nur unter uns) über den »Mordtag« scherzen. Andere entmenschlichen die Situation, denn wenn sie Elsie auch bloß eine Sekunde lang als das sehen würden, was sie in Wahrheit war – ein wunderhübsches, unschuldiges fünfjähriges Mädchen –, dann müssten sie auch den wahren Schrecken des Ganzen akzeptieren. Sie müssten akzeptieren, dass der Täter kein Filmbösewicht war, kein Kinderhändler und kein Monster, sondern ein Mann aus Fleisch und Blut, der verheiratet ist und zwei Kinder hat. Er hat Elsie Button getötet und Gott weiß wo entsorgt. Und wenn das diesmal unser Dad gewesen ist, dann kann es beim nächsten Mal deiner sein.

Deshalb mussten wir Anglesey zu guter Letzt auch verlassen. Weil die Menschen die Tatsache einfach nicht verarbeiten konnten, dass wir nicht gewusst haben, dass Patrick ein Monster war. Mum musste doch zumindest etwas geahnt haben, haben sie gesagt. Sie musste darüber im Bilde gewesen sein, wie er wirklich war, und trotzdem hat sie Helen und Rowley Button ihre Tochter zum Spielen zu uns bringen lassen. Sie weigerten sich zu glauben, dass Monster nach außen hin ganz normal aussehen können, wie der Nachbar von nebenan oder – wie im Falle von Patrick – wie der freundliche Dorfmetzger. Oh, ich habe vergessen zu erwähnen, dass die Polizei sich richtig ausgetobt hat. Ja, Patrick war Metzger, und ja, wir waren es gewohnt, ihn voller Blut zu sehen. Jahrelang konnte ich nicht schlafen, da ich ständig daran dachte, wie die Polizei blutige, verbrannte Lumpen im Hinterzimmer der Fleischerei entdeckt und uringetränkte Unterwäsche in unserem Waschkeller gefunden hat, die dort in der Hoffnung versteckt worden war, dass man sie irrtümlich für meine halten würde. All das habe ich erst später erfahren. Ich habe es online gelesen, viele Jahre, nachdem wir Anglesey verlassen haben, zusammen mit der Tatsache, dass es meine Mutter gewesen war, die die Unterwäsche gefunden und bei der Polizei abgegeben hat. Ihr eigener Ehemann. Ich habe es nie über mich gebracht, ihr zu sagen, wie sehr ich sie dafür respektiere, denn wir reden nicht über Elsie und über Patrick schon gar nicht.

Der Tag ist recht warm, sodass ich mit Sonnenbrille nicht dumm aussehe, aber der Juni ist nicht so heiß wie letztes Jahr. Ich lasse meinen Mantel im Wagen, ziehe die Weste enger, binde mir das rote Haar zu einem Pferdeschwanz und hoffe, dass das reicht, damit mich niemand erkennt. Es ist auch sehr unwahrscheinlich, denn in den Storys über Patrick und meine Familie verwenden die Printmedien meistens alte Fotos von ihm und Elsie und nie welche von mir. Die kann man natürlich im Internet finden – nehme ich zumindest an –, aber mein Gesicht war wenigstens nicht in jeder Zeitung im Land auf der Titelseite. Außerdem nehme ich an, dass es Gesetze gegen das Abdrucken von Kinderfotos gibt, und die Welt muss ja auch nicht wissen, wie ich aussehe. Das liegt definitiv nicht im öffentlichen Interesse. Bilder meiner Mutter wurden jedoch ein paarmal gezeigt. Ich erinnere mich daran, dass sie deswegen irgendwann aufgehört hat, mich zur Schule zu bringen. Stattdessen hat Jordan mich jeden Tag in den Bus gesetzt.

Am Strand von Crosby geht es recht geschäftig zu, doch das ist okay. Ich habe zwar nicht das Bedürfnis, heute mit irgendjemandem zusammen zu sein, aber ich will auch nicht allein sein. Eine Gruppe von Mittzwanzigern macht Selfies mit den eisernen Statuen, die den Strand säumen. Ein paar ahmen die steifen Figuren nach und starren auf das funkelnde Meer hinaus. Andere tun so, als würden sie den Statuen die Hand schütteln, und ein Mann sitzt sogar auf den Schultern von einer. Ich schaue den Twens eine Weile zu und frage mich, wie wohl ihr Leben so ist. Ich vergleiche es mit meinem eigenen und denke: Warum ist ihres so viel glücklicher als meins? Dann richte ich meine Aufmerksamkeit auf eine ältere Frau, die am Rand des Strands auf einer Bank sitzt. Sie starrt ebenfalls aufs Meer hinaus, doch nicht fröhlich oder spöttisch. Sie sieht nachdenklich aus, wenn auch nicht unbedingt im Reinen mit sich selbst. Trauert sie? Ich komme zu dem Schluss, wenn sie einen Mann hätte, dann wäre er hier bei ihr. Sie ist im Rentenalter und wäre mit Sicherheit nicht alleine gekommen, wenn sie eine bessere Hälfte hätte. Er ist gestorben, denke ich mir, vielleicht an einer furchtbaren Krankheit, und jetzt sinniert sie über all die Jahre, die sie noch ohne ihn wird leben müssen. Bin ich glücklicher als sie? Vermutlich habe ich noch mehr Jahre vor mir als sie – zumindest statistisch gesehen –, aber sie hat erfahren, was Liebe ist, eine Liebe so tief, dass sie sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen kann. Wenn ich versuche, in meine Zukunft zu blicken, dann sehe ich weder Mann noch Kinder, weder einen reich geschmückten Weihnachtsbaum voller Lichter noch vier zueinanderpassende Socken. Tatsächlich ist es mir geradezu unmöglich, mich selbst als alte Frau zu sehen. Ich habe mehr das Gefühl, als könne meine Existenz jeden Moment enden … genau wie die von Elsie.

Die Frau ertappt mich dabei, wie ich sie anstarre, und ich versuche, mich mit einem schwachen Lächeln dafür zu entschuldigen, dass ich ihre vermutete Trauer benutzt habe, um mich selbst besser zu fühlen. Ich ziehe die Schuhe aus und gehe durch den warmen Sand in Richtung Southport. Mein Handy summt viermal in den zwei Stunden, die ich am Strand entlangwandere. Vier. Vier Menschen sorgen sich um mich. Vermutlich sind das vier mehr als bei manch anderem, nehme ich an. Ich weiß, dass ich mich glücklich schätzen sollte (obwohl einer der Anrufer Veronica ist, und die bezahle ich; also zählt sie nicht). Miriam schreibt: Ich habe jetzt zwölf von den Wichsern verjagt, aber mir gehen die faulen Eier aus. Bring welche mit. Ich weiß nicht, ob das ein Scherz sein soll oder nicht. Jordan und Verity wiederum haben mir zweimal den gleichen Text geschickt: Ich hoffe, dir geht es gut. Ich hab dich lieb. Hast du Mum angerufen? Ja, ich kann mich echt glücklich schätzen, und ich sollte vermutlich auch Mum anrufen, sobald ich wieder zu Hause bin.

Um elf habe ich ein Eis gegessen, mein Buch in der Ecke eines vollen Cafés gelesen, ein paar kunstvolle Fotos von der Küste gemacht und eine tolle Cordhose in einem Charity Shop gekauft. Ich habe die Aktivitäten eines ganzen Tages in nur zwei Stunden gestopft. Jetzt ist mir langweilig, und bis ich wieder daheim bin, wird es Mittag sein. Hoffentlich sind dann wenigstens die Geier weg, die ein Exklusiv-Interview von mir haben wollen. Aber wie auch immer … Auf dem Weg kaufe ich noch ein paar Eier, damit Miriam weiter Spaß haben kann.

Ich bin schon fast wieder auf der Rückfahrt, als mein Handy erneut klingelt. Es ist Jordan.

»Nein, ich habe Mum noch nicht angerufen«, antworte ich ungeduldig, bevor er etwas sagen kann. »Das mache ich, sobald ich zurück bin, okay?«

»Deshalb rufe ich nicht an.« Die Stimme meines Bruders klingt ernst, und das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ist er das? Ist das der Tag, an dem Patrick im Gefängnis getötet worden ist?

»Was ist?«, frage ich. »Ist er tot?«

»Was?« Jordan klingt verwirrt. »Nein … Nein, niemand ist tot … zumindest nicht, dass ich wüsste. Es hat eine weitere Entführung gegeben, Kat, in Pentraeth. Es wird wieder ein Mädchen vermisst.«

5

MAGGIE

Maggie stieß einen Fluch aus, auf den ihre Mutter nicht stolz gewesen wäre, und legte dem nackten Mann die Hand auf den Mund.

»Halt’s Maul«, zischte sie. »Kein Wort. Verstanden?«

Er nickte. Seine Augen waren weit aufgerissen.

Maggie hob das Handy ans Ohr. »Was ist?«

»Tut mir leid, wenn ich störe …«

»Ja, haben Sie«, unterbrach Maggie ihn. »Kommen Sie auf den Punkt, verdammt.«

»Äh … Ja … Ich dachte, Sie sollten das wissen. In Pentraeth wird ein Kind vermisst. Ich bin gerade auf dem Weg dorthin. Sie wissen ja, wie das mit solchen Sachen ist. Es könnte so oder so ausgehen. Entweder wird sie in zehn Minuten spielend bei einer Freundin gefunden oder tot in einem Graben. Ich dachte nur, dass Sie das wissen sollten.«

»Verdammte Scheiße«, zischte Maggie, wuchtete sich von dem Mann unter ihr und griff nach ihrem BH, der am Bettpfosten hing. »Beordern Sie jede verfügbare Einheit zum Haus, und ich will Straßensperren auf den Brücken sehen. Suchtrupps und Rettungswagen sollen sich bereithalten. Ich übertreibe lieber, als diejenige zu sein, die ein Kind verschwinden lässt. Und das ausgerechnet heute. Sagen Sie besser auch dem DCI Bescheid. Ich bin auf dem Weg.«

»Was ist los?«, fragte Sergeant Rob Murray. Sein Schwanz war inzwischen schlaff, aber er lag noch immer ausgestreckt auf dem Bett. Er griff nach seinen Zigaretten auf dem Nachttisch. »Ein Kind wird vermisst?«

»Hervorragende Schlussfolgerung, Sherlock Holmes. Hast du je daran gedacht, Cop zu werden?«, erwiderte DI Maggie Grant und hob spöttisch die Augenbrauen. »Ja. In Pentraeth.«

»Ist heute nicht …?«

Maggie nahm ihm die brennende Zigarette aus den Fingern. Ihre Bluse stand offen, und ihre Hose musste sie suchen. Vermutlich lag sie irgendwo auf der Treppe, wo sie sie ausgezogen hatte, kaum dass sie vor drei Stunden in Robs Haus gekommen war. Eine Runde hatten sie schon gefickt; also war sie nicht ganz so sauer, wie sie gewesen wäre, wenn sie noch nicht gekommen wäre. Sie nahm einen Zug von der Zigarette und inhalierte tief. Als sie wieder ausatmete, deutete sie mit der Zigarette auf Rob.

»Sag’s nicht. Bitte nicht. Wenn die Presse Wind davon bekommt, bevor das Kind gefunden wird, dann werden sie sich schneller darauf stürzen, als dein Schwanz schrumpft, wenn du hörst, dass deine Frau vor der Haustür steht.«

Rob verzog das Gesicht. »Wie lustig. Wirklich clever. Und jetzt? Willst du mich einfach so zurücklassen?«

Maggie gab ihm die Zigarette wieder zurück und knöpfte die Bluse zu. Dann strich sie mit der Hand über ihr kurz geschnittenes blondes Haar und zog sich ins Badezimmer zurück, um ihr Make-up im Spiegel zu überprüfen. Robs Frau, Angelica, hatte ein paar ziemlich teuer aussehende Cremes und Parfüms. Maggie war nicht sicher, wie sie sich das leisten konnte. Schließlich wusste sie, wie viel Rob verdiente. Sie griff nach einem der Parfüms und gönnte sich ein paar Sprühstöße. Noch immer nur halb angezogen öffnete sie ein weiteres Mal die Schlafzimmertür und warf Rob einen Kuss zu.

»Wenn sich das nicht bald aufklärt, wird man auch dich rufen«, warnte Maggie ihn. Sie entdeckte ihre Hose tatsächlich auf den Stufen, und ihre Handtasche lag vor der Tür. »Ich sehe dich dann auf der Arbeit.«

*

Maggie hatte ihren Wagen drei Straßen entfernt geparkt, und sie nutzte den Fußmarsch, um erst mal anzurufen. Ihr DS nahm nach dem ersten Klingeln ab.

»Wie sieht’s aus?«, fragte sie. Sie klemmte sich das Handy unters Kinn und kramte in ihrer Handtasche nach Kaugummi.

»Bei dem vermissten Kind handelt es sich um ein fünfjähriges Mädchen mit Namen Abigail Warner«, antwortete Bryn Bailey.

»Warner? Kenne ich die?«

»Vermutlich nicht«, sagte Bryn. »Sie wohnen erst seit zwei Jahren hier und scheinen ganz normal zu sein. Die Mutter ist am Boden zerstört, und der Vater ist auf dem Weg … Er arbeitet bei der Bahn, als Schaffner, und war gerade kurz vor Wolverhampton, als seine Frau ihn erreicht hat. Er hat sich ein Taxi genommen, statt auf den nächsten Zug zurück zu warten.«

»Weiter.« Maggie erreichte ihr Auto und holte die Schlüssel aus der Jackentasche. Sie setzte sich hinters Lenkrad und warf das Handy auf den Beifahrersitz. Es würde sich automatisch mit der Freisprechanlage verbinden. Als es das tat, hörte sie Bryn noch »…wen« sagen.

»Ja. Schön. Schicken Sie mir die Adresse. Ich treffe Sie dann da.«

»Haben Sie mich nicht gehört?«

Sie hatte ihn beim ersten Mal tatsächlich nicht gehört, aber beim zweiten Mal verstand sie ihn klar und deutlich.

»Ach du Scheiße«, fluchte Maggie. »Ich hoffe, das ist ein Scherz.«

»Kein Scherz, Ma’am«, erwiderte Bryn. »Ich wünschte wirklich, es wäre einer.«

*